Spätestens im August 1942 wusste eine Schweizer Ärztemission über den ­Massenmord an den Juden Bescheid, und zwar in den grässlichsten Details.

Ein Tagebuch aus Privatbesitz belegt: Spätestens im August 1942 wusste eine Schweizer Ärztemission über den ­Massenmord an den Juden Bescheid, und zwar in den grässlichsten Details.

Von Christoph Mörgeli

Lebenslanges Schweigen: Schweizer Kardiologe Robert Hegglin (2.v.r.) auf Rotkreuz-Mission in Deutschland, 1945.Bild: zVg

Der ansonsten so beherrschte Arzt gab sein Missfallen durch lautes Pfeifen kund. Robert Hegglin, renommierter Internist und Kardiologe aus Zürich, sass im Publikum, als sich sein Luzerner Kollege Rudolf Bucher Anfang 1944 in einem öffentlichen Vortrag über die deutschen Gräuel in Osteuropa entsetzte. Der Referent bezeichnete jene, die davon wussten und trotzdem schwiegen, gar als «Landesverräter».

Am nächsten Tag verwahrte sich Sanitätshauptmann Hegglin gegen solche Vorwürfe und erinnerte Oberleutnant Bucher an das schriftlich gegebene Offiziersehrenwort, über das Gesehene an der Ostfront zu schweigen. Die Schweizer Ärztemissionen seien Teil der unparteiischen Rotkreuz-Idee; da sei kein Platz für «Nebengedanken, insbesondere politischer Art». Der Nutzen der Vorträge bei einigen, welche die Zeichen der Zeit noch nicht verstanden hätten, stehe in keinem Verhältnis zur «schweren Einbusse, die wir vor allem im Ausland erleiden». Tatsächlich enthielten die Vorträge von Rudolf Bucher Übertreibungen und Ungenauigkeiten. Hegglin wies im Briefwechsel, in den sich sogar ein Rechtsanwalt einschaltete, speziell den Vorwurf zurück, die Schweizer Ärztemission habe an der Ostfront nur deutsche Patienten betreuen dürfen; er selber habe auch russische Kriegsgefangene und lettische Zivilisten behandelt.

Befürchtungen nach Aktenfund

Damals wie später gehörte die viermalige Entsendung einer Ärzte- und Schwesternmission im Rahmen des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion zu den umstrittensten Themen der Geschichte der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Nicht die humanitären Aktionen zwischen 1941 und 1943 unter dem Patronat des Roten Kreuzes an sich waren problematisch, wohl aber das politische Motiv, die gemischte Finanzierung durch Exportwirtschaft und Bund sowie die Unterstellung unter deutsche Militärgerichtsbarkeit.

Die Idee zu den Schweizer Ärztemissionen dürfte im Frühjahr 1941 am Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in Berlin entstanden sein. Sowohl Ferdinand Sauerbruch, der sich als Freund der Schweiz verstand und acht Jahre lang in Zürich gelehrt hatte, wie auch der deutschfreundliche Chirurg und Divisionär Eugen Bircher nahmen später für sich in Anspruch, die Initialzündung gegeben zu haben. Zur Frage der Finanzierung zog man Peter Vieli bei, früher ­Diplomat und jetzt Generaldirektor der Schweizerischen Kreditanstalt. Nach und nach wurden immer höhere Stellen eingeweiht, auf Seiten der Schweiz General Henri Guisan und Aussenminister Marcel Pilet-Golaz, auf ­deutscher Seite Staatssekretär Ernst von Weizsäcker und Generaloberstabsarzt Siegfried Handloser, Chef der Wehrmachtssanität.

Die Schweizer Ärztemission verfolgte nicht nur humanitäre Ziele, sondern sollte auch das bedrohliche Hitlerdeutschland auf dem ­Höhepunkt seiner Macht besänftigen. Im Bundeshaus und im Armeehauptquartier herrschten schwere Bedenken hinsichtlich ­eines deutschen Einmarschs wegen der alliiertenfreundlichen Parteinahme der Schweizer Presse und wegen des Aktenfunds von La ­Charité-sur-Loire durch die Deutschen, der weitgehende Absprachen von General Guisan mit Frankreich belegte.

Die Schweizer Wirtschaft befürchtete angesichts der gespannten Lage Exportprobleme und bezahlte für alle vier Ärztemissionen 650 000 Franken gegenüber 550 000 Franken, die der Bund beisteuerte. Eine problematische Motivierung bildete auch der ausgeprägte ­Anti-Bolschewismus des Schweizer Bürgertums, welches teilweise einen Sieg des nationalsozialistischen Deutschland gegen die Sowjetunion mehr erhoffte als einen Sieg Russlands, der doch im Interesse der Westalliierten lag.

Auch schadete der Akzeptanz der Ärztemissionen, dass mit dem germanophilen Eugen Bircher eine ausgesprochen umstrittene Persönlichkeit die Leitung der ersten Delegation erhielt, die von Oktober 1941 bis Januar 1942 dauerte. Die erste Ärztemission fiel also genau in jene Monate, in denen die militärische Niederlage Deutschlands an der Ostfront besiegelt wurde. Eine zweite Mission führte von ­Januar bis April 1942 nach Warschau, eine ­dritte – hier beschriebene – in die lettischen Städte Riga und Daugavpils (Dünaburg) sowie ins russische ­Pskow (Pleskau). Die vierte Schweizer Ärztemission weilte vom November 1942 bis März 1943 in Krakau.

Gerechterweise muss erwähnt werden, dass die neutrale Schweiz Grossbritannien und Frankreich ebenfalls Ärzte- und Schwesterndelegationen anbot, dort aber auf kein Inter­esse stiess. Wenn die Schweizer an der Ostfront der Gerichtsbarkeit der deutschen Wehrmacht unterstellt wurden, so entsprach dies zwar durchaus dem damaligen Völkerrecht, insbesondere der Genfer Konvention von 1929. Die Unterordnung verdient aber insofern Kritik, als sich die Schweiz an der Ostfront vertraglich mit einem verbrecherischen Regime eingelassen hat, das im «Unternehmen Barbarossa» ­einen Vernichtungskrieg führte und dabei ­jede Menschlichkeit preisgab.

«Äusserst penible Judenfrage»

Der aus dem zugerischen Menzingen stammende Robert Hegglin war 1942 Oberarzt an der Medizinischen Klinik des Universitäts­spitals Zürich und hatte Dienst im Regimentsstab von Oberst Gustav Däniker geleistet, der 1941 wegen einer defätistisch-anpasserischen Denkschrift entlassen wurde («Wir bilden uns merkwürdigerweise sehr viel darauf ein, als ‹Querschläger› durch ein neues Europa zu ­fliegen»).

Auch Robert Hegglin, später international bekannter Ordinarius und Poliklinikdirektor in Zürich, fühlte sich dem deutschen Kulturraum eng verbunden, wurde aber durch seine Eindrücke an der Ostfront mehr als nur irritiert. Zeitlebens sprach er niemals über das dort Gesehene und Gehörte, nicht einmal im engsten Familienkreis. Hegglin hat aber ­während seiner Mission ein Tagebuch geführt und dabei das Erlebte bemerkenswert nüchtern und sachbezogen geschildert. Der Autor hielt verschiedene Prognosen über den Kriegsverlauf fest, schätzte die Personen ein und ­erfasste das Atmosphärische. Ein nahes Kriegsende, geschweige denn ein deutscher Sieg schien Hegglin überhaupt nicht wahrscheinlich. Im Klima von politischer Diktatur und von ­Repressionen gegen die offene Meinungs­äusserung vermochte er die Vorteile der ­Freiheit in Denken, Glauben und Forschen erst richtig zu ermessen.

Am 12. August 1942 vertraute Robert Hegglin seinem Tagebuch an: «Es muss noch eine Frage gestreift und besprochen werden, welche zwar äusserst penibel ist, aber in einem objektiven Bericht nicht fehlen darf: die Judenfrage. Es kann – nach den mir vorliegenden Berichten von deutschen Soldaten, Offizieren und Letten – keinem Zweifel unterliegen, dass in der Umgebung von Riga seit der deutschen Besetzung nahezu 100 000 Juden erschossen worden sind. Die Angaben schwanken zwischen 40 000 und 90 000. Judenerschiessungen sind auch in allen andern grösseren Orten in Lettland vorgenommen worden, und zwar werden diese Erschiessungen nicht nur an ­einheimischen ­Juden hier vorgenommen, sondern es werden offenbar hierher vor allem ­Juden aus dem Reich gebracht und hier erschossen.»

Die Zahl von 100 000 Ermordeten in Lettland entspricht erstaunlich exakt den Befunden der Geschichtswissenschaft. Robert Hegglin fährt in seinem Tagebuch mit der Präzision des medizinischen Diagnostikers weiter: «Nach dem Bericht eines lettischen Arztes, dessen Freund bei der lettischen Polizei ist und der selbst bei den Erschiessungen aktiv beteiligt ist, werden Letten in die lettische Polizeimannschaft gezwungen. Nachdem sie die üblichen Gehorsamkeitserklärungen abgegeben haben, werden sie aufgefordert, an den Erschiessungen teilzunehmen. Weigern sie sich, so werden sie selber wegen Unzuverlässigkeit umgebracht. Es sollen an einem Tag bis 1000 Erschiessungen vorgenommen worden sein. Die Juden schaufeln ihr Massengrab offenbar selbst, werden dann aufgefordert, sich nackt auszuziehen, wobei gut organisiert Ringe und Kleider an verschiedenen Orten abgegeben werden müssen – so erzählt dieser Lette. Dann erfolgt die Erschiessung durch Maschinenpistolen oder auch Nackenschuss. Die Erschiessung wird an Männern, Frauen und Kindern in gleicher Weise durchgeführt.»

Der Tagebuchautor vernahm von Augenzeugen weitere grausliche Details des Holo­caust: «Es soll auch vorgekommen sein, dass die Erschiessungen nicht korrekt durchgeführt wurden. So erzählt der Lette von zwei Mädchen, die abends aus dem Grab gestiegen seien, da sie nur leicht verletzt waren, und die in einem benachbarten Bauernhof Zuflucht suchten. Noch schaurigere Berichte habe ich von Dünaburg gehört. Man erzählt dort, dass es im Massengrab noch gebrüllt habe, als man begann, das Grab zuzudecken. Wie es sich mit der Ausschmückung dieser Erschiessungen verhält, weiss ich nicht. Absolute Tatsache aber dürfte sein, dass hier in Lettland Tausende von Juden von Letten (unter deutschem Befehl) ­erschossen worden sind.»

Robert Hegglin zog aus den glaubhaft geschilderten Gräueltaten im Tagebuch die entschiedensten Konsequenzen: «Dass es gegenüber diesen Massnahmen unsererseits nur schärfste Ablehnung geben kann, dürfte zweifellos sein. Die Deutschen machen es einem moralisch denkenden Menschen schwer, sich für sie einzusetzen. Haben sie diese blutigen Schandtaten tatsächlich notwendig? Dann sind sie auch nicht berufen, die Herren Europas zu werden.»

«Schwanensee», SS-Einladung

Von einem geradezu irrealen Kontrast zu den Massenmorden zeugt der nächste Tagebucheintrag Hegglins, der eine Aufführung von Tschaikowskis «Schwanensee» in Riga betrifft: «Ausgezeichnetes Ballett. Die Musik hat mir ebenfalls sehr gut gefallen.» Es seien vom General bis zum einfachsten Landser alle Wehrmachtsgrade im Publikum gesessen. «Zweimal erhaschte ich eine Welle von bestem Parfüm. Diese Duftwelle erweckte lebhafteste Erinnerungen an Paris und schöne Zeiten.»

Kurz darauf besuchte Robert Hegglin ein ­Lazarett mit 800 Gefangenen. Äusserlich sah ­«alles hervorragend nett» aus, denn die deutschen Bewacher zogen vor den Schweizer Besuchern eine nicht leicht zu durchschauende Show ab. Doch Hegglin entging nicht, dass er klinisch vor allem Wasseransammlungen sah: «Nach dem Bild muss es sich zweifellos um Hungerödeme handeln.» Er entsann sich nicht, jemals Menschen von einer solchen Magerkeit gesehen zu haben: «Sie waren buchstäblich nur Haut und Knochen.» Die Oberschwester aber log, es würden täglich 350 Gramm Brot und Eintopfgerichte abgegeben. Gleichzeitig kursierten im Lazarett glaubwürdige Gerüchte über Kannibalismus: Es werde ein Handel mit Menschenfleisch getrieben, wobei die Hungernden speziell für Lebern und Nieren viel bezahlten.

Am 26. August 1942 weilte Robert Hegglin an einer Abendgesellschaft des obersten Polizeichefs von Lettland, des SS-Oberbrigadeführers Walther Schröder. Verständnis für die besondere Lage der Schweiz war bei den versammelten Norddeutschen nicht auszumachen. Man politisierte in erstaunlicher Offenheit und nahm Hegglin gar nicht als Ausländer wahr. Einig waren sich die Anwesenden, dass der Krieg gegen Grossbritannien «ein ­Unglück und Wahnsinn» sei. Die Deutschen hofften auf ­einen Separatfrieden, denn es müsse darum gehen, den «russischen Koloss» zu erledigen. Alle beteuerten, sie seien «im Grunde auch ­Demokraten» und ihr Land sei keineswegs eine Diktatur. Dies ermunterte Hegglin, einen Toast auf die Demokratie anzubringen. Über den SS-Gastgeber notierte der Schweizer: «Die Züge des Mannes sind zweifellos brutal, auch wenn er recht gemütlich sein kann. Ich musste immer wieder daran denken, dass dieser Mann die Juden hier, mittelbar jedenfalls, auf dem Gewissen hat.»

Kriegführung von äusserster Brutalität

Gestartet waren die «Ostfrontfahrer» in Bern, wo sich 29 Ärzte, 30 Krankenschwestern und 19 Krankenwärter nebst Chauffeuren besammelt hatten. Nach einem Empfang in der militärärztlichen Akademie in Berlin im Beisein von Ferdinand Sauerbruch und dem Schweizer Botschafter Hans Frölicher («nicht besonders imponierend») ging’s im langsamen Lazarettzug nach Riga. Dort übernahm Robert Hegglin eine Station für innere Krankheiten mit 200 Betten, wo er zu seiner Befriedigung «Infektionskrankheiten en masse» zu sehen bekam: Malaria, Flecktyphus, Bauchtyphus, Ruhr, Scharlach und Diphtherie. Die dort beschäftigten russischen Kriegsgefangenen assen «die Abfälle der Diätküche». Der Krieg – so viel wurde Hegglin sofort klar – wurde «ohne Pardon geführt». Es gab kaum noch Gefangene, dafür unmenschliche Verstümmelungen.

Die russischen Soldaten verharrten tagelang bewegungslos im Sumpf, um plötzlich mitten in den Stellungen der vorrückenden Deutschen loszuschlagen. Anderseits verrieten sie ihren Standort oft durch das Geschrei politischer ­Einpeitscher oder gegenseitige Anfeuerungsrufe. Propagandareden aus scheppernden Lautsprechern riefen die Deutschen zur Kapitulation auf. Befreiendes Lachen vernahm Hegglin nicht, die Stimmung im Lazarett war gedrückt, Grossmäuler, die mit Heldentaten prahlten, sah er nie. Die Verwundeten mussten zuerst entlaust werden und warteten nackt ­inmitten von Bergen schmutziger Kleider, ­assen etwas und liessen sich von lauten Radioklängen mit süss-sentimentalen Schlagern ­betäuben.

Die Tragik der Deutschen schien Robert Hegglin ungeheuerlich. Eine Niederlage bedeute wohl das Ende ihrer nationalen Existenz, ein Sieg aber dauernde Unterdrückung «der persönlichen Sphäre und des Persönlichkeitswerts» bis «ins Unerträgliche». Der Schweizer Arzt befürchtete den Untergang des bürgerlichen Menschen und die Herrschaft der unkultivierten Masse. Als besonders «unklar» beurteilte Hegglin die Äusserungen der deutschen Militärpfarrer, die doch wissen mussten, dass der Sieg des Nationalsozialismus religiösen Nihilismus und damit das Ende ihrer christlichen Botschaft bedeuten würde. Politisch erhofften sich die einheimischen Letten einen Sieg Deutschlands über die Sowjets, danach aber einen Sieg der Angloamerikaner über die Achsenmächte: «Also eine Einstellung, die man auch bei uns in der Schweiz finden kann.» Bei Gesprächen mit Deutschen, Russen und Letten erschreckte Hegglin der völlige Materialismus, das Abstumpfen der Gefühle, eine tiefe Freudlosigkeit und der ­Verlust wirklicher Liebesbindungen.

Ausflug ins besetzte Russland

Zu den Höhepunkten von Hegglins Ärztemission gehörte eine viertägige Reise zu den vorgeschobenen Schweizer Sanitätseinrichtungen im lettischen Dünaburg und im russischen Pleskau. Bei der Fahrt im verdunkelten Abteil des Nachtzuges gewann er ein genaueres Bild der deutschen Frontsoldaten. ­Ihre Haltung war «in jeder Hinsicht militärisch». Sie unterhielten sich offen über Dienstliches und schimpften über Vorgesetzte, vermieden aber jedes Wort über Politik. Das Gelände wurde topfeben, und Hegglin sah von weitem als Wahrzeichen der stark zerstörten russischen Stadt Pleskau die grünen Kuppeln des orthodoxen Domes an der Welikaja: «Ich empfand es als ein höchst merkwürdiges Gefühl, den Fuss auf den Boden jenes Russland zu setzen, von dem wir während zwanzig Jahren nichts Genaueres erfahren konnten.»

Die Schweizer Mission war auf drei deutsche Kriegslazarette verteilt, doch herrschte ­erhebliche Missstimmung, da es zu wenig ­Arbeit gab und «die Kompetenzen gegenüber schlechter ausgebildeten, aber arroganten deutschen Kollegen nicht überall scharf abgegrenzt waren». Tatsächlich fanden im Sommer 1942 im nördlichen Frontabschnitt relativ wenige Kampfhandlungen statt.

Die Wehrmacht belagerte Leningrad, war aber durch heftige sowjetische Gegenangriffe seit längerem in die Defensive geraten. «Wunderbar» erschienen Hegglin die etwa dreissig Ju-88-Flugzeuge, die zweimal täglich majestätisch zur Landung ansetzten; man könne sich in deren Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit «richtig verlieben».

An einem warmen Sommernachmittag nahm die ganze «Schweizerkolonie» ein Bad in der Welikaja – «alles überstrahlt von der gleichen lieben Sonne, wie sie auch in unseren ­Bergen leuchtet». Im Fluss planschte auch der frühere Divisionskommandant und nunmehrige Nationalrat Eugen Bircher. Als Bircher später in einem Flugzeug sass, meinte Hegglin über den Aargauer Chirurgen: «Dieser biedere, gutgläubige Schweizerkopf passt irgendwie schlecht zu den Köpfen der Luftwaffen-Offiziere, die scharf gemeisselt und hart sind.»

Im zu siebzig Prozent zerstörten Dünaburg besuchte Robert Hegglin die Schweizer Missionsmitglieder, traf allerdings auf eine ausgesprochen schlechte Stimmung. Auch dort gab es nicht genügend Kranke und Verletzte, so dass «die Deutschen, welche selbst nicht ­genügend beschäftigt waren, die Schweizer als Eindringlinge betrachteten».

Robert Hegglin hat seine persönlichen Eindrücke während seiner Ärztemission in der knappen Freizeit auf 165 grosszügig beschriebenen Seiten festgehalten. Das Manuskript ­beginnt am 17. Juni 1942 und bricht am 10. September 1942 abrupt ab – sechzehn Tage vor Ende der Mission. Es scheint unwahrscheinlich, dass der Autor seine Aufzeichnungen vorzeitig eingestellt oder verloren hat. Weit eher denkbar ist, dass Hegglin den Schluss für die Überlieferung an die Nachwelt als ungeeignet beurteilte und die entsprechenden Seiten vernichtete. Hat er sich zu negativ über Nazideutschland ausgelassen? Oder hat er ein zu positives Bild der Deutschen gemalt, zu dem er nach dem Krieg nicht mehr stehen wollte? Denkbar wäre auch, dass er das Getto von Riga und die dort herrschenden entsetzlichen ­Zustände gesehen und beschrieben hat.

Nachweislich geärgert hat sich Robert ­Hegglin nach seiner Rückkehr über Details, die angesichts des fast unmittelbar erlebten Holocaust als beschämend banal erscheinen. Der Sanitätshauptmann erhob beim stellvertretenden Schweizer Rotkreuz-Chefarzt Beschwerde über die Uneinheitlichkeit der Spezialuniform der Ärztemission, besonders bei «Kopfbedeckung, Schuhen und Strümpfen der Krankenschwestern». Dringlich empfahl er seinen Vorgesetzten, «die Mütze der Ärzte mit dem Bändeli durch eine Lösung mit zwei Knöpfen zu ersetzen».

Die Bevölkerung erfuhr bis 1945 nichts von den ­vernichtenden Vorgängen in den Konzentrationslagern der Nazis. 
Gewisse Kreise waren aber schon früher informiert.

Von Christoph Mörgeli

Mit dem Ostfeldzug begann im Juni 1941 der Massenmord an der jüdischen Bevölkerung. Anfang 1942 beschlossen hohe Exponenten der NS-Regierung und der SS die Deportation von Europas Juden in den ­Osten, um sie dort systematisch umzubringen. Dies geschah anfänglich durch Massen­erschiessungen, dann auch durch Abgase und seit März 1942 in Gaskammern von Vernichtungslagern.

Die Schweizer Bevölkerung vernahm erst nach Kriegsende vom eigentlichen ­Holocaust. Sogar Jean Rudolf von Salis, der bei Radio Beromünster während des Zweiten Weltkriegs regelmässig über die aktuelle Lage referierte und zu den bestinformierten Zeitgenossen gehörte, erhielt erst im Mai 1945 Kenntnis von den Vorgängen in den Konzentrationslagern.

Die ­Behörden in Bundesbern wurden ­allerdings schon wesentlich früher gewarnt. Franz Rudolf von Weiss, Schweizer Generalkonsul in Köln, schrieb im November 1941 an die Fremdenpolizei und an das ­Politische Departement über bevorstehende Judendeportationen nach Minsk. Die Gestapo verhindere jede Auswanderung von Juden, damit nichts «von den letzten unmenschlichen, von vielen Deutschen scharf verurteilten Massnahmen durch­sickert». Mitte Mai 1942 schickte von Weiss «streng vertraulich» sogar Fotografien – etwa von der «Entladung deutscher ­Güterwagen von den Leichen erstickter ­Juden» – an Brigadier Roger Masson, Chef des Nachrichtendienstes.

Der in Zürich tätige Industrielle Eduard Schulte aus Breslau informierte im Juli 1942 jüdische Persönlichkeiten in der Schweiz über die systematische Vernichtung von Juden. Gerhart M. Riegner, ­Vertreter des Jüdischen Weltkongresses in Genf, erhielt so Kenntnis von den Vernichtungsplänen und leitete sie ab dem 8. August 1942 an die Westalliierten weiter. Auch einzelne Mitarbeiter der Schweizer ­Ärztemissionen machten ihre Erfahrungen öffentlich, was zu scharfen deutschen Interventionen führte. Was die der Zensur unterworfene Presse betrifft, so schrieb die SP-Tageszeitung La Sentinelle am 12. August 1942: «Man ist dabei, eine Rasse ­systematisch auszurotten.» Im Herbst 1942 erwähnten Schweizer Zeitungen «Todes­transporte» von Juden Richtung Osten.

«Ernsthafte Nachteile»

Robert Jezler von der Polizeiabteilung im Justizdepartement legte Bundesrat ­Eduard von Steiger Ende Juli 1942 einen Bericht vor, laut dem eine Rückweisung «kaum mehr zu verantworten» sei.

Doch der Bundesrat beschloss am 4. August 1942 das Gegenteil, im Wissen, dass den Betroffenen daraus «ernsthafte Nachteile (Gefahr für Leib und Leben) erwachsen könnten». Die Landesregierung wollte den Juden den Status von politischen Flüchtlingen nicht gewähren und änderte diesen Entscheid offiziell erst im Juli 1944.

 

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