Evelyn Kremer: Beziehung als Luftgeschäft und Stille in der Stadt

Beziehung als Luftgeschäft

Von Evelyn Kremer

 

Das ist eine Geschichte über eine Beziehung zwischen einem jungen Mann und einer jungen Frau; Eine Geschichte über eine Beziehung, die einem Luftgeschäft gleicht und von deren Art es Millionen von Geschichten gibt – immer in mehr oder wenigen großen Variationen. Die männliche Hauptperson ist ein junger Mann mittleren Alters, nicht gerade intellektuell aber gut verdienend. Widmen wir uns zunächst seiner Sicht der Dinge, bevor wir zu ihrer Version kommen.

Er hat vor Kurzem seine letzte Beziehung beendet, weil seine Freundin heiraten wollte und ihm das Ganze „irgendwie zu eng“ geworden war. Er hatte ein verdammt schlechtes Gewissen, als er mit ihr Schluss machte – schließlich war er 2 Jahre mit ihr zusammen gewesen und hatte ihr durchgehend – mehr oder weniger explizit – Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft gemacht. Am Anfang hatte er sich das auch noch sehr gut vorstellen können. Er war verrückt gewesen nach ihr: Sie sah extrem gut aus, hatte große Mandelaugen, eine sexy Figur und war immer sehr gut gekleidet und gestylt, war sehr gepflegt und roch unheimlich gut. Außerdem – und das erzählte er natürlich nicht jedem – war sie ziemlich gut im Bett. Sie hatte ihn erst ziemlich lange zappeln lassen bis „es geschah“. Er hatte sie über eine Dating-Plattform kennen gelernt und hatte die ersten Wochen parallel weitere Dates mit anderen Frauen gehabt. Dann hatte er sich am wohlsten bei ihr gefühlt, denn sie war einfach am unkompliziertesten: Sie zickte nicht ständig herum, er musste nicht ständig etwas für sie tun, sie passte sich ihm an und war ihm intellektuell nicht überlegen. Außerdem konnte man sich als Mann mit ihr sehen lassen: Viele Freunde waren begeistert von ihrem Äußeren und seine Eltern fanden sie sympathisch – irgendwie steigerte sie sein Selbstbewusstsein und füllte seine zuvor oft da gewesene Leere. Alles in allem also eine gute Wahl. Das einzige Problem war, dass sie nach einigen Monaten komplizierter wurde. Sie fing an, ihm Fragen zu stellen: Ob er eine feste Beziehung wolle, ob er sie liebe, ob er sich in Zukunft auch Kinder vorstellen könne. Außerdem brachte sie immer mehr eigene Dinge in seine Wohnung, so dass er fast schon das Gefühl hatte, dass sie bei ihm eingezogen sei – das erdrückte ihn. Anstatt sich mit ihr zu beschäftigten, hatte er immer öfter Lust nach der Arbeit mit seinen Freunden und Kollegen etwas trinken zu gehen – sie beschwerte sich dann darüber, dass er ihr zu wenig Aufmerksamkeit schenkte und stellte ihm zu viele Fragen über die Erlebnisse des Abends. Überhaupt kam es ihm so vor, als würde sie von Monat zu Monat unattraktiver werden. Sie machte sich für ihn nicht mehr zurecht und irgendwie begann er langsam ihre vielen Fehler zu entdecken: So hatte sie im Winter zum Beispiel Hautprobleme: Pickel an den Schenkeln und am Bauch. Irgendwie fand er sie deshalb weniger sexy. Gerade im Bett war es ihm wichtig, seine Partnerin zu sehen und jeder Pickel, jedes Haar an der falschen Stelle und jeder seltsame Geruch konnte seine Lust sofort abflachen. Oft rasierte sie nicht mehr ihren Körper, hatte Stoppeln an den Beinen und unter den Achseln – angeblich, weil sie so viel Stress im Job hatte. Das stimmte zwar, aber er erwartete von seiner Partnerin, dass sie sich für ihn attraktiv hielt. Er erwischte sich immer öfter dabei, Pornos im Internet zu schauen – hier waren die Frauen hier makellos und ohne Haarstoppeln, Pickel und unangenehmen Mundgeruch: „Einfach geil“. Überhaupt fand er andere Frauen immer öfter attraktiv. Gerade im letzten Sommer, wenn die Frauen ihr Röcke auspackten, war er den ganzen Tag erregt und dachte Abends beim Sex mit seiner Freundin an diverse Frauen, die er tagsüber gesehen hatte – jüngere, mit kurzen Röcken, blonden langen Haaren, unschuldigem Blick und kleinen Brüsten. Auch eine Praktikantin im Büro machte ihn ziemlich nervös. Alle Kollegen fanden sie sexy und der Chef hatte sie sicher nur wegen ihrem Aussehen eingestellt.

Der Höhepunkt seines Abturns ihr gegenüber war, als sie dachte, dass sie schwanger sei. Als sie es ihm sagte, packte ihn Panik und er wusste, dass er kein Vater werden wollte – zumindest in den nächsten 5 Jahren nicht. Oder lag es vielleicht an ihr? Immer öfter glaubte er, dass sie einfach nicht „die Richtige“ sei. Sicher würde er sonst nicht so viel Lust auf andere Frauen haben. Irgendwie kam ihm sein Leben in letzter Zeit überhaupt so leer vor: Beim Job immer dieselben Aufgaben und Abends – wenn er nach Hause kam – war sie dabei, das Essen zu machen. Es machte ihn richtig aggressiv, wie liebevoll sie zu ihm war. Zwischendurch wünschte er sich eine temperamentvollere, selbstbewusstere Frau.In seinen Phantasien hatte er außerdem Schwarze, Teenager, ältere und devote Frauen.

Nach dem gemeinsamen Essen schauten er mit ihr meist Fern. Sie mussten dann wenigstens nicht viel reden. Anschließend hatten sie ab und an noch Sex auf sein Drängen und schliefen anschließend ein, um am nächsten Tag von vorne anzufangen. Das Schlimme war, dass sie sich mit diesem Leben wohl zu fühlen schien. Sie sagte immer öfter, wie geborgen sie sich bei ihm fühle und redete immer öfter von ihrer Freundin, die gerade ein Baby bekommen hatte. „Wie komme ich aus dieser Nummer raus?“ fragte er sich immer öfter und benahm sich zunehmend übel, denn insgeheim hatte er die Hoffnung, dass sie irgendwann die Reißleine ziehen würde. Auch gegenüber ihren Eltern hatte er ein schlechtes Gewissen – gerade weil die Familie aus der sie stammte, eher konservativ war. Zwischendurch versuchte er das Problem zu verdrängen, aber tummelte sich immer öfter heimlich auf Dating-Plattformen, um mit anderen Frauen in Kontakt zu kommen. Nach einem wilden Abend mit Kollegen landete er betrunken in einem Bordell zwischen dicken Brüsten und Champagnerflaschen. Endlich fühlte sich danach wieder wie ein Mann – er brauchte einfach verschiedene Frauen. Eine war ihm zu wenig. Als er von der durchzechten Nacht nach Hause kam, sah er seine Freundin plötzlich nur noch als Mutter: Meckernd und kochend, ohne jegliche körperliche Anziehung. Als dieses Gefühl nach einigen Wochen immer noch anhielt, beschloss er sich von seiner Freundin zu trennen. Sie heulte wochenlang, rief ihn fast jeden Tag an und beschimpfte ihn wild. Ihm ging das überhaupt nicht ans Herz. Allerdings hörte er sich das Geheule aus schlechtem Gewissen an und war froh, wenn die Telefonate vorbei waren. Irgendwann ging er einfach nicht mehr ans Telefon. Er war froh, dass er die Sache hinter sich hatte und endlich wieder frei sein konnte. „Eigentlich habe ich sie nie richtig geliebt“, dachte er. „Sicher werde ich irgendwann meine Traumfrau finden“…

Sie hatte ihn über eine Dating-App kennen gelernt nachdem sie einige Enttäuschungen hinter sich hatte. Immer wieder hatte sie sich in Männer verliebt, sich eine Zukunft mit ihnen ausgemalt, aber nie war daraus etwas geworden. Immer wieder hatten die Männer nach einigen Monaten Schluss gemacht – deshalb versuchte sie es jetzt über den Weg des Online-Datings. „Er“ hatte ihr direkt gefallen: Er hatte treue Augen und ein sympathisches Lächeln. Er schrieb, dass ihm Familie sehr wichtig sei und außerdem schien er gut zu verdienen – das war ihr sehr wichtig, weil sie selbst nicht viel verdiente, aber von ihrem Elternhaus einen gewissen Standard gewöhnt war. Tagelang hatte sie überlegt, was sie zum Date anziehen sollte, war vorher noch zum Friseur gegangen und hatte mit ihren Freundinnen besprochen, wie sie sich am besten verhalten solle. Sie entschied sich für ein Outfit, das weder zu sexy noch zu prüde war. Ihm schien es richtig gut zu gefallen. Jedenfalls war es ein netter Abend auch wenn ein richtiges Gespräch nur langsam zustande kam. Immer wieder hatte er ihr tief in die Augen geschaut und sie hatte bemerkt, dass er sie ziemlich attraktiv und sexy fand. Ein Schock war es, als er sich nach dem ersten Date zunächst nicht meldete. Tagelang wartete sie aufgeregt auf eine SMS und hatte mit all ihren Freundinnen bereits diverse Szenarien durchgespielt. Solle sie sich bei ihm melden? Auch die vielen Beziehungs-Ratgeber halfen ihr nicht bei einer Antwort. Eines Abends meldete er sich unerwartet – ob sie spontan Lust habe auf ein Wein im Park. Um sich interessanter zu machen, schrieb sie, dass sie schon verplant sei und schlug ein Treffen für den nächsten Tag vor. Er ging darauf ein und dem zweiten Treffen folgten zu ihrer Überraschung weitere. Schon beim dritten Date hatte sie das Gefühl, dass er gerne mit ihr nach Hause gegangen wäre, aber sie hielt sich eisern zurück und dachte immer daran, dass sie es ihm keinesfalls zu leicht machen sollte, „wenn der Fisch jetzt anbeißen sollte“ – schließlich war sie bereits 29 Jahre alt und hatte keine Zeit mehr zu verlieren: Sie wollte jetzt endlich Mann und Familie haben und dieser Plan musste behutsam ausgeführt werden, ohne den Auserwählten zu verschrecken. Der erste Sex mit ihm hatte ihr nicht gefallen, aber sie bemühte sich, dass er seinen Spaß dabei hatte. Sie wusste von einer „erfolgreichen“ Freundin, dass es Männer im Bett etwas frech und wild mögen und ihm schien es in der Tat zu gefallen. Sie merkte, wie er sie bewunderte und begehrte – das war für sie wichtiger als ein Orgasmus, den sie oft vortäuschte. Er führte sie gerne seinen Kollegen und Freunden vor und besonders freute es sie, als sie auch seinen Eltern vorgestellt wurde. Das war der erste Schritt in eine richtige Richtung!

Kummer bereitete ihr nur, dass er noch nie vom Zusammenziehen oder von einer festen Beziehung sprach. Der Druck zu erfahren, was er für sie empfand, wurde immer größer und so fragte sie ihn nach einigen Monaten einfach: Ohne auf die Frage gefasst zu sein, antwortete er überrascht und stotternd, das das klar sei, sie aber noch eine Weile warten sollten mit dem Zusammenziehen und den weiteren Schritten. „Ein bis zwei Jahre musst Du mir noch geben“, sagte er. Sie war zunächst beruhigt und redete sich ein, dass es bestimmt früher klappen würde. Außerdem hatte sie zur Zeit extrem viel Stress im Job und musste sich erst einmal darauf konzentrieren. Abends war sie oft hundemüde und hatte oft ein schlechtes Gewissen, dass sie keine Energie mehr für Zärtlichkeiten hatte. Dafür kochte sie abends immer öfter und hoffte, dass er sie im Bett in Ruhe lassen würde. Manchmal gelang es ihr allerdings nicht, ihn im Zaum zu halten und sie tat dann so, als würde es ihr Spaß machen. Schön fand sie es, dass er sie zu lieben schien, so wie sie war. Er liebte sie auch mit unrasierten Beinen und mit Mundgeruch. Gerade deshalb hatte sie ein großes Gefühl der Geborgenheit in seiner Nähe. Enttäuscht war sie nur zu einem Anlass: Als sie eines morgens dachte, dass sie schwanger sei… Anstatt sie in den Arm zu nehmen und zu sagen, dass es nicht schlimm sei, stand ihm die Panik ins Gesicht geschrieben. Er besorgte sofort einen Schwangerschaftstest in der Apotheke und war sichtlich erleichtert, als das Ergebnis negativ war. In der darauf folgenden Zeit war er sehr oft schlecht gelaunt, sagte aber, dass es am Stress bei der Arbeit liege. Sie nahm Rücksicht und hoffte, dass sich der Stress bald legen würde. Insgeheim hoffte Sie, dass er ihr spätestens zu Silvester einen Heiratsantrag machen würde. Schließlich waren sie schon fast zwei Jahre zusammen und sie hatte ihm immer öfter zu Verstehen gegeben, dass ihre Uhr ticke und sie sich mehr als alles in der Welt Kinder und Familie wünschte. Als er ganz plötzlich und unerwartet Schluss machte, fiel sie in ein tiefes Loch. Sie lag mehrere Tage heulend im Bett und fühlte sich verstoßen und wie eine alter Juffer. Sie konnte nicht fassen, dass er ihr zwei der besten Jahre geraubt hatte und außerdem hatte sie doch so viel investiert in ihn, in ihren Plan eine Familie zu gründen. Jetzt war sie 31 und die Zeit eine Familie zu gründen wurde immer knapper. Sie rief in ständig weinend an, machte ihm Vorwürfe und konnte nicht glauben, dass er sie so hintergangen hatte, hatte er ihr doch von Anfang an so große Hoffnungen gemacht auf eine gemeinsame Zukunft. Die einzige Frage die sie sich selbst kritisch stelle: War er vielleicht nur ein Erfüllungsgehilfe für ihren Plan gewesen oder hatte sie ihn wirklich geliebt? Sie beschloss beim nächsten Mal einen Mann zu suchen, der selbst unbedingt Kinder haben wollte – vielleicht würde das Geschäft dann besser aufgehen…

 

 

Stille in der Stadt

Von Evelyn Kremer

 

Heute ist Fußball-Abend. Die ganze Nation hat Grillwürste und Bier gekauft. Eine Stunde vor dem Spiel sind die Supermärkte brechend voll. An den Fenstern hängen Fahnen und viele Menschen haben früher begonnen zu arbeiten, um am Abend rechtzeitig nach Hause zu kommen. Auf den Straßen sieht man immer mehr Menschen mit Kleidung in den Nationalfarben. Viele haben sich sogar das Gesicht bemalt. Ganze Gruppen rotten sich zusammen, um das Spiel zu verfolgen: Auf Screens in vielen Straßen, in Restaurants, in Gärten, auf Balkons oder im heimischen Wohnzimmer auf der Ledercouch. Das Spiel beginnt, der Alkohol fließt. Die Stimme des Sprechers tönt durch die Stadt. Wenn der Gegner ein Tor schießt, rauscht ein Stöhnen durch die Straßen. Lautes Schimpfen ist zu hören. Fällt ein Tor, hört man hupende Autos und Freudengeschrei – manchmal leicht versetzt, denn manche Fernseher übertragen langsamer als andere. Die Menschen liegen sich grölend in den Armen. Viele sind betrunken.

Als man mich heute fragte, mit wem ich Fußball schaue, wusste ich zunächst nicht, was ich sagen soll. Die Frage irritierte mich, weil sie doch voraussetzte, dass ich überhaupt Fußball schaue. „Ich schaue kein Fußball“, erwiderte ich und schaute in fassungslose Gesichter. „Ich mag kein Fußball“, ergänzte ich und fragte „warum soll ich dann schauen?“.

Der Kollege neben mir guckt kritisch und verzieht sein Gesicht. Wahrscheinlich denkt er, „wie kann man so langweilig sein?“. „Jeder schaut Fußball“ erwidert er. „Was machst Du in der Zeit?“. Meine Antwort fällt etwas länger aus: „Ich finde es richtig geil, dass endlich mal nicht mein Telefon klingelt und ich keine E-Mails bekomme. Ich kann mit meinem neuen Auto über leere Autobahnen rasen, habe den Supermarkt für mich und genieße die Ruhe an den beliebtesten Stellen der Stadt. Nie habe ich die Stadt in diesem aufregenden und seltenen Zustand gesehen: Die Straßen sind leer gefegt – fast wie in einem Horrorfilm. Der Wind weht wie in einem Western durch die sonst belebten Fußgängerzonen und trägt Herbstblätter mit sich. Es ist so ruhig, dass ich den Wind sogar hören kann. In meinem Lieblings-Restaurant bin ich der einzige Gast. Ich habe drei Kellner für mich allein. Nach einem köstlichen Essen gehe ich durch die Straßen und höre zum ersten Mal Vögel, die ich vorher hier nie gehört habe. Beim Schlendern treffe ich viele einsame Frauen, die sich über einen Flirt freuen. Endlich haben sie Zeit dafür. Langsam bummle ich mit einer schönen Frau an den Schaufenstern vorbei durch die leere Innenstadt. Wir essen ein Eis auf dem leeren Schlossplatz, der sonst von Menschen übersät ist. Schließlich sitzen wir in der Dämmerung alleine am Fluss. Das erste mal höre ich das Wasser des Flusses in der Stadt rauschen und als wir uns küssen, höre ich das Blut in meinen und in ihren Adern fließen. „Hoffentlich gibt es noch ein Elf-Meter-Schießen“, denke ich.

Vielleicht kannst Du jetzt verstehen, warum ich nicht gerne Fußball schaue! Man kann einfach Besseres erleben in dieser Zeit! Ich freue mich jedes Mal auf die großen Fußballevents!“

 

2016 © by Evelyn Kremer

evelyn.kremer@gmx.de

Siehe auch:

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