Gutmenschen – ihre Verlogenheit, um ihren Haß nicht als Haß einzugestehen, macht sie geistvoll und erfolgreich.

Von Ansgar Kruhn.

Dies ist der Versuch, einen gewissen Menschenschlag zu skizzieren, der derzeit eine große Rolle in den westlichen Gesellschaften spielt und der besonders in der Medienlandschaft, aber auch an Universitäten, in Gewerkschaften, Ämtern, NGOs und Parteien sowie im Verwandten- und Bekanntenkreis anzufinden ist. Oft wird dieser Idealtypus mit dem Schlagwort vom „Gutmenschen“ abgetan, aber dieser Begriff erscheint aus zweierlei Gründen nicht angebracht; dies aufgrund seiner Herkunft sowie dem schlichten Umstand, dass gegen einen „guten Menschen“ erst einmal nichts spricht und es solche glücklicherweise auch in gar nicht so geringer Anzahl gibt. Nein, für den zu gewinnenden Idealtypus bietet sich dieser Begriff nicht an, aber vielleicht bringt uns eine nur scheinbar haarspalterische Variation weiter: Es geht hier um den „Allzu-guten-Menschen“ (AGM), auf dessen Spuren wir uns mit einem kleinen Zeitsprung zurück zum 25. August 1900 begeben wollen.

An diesem Tag starb einer der großen Kenner des 20. Jahrhunderts, Friedrich Nietzsche, der in seiner Zeit die Wurzeln vieler Entwicklungen scharfsinnig erkannt hat, deren Blüten wir heute beobachten können. In seinem Spätwerk „Genealogie der Moral“ hat er sich intensiv mit der Genese der modernen Moral beschäftigt. Zwar will man ihm gewiss nicht in allem zustimmen und ohne Zweifel gibt es viele Kritikpunkte an seiner arg schablonenhaften Gedankenfigur, doch finden sich hier wertvolle psychologische Erkenntnisse, die geradezu für heute geschrieben zu sein scheinen.

Bekannte Vokabeln der philosophischen Hausapotheke sind „Herrenmoral“ und „Herdenmoral“. Ursprünglich habe es nicht die Guten und die Bösen gegeben, sondern die Vornehmen und den von diesen unterjochten Pöbel, also die „Schlechten“. Nietzsche machte sich nichts vor, was die Unabdingbarkeit einer unfairen Gesellschaftsordnung für das Entstehen einer Kultur anbelangt. Nur durch die Unterdrückung eines Teils der Bevölkerung und die Ausbeutung von Arbeitskraft wird es besonders befähigten Individuen möglich, ihre Energie von der Erwirtschaftung des Lebensunterhaltes abzuziehen und sich der Schaffung kultureller Güter zuzuwenden. Dadurch muss es zu wechselseitiger Verachtung und Hass kommen.

Es bleibt ihnen nichts, als sich auf die Suche nach einem Schuldigen zu machen

Freilich gilt dies in einem konkreten Sinn nur noch begrenzt für die moderne, ausdifferenzierte Gesellschaft. Aber auch heute gibt es hierarchische Verhältnisse, die sich unterschiedlich konstruieren lassen. Das bekannteste Beispiel für eine solche Konstruktion wird in der letzten Zeit die Occupy-Bewegung mit ihrer dichotomischen Einteilung der Gesellschaft in die 99 Prozent und die 1 Prozent gewesen sein. In solchen Gesellschaftsbildern haben auch die AGM ihre geistige Heimat.

Unabhängig von der gewählten Hierarchiekonstruktion empfinden sie sich als die – nun mit Nietzsches Worten – „von vornherein Verunglückten, Niedergeworfenen“ der Gesellschaft, die sich im Gegensatz zu den „Erfolgreichen“ oder auch einfach so reichen Leuten empfinden. Die AGM gehören indes keineswegs zur Unterschicht, wie sie zu Zeiten Nietzsches in Fabriken ausgebeutet, in Kriegen verheizt oder auf Feldern abgenutzt wurde. Meist handelt es sich um angehende oder diplomierte Akademiker, die sich auszudrücken wissen, aber nicht eine der gängigen Karrieren mit guter Bezahlung einschlagen können oder wollen.

Im Kern ist der AGM ein religiöser Mensch, der Kontingenzen nicht ertragen kann; die für Nietzsche selbstverständliche kulturelle Hierarchiebildung ist für den AGM nicht als notwendig hinzunehmen, die eigene (finanzielle) Erfolglosigkeit nicht durch Akrasia erklärbar. Es bleibt ihnen nichts, als sich auf die Suche nach einem Schuldigen zu machen, den sie „über“ sich, also unter den Erfolgreicheren suchen und der heute seine höchste Form der Existenz in der geradezu mythischen Gestalt des „Täters“ gefunden hat.

Die „Täter“ sind Menschen, die sich eines „Täterverhaltens“ schuldig gemacht haben, mit seinen Ursprüngen im Rechtswesen hat der Begriff nichts mehr zu tun. Die meisten „Täter“ sind sich insofern auch gar nicht bewusst, irgendetwas getan zu haben, liegt ihre eigentliche Schuld doch im Gefühl des Zukurzgekommenen und sonst mit der Gesellschaft nicht zufriedenen Menschen. Mit dieser Schuldzuschiebung einher geht Hass gegen die „Täter“. Der verinnerlichten Logik der AGM nach sind allein die „Täter“ für all das, was man an der Gesellschaft und seiner eigenen Position in ihr ablehnt, verantwortlich.

Freilich will man sich diesen Hass nicht eingestehen. Hassen ist Täterverhalten. Also wird dieser Hass anders zum Ausdruck gebracht: durch das Hilfsmittel der moralischen Beurteilung. Was Nietzsche im Hinblick auf die „Niedrigen“ geschrieben hat, trifft passgenau auf die AGM zu, diese „zu Richtern verkleideten Rachsüchtigen, welche beständig das Wort ‚Gerechtigkeit‘ wie einen giftigen Speichel im Munde tragen“. Es geht den AGM, anders als vielen der Menschen, die als „Gutmenschen“ verspottet werden, nicht so sehr darum, anderen Menschen zu helfen und Leid zu minimieren, sondern gerade darum, Rache an den Tätern zu nehmen als „Betäubung von [eigenem] Schmerz durch Affekt“.

Ihre Verlogenheit, um ihren Haß nicht als Haß einzugestehen, macht sie geistvoll – und erfolgreich

Autos anzünden, Kampagnen gegen Menschen im Internet und auf der Straße zu führen, ist den AGM wichtiger als jede Tätigkeit in einer Suppenküche. Freilich gesteht man nicht ein, dass der eigene Schmerz der Ausgangspunkt des ganzen Denken und Handelns ist. Vielmehr sucht man sich echte oder vermeintliche Benachteiligte und agiert in deren Namen; wo der „Gutmenschen“ helfen will, instrumentalisiert der „Allzu-gute-Mensch“ für sein eigenes Bedürfnis. Entsprechend harsch fallen die Reaktionen aus, wenn die vermeintlichen Opfer dieser Welt – ganz gleich ob Frauen, Schwarze, Behinderte, Muslime etc. – sich dies verbitten. Dann werden die „unterdrückten“ Schwarzen zu Rasseverrätern, die „benachteiligten“ Frauen zu Patriarchatweibchen.

Um den eigenen Schmerz zu betäuben, bleibt dem Allzu-Guten sein Hass, den er im Namen aller Unterdrückten den „Tätern“ entgegenschleudert. Damit einher geht eine gewisse sadomasochistische Lust, die Nietzsche bereits diagnostiziert hat: „[S]ie genießen ihren Argwohn, das Grübeln über Schlechtigkeiten und scheinbare Beeinträchtigungen, sie durchwühlen die Eingeweide ihrer Vergangenheit und Gegenwart nach dunklen fragwürdigen Geschichten …, sie reißen die ältesten Wunden auf, sie verbluten sich an längst ausgeheilten Wunden …“.

Wer denkt bei dieser Beschreibung nicht an die in Amerika als Social Justice Warrior bezeichneten AGM, die jedes Gespräch, ja jede Geste säuberlich abtasten, jedes Wort sorgfältig im Mund abschmecken und das Internet nach allem durchforsten, was als Rechtfertigung ihres Hasses zu dienen vermag?

Ihre „Verlogenheit, um diesen Haß nicht als Haß einzugestehen“, macht sie geistvoll – und erfolgreich. Gedankengebäude werden errichtet, die scheinbar wissenschaftlich belegen, dass wir uns alle in einem kontinuierlichen Verbrechen gegen die „Schwachen“ aller Couleur befinden. „Tatsachen“ werden als Fiktionen der Täter abqualifiziert, Wahrheit muss nicht mehr errungen werden – sie ist einfach. Und wer verkündet sie? Die Allzu-guten-Menschen im Namen der unterdrückten Minderheiten.

Ansgar Kruhn ist Historiker und nebenbei Reisender in Sachen Weltanschauungstourismus

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