Evelyn Kremer: Sommertanz

Sommertanz

von Evelyn Kremer

 

Es ist ein heißer Sommertag. Die Luft brennt. Wochenlang hat es geregnet und deshalb ist jeder froh, dass es endlich warm ist. Die Frauen rasieren sich die Beine und ziehen die schon vor Wochen gekauften neuen und bunten Kleider an. Die Männer freuen sich auf ein kühles Bier im Liegestuhl. Überall gibt es Straßenfeste und während der Mittagszeit kann man es nur im Schatten ertragen. Viele freuen sich auf den Abend. Auf den Open-Air-Partys kann getanzt, getrunken, gelacht und geflirtet werden.

Eine Feier am See: Es dämmert schon und die Musik animiert erste Grüppchen von Leuten zum Tanzen. Die Bar ist voll. Die Gäste freuen sich auf einen Alkoholrausch, um die laue Sommer-Nacht noch mehr zu genießen. Stimmengewirr schon von Weitem. Schlafen kann man sowieso nicht bei der Hitze. Wer weiß, wie lange der Sommer noch bleibt.

Der Eingang der Party gleicht einem Laufsteg. Die Frauen haben sich in Schale geworfen: Eine Frau kann in ihren hohen High-Heels kaum laufen und ist sichtlich mit ihren schon jetzt schmerzenden Füßen beschäftigt. Der Mann an ihrer Seite bemerkt es nicht. Er ist zu sehr mit seiner eigenen Außenwirkung beschäftigt. Stolz wie ein Pfau geht er an der Seite seiner Freundin, die mit ihren langen Beinen und dem unbeholfenen Schritt aussieht wie ein Storch. Er selbst wirkt, als hätte er mindestens so viel Zeit im Bad verbracht wie sie: Gepflegter Bart, parfümiert, enge Hose im Hipster-Stil und ein gute gebügeltes, enges Hemd, bis zur Brust die Knöpfe geöffnet. Die beiden stoßen zu einer Gruppe, die ähnlich gekleidet ist. In der Gruppe sind alle cool, schön und reich – zumindest wirkt es so. Die neue Generation der deutschen Möchtegern-Elite.

Jetzt kommt eine Gruppe sehr junger Mädchen herein. Eine sieht aus wie eine kleine Lolita und weiss sich bereits sehr sexy und fraulich zu bewegen – dennoch hat sie ein Kindergesicht. Ihre Bluse bedeckt weniger Haut als sie offenlegt. Sie trägt eine knallenge Möhrenjeans. Der rote Lippenstift steht ihr gut. Sie wirft die blonden Haare nach hinten. Ihre Freundinnen wirken noch etwas unbeholfen – sowohl in ihrem Verhalten als auch in ihrem Kleidungsstil. Sie tragen weite T-Shirts, Turnschuhe und einen Rock oder eine Jeans. Sie haben sich geschminkt: Sicher das erste mal. Ihre Haare sind auftupiert. Vielleicht kommen sie aus einem Vorort und gehen das erste mal aus in einer Großstadt. Sicher sind sie mit dem Bus gekommen. Sie lachen und kichern. Das ist auffällig hier, denn die meisten wollen aufgeklärt und cool wirken und lachen erst nach dem zweiten Cocktail.

Eine Clique junger Südländer stürzt sich auf die naive Mädchengruppe – sie sind offensiver als die anderen im Ansprechen von Frauen. Mit geschwollener Brust und gegeltem Haar mustern sie alle Damen und da sie pro Abend mehrfach verschiedene Frauen ansprechen, ergibt sich immer ein Tete a Tete mit einsamen Herzen.

Auch eine Gruppe älterer Gäste ist da: Sie fühlen sich sichtlich etwas unwohl in der Masse der Jungen. Vor allem die Frauen. Den Männern scheint es weniger auszumachen. Die Frauen schauen gelangweilt und nuckeln an den Strohhalmen ihres lauwarmen Cocktails. Sie vergleichen sich mit den jüngeren Frauen und denken wehmütig an die Zeit als die Männer ihnen auch noch hinterhergeschaut haben und sie ständig angesprochen wurden. Sie denken an die heißen Sommernächte der Jugend, an die erste große Liebe, die sie auf einer Party geküsst haben, an die Feiern denen sie wochenlang entgegengefiebert haben.

Später am Abend: Die Körper bewegen sich im Rhythmus der hämmernden Musik und des blitzenden Lichts. Die Stimmung ist aufgeheizt und sogar die älteren Damen sind nun lockerer geworden und tanzen wilder als alle anderen um zu imponieren und vielleicht einen jüngeren Mann zu beeindrucken. Der Boden vibriert unter der wippenden Masse. Die Bässe dröhnen im Ohr. Möchte man sprechen, muss man seinem Gegenüber ganz nah kommen, um etwas zu verstehen. Aber sprechen ist  hier auch nicht wichtig.

Je enger die Tanzfläche wird, desto mehr Stimmen und Gerüche überlagern sich. Frauen werden angetanzt – mal geschickt mit Erfolg, mal lächerlich. Blicke schweifen zum anderen Geschlecht. Der Einzelne geht unter in der Bewegung der Masse zur Musik. Zwischendurch heben Gäste die Hände zur Musik. Bei manchen Songs kreischt die Gruppe junger Mädchen. Einige Männer bewegen sich etwas unbeholfen.

Berauscht vom Alkohol, der elektronischen Musik und der Sommerhitze wanken einige aus der Masse an den Rand, um sich kurz auszuruhen. Ein sehr junger Mann hat zu viel getrunken. Er kann sich kaum auf den Beinen halten und wird von seinen Freunden weggebracht. In der Mitte der Tanzfläche überwiegt die Anzahl der Frauen. Viele Männer stehen am Rand, halten mit wachem Blick nach Opfern Ausschau, führen zwischendurch die Bierflasche oder das Glas zum Mund und ziehen lässig an der glimmenden Zigarette.

Ab und an verschwinden eine Frau und ein Mann von der Tanzfläche. Er hat sie an der Hand genommen und zieht sie hinter sich her oder er geht vor und sie folgt ihm. Sie suchen sich eine ruhige Ecke und freuen sich, dass sie ihr Zielobjekt erobern konnten. Manche werden sich nach dieser Nacht nicht wiedersehen, andere schreiben sich einige Male, nicht viele werden ein Paar.

Die meisten verlassen die Party spät  in der Nacht, berauscht ohne eine Telefonnummer ergattert zu haben. Sie fühlen sich am nächsten Tag ziemlich verkatert und etwas depressiv. Sie gehen dann in den Park oder ins Schwimmbad, um ihren Rausch auszuschlafen. Mit Ungeduld freuen sie sich auf die nächste heiße Sommernacht um zumindest dann nicht allein nach Hause zu gehen.

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