Raubtiersozialismus: Schlaraffenland für die Sozial- und Psychoindustrie.

Auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten boomt die Sozial- und Psychoindustrie. Chaoten, die ihre Wohnung demolieren, Schüler, die schwänzen: Alle erhalten grosszügige Unterstützung. Private bereichern sich in den Abgründen des Fürsorgestaats. Die Rechnung begleicht der Steuerzahler.

Von Philipp Gut

Der dreizehnjährige Junge türkischer Abstammung – nennen wir ihn Ali – besucht die sechste Primarklasse in einer Zürcher Gemeinde. «Wenn er in die Schule geht», schreibt der Sozialarbeiter, sei Ali «leistungsmässig ein äusserst guter Schüler», auch sein Verhalten habe nie Anlass zu Problemen gegeben. Wenn er in die Schule geht: denn Ali hat schon wiederholt mehrere Wochen geschwänzt, «aus unerklärlichen Gründen». Um ihn kümmert sich nun eine Armada von Beratern und Therapeuten: neben den Lehrern und der Schulpflege die Schulsozial­arbeiterin und der Sozialarbeiter der Gemeinde, der Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienst des Kantons, das kantonale Amt für ­Jugend- und Berufsberatung, das regionale ­Kinder- und Jugend­hilfezentrum et cetera. Doch es hilft nichts. Die staatlich besoldeten ­Sozialarbeiter weisen Ali schliesslich der «Fachstelle für aufsuchende sozialpädagogische Beratung Mehr Möglichkeiten» zu, die von ehemaligen Sozialarbeitern geführt wird, die sich selbständig gemacht haben.

Für «Schülersupport» und «Familienbegleitung» im Fall Ali kassiert die Einzelfirma über 50 000 Franken im Jahr.

Zahl der Angestellten verdoppelt

Wie der nicht öffentlichen Tarifordnung zu entnehmen ist, verlangt «Mehr Möglich­keiten» zwischen 120 und 180 Franken pro Stunde, hinzu kommen diverse Pauschalen: 60 Franken werden pro halbe Stunde Einsatz für «Fallführung» und «Vernetzungsarbeit» berechnet, 60 bis 90 Franken für die «Wegzeit», 300 Franken für das Erstgespräch («wenn es zu keinem Auftrag kommt»), eine «Stand-by»-Pauschale von 300 Franken ­(«Kapazitätsreservation», «ohne direkte Inter­ventionen») sowie zusätzliche Kosten für schriftliche Berichte und Vereinbarungen. Für Einsätze am Abend und an Wochenenden verlangt die Firma einen Zuschlag von 20 Prozent.

Das Beispiel ist typisch für eine boomende Branche, die nicht unter der Frankenstärke und sonstigen ökonomischen Widrigkeiten zu leiden hat: Neben den Behörden ist, meist eng mit ihnen verflochten, eine private Industrie entstanden, die von den ausufernden Sozialausgaben direkt profitiert. Wie viele solcher Firmen es in der Schweiz gibt und welche ­Umsätze sie erzielen, wissen nicht einmal die involvierten Verbände. Allein im Bereich der Arbeitsintegration – hier spricht man im engeren Sinn von «Sozialfirmen» – waren es gemäss der Schweiz am Sonntag schon vor zwei ­Jahren über 400. Tendenz steil steigend, in ­allen möglichen Bereichen.

Gemäss Beschäftigungsstatistik des Bundes gab es vor 25 Jahren rund 100 000 Stellen im Sozialbereich, heute sind es etwa doppelt so viele. Im selben Zeitraum wurden in der produzierenden Industrie über 170 000 Stellen abgebaut. Einen Hinweis auf das ­rasante Wachstum der ­Sozialbranche gibt die Asylorganisation Zürich (AOZ), die im «Migrations- und Integrationsbereich» tätig ist. Von 2011 bis ins erste Quartal 2016 hat sich ihr Personal­bestand von 400 auf über 900 Mitarbeiter mehr als verdoppelt. Was gut für die Firmen und Organisationen ist, ist eine schlechte Nachricht für die Steuerzahler: Denn die Kosten trägt fast nie der Verursacher, sondern die Allgemeinheit. Die Weltwoche hat zahlreiche Fälle aus verschiedenen Gemeinden und Kantonen gesichtet. Man staunt.

Familienbegleitung – Unter diesem Stichwort erhalten Eltern Hilfe bei Erziehung und Haushaltführung. Ein Beispiel liefert eine Eritreerin, die in den Akten zuweilen als ­Angolanerin vermerkt ist und die wir Frau N. nennen wollen. Sie wohnt zusammen mit ihren beiden Söhnen und ihrer Tochter in ­einer Asylunterkunft. Sämtliche Identitäts­papiere hat die Familie vernichtet, weshalb alle – wie es häufig vorkommt – in den Akten mit dem Geburtsdatum 1. Januar geführt sind. Trotzdem bietet ihnen der Schweizer Staat jede denkbare Unterstützung. Frau N. kann auch nach Jahren kein Wort Deutsch, überdies ist sie Analphabetin. Die Familie hat einen Beistand, die Tochter wird in einer Spezialschule unterrichtet, dazu kommt noch ein «Fa­miliencoaching» durch die AOZ. Sechs Stunden pro Monat kosten 1320 Franken, so viel wie eine Wohnungsmiete. Die Hälfte des Betrags wird für «Nebenkosten/Wegpauschale» berechnet.

Zur Begründung der teuren «Massnahme» schreibt die zuständige Sozialarbeiterin, es gebe «Schwierigkeiten in der Erziehung» und ein «Missverhältnis der Machtverhältnisse innerhalb der Familie». Sprich: Die ­Bengel tanzen der Mutter auf der Nase herum. Verständnisvoll heisst es in einem «Zwischenbericht» des Familienbegleiters, die Mutter gebe sich sehr viel Mühe, den Alltag zu meistern. Aber: «Bedingt durch ihre Persönlichkeit, ihren kulturellen Hintergrund und Analphabetismus sind ihre Möglich­keiten bescheiden.» Der Familienbegleiter macht jedoch nicht etwa die Mutter für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich, nein: Er schiebt den Schwarzen Peter den Behörden zu. Die Situation in der Asylunterkunft sei «aufgrund des knappen Wohnraums unhaltbar», ein «normales» Familienleben nicht möglich. Zudem terrorisiere eine somalische Familie mit vier Kindern die Nachbarschaft. Gemäss Frau N. habe sie Feuer gelegt, andere Kinder beklaut, bedroht und geschlagen. ­Ultimativ fordert der Familienbegleiter, der selbst einen «Migrationshintergrund» und einen arabischen Namen hat: «Die Familie braucht eine richtige Wohnung.» Dasselbe fordert die ­Sozialarbeiterin des kantonalen Jugendamts.

Doch nicht nur ausländische Eltern werden ­dazu erzogen, wie man erziehen muss. Eine ­typische Klientin ist etwa Frau B., eine «Dorfschlampe», wie es sie ­gemäss Insidern in fast jeder Gemeinde gebe. Der rüde Begriff ­beschreibt alleinerziehende Mütter, die ­mehrere Kinder von verschiedenen Vätern haben. Die Durchsetzung elementarster ­Regeln – Ordnung, Sauberkeit, Mitarbeit im Haushalt, Zuverlässigkeit, Tagesstruktur, Umgang mit Medien – überfordere Frau B., schreibt die ­beteiligte kantonale Jugend­sozialarbeiterin. Sie brauche weiterhin eine sozialpädagogische Familienbegleitung samt Jugendcoaching. Kostenpunkt: 32 000 Franken pro Jahr.

Besuchsbegleitung – Hübsch Geld verdienen lässt sich auch mit «sozialpädagogischen Besuchsbegleitungen». Will heissen: Eine Fachperson ist dabei, wenn ein Elternteil, der nicht im gleichen Haushalt lebt wie das Kind und als irgendwie risikoreich eingestuft wird, dieses besucht. Nehmen wir das Beispiel von Kevin, einem fünfjährigen Philippiner. Die «sozialpädagogisch begleiteten» Treffen mit seinem Vater kosteten anfänglich gegen 36 000 Franken. Doch das genüge nicht, befand die Besuchsbegleiterin – worauf der Betrag auf über 40 000 Franken angehoben wurde. Die Kosten tragen die Steuerzahler. «Der Kindsvater ist auf Sozialhilfe angewiesen. Aus diesem Grund sind die ­Voraussetzungen für die Erhebung eines Elternbeitrags nicht gegeben», heisst es in den ­Akten. So ist es fast immer.

Fremdplatzierung – So richtig teuer sind Fremdplatzierungen von Kindern bei Pflegefamilien oder in Heimen. Für schockartiges Erstaunen sorgte in der kleinen Zürcher Gemeinde Hagenbuch der Fall einer eri­treischen Familie, die jährliche Kosten von rund einer halben Mil­lion Franken zu Lasten der Mitbürger produzierte, ein Viertel des gesamten Gemeindebudgets. Wie solch exorbitante Beträge entstehen, zeigt das Beispiel von Jeff. Der Jugendliche mit Jahrgang 1998 fand nach Ende der Schulzeit keine Lehrstelle und landete im «Zwischenlösungsprogramm Job Plus». Doch wegen untragbaren Verhaltens flog er dort raus. Auch an der nächsten Station, der Stiftung Berufslehr-Verbund Zürich (BVZ), scheiterte er. Er sei nicht vermittelbar. Dies, obwohl Jeff bereits verschiedene Hilfeleistungen wie ­einen Jugendcoach erhalten hatte. Das reiche nicht, befanden die Sozialarbeiter – und stellten den Antrag auf eine «ausserfamiliäre Platzierung und Betreuung» im sozialpädago­gischen Zentrum Gfellergut. Kosten pro Jahr: über 80 000 Franken.

Beträge in dieser Höhe sind durchaus die Regel. Der vorläufig auf­ge­nommene Somalier ­Mohammed, 16, der im Wohn- und Tageszentrum Heizenholz in der Stadt Zürich untergebracht ist, verursacht Kosten von gegen 90 000 Franken. Für den Aufenthalt der siebzehnjährigen Angolanerin Maria im Sonderschulheim Friedheim zahlt die Gemeinde jedes Jahr 108 000 Franken. Die Eltern lebten nur knapp über dem Anspruch auf Sozialhilfeleistungen, weshalb die Voraussetzungen für einen Elternbeitrag «nicht gegeben» seien.

Markt spielt nicht

Der Sozialindustrie bietet sich hier ein Feld für dicke Geschäfte. In den letzten Jahren seien private Vermittlungsfirmen – sogenannte Fremdplatzierungsorganisationen (FPO) – wie Pilze aus dem Boden geschossen, sagt ein Kenner der Szene, der selbst Pflegekinder aufnimmt. Die meisten würden von gewesenen Sozialarbeitern geführt. Das Geschäfts­modell ist einfach – und sorgt bei den Pflegefamilien für einigen Unmut: Die FPO verlangen pro Kind und Tag zwischen 180 und 300 Franken. Die Pflegeeltern erhalten davon aber nur etwa 80 oder 90 Franken, also weniger als die Hälfte, manchmal auch nur einen Drittel. Laut dem Fachverband Integras beträgt der Anteil der FPO an den Kosten sogar bis zu 70 Prozent. So verdienen die Vermittler an einem Kind, das sie gar nicht selbst betreuen, beherbergen und verpflegen müssen, locker 40 000 Franken jährlich.

Spielt hier nicht der freie Markt? Der zitierte Pflegevater winkt ab. Das Geschäft sei intransparent, und die FPO hätten die «Informations- und Berichtshoheit». Die neuen Strukturen verstärkten dies: Die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) steht zuoberst in der Hierarchie; sie delegiert an die Beistände, und diese wiederum an die FPO. Letztere verfassen die Berichte, auf die sich dann alle stützen. Die Behörde könne die Aufsichtspflicht gar nicht mehr richtig wahrnehmen, und es könne zu Interessenkonflikten kommen. Denn im Zweifelsfall entschieden sich wohl viele Vermittler für den eigenen Profit – und nicht unbedingt für das vielzitierte Kindswohl. Wer verschenkt schon die beste Kuh im Stall?

Arbeits- und Ausländer­integration – Sie haben alle sinnige Namen: «Brückenangebot ­Trampolin», «Förderplatz Marktlücke», «Belastbarkeitstraining», «Jobtraining». Eine Unzahl von Sozialfirmen versucht Leuten, die nicht richtig arbeiten können oder wollen, das Arbeiten beizubringen oder es zumindest zu simulieren. Die Sozialen Dienste der Stadt Zürich etwa ­haben einen Rahmenvertrag mit der Firma Marktlücke GmbH abgeschlossen und weisen dieser regelmässig «Klienten» zu. Die Welt­woche hat den Vertrag studiert – das sind die Kosten: 300 Franken Aufnahmegebühr, 1080 Franken vom ersten bis zum sechsten Monat, dann 720 Franken und schliesslich in «Phase 3», wenn die Teilnehmer «eine Leistungs­fähigkeit von 50 Prozent» erreicht haben, 1440 Franken monatlich. Für «Nachbegleitung» sind nochmals 240 Franken zu überweisen.

Ein typischer Fall ist derjenige der iranischen Sozialhilfebezügerin Azada. Sie nahm zuerst am Programm «Basisbeschäftigung» der Stadt Zürich teil und wurde dann an die Marktlücke weitertransferiert. Dort arbeite sie zwar zuverlässig, heisst es in einem Zwischenbericht, doch reiche ihr Deutsch «bei weitem nicht aus», um einen nichtsubventionierten Job zu finden. Dies, obwohl Azada seit längerem auch einen Deutschkurs auf Kosten der Allgemeinheit belegt.

Die teuren Bemühungen fruchten oft wenig, auch dies zeigen die Akten: Wenn jemand von der Sozialhilfe abgelöst wird, dann selten, weil er es geschafft hat. Meist wandert er in ein anderes Sozialhilfesystem (IV, AHV) ab, oder er zieht in eine neue Gemeinde um, wo das Spiel von vorne beginnt.

Wohnungsvermittlung – Ein Heer von ­Sozialarbeitern kümmert sich um jedes Detail im Leben seiner Schäfchen. Dazu gehört beispielsweise auch die «Wohnraumsicherung». Was jeder normale, steuerzahlende Bürger selbst tun muss – nämlich bei Bedarf eine Wohnung für sich und seine Familie zu suchen –, das übernimmt der Staat, der wiederum Firmen oder Stiftungen bedient. «Hinführung zur Wohnfähigkeit nach Schweizer Standards», nennt sich das dann, oder «intensives Wohntraining». Dabei geht es um elementarste Verhaltensregeln, die offensichtlich vielen, vor allem ausländischen «Klienten» abgehen: «Einhalten der Hausordnung, regelmässiges Lüften, Reinigen der Wohnung, Umgang mit Geräten und Wohninfrastruktur, Verhinderung/Verminderung von Lärm- und Geruchs­emissionen, Umgang mit Hauswartung und Nachbarschaft, Vermitteln von Grundlagen zu Mieterrechten und -pflichten».

Die Sozialarbeiteroptik ist dabei völlig verdreht: Für sie sind nicht die häufig renitenten und unsauberen Bewohner, die in der Badewanne Feuer machen oder die Einrichtung auf andere Weise beschädigen, verantwortlich, sondern die Bösen sind die Vermieter, die den Wohnraum solcher Leute «gefährden». Für die «Zielgruppe» jener, denen eine Kündigung droht («Delogierungsprävention»), könnten die Gemeinden «einen separaten Auftrag erteilen», heisst es in einem Merkblatt der Zürcher Stiftung Domicil. Die Bürger berappen also auch die Sonderbetreuung von Schmutzfinken und Vandalen.

«Blindes Wachstum»

Alle diese Leistungen würde kaum jemand in Anspruch nehmen, wenn er dafür selbst bezahlen müsste. Hier liegt der ordnungspolitische Fehlanreiz der Sozialindustrie: Die Beteiligten – von den Sozialarbeitern über die Empfänger bis zu den privaten Profiteuren – haben nicht das geringste Interesse an einer Kostenreduk­tion. Jeder noch so kleine Schritt der «Klienten» wird «sozialpädagogisch» begleitet, es zahlen ja immer die andern. Auch deshalb schrauben sich die Sozialausgaben in astronomische Höhen.

Vereinzelte kritische Stimmen regen sich jetzt sogar innerhalb der Branche. Die Verschiebung der Arbeitsplätze von der Industrie in den Sozialbereich sei «mehr als eine sozialpolitische Herausforderung», sagt Lynn Blattmann, Geschäftsführerin des Fachverbands unternehmerisch geführter Sozialfirmen (FUGS) und Managerin der in der Arbeitsvermittlung tätigen Dock-Gruppe. Sie wehre sich seit Jahren «gegen blindes Wachstum im Sozialbereich». Im Fachverband arbeiteten sie daran, die Sozialunternehmen günstiger zu machen, da sie sonst bei der Sozialhilfe «zu Recht weggespart werden». Es ärgere sie, so Blattmann, dass «niemand über Kosten und Nutzen reden will». Die Gründe dafür sind offenkundig: Genauer ­hinzuschauen, würde vielen das Geschäft verderben.

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