Evelyn Kremer: Der Beichtstuhl

Der Beichtstuhl

Ich war im Urlaub, und es war heiß in den Straßen der kleinen Stadt. Ich streunte durch die schmalen Gassen. Als mir die Füße vom vielen Laufen weh taten und ich mich kurz ausruhen wollte, kam ich zufälligerweise an einer Kirche vorbei. Als ich eintrat, war ich die Einzige. Es roch hier nach frischen Blumen und etwas Weihrauch, und es war angenehm kühl und schattig hier. Ich setzte mich auf eine der Bänke in den vorderen Reihen und atmete tief ein und aus. Schön ruhig – und entspannend für meine Füße. Das Sonnenlicht von draußen fiel in bunten Farben durch die Fenster auf den Boden der Kirche und tauchte sie in ein magisches Licht. Die Kirche hatte einen wunderschönen Altar aus weißem Marmor und ich dachte, dass es schön wäre, hier an einem Gottesdienst teilzunehmen.
Plötzlich hörte ich Schritte von hinten. Es waren langsame, schwere Schritte. Ich drehte mich um und erkannte einen Pfarrer in seinem langen Gewand. Er lief an mir vorbei und bog dann rechts ab. Ich hätte gerne selbst mein verwundertes Gesicht gesehen, als der Pfarrer den alten aus Holz geschnitzten Beichtstuhl an der Kirchenwand öffnete, sich hineinsetzte und die mit Ornamenten verzierte Tür hinter sich schloss. Ich überlegte kurze Zeit, wann ich so etwas zuletzt gesehen hatte. Irgendwie hatte ich jahrzehntelang die Existenz eines Beichtstuhls vergessen – der Beichtstuhl schien aus einer anderen Zeit zu stammen und passte so gar nicht mehr in unsere Welt.
Dunkel erinnerte ich mich plötzlich an die Zeit meiner Kommunion. Ich erinnerte mich, dass auch ich damals beichten sollte und ich lange überlegen musste, welche Sünden ich gestehen sollte. Ich war mir als Kind keinerlei Schuld bewusst und ich erinnerte mich, dass ich etwas erfand, um es dem alten und strengen Pfarrer Recht zu machen. Ich hatte ihm erzählt, dass ich manchmal meine Hausaufgaben nicht gemacht hatte und bei der Lehrerin dann so tat als hätte ich mein Schulheft vergessen. Das war das Einzige, was mir damals als Sünde einfiel. Trotz des lächerlichen Schuldgeständnisses sprach der Pfarrer: „Deine Sünde sei Dir vergeben. Ich spreche Dich von Deiner Sünde los.“ Erleichtert und beschwingt hatte ich damals den Beichtstuhl verlassen.
Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als ich erneut Schritte hörte und eine ältere Frau mit auffällig buntem Kleid und hochgesteckten Haaren die Kirche betrat. Sie bewegte sich langsam und bedächtig auf den Beichtstuhl zu, öffnete die Tür, setzte sich auf die kleine, fast zu enge Bank im Inneren und schloss die Tür behutsam hinter sich. „Was wird sie dem Pfarrer wohl erzählen?“, fragte ich mich. Allerdings sah die Frau nicht so aus, als ob sie große Sünden zu beichten hätte. Vielleicht verteufelte sie manchmal gedanklich ihren Mann oder war von ihrer alten Mutter genervt? Mehr Sünden konnte man ihr keinesfalls zutrauen. „Oder täuscht man sich?“, fragte ich mich. „Vielleicht hat sie einen Liebhaber oder hat im Kaufhaus etwas mitgehen lassen?“ Neugierig versuchte ich, Sprachfetzen des Gesprächs aus dem Beichtstuhl einzufangen. Aber ich hörte nur ein leises und geheimnisvolles Tuscheln. Nach etwa fünf Minuten öffnete sich die Tür und die Frau trat heraus. Irgendwie schien sie fröhlicher und erleichterter zu sein, und mit lockererem und schnellem Schritt verließ sie die Kirche. In der Kabine rumpelte es seltsam – der Pfarrer schien es sich in dem Beichtstuhl bequem zu machen und auf den nächsten Sünder zu warten.
Ich überlegte mir, wie interessant diese Aufgabe des Pfarrers doch war – gerade in früheren Zeiten: Alle Bewohner eines Dorfes vertrauten ihm die geheimsten Geschichten an, und er war der Einzige, der gottesgleich genau wusste, was im Dorf hinter den Kulissen vor sich ging und welche Abgründe menschlicher Taten sich unter der Oberfläche der angeblich frommen Gemeinde verbargen. Der Gedanke ließ mich nicht los und als ich abends wieder im Hotel war, beschloss ich, mich über das Beichten zu informieren.  „Der Beichtstuhl ist der klassische Ort für das persönliche Sündenbekenntnis der Gläubigen, dem die Lossprechung durch den Priester folgt“, hieß es im Internet. Ich überlegte und kam zu dem Schluss, dass der Beichtstuhl sicher auch eine psychologisch reinigende Funktion hatte: Durch das Aussprechen einer „Sünde“ erleichterte man sein Gewissen und konnte anschließend wieder „gereinigt“ einen besseren Weg einschlagen.
„Eigentlich war es seltsam, dass der Beichtstuhl heute kaum noch genutzt wird“, überlegte ich und wurde direkt eines Besseren belehrt, als ich weiter im Internet stöberte: Ich traute meinen Augen kaum, als ich „Onlinebeichtstühle“ entdeckte. Hier konnte man anonym Beichten abgeben, und einige der Online-Beichtstühle veröffentlichten alle Beichten! Neugierig verbrachte ich eine Stunde mit dem Lesen von Beichten und war fasziniert von den verschiedensten Geständnissen, die dort offengelegt wurden. Zum Beispiel schrieb ein Mann: „Ich, männlich, 16, beichte, dass ich heute in der Drogerie das erste Mal Kondome gekauft habe. Weil ich mich so geschämt habe, habe ich extra gewartet, bis die fette Kassiererin an der Kasse war. Vor ihr schien mir der Kauf der Kondome weniger peinlich zu sein.“ Eine andere Beichte lautete: „Ich, weiblich, 46, beichte, dass ich als Kellnerin arbeite und mir zwischendurch immer wieder einen Schluck Vodka gönne, um den Stress zu ertragen.“ Es ging weiter mit diesen zwei Beichten: „Ich, männlich, 19, beichte, dass ich mit einem wunderhübschen Mädchen zusammen bin, sie aber nicht liebe. Ich dachte, dass das Verliebtsein mit der Zeit kommt. Sie ist total verknallt in mich, und ich weiss nicht, was ich machen soll“. „Ich, weiblich, 18, habe ein Poster meines Lieblingsstars an meiner Zimmertür hängen. Ich beichte, dass ich das Poster jedes Mal anfassen und küssen muss, wenn ich das Zimmer verlasse“.
Ich überlegte, was ich selbst auf der Plattform beichten könnte und dann fiel mir eine Sache ein, die ich niemandem erzählen würde – hier aber schien mir ein guter Ort für die Offenlegung zu sein. Ich schrieb den Text der Beichte in das Freitextfeld. Dann sandte ich die Beichte mit einem Klick auf den Sende-Button ab. Kurz darauf erschien „meine Beichte“ mit einem „Bling“ in der Chronik des Online-Beichtstuhls. Eine Computerstimme sagte: „Deine Sünde sei Dir vergeben“. Ich fragte mich, was die Leser der Plattform über meine Beichte denken würden – Gott sei Dank konnte man die Beichten nicht kommentieren. Kurz lief mir ein kalter Schauer über den Rücken, als mir der Gedanke kam, dass man die Beichte ja vielleicht irgendwie auf meine IP-Adresse zurückführen könnte. Ich beruhigte mich schnell, weil ich zu dem Schluss kam, dass das nicht möglich sei. Dann fühlte ich mich irgendwie erleichtert und besser als vorher. Ich beschloss, den Online-Beichstuhl öfter in Anspruch zu nehmen – nicht nur um selbst zu beichten, sondern – wie ein Pfarrer – zu wissen, welche „Sünden“ Menschen beschäftigen. Irgendwie war das ein faszinierender Gedanke: Meine Beichte und die Beichte von Millionen von anderen Menschen würde nun für immer anonym im Nirvana des Internets verschwinden. Und wer weiss, ob meine Beichte und die Beichten der vielen anderen Menschen noch in hundert Jahren online sein würden? Das Internet als Friedhof der menschlichen Abgründe und Tiefen?
Als ich am nächsten Tag die Zeitung las, stieß ich auf Unglaubliches: In der Zeitung war ein Foto der Frau, die ich gestern in der Kirche gesehen hatte – ich war mir ganz sicher. Ich konnte es kaum glauben und noch weniger zu glauben war, was dort in der Zeitung stand: Das Foto hatte die Überschrift „Frau beichtet Mord in Kirche“. Aufgeregt begann ich zu lesen, und die Zeitung zitterte in meinen Händen. „Suanne M., 64 Jahre alt, hat gestern in der Marienkirche den Mord an ihrem 75jährigen Mann gebeichtet. Nach 35 Jahren Ehe war es immer öfter zu Streits gekommen und so hatte sie schon vor einigen Monaten beschlossen, ihren Mann umzubringen. Sie verabreichte ihm täglich giftige Tabletten, so dass er schließlich an Herzversagen starb. Direkt nach dem Tod des Mannes war Susanne M. in die Kirche gegangen, hatte dem Pfarrer den Mord gebeichtet und ihn darum gebeten, die Polizei zu informieren. Sie sagte aus, dass sie mit ihrer großen Schuld nicht mehr leben wollte. Schockiert von ihrer Beichte und in einer Art Schockstarre, hatte der Pfarrer ihr direkt den Segen Gottes erteilt und ihr die Sünde verziehen. Nachdem er in seinem Beichtstuhl aufgrund der ungewöhnlichen Situation einen Schwächeanfall erlitten hatte, wurde er von seinem Messdiener entdeckt. Als es dem Pfarrer wieder besser ging, informierte er – wie es Susanne M. gewünscht hatte – die Polizei. Susanne M. wurde anschließend weinend in ihrer Wohnung aufgefunden und festgenommen. Der Leichnam ihres Mannes wurde abtransportiert. Auch wenn Susanne M. ihre Tat gestanden – und gebeichtet – hat, droht ihr eine mehrjährige Haftstrafe.“

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