Materialismus ist, die Welt ohne vorgefaßte idealistische (religiöse) Schrullen zu betrachten.

Hermann Duncker

Vorwort zu W. I. Lenin, „Über Religion“

1926

Für den Marxismus – das Lehrgebäude des wissenschaftlichen Sozialismus[1] -ist der Atheismus, die Religionslosigkeit, ein selbstverständlicher, unablösbarer Bestandteil. Marx und Engels haben sich nach ihrer philosophischen Grundeinstellung Zeit ihres Lebens Materialisten genannt. Was ist Materialismus? Engels antwortet: die Welt, ohne vorgefaßte idealistische Schrullen betrachtet. So war der Gegensatz zu aller übernatürlichen, religiösen Glaubenswelt klar zum Ausdruck gebracht. Der dialektische Materialismus von Marx und Engels ist denn auch der stärkste Gegenpol gegen jede idealistische (das heißt übernatürliche) Denkweise.[2] Bereits 1844 hatte der junge Marx das Wort geprägt: „Die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik.“[3] Im Sturm und Drang des Aufbaues ihrer Weltanschauung haben Marx und Engels sich zuerst noch wacker mit Gedankengebilden aus religiöser Vorstellungswelt herumschlagen müssen. Diese Auseinandersetzung, die zum Teil auch eine Selbstverständigung war, erfolgte jedoch bei beiden so früh und mit solcher Vollständigkeit, daß ihnen der atheistische Grundcharakter ihrer ausgereiften Weltanschauung späterhin kaum noch besonderer Hervorhebung oder gar besonderer Begründung zu bedürfen schien. Dasselbe gilt für manchen Anhänger des Marxismus und nicht zum mindesten für den bedeutendsten Marxisten nach Marx, für Lenin. Es ist kein Zufall, daß wir aus der Feder unserer großen Meister, Marx, Engels, Lenin, keine breitere systematische Darstellung ihres proletarischen Freidenkertums, ihres Atheismus besitzen. Über Selbstverständlichkeiten pflegt man eben nicht viel zu sprechen. So konnten denn religiöse Sozialdemokraten, wie sie seit dem politischen Sündenfall der SPD dort so üppig in die Halme schießen, ihren Parteigenossen das Märchen erzählen: der Marxismus sei „freilich atheistisch, aber nicht areligiös“ (Kranold in „Der lebendige Marxismus“ 1924, S. 509) und ähnliche Scherze mehr.

Aber wie ist es zu verstehen, daß in der politischen Arbeiterbewegung, auch so weit sie vom Marxismus beherrscht wird, dem Atheismus keineswegs der erste Platz in der Massenpropaganda eingeräumt wird? Einesteils erschien atheistische Propaganda hier fast überflüssig. Engels schrieb schon 1874: „Der Atheismus ist so ziemlich selbstverständlich bei den europäischen Arbeiterparteien.“ Und ähnlich spricht Lenin (1909) von „bewußten Sozialdemokraten, die selbstverständlich Atheisten sind“.[4] Andererseits hatte man zu befürchten, daß eine die sozialen und politischen Umstände nicht berücksichtigende einseitige Freidenkerpartei gerade die politische Erschließung der noch fernerstehenden proletarischen Massen verzögern und empfindlich schädigen könne. In den anarchistischen Kriegserklärungen an die Religion gibt es seit Bakunins Zeiten genug warnende Beispiele dafür.

Diese Haltung des Marxismus, die Theorie und Praxis scheinbar voneinander trennt, in Wirklichkeit aber nur die Dinge in ihrem dialektischen Flusse wertet, hat in den Köpfen der Nachläufer einige Verwirrung angerichtet. Der Opportunismus machte in der Behandlung des religiösen Problems einen seiner ersten Vorstöße. Schon im Gothaer Programm der deutschen Arbeiterpartei (1875) tauchte jene überschlaue und der opportunistischen Auslegung Tür und Tor öffnende Formel auf: „Erklärung der Religion zur Privatsache.“ Marx stellte in seinen Randglossen zu diesem Programm die Gegenforderung auf, daß die Arbeiterpartei vielmehr danach zu streben hat, „die Gewissen vom religiösen Spuk zu befreien“, und ingrimmig setzte er hinzu: „Man beliebt aber das ,bürgerliche‘ Niveau nicht zu überschreiten.“[5] Die SPD hielt jedoch auch im Erfurter Programm (1891) an dieser Fassung fest. Im Punkt 6 des Erfurter Programms hieß es dann weiter: „Die kirchlichen und religiösen Gemeinschaften sind als private Vereinigungen zu betrachten.“ Engels hat in seiner Kritik des sozialdemokratischen Programmentwurfes – (der von ihm kritisierte Vorentwurf enthielt neben dem angezogenen Satze die ausdrückliche Erklärung der Religion zur Privatsache noch nicht wieder!) – folgende Korrektur vorgeschlagen: „Alle religiösen Gemeinschaften ohne Ausnahme werden vom Staate als Privatgenossenschaften behandelt.“ Durch diese Fassung wäre eine Auslegung unmöglich geworden, nach der es für jeden Parteigenossen, „Privatsache“ ist, wie er sich zur Religion verhalten will. Leider hat sich die Sozialdemokratische Partei um die Engelssche Kritik und Korrektur nicht gekümmert. Sie wurde ja auch der Parteiöffentlichkeit bis Oktober 1901 vom Parteivorstand vorenthalten. In der Praxis verböserte man sogar den Punkt 6 zu dem Satz: Religion ist Privatsache! Und wenn das Heidelberger Programm (1925) diese Formel auch fallen ließ, so wurde dabei doch ausdrücklich verkündet, daß sich in der Stellung der Partei zur Religion nichts geändert habe. Was fragt also die Sozialdemokratische Partei danach, ob ihr Parteigenosse Schulze zur Beichte geht, ob ihr Parteigenosse Michel sich zum Kirchenvorsteher wählen läßt oder sich mit seinesgleichen zu einem Bund „religiöser Sozialisten“ zusammenschließt! Seit 1914, seit der katastrophalen Rechtsschwenkung der Sozialdemokratie, seit ihrem Bruch mit dem Marxismus, ist auch der Atheismus dort nicht mehr im Parteigewissen verankert. Die Bekämpfung jeder staatskirchlichen Praxis ist eingestellt worden, die Schule hat man dem Zentrum ausgeliefert, hat für den Zentrums-Marx als Reichspräsidenten agitiert, man gewährt Staatsgelder für kirchliche Zwecke und kirchliche Institutionen. Und in den sozialdemokratischen Presseorganen und Revuen (zum Beispiel „Sozialistische Monatshefte“) erscheinen Artikel, „daß sich die Arbeiter ihre religiösen Gefühle nicht verderben lassen sollten“, daß „der Sozialismus mit den letzten ewigen Kräften der Frömmigkeit durchströmt werden müsse“. Mit Freude konstatiert man, daß eine „neue Religiosität in der Arbeiterklasse im Entstehen“ sei. „Ungemein zahlreiche unserer Parteimitglieder beteiligen sich aktiv am religiösen Gemeinschaftsleben und wollen weder auf die äußeren Formen noch auf ihr innerliches Verhältnis zur Kirche und Religion verzichten“ usw. usw.[6] Alles das bedeutet, daß in der Sozialdemokratischen Partei auch in der Stellung zur Kirche und Religion ein ungeheuerlicher Umschwung eingetreten ist, ein Rückfall in rückständigste christlich-soziale Ideologie.

Kein Wunder, daß sich demgegenüber in dem fortgeschritteneren Teil des deutschen Proletariats, vor allem in der kommunistischen Arbeiterschaft, wieder ein energischer Wille zu ehrlicher proletarischer Freidenkerarbeit geltend macht. Angesichts der unleugbaren Schwierigkeiten bei dieser Propaganda ist es sicherlich von größtem Interesse, sich zu vergegenwärtigen, wie Lenin, den Freund und Feind als einen der größten und erfolgreichsten Marxisten anerkennen müssen, über die Stellung zur Religion gedacht hat. In dem vorliegenden Sammelbändchen sind einige, die religiöse Frage berührende Artikel und Briefe von Lenin aus den Jahren 1905 bis 1922 zusammengetragen worden. Es sei übrigens noch bemerkt, daß Lenin in der umfangreichen Monographie „Materialismus und Empiriokritizismus“ sich mit dieser Spielart der modernen Philosophie auseinandergesetzt und dabei eine grundlegende Behandlung des dialektischen Materialismus gegeben hat.

Die beiden ersten hier abgedruckten Artikel Lenins (von 1905 und 1909) sind die eingehendste Darstellung des Verhältnisses der modernen Arbeiterbewegung zur Religion, die wir von führenden Marxisten besitzen. Der zweite Artikel wurde geschrieben anläßlich einer Rede des Parteigenossen Surkow in der russischen Duma.
( Lenin: „Über das Verhältnis der Arbeiterpartei zur Religion“)
Man sieht, wie eifrig Lenin das Auftreten der Duma-Fraktion verfolgte, und wie er sie zur richtigen Stellungnahme zu erziehen wußte (der Artikel ist vollständig abgedruckt im Sammelbande Lenin, „Der Kampf um die soziale Revolution“, Seite 275 u. f.). Auch der dritte Artikel beschäftigt sich noch mit der Religionsdebatte in der zaristischen Duma (1909). Vor allem wird hier die schwächliche und reaktionäre Haltung der linken Bourgeoisie gegenüber der konservativ-klerikalen Geistlichkeit gebrandmarkt. Die Notwendigkeit einer tief ergehenden atheistischen Aufklärung innerhalb der Partei und darüber hinaus unterstreicht Lenin in dem Artikel, den er zur Einführung des wissenschaftlichen bolschewistischen Kampforgans „Unter dem Banner des Marxismus“ (1922)[7] geschrieben hat und der in unserer Folge an vierter Stelle abgedruckt ist. Bemerkenswert ist hier die Forderung einer geistigen Einheitsfront aller Atheisten und Materialisten. Der Aufsatz über Tolstoi (1908) muß den mit Büchern über Tolstoi gefütterten westeuropäischen Intellektuellen wie eine Offenbarung erscheinen. Hier wird in wenigen Sätzen gesagt, was die anderen in dicken Wälzern nicht sagen. Lenin erklärt geschichtsmaterialistisch die Wurzeln der religiösen Grundidee des Tolstoianertums und legt gleichzeitig die revolutionäre Bedeutung des Bauerntums dar. Nebenbei sei bemerkt, daß dieser Artikel eine glänzende Widerlegung jener in antibolschewistischen Kreisen kolportierten Behauptung ist, daß die Bolschewisten der Person und dem Schrifttum Tolstois völlig verständnislos gegenüberständen.

Den Abschluß des Sammelbändchens bilden zwei Briefe Lenins an Gorki aus dem Jahre 1913.[8] Die Briefe richten sich gegen das Wiederaufleben eines Gefühlssozialismus mit religiöser Verbrämung, wie er damals in der Zeit nach der Niederlage der Revolution von 1905 in dem Kreise der sogenannten „Gott-Sucher“ um Lunatscharski und Gorki gepredigt wurde. Daß sich diese Richtung gerade unter den näheren Freunden und Gesinnungsgenossen Lenins entwickelt hatte, machte Lenins Polemik dagegen um so erbitterter. Wie vor den ultralinken Otsowisten mußte Lenin die Bolschewisten nun auch vor solchen rechtsideologischen Abweichungstendenzen behüten.

Man muß bei der Lektüre der Artikel noch beachten, daß vor 1914 der Ausdruck Sozialdemokrat keineswegs opportunistischen Nebenklang hatte. Wenngleich Lenin schon seit 1903 gegen menschewistische Sozialdemokraten in Rußland focht, sah er bis 1914 in der deutschen Sozialdemokratie die Bruderpartei, die bei all ihren Schwächen doch eine marxistische Partei und eine maßgebende Partei in der Internationale war.

Aus den Darlegungen Lenins lassen sich vor allem folgende fünf Grundsätze herausheben:

1. Der Marxismus schließt das Bekenntnis zum Atheismus ein.
2. Eine klassenbewußte Arbeiterpartei muß ihre Anhänger zum Marxismus erziehen.
3. Dem bürgerlichen Staat gegenüber ist völlige Trennung von Staat und Kirche, Kirche und Schule politisch zu fordern.
4. Die politische Gewinnung der Masse muß sich in erster Linie unter Anknüpfung an ihre ökonomischen und politischen Gegenwartsinteressen vollziehen.
5. Die endgültige völlige Loslösung der Masse von der Religion kann erst auf dem Boden einer kommunistischen Gesellschaftsordnung erfolgen.

Im übrigen ist Lenins Stellung zur Religion wohl am prägnantesten in der Fassung des Programms der Kommunistischen Partei Rußlands vom März 1919 zu ersehen. Dort lesen wir unter den Forderungen „Auf allgemein-politischem Gebiet“, Ziffer 13:

„In bezug auf die Religion begnügt sich die KPR nicht mit der bereits dekretierten Trennung der Kirche vom Staat und der Schule von der Kirche, d. h. mit Maßnahmen, die von der bürgerlichen Demokratie in ihren Programmen aufgestellt, aber infolge der mannigfaltigen Bande, die in Wirklichkeit das Kapital mit der religiösen Propaganda verknüpfen, nirgends in der Welt von ihr zu Ende geführt worden sind.

Die KPR läßt sich von der Überzeugung leiten, daß nur die Verwirklichung planmäßiger und zielbewußter Ordnung auf dem Gebiete der gesamten allgemein-wirtschaftlichen Tätigkeit der Massen das völlige Absterben der religiösen Vorurteile nach sich ziehen wird. Die Partei ist bestrebt, das Band zwischen den Ausbeuterklassen und den Organisationen religiöser Propaganda vollständig zu zerstören, indem sie durch eine umfassend organisierte wissenschaftlich-aufklärende und anti-religiöse Propaganda zur tatsächlichen Befreiung der werktätigen Massen von religiösen Vorurteilen beiträgt. Dabei ist jede Verletzung der Gefühle der Gläubigen sorgfältig zu vermeiden, da das nur zur Festigung des religiösen Fanatismus führt.“

In entsprechender Weise heißt es im Programm der Kommunistischen Internationale (als Entwurf angenommen vom 5. Weltkongreß der KI 1924):

„Unter den Aufgaben des Kampfes gegen bürgerliche Vorurteile und Aberglauben nimmt der Kampf gegen die Religion eine besondere Stelle ein. Ein Kampf, der mit dem ganzen notwendigen Taktgefühl und aller Vorsicht geführt werden muß, insbesondere in jenen Schichten der Werktätigen, wo die Religion bisher im alltäglichen Leben festverwurzelt war.

Die proletarische Staatsmacht muß jede staatliche Unterstützung der Kirche aufheben, jede Einmischung der Kirche in die staatlich organisierte Erziehung verhindern und ferner jede konterrevolutionäre Tätigkeit der kirchlichen Organisationen oder ihrer einzelnen Funktionäre rücksichtslos bekämpfen.“ Sagten wir einleitend: Marxismus ohne Atheismus ist nicht denkbar, so wollen wir zum Schlüsse noch betonen: Atheismus ohne Marxismus ist geistige Halbheit und traurige Inkonsequenz. Der Zerfall der bürgerlichen monistischen Bewegung ist dafür ein lehrreiches Beispiel. Wo sich der naturwissenschaftliche Materialismus nicht zum historischen Materialismus durchringt – d. h. eben zum Marxismus – steht er auf unsicheren Füßen und geht allzuleicht jeder metaphysischen (übernatürlichen) Modetorheit der Philosophie und jeder ins Mystische ausschweifenden Rhetorik ins Garn.

Aus: W. I. Lenin, „Über Religion“; Verlag für Literatur und Politik, Berlin 1926.
Duncker, Hermann: Einführung in den Marxismus, Bd. 1, Berlin 1958, S. 123

Anmerkungen:
1) … oder Kommunismus; beide Worte sind hier gleichbedeutend.
2) Vgl. Engels, „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“.
3) Marx/Engels, „Die heilige Familie …“. S. 11.
4) W. I. Lenin, „Über die Religion“, S. 25.
5) Marx/Engels, Ausgewählte Schriften, Bd. II, S. 27.
6) Vergleiche Deborins Artikel in „Unter dem Banner des Marxismus“ Nr. l, „Des Revisionismus letzte Weisheit“, S. 64 ff.
7) Deutsche Ausgabe „Unter dem Banner des Marxismus“ Nr. l, S. l ff., Verlag für Literatur und Politik, Wien-Berlin 1925.
8) Eine Ausgabe der Briefe Lenins an Gorki ist 1924 im Verlag für Literatur und Politik erschienen.

 

http://archiv2.randzone-online.de/

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