Evelyn Kremer: Der Untergang

Der Untergang

von Evelyn Kremer

 

Obwohl er ein guter Freund war und ich ihn bereits über zehn Jahre kannte, machte mir schon gar nicht mehr die Mühe, mir den Namen seiner Begleiterinnen zu merken. Die Frau an seiner Seite tat mir Leid. Hatte ich die Pflicht sie über seine Sucht aufzuklären? „Nein“, dachte ich mir und kam zu dem Schluss, dass auch sie erwachsen war und selbst wissen musste, was sie tat. Beim nächsten Treffen war nicht mehr die Rede von ihr. Er sagte, dass sie geschnarcht habe und ziemlich kompliziert gewesen sei. Er schrieb anschließend stolz SMS an drei andere Frauen und während unserer Unterhaltung schaute er immer wieder auf sein Handy und schrieb Nachrichten. Ich beschloss, dass ich ihn das letzte Mal getroffen hatte. Wie war es dazu gekommen?

Er war bereits vierzig Jahre alt, aber oft hatte man den Eindruck, dass er eigentlich ein kleiner Junge war. Zwar ging er verantwortungsvoll seinem Job nach, aber sonst hatte er keinerlei Verpflichtungen. Er glaubte, dass er bereit sei, auch privat Verantwortung zu übernehmen, wenn er nur die richtige Frau treffe, aber wenn man sich seine Biografie betrachtete, wurde klar, dass er dazu nicht in der Lage war: Er hatte die letzten Jahre immer nur kurze Beziehungen gehabt, hatte noch nie mit einer Frau zusammengewohnt und war seit einem Jahr auf einem Single-Portal, dass es ermöglichte, schnell mit verschiedenen Frauen in Kontakt zu treten. Das Portal war sein Hobby geworden: Eine Frau reichte ihm schon lange nicht mehr. Meist hatte er Kontakt zu mehreren Frauen gleichzeitig und traf sich abwechselnd mit dieser und jener. Es war leicht, den Frauen über SMS-Nachrichten zu vermitteln, dass man an sie dachte. Meist schrieb er pro Frau hunderte Nachrichten, traf sie aber höchstens zehn mal. Bei seinem Verhalten ging es schon längst nicht mehr um die Qualität der Frauen, sondern um die Quantität. Zwar berichtete er zwischendurch dass er sich „richtig verliebt“ hätte und schwärmte dann mehrere Tage von ihr, aber spätestens nach vier bis sechs Wochen flachte sein Interesse ab und er entdeckte die ersten Fehler bei seiner Bekanntschaft: Bei der einen war es die falsche Kleidung, bei der anderen war es eine seltsame Art zu essen, bei der nächsten war es ein falscher Blick oder er war unzufrieden mit ihren Haaren. Immer fand er einen Fehler und es war seltsam, dass er nicht auf die Idee kam, dass seine Lust an der Frau befriedigt war und er schlicht und ergreifend ein neues Zielobjekt brauchte – die Fehler der Frauen wurden ihm erst bewusst, wenn er mehrmals mit der Frau geschlafen hatte. Das Ganze wäre weniger schlimm gewesen, wenn er nicht jeder Frau erzählen würde, dass er auf der Suche nach der „großen Liebe“ sei und die Frauen sich dementsprechend Hoffnungen auf eine längere Sache machten. Hätte er von Anfang an gesagt, dass er es liebt, neue Frauen kennenzulernen, wären vielen Frauen tränenreiche Nächte erspart worden. Zusätzlich war schlimm, dass er sich für nichts anderes mehr interessierte. Seine Gedanken kreisten wie bei einer Sucht nur um die nächste Frau und alle Freunde nahmen Schritt für Schritt mehr Abstand von ihm, weil er außer Frauengeschichten nichts Interessantes zu erzählen hatte. Man lud ihn nicht mehr ein auf Fahrradtouren, Wanderungen, zum Essen oder zu Filmabenden, weil man wusste, dass er nur Interesse zeigte, wenn die Möglichkeit bestand, neue Frauen kennen zu lernen. Er nuckelte sich von Brust zu Brust wie ein kleines Baby und merkte nicht, wie lächerlich er sich dabei machte. Noch schlimmer war es, als er begann, jüngeren Frauen nachzustellen. Wie so viele Männer mit lichtem Haar, schaute er gerne nach unter Dreißigjährigen und glaubte, dass er hier reale Chancen hatte. Das mochte zwar in dem einen oder anderen Fall stimmen, aber gerade die jungen Frauen waren auf der Suche nach einem festen Partner für eine Familiengründung und viele merkten schnell, dass er nur heiße Luft von sich gab und machten sich dann über ihn lustig. Im Großen und Ganzen war er eine bemitleidenswerte Gestalt: Hätte er mehr Selbstbewusstsein gehabt, hätte er es nicht nötig, Bestätigung durch so viele Flirts zu erlangen. Andere in seinem Alter kreisten nicht ständig um sich selbst, wandten sich der Welt und vielen anderen interessanten Dingen zu. Wie konnte es sein, dass ein Mann in diesem Alter so wenig Selbstbeherrschung hatte? Seine Sucht nach Frauen war wie eine Drogen- oder Alkoholabhängigkeit und wahrscheinlich würde hier nur ein richtiger, vom Therapeuten begleiteter Entzug helfen. Ich jedenfalls konnte ihm nicht helfen und konnte es nicht mehr ertragen. Ich sah ihn nie wieder und hörte nie wieder etwas von ihm. Wahrscheinlich war er im Meer der Busen, kurzen Röcke und Bilder auf seiner Single-Plattform untergegangen.

 

2016 © by Evelyn Kremer

evelyn.kremer@gmx.de

Siehe auch:

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s