Die schöne Lust am Ich

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Die schöne Lust am Ich

ZEIT ONLINE GmbH, Hamburg, Germany

Von Jürg Altwegg

Kritik – Soziologie – Semiologie: verschiedene Disziplinen überschneiden sich in Roland Barthes’ ebenso fiktivem wie wissenschaftlichem Werk. Ausgangs-, Fix- und Fluchtpunkt seiner Tätigkeit ist die Literatur, vor allem das, woraus sie besteht: Sprachfakten, Zeichen, Symbole, Konnotationen, Figuren der Rhetorik. Barthes’ Analyse setzt ein, wo das – viele Linguisten einzig interessierende – Niveau der unmittelbaren Kommunikation überschritten wird. In Opposition zur oberflächlichen Lektüre sucht er in den Tiefen- wie Oberflächenstrukturen des Texts einen zweiten, dritten, vierten Sinn. Deshalb müssen die traditionellen Gattungs- und Kompetenzbereiche aufgebrochen werden. Die Soziologie hält Einzug in die Literaturkritik, und nicht etwa (nur) wegen ihrer Zahlen und Statistiken über Bücher und Schriftsteller, sondern als Methode der Anschauung (Barthes’ „Sur Racine“ als Studie über die Machtverhältnisse in der Tragödie).

In seinem ersten Essay („Am Nullgrad der Literatur“) fixierte Barthes den Zeitpunkt, an dem der Schriftsteller aufhörte, „Zeuge des Universellen“ zu sein: um 1850. „Die einheitliche klassische Schreibweise (,écriture‘) ist also zersplittert, und die gesamte Literatur von Flaubert bis heute ist damit zu einer Problematik der Sprache geworden.“ Barthes gehört zu den wenigen Kritiker-Schriftstellern, welche die Erfahrung der Zersplitterung nicht nur beschreibend feststellen, sondern formal reflektieren. Wie zahlreiche seiner Schriften („Über Racine“, „S/Z“, „Die Lust am Text“) besteht auch Barthes’ Autobiographie aus einem Puzzle von Fragmenten –

Roland Barthes: „Über mich selbst“, aus dem Französischen von Jürgen Hoch; Matthes & Seitz Verlag, München, 1978; 210 S., 32,– DM.

Es ist eine Monographie in eigener Sache. Von Buch zu Buch, von Artikel zu Essay hat Barthes die Problematik des Schreibens untersucht, weniger Theorien aufgestellt als Texte analysiert, Zeichen entziffert, „Codes“ gelesen. Von der „Lust am Text“ als Summe zwanzigjähriger Arbeit an Literatur kam er zur literarischen Lust am Ich: Nur zwei Jahre liegen die komplementären Publikationen auseinander. „Über mich selbst“ erschien 1975 in der Reihe „Ecrivains de toujours“ (zeitlose Schriftsteller), für die Barthes 1954 eine bereits aus thematischen Fragmenten bestehende Michelet-Biographie verfaßt hat. Die Arroganz des Autors, als erster seine Klassikerweihe mit der eigenen Feder vorzunehmen, wird durch stilistische Vorsichtsmaßnahmen (bevorzugte Verwendung der dritten Person Einzahl) und vor allem durch die Einmaligkeit des Störmanövers wider die guten literarischen Sitten aufgefangen und kompensiert. Ein weiterer Kreis schließt sich: jener vom „Michelet“ (bei dem er zum erstenmal die „ethnologische Versuchung“ erkannte und ihr umgehend nachgab: dem Willen und der Kunst, die Gegenstände „historisch“ zu befragen, die für das Natürlichste gehalten werden; Gesicht, Nahrung, Kleidung, Veranlagung) zum „Barthes“, und er erklärt ebenfalls Anspruch und Sinn des ungewöhnlichen Unterfangens.

Der Bogen umspannt die Entwicklung eines Kritikers, der, von der Literatur kommend, stets selber schriftstellerisches Talent und Temperament bewies und zunehmend selber Gegenstand seines Schreibens wurde: Nun steht er, ohne jene schützende Hülle, die bisher der behandelte Gegenstand – von der „Tour de France“ bis zu Proust und Sade – zumindest vorgaukelte, im Zentrum seiner interdisziplinären Selbstkritik: Roland Barthes „über“ Roland Barthes – soziologisch, literarisch, politisch, philosophisch, kritisch, strukturalistisch, privat – vor allem privat.

Barthes präsentiert sich seinen Lesern in kurzen, mit schweren Titeln versehenen Stücken – er tut es, wie er es in „S/Z“ (aus Balzacs Beschreibung eines Frauenkörpers) in der strukturalen Textanalyse gelernt und gelehrt hat: ein Bein, eine Brust, eine Schulter, der Hals, die Hand – ein „Dictionnaire der Fetischobjekte“. Es ist, so Barthes, die Aufgabe des Schriftstellers, aus diesem zerstückelten Körper, einen totalen Körper – das Kunstwerk – zu schaffen.

Roland Barths im Fetischzustand seiner selbstbestimmten Einzelteile: Bilder der Vorfahren ziehen vorüber, ein „Familienroman“ in neun Zeilen; im Spiegelstadium – „Das bist du“ – der kommende Schriftsteller in den Armen der Mutter; die ersten Gehversuche; Aufenthalt im Sanatorium (die Kotelett-Episode: ein herausoperiertes Stück Rippe, das er in einer Schublade aufbewahrt und schließlich fortwirft: Symbol für die Distanz zum weiblichen Geschlecht?). Barthes schildert seinen lückenlosen Stundenplan („um Viertel nach fünf ist Zeit für den Tee“), rekonstruiert seinen Arbeitsraum, den er überall gleich gestaltet; in einer Liste seiner Vorlieben zählt er auf: „Ich liebe, liebe nicht“ – da spielt der Schriftsteller seiner selbst in kindlich-unschuldiger Manier mit dem Trivialen, das gerade durch dieses für einen Intellektuellen ungehörige Anrühren und Erwähnen aufhört, trivial zu sein.

Zur vielzitierten Legende des französischen Geisteslebens ist der Abschnitt „Von der Wahl eines Kleidungsstücks“ geworden: „Ein Fernsehfilm über Rosa Luxemburg, zeigt mir die Schönheit ihres Gesichts. Von ihren Augen empfange ich ein Verlangen, ihre Bücher zu lesen. Dieses Subjekt geht in eine Bibliothek, liest alles, wie man Kleidungsstücke anfühlt, und wählt den Marxismus, der ihm am besten paßt.“

Ergeben die fetischisierten Splitter das angestrebte (Kunst)Bild eines Menschen, das sich Barthes als privater wie intellektueller Biograph seiner selbst schuldig wäre? Die Arbeit des Zusammensetzens bürdet der Verfasser seinen Lesern auf; immerhin hilft er ihnen mit seinen zahlreichen Querverweisen – vom Ich zum Werk – bei der Suche nach dem integralen Barthes, von dem im „Barthes“ vor allem Aperçus enthalten sind. „Über mich selbst“ – das „Buch vieler Romanfiguren“ (R. B.), entpuppt sich als Zentrum von Barthes’ Büchern, Essays, Aufsätzen. Diese einzigartige Autobiographie ist gleichzeitig Mittel- und Ausgangspunkt seines gesamten Werks. Der Autor erzählt uns das Leben eines Exilierten. den die Beschäftigung mit dem Alltag- und dessen Mythen den Menschen entfremdet hat und der in der Kultur – von der Antike bis zur Moderne – eine zweite Heimat fand. Die Hauptfigur von „Über mich selbst“ scheint die Gegenwart, die sie zum Gegenstand wichtiger Forschungen machte, selber irgendwie verloren zu haben – jedenfalls empfindet sie die wissenschaftliche Distanz oft als schmerzliche Differenz. Dafür hält sie am Besten der französischen Tradition krampfhaft fest. Wenn wir in Roland Barthes’ fragmentarischer Lebens- und Geistesgeschichte Konstanten finden, so diese: Paul Valérys Intelligenz, Marcel Prousts Sensibilität und André Gides („meine Ursuppe“) Stilgefühl. Nimmt man noch Bert Brecht, den Barthes in Frankreich bekannt zu machen half, Fourier, Sartre, Saussure und die Zeitschrift „Tel Quel“ hinzu, so hat man sein geistiges Koordinaten- und Referenzsystem ziemlich vollständig beisammen. Eine grundlegende Funktion nimmt darin die Utopie als Doppel und Ersatz der Gegenwart ein.

http://www.zeit.de/1978/50/die-schoene-lust-am-ich/komplettansicht

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