Jutta Ditfurth: Wie, wodurch und woraus entstand Deutschland?

Jutta Ditfurth

Wie, wodurch und woraus entstand Deutschland?

 

Deutschland entstand dem gewaltigsten Krieg der Neuern Zeit, wie Marx ihn nannte, dem zwischen Deutschland und Frankreich 1870/1871 und damit auch dem Zeitpunkt, an dem das Deutsche Reich gegründet wurde. Preußen wollte alle anderen deutschen Lande unter seiner Führung einigen und mit diesem Krieg baute es sein Neues Reich sehr gezielt auf Bergen von Leichen. So fing nämlich dann die ganze Scheiße an. Eine Intrige Bismarcks provozierte Frankreich dazu, Preußen den Krieg zu erklären, Preußen schien das Opfer, auch die Opferrolle hat viele Geschichten. Preußen aber war bis auf die letzte Eisenbahnschiene vorbereitet, Frankreich nicht. Die deutschen Heere plünderten, brannten Dörfer nieder, massakrierten und vergewaltigten, am bittersten ermordeten sie Zivilisten, die es wagten, Haus und Hof auch noch bewaffnet zu verteidigen. Das deutsche Militär nannte sie Frontireur, Freischärler und ermordete sie meistens auf der Stelle. 70 Jahre später, so`n kleiner Flash in der Geschichte, manchmal mache ich winzige Zeitreisen, 70 Jahre später für die deutschen diejenigen Menschen, die es wagten, sich gegen ihre Vorherrschaft und den Einmarsch zu wehren, Partisanen nennen und nicht viel anderes mit ihnen umgehen. Die Deutschen belagerten Paris 5 Monate lang, sie bombardierten es mit Kanonen von Krupp, sie hungerten die große Stadt aus, die Menschen aßen Ratten. Als Frankreich den Krieg verloren hatte, demütigte und plünderte Deutschland den Erbfeind und die Deutschen krönten den Kaiser Wilhelm, der I. war`s, ihres neuen Reichs im Schloß von Versaille und bürdeten Frankreich 5 Milliarden Goldfond als Reparationszahlung auf, was ein bisschen skurril ist, weil der Krieg hatte hauptsächlich auf französischem Boden stattgefunden. Übrigens werden diese immensen Tributzahlungen nie erwähnt, wenn es um die Versailler Verträge von 1918/1919 geht. Paris war im Krieg gegen die Deutschen nicht zu verteidigen gewesen, ohne die Arbeiterklasse zu bewaffnen. Sie ließen sich ihre Waffen dann aber leider nicht mehr abnehmen. Im Kampf gegen die Restauration und Kaiserreich erhob sie am 18.03.1871 in Paris die erste proletarische Revolution der Welt im Pariser Commune. Ihr blieben ungefähr 70 Tage, was ihr in dieser Zeit, dafür reicht die  Zeit hier nicht, was ihr da aber gelang, ist unfassbar. Dann ließ Bismarck zur Ausrottung des revolutionären Paris die gefangene bonapartistische Armee frei. Unterstützt von den deutschen Truppen, die Paris noch belagerten, marschierten die französischen Truppen nach Paris ein. D. h., die Konterrevolution siegte, weil die siegreiche deutsche und die besiegte französische Armee sich verbündeten gleich nach dem Krieg trotz aller Todfeindschaft mit dem Ziel des gemeinsamen Abschlachtens des Proletariats. Man kann sagen, eine Vorwarnung für das spätere EU, Europa und andere Ereignisse. In einer Woche wurden 30.000 Menschen massakriert in Paris, Kinder, Frauen, Männer, die Leichen der Kommunalen stapelten sich wie Treppenstufen den Montmartre hinauf. Die in die Stadt zurückkehrenden Bonjoure beschwerten sich, dass es in den Parks nach Tod stank und hie und da noch Leichen aus dem Gras schauten, die nicht ordentlich vergraben worden waren. In den Memoiren deutscher Offiziere, die nicht so oft gelesen werden, ich find so was hoch interessant, werden drei Dinge ganz besonders deutlich. Erstens der extreme Hass auf die sogenannten Mägeren, auf Frauen, die Barrikaden verteidigten, Schmauchspuren an den Händen hatten oder einfach nur Hosen trugen, sie wurden geköpft oder erschössen. Also, das mit dem Köpfen ist keine Erfindung des IS. Die Kommune hatte den Frauen gleiche Rechte verschafft und aller Menschen Freiheit ausgeweitet, das war natürlich Bedrohung für die deutschen Verhältnisse. Und es fällt in diesen Memoiren auf, der deutschen Offiziere rassistische Wut auf die französische Regierung, weil die afrikanische Soldaten in ihren Truppen eingereiht hatte, Frankreichs böser Plan, so unterstellte die deutsche Elite, war es, das germanische Blut zu verunreinigen. Deswegen musste man die Truppen auf dem deutschen Boden weghalten, damit das mit dem germanischen Blut nicht so passierte. Und auffällig in den Offiziersbriefen war das Selbstbild Deutschlands. Die Kriege haben von der Züchtigung des gottlosen und widerlichen Frankreichs durch das fromme und sittliche Deutschland gehandelt. Das sei die Aufgabe gewesen, dass einiges so vertraut klingt, dafür kann ich nichts. In diesem sittlichen Deutschland kam August Bebel zwei Jahre in Festigungshaft, weil er, während die Kommune massakriert wurde, im Reichstag seine Meinung äußerte und sagte, dass ehe wenige Jahrzehnte vergeht, der Schlachtruf des Pariser Proletariats, Krieg den Palästen, Friede den Hütten, Tod der Not und der Müßiggang, da gehe ich nicht ganz mit, der Schlachtruf des gesamten Proletariats sein wird. Auf den Hügeln vor der Stadt, das muss man sich bildlich vorstellen, unten brennt und es fließt Blut und die Leute werden erschossen und Kinder werden ermordet, stießen die deutschen Offiziere mit geraubtem französischem Champagner an auf das brennende Paris und auf ihren doppelten Sieg über den Erbfeind und über die Revolution. Marx zog eine zentrale Lexikon aus dem Kampf der Kommunen. Aber die Arbeiterklasse kann nicht die fertige Staatsmaschinerie einfach in Besitz nehmen, diese für ihre eigenen Zwecke in Bewegung setzen, die Maschine ist zu zerbrechen, damit eine wahrhaft radikale humane Gesellschaft entstehen kann. Man kann das lesen als eine frühe, sehr gut begründete Absage an jedwede Form von Reformismus. Marx schrieb auch, die Kommunen wollten das individuelle Eigentum zu einer Wahrheit machen, indem sie die Produktionsmittel, den Erdboden und das Kapital, jetzt vor allem die Mittel zur Knechtung und Ausbeutung der Arbeit, in bloße Werkzeuge der freien und assoziierten Arbeit verwandelt. Aber dies schreibt Marx ironisch, das ist doch dann der Kommunismus, der angeblich so unmögliche Kommunismus. Das Deutsche Reich, also auf Bergen von Leichen gegründet, erlebte eine Hochkonjunktur, die 5 Milliarden Goldfond waren die Anschubfinanzierung fürs deutsche Kapital, aus kleinen und mittleren Klitschen wurden Konzerne und Großbanken, als da wären Krupp, Thyssen, Siemens, Höchst, Bayer, BSF, Deutsche Bank, also Chemie, Stahl, Kohle, Textilien, aus einer verspäteten Agrarnation wurde eine Industrienation. Was man heute verharmlosend Globalisierung nennt hieß damals bald Imperialismus und sollte heute auch noch so heißen, dem Kapital wurde das deutsche neue große Reich bald zu klein. Da half dann ab eine Berliner Konferenz, manchmal sehr diffamierend  Kongokonferenz oder Afrikakonferenz genannt. Von 1884 da platzierte sich das Deutsche Reich an die Seite der großen Kolonialmächte. Innerhalb von 20 Jahren enteignete es 1 Million Quadratkilometer und 12 Millionen Menschen von Namibia bis China, von Togo zum Pazifik. In der Schule lernen wir meistens, dass Deutschland zu spät kam und ganz klein und England viel größer, alles Quatsch, wenn man´s sich genauer anguckt. Das Deutsche Reich war territorial das drittgrößte, nach seiner Bevölkerungszahl das fünftgrößte Kolonialreich der Welt.

 

Außensekretär von Bülow rechtfertigte 1897 im Reichstag die militärische Aggression gegen China, die Bucht von Kiautschou im Hafen von Tsingtau und begründete den imperialistischen Kurs Deutschlands so. Die Zeiten, wo der Deutsche dem Einen seiner Nachbarn die Erde überließ, dem anderen das Meer und sich selbst den Himmel reservierte, wo die reine Doktrin thront, diese Zeiten sind vorüber und er schließt mit den Worten: wir wollen niemanden in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne und damit war nicht die Deutsche Fernsehlotterie gemeint. Deutschland baute eine Seemacht auf, um die englische zu schlagen, das war der Plan, der deutsche Flottenverein finanziert von Schwerindustrie, darunter Krupp, norddeutschen Rädern und sächsischen Textindustriellen war bald mit 1 Million Mitglieder die größte Massenorganisation deutscher Staats- und Kapitalinteresssen. Wer in den alten Fotoalben der Familien, falls es sowas gibt, blättert, das ist der Grund, warum manche eurer Großväter damals auf den Kinderfotos Marineanzüge trugen. Deutschland ist nicht in den ersten Weltkrieg geschlafwandelt, wie uns vor allem seit letztem Jahr eingeredet werden soll, Deutschland hat auch den ersten Weltkrieg gewollt und vorbereitet. Was heißt denn Platz an der Sonne? Die deutschen Sonnenstrahlen schienen auf das osmanische Reich. Als Wilhelm der II. 1998 um die Jahrhundertwende ins osmanische Reich reiste, verbarg sich in hinter dem Prunk seines Auftritts ein nüchternes geostrategisches und ökonomisches Kalkül. An seiner Seite reiste Georg Siemens, Vorstandssprecher der mächtigen Deutschen Bank, welche Konzerne wie AG, Krupp, Siemens, Mannesmann, Bayer und BASF finanzierte. Das war schon damals untrennbar. Siemens Anliegen war der Bau der Bagdad-Bank von Konstantinopel und Istanbul bis nach Bagdad zum Zweck der ökonomischen Durchdringung des Nahen Ostens und eines von Russland, Frankreich und England ungestörten Zuganges zu wertvollsten Ressourcen in Asien. Außerdem ging es um Absatzmärkte und um militärische Stützpunkte für die deutschen Handels- und Kriegsflotte. Siemens schrieb bald darauf ans auswärtige Amt, dass die Entwicklung des Exports deutscher Industrieerzeugnisse in die Türkei erfreulich sei. Deutsche Offiziere halfen dort auch bei der Reorganisation der türkischen Armee und sorgten für den Absatz deutscher Rüstungsgüter. Deutsche Waffen von Krupp und Mauser standen in der Türkei damals schon an führender Stelle. Für so gute Geschäfte, das muss man doch verstehen, duldeten die Deutschen die Massaker an den Armeniern von 1895 und 1909 und den Genozid von 1915. Kaiserliche Militärs, also Deutsche, lieferten das armenische Personal der Bagdadbahn sogar an ihre Mörder aus. Proteste gab es dann nur, weil die Route Alepp-Bagdad bald von Vertriebenen verstopft war und die Krankheiten der Verhungernden leider auf die deutschen Truppen übergriffen. Der deutsche Botschafter meldete nach Berlin, es sei die erklärte Absicht der türkischen Regierung, die armenische Rasse im türkischen Reich zu vernichten und Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg erwiderte: Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber die Armenier zugrunde gehen oder nicht. Deutsche Außenpolitik, wie immer.

 

Der Platz an der Sonne, die Sonne strahlte auch nach China, wohin Wilhelm II. 2000 Soldaten schickte zur Niederwerfung des sogenannten Boxeraufstands und ihnen die Order gab, pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht. Die berühmte Hunnenrede. Es gibt manchmal heute Medien, die sich wundern, dass noch in den Kriegsreportagen über den 2. Weltkrieg US-amerikanische Kriegsreporterinnen die Deutschen als Hunnen bezeichnen, da liegt der Hintergrund, alles selbst gemacht. Ein gewisser General von Lettow-Vorbeck war dort für die Massaker an der Zivilbevölkerung mitverantwortlich. Seine Erfahrungen in China konnte er dann als erster Adjutant von Generalleutnant von Trotha im Kampf gegen die Herero und Nama im heutigen Namibia nutzen. Ihr Aufstand gegen die koloniale Unterdrückung wurde ihnen, sagte Lettow, „mit allen Mitteln ausgebrannt“. So wie man so eine Herde Vieh einen Stempel einmarkiert, ausbrennt eben. Bei ihnen ist das Meer, sie wurden ohne Wasser in die Uramaki-Wüste getrieben, wer dort nicht starb, wurde erschossen. Das galt für Kinder, Frauen und Männer. 85.000 Herero und mehr als 10.000 Nama verloren dort ihr Leben. Bis heute liegen übrigens sterbliche Überreste der Menschen zu rassistischen Untersuchungszwecken ins Reich gebracht noch in den Lagern in der Chariete in Berlin. 100 Jahre danach wird dieser Völkermord von Deutschland immer noch nicht offiziell eingestanden, ich glaube, die frühere Entwicklungshilfeministerin Wieczorek-Zeul, die sich selbst für eine Linke hält, hat mal gebetet mit irgendwelchen Hereronachfahren, aber nix anerkannt, könnte ja Geld kosten und die letzte Delegation, ich glaube, das war im letzten Jahr, von Herero- und Namanachfahren, bekamen nicht mal einen billigen feuchten Händedruck von unserem Freiheitskämpfer Gauck.

 

In der Kolonie Deutsch-Ostafrika Tansalia wurde dieser Lettow erst nur ein Beispiel für Andere. So lang reicht`s ja nicht, als ich mach das ein bisschen reduziert auf einzelne Muster. Lettow wurde 1914 Kommandeur der Schutztruppe der Askari, die Einwohner Tansanias nannten ihn den Herrn, der unser Leichentuch schneidert, Plünderungen, Folter, Massaker, Vergewaltigungen, Morde an Kriegsgefangenen und standliche rechtliche Erschießungen als System. Was man sagen kann, ist die, ihre Kolonien waren den Deutschen das blutdurchtränkte Schlachtfeld und ideologisch wie praktisch das Trainingsfeld für kommende Menschheitsverbrechen. Deutsche Militärs übten Kriegsmethoden ein, die eines Tages an der Ostfront und dem Kampf gegen Partisanen und Juden genutzt werden würden. Und so ist es mehr als eine Anekdote, dass dieser Lettow-Vorbeck z. B. glaubt und das war Menstrem-Wissen unter den Deutschen, sogenannten Schutztruppenoffizieren. Als er die Massai in Tansania traf, glaubt er, dass er nun die Urjuden kennengelernt hätte, so wurde das protokolliert und so findet man´s in sogenannten rassekundlichen Werken jener Zeit, das war ihre Bildung. Zu Hause in Deutschland diente Lettow Hindenburg als Beweis für die Durchstoßlegende. Hatte Lettow, der in Afrika gegen eine Übermacht gekämpft hatte, nicht erst Wochen nach der deutschen Kapitulation aufgeben müssen? Reichswehrminister Noske, SPD, ernannte Lettow-Vorbeck im März 1919 zum Kommandeur einer Reichswehrbrigade und auch die SPD jubelte dem Helden von Afrika zu. Lettow zeigte auch in Deutschland, „wie man mit minderwertigem Menschenmaterial“ umzugehen hatte. Armut und Hunger lösten 1919 in Hamburg die sogenannten Sülzeunruhen aus, Lettow schlug sie auf Befehl Noskes mit 10.000 Mann nieder. Die deutsche Sonne schien auch mit der ganzen Fülle ihres Sonnenscheins auf Togo in Westafrika herab. Dort wird unbekannt in der Schule meistens nicht gelehrt, dort wurden Konzentrationssammellager und, Konzentrationslager hießen sie damals, eins bei Mieser Höhe und eins in Kluttow errichtet. Die Menschen von Togo galten den Deutschen als minderwertige „Rasse“, den Tieren nach aber immerhin arbeitsfähig. Deswegen galten sie, die Menschen von Togo, als der koloniale Hauptwert, als das organische Stammkapital dieser deutschen Musterkolonie. Wenn dann das organische Stammkapital krank wurde, wenn die Kolonialherren Menschen verdächtigten, etwa an der Schlafkrankheit erkrankt zu sein, also unproduktiv werden zu können, wurden sie gejagt wie Tiere. Aufwiegler, also Gefangene, die sich wehrten, wurden nicht selten zu Tode gepeitscht von diesen sittlichen Deutschen.

 

Die Firma Höchst, ich könnte natürlich jetzt auch zeigen, dass andere Konzerne in anderen Teilen der Welt, in anderen Kolonien, aber ich dachte so aus Rhein-Main und Frankfurter Bezügen nehme ich mal die Höchst AG. Die Firma Höchst, die ja auch mit den Kapitalen aus dem gewonnenen Krieg ordentlich Schub bekommen hatte, die lieferte an diese Konzentrationslager in Togo hocharsenhaltige Medikamente. Mit ihnen führten deutsche Ärzte ab 1906 Menschenexperimente durch. Ein Arzt schrieb nach Berlin, seine Patienten seien, Zitat: eine gut gezogene und willige und in der Hand der Verwaltungsbehörden befindliche Bevölkerung, welche die therapeutischen Experimente in allen Konsequenzen leicht durchführbar und aussichtsreich erschienen ließen. Die Opfer litten an schweren Qualen, Nervenschädigung, im ersten Lager starben alle Patienten. Als Deutschland, der den ersten Weltkrieg glücklicherweise verlor, sah man sich in Berlin als Opfer, mal wieder und jammerte, die Deutschen, gemeint war Togo und Kamerun usw., die Deutschen wurden des Landes verwiesen unter der gemeinen Lüge, dass wir die Eingeborenen schlecht behandelt hätten.

 

Heimatfront SPD. Mit der Weiterentwicklung des Kapitalismus kam natürlich noch mehr Elend, was auch sonst. Während der politischen Verfolgung durch die Bismarck`schen Sozialistengesetze wurden in der politischen Lyrik, die der Arbeiterbewegung und den Sozialdemokraten nahestand, Naturbilder und Allegorien zu Metaphern des Aufbruchs. Deswegen finden sich in den Gedichten, aber auch in der Malerei und in den Illustrationen jener Zeit so viel kitschige Elemente. Meer und Morgensonne, Licht, goldene Freiheit usw. Die Lieder sind z. T. ja heute noch, die gesungen werden, durchdrungen von so was, von solchem Kitsch. Diese Rücksicht auf staatsanwaltschaftliche Verfolgungen sowie die kleinbürgerliche Bewunderung für die hohe bürgerliche Kunst fördern die Aussonderung politisch aggressiver Texte.

 

Clara Zetkin schrieb 1904 an Franz Mehring: „Fast alle Leute, die in unseren Reihen literarisch etwas verstehen, sind in ekelhaftester Weise verkunststaltet. Sie haben kein Verständnis dafür, dass das Proletariat auch auf künstlerischem Gebiet die bürgerliche Kultur nicht bloß übernehmen kann, sondern mit der Umwertung aller Werte beginnen muss und Erich Müser schrieb seine antireformistischen Spottverse revolutär und widmete sie der deutschen Sozialdemokratie. Viele Sozialdemokraten glaubten an einen automatischen Fortschritt in der Geschichte, der große Kladderadatsch, der Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft erschien ihm als unumstößliches Gesetz, da mischten sich Untertanengeist, der Einfluss nach Salz und das Unverständnis für die Marx`sche Analyse. Wenn aber die goldene Zukunft des Sozialismus so gewiss war, eher das Gesetz der Geschichte, warum um den Preis von Verfolgung und Exil all zu offen an die Interessen des Proletariats anknüpfen. War doch nicht nötig. So half die Flucht in die Allegorien einerseits, die Zensur zu überlisten, andererseits beförderte sie die Abwendung der sozialen Wirklichkeit, den Verlust an Kampfbereitschaft und den Weg in die Unterwerfung, unter die Interessen der Herrschenden. Steht aber die soziale Revolution still, nimmt die Konterrevolution Pfad auf. Das gilt gestern wie heute. Zu den politischen Folgen gehörte, dass die Metallarbeiterzeitung 1906 einen Generalstreik ablehnte, zugleich aber allegorisch gedämpft zu Kampf und Sieg aufrief, aber so eingepackt, dass es keiner wirklich ernst nahm, es war eine Art kultureller Vorbote für den gewerkschaftliche Beschluss von 1914, alle Streiks abzubrechen, um die Kriegsziele des Kaiserreichs nicht zu gefährden. Wir reden ja oft davon und es wird öfters davon gesprochen, dass Karl Liebknecht allein dastand mit seinem Hofturm und  wie weit die SPD in diesen Krieg mitführte. Man spricht aber nicht sehr selten darüber, finde ich, woher das kommt und was es für einen Vorlauf gegeben hat bei ihm und warum das wohl so war. Der Weg in den Reformismus war eben auch ein Weg in den Nationalismus. 1914 schrieb der junge sozialistische Arbeiterdichter Heinrich Lersch, das Lied Soldatenabschied mit dem Refrain: Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen. Wie gesagt, der Autor ist ein Sozialist und mit in der Bewegung. Natürlich wurde dieses Lied von den Nazis genützt und jetzt ein kleiner Flash, eine Zeitreise nach 1971, in Hamburgs Straßen schlugen Spießer, ich meine, ich habe da mal gewohnt, meine langhaarigen Freunde, wir verbrachten die Nächte in Musikkellern, hassten das riesige Kriegerdenkmal nahe Dammtor, es war von 1936 und Soldaten marschierten dort in vier Reihen, wer das jemals gesehen hat, wird es nie vergessen. Ich glaube, es gibt kein schrecklicheres Kriegerdenkmal. Wir überlegten lange, wie wir es zerstören konnten. Es war technisch ziemlich schwierig. Es trug die Aufschrift: Deutschland muss leben, wenn wir sterben müssen. 10 Jahre später kam zum Glück Slime mit Deutschland muss sterben, damit wir leben können. 1981 war das, glaube ich.

 

Ich erzähle euch nichts über den ersten Weltkrieg, nichts über Novemberrevolution, über die SPD, bis heute, wenn ich das allerdings dem neuen Vorsitzenden der SPD in Frankfurt erzählen würde, würde er vielleicht gar nicht wissen, was ich mein, wenn ich sag, irgendwie seit ihr doch immer zwischen Noske und Ebert, zwischen Figuren von Noske bis Sigmar Gabriel, von Friedrich Ebert bis Helmut Schmidt, nichts erzähle ich euch von dem der SPD abgesegneten Mordauftrag an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht und auch in den Texten über ihren Mord und in den Texten der Freikurs, die beteiligt waren, finden wir die gleiche mordlustige und extrem sexistische Sprache deutscher Offiziere über die aufständische Frau. Ich erzähl auch nichts, das muss ich hier nicht. Nicht euch, nicht in diesem Raum, vom 2. Weltkrieg, Wehrmacht, Polizeidivision, SS aus Freund- und Judenvernichtung usw. Ich pick mir nur was raus, damit einen kleinen dünnen Faden durch meine kleine Geschichte geht. Meine kleine deutschenfeindliche Geschichte.

 

Die IG Farben, zu der die Chemiekonzerne Bayer, BSF, Höchst fusioniert hatten, betrieben in Auschwitz ein eigenes Konzentrationslager, Auschwitz III Monowitz. Die IG Farben bestellten bei Rudolf Höß, dem Kommandanten von Auschwitz, z. B. einmal 150 Frauen für Höchst, man handelte noch ein bisschen, von 200 auf 170 runter pro Kopf und trotz ihres auffällig miserablen Gesundheitszustandes, immerhin kamen sie aus dem KZ, schienen sie brauchbar. Es gab dann einen Abschlussbericht dieser Menschenexperimente. Die Versuche sind vorgenommen worden, alle Versuchsobjekte sind gestorben, wir werden sie in Kürze betreffend einer neuen Lieferung benachrichtigen. Das verführt, die die immer sagen, die IG Farben seien den Nazis hinterhergezogen und das kann in einer offenen Firmengeschichte heute immer noch lesen, sie waren ja nicht schuld. In Wirklichkeit waren sie die treibenden Kräfte natürlich. Im IG Farben-Kazett starben bis 1944 30.000 Menschen, die meisten innerhalb von wenigen Wochen, vernichtet durch Arbeit, in allen IG Farblagern mindestens 400, da wurde der Reichtum geschaffen, auf dem BRD errichtet wurde und das gilt für alle großen Konzerne, die damals schon existierten und heute noch. Die durchschnittliche Lebenszeit, wie gesagt, einige Wochen und wer nicht mehr produktiv war, kam ins Gas. Auch daran verdiente die IG Farben, denn die Firma Degesch, die Zyklon B herstellt, wir kennen ja Degussa in Frankfurt, war zu 57% eine IG Farben-Tochter. Ein Mythos, dass die IG Farben den Nazis nur folgte, ist es, sieh wie andere Konzerne auch waren, wie ich schon sagte, die treibende Kraft. Übrigens wusstet ihr, dass die Wehrmacht impotent war. Ich überlege, was ich ein Plakat mache mit dieser ketzerischen Behauptung, nicht „eine einzige slawische Untermenschen wurde jemals von irgendeinem deutschen edlen sittlichen Offizier vergewaltigt, so was machten nämlich nur die alliierten Sieger mit den armen deutschen Opfern. Überhaupt war das eine sehr dunkle Zeit, als diese Nazis von einem anderen Planeten gekommen zu sein schienen und über die Dichter und Denkerdeutschen herfielen und sie zwangen, und so auch immer, eine dunkle Zeit, in der die Deutschen bis heute immer noch nicht alles sehen, sie mussten ja auch dauernd an der Geschichte stricken, also im Dunklen stricken ist anstrengend, bis sie als verstrickt galten und nicht als verantwortlich, das galt es zu vermeiden.

 

Nach 1945, ich lass weg, wie rasch im Westen die Entnazifizierung dem Antikommunismus der neuen Religion wich, wie die aus dem Krieg zurückkehrenden Männer alte patriarchale Verhältnisse wieder herstellten. Ich lasse weg, die Zeit als Nazis und zu Verwandten, Nachbarn, Ärzte, Polizisten waren, die Älteren unter uns, so alt wie ich und noch älter, werden das alles immer noch wissen. Die Zeit, in der Europa nur in Deutschland und in Diktaturen wie Spanien und Portugal kommunistischen Parteien verboten waren, in allen anderen westeuropäischen, osteuropäischen sowieso, westeuropäischen Ländern waren sie erlaubt, die Zeit, als in der BAD Kommunisten verfolgt, enteignet, ins Zuchthaus gesperrt und manchmal auch verschlossen wurden, Beispiel Philipp Müller. Ich erzähle auch nichts über die Wirtschaftswunderjahre und auch nichts darüber, ältere Frauen unter uns werden das Buch erinnern, deswegen haben viele von uns mal den Schluss gefasst, nie zu heiraten, weil es wohl so entsetzlich war, Frauen bis 1976 durften nur mit Erlaubnis ihres Ehegatten arbeiten oder studieren, er konnte in solche Immatrikulationen oder Arbeitsverträge auch kündigen und natürlich war Homosexualität mit Zuchthaus bedroht. Auf Dauer konnte aber das Kapital an einer so stickigen Gesellschaft wie der Deutschen, der Westdeutschen, kein Interesse haben. Mit dem üblichen beinah noch hackenschlagendem Personal, ihr kennt den Film von Willi Wilder 123, da gibt`s doch diesen einen wunderbaren Schauspieler, der den Chauffeur spielt und immer, der Wolf sagt und die Hacken aneinander knallt, herrliche Szene. Mit solchem Personal blamierte man sich aber auf internationalem Parkett. Wie brachte man das den Deutschen nur bei, zu sehen, dass es außer Deutschland auch noch eine Welt gab, die man nicht erobern musste, die man sich anschauen konnte, von der man lernen konnte. Hatte doch das Kosmopolitische jahrzehntelang als Eigenschaft des wurzellosen unbehausten Juden gegolten. Wie kriegte man das aus den Köpfen wieder raus? Es gab also ein politökonomisches Interesse an ein klein wenig Bildungsreform, dumm nur, dass es Gruppen von jungen Leuten gab, den SDS z. B. oder andere Gruppen, die sich auf andere Zeiten, auf Emanzipation und sogar Revolution vorbereitet hatten über viele Jahre, wohl nur ein bisschen frische Luft in der BRD sein sollte, stießen sie die Türen weiter auf, aber nein, die Mauern der Haarschnittverhältnisse stürzten, ich muss euch die traurige Mitteilung machen, nicht ein. Und dann waren da noch die Fremden, die „Gastarbeiter“. Einige kamen aus südeuropäischen Diktaturen und hatten Kampferfahrung und brachten dem sozialpartnerschaftlich in die herrschenden Verhältnisse und in die Regierungsinteressen der SPD, entbetteten deutsche Facharbeiter bei, was ein anständiger Massenstreik ist, den man vielleicht noch nicht mal anmeldete.

 

1973 wurde die Militärfront in Griechenland gestürzt und 1974 gab es tatsächlich eine Revolution und zwar in Portugal. Als Arbeiter in Fabriken und Landarbeiter in Agrargenossenschaften als Ärzte und Ärztin und Pflegepersonal Kliniken selbst organisierten, als Portugal sich nicht mit den Verwertungsbedingungen auf das deutsche Kapital zu unterwerfen bereit war und es seine Kolonie in Afrika aufgab. Da waren es der bundesdeutsche SPD-Staat, das deutsche Kapital und die Nato, die sehr, sehr, sehr besorgt waren. Es war natürlich ziemlich nah, es gab eine ungeheure Sympathie von vielen jungen Leuten. Portugal lag in Europa. Man änderte sich noch, also von Seiten der Herrschenden an die internationale Empörung nach dem Militärputsch in Chile ein Jahr zuvor, also man musste da ein bisschen anders vorgehen, man musste sich subtilere Regressionsmethoden ausdenken und sie glaubten tatsächlich, die vielen armen Leute unter ihnen gab`s in Portugal sehr viele Analpheten, schafften es nicht allein, große Güter, Krankenhäuser und Fabriken zu bewirtschaften, aber sie schafften es. Die Konterrevolution musste sich der Lage anpassen, Schritt für Schritt und nicht offen, sozusagen mit militärischer Gewalt. Konzerne und Großgrundbesitzer zogen sämtliches Land Geld aus dem Land, Nato-Kriegerische drohten am Horizont, die fuhren da immer sozusagen vor der Küste in sichtbarer Weite auf und ab und die Friedrich-Ebert-Stiftung baute in Deutschland die portugiesische Sozialdemokratie auf, damit die dann wusste, wie man`s macht, wenn man eine Revolution platt machen will, ohne Militär einzusetzen. 20 Jahre später ist unter der deutschgeführten EU Portugal unendlich verarmt. Und Deutschland nach der APU, bleierne Zeiten, fallende Konjunktur, deutscher Herbst, bürgerkriegsähnliche Zustände, eben nicht nur gegen die RAF, sondern auch gegen linke Verlage, Buchhandlungen, Projekte und gegen die damals relativ militante Anti-AKW-Bewegungen. 1973 hatte das Militär in Chile geputscht im Interesse von Kapital am Bourchouise, unterstützt und befördert von der US-Regierung. Ach, sagte ich schon, dass Willy Brandt ein glühender Verteidiger des Vietman-Krieges war!? Hatte ich wohl vergessen. Wesentliche Figuren mit dabei bei diesem Putsch in Chile wie Henry Kissinger, der ist, glaub ich, in Deutschland irgendwo eine Stiftungsprofessur kriegen soll, sehr geschmackvoll und natürlich dabei die CIA.

 

In einem längeren Vortrag hätte ich noch mehr Beispiele eingeführt, aber eins gefällt mir doch ganz gut, weil es so typisch zeigt, was deutsches Kapital macht, wenn es glaubt, dass man nicht genau hinguckt. So wie die Menschenexperimente in Togo, jetzt 1973 die Höchst-AG in Chile schreibt an den Heimatbetrieb, also an den Konzern hier Frankfurt Höchst über den Militärputsch folgendes Zitat: „Der so lang erwartete Angriff des Militär klingt fast wie herbeigesehnt, hat endlich stattgefunden. Säuberungsaktion ist immer noch im Gang. Nebenbei gesagt, da sterben mehr als 2.000 Menschen und viele junge Leute wurden gefoltert. Wir sind, geht der Brief weiter, der Ansicht, dass das Vorgehen der Militärs und der Polizei nicht intelligenter geplant und koordiniert werden konnte und dass es sich um eine Aktion handelte, die bis ins letzte Detail vorbereitet und glänzend ausgeführt wurde. Chile wird in Zukunft ein für höchster Produkte zunehmend interessanter Markt sein. Die Regierung, immer eine gewählte Regierung, die Regierung Allende schreibt die Höchst Chile hat das Ende gefunden, das sie verdient. Damals war übrigens Willy Brandt Bundeskanzler, Walter Scheel Außenminister, Genscher Innenminister, Helmut Schmidt Multiminister von Wirtschaft bis Verteidigung usw. Als die SPD unter Helmut Schmidt ihren Job der Zerschlagung großer Teile der Linken erledigt hatte, kam Kohl an die sogenannte Macht. In diese Niederlagenkette mit einem weiteren Sprung hinein fiel die Mauer, brach diese Weltunion zusammen, wurde die DDR annektiert. Ich saß, das werde ich nie vergessen, vor dem Fernseher, irgendwelche, selbst ein paar Freunde von mir sagten, oh ich muss nach Berlin, das ist so aufregend, ich habe bloß Kotzen gekriegt angesichts der Fernsehbilder, sah die Leute Deutschland, Deutschland schreien, sah die Fahnen, das war damals noch nicht so verbreitet und Wahnsinn war, glaub ich, das Wort, dass die deutsche Sprache damals dominierte. Ich wollte nicht nach Berlin und ich dachte, so, jetzt wird dieses Land kriegsfähig. Ich hatte immer Einreiseverbot gehabt in der DDR, jetzt reiste ich mit Freunden wochenlang durch die DDR auf der Suche nach Menschen und nach dem Verstehen dieses Prozesses, mit denen wir zusammen arbeiten konnten. Wir fanden auch welche, aber es war auch klar, die friedliche Revolution war eine Konterrevolution“.

 

05.03.1990 erwischten wir eine der letzten Montagsdemonstrationen in Leipzig am Karl-Marx-Platz, Kundgebung. Das ging ungefähr so: Eine Vertreterin des unabhängigen Frauenverbandes verlangt Widerstand gegen Gewalt gegen Frauen und gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Also ganz anständige brave selbstverständliche Forderungen. Wutgebrüll der zu 90% männlichen Kundgebungsteilnehmer dieser friedlichen Revolution. Eine andere Rednerin hatte es wohl begriffen und machte sich beliebter, indem sie rief: Mit der Erziehung zur sozialistischen Persönlichkeit muss endlich Schluss sein, die Frau darf nicht mehr für ihre Wahl, für die Familie, bestraft werden. Also, auch daher kommt die AFD, das gefiel. Von der Rednertribüne brüllten und agitierten die jungen Nazis aus der Bundesrepublik und zwar genau die, die wir im Westen einigermaßen platt gemacht oder durchgehalten hatten. Die sich noch nicht raus auf die Straße wagten, plötzlich erlebte ich die dort und nicht nur dort als Ausbilder vieler junger und werdender Nazis in der DDR. Hier eroberten sie neues Terrain. Wir sahen an diesem Tag, an diesem 05.03.1990 auf diese revolutionäre Demonstration, viele Nationalistische und Vertriebenen Transparent. Also, wer da nicht alles heim ins Reich geholt werden sollte von Schlesien bis sonst was. Wir sahen Transparente von NDP und jungen Nationaldemokraten. Wie Deutschland erwache für eine ökologische Wende oder zerstörte Natur, zerstörte Heimat, wir wollen eine andere Zukunft, NPD. Beliebte Parolen auf Rote raus, Rote raus oder sehr rhythmisch vorgetragen: Stettin, Stettin, deutsche Stadt wie Berlin. Die bürgerlichen Kundgebungsrednerinnen und es gab welche, Bündnis Grüne, NDP, demokratischer Aufbruch usw. ignorierten komplett, was da vor ihnen an Masse, an Ausdrucksformen sich äußerte. Die jungen Nazis aus der DDR, die man an dem Abend schon beobachten konnte, lernten schnell und brüllten: Wir haben nur ein Vaterland, nicht wie Willy Brandt. Sie ließen sich von den Alt-Nazis aus der BRD auf offenem Platz vor aller Augen und Ohren anstiften, Rote und Bunthaarige zu jagen, an diesem Abend war glücklicherweise die Tür der nahegelegenen Mensa auf, einige Punks retteten sich dahin, andere wurden zusammengeschlagen, niemand half. Kein westdeutsches Medium hat in dieser nationalbesoffenen Zeit über solche Ereignisse berichtet, es galt hier das Märchen der friedlichen Revolution zu wahren. 23 Jahre später – 2013 glaub ich oder 2015 – wurde ich in die Leipziger Thomas-Kirche eingeladen und man nahm an, dass ich auch so beeindruckt war von der Revolution. Manche Leute lesen einfach meine Texte nicht. Und ich wurde eingeladen und versuchte in einem sogenannten Streitgespräch mit der früheren Bischöfin Käsmann, die hauptamtlich da schon wie jetzt auch für die Luther-Dekade tätig war und herumreiste, also sie lebte von diesem Amt. Ich versuchte etwas naiv, ihr das Eingeständnis abzuringen, dass Luther zum Mord an aufständischen Bauern und zu Pogromen an Juden zum Abbrennen ihrer Synagogen, zum Aufschlitzen der Kehle mit ihrer Gelehrten aufgerufen hatte, sie wich aus und sagte, das muss man`s, es gibt auch anderes von Luther. Es ist völlig klar, jeder Mörder hat auch einen Vorgarten oder einen Schäferhund. Ihn zu preisen war aber ihr Job. Ein Zuhörer fragte in dieser großen, wirklich riesigen Kirche, ich war dort vom Pfarrer eingeladen, auch ein seltsames Missverständnis, ein Zuhörer fragte, was ich von der friedlichen Revolution halte. Ich sagte, eine wirkliche Revolution bedeutet doch wohl die Abschaffung von Herrschaftsverhältnissen und nicht deren Ablösung durch modernere, noch effektivere Form von Ausbeutung, Überwachung und Demütigung des Menschen.

Die örtlichen Honoratioren, die da längst bereuten, mich eingeladen zu haben, zuckten zusammen, auch weil Hunderte, wenn auch immer noch die Minderheit in dieser riesigen Kirche klatschten. Die Konterrevolution und das ist endlich auch eine gute Nachricht, hat eben nicht nur Freunde.

 

Und ein paar letzte Sätze zum Schluss: Die guten Zeiten waren immer Ausnahmen. Als Thomas und ich noch jung waren, hatten wir beide, wenn auch in verschiedenen Organisationen unterwegs, die Hoffnung, dass es irgendwie weitergeht. Die guten Zeiten sind immer Ausnahmen, wenn man die Geschichte und das war der Sinn meines kleinen Galoppritts zu zeigen, was die Hauptachse ist, was Kapitalismus eigentlich bedeutet im politischen historischen, bestimmten historischen Phasen, durchaus wechselnd, aber im Kern immer mit seinen Verwertungsinteressen, immer mit dem, was er beinhaltet an Konkurrenz, an Ausbeutung des Menschen, an Mehrwertproduktion, an Leistungsterror, an Wettbewerbern, an Vernichtung, an Unterwerfung von Menschen und Natur auf der ganzen Welt. Dann sind die guten Zeiten, die es ab und zu gibt, für ein paar Jahre, wenn Menschen sich gut drauf vorbereiten und wenn die größten Zeitläufe so sind, dass sie die Möglichkeit ergeben, diesen Widerspruch zu setzen, die Ausnahme. Aber was wären diese Zeiten, was wäre dieses Land, wenn es niemand versuchte, wenn es diese Zeiten gar nicht gäbe, dann wär nämlich die Hölle wirklich am Dampfen.

 

  1. Die guten Zeiten waren Ausnahmen.
  2. Niederlagen sind dazu da, um aus ihnen zu lernen und nicht dazu und das ist eine sehr aktuelle Anmerkung, den herrschenden Verhältnissen dadurch in den Arsch zu kriechen, dass man den Umweg über den Reformismus nimmt, weil man glaubt, jetzt habe ich 10 Jahre demonstriert, das muss doch mal irgendwie massenhafter werden. Grauenhafter Irrtum, man landet da, wo die Sozialdemokratie gelandet ist. Ich sage es euch, denen, die dafür anfällig sind, denn das schwächt immer die nachfolgenden Bewegungen. Auch eine gute Nachricht ist, es gibt nämlich immer, auch wenn man selber schon längst aufgegeben hat oder wenn man Freunde sich in Resignation oder Zynismus verabschieden, das Schöne ist ja, das merkt man, das war auf der Demo gestern, ich habe mich da extrem wohlgefühlt. So viel gute Parolen auf einem Haufen, so gute Flugblätter, es war ein extremer Genuss. So, das zeigt, der falsche Blick in dem Reformismus, in die Anpassung, in die Resignation schwächt die nachfolgenden Bewegungen, aber die gute Nachricht ist eben auch, es gibt immer nachfolgende politische Bewegungen und ältere Linke haben vielleicht zu helfen, dass bestimmte Fehler schneller gemacht werden, ganz vermeiden kann man`s nie. Und es wird sie immer geben, diese nachfolgende Bewegung, solange der Widerspruch von Kapital und Arbeit existiert, es geht nämlich gar nicht anders.

Und die allerletzte Lektion und der letzte Satz: Wer die umfassende Emanzipation und Befreiung aller Menschen will, muss Deutschland verraten.

 

Vielen Dank

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