Der Club der antisemitischen Möchtegernjuden

Der Oldenburger Gesamtschullehrer Christoph Glanz, der derzeit Thema in der deutschen (1) und internationalen (2) Presse ist, weil er in der Zeitschrift derLehrergewerkschaft GEW für einen Boykott Israels werben wollte, firmiert, wie nun bekannt (3) wurde, auch unter dem jüdisch klingenden Pseudonym „Christopher Ben Kushka“. Wie kommt es, dass jemand, der das jüdische Volk so wenig leiden kann, dass er ihm keinen eigenen Staat gönnt, offensichtlich in seinen Tagträumen ein Jude ist? Hasst er die Juden, weil er keiner sein kann? Nein, die wahrscheinlichste Erklärung ist eine andere.

Bevor wir die Antwort geben, sei darauf hingewiesen, dass Ben Kushka nicht allein steht. Der Club antisemitischer Möchtegernjuden wird immer größer. Da ist etwa der in Russland geborene Schwede „Israel Shamir“ (4) alias „Jöran Jermas“ alias „Adam Ermash“; ein Nazi alter Schule, Holocaustleugner und Verfechter der Protokolle der Weisen von Zion. Er beklagt (5) u.a. die Zunahme jüdischen Einflusses“, die die „Armen noch ärmer“ mache; „die jüdisch-mammonitische Übernahme Amerikas“, die „die Lebenskräfte Amerikas eliminiert und sie auf Konsum umgestellt“ habe sowie die „jüdische Dominanz in den Medien“. „Die vorherrschende Stellung der Juden im westlichen Diskurs“ verursache „dieselben Probleme, die man bekäme, würde man den Tank eines mit Diesel betriebenen Autos mit Benzin füllen.“ Das Problem sei, „dass das amerikanische Volk keinen Ausweg aus der zionistischen Übernahme hat.“ Nun müsse sich „der antirassistische Eifer Amerikas […] gegen die jüdischen Rassisten richten.“

Israel Shamir/Jöran Jermas ist so antisemitisch, dass es sogar Ludwig Watzal (6) beim zweiten Lesen seines Buches „Blumen aus Galiäa“, aus dem die obigen Zitate stammen, auffiel. Bei der ersten Lektüre hatte es Watzal nach eigenem Bekunden für „intellektuell durchaus anspruchsvoll“ gehalten. Er ist so wahnsinnig, dass selbst Norman Finkelstein ihn für einen „maniac“ hält. Er hasst die Juden wirklich, wirklich sehr. Warum nennt er sich „Israel Shamir“? Eine gute Frage, finden Sie nicht auch?

Die Jüdin von Sötenich

Und das ist übrigens noch nicht alles: Shamir behauptet auch, 1969 nach Israel emigriert zu sein und will als Fallschirmjäger im Jom-Kippur-Krieg gekämpft haben, und zwar auf der Seite Israels. Mit dem antisemitischen Juden Norman Finkelstein ist er nach eigener Aussage befreundet. Nun ist ja Finkelstein zugegebenermaßen nicht der zuverlässigste Zeuge, doch wir sind geneigt, ihm Glauben zu schenken, wenn er über Shamir sagt (7): „Er ist schmierig. Shamir sagt, wir seien Freunde, weil er schmierig ist, und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Er hat seine gesamte Lebensgeschichte erfunden. Nichts, was er über sich sagt, ist wahr.“

Zweites Beispiel: Edith Lutz, die Jüdin von Sötenich (8). Auf einer Seefahrt zur Hamas, bei der der WDR dabei war, log sie, dass sie Jüdin sei. Denn sie wollte nicht einfach nur etwas gegen Israel tun, sondern dies explizit „als Jüdin“, wie sie vor der Kamera sagte: „Ein Signal geht schon mal davon aus, egal, ob wir die Blockade durchbrechen oder nicht, dass man sieht, da sind Juden, die denken an die Menschen in Gaza und die zeigen anderen, vor allen Dingen Politikern, dass sie mit der Politik Israels nicht einverstanden sind.“

Dann ist da das erstaunliche Leben der Irena Wachendorff. Nicht zufrieden damit, einfach nur eine Nervensäge zu sein, die auf Juden schimpft und Gedichte schreibt, ersann auch sie sich, wie Jennifer Nathalie Pyka gezeigt (9) hat, eine jüdische Identität samt IDF-Karriere, dazu noch eine Mutter mit eintätowierter Nummer am Arm. Sie liebte es, gegen Israel zu hetzen und dabei „ich als Jüdin“ zu sagen. Selbst davor, zu rein rhetorischen Zwecken eine „ermordete Familie“ zu erfinden, schreckt Wachendorff nicht zurück. Eines der Wachendorff-Zitate, die Pyka fand, lautete: „Ein für allemal verbitte ich mir diesen dämlichen Antizionisten= Antisemitenvergleich! Selbst mir platzt irgendwann der Kragen! Das ist Verhöhnung meiner ermordeten Familie!“

Was treibt diese Leute an?

Eine Theorie: Antisemiten sind nicht nur Juden- sondern auch in einem umfassenden Sinn Menschenhasser. Antisemitismus tritt ja fast immer im Verein mit Antiindividualismus auf; Antisemiten sind üblicherweise auch gegen die Freiheit des Individuums, neigen einer kollektivistischen Ideologie zu, die Unterwerfung verlangt: Katholizismus, Obrigkeitsverehrung nach Art Martin Luthers, Sozialismus, Nationalsozialismus, Islamismus. Das unbeaufsichtigte, kreative Handeln freier Individuen ist ihnen ein Graus. Sie sind von Selbsthass getrieben und wollen, dass alle so depressiv sind wie sie selbst. Nichts hassen sie mehr als prosperierende Gesellschaften glücklicher Menschen. Nichts lieben sie so sehr wie Diktaturen, in denen es den Menschen schlecht geht. Darum verherrlichen sie islamische und „Volks“-Republiken aller Art.

Für viele von ihnen sind antisemitische Juden Helden: Juden, die sich selbst so sehr hassen, dass sie Kampagnen betreiben, die, wenn sie erfolgreich wären, auf nichts anderes hinausliefen, als die Endlösung der Judenfrage doch noch Wirklichkeit werden zu lassen. Weiter kann die Phantasie der Selbstzerstörung nicht gehen. Bei denen, die von kindischem Temperament sind, gerät das Nacheifern zur Kostümierung. Für sie ist das ganze Jahr Karneval, sie nennen sich Ben Kushka, Israel Shamir oder Ich-als-Jüdin.

Die Antwort auf die Frage, warum sich Antisemiten als Juden ausgeben, lautet also: Weil es ihnen nicht reicht, nur die Juden zu hassen, sie wollen dabei das masochistische Gefühl genießen, dass, wenn sie Israel die Peitsche geben, sie sich gleichzeitig selbst geißeln. Oj wej.

Elite des Antisemitismus

Könnten sie auch wirkliche Juden werden? Das ist ein schwerer Weg (10) Man muss Bücher lesen, an Konversionsunterricht teilnehmen, Glaubensgespräche führen, und es gibt die Tradition, einen Konversionswilligen dreimal abzuweisen, um seineEntschlossenheit zu testen. Wie viel leichter ist es doch, Antisemit zu werden: Man muss nur ein paar dämliche Phrasen (11) lernen, und noch nie hat man davon gehört, dass die Antisemiten jemanden abweisen würden, der bei ihnen Mitglied werden will. Der Antisemitismus ist eine Massenbewegung, Juden gibt es auf der Welt vergleichsweise wenige. Wer sich als jüdischer Antisemit ausgibt, tut das also wahrscheinlich auch deshalb, um zur Elite der Israelhasser zu gehören, der Avantgarde des Bullshits.

Die Wahrheit findet man, wie so oft, bei den Simpsons. Nachdem er erfahren hat, dass er, weil er nie eine Bar Mitzvah hatte, gar kein echter Jude sei, sagt Krusty der Clown: „Ich dachte, ich wäre ein sich selbst hassender Jude, dabei war ich die ganze Zeit bloß ein stinknormaler Antisemit.“

(1) http://www.achgut.com/artikel/der_boden_palaestinas_reicht_bis_nach_oldenburg1

(2) http://www.jpost.com/Diaspora/German-teachers-union-urges-total-boycott-of-Israel-466788

(3) http://www.jpost.com/Diaspora/Antisemitic-German-teacher-posed-as-a-Jew-to-push-anti-Israel-agenda-469858

(4) http://www.tabletmag.com/jewish-news-and-politics/67305/his-jewish-problem

(5) http://www.hagalil.com/archiv/2005/08/linke.htm

(6) https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-journalist-und-das-imperium

(7) http://www.tabletmag.com/jewish-news-and-politics/67305/his-jewish-problem

(8) http://www.achgut.com/artikel/die_juedin_von_soetenich/

(9) http://www.achgut.com/artikel/die_eingebildete_juedin/

(10) http://forward.com/opinion/editorial/199214/why-is-it-so-hard-to-convert-to-judaism/

(11) https://spiritofentebbe.wordpress.com/2010/01/23/10-gute-entgegnungen-auf-10-damliche-phrasen/

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Der folgende Text ist eine Mitschrift der Rede von Rabbi Lord Jonathan Sacks bei der Konferenz „The Future of the Jewish Communities in Europe“ (Konferenz zur Zukunft der jüdischen Gemeinden in Europa), die am 27. September 2016 im Europäischen Parlament in Brüssel stattfand.

Der Hass, der mit den Juden beginnt, hört niemals bei den Juden auf. Ich möchte, dass wir das heute verstehen. Es waren nicht nur die Juden, die unter Hitler litten. Es waren nicht nur die Juden, die unter Stalin litten. Es sind nicht nur die Juden, die unter dem IS, Al-Qaida oder dem Islamischen Dschihad leiden. Wir machen einen grossen Fehler, wenn wir denken, Antisemitismus sei nur eine Gefahr für Juden. In erster Linie ist er eine Gefahr für Europa und die Freiheiten, die wir im Laufe der letzten Jahrhunderte errungen haben.

Beim Antisemitismus geht es nicht um Juden, sondern um Antisemiten. Es geht um Menschen, die keine Verantwortung für die eigenen Fehler übernehmen wollen und daher anderen die Schuld geben. Wenn man während der Zeit der Kreuzzüge Christ war oder nach dem Ersten Weltkrieg Deutscher und man sah, dass die Welt sich nicht so entwickelt hatte, wie man es sich vorgestellt hatte, gab man erfahrungsgemäss den Juden die Schuld. Und das ist es, was auch heute geschieht. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie gefährlich das ist. Nicht nur für Juden, sondern für alle, die Freiheit, Mitgefühl und Menschlichkeit schätzen.

Antisemitismus ist in einer Kultur das erste Symptom einer Krankheit, das erste Warnzeichen für einen kollektiven Zusammenbruch. Wenn Europa zulässt, dass Antisemitismus gedeiht, ist das der Anfang vom Ende Europas. Ich möchte in diesem kurzen Beitrag das vage und mehrdeutige Phänomen Antisemitismus analysieren, denn es erfordert Klarheit und Verstand, zu wissen, was Antisemitismus ist, warum er auftritt und warum Antisemiten davon überzeugt sind, nicht antisemitisch zu sein.

Zuerst möchte ich den Begriff Antisemitismus definieren. Juden nicht zu mögen ist kein Antisemitismus. Wir alle kennen Menschen, dir wir nicht mögen. Das ist normal, es ist menschlich und nicht gefährlich. Israel zu kritisieren ist kein Antisemitismus. Ich sprach letztens mit einigen Schulkindern und sie fragten mich: „Ist es antisemitisch, Israel zu kritisieren?“ Ich sagte nein und erklärte ihnen den Unterschied. Ich fragte sie: „Glaubt ihr, ihr habt das Recht die britische Regierung zu kritisieren?“ Alle hoben die Hand. Dann fragte ich: „Wer von euch glaubt, Grossbritannien habe kein Existenzrecht?“ Niemand hob die Hand. „Jetzt kennt ihr den Unterschied“, sagte ich, und alle verstanden.

Antisemitismus bedeutet, den Juden das Recht abzusprechen, gemeinsam als Juden zu existieren, mit denselben Rechten wie jeder andere auch. Er nimmt zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Formen an. Im Mittelalter wurden die Juden wegen ihrer Religion gehasst. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden sie aufgrund ihrer Rasse gehasst. Heute hasst man sie wegen ihrer Nation, dem Staat Israel. Antisemitismus tritt in verschiedenen Formen auf, bedeutet aber immer dasselbe: die Ansicht, dass Juden nicht das Recht haben, als freie und gleichwertige Menschen zu existieren.

Wenn es etwas gibt, das ich und meine Zeitgenossen nicht erwartet hätten, dann, dass der Antisemitismus nach Europa zurückkehrt, während die Erinnerung an den Holocaust noch präsent ist. Wir rechneten nicht damit, weil Europa gemeinsam die grössten jemals dagewesenen Anstrengungen unternahm, damit der Virus des Antisemitismus den Staatskörper niemals wieder befallen würde. Es fand eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema statt – antirassistische Gesetze wurden verabschiedet, an Schulen wurde Wissen über den Holocaust vermittelt und es gab einen interreligiösen Dialog. Doch trotz alledem ist der Antisemitismus zurückgekehrt.

Am 27. Januar 2000 trafen sich Vertreter von 46 Regierungen aus der ganzen Welt in Stockholm, um eine gemeinsame Erklärung zur Erinnerung an den Holocaust und den andauernden Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Vorurteile abzugeben. Dann kam 9/11 und innerhalb weniger Tage überschwemmten Verschwörungstheorien das Internet, in denen behauptet wurde, dies sei das Werk Israels und seines Geheimdienstes Mossad. Im April 2002 war ich während des Pessach-Festes zusammen mit einem jüdischen Pärchen aus Paris in Florenz, als diese einen Anruf von ihrem Sohn erhielten, der sagte: „Mama, Papa, es ist Zeit für uns, Frankreich zu verlassen. Wir sind hier nicht mehr sicher.“

Im Mai 2007 sagte ich bei einem privaten Treffen hier in Brüssel zu den drei damaligen Führern Europas, Angela Merkel, Vorsitzende des Europäischen Rates, Jose Manuel Barroso, Präsident der Europäischen Kommission, und Hans-Gert Pöttering, Präsident des Europäischen Parlaments, dass die Juden in Europa sich zu fragen begannen, ob es in Europa eine Zukunft für sie gebe.

Das war vor über neun Jahren. Seitdem ist es noch schlimmer geworden. Bereits im Jahr 2013, bevor es einige der schlimmsten Vorfälle gab, stellte die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte fest, dass fast ein Drittel aller europäischen Juden aufgrund von Antisemitismus eine Auswanderung in Erwägung zogen. In Frankreich lag diese Zahl bei 46 Prozent und in Ungarn bei 48 Prozent.

Lassen Sie mich Ihnen eine Frage stellen. Egal ob Sie Jude, Christ oder Moslem sind: Würden Sie in einem Land leben wollen, in dem Sie beim Beten von bewaffneten Polizisten beschützt werden müssen? In dem Ihre Kinder in der Schule von bewaffnetem Sicherheitspersonal bewacht werden müssen? In dem Sie das Risiko eingehen, auf offener Strasse beschimpft oder attackiert zu werden, wenn Sie ein Zeichen Ihres Glaubens tragen? In dem Ihre Kinder an der Universität beleidigt und eingeschüchtert werden, aufgrund von Dingen, die in einem anderen Teil der Welt passieren? In dem Ihre Kinder angebrüllt und zum Schweigen gebracht werden, wenn sie ihre Sicht der Dinge darlegen?

Das passiert Juden in ganz Europa. In jedem einzelnen Land Europas, ohne Ausnahme, haben Juden Angst um die Zukunft ihrer Kinder. Wenn das so weitergeht, werden die Juden Europa weiter verlassen, bis Europa – abgesehen von den schwachen und älteren Menschen – schliesslich judenrein sein wird.

Wie konnte das passieren? Genauso, wie Viren das menschliche Immunsystem besiegen: durch Mutation. Der neue Antisemitismus unterscheidet sich auf drei Arten vom früheren. Einen Unterschied habe ich bereits erwähnt. Früher wurden die Juden aufgrund ihrer Religion gehasst, dann aufgrund ihrer Rasse und nun wegen ihres Nationalstaates. Der zweite Unterschied ist, dass das Epizentrum des alten Antisemitismus in Europa lag. Heute befindet es sich im Nahen Osten und wird von den neuen elektronischen Medien in der ganzen Welt verbreitet.

Der dritte Unterschied ist besonders besorgniserregend. Ich werde Ihnen erklären, warum. Es ist einfach, jemanden zu hassen, aber schwierig, diesen Hass öffentlich zu rechtfertigen. Wenn Menschen im Laufe der Geschichte ihren Antisemitismus rechtfertigen wollten, taten sie das, indem sie Rückhalt bei der obersten Autoritätsquelle ihrer Kultur suchten. Im Mittelalter war das die Religion. Es gab also religiösen Antijudaismus. Im Zeitalter nach der Aufklärung war es in Europa die Wissenschaft. Die tragenden Säulen waren die Naziideologie, Sozialdarwinismus und die wissenschaftliche Untersuchung von Rassen. Heute sind Menschenrechte die oberste Autoritätsquelle der Welt. Daher wird Israel – die einzige uneingeschränkt funktionierende Demokratie mit einer freien Presse und unabhängigen Justiz im Nahen Osten – regelmässig einer der fünf Todsünden des Menschenrechts bezichtigt: Rassismus, Apartheid, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ethnische Säuberung und versuchter Völkermord.

Der neue Antisemitismus ist mutiert, sodass jeder behaupten kann, kein Antisemit zu sein. „Ich bin schliesslich kein Rassist“, sagen sie. „Ich habe kein Problem mit Juden oder dem Judentum. Ich habe lediglich ein Problem mit dem Staat Israel.“ Doch während es auf der Welt 56 muslimische und 103 christliche Nationen gibt, gibt es nur einen jüdischen Staat, Israel, der lediglich 0,25 Prozent der Landmasse des Nahen Ostens einnimmt. Israel ist der einzige der 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen, dessen Existenzrecht regelmässig in Frage gestellt wird und den ein Land, der Iran, so wie viele andere Gruppen zerstört sehen möchte.

Antisemitismus bedeutet, den Juden das Recht abzusprechen, mit den gleichen Rechten wie alle anderen Menschen als Juden zu existieren. Heutzutage tritt dies in Form von Antizionismus auf. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Zionismus und Judentum, und zwischen Juden und Israelis, doch für die neuen Antisemiten gibt es diesen Unterschied nicht. Es waren Juden, nicht Israelis, die bei den Terroranschlägen in Toulouse, Paris, Brüssel und Kopenhagen getötet wurden. Antizionismus ist der Antisemitismus unserer Zeit.

Im Mittelalter wurden Juden beschuldigt, Brunnen zu vergiften, die Pest zu verbreiten und christliche Kinder zu töten, um deren Blut zu verwenden. In Nazideutschland wurden sie beschuldigt, sowohl das kapitalistische Amerika als auch das kommunistische Russland zu kontrollieren. Heute werden sie beschuldigt, sowohl den IS als auch Amerika zu steuern. All die alten Mythen wurden recycelt – von der Ritualmordlegende bis hin zu den Protokollen der Weisen von Zion. Die Karikaturen, die den Nahen Osten überfluten, sind Nachahmungen derer, die in Der Stürmer veröffentlicht wurden, einem der Hauptpropagandamittel der Nazis von 1923 bis 1945.

Die stärkste Waffe des neuen Antisemitismus ist bestechend in ihrer Einfachheit. Sie sieht so aus: Der Holocaust darf nie wieder passieren. Aber Israelis sind die neuen Nazis, Palästinenser die neuen Juden und alle Juden sind Zionisten. Daher sind die wirklichen Antisemiten unserer Zeit niemand anderes als die Juden selbst. Und dies sind keine marginalen Ansichten. Sie sind in der muslimischen Welt, auch innerhalb europäischer Gemeinschaften, weit verbreitet, und infizieren langsam die extreme Linke, die extreme Rechte, akademische Kreise, Verbände und sogar einige Kirchen. Nachdem Europa sich selbst von dem Virus des Antisemitismus geheilt hat, wird der Kontinent nun durch Teile der Welt neu infiziert, die keine Vergangenheitsbewältigung leisteten, wie sie nach Bekanntwerden des Holocausts in Europa stattfand.

Wie kann man etwas so absurdes glauben? Das ist ein umfangreiches und komplexes Thema, über das ich ein Buch geschrieben habe. Die einfachste Erklärung ist jedoch folgende. Wenn einer Gruppe schlimme Dinge widerfahren, stellen sich deren Mitglieder eine von zwei Fragen: „Was haben wir falsch gemacht?“ oder „Wer hat uns das angetan?“ Das gesamte Schicksal der Gruppe hängt davon ab, welche Frage sie stellt.

Wenn sich die Gruppe fragt: „Was haben wir falsch gemacht?“, übt sie Selbstkritik, was in einer freien Gesellschaft unerlässlich ist. Fragt sie: „Wer hat uns das angetan?“, hat sie sich selbst als Opfer definiert und sucht einen Sündenbock, dem sie die Schuld für all ihre Probleme geben kann. Traditionsgemäss sind das die Juden.

Antisemitismus ist eine Form kognitiven Versagens und entwickelt sich, wenn eine Gruppe das Gefühl hat, ihre Welt gerät aus den Fugen. Er trat erstmals im Mittelalter auf, als die Christen sahen, dass sie vom Islam in Gebieten, die sie als ihre eigenen betrachteten, insbesondere Jerusalem, besiegt worden waren. Das war 1096, als die Kreuzritter auf ihrem Weg ins Heilige Land in Nordeuropa Halt machten, um jüdische Gemeinden abzuschlachten. In den 1920er-Jahren trat er nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches im Nahen Osten auf. Nach Europa kehrte der Antisemitismus in den 1870er-Jahren während einer Zeit der wirtschaftlichen Rezession und eines wiederauflebenden Nationalismus zurück. Aus denselben Gründen taucht er auch jetzt wieder in Europa auf: Rezession, Nationalismus und Widerstand gegen Immigranten und andere Minderheiten. Antisemitismus entwickelt sich, wenn die Politik der Hoffnung Platz für eine Politik der Angst macht, die schnell zu einer Politik des Hasses wird.

Dabei werden komplexe Probleme auf Einfachheiten reduziert. Die Welt ist nur noch schwarz und weiss, die Schuld liegt allein bei einer Seite, die andere Seite ist das alleinige Opfer. Unter Hunderten möglichen Schuldigen wird eine Gruppe herausgepickt. Das Argument ist immer dasselbe. Wir sind unschuldig, sie sind schuldig. Um frei zu sein, müssen wir sie, die Juden oder den Staat Israel, zerstören. So beginnen die schweren Verbrechen.

Juden wurden gehasst, weil sie anders waren. Sie waren die auffälligste nicht-christliche Minderheit in einem christlichen Europa. Heute sind sie die auffälligste nicht-muslimische Präsenz in einem islamischen Nahen Osten. Beim Antisemitismus ging es schon immer um die Unfähigkeit einer Gruppe, Platz für Ver­schie­den­ar­tig­keit zu schaffen. Keine Gruppe, die so handelt, wird jemals und kann jemals eine freie Gesellschaft hervorbringen.

Ich höre da auf, wo ich angefangen habe. Der Hass, der mit den Juden beginnt, hört niemals bei den Juden auf. Beim Antisemitismus geht es nur zweitrangig um Juden. Hauptsächlich geht es um die Unfähigkeit einer Gruppe, Verantwortung für ihre eigenen Fehler zu übernehmen, und ihre eigene Zukunft aus eigener Anstrengung zu gestalten. Keine Gesellschaft, die Antisemitismus gefördert hat, hat es jemals zu Freiheit, Menschenrechten oder religiöser Freiheit gebracht. Jede von Hass dominierte Gesellschaft fängt damit an, ihre Feinde zu vernichten, aber zerstört letztendlich sich selbst.

Das heutige Europa ist nicht grundlegend antisemitisch. Aber es hat zugelassen, dass Antisemitismus über die neuen elektronischen Medien auf den Kontinent gelangt. Es hat nicht erkannt, dass der neue Antisemitismus anders ist als der alte. Wir befinden uns heute nicht wieder in den 1930er-Jahren. Aber wir sind nah an 1879, als Wilhelm Marr in Deutschland die Antisemitenliga gründete, an 1886, als Édouard Drumont La France Juive veröffentlichte, und an 1897, als Karl Lueger Bürgermeister von Wien wurde. Dies sind Schlüsselmomente der Verbreitung des Antisemitismus, und alles, was wir tun müssen, ist uns zu erinnern, dass was damals über die Juden gesagt wurde, heute über den jüdischen Staat gesagt wird.

Die Geschichte der Juden in Europa war nicht immer glücklich. Die Behandlung der Juden in Europa hat dem Vokabular der Menschheit neue Begriffe hinzugefügt: Disputation, Zwangskonvertierung, Inquisition, Vertreibung, Autodafé (portugiesisch auto-da-fé, „Glaubensgericht“, von lateinisch actus fidei, „Glaubensakt“, Anm.d.Red.), Ghetto, Pogrom und Holocaust – Wörter, die mit den Tränen und dem Blut von Juden geschrieben wurden. Trotz alledem liebten die Juden Europa und brachten einige seiner grössten Wissenschaftler, Schriftsteller, Akademiker, Musiker und modernen Denker hervor.

Wenn sich Europa wieder auf den Weg des Antisemitismus führen lässt, wird das die Geschichte sein, die man sich in der Zukunft erzählt. Zuerst waren es die Juden. Dann die Christen. Dann die Homosexuellen. Dann die Atheisten. Bis von Europas Seele nur noch eine ferne, verblassende Erinnerung übrig war.

Ich habe heute versucht, denen eine Stimme zu geben, die keine haben. Ich habe im Namen der ermordeten Roma, Sinti, Homosexuellen, Andersdenkenden, geistig und körperlich Behinderten und der anderthalb Millionen jüdischen Kinder, die wegen der Religion ihrer Grosseltern ermordet wurden, gesprochen. In ihrem Namen sage ich zu Ihnen: Sie wissen, wo dieser Weg hinführt. Gehen Sie ihn nicht noch einmal.

Sie sind die Führer Europas. Die Zukunft des Kontinents liegt in Ihren Händen. Wenn Sie nichts tun, dann gehen die Juden, die europäische Freiheit wird begraben und der Name Europa wird für alle Ewigkeit moralisch befleckt sein.

Setzen Sie dem Ganzen jetzt ein Ende, solange es noch geht.

http://www.audiatur-online.ch/2016/10/11/der-mutierende-virus-antisemitismus-verstehen/

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