Realitätsverlust beginnt in den 30ern. Anything goes und unvorstellbare Dinge. Der deutsche Wahn.

Die sich heute für Nachfahren der 68er halten, sind gar keine. Wenn wir jetzt von Realitätsverlust verschiedener Teile der Bevölkerung sprechen, dann sollten wir die Gründe dafür weder in den 80er noch in den 60er, sondern in den 30er Jahren.

Die 68er sind nicht an allem schuld. Wenn wir jetzt von Realitätsverlust verschiedener Teile der Bevölkerung sprechen, dann sollten wir die Gründe dafür in den 30er-Jahren suchen und nicht in den 60ern. Damals, als Hitler Kanzler war und „Der Triumph des Willens“ lief, wurden Mentalitäten geschaffen und Prozesse angestoßen, die das Land heute prägen. In den 30ern begann die Entsolidarisierung der Gesellschaft. Es begann der Prozess der Entbürgerlichung, wenn Bürgerlichkeit dafür steht, als Citoyen Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen und nicht nur das Eigene und die eigene Gruppe zu protegieren. In den 80ern dann setzte sich der Umbruch zur Entwicklung der narzisstischen Kultur und Mentalität der Gegenwart fort. Der neue Einzelne hatte Solidargemeinschaften scheinbar nicht mehr nötig, weil er sich in der Lage fühlte, wenn auch oft nur aus Selbstüberschätzung, seine Interessen selbst und allein zu vertreten. Die 68er hätten dies als „falsches Bewusstsein“ und „Rückzug ins Private“ geschmäht.

Die 68er hielten nichts von Einzelkämpfertum. Sie waren öffentlichkeits- und gesellschaftsorientiert und propagierten die Notwendigkeit der gemeinsamen Aktion und des Zusammenschlusses. Solidarität war heilig. „Selbstverwirklichung“ war dagegen kein Thema. Diese Idee war bereits eine Reaktion auf die Ordnung und Disziplin der 68er, von denen ein solches Ansinnen als unberechenbares „Chaotentum“ abgeschmettert worden wäre.

Die 68er-Bewegung war bestimmt von strengem Denken. Sie war „kopflastig“ schon aus der Perspektive der 70er, als sich Theorie- und Wissenschaftsfeindlichkeit an den bundesdeutschen Universitäten einnisteten. Zweifellos waren etliche 68er Dogmatiker, ebenso wie der Marxismus die Kriterien einer politischen Religion erfüllte. Die Unterscheidung zwischen „richtigem“ und „falschem Bewusstsein“ entsprach der Unterscheidung der monotheistischen Religionen zwischen Wahrheit und Unwahrheit; „Das Kapital“ war die Heilige Schrift; die Weltrevolution war die Apokalypse und das Jüngste Gericht; die vollendete kommunistische Gesellschaft das ewige Leben. Für diese Parallelen waren die 68er blind, auch wenn es Bestrebungen gab, Jesus zum Kommunisten zu erklären, weil man unterschwellig Entsprechungen spürte.

Anything goes

Der heute herrschende linke Kulturrelativismus ist keine Folge von 68. Für die 68er gab es gar keine Kulturen, es ging nur um Politik und da nur um die eine, richtige Politik. Den Anstoß zum Siegeszug des Relativismus gab das Buch „Against Method“ (dt. „Wider den Methodenzwang“) des Philosophen Paul Feyerabend, das 1975 erschien. Angeblich wünschte er sich später, das Buch nie geschrieben zu haben, was man ihm aus verschiedenen Gründen nachfühlen könnte. Als Essenz des Werks blieb der Slogan „Anything goes“ übrig. Dies war ursprünglich der Titel eines Musicals von Cole Porter, nun bedeutete er aber die Proklamation von Methodenvielfalt in der Wissenschaft. An den sozialwissenschaftlichen Fachbereichen entstand in der Folgezeit eine Mischung aus einer auf Objektivität festgelegten Theorievermittlung, die jedoch als „zu verkopft“ vielerorts nicht mehr akzeptiert wurde, und einer neuen Subjektivität, die zuweilen intellektuelle Faulheit bewirkte und rechtfertigte. Die 68er hinterließen Berge von Büchern, die Spontis machten dann und wann mal ein Papier.

Zur Kultur der 70er gehörte die Wiederentdeckung der Spiritualität in Form von „Energy“, die bis heute wirkt, aber unmöglich auf die der Ratio verpflichteten 68er zurückgeführt werden kann. Das Erbe von 68 ging bereits in den 70ern sang- und klanglos unter und wurde später durch eine falsche Erinnerung ersetzt, in der die bunte Neo-Romantik von Flower Power, Hippies und Selbstfindungstrips in Aschrams die klassische politphilosophische Zeit überlagerte. Nachhaltige Zerrüttung der historischen Wahrnehmung bewirkte der Terror der Roten Armee Fraktion.

Das Ziel der Frankfurter Schule, die die 68er maßgeblich prägte, war die Vollendung der Moderne. Das Mittel war Kritik, das typische Merkmal der Moderne. Die Wertschätzung der Kritik ließ mehr und mehr nach und ist heute auf einem Tiefpunkt angekommen. Oft wird sie als „Geschimpfe“ bezeichnet, was Auskunft gibt über den erreichten Infantilisierungsgrad der Gesellschaft, oder mit Hetze gleichgesetzt, was um die Zukunft eines bisher hochentwickelten Wissens- und Bildungsstandortes fürchten lässt.

New Age

In den 80ern kam New Age. Die Vorstellung, Wissenschaft und Gesellschaft sei von Himmelskonstellationen beeinflusst („Wassermannzeitalter“), war komplett Nicht-68. Die wissenschaftstheoretischen Höhepunkte des Jahrzehnts waren das Buch „The Turning Point“ (dt. „Wendezeit“) von Fritjof Capra und die von dem Ethnologen Hans-Peter Duerr (nicht zu verwechseln mit dem Physiker Hans-Peter Dürr) herausgegebenen Bände „Der Wissenschaftler und das Irrationale“ im legendären Syndikat-Verlag. Anything goes und die Propagierung der Gleichwertigkeit von Ratio und Irratio waren Vorbereitung auf die Idee der Diversität und der Gleichwertigkeit aller Kulturen.

Die Suche nach dem Selbst schritt ebenfalls in den 80ern rasant voran durch den starken Einfluss der Psychologie in Form einer vulgarisierten Ich-Psychologie. Die Psychoanalyse dagegen, die von der 68ern breit rezipiert worden war, verschwand in der Versenkung, aus der sie bis heute nicht wieder aufgetaucht ist. Auch der Erfolg des Narzissmus hat die Psychoanalyse verdrängt. Wer ganz authentisch er oder sie selbst im Hier und Jetzt ist, lehnt das Unbewusste ab. Die Theorie des Unbewussten ist kränkend für das kränkungsanfällige narzisstische Individuum und wird deshalb abgewiesen. „Das brauche ich nicht,“ sagt der Narzisst, wenn er Unlustgefühle vermeiden will. Die Psychoanalyse „bedeutet“ ihm – wie so vieles – nichts. Der Narzisst fragt bei allem, was ihm auf dieser Welt begegnet: Was bedeutet das für mich? Er ordnet die Welt nach seinem Gusto. Überflüssig zu sagen, dass sie sich seinen Wünschen nicht fügt. Ereignisse und materielle Gegebenheiten, die der Narzisst ignoriert oder leugnet, weil er sich mit ihnen nicht wohlfühlen kann, sind trotzdem Teil der Realität.

Makro-Konzepte zur Gesellschaftserklärung wie die Sozialwissenschaften, die bei den 68ern Hochkonjunktur hatten, verloren in den 80ern an Einfluss. Theorie und Praxis hießen nun „Ich und Ich“. In dieser Zeit wuchs die Generation Teefläschchen heran, die heute nichts Bitteres mehr mag. Aber auch, wer schon erwachsen war, entkam dem „Individualisierungsschub“ nicht, dessen „Gartenlaube“ die „Psychologie heute“ war.

Narzisstische Neo-Spießigkeit

Die strapazierteste Phrase der 80er lautete: Der Einzelne muss sich abgrenzen. Dies bedeutet übersetzt:  Alles, was dem eigenen Ich fremd ist, muss weg. Der kategorische Imperativ der Ichbezogenheit lautet, nichts zu dulden, was mit dem eigenen idealisierten Ich nicht übereinstimmt. Ich-Zentrierung führt dazu, mögliche gesellschaftliche Entwicklungen als unvorstellbar auszublenden, was Schockzustände und Schuldzuweisungen an jeden, nur nicht an die eigene Person, zur Folge hat, wenn sie doch stattfinden. Der Narzisst glaubt, Probleme lösen zu können, indem die Begriffe dafür in den Köpfen gelöscht werden. Die politisch korrekte Sprache ist solch ein Mittel der Problemlös(ch)ung. Sicheres Denken in Safe-Space lässt das Instrumentarium der Erkenntnisfähigkeit zusätzlich schrumpfen.

Die narzisstische Neo-Spießigkeit lehnt jede Unbequemlichkeit ab, vor allem kritische Reflexion, die die 68er nachdrücklich gefordert hatten. Der Narzisst will in Ruhe gelassen werden. Indem er ruht, verliert er nach und nach die Rechte, die Generationen vor ihm erkämpft haben. Auf einige verzichtet er von selbst. Seine Privatsphäre und Datensouveränität verkauft er für ein App und ein Ei, weil er „nichts zu verbergen hat“ und dies oft tatsächlich glaubt. Wenn er es nicht so recht mehr glaubt, steht er auf verlorenem Posten. Dieses verlorene Terrain, geistig, rechtlich und lokal, weitet sich unter seinen Augen ungesehen aus.

Wenn der Narzisst nicht raucht, trinkt, Fleisch isst oder Pelz trägt, sollen Andere das auch nicht tun, denn dann ist es überflüssig und schädlich. Er braucht auch kein Schweinefleisch. Demonstrativer Verzicht hat demonstrativen Konsum abgelöst. Sehr empfindlich reagiert er auf Meinungen, die er nicht braucht, weil sie nicht wie seine sind. Verbote bestimmter Gesinnungen wären aus seiner Sicht angebracht. Die allgemeine Emotionalisierung auch der Politik hat dazu geführt, dass Meinungen und Einstellungen als natürliche persönliche Eigenschaften erlebt werden und Kritik daran den Kritisierten tief trifft. Solche Erschütterungen müssen dann wie Körperverletzung geahndet werden. „Betroffenheit“ braucht keinen Diskurs.

Als kollektive Entsprechung der Abgrenzung des Einzelnen entstand in den späten 80ern und in den 90ern ein Konzept der Identität, die jede kulturelle Gruppe für sich abstecken konnte. Dieses Recht auf Selbstdefinition wurde bis heute stark ausgebaut. Die Gruppe ist in ihrer Authentizität geschützt und von Verantwortung für andere weitgehend verschont. Sie verlangt von anderen allerdings Respekt. Die Gesellschaft ist in ein paar Dekaden vom „Hinterfragen“ zum „Respektieren“ gelangt. Glückwunsch! Die erforderliche Reife ist erreicht, jetzt kann ein autoritäres Regime ernten!

Die fragmentierte, diversifizierte Gesellschaft grenzt aus

Das Gefühl und die Gewissheit, über Lebensstilpräferenzen hinaus in einem tradierten zivilisatorischen Zusammenhang einander verpflichtet zu sein, geht mehr und mehr verloren. Verflochtenheit, Interdependenz, Gemeinsamkeiten können sich gegen Abschottung, Separatismus, Tribalismus nur noch schwer behaupten. Wir sprechen zu viel über Globalisierung und zu wenig über Fragmentierung. In eine fragmentierte, diversifizierte Gesellschaft kann man sich nicht mehr integrieren, man kann nur eine weitere Facette hinzufügen. Man kann die Diversität „bereichern“, aber nicht mehr die Gesellschaft als Ganzes.

Gruppeninterne Homogenität der Überzeugungen ist nun unerlässlich als Schutz vor den Zumutungen der Wirklichkeit. Man leugnet offensichtliche und sogar erfahrene Verachtung, weil man sich selbst nicht als verächtlich und verachtenswert erleben will. Lieber äußert man Verständnis und sucht die Ursachen auf anderen Feldern, z.B. in sozialer Ungleichheit. Es sind oft Ablenkungsmanöver, um der Wirklichkeit nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Ebenfalls häufig bei Menschen, denen nur das Eigene gilt, ist die Reaktion: „Das gibt es bei uns doch auch!“ Die Beschwichtigungsformel „Nicht alle sind so …“ ist nichtssagend. Einige sind es eben doch. Nicht alle Menschen werden Verbrecher, aber Gesellschaften treffen umfangreiche Vorkehrungen für die Minderheit, die es wird. Das Gerede von den Einzelfällen ist tückisch, weil es systematisches Denken untergräbt: Man sieht vor lauter Bäumen den Wald nicht. Man kann und darf eins und eins nicht mehr zusammenzählen. Die narzisstische Störung der Missachtung des Augenscheins tritt individuell und kollektiv auf. Individuelle Selbsttäuschung mag dem Überleben nützen, kollektive Selbsttäuschung ist der Anfang vom Ende.

Das Menetekel an der Wand will der Narzisst nicht sehen. Warnungen, sein Verhalten zu reflektieren und die Folgen für eine demokratische Gesellschaft und den Frieden in Europa zu bedenken, tut er als unerwünschte Kassandra-Rufe ab. Dabei wird immer übersehen: Kassandra hatte recht.

Barbara Köster hat Soziologie und Politikwissenschaften studiert.

 

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