1943 reist Walt Disney durch Nazideutschland

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Vor 80 Jahren: Walt Disney reist durch Nazideutschland

Von Rolf Giesen | Veröffentlicht am 05.07.2015

Anfang der 80er-Jahre lief in einigen Berliner Kinos der Film „Donald und die Nazis“ und er legte gutes Zeugnis für die Anti-Nazi-Gesinnung von Walt Disney ab. Während des Zweiten Weltkriegs, 1943, hatte der Donald Duck in dem animierten Albtraum „Der Fuehrer’s Face“ als „Zwangsarbeiter“ in eine Rüstungsfabrik nach Nazi-Deutschland geschickt.

In „Education for Death“ hatte er gezeigt, wie Kindern Nazi-Ideologie eingetrichtert wird und sie zu Kanonenfutter mutieren. In „Victory through Air Power“ hatte er sich für Langstreckenbomber eingesetzt und Flächenbombardements gegen Nazi-Deutschland postuliert. Da es Disney wegen des Verlustes der europäischen Märkte im Krieg nicht gut ging, war er auf Aufträge durch die Armee angewiesen und musste sich mit solchen Lehrfilmen über Wasser halten.

Aber wie tickte Walt Disney wirklich?

War er, wie Meryl Streep öffentlich bei einer Gala in New York im Januar letzten Jahres behauptete, ein bigotter Rassist, der antisemitische Seilschaften unterstützte? Fakt ist, dass Disney, trotz Hollywood-Boykotts, Leni Riefenstahl am 8. Dezember 1938 empfing.

Art Babbitt, einer von Disneys Spitzenzeichnern und Schöpfer der Figur Goofy, der nach einem Streik gegen Disney im Zorn aus der Firma geschieden war, behauptete, Disney und sein Anwalt Gunther Lessing hätten Kontakte zu Fritz Julius Kuhn, Führer des nazistischen „German American Bund“, unterhalten. Nachzuweisen ist das aber nicht.

Tatsache ist: 1935 unternahmen Disney und sein Bruder Roy einen Europa-Trip, den der Franzose Didier Ghez in seinem neuen Buch „Disney’s Grand Tour“ recherchiert hat. An Bord der „Normandie“ ging es von New York nach England und Schottland, dann nach Frankreich, von dort nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz, zum Schluss nach Italien, wo der Außenminister Graf Ciano und seine Frau, Mussolinis Tochter, die illustren Gäste hofierten. Disney traf auch Mussolinis Ehefrau und – vermutlich – den Duce selbst.

Am 7. Juli 1935 in München

Vor genau 80 Jahren sind die Disneys dann in Deutschland angekommen. Von Baden-Baden fuhren sie im Auto durch den Schwarzwald, via Freiburg, Ulm und Augsburg nach München, wo die kleine Reisegruppe inklusive Walts Frau am Sonntag, dem 7. Juli, eintraf und im Hotel „Grand Continental“ abstieg.

Gleich am Montag trafen sich die Disneys mit leitenden Angestellten der Bayerischen Filmgesellschaft, die damals ihre in Deutschland bevorzugte Verleihfirma war. Des Weiteren besuchten die Disneys eine Veranstaltung der Reichsfilmkammer und beehrten eine Aufführung des 1934 von der Bayerischen Filmgesellschaft zusammengestellten Kurzfilmprogramms „Die lustige Palette – Im Reiche der Micky Maus“ mit ihrer Anwesenheit.

In einem Stück des amerikanischen Bühnenautors John J. Powers („Disney in Deutschland“) wird sogar ein Treffen mit Hitler selbst insinuiert. Hitler war ein ausgesprochener Disney-Fan, aber es gibt keine Belege, dass Disney einen Abstecher nach Berlin gemacht hätte, und auch in den Akten der Reichskanzlei ist kein Besuch des Amerikaners vermerkt.

Einkaufen bei Hugendubel

Stattdessen streifte Walt Disney durch Münchner Buchhandlungen, Chr. Kaiser im Rathaus und H. Hugendubel, und kaufte en masse Bildbände und Kinderbücher ein, in Deutschland nicht weniger als 149 Bücher.

Die Liste ist erhalten geblieben: Wilhelm Busch, Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“, „Ringa Ringa Reia“, illustriert von Ida Bohatta-Morpurgo, „Fahrt ins Blumenland“ und „Des Wiesenmännchens Brautfahrt“, illustriert von Else Wenz-Viëtor, „Der Deutsche Wald und seine Vögel“, Ernst Kreidolfs „Blumenmärchen“, „Der kleine Häwelmann“, „Das Stuttgarter Hutzelmännlein“, „Deutsche Maler-Poeten“ von Georg Jacob Wolf, „Das Spitzwegbuch“ und andere, vor allem von den Brüdern Grimm, darunter auch eine Ausgabe von „Schneewittchen“.

Disney drehte Hitlers Lieblingsfilm

Denn Disney plante einen neuen Film, keine weitere „Silly Symphony“, sondern einen langen, einen abendfüllenden Film, einen deutschen Film, der Hitlers Lieblingsfilm werden sollte und den er sich wieder und wieder auf dem Obersalzberg vorführen ließ: „Snow White and the Seven Dwarfs“.

Es gab Ende der Dreißigerjahre sogar schon eine deutsch synchronisierte Fassung, die – bitterböse Ironie der Geschichte – unter der Regie des dann 1944 in Auschwitz ermordeten Kurt Gerron mit teils jüdischen Emigranten in Disneys Auftrag in Amsterdam hergestellt worden war.

Adolf Hitler mit Reichspropagandaminister Joseph Goebbels (r. ) bei einem Spaziergang am Obersalzberg bei Berchtesgaden. Der „Führer“ liebte Disney-Filme, der Reichspropagandaminister gründete 1941 die Deutsche Zeichenfilm GmbH, die den Zweck hatte, Disney auf seinem eigenen Terrain zu schlagen.

Adolf Hitler mit Reichspropagandaminister Joseph Goebbels (r. ) bei einem Spaziergang am Obersalzberg bei Berchtesgaden. Der „Führer“ liebte Disney-Filme, der Reichspropagandaminis

Adolf Hitler mit Reichspropagandaminister Joseph Goebbels (r. ) bei einem Spaziergang am Obersalzberg bei Berchtesgaden. Der „Führer“ liebte Disney-Filme, der Reichspropagandaminister gründete 1941 die Deutsche Zeichenfilm GmbH, die den Zweck hatte, Disney auf seinem eigenen Terrain zu schlagen.

Adolf Hitler mit Reichspropagandaminister Joseph Goebbels (r. ) bei einem Spaziergang am Obersalzberg bei Berchtesgaden. Der „Führer“ liebte Disney-Filme, der Reichspropagandaminister gründete 1941 die Deutsche Zeichenfilm GmbH, die den Zweck hatte, Disney auf seinem eigenen Terrain zu schlagen.

Quelle: Walter Frentz

Zwei Filmgesellschaften buhlten im Verlauf des Jahres 1938 um die deutschen Verleihrechte von „Schneewittchen“, die Bavaria, die aus der Bayerischen Filmgesellschaft hervorgegangen war, und die Ufa; doch die Verhandlungen verliefen im Sande, nicht nur der hohen Devisenforderungen wegen, sondern auch weil sich das Verhältnis zwischen Hollywood und Berlin nach den Novemberpogromen zusehends verschlechterte.

Bis Kriegsende war „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ nur in internen, vom Propagandaministerium zu „Studienzwecken“ genehmigten Vorführungen zu sehen.

Goebbels’ deutsche Disney-Konkurrenz

Unter den Zuschauern befanden sich auch zahlreiche Mitglieder der von Goebbels 1941 ins Leben gerufenen Deutschen Zeichenfilm GmbH, die nur zu einem einzigen Zweck gegründet worden war: Disney auf seinem eigenen Terrain zu schlagen und animierte Kinofilme wenigstens für den europäischen Raum herzustellen, die es mit der Qualität der amerikanischen Produktionen wie „Gullivers Reisen“ und „Pinocchio“ aufnehmen konnten.

Dem Unternehmen war trotz hoher Ansprüche, solider Finanzierung und einer riesigen Lehrwerkstatt, in der künftiges Personal ausgebildet wurde, kein Erfolg beschieden. Unter Leitung des von Goebbels persönlich eingesetzten Betriebsleiters Karl Neumann entstand mit „Armer Hansi“ gerade mal ein farbiger Kurzfilm: Ein entflogener Kanarienvogel erlebt in der Freiheit lebensgefährliche Abenteuer und ist heilfroh, am Ende wieder sicher im Käfig zu sitzen.

Zu Besuch in Neuschwanstein

Auch wenn es nicht zur für „Fantasia“ bereits geplanten Episode eines Walkürenritts nach Richard Wagner kam, ziehen sich deutsche Motive durch die gesamte Disney-Produktion: Gepettos Dorf in „Pinocchio“ sieht ein wenig aus wie Rothenburg ob der Tauber, und über der „Nacht auf dem kahlen Berge“ thront, inmitten von Baldung Griens Hexen, ein gigantischer Teufel wie Emil Jannings in Murnaus Stummfilm-„Faust“ von 1926.

Zweimal verfilmte Disney nach dem Krieg Erich Kästner. Und 1955 griffen er und Wernher von Braun im amerikanischen Fernsehen nach den Sternen und machten die Idee der Raumfahrt beim amerikanischen Steuerzahler unter den Titeln „Man in Space“ und „Man and the Moon“ populär.

Bevor Disney 1935 Deutschland über Lindau am Bodensee verließ, machte er noch einen Abstecher nach Neuschwanstein. Das bayrische Disneyland König Ludwigs II. sollte zum Vorbild des Cinderella-Schlosses werden und zum Wahrzeichen des amerikanischen Disneyland.

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Zeichentrick: Disney in Naziland

Zentralrat der Juden in Deutschland K.d.ö.R.

Vor 80 Jahren war er gerade wieder abgereist: Walt Disney, damals 34 Jahre alt und die neueste Verkörperung des amerikanischen Traums. Mitte der 20er-Jahre hatte er die Disney-Studios gegründet – und war für die nächsten Jahrzehnte der einzige Nichtjude unter Hollywoods Studiobossen. Mit seiner Figur Micky Maus feierte er bald darauf erste Welterfolge, aber als Disney im Sommer 1935 eine große Europareise unternahm, die ihn Anfang Juli auch ins Deutsche Reich führte, hatte er nur Kurzfilme, jedoch noch keinen abendfüllenden Spielfilm gedreht. Mit seinem Besuch in Hitlers Deutschland suchte er genau hierfür Inspiration.

Dabei hatte der Flirt zwischen Disney und Hitler keineswegs harmonisch begonnen: »Blonde, freisinnige, deutsche Stadtjugend am Gängelband des Finanzjuden. Hinaus mit dem Ungeziefer! Herunter mit der Micky Maus, steckt Hakenkreuze auf!« – so hetzten manche Nazi-Zeitungen, in diesem Fall das pommersche NSDAP-Blatt »Die Diktatur«, während der Weimarer Republik gegen Micky Maus, die erfolgreichste Erfindung des amerikanischen Zeichners und Animationsfilmmagiers Walt Disney. Sie wussten ganz offensichtlich nicht, dass ihr eigener »Führer« Adolf Hitler schon in der Zeit vor der Machtergreifung zu den glühendsten deutschen Micky-Maus-Fans gehörte, wie auch der Kinonarr und zukünftige Propagandaminister Joseph Goebbels.

»Zappeljude« Micky Maus war eine Erfindung der 20er-Jahre. Angeblich wurde die Figur in Charakter und Bewegungsablauf Charlie Chaplins Tramp nachempfunden – jenes Chaplin, der zwar kein Jude war, von den Nazis aber als »Zappeljude« verunglimpft wurde. Chaplins Figuren waren in jeder Hinsicht das Gegenbild aller NS-Ideale, und auch Micky Maus war in ihrer frühen Glanzzeit, den späten 20er- und den 30er-Jahren, ein klassenübergreifendes Idol, das keineswegs Nazi-Normen entsprach: »Ein Tier, das im Jazz-Rhythmus lebt«, lobte eine deutsche Kritik 1930, »jeder Schritt ein Step, jede Bewegung … musikalisch.«

Als die Nazis an der Macht waren, wurden Disney-Filme aber keineswegs verboten, sondern liefen – wie übrigens viele Hollywoodfilme – bis Anfang der 40er-Jahre in deutschen Kinos. Mit bezeichnenden Ausnahmen: Micky im Schützengraben mit seinen Weltkriegsanspielungen wollten schon die demokratischen Zensurbehörden 1930 dem deutschen Publikum nicht zumuten. Vieles aber wurde gezeigt, zumal Micky Maus selbst den sympathischen Anarchismus der Anfangsphase bald ablegte und zu einem Vertreter von Ordnung und Kontrolle mutierte: Micky Maus war ein Besserwisser und Saubermann, der Frack trug und immer gewann.

Das passte den neuen Machthabern: 1934 stellte die Bayerische Filmgesellschaft ein Kurzfilmprogramm unter dem Titel »Die lustige Palette – Im Reiche der Micky Maus« zusammen. Bis zu fünfmal täglich zeigten die Lichtspielhäuser der Nazizeit die 50 Trickfilme, die die Filmprüfstelle passierten.

1935 unternahm Walt Disney mit seiner Frau und seinem Bruder Roy dann eine Europa-Reise, die der Franzose Didier Ghez in seinem Buch Disney’s Grand Tour rekonstruiert. Per Ozeandampfer ging es für Disney zunächst nach England, dann über Schottland und Frankreich nach Deutschland, später über Österreich und in die Schweiz nach Italien. In Rom trafen die Disneys nicht nur den Papst, sondern sie dinierten mit dem faschistischen Außenminister Graf Ciano und seiner Frau, Mussolinis Tochter, sowie Mussolinis Ehefrau und – vermutlich – dem Duce selbst.

Hitler oder Goebbels begegnete Walt Disney dagegen mutmaßlich nicht. Die Disneys fuhren über Baden-Baden und den Schwarzwald nach München, wo sie im Hotel Grand Continental wohnten, nur wenige Minuten vom Marienplatz entfernt. Dort trafen sie sich mit Vertretern der deutschen Filmwirtschaft und der Reichsfilmkammer – es war also auch ein Geschäftsbesuch.

Vor allem aber ging es um Inspiration: Seit 1932 arbeitete Disney an dem Projekt, aus dem deutschen Märchen Schneewittchen seinen ersten Kinospielfilm zu machen. So reiste er durchs Voralpenland, sah den Starnberger- und den Ammersee und besuchte das Märchenschloss Neuschwanstein, das später Vorbild sowohl für die Grimm-Verfilmung Cinderella wie auch für Fantasia werden sollte – und heute Wahrzeichen von Disneyland ist.

Darüber hinaus flanierte Walt Disney ausgiebig durch Münchner Buchläden und kaufte dort genau 149 Kinder- und Bilderbücher. Die von Ghez präsentierte Liste führt unter anderem den Struwwelpeter, Bände von Wilhelm Busch, den Brüdern Grimm sowie Des Wiesenmännchens Brautfahrt und Der Deutsche Wald und seine Vögel an.

Nachdem Snow White and the Seven Dwarfs dann 1937 herauskam, ließ ihn sich auch Hitler immer wieder in seinem Heimkino auf dem Obersalzberg vorführen – es wurde Hitlers Lieblingsfilm. Bis Kriegsende war er aber öffentlich nur in internen, vom Propagandaministerium zu »Studienzwecken« genehmigten Vorführungen zu sehen. Und das, obwohl Disney Ende der 30er-Jahre in Amsterdam eine deutsche Synchronfassung herstellen ließ – ausgerechnet unter der Regie des später ermordeten Emigranten Kurt Gerron.

Zu Weihnachten 1937 schenkte Joseph Goebbels seinem Chef 18 Micky-Maus-Filme und notierte stolz in seinem Tagebuch: »Er freut sich sehr darüber. Ist ganz glücklich über diesen Schatz, der ihm hoffentlich viel Freude und Erholung spenden wird.«

Sympathie Was aber dachte Walt Disney über die Nazis? Offenkundig hatte er wenig Berührungsängste. Auch kümmerte er sich nicht um den Stimmungsumschwung in den USA, der spätestens mit der Pogromnacht 1938 einsetzte. Im November 1938 war NS-Regisseurin Leni Riefenstahl gerade in den USA und vermarktete ihren Olympia-Film über die Propagandaspiele von 1936. Während viele ihr bereits die kalte Schulter zeigten, empfing sie Walt Disney freundlich.

Sagt es nun mehr über die Nazis, dass sie Disney mochten, oder mehr über Disney, dass ihn Hitler und Goebbels mochten? Fakt ist, dass in Disney-Filmen ein verklärtes Weltbild dominiert, dessen Bildsprache stark von deutschen Heimatidyllen geprägt ist. Schneewittchen ist ein »Schwarzwaldmädel«. Auch kämpften Micky und die pfiffigen sieben Zwerge lange nicht gegen Hitler – ganz anders als Superhelden wie Captain America, Superman und Batman. Sie alle besiegten Hitler schon vor Amerikas Kriegseintritt im Jahr 1941.

Nach Pearl Harbor leistete dann ganz Hollywood Entertainment-Kriegsdienst. Feinsinnige Satire, wie sie Ernst Lubitsch in Sein oder Nichtsein 1940 zeigte, war nicht mehr gefragt, und auch Disney konnte sich dem öffentlichen Druck nicht entziehen: Micky Maus und die drei Schweinchen traten gegen einen bösen Wolf an, der eine unübersehbare Ähnlichkeit mit Hitler hatte. The Fuehrer’s Face hieß dann 1943 einer der wichtigsten Anti-Nazi-Propaganda-Filme. Spät. Zu spät?

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/23112

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Zeitlebens inszenierte sich Walt Disney (1901-1966) als Saubermann. Dabei hatte er dunkle Seiten, über die sich der Disney-Konzern bis heute ausschweigt. Einen kritischen Blick auf den Unterhaltungspionier zur Free-TV-Premiere von «Das Dschungelbuch».

Porträt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Disneys Kontrollsucht und Pedanterie wird selten bestritten. Darüber, ob er Rassist war, ist man sich nicht einig. Library of Congress Prints and Photographs Division

Im 2001 erschienenen Roman «Der König von Amerika» sitzt ein Zeichner von Walt Disney im Gefängnis. Dort schreibt er über seinen kürzlich verstorbenen Ex-Boss und schildert dabei insbesondere die «dunklen» Seiten des genialen Geschäftsmannes. Ein knausriger Arbeitgeber und Ideenklauer sei er gewesen, rabiater Antikommunist und glühender Befürworter des Krieges in Vietnam, schimpft er.

Der österreichisch-amerikanische Autor Stephan Jungk nähert sich dem Phänomen Walt Disney, indem er aufwändig recherchiert Biografisches mit Zugeschriebenem, Gerüchten, Legenden und idealisierten Selbstbildern vermengt. «Enthüllungen» legt er dabei konsequent in den Mund der fiktiven Figur des Zeichners und tarnt die Biografie so als Roman. Dabei ist ein reizvolles Spiel zwischen Fakt und Fiktion entstanden, das es dem Leser überlässt, dem «König von Amerika» auf die Schliche zu kommen.

Meryl Streep vs. Walt Disney

Ausschnitt aus «Mary Poppins»

1:25 min, vom 27.3.2014

P. L. Travers (1899-1996), jene australische Autorin, die es wagte, sich gegen die Disneyfizierung ihres Kinderbuches «Mary Poppins» zu wehren, hatte gleichfalls wenig übrig für Onkel Walt. Doch im Film «Saving Mr. Banks», der diese Konfrontation zum Thema hat, wandelt sich das Verhältnis von Abneigung in Respekt, so dass zum Schluss tränenreich Versöhnung zelebriert werden kann.

Daran stiess sich Oscarpreisträgerin Meryl Streep. Im Januar 2014, während einer Laudatio auf Emma Thompson, Darstellerin von P. L. Travers, nannte sie Disney einen von «rassistischen, antisemitischen und frauenfeindlichen Neigungen» getriebenen Mann.

Kontrollsüchtig und pedantisch

Disneys Kontrollsucht und Pedanterie wird selten bestritten. Ob er Rassist war, Antisemit oder Frauenfeind, darüber gehen die Meinungen auseinander. Das erstaunt nicht, inszenierte sich Disney doch zeitlebens (1901-1966) als ein den Niederungen des Alltags enthobener Saubermann. Sorgfältig nährten er und sein Konzern die Legende vom genialen, aber letztlich unpolitischen Unterhaltungspionier, dessen Karriere allein die Frucht von visionärem Fortschrittsoptimismus und einem unbeugsamem Glauben an sich gewesen sei.

Kulturimperialist Mickey Mouse

Walt Disney in Genf, Filmwochenschau vom 22.8.1952

0:19 min, vom 11.4.2014

Verhindern konnte Disney dennoch nicht, dass an seinem Märchenonkel-Image gekratzt wurde. So rechneten in den USA immer mal wieder Ex-Mitarbeiter mit einem als tyrannisch und knauserig empfundenen Disney ab (nachzulesen u.a. in Marc Eliots unautorisierter Biografie «Walt Disney: Hollywood’s Dark Prince»).

Auf der anderen Seite sahen Kritiker der Massenkultur sowie Vordenker der antikolonialen Befreiungsbewegung Walt Disney als Agenten jener US-imperialistischen Kulturindustrie, die mit zuckersüssen Trickfilmfiguren, einem Imperium aus TV-Shows, Vergnügungsparks und Comic-Heftchen die Menschen in willenlose Konsumzombies zu verwandeln trachtete.

Nazi, Antisemit und Rassist?

Zu Disneys behauptetem totalitären Charakter passen denn auch die Gerüchte um angebliche Sympathien für die Nazis. So soll – was nicht bewiesen ist – Walt Disney in den 1930er-Jahren an US-Nazi-Treffen teilgenommen haben. Tatsächlich stattgefunden hat aber das Treffen mit Hitlers Lieblingsfilmerin Leni Riefenstahl nach 1938, als sie von Hollywood bereits boykottiert wurde. Und war da nicht der 1933er-Trickfilm «Die drei kleinen Schweinchen», in dem der böse Wolf in einer ersten Fassung als hinterhältiger jüdischer Hausierer charakterisiert wurde – ein klar antisemitischer Stereotyp?

Fröhliche Sklaven und Kommunistenfresser

Ausschnitt aus «dem Dschungelbuch»

1:50 min, vom 27.3.2014

Ab den 1940er-Jahren lassen sich in Disneys Zeichentrickfilmen auch Stereotypen finden, die auf Afro-Amerikaner zielen. So etwa die schwarzen Krähen in «Dumbo» (1941) oder die fröhlichen Sklaven in «Onkel Remus‘ Wunderland» (1946).

Aufschlussreich ist auch, dass Disney, der bis zu seiner letzten Trickfilmproduktion «Das Dschungelbuch» als einzige und letzte Entscheidungsinstanz fungierte, die sieben Zwerge aus «Schneewittchen» (1937) bei Meetings jeweils als «Niggerhaufen» bezeichnet haben soll. Dass er 1944 den antijüdischen Branchenverband MPAPAI mitgründete, der zudem in den 1950er-Jahren Senator McCarthy bei seiner Kommunisten-Hatz tatkräftig unterstützte, war für Disneys Kritiker nicht nur Indiz für dessen Hass auf die Linke, sondern ein weiterer Beleg für seine Probleme mit Juden. Frauen schliesslich mochte der Filmmogul allenfalls als billige Handlangerinnen akzeptieren. Gestalterisch hatten sie in seinen Augen in seinem Studio nichts verloren.

Braver Antifaschist?

Vier Männer stehen um eine Staffelei herum, einer sitzt davor. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Walt Disney (rechts) mit seinen Zeichnern Milt Kahl, Marc Davis, Frank Thomas (links nach rechts) und Ollie Johnston. Keystone

Disneys Verteidiger – unter anderem Neal Gabler, dem für seine 2006 erschienene Disney-Biografie erstmals ungehindert Zutritt zu allen Disney-Archiven gewährt wurde – führen dagegen ins Feld, dass seine Studios während des Krieges zahlreiche klassische Anti-Nazi-Zeichentrickfilme herstellten, wie beispielsweise 1943 «The Fuehrer’s Face». Seine angeblichen Nazi-Sympathien werden als aus dem historischen Kontext gerissen dargestellt, das Treffen mit Riefenstahl als Interesse eines unpolitischen Naivlings an deren revolutionären Filmen.

Von Antisemitismus wiederum sei bei Disney, zumindest im Umgang mit seinen jüdischen Studiomitarbeitern, nichts zu spüren gewesen. Und sollte es tatsächlich eine Abneigung gegeben haben, so habe sich Disney mit dieser Einstellung im Bereich eines auch in den USA weit verbreiteten alltäglichen Antisemitismus bewegt.

Ein «doppelgesichtiger Megalomaniac»

Stephan Jungk, Autor des Eingangs erwähnten Romans, beschreibt in einem Interview die Schwierigkeiten, Disney hinter dem ikonischen Mr. Perfect mit all seinen Facetten erfassen zu können. Sein Fazit: Disney war ein doppelgesichtiger Megalomaniac, unfähig zu tieferen menschlichen Beziehungen, gleichgültig gegenüber Frauen und endlos fasziniert vom Gedanken, mit seinen Produktionen tief in die Köpfe der Menschen jeglicher couleur eingedrungen zu sein. Und sie mehr als jeder Politiker zu beeinflusst zu haben.

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