Fun and Function? Anmerkungen zum Verhältnis von „Spaß haben“ und Gesellschaft.

Abgeändert erschienen in: Streifzüge 1/2000

 

Gruber Alexander/ Ofenbauer Tobias

 

Fun and Function?

 

Anmerkungen zum Verhältnis von „Spaß haben“ und Gesellschaft

 

Die Botschaft des Hedonismus, welcher behauptet, das Ziel des Menschens sei die Lust, sowie daß es nur auf den Genuß ankomme, klingt ja erstmal nach einer feinen Sache. Widersetzt sie sich doch scheinbar den nur allzu bekannten Prämissen des Alltags, unter denen mensch sein Leben zu fristen hat. Im Bild des bonvivant erscheint das Gegenüber des/der strebsamen, lustfeindlichen, vom Untertanengeist beseelten Bürgers/Bürgerin. Auf den ersten Blick hat es den Anschein, als ob der/die sich dem Hedonismus ergebende Individualist/in, das Gegenteil des konformistischen, das Kollektiv reproduzierenden „Massenmenschen“ darstellt. Dieses Gespenst des widerständigen Konsums geistert durch die zeitgenössischen Subkulturen und ihr ideologisches Beiwerk. Beharrlich wird nach Emanzipations- und Widerstand­s­potentialen gefahndet, die die Grundlage einer alternativen Vergesellschaftung bilden sollen. Während über die Verortunng der widerständigen Phänomene kontrovers diskutiert wird, ist man sich über einen Punkt vorbehaltlos einig: die Existenz eines unmittelbar Freiheit verkörpernden Prinzips, das sich nur noch angeeignet werden müsse. Jede Kritik an diesen Annahmen fängt sich leicht den Vorwurf der Lustfeindlichkeit und Unmenschlichkeit ein. Doch gerade das Beharren auf der Totalität des falschen Ganzen bewahrt den Gedanken an die Möglichkeit des Besseren: Glück und Genuß bedürften zu ihrer Verwirklichung der Freiheit und der Autonomie.

Der Hedonismus unterstellt die unmittelbar vorhandene Freiheit der Individuen. Er reflektiert nicht auf die gesellschaftliche Verfaßtheit dieser Individuen und der Dinge, die sie konsumieren sollen. Erstere sollen in ihrer gegebenen Gestalt letztere unmittelbar zum Gegenstand des Genusses machen. Bereits Marcuse wandte gegen die Hypostasierung des unmittelbaren Genusses ein, daß dieser den vorgegebenen Strukturen der Gesellschaft folge und so niemals aus dieser herausführen könne: „In dieser Form der Gesellschaft kann die Welt, wie sie ist, zum Gegenstand des Genusses nur werden, wenn alles in ihr, Menschen und Dinge, so hingenommen werden, wie sie erscheinen, ohne daß ihr Wesen (…) dem Genießenden gegenwärtig werden.“[1] Unbegriffen bleibt dem Hedonismus das Formprinzip der Ware sowie die gesellschaftliche Bestimmung des bürgerlichen Subjekts, dessen Freiheit der abstrakte Individualimus der Konkurrenz ist. Die Existenz dieser Freiheit ist keine unbedingte, sondern dient der Selbstrverwertung des Individuums unter den Prämissen des freien und gleichen Tausches. Die Affirmation der Charaktermaske der warenförmigen Vergesellschaftung, durch Affirmation ihrer Bedürfnisse, führt zur Verewigung der elenden Realität, die jene hervorbringt. Derart auf die real existierende Subjektivität fixiert, kann der Hedonismus seine eigenen Bedingungnen und Beschränkungen nicht reflektieren und so das objektive Moment des Glücks nicht fassen.

Staat und Kapital stellen die Schranken des größtmöglichen Glücks für die größtmögliche Zahl an Menschen dar; jede Flucht in die Möglichkeiten, die die bürgerliche Gesellschaft bietet, geht somit zwangsläufig mit der Reproduktion dieser Schranken einher und kann sich nicht aus der Verfangenheit in dieser Vergesellschaftung befreien. Das Glück wird nicht zufällig in der Sphäre der Konsumtion verortet, die unzulässigerweise von der der Produktion abgespalten wird. Hier verwirklicht sich jedoch nur die bürgerliche Freiheit, sich als Waren- und Geldmonade zu betätigen – nicht mehr und nicht weniger. Jeder Versuch, das hedonisitische Individuum als unabhängig von der Gesamtstruktur der Gesellschaft zu begreifen, und als ein von deren Zwängen befreites zu denken, muß an der Totalität der wertverwertenden Gesellschaft scheitern. Das bürgerliche Subjekt ist das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse, weswegen Freiheit und Glück unter bestehenden Bedingungen nur negativ gedacht werden können: als Kritik an den gesellschaftlichen Strukturen, die jene verhindern.

Die in der herrschenden Ordnung vorgefundenen Gegenstände sind ebenso nicht zur direkten Bedürfnisbefriedigung hergestellt, sondern haben die Form der Ware, deren Bestimmung es ist, ihren Wert zu realisieren. Die menschlichen Bedürfnisse sind je schon von dieser Formbestimmtheit geprägt. „In diesen Bedürfnissen und Interessen selbst (und nicht erst in ihrer Befriedigung) steckt schon die Verkümmerung, Verdrängung und Unwahrheit, mit der die Menschen in der Klassengesellschaft aufwachsen.“[2] Der Prozeß der Gesellschaft ist also die Produktion des Immergleichen, und Langeweile ist der subjektive Reflex auf die Deformation, welche der gesellschaftliche Gesamtzusammenhang den Menschen widerfahren läßt. Die Dynamik der ständigen Pseudo-Aktivität (Adorno) aktueller Subkulturen ist die ebenso deformierte Reaktion, die dazu dient, den Gedanken an an eben jene Statik zu verdrängen. So wird sich eine Identität geschaffen, um der dumpfen Ahnung um die eigene Ohnmacht zu entgehen.

Der unmittelbare Genuß ist also keineswegs widerständig, sondern eine Möglichkeit, die die bestehende Vergesellschaftung selbst hervorbringt, und die in zunehmender Weise deren Reproduktion garantiert. Als der riesige Supermarkt, zu dem die warenproduzierende Gesellschaft sich entwickelt hat, ist sie auf die konsumtive Vereinnahmung und Vertilgung des ungeheuren Warenangebots angewiesen. Das Kapital knüpft die Ausbeutung der produktiven Arbeit zusehends direkt an die Ausbeutung der konsumtiven Bedürfnisse, wodurch die ProduzentInnen zugleich an ihre Rolle als staatlich protegierte KonsumentInnen gekoppelt werden.[3] Insofern ist es kein Wunder, daß mit dem Aufkommen des Massenkonsums im postfaschistischen „fordistischen Zeitalter“ die bis dahin geforderte puritanische Libidokontrolle zum Hemmschuh der umfassenden Wertrealisierung wurde. Es wurde zur Notwendigkeit, neue Bedürfnisse zu wecken, bis dahin unterdrückte freizugeben und die unmittelbare Wunschbefriedigung als Selbstzweck zu propagieren, also der KundInnennation die Lebensanschauung des Hedonismus einzupauken.[4] Mensch muß keinE ExpertIn für Sozialpsychologie sein, um zu erkennen, daß diese Trans­formation, die sich durch sämtliche Lebensbereiche zog, vor den sexuellen Tabus nicht halt machen konnte und diese notwendig nachhaltig verändern mußte. Insofern muß man die 68er und ihre sogenannte sexuelle Revolution als subjektive Verdoppelung der objektiven Entwicklung sehen.

In diesem Prozeß wird ersichtlich, was der Hedonismus seinem Begriffe nach auch immer schon war. In der warenproduzierenden Gesellschaft ist die Konsumtion und damit der Genuß nie als Zweck gesetzt, sondern stets als Mittel der Verwertung. Sowie der Gebrauchswert nur als Träger von Wert existiert, genauso existiert Individualität nie ohne gesellschaftliche Vemittlung, also den Zwang sich als bürgerliches Subjekt begreifen zu müssen. Das Besondere existiert nur als Inkarnation des Allgemeinen, Bedeutung kommt ihm nur insofern zu als es eben da sein muß. Die Menschen müssen ihre individuelle Reproduktion mit dem Zwang zur Kapitalakkumulation vermitteln, ihr eigenes Glück liegt also in ihrer Nützlichkeit für den Gesamt­zusammenhang der Gesellschaft. Der unmittelbare Konsum kann so nur als Anhängsel der Verwertung, sprich als Wertrealisation begriffen werden; jeder Versuch etwas anderes in ihm zu erkennen ist Sinnstiftung, zwanghafte Rationalisierung des gesellschaftlichen Unwesens. Dieser Form der Kritik an der Kulturindustrie geht es nicht darum, den Menschen Genuß zu mißgönnen, sondern die Verschränktheit des Konsums mit der Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung aufzuzeigen, die permanant das Versprechen von Glück hintertreibt.

Der Hedonismus als Philosophie des unmittelbaren Genusses will sich über seine eigenen Bedingungen keine Gedanken machen. Zwar ist in der Forderung nach der Erfüllung der individuellen Bedürfnisse ein Moment der Freiheit enthalten, dieses aber unmittelbar mit deren Existenz gleichzusetzen, bedeutet die Verewigung der Unfreiheit. Der unreflektierte Genuß entsagt dem, was möglich wäre, er enthält Resignation. „Glück aber enthält Wahrheit in sich. Es ist wesentlich Resultat. Es entfaltet sich am aufgehobenen Leid.“[5] Alles andere wäre bloßer Schein von Glück, Absenz des Bewußtseins von Unglück und damit Versöhnung mit dem falschen Ganzen.

[1]Marcuse Herbert: Zur Kritik des Hedonismus (1938); in: Ders.: Kultur und Gesellschaft I, Frankfurt/M. 1965, S.132

[2]Ebd., S. 137

[3]vgl. Enderwitz, Ulrich: Der Konsument als Ideologe. 200 Jahre deutsche Intelligenz, Freiburg i. Br. 1994, S. 193

[4]vgl. Böckelmann, Frank: Die schlechte Aufhebung der autoritären Persönlichkeit, Freiburg i. Br. 1987, S. 40 ff.

[5]Horkheimer, Max/Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt/M. 1995, S. 70

 

http://www.cafecritique.priv.at/hedonis.html

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