Eine neue Erzählung von Evelyn Kremer: Beim Friseur im Theater

Beim Friseur im Theater

von Evelyn Kremer

Seit einigen Monaten bin ich bei einem neuen Friseur. Eine Freundin hat mich hierher empfohlen. Die Freundin ist immer sehr auf ihr Äußeres bedacht und besitzt eine Reinigung in der die Prominenz der Stadt ein und aus geht. Daher weiß sie, welche Läden in der Stadt angesagt und gut sind. Aus Neugierde wollte nun auch ich diesen Friseur ausprobieren. Der Salon befindet sich in der Seitenstraße einer exklusiven Einkaufsstraße. Von Außen ist der Salon unscheinbar. Von Innen sind Wände und Böden mit marmorähnlichen großen Kacheln bedeckt und auf dem Tresen am Eingang steht immer ein riesiger frischer Blumenstrauß.

Die Inhaberin ist eine geschäftstüchtige Russin. Manchmal wirkt sie eher wie eine Puffmutter. Sie ist sicher um die fünfzig, ist stets sehr elegant gekleidet, hat toupierte Haare und teuren Schmuck um Hals und Gelenke. Sie ist eine zierliche Frau und an ihren energischen Bewegungen merkt man, dass sie sehr ehrgeizig ist. Ihre Mitarbeiter hat sie sorgsam ausgewählt: Sie sind alle zwischen zwanzig und vierzig Jahren, alle sehr freundlich und gleichzeitig sehr gut aussehend und modisch gekleidet. Drei Damen und drei Herren, wobei die Damen oft die männlichen Kunden betreuen und die Herren oft die weiblichen.

Zunächst wird man vor einem großen Spiegel platziert. Über den Spiegel hat man einen guten Blick in den ganzen Salon. Nichts kann entgehen und so gleichen die zwei Stunden, die man hier sitzt, oft einer Theatervorstellung: Zunächst betritt eine kleine, uralte Dame in schickem Chanel-Kostüm den Salon. Sie hat einen kleinen weißen Pudel an der Leine der besser frisiert ist als sie. Die Dame wirkt bescheiden obwohl man an ihren Accessoires sieht, dass entweder sie oder ihr Ehegatte viel verdient oder geerbt haben muss. Seltsam, dass im Gegensatz zu ihr der Pudel viel arroganter und elitärer wirkt. Mit geschwollener Brust und erhobenem Haupt stolziert er wie ein Zuchtpferd mit kleinen Schritten und kritischem Blick in den Salon hinein. Nachdem die Dame platziert wurde, wird dem Pudel direkt eine Schale Wasser und ein Körbchen gebracht. Kritisch beäugt der Pudel die lapidare Wasserschalte und dem ihm angebotenen Platz und setzt sich dann so in den Korb, dass auch er den gesamten Salon im Blick hat. Das Wasser rührt er nicht an. Er ist sicher besseres gewöhnt. Die Dame beugt sich immer wieder zu ihm hinunter um ihn zu streicheln. Man sieht, wie sehr sie ihren Pudel liebt, denn jedes mal, wenn sie ihn streichelt, entspannen sich ihre Gesichtszüge und sie beginnt zu lächeln. Mein Friseur berichtet mir, dass die alte Dame jeden zweiten Tag in den Salon zum Frisieren kommt. Ihr Mann hat in der Stadt hunderte Immobilien und sie ist nun zu alt, um sich selbst die Haare zu machen. Man munkelt aus Scherz im Salon, dass ihr Pudel alles erben wird, weil das Paar keine Kinder hat. „Wenn man genau hinsieht,“ flüstert mein Friseur, „sieht man, dass der kleine Vierbeiner ein Halsband mit Diamanten trägt!“

Während mein Friseur mir Strähnen in die Haare macht, wird meine Aufmerksamkeit abgelenkt von einer Dame, welche die ganze Zeit in der Ecke gesessen und gelesen hat. Sie ist die intellektuellst aussehende hier im Salon. Sie trägt schlichte Kleidung aus gutem Stoffen. Die Farben der Kleidung sind zurückhaltend: Schwarz und beige. Sie scheint sich nicht viel aus ihrem Äußeren zu machen. Ihre Haare sind grau und sicher geht sie nur zum Friseur, weil die lockigen Haare zu lang geworden sind. Ich versuche zu erkennen, was sie liest. Es ist eine Art wissenschaftliche Zeitschrift mit viel Text und wenig Bildern. Die bunten Klatsch- und Tratsch-Zeitschriften, die ihr der Friseur hingelegt hat, hat sie abfällig zur Seite geschoben. Mit konzentriertem Blick liest sie und antwortet nur knapp wenn der Friseur sie etwas fragt. Man merkt, dass sie keine Lust auf  ein Gespräch hat – sicher sind ihr die Gespräche zu lapidar. Er merkt das und fragt sie geschult ab sofort nur das Nötigste. Sicher ist auch er mal froh, seine Kunden nicht unterhalten und Kummerkasten spielen zu müssen. Schließlich gibt es hier immer wieder Kundinnen, die ihm ihre ganze Lebens- und Liebesgeschichte in zwei Stunden erzählen und am Ende des Friseurbesuchs meinen, dass der Friseur ihr bester Freund sei.

Nun betritt eine Frau mittleren Alters den Salon. Sie zieht ihren Pelzmantel aus und ist wie eine Wurst in ein enges und grelles Wollkleid gepresst. Sie hat lange Beine, ausladende Hüften, riesige Brüste, eine blonde, lockige Haarmähne und zahlreiches Klimbim an den Händen. Genauso ausladend wie ihre Hüften und ihre Brüste sind ihre Lippen. Ihr Gesicht gleicht einer geschminkten Maske und sicher hat sie sich operieren, straffen und die ein oder andere Stelle unterspritzen lassen. „Vielleicht ist sie schon viel älter, als sie aussieht?“, frage ich mich. Selbstbewusst steuert sie direkt auf einen freien Platz zu und betrachtet sich selbst im Spiegel. Sie scheint ihre Umwelt kaum wahrzunehmen und ist nur auf sich fixiert. In den Spiegel starrend schüttelt sie ihre Haare, reckt ihren Kopf zu allen Seiten und macht seltsame Posen als würde sie fotografiert werden. Sie schaut sich dabei selbstverliebt an und überlegt sicher, was sie als nächstes optimieren kann. Wieder berichtet mir mein Friseur flüsternd interessante Details: „Die Dame hat einen reichen, älteren Herrn geheiratet, der ihr jeden Wunsch erfüllt.“ Lachend ergänzt mein Friseur: „Wenn der Kleine steht, schweigt der Verstand“. Anschließend berichtet er, dass die Dame denke, dass sie alle anstarrten, weil sie so schön sei. Dabei schauten alle nur, weil sie so schrecklich aufgespritzt aussehe. Die Dame ist nur zum Haarewaschen und Föhnen gekommen. Als sie fertig frisiert ist, macht sie von sich mehrere Selfies, wobei sie ihre Lippen noch weiter aufplustert und eine sexy Pose macht. Dann kommt ihr Mann in den Laden. Ein dünner, alter, grauer Herr, der eigentlich ein intelligentes Gesicht hat. „Sicher erfüllt sie ihm all ihre Träume“, flüstert mir mein Friseur amüsiert ins Ohr. Ich beobachte, wie hörig der Herr seiner „Göttin“ ist. Er macht ihr Komplimente, hilft ihr wie ein Diener in den Mantel, bezahlt für sie an der Kasse und trägt ihr die schwere klimpernde Tasche. Sie stolziert auf ihren überhohen Hacken wie eine Königin aus dem Salon und lässt sich wie selbstverständlich die Tür von ihm aufhalten.

Ich beobachte noch eine Weile einen Herrn, der sehr gestresst in den Laden kommt und ständig sein Handy zückt – wohl um Mails zu lesen. Er wippt während des Haareschneidens ungeduldig mit den Knien. Beim Haare Waschen aber scheint er sich wie ein Baby zu fühlen. Er lässt sich in den bequemen Leder-Sessel vor dem Becken fallen und gibt sich ganz der Kopfmassage der hübschen, lockigen Friseurin hin. Sie scheint ihn schon länger zu kennen und genau zu wissen, wie er es mag. Geduldig und lange massiert sie ihm den Kopf bis sie an einem kurzen Schnarcher merkt, dass er eingeschlafen ist. Erschreckt von seinem eigenen Schnarchen zuckt der Herr zusammen und wird wach. Peinlich berührt, entschuldigt er sich und nimmt wieder gespannte Haltung an um zurück am Frisiertisch direkt wieder seine Mails zu checken.

Auch ich entspanne mich, während das lauwarme Wasser über meinen Kopf rinnt und auch ich eine sanfte Kopfmassage erhalte. Auch ich höre kurz nur noch das Rauschen und dumpfe Stimmen um mich herum, bis mir fest ein Handtuch um den Kopf gewickelt wird. Zurück am Platz werden meine Haare geföhnt und mit verschiedenen Mittelchen bearbeitet. Es duftet nach Ölen und Sprays. Seltsam, dass man sich nach einem Friseurbesuch so frisch fühlt. Nicht nur Äußerlich sondern auch Innerlich. So ein Friseurbesuch hat fast etwas von einem Arztbesuch: Ein anderer Mensch kümmert sich um einen und schenkt Aufmerksamkeit. Als ich bezahle, verschlägt es mir kurz die Stimme und mein Atem stockt. Die Rechnung ist ziemlich hoch. Dennoch gebe ich ein gutes Trinkgeld um hier nicht unangenehm aufzufallen. Ich beruhige mich selbst mit dem Gedanken, dass eine gute Premieren-Theaterkarte mindestens genauso viel gekostet hätte, wie der Besuch dieses Salons. Ich freue mich schon auf die Vorstellung beim nächsten Mal.

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