Die «Willkommenskultur» als PR-Plattform der Wirtschaft. Die Deutschen: Mittel zum Zweck.

Die «Willkommenskultur» als PR-Plattform der Wirtschaft.

Von Henryk M. Broder

Der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Ingo Kramer, hat der Passauer Neuen Presse ein Interview gegeben, in dem er über ein Nachlassen der «Willkommenskultur» klagte, für die wir «im Ausland gefeiert wurden». Es könnte der «Eindruck» entstehen, «dass der Fremdenhass stärker ist als die Willkommenskultur»; das ­wiederum «könnte unter anderem dazu führen, dass das Image deutscher Produkte leidet und die Investitionsbereitschaft zurückgeht». Für die gekippte Stimmung seien Politiker verantwortlich, «die sich heute gegenüber Flüchtlingen und Fremden in einer Weise äussern, die ­ihnen vor einiger Zeit peinlich gewesen wäre».

Vor einiger Zeit wäre es freilich auch dem BDA-Präsidenten peinlich gewesen, ungeniert zuzugeben, dass die «Willkommenskultur» ­eine PR-Plattform war, um für deutsche Produkte zu werben und Investoren anzulocken. Die «Flüchtlinge» waren nur Mittel zum Zweck.

Nun, da sogar die Kanzlerin einräumt, dass es mit der unkontrollierten Zuwanderung ein Problem gibt, schwächelt auch die Willkommenskultur, und das könnte sich zum Nachteil der deutschen Wirtschaft auswirken.

Möglich wäre es ja, dass ein Farmer in Texas, der einen Pick-up von VW kaufen will, nicht nach den ­Abgas- und Verbrauchswerten fragt, sondern danach, wie es um die «Willkommenskultur» in Deutschland steht. Und dass ein Investor in New York wissen möchte, wie weit die Integration der Flüchtlinge in Ludwigshafen gediehen ist, bevor er Aktien von BASF ordert.

Nicht immer waren die Vertreter der deutschen Wirtschaftsverbände dermassen auf den guten Ruf deutscher Produkte bedacht. Erst im Jahre 2000 nahmen sie sich des Themas «Zwangsarbeiter» an, das sie seit Kriegsende souverän ignoriert hatten, und beteiligten sich an der vom Bund initiierten und mitfinan­zierten Stiftung «Erinnerung, Verantwortung und Zukunft». ­Etwa 1,6 Millionen ehemalige Zwangsarbeiter bekamen einmalige Abschlagszahlungen, zwischen 7600 und 530 Euro, je nachdem, wo und wie lange sie hatten schuften müssen. Damals sorgte sich niemand um das «Image deutscher Produkte» im Ausland oder das Wohlwollen der Investoren. Und das Wort «Willkommenskultur» war noch nicht erfunden.

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