Evelyn Kremer: Sommernachtsgedanken

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Sommernachtsgedanken

von Evelyn Kremer

 

Es war heiß und man konnte nur ohne Decke schlafen. Durch die offenen Fenster kam ein wenig Luft ins Zimmer, doch der Lärm, der durch die offenen Fenster nach Innen drang, war größer. Der Ventilator surrte und auf der Haut hatte sich ein dünner Film von Feuchtigkeit ausgebreitet. Eine Mücke nervte mich mit ihrem penetranten Umerherfliegen. Ich wälzte mich von einer Seite zur anderen und konnte nicht einschlafen vor Hitze. In mein Bewusstsein strömten verschiedene Gedankenfetzen. Bilder der Reise mit dem Flugzeug, Bilder des Tages und der barocken Stadt, die ich heute besucht hatte, Bilder der Arbeit, der Kollegen – Gedanken darüber, ob bei der Arbeit alles in Ordnung sei. Doch jeder Gedanke brach nach kurzer Zeit ab, als könne auch er der großen Hitze im Zimmer nicht standhalten. Ich beschloss mich der Hitze und den Geräuschen ganz hinzugeben und lauschte: Gegenüber des Hauses wohnte ein Paar, das gerade das Abendessen beendet hatte. Sie klapperten mit den Töpfen, wuschen das Geschirr und stritten sich bei offenem Fenster über dass Benehmen ihres Sohnes. Leider konnte ich nur Wortfetzen verstehen – mein italienisch war nicht sonderlich gut: Schlechte Noten, Drogen, Freundin, Sex, Lehrerin, Verantwortung, lautstarke Schuldzuweisungen. Zwischendurch rauschte ein Auto mit röhrendem Geräusch durch die Straße so das das Gesprochene immer wieder unterbrochen wurde. Jetzt kam ein Lastwagen angefahren. Es war der Mülllaster, der jede Nacht den Müll des Tages sammelte. Man hörte die Müllmänner lachen und sich lautstark unterhalten, ohne Rücksichtnahme auf die Anwohner. Ich verstand nicht, warum in Italien der Müll nachts abtransportiert wurde: Erst leise aus der Ferne ertönten die Stimmen der Männer – dann immer näher kommend. Ein Anwohner hatte wohl eine Couch auf die Straße gestellt für den Mülltransport. Die Müllmänner regten sich auf über den Anwohner und begannen aus Scherz mit der Couch und anderen Müllgegenständen zu sprechen wie fast jede Nacht. „Typisch italienisch“, dachte ich: „Na Du bis ja ekelhaft alt. Auf Dir würde ja kein Mensch mehr Platz nehmen – nicht mal Antonio der alte Knacker“, sagte der eine. Der andere sagte: „Na auf so einer Couch würde kein Damenbesuch von mir Platz nehmen. Wobei so eine Couch am Strand ja ganz praktisch wäre, wenn ich mit der Frau meines Nachbarn ein paar Stündchen verbringen möchte. Schau Dir mal diese Flecken auf der Couch an – wer weiß, was sich auf dieser Couch schon alles abgespielt hat!“ Beide lachten laut und der andere sagte: „Na da kannst Du hier direkt auch noch die alten hochhackigen, roten Schuhe als Geschenk für sie mitbringen. Die gehörten bestimmt einer wilden Katze. Widerlich dieser Müll. Wann finden wir endlich mal wieder was Gutes? Am liebsten würde ich mich auf die Couch setzen, ein Whisky trinken und einen Joint rauchen“. Nun stopften sie die alte Couch stöhnend und mit aller Kraft in den Müllwagen und es ertönte ein schrecklich lautes und schredderndes Geräusch. Als der Müllwagen allen Müll verschlungen hatte, pfiff einer der Müllmänner und der Wagen entfernte sich langsam die Straße hinunter. „Morgen kommen sie wieder“, dachte ich und hatte schon jetzt Angst vor den unangenehmen lauten Geräuschen, die mich aus dem Schlaf reißen würden. Endlich war es wieder still und ich atmete kurz tief ein und aus und lauschte meinem Atem. Fix und fertig von der Hitze konnte ich mich kaum bewegen, weil mein Körper sich anfühlte wie ein Sack auf der Matratze. Ich dachte über den Tag nach: Italien war nicht mehr das, was es einmal gewesen war. In den 80er und 90er Jahren war Italien stlyish, dynamisch und gastfreundlich. Nun hatte sich hier einiges zum Negativen verändert: Die Menschen waren träge und unfreundlich, die Geschäfte boten nur Kitsch und Dinge minderer Qualität. Wenn man in einem Restaurant einen speziellen Wunsch äußerte, wurde man schräg angeschaut, es wurde palavert und am Ende ging man als Gast leer aus. Eine ganze Nation ruhte sich auf den Lorbeeren der Vergangenheit aus. Ich fühlte mich hier wie in den 90ern oder auf einer alten Postkarte aus dem Urlaub von vor 20 Jahren. „Oft sind die Dinge vorbei, bevor man es merkt“, dachte ich und überlegte, ob bei mir auch Dinge vorbei gegangen waren, ohne das ich es gemerkt hatte. Mir fiel sofort eine Sache ein: Ich hatte heute in einem Geschäft zufällig in einen Spiegel geschaut und war erschreckt, wie alt ich aussah. Innerlich fühlte ich mich viel jünger als das, was ich im Spiegel gesehen hatte. Auf einen Schlag war mir bewusst geworden, wie schnell die Zeit vergeht und ich fragte mich, warum das Äußere altert und man innerlich gleich bleibt. Ich säufzte kurz und beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken, weil es mich deprimierte. Ich hielt Inne und was ich hörte, nervte einerseits und machte neugierig andererseits: Nachbarn in einem Haus auf der anderen Seite der Gasse gegenüber hatten Musik an gemacht. Es war billige italienische Popmusik und schnell wurde klar, dass sie nur den einen Sinn haben sollte: Sie sollte das wilde Stöhnen der Frau leicht übertünchen, was in den engen Gassen Italiens und dem Temperament der Italiener meist nicht gelang. Das Stöhnen war mal leiser und mal lauter zu hören und ich stellte mir vor, wie das Paar wohl aussehen würde. Soweit ich wusste, wohnten in dem Haus eher ältere Paare um die fünfzig oder sechzig. Vielleicht war es die dralle Nachbarin, die stets sonnengebräunt und immer etwas zu sexy angezogen war. Sie hatte eine Dauerwelle, blond gefärbte Haare und ihre Kleidung war etwas zu eng für die alternde und unförmige Figur – oft sah sie aus wie eine Drohne, die sich in einen zu engen Schlauch mit blumigem Muster oder Tigerstreifen gepresst hatte. Sie hatte oft goldene Accessoires, die sie mit großem, südländischen Stolz trug. Ihre auffällige Schuhe waren meist Gold oder Pink und hatten hohe Keilabsätze weil sie auf normalen Highheels sicher kaum noch laufen konnte. Auch ihr Mann könnte einem Pornofilm oder den Fotografien von Martin Parr entsprungen sein: Er trug einen Bauch vor sich her, war stets tief braun von der Sonne und auf seiner haarigen Brust trug er eine Goldkette. Außerdem rauchte er viel und putzte seinen alten Mercedes mit großem Stolz. Sicher hatte sie für ihn heute ihre Strapse ausgepackt, sich zurecht gemacht und er erfreute sich an ihrem drallen Anblick. „Eigentlich schön“, dachte ich, „wenn zwei Menschen im Alter noch so wild aufeinander sind und sich wohlfühlen, wie sie sind: Ohne besonders schlank und glatt aussehen zu wollen, ohne teure Schönheits-Operationen. Das Stöhnen wurde jetzt immer lauter, bis es plötzlich von einem lauten Donnern übertönt wurde. „Hallelujah“, dachte ich und hoffte, dass es gleich richtig losprasseln würde. Der Wind wurde stärker und die leichten Vorhänge an den Fenstern wehten nun in das Zimmer hinein. Die Luft im Raum wurde durchmischt von einer kühlen Brise und ich genoss den Windzug auf meiner Haut. Es fing an zu regnen und man roch den Regen, der auf die erhitzten Straßen prasselte. Es wurde kühl im Raum und ich spürte eine entspannende Trägheit in mich fließen. Im Halbschlaf hörte ich noch das Prasseln des Regens und den Donner der erst näher kam und dann langsam vorbeizog. Dann fiel ich in einen tiefen Schlaf.

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