Der extreme Linksspießer

Jens Spahn, Sascha Lobo und einer, der mal für die SPD Werbung machte – der Illner-Redaktion fällt wahrlich nichts mehr ein. Sparmaßnahmen? Ist die Redaktion nach Indien ausgesourct? Und dann machte sie ihre mühevolle Aufklärungsarbeit der letzten Monate zunichte und lud Martina Böswald ein: Sachlich. Klug. AfD.

 

Vor vielen Jahren habe ich die Bezeichnung „Linksspießer“ erfunden für Leute, die ihr Häuschen lieben, ihr Auto, sich auf ihre Rente freuen und auf alle erdenkliche Weise den irgendwas mit Medien studierenden Nachwuchs pampern – aber in der Wahlkabine Parteien wählen, die alles daran setzen, ihnen diese kleine Idylle nachhaltig zu zerstören. Ist doch irre, oder?

Der extreme Linksspießer

Wie komme ich darauf? Nun, einerseits, weil die Sendung vollkommen Banane war, belanglos, irrelevant, und wir deshalb ein wenig abschweifen können. Und andererseits wegen Sascha Lobo, dem Mann mit der rotgefärbten Bürste auf dem Kopf. Die farbige Bürste war bei Punkern mal kurz Mode, heute ist sie das Alleinstellungsmerkmal des Bloggers, der zwischen „bento“ und „Postillon“ den Spiegel lesenden Linksspießer über das Internet belehrt. Lobo ist quasi das Extrem des Linksspießers, der mit seinem Kopfputz den Spießer in sich bekämpft, obwohl der Kampf aussichtslos ist.

Ein klassischer Vertreter ist da der Werber Frank Stauss, der laut Einblendung viele Wahlkämpfe für die SPD geleitet hat und in der Sendung klarmachte: Er hat das nicht wegen der Kohle getan, nein, er glaubt an deren „Werte“. Obwohl, halt, irgendwann sagte er, er sei nicht Mitglied der SPD. Und den bevorstehenden Wahlkampf mit Siggi, Schulz oder irgendeinem anderen Willy an der Spitze, leitet er wohl auch nicht.

Diese lange Einführung war nötig, um gleich unmissverständlich klar zu machen, dass das, was die Linksspießer nun über Donald Trump sagen, denken oder fühlen, so uninteressant ist wie eine umfallende Harke in Bangladesch. Und ehrlich, das ist jetzt nicht homophob, auch was Jens Spahn zum Thema „Der Trump-Effekt – Siegeszug der Populisten?“ beisteuert, ist vorhersehbar und laaaangweilig. Dass die Demokraten 10 Millionen Wähler verloren haben, und es wohl nicht hilfreich gewesen sein kann, Wähler als „Basket of Deplorables“ – oder wie das bei der SPD heißt: „Pack“ – zu verunglimpfen, da wollen wir Herrn Spahn zustimmen.

Und ja, Gelassenheit gegenüber dem gewählten zukünftigen Präsidenten der USA ist zu empfehlen. Warum aber will die Spahn-Partei dennoch für den ungehobelten Chefdiplomaten Steinmeier als Bundespräsident stimmen? Der Unionist merkte noch an, dass nicht alle Zuwanderer eine Bereicherung seien, und dass es nur ein „Gefühl“ sei, wenn die Leute denken, ihnen gehe es nicht supi bei uns. „99% der Weltbevölkerung würden gerne in Deutschland leben“, wusste der Jens. „Aber deshalb müsst ihr sie ja nicht gleich herholen!“ sagte leider niemand.

Jetzt noch flott zwei Kandidaten abfrühstücken, dann wird’s wirklich interessant – versprochen! Ein junges Fräulein mit dem poetischen Namen Philomena Poetis saß in der Runde, doch wusste sie selbst nicht, warum. Das ZDF stellte sie als Soziologin vor, sie sagte aber nichts Soziologisches. Bei Google finden wir, dass sie Puccini singt und über Musik bloggt. ZDF, vielleicht sprecht ihr noch einmal in der Redaktion darüber?

Totesser auf Sendung

Harry-Potter-Leser wissen, was Totesser sind, nämlich die Gefolgsleute des Leibhaftigen, der nicht genannt werden darf, Voldemort. Als so eine Art ehemaliger Totesser war wieder einmal Stefan Petzner geladen, einst einer von Jörg Haiders Buben. Petzner schaffte tatsächlich mal einen zehnminütigen Monolog, bei dem er noch eine Chartgrafik hervorholte, und sagte richtige Dinge wie „118 Millionen sind armutsgefährdet in Europa, und was macht die Linke? Nichts.“ Nun, die Linken machen nichts, weil sie nichts können. Also reden sie besser auch nicht drüber, weshalb wir Herrn Petzner als isoliert ausblenden.

Wir schwenken unser Kamera-Auge auf eine Frau, die eine auffallende Ähnlichkeit mit der Wahrsagekunst-Lehrerin bei Harry Potter hatte, Martina Böswald. Die Mutter von drei Kindern ist seit 20 Jahren Rechtsanwältin im Breisgau und wechselte von der SPD zur AfD. Zunächst dachten wir: Ah, die neue Strategie bei Illner und Co.. Die AfD und ihre Wähler nicht zu kriminalisieren, sondern hervorzulocken und auf’s Glatteis zu führen. Die Gegenstrategie der AfD geht wohl so: Wir schicken einfach kluge, sachliche und freundliche Parteileute. Hui, ZDF, das Ding ging für euch ja gewaltig nach hinten los!

Martina Böswald belegte zunächst präzise, warum sie die SPD verlassen hatte. „Erst versprachen sie, das Kindeswohl zu stärken, dann strichen sie beim Kindesunterhalt. Dann wissen die genau, dass das Rentensystem in einer tiefen Krise steckt und satteln trotzdem noch die Mütter-Rente drauf. Die SPD führt die Leute vorsätzlich hinters Licht.“ Ein Populist hätte gesagt: Von der Volkspartei zur Volksverarschungspartei.

Ja, aber die AfD! Der Höcke! Für Frau Illner keine Lösung!

Die Partei sei durchaus schillernd, gab die Juristin gerne zu. Aber da kann man mitreden. Man muss auf „gestandene Menschen“ hören, sagte Frau Böswald, „davon gibt es bei der AfD ziemlich viele.“ Da dürfte mancher Zuschauer aufgemerkt haben.

Sie habe es satt, dass immer mit Rassismus gekontert wird, wenn man sich über die Zustände beschwert. Statt zu sagen und schreiben was ist. „In Berlin fällt Straßenzug um Straßenzug“, sagte die Breisgauerin, „ich fühle mich unsicher, jeden Tag passiert etwas. Und ich lese nur ‚ein Mann hat…’. Dabei weiß jeder Bescheid.“

Offensichtlich nicht jeder. Und mit der üblichen Kakophonie aus „Brandstifter“ (Stauss), „Wir sind das Original“ (Spahn), „Mit viel Alkohol werde ich mich zwischen der SPD und den Grünen entscheiden“ (Lobo) wollen wir den Abend beschließen.

Und im Raume bleibt die unbeantwortete Frage: Wie konnte Illner so etwas wie Frau Böswald passieren? Selbstmord aus Angst vorm Sterben?

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http://www.tichyseinblick.de/feuilleton/medien/was-macht-illner-selbstmord-aus-angst-vorm-sterben/

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