Wen kümmert´s, wer spinnt? Gedanken zum Schreiben und Lesen im Hypertext

Wen kümmert´s, wer spinnt?

von Uwe Wirth

In: Hyperfiction. Hyperliterarisches Lesebuch: Internet und Literatur [mit CD-ROM], hrsg. von Beat Suter und Michael Böhler, Stroemfeld / Nexus, Basel u. Frankfurt a.M. 1999, S. 29 – 42.

„Text heißt Gewebe; aber während man dieses Gewebe bisher immer als ein Produkt, einen fertigen Schleier aufgefaßt hat, hinter dem sich, mehr oder weniger verborgen, der Sinn (die Wahrheit) aufhält, betonen wir jetzt bei dem Gewebe die generative Vorstellung, daß der Text durch ein ständiges Flechten entsteht und sich selbst bearbeitet; in diesem Gewebe – dieser Textur – verloren, löst sich das Subjekt auf wie eine Spinne, die selbst in die konstruktiven Sekretionen ihres Netzes aufginge“ (Barthes 1986: 94).

Dieses Zitat von Roland Barthes aus Die Lust am Text enthält so etwas wie das Programm des Schreibens und Lesens von Hypertexten. Da ist zunächst das Bild des Netzes, genauer, des „Web“, das als ständig im Entstehen begriffenes Gewebe gefaßt wird. Auch der Hypertext ist, zumindest der Theorie nach, „ständig im Entstehen begriffen“, ein Netz von Verknüpfungen. Die Spinne, die sich in ihrem eigenen Saft auflöst und sich dergestalt als entsubjektivierte Netzerzeugerin zum Verschwinden bringt impliziert die These vom Tod des Autors – Stichwort: „wen kümmert´s wer spinnt?“

Der Tod des Autors, so schreibt Barthes in seinem kurzen gleichnamigen Essay aus dem Jahr 1968, ist Voraussetzung für die Geburt des Lesers: „(…) the birth of the reader must be at the cost of the death of the author“ (Barthes 1977: 172). Der Grund dafür, daß der Leser die Funktion des Autors übernimmt liegt darin, daß „die Einheit eines Textes nicht durch ihren Ursprung, sondern in ihrem Ziel begründet ist („a text´s unitiy lies not in its origin but in its destination“ (Barthes 1977: 171)). Das bedeutet: Die „kohärenzstiftende Funktion des Autors“, wie sie ein Jahr später auch Foucault in „Was ist ein Autor?“ beschreibt, verliert in dem Maße an Relevanz, in dem der Leser zur einheitsstiftenden Instanz wird. Ich möchte im folgenden einige Konsequenzen der Gleichsetzung von Leser und Autor beleuchten und der Frage nachgehen, welche Haltungen der Leser von Hypertexten einnehmen kann.

„In cyberspace“, schreibt Benjamin Whooley „everyone is an author, which means no one is an author: the distinction from the reader disappears“ (Whooley 1992: 165). Am Ende der Gutenberggalaxis, so scheint es, „löst sich die Frage Was ist ein Autor? im Dokuverse auf“ (Bolz 1993). Es entstehen, wie Bolz schreibt, „unautorisierte, nämlich autorenlose Texte, die sich gleichsam im Lesen schreiben“. Anders als bei Barthes löst sich bei Bolz nicht mehr nur der Autor, sondern sogar die Frage nach dem Autor auf.

Die Tatsache, daß wir „gleichsam im Lesen schreiben“ bedeutet jedoch noch nicht, daß der Leser Autor ist. Die Stelle des Autors wird nach Barthes nämlich nicht nur vom Leser übernommen, sondern auch vom Schreiber. Der „Scriptor“ wird von Barthes auf zweierlei Art charaterisiert: einmal als Totengräber des Autors, zum anderen als Schreiber, der zugleich mit dem Text, also im Akt des Schreibens, geboren wird: „the modern scriptor is born simultaneously with the text“ (Barthes 1977: 170). Auch bei Foucault wird zwischen der Funktion des Autors und der des Schreibers unterschieden: „Ein Privatbrief kann einen Schreiber haben, er hat aber keinen Autor; ein Vertrag kann wohl einen Bürgen haben, aber keinen Autor. Ein anonymer Text, den man an einer Hauswand liest, wird einen Verfasser haben, aber keinen Autor“ (Foucault 1993: 17). So besehen sind die sogenannten Autoren von e-mails bloße „Schreiber“. Gilt dies womöglich auch für die Mitschreiber an kollaborativen Texten?

Doch nicht nur die Frage nach dem Autor wirft Probleme auf, sondern auch die Frage nach dem Leser. Wenn man die These vom „Leser als Autor“ ernst nimmt, dann muß man fragen, ob sich der Leser, der die Funktion des Webens, Spinnens und Verknüpfens übernimmt, nicht ebenfalls auflöst. Tatsächlich geht Barthes davon aus, daß die Einheit des Textes durch eine überpersönliche Leserfunktion gestiftet wird: „the reader is without history, biography, psychology; he is simply someone who holds together in a single field all the traces by which the written text is constituted“ (Barthes 1977: 171). Was wird aber dann aus der vielbeschworenen Kreativität des „Wreaders“, des mit-schreibenden Lesers? Hieran schließen sich zwei weitere Fragen an, nämlich 1. Wie läßt sich die überprersönliche Funktion des Lesers als Autors begreifen? 2. Inwiefern ist die einheitsstiftende Funktion des Autors, die auf den Leser übergeht für Literatur im Internet überhaupt noch relevant?

Leser und Autor im Hypertext

Insofern Hypertext und Literatur im Internet durch den Verlust des einheitsstiftenden Buch- und Werkcharakters ausgezeichnet sind, bedeutet dies, daß der Leser die einheitsstiftende Funktion des Autors nicht einfach übernimmt, sondern auf eigentümliche Weise transformiert. Aber wie?

Nach Eco ist der moderne Text kein fertiges Produkt, sondern ein Prozeß, „dessen Interpretation Bestandteil des eigentlichen Mechanismus seiner Erzeugung sein muß“ (Eco 1987a: 66). Die Mitarbeit des Lesers wird durch die „Textmaschine“ eingeplant. In diesem Sinne braucht jeder Text einen Interpreten, der ihm dazu verhilft, zu funktionieren. Der Text ist, mit Iser zu sprechen, ein „Appell“ an den Leser, aktiv zu werden, nämlich die eingebauten Leerstellen zu ergänzen und Anschlußmöglichkeiten an andere Texte zu suchen. Dergestalt eröffnet die Leerstellenstruktur, wie es bei Iser heißt, ein „Geflecht möglicher Verbindungen“. Mit anderen Worten: Der Text ist kein fertiges Gewebe, sondern eine Webmaschine, die es nicht kümmert, wer webt. Jeder Leser bringt sozusagen sein eigenes Garn – und wenn er hat, einen roten Faden – mit. Während die Leerstellen herkömmlicher Buchtexte diskrete, unmarkierte Elemente sind, „deren Reiz darin besteht, daß (…) der Leser die unausformulierten Anschlüsse selbst herzustellen beginnt“ (Iser 1984: 297), stellen die Links des Hypertextes markierte Anschlüsse dar, bei denen man nur die Wahl hat, ob man ihnen folgt oder nicht.

Die poetische Struktur von Links gleicht, darauf hat Jay Bolter (vgl. Bolter 1997: 44f.) hingewiesen, jener Form von diskursiver Abschweifung, wie sie in Sternes „Tristram Shandy“ proklamiert wird:

„(…) die Maschinerie meines Werkes“, schreibt Shandy, ist „eine Spezies für sich; es werden zwei entgegengesetzte Bewegungen darin eingeführt und wieder vereinigt, die man für unvereinbar hielt: In einem Wort, mein Werk ist digressiv und progressiv – und das zur gleichen Zeit“ (Sterne 1985: 83).

Hypertexte sind eine Form „radikalisierten Shandyismus“. Die digressive Abschweifung ist nicht nur eine Strategie des Autors, sondern wird zur Grundhaltung des Lesers. Die „lesergesteuerte Selektion“ wird zum Programm, um sich vom „Zwang des Linearen“, also von der vorgeschriebenen Progression, zu befreien. Damit scheint das Lesen von Hypertexten jener Lektürehaltung zu entsprechen, die Barthes als „anekdotische“ bezeichnet, um sie von der „akribischen“ zu unterscheiden.

Die anekdotische Lektüre „steuert direkt auf die Wendungen der Anekdote zu, sie betrachtet die Ausdehnung des Textes“ (Barthes 1986: 19). Die akribische Lektüre, dagegen, „Läßt nichts aus; sie ist schwerfällig, sie klebt am Text“ (Barthes 1986: 19).

„Paradoxerweise“, schreibt Barthes, „gehört diese zweite, akribische Lektüre dem modernen Text, dem Grenztext. Man lese einmal langsam, man lese alles von einem Roman von Zola, und das Buch wird einem aus den Händen fallen; man lese dagegen schnell und nur diagonal einen modernen Text und dieser Text wird undurchsichtig, der Lust unzugänglich“ (Barthes 1986: 20).

Zu fragen wäre aber dann: welche Haltung soll der Leser von Hypertexten einnehmen?
Während bei linear strukturierten Texten das Überspringen und anekdotische Herauspicken von Episoden eine Form des Lesens ist, die die Autorität des Linearen unterläuft, also eine „antiautoritäre“, „anarchische“ Form des Lesens darstellt, wird das „springende Lesen“ von der Struktur des Hypertextes ja gerade eingefordert. Die Link-Struktur des Hypertextes zwingt den Leser zu springen. Insofern läßt der Hypertext, anders als der lineare, keine Möglichkeit zu, eine Lektürehaltung einzunehmen, die seine Struktur unterläuft. Der Sprung ist kein Kann, sondern ein Muß. Als permanenter Mitarbeiter am Text pendelt der Hypertext-Leser zwischen seiner Freiheit, sich selbständig zusammenzulesen, was er will, und seiner Funktion als diskursiver Kohärenzstifter, die ihn für seine Lektüre verantwortlich macht. Diese Rolle entspricht der des Herausgebers, der als erster Leser und zweiter Autor, Geschriebenes sammelt, bearbeitet und herausgibt, wobei es ihm überlassen bleibt, ob er als akribischer oder als leichtsinniger Herausgeber agiert. Hier ließe sich ein weiterer Vorläufer hypertextueller Literatur anführen: E.T.A Hoffmanns Kater Murr, der auf eigentümliche Weise Genettes These belegt, daß der Hypertext mit dem Zerreißen von Büchern beginnt (Genette 1993: 17):

„Als der Kater Murr seine Lebensansichten schrieb, zerriß er ohne Umstände ein gedrucktes Buch, das er bei seinem Herrn vorfand, und verbrauchte die Blätter harmlos teils zur Unterlage, teils zum Löschen. Diese Blätter blieben im Manuskript und – wurden, als zu demselben gehörig, aus Versehen mit abgedruckt! De- und wehmütig muß nun der ‘Herausgeber’ gestehen, daß das verworrene Gemisch fremdartiger Stoffe durcheinander lediglich durch seinen Leichtsinn veranlaßt, da er das Manuskript des Katers hätte genau durchgehen sollen, ehe er es zum Druck beförderte“ (Hoffmann 1969: 298).

Das Schreiben und das Lesen von Hypertexten impliziert eine bestimmte Art der Textverarbeitung, des „word-processing“. Die Prozesse spielen sich als „editing“ irgendwo zwischen Lesen und Schreiben ab. Die Frage nach dem Autor hat sich, ebenso wie die Frage nach dem Leser, in die nach dem Herausgeber verwandelt. Der Autor ist der Herausgeber bestimmter Textelemente, die durch den aktiven Leser zur Einheit geführt werden. Der Leser seinerseits übernimmt insofern eine auktoriale Funktion, als er der Herausgeber „seiner“ Sammlung von Lektüreerlebnissen ist, die im Extremfall nicht mehr sind als eine Sammlung von Bookmarks oder die History einer Surf-Session.

Abduktion als Logik des Lesens

In diesem Zusammenhang muß zwischen der überpersönlichen Funktion des Lesens und der individuellen Kompetenz zu lesen, unterschieden werden. Flusser nennt drei verschiedene Formen des Lesens von Texten, die zugleich verschiedene Lesemodelle für Hypertexte implizieren: „das vorsichtige Auseinanderfalten, das hastige Überfliegen und das mißtrauische Nachschnüffeln“ (Flusser 1987: 88). Dieses ist die „kritische Form des Lesens“ im Gegensatz zum „wahllosen Lesen“, das sprunghaft und assoziativ verfährt. Das wahllose Lesen ist nach Flusser bloßes „raten“ (Flusser 1987: 79). Bei dieser Gegenüberstellung von kritischem und ratendem Lesen läßt Flusser allerdings außer acht, daß das mißtrauische Nachschnüffeln als „detektivische Form des Lesens“ immer schon das Raten mit einschließt.

Der amerikanische Philosoph Charles Sanders Peirce, der Vater der modernen Semiotik und des Pragmatismus behauptete in seinem Artikel „Guessing“, daß in der Evolution des Wissens das Raten die gleiche Rolle spiele „wie die Variation in der Evolution biologischer Formen“ (Peirce 1929: 268f). Allerdings, so Peirce, sei unsere Fähigkeit erkenntniserweiternd zu raten kein bloßer Zufall, sondern „instinktgeleitet“. Den Prozeß instinktgeleiteten Ratens nennt Peirce an anderer Stelle „Abduction“. Die Abduktion ist der „Prozeß eine erklärende Hypothese zu bilden“ (Peirce: CP 5.171), genauer: eine Strategie zum effizienten Raten, die jeder von uns im Alltag praktiziert, sobald er Mutmaßungen anstellt. Ecos Meisterdetektiv William von Baskerville schildert diesen Prozeß seinem Schüler Adson folgendermaßen:

„Angesichts einiger unerklärlicher Tatsachen mußt du dir viele allgemeine Gesetze vorzustellen versuchen, ohne daß du ihren Zusammenhang mit den Tatsachen, die dich beschäftigen, gleich zu erkennen vermagst. Auf einmal, wenn sich unversehens ein Zusammenhang zwischen einem Ergebnis, einem Fall und einem Gesetz abzeichnet, nimmt ein Gedankengang in dir Gestalt an, der dir überzeugender als die anderen erscheint. Du versuchst, ihn auf alle ähnlichen Fälle anzuwenden, Prognosen daraus abzuleiten, und erkennst schließlich, daß du richtig geraten hast“ (Eco 1980: 390f).

Die Abduktion ist nicht nur die „Logik der Detektive“, sie ist auch der erste Schritt allen Forschens, weil sie die Prämissen für nachfolgenden Deduktionen und Induktionen findet oder gar erfindet. Dadurch wird der abduktive Schluß zum Herzstück der Peirceschen Wissenschaftstheorie, und erlebt momentan unter dem Namen „reasoning to the best explanation“ bzw. Expertensystem in KI-kreisen eine Renaissance. Bereits vor Jahren wies Eco daraufhin, daß die Logik der Abduktion der Logik des Lesens und Interpretierens zugrundeliegt (vgl. Eco 1987b: 45).

Voraussetzung für das Gelingen von Abduktionen ist ein detektivischer Spürsinn fürs Relevante, der, einer Kompaßnadel gleich, bei der Selektion von möglichen Hypothesen in die richtige Richtung weist. Der abduktive Schluß integriert Assoziationen in argumentative Begründungszusammenhänge. Das bloße Raten wird zur Inferenz und dient nicht mehr nur dem „wahllosen Lesen“, sondern der geistigen Navigation. Die gleiche Fähigkeit zum intelligenten Raten muß der Leser von Internet-Literatur besitzen. Er übernimmt die Rolle eines Detektivs, der die Spuren des Hypertextes liest, den Links folgt und einen plausiblen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Textfragmenten herstellt.

Die „abduktive Kompetenz“ des Lesers ist die Vorausssetzung für seine selbständige, produktive Lektüre, denn sie ist eine Umkehrung der starren, deduktiven Logik, die von allgmeinen Regeln einzelne Fälle ableitet. Sie unterscheidet sich aber auch vom induktiven Formulieren von Regeln aus der Beobachtung einzelner Fälle, da sie auf einer sehr viel schmaleren Basis von Daten und damit sehr viel schneller zu ihren Annahmen kommt.

Nach Peirce folgt die Induktion dem intellektuellen Bedürfnis, daß eine aufgestellte Hypothese geprüft und durch Erfahrung bestimmt wird, um zu einer wahrscheinlichen Verallgemeinerung zu gelangen: „It is the need of generalisation“ (CP 3.516). Die Hypothese nimmt eine provisorische Synthetisierung von Prädikaten vor, basierend auf Abstraktionen, die zur Grundlage einer plausiblen und erklärungskräftigen Theorie werden: „the need of synthesizing a multitude of predicates (…) is the need of theory“ (CP 3.516). Die Funktion einer Hypothese besteht darin, „eine große Reihe von Prädikaten, die in sich selbst keine Einheit bilden, durch ein einzelnes Prädikat zu ersetzen“, also in einer synthetisch-erkenntniserweiternden „Reduktion eines Mannigfaltigen zur Einheit“ zu bringen (Peirce 1991: 49; CP 5.276).

Angewendet auf das „Bohnen-Beispiel“, das Peirce in Deduktion, Induktion, Hypothese gibt, läßt sich der Unterschied zwischen den drei Schlußarten folgendermaßen erläutern: Angenommen, man befindet sich in einem Raum, in dem ein gefüllter Sack liegt, daneben ein Haufen weißer Bohnen. Bei einer Deduktion ist das Gesetz bereits gegeben, etwa weil der Sack die Aufschrift „Weiße Bohnen“ trägt. Sobald man hineingreift, weiß man, daß die Bohnen aus dem Sack weiß sein müssen. Der Fall („Diese Bohnen sind aus diesem Sack“) hat notwendigerweise das Resultat („Diese Bohnen sind weiß“) als Konsequenz. Bei einer Induktion steht man vor einem Sack, der keine Aufschrift trägt. Man greift hinein und hält eine Handvoll weißer Bohnen in der Hand. Man wiederholt das Experiment mit dem gleichen Resultat. Spätestens beim dritten Mal stellt man ein Gesetz auf („Alle Bohnen in diesem Sack sind weiß“), das solange gültig bleibt, bis man eine schwarze Bohne entdeckt. Dem induktiven Schluß auf die Regel geht allerdings immer schon eine hypothetische Vermutung voraus, denn die Idee, eine Verbindung zwischen den Bohnen neben dem Sack und den Bohnen im Sack herzustellen, ist nicht Teil des induktiven Schlusses. Man stellt versuchsweise das Gesetz auf, daß der Sack ebenfalls Bohnen enthält. Aufgrund eines assoziierten Zusammenhangs nimmt man an, daß die Bohnen im Sack gleichfalls weiß sind. Nun testet man, ob die Hypothese („Diese Bohnen sind aus diesem Sack“) als Fall des aufgestellten Gesetzes („Alle Bohnen in diesem Sack sind weiß“) gelten kann (vgl. Eco 1988b: 207). In diesem Sinn beruht das abduktive Aufstellen einer Hypothese auf der Transformation von Assoziationen in Implikationen. Die Hypothese ist als Assoziation möglicher Zusammenhänge die Voraussetzung für Deduktion und Induktion, sie ist eine Antizipation möglicher logischer Begründbarkeit und empirischer Prüfbarkeit.

Perspektiven der Abduktion beim Lesen von Hypertexten

Das abduktive Verfahren wirft zwei Fragerichtungen auf:

1. Wie kommen unsere Hypothesen zustande?
2. Welche Hypothese testen wir zuerst?

Peirce bezeichnet das abduktive Finden bzw. Erfinden von plausiblen Erklärungen als „logic of discovery“, als Entdeckungslogik, die konstruktive und rekonstruktive Momente verbindet. Zu fragen ist dabei natürlich, worin das Logische der Abduktion bestehen soll, denn das bloße Raten ist eine vorrationale, höchst mysteriöse Verkettung von Assoziationen – auch wenn man annimmt, es basiere auf einem „instinktgeleiteten Spürsinn“. Das Logische der Abduktion besteht nach Peirce in zweierlei: einmal darin, daß sich die Abduktion nachträglich als Argument darstellen läßt. Zum anderen darin, daß der Prozeß des ratenden Aufstellens von Hypothesen und deren Überprüfung einer äußerst rationalen Strategie folgt, nämlich dem Ökonomieprinzip, also einer pragmatischen Logik. Der Aufwand von Geld, Zeit, Gedanken, Energie – und Telephongebühren ist „the leading consideration in Abduction“ (CP 5.600). Dies bedeutet, daß jene Hypothesen zuerst geprüft werden sollen, die uns am plausibelsten erscheinen oder diejenigen, die sich am einfachsten überprüfen lassen. Umgekehrt beruht die Implausibilität einer Theorie darin, daß sie weder plausibel, noch einfach prüfbar ist. Peirce gibt folgendes Beispiel für eine solche Theorie:

„Angenommen, eine Lärche wurde vom Blitz getroffen, und jemand, der ein Liebhaber eben dieser Baumart ist, fragt sich, warum es ausgerechnet die Lärche getroffen hat und nicht einen anderen Baum, und er erhält die folgende Erklärung: Vielleicht gibt es dort oben in den Bergen einen Adlerhorst, und vielleicht hat der männliche Vogel, um sein Nest zu bauen einen Ast benutzt, in dem ein Nagel steckte. Und einer der kleinen Adler hat sich vielleicht an dem Nagel verletzt, so daß Mutter Adler Vater Adler dafür getadelt hat, daß er einen so gefährlichen Ast benutzte. Er, verärgert von ihren Vorwürfen, mag sich dazu entschlossen haben, den Ast weit weg zu bringen. Und während er unterwegs war, begann das Gewitter. Der Blitz schlug in den Nagel ein und wurde vom Eisen so abgeleitet, daß er die Lärche traf. Natürlich ist dies nur eine Annahme, aber um herauszufinden, warum der Baum getroffen wurde, sollte man sich auf die Suche nach dem Adlerhorst machen“ (CP 2.662, meine Übersetzung).

Dieser „weithergeholte“ Erklärungsversuch ist nach Peirce so unplausibel, wie man ihn sich nur vorstellen kann (CP 2.662). Zugleich handelt es sich aber um eine äußerst phantasievolle, ja kreative Abschweifung.

Tatsächlich kann abduktives Folgern auch die Form des phantastischen, abschweifenden Gedankenspiels annehmen (Peirce nennt diese spielerische Gedankenbewegung „musement“ (vgl. CP 6.460)). Sofern das Gedankenspiel ein reines Spiel bleibt, hat es nur ein Gesetz, nämlich das Gesetz der Freiheit (CP 6.458) – also auch die Freiheit zu unplausiblen, unsinnigen Ergebnissen zu führen. Andererseits bleibt die Möglichkeit offen, daß das reine Spiel in wissenschaftliches Forschen oder in künstlerische Produktivität übergeht. In diesem Transformationsprozeß steckt das kreative Potential der Abduktion. Ihre Pointe besteht darin, „das zusammenzubringen, von dem wir nie zuvor geträumt hätten, es zusammenzubringen“ (CP 5.181). Zwar waren „die verschiedenen Elemente der Hypothese zuvor in unserem Geist“, aber erst die konjekturale Idee, diese Elemente „zusammenzuwerfen“, „läßt blitzartig die neue Vermutung in unserer Kontemplation aufleuchten“ (CP 5.181). Der abduktive Einfall stellt dabei nicht nur neue Verbindungen her, sondern bewirkt als kreativer Gedankensprung eine Abkürzung von Denkprozessen.

Vergleichen wir die sprunghafte Verknüpfung durch Hypertext-Links mit dem abduktiven Gedankensprung, so könnte man sagen: Aus der Perspektive des Lesers stellt ein Hypertextlink eine Beziehung zu einem „festgeschriebenen Zieltext“ her, die von jemand anderem voraus-assoziiert wurde. Der Leser hat zwar die Möglichkeit, „eigene Wissenspfade abzuschreiten“ (Idensen 1996: 149), doch er ist nicht wirklich kreativ, er stellt nicht selbst neue Verknüpfungen her, da er lediglich fremde Assoziationen nachvollzieht.

Zum kreativen Abduzieren wird er erst dann angeregt, wenn sich die Frage stellt, warum ausgerechnet dieses Wort mit dieser Seite verlinkt wurde. Aber diese Frage impliziert bereits, daß irgendetwas nicht „instinktiv plausibel“ ist, daß man auf die Suche nach dem Adlernest in die Berge geschickt wurde. Der Leser schöpft Verdacht gegen den Linksetzer und überführt ihn entweder der überbordenden Klugheit, weil sich seine Verknüpfung als geniale Konjektur herausstellt oder aber der diskursiven Dummheit, weil sich der Link als banal und irrelevant erweist.

Im Gegensatz dazu besteht eine konstruktive, also im engeren Sinne „kreative Abduktion“ gerade darin, selbst eine assoziative Beziehung als argumentative Beziehung darzustellen und dadurch eine neue, erkenntniserweiternde, informative Beziehung herzustellen, also einen Link zu stiften, dessen Zieladresse noch kein anderer eingeschrieben hat – was freilich auch bedeutet, daß man selbst für die Link-Konjektur verantwortlich gemacht wird, also „der Kluge“ oder „der Dumme“ ist, sofern man seiner Hypothese den Status einer Behauptung gibt. Diesen Schritt bezeichnet Eco als „Meta-Abduktion“ und er besteht darin, den Mut aufzubringen, die „diskursive Verantwortung“ für seine Hypothese zu übernehmen, also die Funktion des virtuellen (also „mutigen“, da virtutis „Tapferkeit“ bedeutet) Herausgebers einzunehmen. Die kreative Abduktion läßt sich formelhaft als Transformation von Assoziation in Argumentation begreifen, d.h. als ein „Übergangsprozeß“, der sowohl auf Seiten des Zusammenlesers als auch auf Seiten des Zusammenschreibers wirksam ist. Damit wird das Abduktionskonzept anschließbar für mehrer Theorieansätze.

Für Mike Sandbote erweisen sich Hypertext und World Wide Web als genuine Medien „transversaler Vernunft“. Das auf Wolfgang Welsch zurückgehende Konzept der transversalen Vernunft läßt sich nach Sandbote in drei Grundthesen zusammenfassen, die an den eben dargestellten Übergang vom reinen Assoziationen in Argumentationen erinnern:

1. „Die Verfassung von Rationalität ist durch eine unhintergehbare Unordentlichkeit gekennzeichnet“.
2. „Vernunft ist prinzipiell fähig, diese Unordentlichkeit zu rekonstruieren und präzise zu beschreiben“.
3. „Erst wenn es der Vernunft gelingt, sich auf die unbewußten Verflechtungen der Rationalitäten produktiv einzulassen, ist sie für die Lösung gegenwärtiger Problemstellungen angemessen gerüstet“ (Sandbote 1997: 78).

Die Abduktion leistet eben diese Transformation „unbewußter Verflechtungen“ in bewußte Problemlösungsstrategien, indem sie Propositionen und Textteile wie Prämissen organisiert, also die Zwischenräume nicht nur als Kontiguitätsbeziehung interpretiert, sondern als inferentielle Verknüpfungen. Erst dann nämlich, wenn das assoziative, hypertextuelle Lesen als „einheitsstiftendes Editing“, in den Prozeß des abduktiven Hypothesenaufstellens integriert ist, wird die rhizomatische Verweisstruktur des Netzes zu einem „produktiven Feld“ des Geistes, in dem sich „Entdeckungen, Erfindungen und Innovationen abspielen“ (Idensen 1996: 149).

Die abduktive Bewegung des Verknüpfens hat die Dynamik eines idealen Hypertextes, in dem sich potentiell alles mit allem verbinden läßt, ohne deshalb beliebig zu sein. Damit gleicht das abduktive Zusammenwerfen von verschiedenen Elementen, das neue Vermutung entstehen läßt, der in Vannevar Bushs Artikel „As we may think“ vorgestellten Memex-Maschine. Die Abduktion ist, mit Bush zu sprechen: „a process of tying two items together“. Der Zusammenleser übernimmt die Funktion des Herausgebers von „interessanten assoziativen Verknüpfungen“, die er als Argument darstellt.

Darüberhinaus könnte man überlegen, ob es nicht eine gewisse Analogie zwischen der Abduktion und Derridas Derridas Konzept der „Aufpfropfung“ gibt. Auch die Bewegung der Abduktion ist im Stadium konjekturalen Zusammenwerfens noch nicht in rationale Begründungsstrukturen integriert, sondern hat den Charakter einer „Entführung“ in andere Kontexte. Und zwar gleichermaßen als produktive und als rezeptive Rekontextualisierung. Doch im Gegensatz zur Peirceschen Abduktion führt die rekontextualisierende Bewegung der Aufpfropfung von einem assoziativen Link zum nächsten, ohne die Bewegung der Assoziation jemals in eine Bewegung der Implikation umzuwandeln.

Vielleicht, so könnte man abschließend fragen, vielleicht besteht aber eben hierin die ästhetische Dimension des Lesens von Hypertext-Literatur. Vielleicht besteht die Aufgabe von Literatur im Internet darin, einen permanent abschweifenden, aufpfropfenden, entführenden, anekdotischen Leser zu schaffen, der nicht mehr in der Lage ist, seine diskursive Funktion als Einheitsstifter zu erfüllen, dessen „Lust am Hypertext“ in den verschiedenen Möglichkeiten besteht, sich seiner diskursiven Diffusion zu überlassen.

Eine dieser Möglichkeiten wäre die der fetischistischen Lektüre, die sich am zerschnitten Text und der Zerstückelung der Zitate freut (vgl. Barthes 1986: 93). Eine andere Möglichkeit, wäre die paranoiden Lektüre, die verzwickte Hypertexte so interpretiert, als seien sie nach geheimen Spielregeln hervorgebrachte Konstruktionen. Die diffuseste dieser Möglichkeiten aber wäre die hysterische Lektüre, die sich blind in den Hypertext hineinwirft, ihn zu Ende lesen will und sich deshalb im Netz des Hypertextes verfängt.

Mit anderen Worten: Vielleicht führt der von Barthes attestierte Tod der auktorialen Spinne zur Geburt eines lesenden Spinners.

Literaturhinweise

Barthes, Roland (1986), Die Lust am Text. Frankfurt. (Zuerst 1973).
Barthes, Roland (1977), „The death of the Author“ (Zuerst 1968). In: Image-Music-Text (ed. Stephen Heath). Hier zitiert im Nachdruck in Modern Criticism and Theory (1977), Ed. David Lodge.
Bolter, Jay (1997), „Das Internet in der Geschichte der Technologien des Schreibens“. In: Münker/Roesler: Mythos Internet. Frankfurt.
Bolz, Norbert (1993), Am Ende der Gutenberggalaxis, München.
Eco, Umberto (1980), Der Name der Rose. München.
Eco, Umberto (1987a), Lector in fabula. München.
Eco, Umberto (1987b), Der Streit der Interpretationen. Konstanz.
Flusser, Vilèm (1987), Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft? Frankfurt.
Foucault, Michel (1993), „Was ist ein Autor?“ (Zuerst 1969). In: Michel Foucault, Schriften zur Literatur, Frankfurt 1993.
Hoffmann, E.T.A. (1969) Lebens-Ansichten des Katers Murr, München.
Idensen, Heiko (1996), „Die Poesie soll von allen gemacht werden“. In: Literatur im Informationszeitalter. Herausgegeben von Dirk Matejovski und Friedrich Kittler. Frankfurt / New York: 143-184.
Iser, Wolfgang (1984), Der Akt des Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung. München.
Peirce, Charles Sanders, Collected Papers. Abgekürzt als (CP). Band I-VI (1931-1935), Hg. von Ch. Hartshorne und P. Weiß. Band VII und VIII (1958), Hg. von A.W. Burks. Harvard University Press.
Peirce, Charles Sanders (1929), „Guessing“.
The Hound and Horn: 267-285. Sterne, Laurence (1985), Leben und Meinungen von Tristram Shandy, Gentleman. Aus dem Englischen von O. Weith. Stuttgart.
Wingert, Bernd (1995), „Die neue Lust am Lesen? Erfahrungen und Überlegungen zur Lesbarkeit von Hypertexten.“ In: Kursbuch Neue Medien. Mannheim: Bollmann.
Wirth, Uwe (1994), „Über die Logik des Lesens bei Calvino und Eco“. In: Die Literarische Moderne in Europa. Hg. von Hans Joachim Piechotta, Ralph-Rainer Wuthenow, Sabine Rothemann. Westdeutscher Verlag, Opladen 1994.
Wirth, Uwe (1995), „Abduktion und ihre Anwendungen. Ein Forschungsbericht“. In: Zeitschrift für Semiotik. Bd. 17: 1995.
Wirth, Uwe (1997) „Wen kümmert´s, wer liest? Literatur im Internet“. In: Mythos Internet. (Hgg.) Stefan Münker und Alexander Roesler. Edition Suhrkamp 1997.
Benjamin Whooley (1992), New Media Worlds, London.


In: Hyperfiction. Hyperliterarisches Lesebuch: Internet und Literatur
[mit CD-ROM], hrsg. von Beat Suter und Michael Böhler, Stroemfeld / Nexus, Basel u. Frankfurt a.M. 1999, S. 29 – 42.

Original-URL: http://www.rz.uni-frankfurt.de/~wirth/texte/netzsymp.html

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s