Jüdische Partisaninnen. Der verschwiegene Widerstand in der Sowjetunion.

walke

Anika Walke

Jüdische Partisaninnen. Der verschwiegene Widerstand in der Sowjetunion

Rosa-Luxemburg-Stiftung

Texte 37

Karl Dietz Verlag Berlin

Fotoquellen:

  1. 10, 32, 40, 42, 49, 66, 83, 99, 123 Karl Dietz Verlag Berlin S. 34, 44, 58, 72: Akten der Organisation jüdischer ehemaliger Häftlinge faschistischer Konzentrationslager und Ghetto St. Petersburg S. 88, 108: Anika Walke
  2. 104: Privatbesitz Jelena Askarewna Drapkina
  3. 132: Barbara Epstein
  4. 158: Privatbesitz Jekaterina Israiljewna Zirlina

Anika Walke:

Jüdische Partisaninnen. Der verschwiegene Widerstand in der Sowjetunion (Reihe: Texte / Rosa-Luxemburg-Stiftung; Bd. 37)

Berlin: Karl Dietz Verlag 2007

Mit 17 Abbildungen

ISBN 978-3-320-02114-6

© Karl Dietz Verlag Berlin GmbH 2007

Satz: Elke Sadzinski

Umschlag: Heike Schmelter, unter Verwendung eines Fotos von Jelena Askarewna Drapkina Druck und Verarbeitung: MediaService GmbH BärenDruck und Werbung Printed in Germany

Inhalt

Prolog: »Man hätte da mehr tun müssen«

7

Einleitung

11

»Wenn Sie noch ein bisschen besser Russisch lernen,

können wir uns das nächste Mal auch besser unterhalten.«

Alewtina Semjenowna Kuprichina

35

»Ich will leben.«

Frida Iosifowna Pedko

45

»Nun sagen Sie doch, Sie sind doch Deutsche,

wie konnte das alles geschehen?«

Lidija Gerschowna Dosowitzkaja

59

»Antisemitismus ist der Schatten des jüdischen Volkes.«

Nina Gennadjewna Romanowa-Farber

73

»Ich möchte in meinem Leben wenigstens einen Deutschen

in Gefangenschaft sehen.«

Jelena Askarewna Drapkina

89

»Ich war ja praktisch noch ein Kind.«

Rita Abramowna Kaschdan

109

»Den einen Tag haben wir gefeiert, und am nächsten Tag

war ein Pogrom und man musste helfen, das war einfach so.«

Rosa Jefimowna Selenko

133

»Wir haben jeden Tag unser Leben riskiert.«

Jekaterina Israiljewna Zirlina

159

Der jüdische Überlebenskampf in der (post)sowjetischen Kriegserinnerung: ein Epilog

171

Danksagung

189

Prolog: »Man hätte da mehr tun müssen«

Im April des Jahres 2001 besuchte ich in St. Petersburg die 76-jährige Jelena Askarewna Drapkina. Eine Fotografie von ihr, auf der sie als Partisanin zu sehen ist, hatte meine Neugier geweckt: Bewaffnet und uniformiert posiert sie vor der Kamera, blickt etwas unsicher, ohne zu lächeln, aber den Betrachter direkt an. Welche Person verbirgt sich hinter diesem Ab-Bild? Wie hatte Jelena Drapkina als junge jüdische Frau die deutsche Besatzung erlebt, wie hatte sie überlebt und wie lebte sie nach dem Ende des Krieges in der Sowjetunion? Fragen, denen ich in Begegnungen und Gesprächen auch mit anderen Menschen, die heute in St. Petersburg leben, nachgehen wollte.

Schon zu Beginn des ersten Interviews hatte mir Jelena Drapkina Fotos gezeigt und gesagt: »… als meine Freundin gehenkt worden ist.« Ehe ich sie richtig anschauen konnte, hatte sie die Bilder bereits wieder weggelegt. Als sie später meinte, genug über sich gesprochen zu haben, begann sie die Geschichte ihrer Freundin zu erzählen. Sie erzählte damit auch ihre eigene, denn die Bemühungen um die Aufklärung des Schicksals der Freundin hatten sie viele Jahre nach Kriegsende beschäftigt und ließen sie bis zum Zeitpunkt unserer Begegnung nicht los.

Schnell wurde klar, dass sie von einer Frau spricht, die in nahezu jeder Veröffentlichung zur deutschen Besatzung der Stadt Minsk zu sehen ist: auf einem Foto, das im Moment ihrer Hinrichtung durch deutsche Offiziere aufgenommen wurde.

Bisher auch für mich namenlos, gab Jelena Drapkina dieser jungen Frau ihren Namen und erzählte, warum sie in der (ehemaligen) Sowjetunion lange Zeit und auch heute noch als »die Unbekannte« gilt.

Mascha Bruskina ging zusammen mit Jelena zur Schule, gemeinsam spielten sie Theater im Pionierpalast und verbrachten die Freizeit. Während des Krieges riss der Kontakt ab. Nach dem Einmarsch der Deutschen mussten sie in das jüdische Ghetto umziehen, wo sie sich wiedertrafen und begannen, gemeinsam nach einer Verdienstmöglichkeit zu suchen. Ihre Wege trennten sich, als Mascha Arbeit in einem Lazarett für sowjetische Kriegsgefangene fand, das außerhalb des Ghettos eingerichtet worden war. Dort versorgte sie nicht nur die Kranken, sondern ver-half denjenigen, die dazu in der Lage waren, zur Flucht. Auch Jelena bat sie um Unterstützung:

»Als Mascha in dem Lazarett arbeitete, da kam sie zu mir und meinte: ›Hör mal, ich brauche Männerkleidung.‹ Verstehen Sie? Wenn unsere Kriegsgefangenen gesund waren, dann haben sie ihnen Kleidung gegeben und die Gefangenen sind dann in den Wald geflüchtet. […] Ich wusste das damals aber noch nicht, das konnte sie mir ja auch nicht sagen. Ich wusste, dass sie Kleider sammelte, mehr aber nicht.«

Diese Fluchthilfe blieb nicht lange unentdeckt. Am 26. Oktober 1941 richteten die Besatzer in Minsk an verschiedenen Stellen öffentlich zahlreiche Menschen 7

hin, die im Untergrund tätig waren. Auch Mascha und ihre Freundin Sonja, mit der sie zusammen im Lazarett gearbeitet hatte, wurden erhängt. Jelena erinnert sich an die Reaktion von Maschas Mutter:

»Sie lief aus dem Ghetto hinaus, ist zur Komarowka1 gegangen und hat gesehen, dass es wirklich Mascha ist. Sie ist dann verrückt geworden, irgendwie kam sie ins Ghetto zurück, hat nachts nicht geschlafen, hat geschrieen, so dass die anderen auch nicht schlafen konnten. Und am 7. November ist sie umgebracht worden, bei dem Pogrom. […] Jemand hatte Zettel von Mascha gebracht, da stand drauf: ›Mama, verzeih mir … mach Dir um mich keine Sorgen.‹ Ich bekam die Nachricht: ›Ich werde jedenfalls nicht am Hungertod sterben.‹ Damals verstand niemand, was sie meinte, ob sie Angst hatte zu verhungern oder im Ghetto umzu-kommen. Aber nun wussten wir, wovor sie Angst hatte.«

Noch vor dem Krieg hatte sich Maschas Vater von seiner Frau getrennt und war nach Moskau gezogen. Nach der Befreiung versuchte er, Kontakt zu ihr und seiner Tochter aufzunehmen und schrieb einen Brief an das Minsker Ispolkom.2 Zu der Zeit arbeitete Jelena Drapkina im Sekretariat des Komitees und war für die Verteilung der Post zuständig. Als sie den Namen Bruskina in der Anschrift entdeckte und den Absender las, öffnete sie den Brief.

Umgehend antwortete sie dem Mann, dass Mascha wie eine Heldin gestorben war, über die Mutter schrieb sie alles. Er beantwortete diesen Brief nicht, weil er es »wahrscheinlich nicht glauben wollte.«

1961 besuchte Jelena das Museum des Großen Vaterländischen Krieges in Minsk und erschrak:

»Da hing ein großes Bild, und da war Mascha drauf, neben ihr zwei Männer

[…] Und da stand der Name des einen Mannes und der Name des zweiten, aber unter Mascha stand ›Unbekannte‹. Verstehen Sie? Von wegen unbekannt! Ich schaue das an – Mascha! Ich bin sofort zur Museumsleitung gegangen und habe gesagt, dass die ›Unbekannte‹ Mascha Bruskina ist. Und da haben sie mir geantwortet: ›Komisch, dass immer nur das eine Volk sie erkennt.‹ Aber das ist doch logisch, dass man sich erkennt, wir Juden, sie war ja in der gleichen Schule.«

In den folgenden Jahren bezeugten mehrere Menschen, dass auf dem Bild Mascha Bruskina abgebildet sei, an der Ausstellung wurde jedoch nichts geändert.

Auch Maschas Vater muss von der Auseinandersetzung erfahren haben, denn er schrieb an die Redaktion der Minsker Zeitung »Roter Stern« und bat um Aufklärung des Schicksals seiner Tochter. Er übergab den Journalisten auch den Brief, den er 1944 von Jelena Askarewna erhalten hatte. Die Journalistin Ada Dechtjar recherchierte, fand auch Jelena und besuchte sie, um sie zu befragen. Dechtjars Radiosendung, in der mehrere Personen Maschas Identität bestätigten, und ein 1985 von ihr veröffentlichter Artikel änderten nichts an der offiziellen Weigerung, 1

Komarowka: Stadtteil in Minsk.

2

IspolKom: russ. Abbreviatur/Zusammensetzung für Ispolnitelny Komitet, d. h. Exekutivkomitee.

8

die »Unbekannte« als Mascha Bruskina zu identifizieren. Frau Drapkina bedauert heute, dass sie nicht genug getan habe, um ihrer Freundin die gebotene Anerkennung zu verschaffen: »Verstehen Sie, wenn ich in einer anderen Situation gewesen wäre, aber das war ja damals nicht möglich, ich habe viel gearbeitet, in zwei Schichten. Das ist natürlich keine Entschuldigung, man hätte da mehr tun müssen.« Jelena forderte mich nachdrücklich auf, in Minsk das Museum zu besuchen und nachzuschauen, ob sich etwas geändert hat. Sie glaube nicht daran, aber vielleicht …

Im Oktober 2002 bin ich endlich in Minsk, dieser Stadt, die mir aus den Er-zählungen von Jelena Drapkina, Rita Kaschdan und Pavel Markowitsch Rubintschik so merkwürdig nahe gerückt war, dass ich irritiert bin beim Anblick dieser Neubauten, die so völlig dem widersprechen, wie mir bisher die Stadt beschrieben wurde. Trümmer, zerstörte Häuser, die Holzhäuser im Ghetto – nichts davon mehr zu sehen.

Und doch gibt es Spuren. Das Museum, in dem Frau Drapkina erstmals mit der offensiven Leugnung von Maschas Identität konfrontiert wurde, ist ein massiver Bau direkt am Oktober-Platz, dem zentralen Platz der Stadt, an dem auch der mo-numentale Palast der Republik steht. Eingerichtet ursprünglich als Museum für die Partisanenbewegung, beherbergt das Gebäude seit vielen Jahren eine Ausstellung über den Großen Vaterländischen Krieg. Offensichtlich neu gestaltet, finden sich im ersten Abschnitt auch einige Hinweise zum Ghetto Minsk. Meine Suche führt mich schließlich zu den Bildern der Hinrichtungen von Mitgliedern des Minsker Untergrunds im Oktober 1941. Mascha ist noch immer »Unbekannt«.

Im Archiv der Republik Belarus finde ich eine Akte3, die vielleicht weitere Hinweise liefert: Der KGB verglich 1972 Fotos, die eine Familie als Beweis für die Identifizierung vorlegte – der Vergleich fiel negativ aus. Die Geheimdienstexper-ten kommen zu dem Schluss, es sei eine andere Frau. Auch dieses Ergebnis stellt sich als falsch heraus – die von ihnen genannte Krankenschwester arbeitete lange Zeit nach dem 26. Oktober 1941 in einem Feldlazarett. Die einzigen Hinweise, die nicht widerlegt werden, sind die Bezeugungen verschiedener Menschen, die in der Frau auf dem Foto Mascha Bruskina erkennen. Dagegen finde ich ein Schreiben, in dem die jüdische Nationalität von Menschen hervorgehoben wird, die zu Beginn der 1960er Jahre Eingaben zur Klärung der Identität gemacht hatten. Das Manuskript der Radiosendung, von der Jelena erzählt hatte, liegt ebenso vor.

Auf meine Nachfrage im Museum des Großen Vaterländischen Krieges erklärt mir eine wissenschaftliche Mitarbeiterin, es gäbe keine Dokumente, die Maschas Identität zweifelsfrei klären. Reichen die Erinnerungen von Freunden, Schulkameraden wie Frau Drapkina nicht?

Warum, hatte ich Jelena Drapkina gefragt, warum darf Mascha nicht Mascha sein? »Weil sie Jüdin ist, das ist doch klar. Das war so nach dem Krieg.«

3

NARB, Fond 4386, Opis 2, Delo 17.

9

In dieser Deutlichkeit hatten es meine Gesprächspartnerinnen nur selten ausgesprochen: dass die Erinnerung an ihren Überlebenskampf, an die Lebenssituation von Jüdinnen und Juden unter der deutschen Besatzung, in der Sowjetunion nicht erwünscht war. Je länger ich versuchte, die Gründe für die Verleugnung zu erfor-schen, umso klarer wurde, dass ich mich mit dieser Suche auf ein umkämpftes Terrain der Geschichtsschreibung begeben hatte. In kaum einer wissenschaftlichen Publikation wird Mascha Bruskinas Name genannt, dagegen erwähnt fast jeder Überlebende, den oder die ich frage, auf Nachfrage den »endlosen Streit«.

Zahlreiche Internetseiten benennen den Skandal, geben die jüdische Identität der ermordeten Frau als Grund für die Leugnung ihres Namens in der Sowjetunion an.

Ist es so? Oder ist es auch die Tatsache, dass hier an eine Frau erinnert wird und dem Vergessen anheim gegeben werden soll? Spielt darauf auch Rita Abramowna Kaschdan an, wenn sie nach einem mehrstündigen Gespräch ihr jahrzehntelanges Schweigen über ihre Erlebnisse in einer Partisaneneinheit mit den Worten be-gründet, »nur Dummköpfe wie sie« hätten verschwiegen, dass sie als junge Frau bei den Partisanen gewesen waren?

Funkerinnen im Partisanenlager

10

Einleitung

In Begegnungen mit Mitgliedern der Organisation jüdischer ehemaliger Häftlinge faschistischer Konzentrationslager und Ghettos in St. Petersburg, durch die ich auch Frau Kaschdan kennengelernt hatte, tauchten immer wieder Fragmente ihrer Überlebensgeschichten auf. Sie gaben Anlass zu der Vermutung, dass nicht die Dummheit Einzelner der Grund für das Schweigen war, sondern vielmehr das gesellschaftliche Umfeld die Erinnerungen der Menschen verdrängt oder sie zum Anlass für weitere Diskriminierungen genommen hatte. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass wir tatsächlich wenig wissen vom Überlebenskampf der sowjetischen Jüdinnen und Juden angesichts des nationalsozialistischen Genozids. Auch von ihrem Leben nach dem Ende der deutschen Besatzung ist wenig bekannt.

Eine längere Auseinandersetzung mit den vergangenheitspolitischen Entwicklungen in den deutschen Gesellschaften und deren Umgang mit dem Nationalsozialismus hatte mir deutlich gemacht, dass die Opfer der Verfolgung in der wissenschaftlichen und öffentlichen Auseinandersetzung lange Zeit ignoriert wurden.

Im Land der Täter ist dieses Verschweigen eng verknüpft mit Fragen nach individueller und kollektiver Verantwortung, die über Jahrzehnte hinweg nicht gestellt wurden. Die Opfer waren und sind das lebendige Mahnmal für eine Vergangenheit, die man bestrebt war, hinter sich zu lassen. Erst seit Beginn der 1980er Jahre erfahren auch die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung in Deutschland eine öffentliche Wahrnehmung, was sich beispielsweise auf die – in Teilen erst-malige – Bewilligung von Entschädigungszahlungen auswirkte.

In der Sowjetunion waren der Große Vaterländische Krieg und der gemeinsame, heroische Kampf von Sowjetarmee, Partisaneneinheiten und ziviler Bevölkerung gegen die deutschen Besatzer und den von ihnen angezettelten Vernichtungskrieg geradezu zum Gründungsmythos des Staates geworden. Warum waren hier die Erinnerungen jüdischer Opfer weitgehend ignoriert, den Menschen eine Würdigung versagt worden?

Um die Gründe für diesen Ausschluss zu verstehen, beschloss ich, Überlebende zu ihren Erfahrungen während der nationalsozialistischen deutschen Besatzung und  zu ihrer Lebenssituation nach dem Krieg in der Sowjetunion zu befragen.

Wenn Dokumente fehlen, können nur die Erinnerungen Überlebender ein detailliertes Bild von Überleben und Widerstand zeichnen, mir Antwort geben auf die Frage, wie diese in der sowjetischen Nachkriegsgesellschaft bewertet wurden.

Seit 2001 sammele ich nun die mündlichen Zeugnisse von jüdischen Frauen und Männern, die den deutschen Vernichtungskrieg gegen die sowjetische Bevölkerung überlebt haben, befragte einige von ihnen mehrfach. Seitdem sind viele von ihnen verstorben. Ich hätte ihnen gern weiter zugehört.

Dieser Verlust machte mir immer wieder schmerzlich bewusst, dass mehr als 60 Jahre nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges nur noch wenig Zeit bleibt, um die Zeugnisse der Überlebenden aufzunehmen, ja, es meistens schon zu spät 11

ist. Dieses Buch wird darum als ein Versuch zu sehen sein, Spuren des Überlebens zu folgen und dabei Lücken anzuerkennen, die nicht mehr gefüllt werden können.

Die nach Jahrzehnten aufgezeichneten Erinnerungen sind in diesem Sinne auch Gradmesser für kollektive Umgangsweisen, die sich in Form blinder Flecken eingeschrieben haben in unser Wissen über die Vergangenheit. Ein entscheidender Unterschied liegt dabei zwischen dem, was nicht mehr erinnert werden kann, und dem, was nicht erinnert werden will.

Für Letzteres tragen wir, die Lebenden, die Verantwortung. Mit dem vorliegenden Buch sollen folgerichtig Überlebensgeschichten von sowjetischen Jüdinnen dokumentiert werden, die bisher dem öffentlichen Bewusstsein weitgehend verschlossen waren. Die sowjetischen Opfer des nationalsozialistischen Genozids stehen damit allerdings nicht allein. Saul Friedländer stellte noch im Jahr 2000

fest, dass in der Historiographie des Holocaust den Zeugnissen von Opfern – verfasst während der Verfolgung oder nach der Befreiung – ein minderer Rang als Quellen zugewiesen wird. Der Grund dafür sei, dass das öffentliche Gedächtnis vor allem auf eine einfache und klare Darstellung und die Heilung von Schmerzen zähle, um Kohärenz und Erlösung für die Gemeinschaft zu sichern. Die Erinnerungen der Opfer hingegen »kennen keine Regeln«, neben der erprobten und bekannten Erzählweise stehen unkontrollierbare und chaotische Emotionalität –

widersprechen also den genannten Bedürfnissen. Um eine historische Bewertung des Nationalsozialismus und der Vernichtung fast aller europäischen Jüdinnen und Juden, des Zusammenbruchs aller Normen, vorzunehmen, müssen wir, so Friedländer, neben den geschichtswissenschaftlichen jedoch auch moralisch-philoso-phische Kategorien in die Untersuchungen einbeziehen. Dazu wäre der Blick auf die individuellen Leben notwendig – in all ihrer Tragik und ihren Brüchen. Nicht die innere Dynamik der Verfolgung und Vernichtung wird uns dadurch erklärt, sondern die unmittelbare Begegnung von Tätern und Opfern bei Verfolgung, Deportation, Ermordung. Vor allem sind die Zeugnisse die einzige Quelle, um den Weg der Einzelnen angesichts der Zerstörung nachzuvollziehen: »They evoke, in their own chaotic way, the depth of their terror, despair, apathetic resignation –

and total incomprehension.«1

Zugleich treten bei einer solchen Herangehensweise die Menschen, die bisher nur als Opfer und damit »Objekte der Geschichte« bekannt waren, als historische Subjekte auf.2 Die Frauen und Männer können Zeugnis ablegen für ihre eigene Lebenspraxis, für individuelle Wahrnehmungen und Umgangsweisen mit gesellschaftlichen Prozessen. Anhand der Erzählungen von acht Frauen möchte ich vor allem den Widerstand der osteuropäischen jüdischen Bevölkerung thematisieren.

Dieser ist noch immer ein Desiderat in der deutschen Forschung zur »Endlösung«, 1

Saul Friedländer: History, Memory, and the Historian: Dilemmas and Responsibilities, in: New German Critique, No. 80 (2000), p. 15.

2

Ulrike Jureit, Karin Orth: Überlebensgeschichten. Gespräche mit Überlebenden des KZ Neuengamme, Hamburg 1994, S. 153.

12

wie Arno Lustiger in der Einleitung zum »Schwarzbuch« hervorhebt: »Bis zum heutigen Tage weiß man trotz einer Fülle von Werken über die Shoah im allgemeinen relativ wenig über den Massenmord an den sowjetischen Juden und über deren Widerstand, und das meist aus den Akten der Täter.«3

Ein Literaturüberblick

Berichte sowjetischer Überlebender über den Vernichtungskrieg in der besetzten UdSSR wurden in Deutschland erstmals 1990 von Paul Kohl veröffentlicht.4 Der Journalist hatte 1985 die Sowjetunion entlang des Weges bereist, den die »Heeres-gruppe Mitte« 1941 mit dem Ziel, Moskau zu besetzen, genommen hatte. In zahlreichen Dörfern und Ortschaften erzählten ihm die Einwohner von den Verbrechen der Deutschen, den Opfern unter der Zivilbevölkerung und den Plünderungen, durch die ihnen die letzten Vorräte geraubt wurden. Kohl hatte durch seine Publikation die Erzählungen der Frontkämpfer-Generation widerlegt und aufgezeigt, welche barbarischen Methoden in dem noch immer als legitim bewerteten »Krieg gegen den Bolschewismus« angewendet wurden.

In der Sowjetunion war es nicht möglich, Berichte zu dokumentieren, in denen auf die jüdische Nationalität der Opfer hingewiesen oder diese als Grund für die Verfolgung durch die Deutschen genannt wurde. So hatten zum Beispiel Ilja Ehrenburg und Wassili Grossman schon vor und unmittelbar nach Kriegsende zahlreiche Berichte von Augenzeugen und Überlebenden gesammelt, in denen sie schonungslos die antijüdischen Maßnahmen beschrieben. In einem »Schwarzbuch«

sollte der Genozid an den sowjetischen Juden dokumentiert und so der ganzen Welt bekannt gemacht werden. Das vorbereitete Manuskript wurde 1947 unmittelbar vor Drucklegung zensiert und konnte in der Sowjetunion nicht erscheinen, stattdessen wurden Ausgaben des Buches in hebräischer und englischer Sprache veröffentlicht. Die erste russischsprachige Version erschien 1980 in Jerusalem.

Gründe für die Verhinderung dieser Publikation gibt es mehrere, am offensicht-lichsten ist aber, dass eine »Sonderstellung« der Juden im Diskurs über den Großen Vaterländischen Krieg vermieden werden sollte. Ein latent vorhandener halb offizieller Antisemitismus und das Postulat eines einigen Sowjetvolkes, das sich im Kampf gegen die faschistische Besatzung gebildet hatte, waren die treibenden Kräfte bei dieser Verleugnung. Die Tradierung eines heroisierenden Widerstandsbegriffs, der sich vor allem an militärischen Kriterien bemisst, spielte bzw. spielt in der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten bei der weitgehenden Nichtaner-kennung des Widerstandes der sowjetischen Juden ebenso eine Rolle. Erst seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 ist es möglich, Erinnerungen öffent-3

Arno Lustiger: Einführung, in: Wassili Grossman, Ilja Ehrenburg: Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetischen Juden, hrsg. von Arno Lustiger, Hamburg 1994, S. 14.

4

Paul Kohl: »Ich wundere mich, dass ich noch lebe«. Sowjetische Augenzeugen berichten, Gütersloh 1990. Das Buch wurde 1995 neu aufgelegt als: Paul Kohl: Der Krieg der deutschen Wehrmacht und der Polizei 1941-1944: Sowjetische Überlebende berichten, Frankfurt/M. 1995.

13

lich und unzensiert zu artikulieren oder archivalische Quellen zum Thema zu sichten. Arno Lustiger kommt das Verdienst zu, 1994 eine unzensierte Fassung des Manuskripts zum »Schwarzbuch« in deutscher Sprache publiziert zu haben. Damit hat er eine der wichtigsten Primärquellen zum Judenmord in der besetzten Sowjetunion verfügbar gemacht.5

Der Überlebenskampf und Widerstand sowjetischer Juden und Jüdinnen gegen die nationalsozialistische Vernichtungspolitik wird vor allem in Werken thematisiert, die im englischen Sprachraum oder in hebräischer Sprache erscheinen bzw.

erschienen sind. Exemplarisch genannt seien hier die Studien von Reuben Ainsztain und Shalom Cholawsky.6 Hersh Smolar, einer der Anführer der Untergrundbewegung im Minsker Ghetto, schrieb bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges einen Bericht über die »Rächer des Ghettos« nieder, der 1947 in der Sowjetunion veröffentlicht wurde – allerdings nur nach Eingriffen durch die staatliche Zensur.7

1989 wurden seine Erinnerungen unzensiert veröffentlicht8, 2002 erschien in Minsk eine erste Fassung in weißrussischer Sprache. Nechama Tec legte 1993

eine umfangreiche Studie zu den jüdischen Partisaneneinheiten im besetzten Belorussland vor, die 1996 in deutscher Sprache veröffentlicht wurde.9 Sie hatte eine Reihe von Interviews mit ehemaligen jüdischen Partisanen geführt. Auf der Grundlage dieses Materials stellt sie in dem Buch ausführlich die jüdische Einheit unter Leitung von Tuvia Bielski vor, der gemeinsam mit seinen Brüdern aus dem Ghetto von Nowogrudok im westlichen Belorussland geflohen war und eine Partisaneneinheit aufbaute. Diese sollte Zuflucht für die von der Vernichtung bedrohte jüdische Bevölkerung und ein Ort bewaffneten Widerstands gegen die deutsche Besatzung sein. Ein weiteres Buch über diese Partisaneneinheit legte Peter Duffy im Jahre 2003 vor.10 Auf der Basis eigener Aufzeichnungen und langjähriger Recherchen dokumentiert Alex Faitelson das Leben im Ghetto von Kowno und den Widerstand im okkupierten Litauen.11

Barbara Epstein gibt in ihrem Buch einen detaillierten Einblick in die Strukturen der Untergrundbewegung im Minsker Ghetto. Sie wertet neben unveröffentlichten archivalischen Quellen eine Vielzahl von Interviews mit Beteiligten aus und erschließt damit wichtige Informationen, die sonst kaum zugänglich wären.12

In der deutschen Öffentlichkeit wurde der jüdische Widerstand insgesamt vergleichsweise distanziert wahrgenommen und kaum bearbeitet. 1984 veröffentlich-5 Grossman, Ehrenburg, a. a. O.

6 Reuben Ainsztain: Jewish Resistance in Nazi-Occupied Eastern Europe, London 1974; Shalom Cholawsky: The Jews of Belarussia during World War II, Amsterdam 1998.

7 G. Smoljar: Mstiteli Getto [Die Rächer des Ghettos], Moskwa 1947.

8 Hersh Smolar: The Minsk Ghetto: Soviet Partisans Against the Nazis, New York 1989.

9 Nechama Tec: Bewaffneter Widerstand. Jüdische Partisanen im Zweiten Weltkrieg, Göttingen 1996 (1993).

10 Peter Duffy: Die Bielski-Brüder. Die Geschichte dreier Brüder, die in den Wäldern Weißrusslands 1 200 Juden vor den Nazis retteten, Frankfurt/M. 2003.

11 Alex Faitelson: Im jüdischen Widerstand, Baden-Baden/Zürich 1998.

12 Barbara Epstein: The Minsk Ghetto 1941-43. Jewish Resistance and Soviet Internationalism, Berkeley 2007

(forthcoming).

14

ten Konrad Kwiet und Helmut Eschwege eine Darstellung zum Kampf deutscher Juden um ihre Existenz und Menschenwürde.13 Zur Situation in den deutschbesetzten osteuropäischen Ländern gibt es hingegen kaum deutschsprachige Publikationen. Ausnahmen sind die Veröffentlichungen von Arno Lustiger zum Widerstand von Juden und Jüdinnen in den besetzten Ländern14 und Ingrid Strobls umfangreiche Darstellung des Anteils von Frauen an jüdischem Widerstand in Frankreich, den Niederlanden und in Polen.15 Strobl stellt darin zudem fest, dass in der allgemeinen wissenschaftlichen Literatur ein immer noch geringes Interesse an der Rolle von Frauen im Widerstand besteht, und auch in der Frauenforschung jüdische Frauen im Widerstand eine »Randexistenz« fristen. In einem bereits 1991

veröffentlichten Band rückte Strobl den bewaffneten Kampf von Frauen gegen die deutsche Besatzung in den Vordergrund und stellte darin auch jüdische Mitglieder der Widerstandsbewegung vor.16

In den letzten Jahren erschienen eine Reihe von autobiographischen Werken oder Übersetzungen in deutscher Sprache, die einen Einblick in den Überlebenskampf der osteuropäischen Jüdinnen und Juden geben und aufgrund ihrer subjektiven Schilderung auch auf spezifische Erfahrungen von Frauen oder Männern hinweisen.

Viele der Veröffentlichungen resultieren aus Berichten ehemaliger polnischer jüdischer Partisaninnen und Partisanen.17 Insgesamt muss jedoch festgehalten werden, dass das Überleben und Weiterleben von Juden und Jüdinnen in der (ehemaligen) Sowjetunion noch kaum dokumentiert oder gar untersucht worden sind.

Neuere Forschungen in der Russischen Föderation und Veröffentlichungen der Erinnerungen von Überlebenden leisten einen wichtigen Beitrag zum Füllen dieser Lücke. Diese Publikationen gehen zumeist auf das Engagement von Überlebenden selbst und kleineren Einrichtungen zur Erforschung des Judenmords zurück.

So erschienen 1995 und 2004 zwei Bände des Kniga Schiwych (Das Buch der Lebenden)18 mit Erinnerungsberichten von Jüdinnen und Juden; in der Reihe Ros-13 Konrad Kwiet, Helmut Eschwege: Selbstbehauptung und Widerstand: Deutsche Juden im Kampf um Existenz und Menschenwürde 1933-1945, Hamburg 1984.

14 Arno Lustiger: Zum Kampf auf Leben und Tod. Vom Widerstand der Juden 1933-1945, München 1997 (1994).

15 Ingrid Strobl: Die Angst kam erst danach. Jüdische Frauen im Widerstand 1939-1945, Frankfurt/M. 1998.

16 Dies.: »Sag nie, du gehst den letzten Weg.« Frauen im bewaffneten Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung, Frankfurt/M. 1991.

17 Chaika Grossman: Die Untergrundarmee. Der jüdische Widerstand in Bial˜ystok. Ein autobiographischer Bericht, Frankfurt/M. 1993; Anka Grupinska: Im Kreis. Gespräche mit jüdischen Kämpfern, Frankfurt/M. 1993; Harold Werner: Partisan im Zweiten Weltkrieg. Erinnerungen eines polnischen Juden, Lüneburg 1999; Jochen Kast, Bernd Siegler, Peter Zinke: Das Tagebuch der Partisanin Justyna. Jüdischer Widerstand in Krakau, Berlin 1999; Anna Krasnopjorka: Briefe meiner Erinnerung. Mein Überleben im jüdischen Ghetto von Minsk 1941/42, Haus Villigst 1991; Faye Schulman: Die Schreie meines Volkes in mir: Wie ich als jüdische Partisanin den Holocaust überlebte, München 1998 (1995); Mascha Rol’nikaite: Ich muss erzählen, München 2002; Projektgruppe Belarus (Hg.), »Existiert das Ghetto noch?« Weißrussland: Jüdisches Überleben gegen nationalsozialistische Herrschaft, Berlin 2003.

18 Kniga Schiwych: Wospominanija jewreew-frontowikov, usnikow getto i konzlagerej, bojzov partisanskich otrja-dov, schiteljej blokadnogo Leningrada, sost. L. A. Ajzensťat i dr. [L. A. Ajzenschtat u. a. (Hg.): Das Buch der Lebenden. Erinnerungen jüdischer Frontsoldaten, Häftlinge von Ghetto und Konzentrationslagern, Partisanen und Einwohnern Leningrads während der Blockade], St. Petersburg 1995/2004.

15

sijskaja Biblioteka Cholokosta publiziert die Moskauer »Stiftung zur Erforschung des Holocaust« zahlreiche Sammelbände und Autobiographien. Auch in Belarus bemühen sich Überlebende um die Sammlung ihrer Erinnerungen und die Veröffentlichung von Dokumenten zur Verfolgung und zum Überlebenskampf der jüdischen Bevölkerung.19

Dokumentationen dieser Art sind ein dringend notwendiger Schritt hin zu einer Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Besatzung, bei der die verschiedenen Schicksale aufgegriffen und in adäquater Form der Erinnerung und dem Gedenken zugänglich werden. Auch das Weiterleben in der Sowjetunion in den Jahrzehnten nach Kriegsende und die Bewertung des Widerstands müssen dabei thematisiert werden, denn auch sie sind als Konsequenzen eines Genozids zu begreifen, der grundlegende Kategorien menschlichen Lebens infrage gestellt hat.

Fragen nach und an Geschichte

Oftmals kann ein Defizit im historischen Wissen oder zu bestimmten Erfahrungs-bereichen anhand von schriftlichen Quellen nicht ausgeglichen werden: was lange Zeit nicht erinnert werden durfte oder konnte, hat kaum materiell überlieferbare Spuren hinterlassen. Eine der wenigen Möglichkeiten, bisher unerforschte Lebens-bereiche zu erschließen, ist die Befragung von Personen, die nun gerade diese Erfahrungen selbst erleben oder erlebt haben.

Geschichtswissenschaftliche Forschungen machen sich daher zunehmend die Methode der oral history  zunutze. Im Vordergrund steht dabei vor allem das Bestreben, die Geschichte marginalisierter Gruppen zu dokumentieren und aus der Historiographie ausgeschlossene Geschichte zu rekonstruieren. So soll ein Quellen-defizit »gefüllt« werden, das durch eine lange Zeit einseitige Geschichtsschreibung besteht. Nicht mehr nur die Geschichte dominanter oder dominierender sozialer Gruppen ist von historiographischem Interesse, sondern ebenso diejenige von Minderheiten, Migrantinnen und Migranten oder die Alltagsgeschichte unterhalb von Entscheidungsträgern in Politik und Verwaltung. Mit dieser Forschungsme-thode werden Herangehensweisen der qualitativen Sozialforschung aufgegriffen, die eine offene Annäherung an ein Themenfeld eröffnen und helfen, Deutungs-und Sinnzusammenhänge zu erfassen, die als bedeutsam erachtet werden.

Qualitative Interviews, in denen die Lebensgeschichten Einzelner erfragt werden, boten auch mir Zugang zu den skizzierten Fragen. Während mehrerer Aufenthalte in St. Petersburg seit dem Jahr 2001 sammelte ich die lebensgeschichtlichen Er-zählungen von 25 Überlebenden. Diese Narrative sind auf zwei Ebenen von Interesse: zum einen geben sie Auskunft über individuelle Erfahrungen, zum anderen 19 O. M. Arkadjewa u. a. (sost.): … na perekrestkach sudeb. Is wospominanii bywschich usnikov getto i prawedni-kov mira [… an den Kreuzwegen des Schicksals. Aus den Erinnerungen von ehemaligen Häftlingen und ›Gerechten der Völker‹], Minsk 2001, Raisa Tschernoglasowa (sost.): Judenfrei! Swobodno ot jewreev! Istorija mins-kogo getto w dokumentach [Judenfrei! Die Geschichte des Minsker Ghettos in Dokumenten], Minsk 1999.

16

bieten sie mir Anknüpfungspunkte, um den zeithistorischen Kontext zu rekonstruieren und nach kollektiven Deutungssystemen zu fragen.

Ein Problem, das auch in dieser Arbeit auftritt, ist dabei, dass bei der Zuordnung von Menschen zu Gruppen – wie etwa »Minderheiten« – Identifizierungen übernommen werden, die nicht immer von diesen Menschen selbst getragen werden. In den Interviews mit den überlebenden Frauen und Männern wurde zum Beispiel deutlich, dass »Jüdisch-Sein« für sie bis zum Beginn der deutschen Besatzung keine Bedeutung hatte, sie die jüdische Religion nicht praktizierten. Die sowjetische Nationalitätenpolitik hatte jedoch die jüdische Herkunft zu einem Identifikationsmerkmal gemacht, so dass die Jüdinnen und Juden als »Sowjetbürger jüdischer Nationalität« galten. Diese Kategorisierung war sowohl für die deutsche Vernichtungspolitik als auch für die sowjetische Nachkriegspolitik entscheidender Bezugspunkt. Aus diesem Grund werde ich an den gegebenen Stellen von

»jüdischer Nationalität« sprechen, wissend, dass ich damit eine Fremdzuschrei-bung übernehme.

(En)gendering Geschichte

Vernachlässigte, »vergessene« Erinnerungen sind lange Zeit diejenigen von Frauen gewesen. Als Subjekte historischer Prozesse waren sie nicht sichtbar. Dadurch wurden nicht zuletzt die Erfahrungen, die sich von denen von Männern unterschieden, ignoriert bzw. existierten im kollektiven Bewusstsein nicht. Dies muss auch mit Bezug auf den nationalsozialistischen Genozid an der jüdischen Bevölkerung Europas festgestellt werden.

Frauen und ihre spezifischen Erfahrungen unter dem Naziregime sind erst in den letzten zwei Jahrzehnten in den Kanon der Forschung aufgenommen worden.

Vor allem im englischen Wissenschafts- und Sprachraum erschienen zahlreiche Publikationen, in der BRD entwickelte sich erst in den letzten Jahren ein größeres Interesse am Thema. Beginnend mit einer ersten Konferenz zu geschlechtsspezifischen Aspekten, erschienen diverse Artikel und inzwischen auch Monographien, in denen die Erfahrungen von Frauen vor, während und nach dem Nationalsozialismus und in den besetzten Gebieten behandelt werden. Diese Bemühungen werden von der Überlegung geleitet, der Blick auf die unterschiedlichen Rollen, Wahrnehmungen und Umgangsweisen von Frauen und Männern und der Erwartungen an sie könne zu einem komplexeren Verständnis des Holocaust beitragen, wie Lenore J. Weitzman und Dalia Ofer im Vorwort ihres Sammelbandes zum Thema an-merken.20

Der Ansatz, Geschlechterstudien mit der Erforschung des nationalsozialistischen Genozids zu verbinden, wird von einer anhaltenden Diskussion über dessen Zu-lässigkeit und Bedeutsamkeit begleitet. Nechama Tec fasst in ihrem 2003 erschie-nenen Buch Resilience and Courage  die Befürchtungen gegenüber der genannten 20 Dalia Ofer, Lenore J. Weitzman (eds.): Women in the Holocaust, New Haven/London 1998.

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Forschungsperspektive zusammen: Wenn Geschlecht zur zentralen Analysekategorie gemacht wird, träte die jüdische Identität der Opfer in den Hintergrund: »In turn, an undue emphasis on gender could lead to historical distortion and triviali-zation« – es würden verzerrende und trivialisierende Darstellungen entstehen. Sie entgegnet dieser Ansicht aber, dass sorgfältig entwickelte Methoden und klare Konzepte dies vermeiden würden. Im Gegenteil könne der Blick auf geschlechtsspezifische Erfahrungen angesichts der sogenannten Endlösung das Wissen über die Vernichtungspolitik selbst erweitern, weil sich so nach individuellen Erfahrungen und Umgangsweisen wie auch nach spezifischen Gefährdungen fragen lässt.21 Tec kommt auf der Grundlage von ihr geführter Interviews mit Überlebenden und anderer Dokumente zu dem Schluss, dass die Überlebensstrategien bestimmt wurden einerseits durch die Dynamik der antijüdischen Maßnahmen, andererseits durch spezifische Merkmale der Verfolgten wie Geschlecht, sozialer Status vor und während der Besatzung usw. Die Autorin belegt eindringlich, dass traditionelle Konstruktionen, Verständnisse und Bewertungen von Geschlechter-rollen zu überprüfen sind.

Bereits 1985 hatte Joan Ringelheim auf eine Lücke zwischen den Erinnerungen von Frauen, die in Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslagern inhaftiert waren oder jahrelang in Verstecken ausharren mussten, und dem gemeinhin bekannten Wissen von »dem Holocaust« hingewiesen. Angesichts des Horrors der Vernichtung, der Juden gleich welchen Geschlechts betraf, seien die Berichte von sexuellen Misshandlungen, aber auch von zwischenmenschlichen Beziehungen, die zu überleben halfen, für unbedeutend oder gar banal erklärt worden. Split memory  hatte demnach Gefährdungen und Verletzungen, denen Frauen aufgrund ihrer Weiblichkeit ausgesetzt waren, in den Hintergrund treten lassen: Schwangerschaften, erzwungene Abbrüche, Vergewaltigungen, die Sorge um geborene Kinder usw.22 Zudem war ausgeblendet worden, dass die Ermordung von jüdischen Frauen selbst für die deutschen Täter eine besondere Legitimierung erforderte. Dass auch sie ermordet werden sollten, wurde aber gerade auf die biologisch bedingte Fähigkeit von Frauen, Kinder zu gebären, zurückgeführt: »Jewish women were essential to the completion of the ›race struggle‹ because, potentially or actually, they carried the next generation of Jews.«23

An dieser Stelle erhält Geschlecht  als zentrale Analysekategorie eine weitere Bedeutung, denn Frauen gelten hier nicht mehr als Individuen, sondern werden als Vertreterinnen eines Kollektivs – im konkreten Fall des jüdischen – erkannt, diesem subsumiert und erscheinen als »ethnische und nationale Subjekte.«24 Ronit Lentin thematisiert diese Verknüpfung als »Vergeschlechtlichung von Genozid«.25

21 Nechama Tec: Resilience and Courage. Women, Men, and the Holocaust, New Haven/London 2003, p. 15 f.

22 Joan Ringelheim: Women and the Holocaust: A Reconsideration of Research, in: Signs, Vol. 10 (1985), No. 4, p. 745; Dies.: Genocide and Gender: A Split Memory, in: Gender and Catastrophe, ed. by Ronit Lentin, London 1997, p. 31.

23 Ebenda, p. 22.

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Die Fähigkeiten von Frauen zur biologischen Reproduktion erlangen durch das vorherrschende genealogische Verständnis von Nation oder Ethnie einen hohen Symbolgehalt und sind deshalb Anlass zu gezielten Eingriffen, zu Verletzungen oder zur Ermordung von Frauen. Die nationalsozialistische Praxis der Sterilisation und Eugenik »minderer Rassen« auf der einen, »Lebensborne« als Orte der Förderung von erwünschter Fortpflanzung auf der anderen Seite, aber auch Massen-vergewaltigungen z. B. während der Kriege im zerfallenden Jugoslawien in den 1990er Jahren, die auf die »Schwächung« der je gegnerischen Ethnie zielten, sind in diesem Kontext zu nennen.

Appelle, die zum Schutz der Nation bzw. Ethnie aufrufen, gelten dann synonym für deren Repräsentantinnen:

»Die ›Frau‹ als Opfer, […] Mutter, […] Hüterin und Quelle familiärer und nationaler Ehre und Schande, als Symbol und Trope für die Nation selbst. Die Nation als geliebte Mutter, die ›besiegte Nation‹, ›wiedergeboren als siegreiche Frau‹, die Nation die geschändet wird oder beschützt wird, für die man kämpft und die man befreit.«26

Implizit werden dadurch die analogen, als »maskulin« markierten Fähigkeiten zu schützen bzw. – aus der Sicht der Angreifenden – zu erobern, aufgerufen.

Die Gegenüberstellung von Schwäche/Passivität vs. Stärke/Aktivität, Feminität vs. Maskulinität rekonstruieren Geschlecht immer wieder, wobei der Beziehungsaspekt eine zentrale Stellung einnimmt. Der soziale und konstruierte Charakter von Geschlecht wird mit dem Begriff gender  erfasst. Nach Joan Scott geht er über die Unterscheidung von biologischen Geschlechtern hinaus und umfasst ebenso kulturelle Symbole; normative Konzepte, welche die Interpretation von Symbolen vorgeben; Auffassungen von Politik und gesellschaftlichen Institutionen und die subjektive Identität. Wendet man sich der Wirkungsweise des sozialen Geschlechts in gesellschaftlichen Beziehungen zu, so offenbart sich gender  als »wesentliche Größe, in der Machtbeziehungen Bedeutung verliehen wird«27 – und dies eben nicht nur im Moment des Krieges oder Genozids.

Möglicherweise ist es gerade die Erkenntnis, es gibt Kontinuitäten, die den Zi-vilisationsbruch durchdringen und über ihn hinaus Wirksamkeit haben, die zur Vernachlässigung von geschlechtsspezifischen Erfahrungen in der Geschichtsschreibung beigetragen haben, wie Joan Ringelheim anmerkt: »The dilemma emerges partly because our understanding of the Holocaust as a break with the past conflicts with our knowledge of the continuities that are present in these events.«28 Um diesem Dilemma angemessen zu begegnen, müssen wir die syste-24 Ronit Lentin: (En)gendering Genocide. Die Feminisierung der Katastrophe, in: Zeitschrift für Genozidforschung, 1. Jg. (1999), H. 1, S. 83.

25 Ronit Lentin (ed.): Gender and Catastrophe, London 1997, p. 2.

26 Ronit Lentin: (En)gendering Genocide, a. a. O., S. 76.

27 Vgl. Joan Scott: Gender: eine nützliche Kategorie der historischen Analyse, in: Dorothee Kimmnich u. a. (Hg.): Texte zur Literaturtheorie der Gegenwart, Stuttgart 1996, S. 434.

28 Joan Ringelheim: Women and the Holocaust, a. a. O., p. 22.

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matische Vernichtung des europäischen Judentums sowohl als geschichtlichen Bruch, der unvergleichliche und extreme Verbrechen hervorbrachte, als auch als eingebettet in den Kontext menschlicher Geschichte analysieren.

Fragen wir beim Lesen der Lebensgeschichten nach der Bedeutung von Geschlecht für das Überleben während der nationalsozialistischen Besatzung und  das Weiterleben in der UdSSR, werden, so meine ich, konventionelle Bewertungsmu-ster brüchig, die auf stereotype Wahrnehmungen von Geschlecht und Geschlech-terrollen verweisen. Der Blick auf individuelle Handlungsmöglichkeiten eröffnet die Möglichkeit, eine fortbestehende patriarchale Denkweise als solche zu dechif-frieren und neue Fragen an die Diskussion über »Widerstand von Jüdinnen und Juden gegen die deutsche Mordpolitik« zu stellen. Entgegen der erstaunlich hart-näckigen Unterstellung, sie seien wie Schafe zur Schlachtbank gegangen, hat es diesen gegeben: unter den spezifischen Bedingungen des deutschen Massenmords und demnach auch in spezifischen Formen, die mit dem konventionellen Verständnis von Widerstand  als militärische oder bewaffnete Reaktion gegen eine feindliche Macht nicht zu fassen sind.

Das Buch

Die Befragung von Überlebenden des nationalsozialistischen Terrors und Massenmords birgt einige Besonderheiten, auf die ich hier kurz eingehen möchte. Meine Überlegungen können als Folie dienen, vor der die lebensgeschichtlichen Erzählungen zu lesen sind. Die Frauen sollen dabei aber doch als Zeuginnen wahrgenommen werden und nicht als »Rohmaterial« für die Suche nach den Schwierigkeiten des Erinnerns und eine Psychologisierung »der« Überlebenden. Eben dies geschieht, so Ruth Klüger, allzu oft bei Sammlungen von oral histories,  wenn

»das Gesagte, statt es zu erwägen, sogleich hinterfragt wird.«29

Nicht nur die zeitliche Distanz, sondern insbesondere auch die Wucht der Erfahrungen haben Spuren im Gedächtnis der Überlebenden hinterlassen, deren wir uns bewusst sein müssen. Sie setzen der Erzählung Grenzen und formen sie nachhaltig derart, dass sie sich in Gesagtem und Ungesagtem äußern. Zudem lohnt es sich, die Begegnungen selbst zu befragen auf ihre Implikationen, immerhin sitzen sich Mitglieder von Gesellschaften gegenüber, die grob als »Täter«- bzw. »Opfer-gesellschaft« zu kennzeichnen wären. Zugleich habe ich Momente beobachtet, in denen eine besondere Art von Gemeinsamkeit zu spüren war, auf die ich ebenso hinweisen möchte. Zur Vorbereitung und Reflexion der Gespräche zog ich mehrere Veröffentlichungen heran, die sich mit der Durchführung von Interviews mit Überlebenden traumatischer Ereignisse befassen. Besonders hilfreich waren die Ausführungen von Ulrike Jureit und Karin Orth, die sie im Anschluss an ihre Begegnungen mit Überlebenden des KZ Neuengamme niedergeschrieben haben.30

29 Ruth Klüger: Von hoher und niedriger Literatur, Göttingen 1996, S. 37.

30 Jureit, Orth, a. a. O.

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In den hier vorliegenden Porträts geht es zunächst um die Rekonstruktion der Über-Lebensgeschichten aus der Sicht der Überlebenden. Sie bieten Einblicke in die spezifische Lebensrealität der jüdischen Bevölkerung unter der deutschen Besatzung und in das Leben als Überlebende in der UdSSR. Es werden acht Frauen vorgestellt, die in einem der Ghettos auf besetztem weißrussischem oder russischem Gebiet inhaftiert waren und entweder in Verstecken oder Partisaneneinheiten überlebten. Die Lebensgeschichten der Frauen stehen hier im Mittelpunkt, um gerade ihnen, die immer wieder aus der Geschichtsschreibung herausfallen, eine Stimme zu verleihen. Darüber hinaus sehe ich in ihrem Überlebenskampf zentrale Anknüpfungspunkte für eine kritische Diskussion des Widerstandsbegriffs, der geschlechtsspezifische Aspekte integriert. Am Ende des Buches werde ich versuchen, die individuellen Erfahrungen in den zeithistorischen Kontext einzubetten und insbesondere herauszuarbeiten, wodurch sich gesellschaftliche Partizipations-und Handlungsmöglichkeiten bestimmten bzw. bestimmen.

Die Interviews

Bereits einleitend erwähnte ich, wie ich meine Interviewpartnerinnen und -partner kennenlernte: über eine Organisation von jüdischen NS-Verfolgten. Einigen der späteren Interviewten begegnete ich zufällig durch meine Tätigkeit in der Organisation. Von anderen erfuhr ich durch den Vorsitzenden oder andere Mitglieder der Organisation und fragte sie gezielt nach ihrer Bereitschaft, mir ihre Lebensgeschichte zu erzählen. In Minsk konnte ich im Oktober 2002 durch die Vermittlung der Petersburger Bekannten über die vergleichbare Organisation ebenso schnell enge Kontakte knüpfen und Interviewpartner finden.

Fast alle Begegnungen mit den Frauen und Männern fanden bei ihnen zu Hause statt. Sie begannen meist damit, sich gegenseitig bekannt zu machen. Dabei war –

sofern wir uns nicht bereits vorher kannten – vor allem ich diejenige, die ausge-fragt wurde: über meine Tätigkeit, warum ich in St. Petersburg bzw. Minsk bin, warum ich zu ihnen komme und was mich an dieser Stadt interessiert. So gingen diese Vorstellungen fließend über in das Interview, in einigen Gesprächen gelang es mir gerade noch, um Erlaubnis für eine Tonbandaufnahme zu bitten und das Gerät einzuschalten.

Indem ich den Kontakt zu den Erzählenden über die genannte Organisation herstellte und damit einen beschränkten Personenkreis ansprach, wussten die zu be-fragenden Frauen und Männer ebenso wie ich, wen ich befragen wollte. Deutlich war, dass ich die Menschen als Überlebende der deutschen Besatzung ansprach, demnach an gerade diesem Lebensabschnitt interessiert war. Die Schwierigkeit, Informationen über das Leben bis 1941 und nach dem Ende des Kriegs zu erhalten, mag auch in diesem Vorwissen begründet liegen.

Um möglichst viele Informationen zu erhalten, griff ich den »klassischen« Beginn biographischer Interviews auf und bat die Einzelnen, mir ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Oft – vor allem wenn ich den Eindruck hatte, meine Partne-21

rin oder mein Partner seien aufgeregt oder unsicher, was sie erzählen sollten – er-gänzte ich diese Eingangsfrage mit der Bitte, mit Angaben zur Geburt, Kindheit und Familie zu beginnen. So wollte ich erreichen, dass die Erzählungen nicht unmittelbar mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht einsetzen, sondern dass meine Interviewpartnerinnen und -partner sich zurückversetzen können in ihre ersten Lebensjahre. Zudem erhielt ich so Informationen über das Leben vor dieser Phase und konnte mir ein Bild von den Lebensumständen der Einzelnen machen.

Gabriele Rosenthal weist darauf hin, dass dieses »Hineinerzählen« auch die Ver-dichtung der Erzählung im Verlauf fördert und somit interessierende Lebensberei-che ausführlich und detailliert erzählt werden. Das analoge »Herauserzählen« erleichtert die »Rückkehr« in die Gegenwart.31

An die Eingangsfrage schloss sich – in einigen Fällen nach der Gegenfrage, ob mich das wirklich alles und von Anfang an interessieren würde – eine längere, ein bis drei Stunden dauernde Erzählung an. Dabei hielt ich mich mit Fragen zunächst weitgehend zurück. In einigen Interviews war es nicht möglich, im Anschluss an die Erzählungen Nachfragen zu stellen, da die hochbetagten Menschen müde waren oder schlicht nicht mehr über ihr Leben preisgeben wollten.

Mit einigen der Frauen und Männer konnte ich mich mehrere Male verabreden, die vorerst letzten Gespräche führte ich im Mai 2005. Diese Folgegespräche waren zum Teil sehr viel persönlicher. Jetzt, da ja das, was geschehen war, bekannt war, war es eher möglich, die Ebene von Reflexion und Empfindungen zu betreten oder einzelne Aspekte zu vertiefen.

Lebensgeschichtliche Interviews, wie sie den hier publizierten Porträts zugrunde liegen, eröffnen den Zugang zu historischem Wissen aus der Perspektive von han-delnden Personen, sie sind Zeugnisse von Geschehnissen, Deutungen und Empfindungen. Dieses Wissen kann jedoch nur so weit reichen wie die Erfahrungen der Einzelnen und damit einen Aspekt einer historischen Situation erhellen. In der Summe oder gar im Vergleich ergibt sich aus solchen Interviews jedoch mehr und sie können wichtige Beiträge für die Forschung leisten.

Was aber geschieht, wenn besonders grausame, emotional hochbelastende oder schmerzhafte Erfahrungen verbalisiert werden sollen? Fast alle Interviewpartner berichteten mir, dass sie entweder vor oder nach meinem Besuch schlaflos gewesen seien oder sicher waren, dass dies noch eintreten würde. Träume vom Erlebten verfolgen mehrere Frauen und Männer ihr ganzes Leben lang, waren sie doch Kinder oder Jugendliche, als Familienangehörige oder Freunde bestialisch ermordet wurden. Weinen oder minutenlanges Schweigen begleiteten mehrere der Begegnungen, ebenso erlebte ich eine vollkommen gebrochene Erzählung, in der es schwer war, den Gedankengang zu verfolgen.

31 Gabriele Rosenthal: Erlebte und erzählte Lebensgeschichte: Gestalt und Struktur biographischer Selbstbeschrei-bungen, Frankfurt/M. 1995, S. 197 ff.

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Erlebnisse wie die brutale Ermordung von Angehörigen oder Freunden, Mas-senexekutionen und die ständige Lebensgefahr charakterisieren die Terrorherrschaft deutscher Truppen in der besetzten UdSSR und den nationalsozialistischen Genozid. Traumatische Ereignisse wie diese hinterlassen Spuren im Leben der Befragten, können Verlauf und Inhalt von Interviews entscheidend beeinflussen und werfen Fragen nach der Rekonstruierbarkeit von Erinnerungen auf. Trauma (griech.

Wunde, Verletzung) meint das Erleben eines Ereignisses, »das in extremer, die Selbstkohärenz bedrohender Art und Weise auf die Persönlichkeitsstruktur des einzelnen einwirkt.«32 In der Psychoanalyse wird mit diesem Begriff auch ein Phä-

nomen erfasst, das die Struktur von Erfahrungen und Wahrnehmungen beschreibt:

»Zum Zeitpunkt des Geschehens wird das Ereignis nicht vollkommen ins Bewusstsein eingelassen oder in seiner Gesamtheit erfahren. Das Geschehene wird stattdessen erst später wirklich erfahren, und zwar dadurch dass die traumatisierte Person aufs neue von ihm in Besitz genommen wird.«33

In anderen Worten, die Erfahrung »lebt« latent im Unterbewusstsein fort und kann in bestimmten Situationen oder aufgrund spezifischer Sinnesreize aktuali-siert werden. Die Bitte, gerade aus der Zeit zu erzählen, in der die Traumatisierung stattgefunden hat, kann nun gerade als ein solcher Reiz wirken. Ich als Fragende muss mir also bewusst sein, einen schmerzhaften Prozess anzustoßen und damit beträchtliche Verantwortung zu übernehmen.

Der Psychoanalytiker Dori Laub leitet aus dieser Erkenntnis die Aufforderung

»völliger Gegenwärtigkeit« an die oder den Zuhörenden ab; nur in einer vertrau-ensvollen und von Aufmerksamkeit zeugenden Umgebung können seiner Meinung nach schreckliche Erlebnisse artikuliert werden: »Zeugenaussagen sind keine Mo-nologe; sie können nicht in der Einsamkeit stattfinden.«34 Im Moment des Bezeu-gens durch die Überlebenden werden wir als Interviewende zu Zeugen ihrer Erinnerungen oder »sekundären Zeugen«35 und kommen damit auch dem vielfach vorhandenen Bedürfnis nach, die Erinnerung an die Toten und an das eigene Leben zu bewahren.

In den Gesprächen geht es nicht um die bloße Weitergabe von Erlebnissen, sondern auch darum, als Zuhörende die Isolation und Einsamkeit, die während der Vernichtung herrschten (und sie möglich machte), aufzulösen und »mitverantwort-lich [zu] werden für die Wahrheit der bezeugten Erfahrung.«36 Insofern geht die Bedeutung des Gesagten auch über das Verhältnis zwischen Erzählenden und Zuhörenden hinaus, die Interviews sind halb öffentliche Arrangements. Dies wurde konkret erfahrbar zum Beispiel in dem Moment, da ich gebeten wurde, das 32 Kristin Platt: Gedächtnis, Erinnerung, Verarbeitung: Spuren traumatischer Erfahrung in lebensgeschichtlichen Interviews, in: BIOS, 11. Jg., H. 2 (1998), S. 257.

33 Cathy Caruth: Trauma als historische Erfahrung: Die Vergangenheit einholen, in: Ulrich Baer: »Niemand zeugt für den Zeugen«. Erinnerungskultur nach der Shoah, Frankfurt/M. 2000, S. 85.

34 Dori Laub: Zeugnis ablegen oder Die Schwierigkeiten des Zuhörens, in: ebenda, S. 79 ff.

35 Ulrich Baer: Einleitung, in: ebenda, S. 7.

36 Ebenda.

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Tonband abzuschalten, weil meine Gesprächspartnerin etwas über den Umgang mit intimen Beziehungen innerhalb der Partisaneneinheit erzählen wollte.

Sie wusste, dass ich mit ihr nicht nur sprach, um mein privates Archiv zu füllen, sondern dass die Erzählungen auch öffentlich zugänglich gemacht werden sollen.

Bestimmte Dinge aus dem persönlichen Leben sollten dabei jedoch nicht mitgeteilt werden. Unabhängig, aus welchen Gründen eine solche Selbst-Beschränkung vorgenommen wird, verweist sie doch darauf, dass die Erzählungen Einzelner im Kontext einer Kollektivgeschichte stehen. So wie das Zusammenleben durch Regeln strukturiert ist, gelten auch für Erinnerungen bestimmte Muster, die auf Er-stere zurückgehen. Wenn also Bereiche des persönlichen Lebens wie Sexualität aufgrund von Moralvorstellungen dem öffentlichen Blick entzogen werden sollen, wird auch die Artikulation der rückblickenden Erinnerung an eben solche Bereiche sich von dieser Auflage nicht befreien können.

Wirksam kann hierbei auch die Vorstellung sein, persönliche Erlebnisse seien nicht so wichtig vor dem Hintergrund einer kollektiven Erfahrung, konkret: der Verfolgung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Dies kann man unter anderem daran ablesen, dass in einigen Erzählungen die Zeit vor und nach der deutschen Besatzung erst auf ausdrückliche Bitten oder Nachfragen hin thematisiert wurde. Für die genannte Situation ließe sich diese Deutung dahingehend zuspit-zen, dass in der Wahrnehmung der Sprecherin das »allgemeine Interesse« den Erfahrungen von Frauen keine Bedeutung beimessen könnte.

Ich bedauere, auch hier die spezifischen Erfahrungen von Frauen in Partisaneneinheiten nicht in der Weise thematisieren zu können, wie es mir nötig erscheint.

Die Kritik an bestehenden Herrschaftsverhältnissen setzt das Wissen um ihr Bestehen und ihre Funktionsweise voraus. Gleichzeitig respektiere ich jedoch die Bitte der Erzählenden, wissend, dass selbst diese ihren Ursprung in verinnerlich-ten Normen und Tabus hat. Die Forderung verweist auf die Verwobenheit der einzelnen in die Aufrechterhaltung von Bildern und Machtstrukturen, die historische Wahrheiten teilweise verschleiern. Die Idee vom heldenhaft für das Gute kämpfenden Partisan verträgt sich nicht mit der Vorstellung, er habe sich Frauen gegenüber anmaßend verhalten und sie zu Beziehungen gedrängt, die sie in Frie-denszeiten und in einer Situation von Entscheidungsfreiheit möglicherweise nicht gewählt hätten.

»Ach, Anika, Sie können sich das alles wahrscheinlich trotz der Erzählungen nicht vorstellen. … man kann das auch kaum wiedergeben.« – Jelena Drapkina war äußerst skeptisch, ob sie überhaupt in der Lage wäre, verständlich zu sein, mir zu übermitteln, was sie erlebt hatte. Zweifelnde Anmerkungen von anderen, sie würden sich »nicht so gut erinnern«, obwohl sie meiner Wahrnehmung nach umfassend und detailliert erzählten, oder, im umgekehrten Fall, »alles genau vor sich zu sehen, als wäre es heute«, um es dann doch nicht auszusprechen37 – vermutlich 37 Kristin Platt erwähnt analoge Aussagen Überlebender des Genozids an der armenischen Bevölkerung 1915 (Platt, a. a. O., S. 245).

sind dies Hinweise auf das Misstrauen gegenüber der Möglichkeit, verstanden werden zu können, auf die Unaussprechlichkeit vom Durchlebten. Es gibt offenbar eine Lücke zwischen dem, was die Überlebenden uns sagen wollen und was sie uns sagen können. Er könnte parallel zu der Differenz liegen, die zwischen dem Durchleben der traumatischen Situation und ihrer bewussten Wahrnehmung liegt.

Die systematische und totale Vernichtung einer Bevölkerungsgruppe durch die Nazis ist ein extremes geschichtliches Ereignis, das aufgrund »seiner Größenord-nung und seiner angestrebten Vollständigkeit« und der angewendeten Mittel von Bürokratie, Technik und Militär einer »westlich-wissenschaftlich geprägten Kultur«

einen Bruch der Geschichte darstellt und »sich selbst von anderen Völkermorden unterscheidet«, wie Christopher Browning feststellt.38 Mehrere meiner Interviewpartner brachten zum Ausdruck, dass sie damals von der Brutalität der Besatzer überrascht waren, weil sie insbesondere einer »Kulturnation« wie der deutschen niemals ein solch barbarisches Vorgehen zugetraut hätten. Das Geschehen ließ sich nicht mit dem vereinbaren, was man sich unter Menschlichkeit vorstellte.

Eine Frau äußerte im Gespräch, dass sie wahrscheinlich nur überlebt habe, weil sie nicht alles an sich heranließ.39 Als Bedingung für das Weiterleben nach dem Verlust aller Angehörigen, nach dem Anblick grausamster Verbrechen nennt sie also tatsächlich den Versuch, die Ereignisse nicht bewusst wahrzunehmen. Wären ihre Eindrücke ins Bewusstsein vorgedrungen und hätte sie das Geschehene reflektiert, wäre ihr Schmerz vielleicht nicht aushaltbar geworden und hätte ihr ein Weiterleben unmöglich gemacht. Der Zusammenhang zwischen Trauma und Erinnerungserzählung ergibt sich dort, wo diese Abspaltung von Erlebnissen zum Nicht-Erzählen führt.

Kristin Platt setzt sich im Rückblick auf ein Interviewprojekt mit Überlebenden des Genozids in Armenien 1915 mit den Bedingungen auseinander, mit denen Forschende bei der Arbeit mit Erinnerungserzählungen konfrontiert sind. Wie Platt ausführt, ist die Interviewsituation bestimmt vom Wissen des Interviewenden,

»dass er auf Auslassungen achten muss«, und vom Wissen der oder des Interviewten, »dass er Bestimmtes herauslassen wird: Er weiß um Erfahrungen, die er nicht erzählen kann, ebenso wie er von vornherein auch bewusste Entscheidungen trifft über das, was er nicht erzählen will, und das, was der Interviewer nicht verstehen wird.«40

Es kann daher bei der Erfragung von Lebensgeschichten nicht darum gehen, bestimmte Fakten in Anlehnung an einen vorher festgelegten Fragebogen abzu-prüfen oder eine vollständige Darstellung des Geschehens zu erwarten. Vielmehr stehen die Erfahrungen und Wahrnehmungen von Individuen im Mittelpunkt des 38 Christopher R. Browning: Judenmord. NS-Politik, Zwangsarbeit und das Verhalten der Täter, Frankfurt/M. 2001, S. 54.

39 Interview mit Rosa Jefimowna Selenko, 20. 10. 2002.

40 Platt, a. a. O., S. 245.

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Interesses – in ihrer Brüchigkeit, Assoziativität und Unvollständigkeit. Es entstehen Lücken in der Darstellung, stringente und konsistente Erzählungen sind eher die Ausnahme als die Regel. So legen die Erzählungen auch in ihrer Brüchigkeit Zeugnis ab für das Durchlebte, das ja genau diesem geschichtlichen Bruch ge-schuldet war. »Authentizität« lässt sich also nicht unbedingt am Inhalt des Zeugnisses finden, vielmehr »entsteht und existiert die Wahrheit der Zeugenaussage nur in und durch ihre Mitteilung.«41 Gerade die Auslassungen, Brüche oder das Schweigen sagen vielleicht mehr über die Geschichte selbst aus, als es Dokumente vermögen. Somit kommt es bei der Rezeption von Erinnerungen neben der Reflexion ihres Entstehungskontexts besonders auf die bewusste Wahrnehmung des Schweigens an, »wie es wortlos sowohl durch Schweigen und durch Sprechen

… heraus spricht.«42 Aus Dokumenten lässt sich dieser Teil von Geschichte nicht ablesen, sondern dazu müssen wir die Überlebenden anhören und zu Zeugen ihrer Erinnerungen werden.

Die »Grenzen des Sagbaren« lassen sich also auf doppelte Weise bestimmen: Zum einen kann es gerade das Wissen um das traumatische Erleben sein, verbunden mit der Angst, selbst das Verdrängte oder nicht vollständig Wahrgenommene im Prozess des Erzählens noch konkret durchleben zu müssen; zum anderen werden die Grenzen des Sprechens markiert durch die Erfahrungen selbst und die Schwierigkeit, sie zu artikulieren. So werden die Darstellungen der systematischen Ermordung von Menschen, von der permanenten Todesdrohung und vom Verlust aller Angehörigen immer ein Stück zurückbleiben hinter dem, was die Überlebenden erlebt haben und ein Leben lang ertragen. Was bedeutet das für uns, wenn wir die Erinnerungen der Überlebenden als Zeugnis anerkennen wollen? Welche Bedeutung hat dies, wenn lebensgeschichtliche Erzählungen als Quelle genutzt werden? Kristin Platt reflektiert in ihrem Artikel auch über die Kategorie der Erfahrung eines Ereignisses. Erst wenn wir uns Gedanken über die »Außernormalität der Verfolgungs-, Verlust- und Todeserfahrung« gemacht haben, können wir zu einer angemessenen Analyse der Erinnerungen gelangen und sie verstehen, so ihr Resümee.

Wenn wir die Überlebenden bitten zu erzählen, so bedeutet dies für sie die Rückkehr in die Katastrophe, die Aktualisierung einer »Erfahrung, die nie vergangen sein kann, sondern die stets aufs Neue gemacht wird, in der Erzählung, in der Erinnerung.«43 Auch wir müssen die Erzählung vor dem Hintergrund genau jener Situation lesen, in der die Überlebenden das Ereignis erfahren haben. Entscheidend ist die Frage, in welcher Lebenssituation und in welcher Verfassung durchleben Menschen diese Ereignisse. Was können sie wahrnehmen und was ist also das, was sie erinnern können? Die Brüchigkeit einer Erzählung beruht möglicherweise auf den gebrochenen Erfahrungen – zum Beispiel, wenn aufgrund 41 Baer, a. a. O., S. 16.

42 Laub, a. a. O., S. 70.

43 Platt, a. a. O., S. 254.

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akuter Unterernährung die Wahrnehmungsfähigkeit eingeschränkt war und deshalb Daten nicht zugeordnet werden können. Erst wenn wir nach dem Erinnerbaren fragen, können wir spezifische Erinnerungsformen oder Auslassungen nachvollziehen und etwas darüber lernen, welche unmittelbaren Folgen extreme Verbrechen oder geschichtliche Ereignisse für Individuen haben.

Impliziert thematisiert Kristin Platt die Schwierigkeiten einer Differenzierung zwischen »objektiver« Realität und deren »subjektiver« Aneignung. Zu diskutieren wäre, ob Erinnerungen an »tatsächlichen« Geschehnissen gemessen werden können oder nicht. Im Moment der Erfahrung des Ereignisses war die wahrge-nommene Realität objektive Realität, und gerade auf Grundlage ihrer Wahrnehmung und Bewertung wurden Entscheidungen getroffen. Das darauf folgende Verhalten hat soziale Wirklichkeit geschaffen, Geschichte gemacht. Erinnerungen schließen an diese erfahrene Realität und damit auch an die eigenen Interpretatio-nen im Moment der Erfahrung an. James Young betont dies in der Aussage, dass

»man die Darstellungen … und die Ereignisse des Holocaust nicht voneinander trennen kann«, da beide abhängig sind »von den Formen, der Sprache und der kri-tischen Methode …, mit denen sie erfasst werden.«44 Somit können Zeugnisse wie alle anderen historischen Quellen keine direkte Wiedergabe der Ereignisse, sondern nur die interpretatorische Zeichnung derselben sein. Zeugnisse geben Aufschluss über die Möglichkeitsbedingungen sozialer Prozesse und beinhalten somit eine Fülle von Informationen über gelebtes Leben, die wir vielen anderen Quellen nicht entnehmen können.

Neben den traumatisierenden Effekten der Erlebnisse selbst hatte ich die zeitliche Dimension bei der Reflexion über Erleben und Erzählen genannt. Es geht hier weniger um einen Widerspruch zwischen Erinnern und Vergessen, sondern vielmehr um den Einfluss überindividueller Erfahrungen oder kollektiver Diskurse auf die Biographien Einzelner und ihr Erzählen. Nach Gabriele Rosenthal kann sich dadurch eine »über die persönliche Geschichte des Biographen hinaus-gehende kollektive Geschichte« erschließen lassen.45 So könnte beispielsweise die Frage gestellt werden, inwieweit Identifikationen mit herrschenden Ideologien und Eliten die Wahrnehmungen Einzelner und damit auch ihre Erfahrungen und Erinnerungen strukturiert(en). Je nachdem, welchen gesellschaftlichen Gruppen oder Kollektiven das Interesse gilt, ergeben sich dabei unterschiedliche Gewich-tungen und Fragestellungen, die nicht zuletzt mit den Dimensionen von Macht oder Ohnmacht verknüpft sind.

44 James Young: Beschreiben des Holocaust. Darstellung und Folgen der Interpretation, Frankfurt/M. 1997 (1988), S. 13.

45 Gabriele Rosenthal: Die erzählte Lebensgeschichte als historische Realität: Methodologische Implikationen für die Analyse biographischer Texte, in: Berliner Geschichtswerkstatt (Hg.): Alltagskultur, Subjektivität, Geschichte, Münster 1994, S. 128.

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Gespräche sowjetischer Überlebender der deutschen Politik der »Endlösung«

mit einer jungen deutschen Frau

Ich möchte an dieser Stelle einige wichtige Gedanken einfügen, die unmittelbar die Gespräche mit den Überlebenden in der ehemaligen Sowjetunion betreffen.

Die Frauen und Männer leisten die Rekonstruktion der Vergangenheit aus der ak-tuellen Situation heraus46 – also in einem spezifischen Kontext und zu einem bestimmten Zeitpunkt. Das hat Konsequenzen für den Verlauf der Begegnungen, wie auch für den Inhalt der Erzählungen, auf die ich hier eingehen möchte. Sie werden aber auch in den Porträts der einzelnen Frauen zur Sprache kommen.

Ulrike Jureit und Karin Orth widmen einen großen Teil ihrer Veröffentlichung der Reflexion über die »Begegnung mit der Geschichte« in methodischer und theoretischer Hinsicht. Bei Forschungen, die an Interaktionsmuster des Alltags an-gelehnt sind und damit soziale Verhältnisse zwischen Befragten und Fragenden hervorbringen, ist ein solches Nachdenken unabdingbar. Diese Notwendigkeit besteht gerade dann, wenn sich Menschen begegnen, die ein historisches Verhältnis widerspiegeln und dieses implizit im Mittelpunkt der Begegnung steht. Dass die Forschende »Teil des beforschten Feldes«47 ist, gilt für die von mir durchgeführten Interviews also in ganz besonderer Weise. In direkter Form erlebte ich dies, als ich mit einer der Frauen wegen eines Termins telefonierte. Sie meinte, wenn ich Deutsche sei, dann hätte sie mir »aber mal was zu erzählen«. Sie sah mich also ganz direkt in der Rolle der Vertreterin der Tätergesellschaft, und das Interview selbst spiegelte dies unmittelbar: Meine Interviewpartnerin fragte mich immer wieder und herausfordernd nach dem »Warum« und ob »es denen nicht peinlich« sei.

Der Beziehungsaspekt in den Begegnungen mit jüdischen Überlebenden in der ehemaligen Sowjetunion hat viele Seiten, die in je unterschiedlicher Intensität die Erzählungen beeinflussten. Neben der ganz alltäglichen Frage, ob man Sympathie oder Antipathie für den jeweils anderen empfindet, war ich mir also vor allem meiner deutschen Herkunft bewusst und fragte mich, ob sich diese auf den Kontakt und die Bereitschaft zum Erzählen auswirken würde. Im Rückblick kann ich das verneinen, auch wenn natürlich unklar bleiben muss, was dieses »Deutschsein«

eventuell verhindert hat: Dies wird sich möglicherweise gerade im Nichterzählten manifestieren.

In den Begegnungen hat sich sehr schnell eine gemeinsame Ebene entwickelt, welche die Basis für lange, offene und oft vertrauensvolle Gespräche und einen geradezu herzlichen Umgang miteinander bildete. Meine Russischkenntnisse wurden äußerst erfreut registriert und sind wohl die wichtigste Grundlage, um direkt kommunizieren zu können. Auch das Wissen um meine Sozialisation in der DDR

schien über den großen Altersunterschied hinweg eine Gemeinsamkeit der Erfah-46 Jureit, Orth, a. a. O., S. 156.

47 Gabriele Sturm: Wie forschen Frauen? Überlegungen zur Entscheidung für qualitatives oder quantifizierendes Vorgehen, in: Angela Diezinger (Hg.): Erfahrung mit Methode. Wege sozialwissenschaftlicher Frauenforschung, Freiburg 1994, S. 91.

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rung evoziert zu haben, auf deren Grundlage wir uns während der Gespräche bewegten. Zusätzlich könnten mein Besuch, mein Interesse an den Frauen und Männern und ihren Lebensgeschichten nach Jahrzehnten des öffentlichen Verschweigens und Desinteresses an den Erlebnissen der jüdischen Opfer etwas so Außergewöhnlich-Bedeutsames gewesen sein, dass meine deutsche Identität in den Hintergrund trat. In Briefen, die ich nach meiner Abreise aus St. Petersburg erhalten habe, drückten mehrere der Interviewpartner ihre Wertschätzung für mein Interesse an ihrem Leben und ihren Problemen aus. So ist es vielleicht das gemeinsame Interesse, die Vergangenheit nicht vergessen zu lassen, die es ihnen ermöglicht hat, mir ihr Vertrauen zu schenken, und mir, zur Zeugin ihrer Erinnerung zu werden.

Auffallend ist die bewusst und oft wiederholt eingefügte Differenzierung von Deutschen vs. Nazis/Faschisten. Dies drückte sich u. a. in einer Hierarchie der Tä-

ter aus, bei der Wehrmachtssoldaten mitunter besser wegkamen als Angehörige der SS, die »wirklichen Nazis«. Zurückzuführen ist diese Unterscheidung wahrscheinlich zu einem nicht unbedeutenden Teil auf die Historiographie in der UdSSR, die zum Aufbau eines antifaschistischen Blocks auf die Versöhnung mit der Bevölkerung der DDR, d. h. auch Tätern angewiesen war. Als vorsichtige Be-stätigung für diese Vermutung könnte die in einigen Interviews nachgetragene

»Entschuldigung« für das Reden über »die Deutschen« gelten, was insbesondere bei Schilderungen besonders grausamer Taten zu beobachten war. In diesen Momenten wurde die differenzierte Darstellung durchbrochen, und es spielte offensichtlich keine Rolle, ob die Rede von Polizei, SD, Wehrmacht oder SS war.

Die Differenzierung steht möglicherweise auch für das Bemühen um eine Verständigung. Birgit Schreiber weist auf dieses Bestreben als Grundlage für die Möglichkeit von Interviews »zwischen jüdischen Opfern der Shoah und einer nicht-jü-

dischen deutschen Soziologin« hin.48 Möglicherweise ist der von Schreiber beobachtete »Vertrauensvorschuss« auch der Grund dafür, dass schreckliche Ereignisse und Erfahrungen vorsichtig bzw. abgeschwächt dargestellt werden. Andererseits beruft sich die Differenzierung zwischen »guten Deutschen« und »Nazis«

auch auf reale Erfahrungen. So erzählten einige meiner Gesprächspartner von Wehrmachtssoldaten, die in den ersten Kriegswochen Station in ihrem Wohnort machten und vor den hinter der Armee vorrückenden SS-Truppen warnten. Die Tatsache, dass Wehrmachtsangehörige an Massenerschießungen von Juden beteiligt waren, ist dennoch unbestritten.49

Wenn einzelne der Frauen und Männer auch die »guten Deutschen« erwähnten und das Grauen dahinter verbargen, so taten sie dies vielleicht auch ob meiner Jugend: Die meisten der von mir besuchten Menschen waren überrascht, solch eine 48 Birgit Schreiber: Leaps of faith or »How can we ever talk about the past?« The »crisis of witnessing« in nar-rative interviews between Jewish victims of the Shoah in Germany and a non-Jewish German sociologist, http://www.qualitative-sozialforschung.de/schreiber.htm [15. 01. 02].

49 Siehe Christian Gerlach: Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941-1944, Hamburg 1999, S. 620.

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junge Frau zu treffen. Entweder speist sich dies aus der Annahme, nur Ältere würden sich für diese Geschichte interessieren50, oder der Furcht, mit Angehörigen der Tätergeneration zusammenzutreffen.51

Zudem wurde einige Male formuliert, ich könne das Erzählte gar nicht begreifen oder nachvollziehen, weil ich damals nicht gelebt habe – möglicherweise drückt sich darin die Furcht aus, nicht verstanden zu werden. Manche mögen mich auch als Angehörige der Generation ihrer Enkel gesehen haben. Dies äußerte sich beispielsweise in einer großzügigen Gastfreundschaft, aber eben auch in ausführlichen, langen Erzählungen.

Die Frage, ob mein Geschlecht Einfluss auf die Interviews hatte, ist ebenso wenig eindeutig zu beantworten. Bedeutsam scheint es mir zumindest in Situationen zu sein, wo Frauen über sensible private Bereiche wie (Aufklärung über) Sexualität – z. B. in der Partisaneneinheit – oder die Vorurteile gegenüber »Partisanen-weibern« sprachen.52

Verantwortung für Erinnerung

Bei der Beschäftigung mit lebensgeschichtlichen Erzählungen ist es unvermeid-bar, den Zusammenhang zwischen Erzähltem und Erlebtem zu reflektieren. In jeder Erinnerungserzählung werden die Erlebnisse in verarbeiteter Form wiederge-geben. Sie sind Rückblicke auf Geschehnisse, die oft lange Zeit zurückliegen und in je besonderer Weise erlebt, aufgenommen und ins Gedächtnis übernommen wurden. Insbesondere, wenn die Ereignisse Jahrzehnte zurückreichen und »Normalität« extrem infrage stellen, weil sie traumatische oder katastrophische Erfahrungen verursachten, muss ich als Forschende versuchen, möglichen Differenzen zwischen Erleben und Wahrnehmung auf die Spur zu kommen. Dies wird frucht-bar sein in mehrfacher Hinsicht: Auf der Ebene der individuellen Erfahrung können dann subjektive Sinnstrukturen herausgearbeitet werden, die Aufschluss über Wahrnehmungen, Verarbeitungen und Handlungsentscheidungen Einzelner geben.

Nutzen wir die persönlichen Erinnerungen als Quelle für zeitgeschichtliche Forschungen, so tragen sie bei zu Erkenntnissen über die Auswirkungen des nationalsozialistischen Genozids, etwa wenn wir Traumata bei Überlebenden feststellen, welche die Erinnerungen akut prägen. Gleichermaßen bieten die vorliegenden Interviews Einblicke in die Geschichte der sowjetischen Gesellschaft, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges den Überlebenden oftmals abweisend gegenüberstand, die sie aber trotzdem nicht verlassen mochten.

50 Leonid Dembowskij in einem Interview, Minsk 6. 10. 2002.

51 Jureit, Orth, a. a. O., S. 178.

52 Vgl. die Anmerkungen von Jureit, Orth hierzu, S. 196. Zu einem ähnlichen Schluss kommen Maureen Padfield und Ian Procter, wenn sie feststellen, dass Frauen von selbst (ohne danach gefragt zu werden), über eigene Ab-treibungen nur der Interviewerin erzählen. (Maureen Padfield, Ian Procter: The Effect of Interviewer’s Gender on the Interviewing Process: A comparative Enquiry, in: Sociology, Vol. 30 [1996], No. 2, pp. 355-366.) 30

Die Reflexion in Bezug auf den Moment der Forschung selbst, die Begegnungen mit Überlebenden, berührt Fragen der Nachkriegsgeschichte. Gegenseitige An-nahmen über den Stand der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in den Gesellschaften, deren eine – deutsche – sich für vier Jahre zum brutalen Unterdrücker und Vernichter der anderen – sowjetischen – gemacht hatte, spiegeln auch Erfahrungen von Verdrängung und Verantwortung. Es geht vor allem um die ethische Verantwortung, die Forschende tragen, wenn sie Zeugen oder Zeuginnen des Holocaust begegnen und wenn sie deren Aussagen der Öffentlichkeit zugänglich machen. Ganz unmittelbar wird diese Verantwortlichkeit in den Gesprächen selbst, in denen sich nicht »nur« Überlebende und Forscherin begegnen, sondern zwei Menschen, die für eine gewisse Dauer eine Beziehung eingehen und sich gemeinsam einer schmerzvollen Vergangenheit stellen. Als Zuhörende kommt mir insbesondere die Aufgabe zu, diesen schwierigen Weg in die Vergangenheit und wieder zurück in die Gegenwart zu begleiten.

Die Berichte der Überlebenden legen Zeugnis ab für Verbrechen und Ereignisse, die nicht vergessen werden dürfen. Aufgabe der Zuhörenden ist es jedoch nicht nur, den Inhalt der Erzählungen weiterzutragen, sondern auch die Art und Weise der Erzählungen selbst weiterzugeben. Wir müssen dabei auch von den Schwierigkeiten der Erinnerung sprechen, denn gerade sie verweisen auf die Dimensionen und Folgewirkungen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik.

Die Porträts

Die Begegnungen mit den überlebenden Frauen haben Spuren hinterlassen – ganz plastisch auf den vielen Tonbändern, die ich aus St. Petersburg mitgebracht habe, aber auch im Bewusstsein meiner Gesprächspartnerinnen und bei mir. Es sind die Geschehnisse, von denen sie berichten, die Gefühle von Trauer, Wut, aber auch viele Fragen hinterlassen. Es sind zwischenmenschliche Erfahrungen, die wir teilen, die den Verlauf der Besuche in den Lebensräumen der Frauen bestimmt haben. Und es sind Eindrücke, die wir gegenseitig voneinander hatten und die Fragen und Antworten möglich oder unmöglich gemacht haben. Ich möchte versuchen, auch diesen Teil der lebensgeschichtlichen Erzählungen zugänglich zu machen, weil zuweilen nur so der Inhalt des Erzählten verständlich wird. Aus meiner Sicht muss die »persönliche« Dimension der Begegnung mit der Geschichte in die Dokumentation der Erinnerungen aufgenommen werden, spiegelt sie doch in sich das historische Verhältnis zwischen den Staaten, deren Angehörige sich fast 60 Jahre nach dem Ende des deutschen Angriffskriegs gegen die Sowjetunion gegenübersitzen.

Am Beginn jedes Porträts stehen deshalb Anmerkungen dazu, wie der Kontakt zustande kam, in welchem Rahmen die Begegnungen stattfanden und wodurch die Gespräche charakterisiert werden. Es geht dabei nicht um die Bildung von Typen, derer die Frauen zugeordnet werden könnten, sondern vielmehr darum, in den Darstellungen verschiedene Verarbeitungs- und Umgangsweisen mit den Erlebnissen und  der erzählenden Rückkehr in die eigene Vergangenheit zu entdecken.

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Partisanen auf dem Marsch

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Bei der Lektüre wird auffallen, dass genaue chronologische Daten und Ortsna-men nur sehr sparsam angegeben werden. Dies verweist auf die unterschiedliche Bedeutsamkeit von Fakten im Vergleich zum Beispiel von Wortwechseln, welche die Frauen mitunter wortwörtlich zitierten. Ich gebe diese Zitate mehrmals ausführlich wieder, denn ich gehe davon aus, dass das Bestreben, die jeweilige Situation genau zu erzählen, deren Stellenwert in der Lebensgeschichte der Einzelnen widerspiegelt: letzte Worte der Mutter, entscheidende Worte während eines Verhörs, Gespräche zwischen Opfer und Täter. Es sind zumeist existenzielle Situationen, die so detailliert im Gedächtnis der Frauen aufgehoben sind. Versuche, die Dramatik und Tragik in anderen Worten als derjenigen der Erinnernden wiederzugeben, müssten insofern scheitern, als dass zwischen den Erinnerungen und unserer Vorstellungskraft eine Lücke besteht, die nicht zu überbrücken ist, trotz aller Bemühungen. Die Worte der Überlebenden selbst führen uns näher an ihre Erfahrungen und Emotionen heran, als es meine Worte vermögen. Ich habe die Situation nicht durchlebt, die existenzielle Angst nicht gespürt, und kann die Bedeutung, die ihr die Erzählenden beimessen, nie ganz in der Art und Weise erfassen, wie es die Frauen taten.

Von dieser Differenz wissen die Überlebenden ebenso, und sie formulieren dieses Wissen in Fragen nach meiner Fähigkeit zu verstehen. Ich habe mich deshalb entschlossen, Phrasen wie »Verstehst du?« bzw. »Verstehen Sie?« als beständigen Verweis auf die genannte Lücke zwischen Erinnern und Artikulationsmöglichkeit in den Zitaten zu belassen. Ebenso sind nicht zu Ende geführte Sätze als »…« erkennbar. Aus den Stellen wird ersichtlich, dass dieses Schweigen meist aus der Schwierigkeit resultiert, Empfindungen oder Bilder in Worte zu fassen. Auf weitere Signale für nonverbale oder halb verbale Gesprächsanteile verzichte ich aus Gründen der besseren Lesbarkeit, bemühe mich aber darum, entscheidende Emotionen im Text zu erfassen.

Im Mittelpunkt steht das Leben der Frauen, so wie sie es sehen und darstellen.

Ich ziehe Sekundärliteratur deshalb nur dann hinzu, wenn es der besseren Verständlichkeit dient. Im Übrigen beschränke ich mich auf Hinweise zur Übersetzung russischer Begriffe. Meine Versuche, Ereigniszusammenhänge und Sinnstrukturen der Erzählenden zu verstehen, sind fragende Bewegungen und können keine abschließenden Antworten ergeben. In diesem Sinne ist die vorliegende Dokumentation der lebensgeschichtlichen Erzählungen nur ein erster Schritt der Annäherung an die Erinnerungen und die Lebensrealität jüdischer Überlebender in der (ehemaligen) Sowjetunion.

»Wenn Sie noch ein bisschen besser Russisch lernen, können wir uns das nächste Mal auch besser unterhalten.«

Alewtina Semjenowna Kuprichina

Mit diesen Worten verabschiedete mich Alewtina Kuprichina, nachdem ich knapp drei Stunden bei ihr zu Besuch war. Die Äußerung erschreckte mich, spiegelte sie doch wider, dass das Gespräch für uns beide sehr schwierig verlaufen war. Die Kommunikation war offenbar an Grenzen gestoßen, die ich hier skizzieren möchte.

Die Verabredung mit Frau Kuprichina am 6. September 2002, einen Tag nach Rosch Haschana, hatte ich telefonisch vereinbart. Sie erwähnte dabei, dass vor kurzer Zeit in ihre Wohnung eingebrochen worden sei und es dementsprechend unordentlich aussehen würde, ich aber trotzdem kommen solle. Sie wollte also trotz der prekären Situation, in der sie sich befand, erzählen. Auf den letzten Me-tern zu ihrem Wohnhaus kommt mir der Gedanke, dieser Stadtteil sei auch prä-

destiniert für Einbrüche. Außer Wohnsilos nichts zu sehen, eine Bahnstrecke, Einöde. Die Neubaublöcke wie hingespuckt auf einem freien Feld, unfertig hier, endlos lang und verfallen dort. Auffallend viele Betrunkene laufen mir über den Weg, und die Menschen machen einen sehr ärmlichen Eindruck. Umso freundlicher begrüßt mich Alewtina Semjenowna, ihre leuchtenden Augen fallen mir zuerst auf. Sie blickt mich sehr genau und aus kurzer Distanz an. Es dauert einige Minuten, bis ich begreife, dass sie zwar schlecht sieht, aber meine Lippenbewe-gungen verfolgt – sie hört schlecht und ich muss mich bemühen, laut zu sprechen.

Der Wohnung sind die schwierigen Lebensverhältnisse des Ehepaares Kuprichin anzusehen. Ich bin geschockt, obwohl ich bereits einige Male mit einer ähnlichen Situation konfrontiert war. Nach einem bescheidenen Kaffeetrinken in der Küche wechseln wir ins Wohnzimmer hinüber.

Das folgende Interview mit Alewtina Semjenowna war eine Herausforderung für sie und  für mich. Ihre Erzählung schien zunächst vollkommen zusammenhanglos und widersprüchlich. Schnell aufeinanderfolgende Brüche machten es mir nahezu unmöglich, der Erzählung zu folgen. Zurückhaltend eingebrachte Fragen von mir produzierten eher Missverständnisse, so verstand meine Gesprächspartnerin spürbar einige Fragen akustisch falsch. Aber – und dies war eine er-schreckende Beobachtung für mich – zudem war ich durch die Gesprächssituation offenbar so verunsichert, dass ich Schwierigkeiten hatte, klare Formulierungen auf Russisch zu treffen. Frau Kuprichina war aufgeregt, das war ihr anzumerken.

Doch später im Gespräch wurde mir bewusst, dass es vielleicht gerade auch ihre Erinnerungen sind, die ihr ein »nachvollziehbares« Erzählen so schwer machen.

Als wir auf die Schwierigkeiten des Erinnerns zu sprechen kommen, stimmt sie vorbehaltlos zu:

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»Sehr schwer! Das kann ich Ihnen gar nicht sagen, das kann ich Ihnen nicht einmal schildern, sogar die Menschen, heute habe ich sie noch gesehen, und morgen war das Pogrom, alle lagen im Dnepr. … Ja … ich bin sehr nervös, fange an Krach zu schlagen, ich nehme Tabletten ein gegen diese Erinnerungen … und mein Mann muss mich sogar daran erinnern, dass ich sie einnehme.«

Möglicherweise verursachen diese Medikamente die »Lücken« im Gedächtnis, vielleicht schützen die Antidepressiva Frau Kuprichina tatsächlich vor nicht zu er-tragenden Erinnerungen. Ich möchte darüber keine weiteren Spekulationen an-stellen, meine ausführlichen Anmerkungen zu diesem Gespräch sollen vielmehr zeigen, dass die Erzählung einer Lebens geschichte  absolut nicht dem entsprechen muss, was gemeinhin unter einem Lebens lauf  verstanden wird, d. h. eine chronologisch ablaufende Folge von Ereignissen. Wenn ich im Folgenden versuche, das Leben von Alewtina Semjenowna darzustellen, so ist dies ein »Versuch der An-näherung«. Als solchen bezeichneten Ulrike Jureit und Karin Orth in ihrer Arbeit zu den lebensgeschichtlichen Erinnerungen von ehemaligen Häftlingen des KZ

Neuengamme die Bemühungen, die wir unternehmen, wenn wir offenkundig traumatisierende Lebensverläufe ordnen und rekonstruieren wollen, um sie in ihrer Komplexität zu verstehen.

»Niemand hat mich so gern gehabt wie meine Mutter« – Kindheit bei der Oma

»Eigentlich bin ich 1931 geboren« – die Unsicherheit über dieses Datum formuliert Alewtina nicht nur mit dem Wort »eigentlich«. Durch spätere Aussagen, sie sei neun Jahre alt gewesen, als die Deutschen kamen, und einer anderen, sie sei

»gebürtige Leningraderin, geboren 1930« wird diese Unsicherheit bestätigt. Sicher ist sie sich hingegen, dass ihre Mutter sie »so gern gehabt habe wie niemand anderer«, sie habe nur die besten Erinnerungen an sie, vor allem ihre dicken Zöpfe haben sich eingeprägt. Da ihre Mutter als Ärztin bei der Sowjetarmee arbeitete, verbrachte sie viel Zeit bei den Großeltern, die in Belorussland lebten. Mit einem Augenzwinkern merkt sie an, »ich habe zwei Großväter und zwei Großmütter gehabt, wenn ich mit der einen Ärger hatte, ging ich zu der anderen nach Schlobin, und wenn es dort Streit gab, ging ich zu der anderen, nach Rogatschew.« In dieser Stadt im Osten von Belorussland war sie sehr gern. Ihre Erinnerungen an diesen Ort sprühen geradezu vor Lebensfreude:

»Rogatschew war eine jüdische Stadt … und was für eine schöne Stadt das war! So gemütlich, sauber und grün, ich kannte keine schönere Stadt. Ich habe Rogatschew sehr gemocht. Abends waren alle unterwegs, in Sommerkleidern, alle singen, haben kurze Frisuren und … eigentlich war die ganze Stadt voller Blumen.«

Sie muss damals noch sehr klein gewesen sein. Ihre Erzählung spricht für unbeschwerte, sorglose Tage, die sie bei den Großeltern verbringen konnte. Ihre Mutter hatte schon im Finnischen Krieg gedient und bereitete sich offenbar auf einen drohenden Angriff der Deutschen vor, denn Alewtina Kuprichina meint, »sie hat mich von hier [aus Leningrad; A. W.] weggeschickt, kurz vor dem Krieg, wis-36

sen Sie, als hätte sie etwas gespürt, wirklich.« Dass gerade der Aufenthalt in Belorussland Alewtina zum Verhängnis werden würde, konnte die Mutter nicht ahnen. Sie selbst starb, als die Blockade der Stadt Leingrad im Januar 1944 durchbrochen wurde.

»Alles Gute, was er in sich trug, hat er mir zugute kommen lassen« –

Ein deutscher Soldat

Als deutsche Truppen in Rogatschew einmarschierten, wusste die neunjährige Alla überraschend genau, dass sie sich nicht als jüdisches Kind zu erkennen geben durfte. Bei einer Befragung durch deutsche Soldaten bezeichnet sie sich als Russin, denn:

»bei uns in Leningrad wurde ein Film im Kino gezeigt, kurz vor dem Krieg, Professor Mamlock,  und ich erinnerte mich daran. Dieser Film hat mir quasi das Leben gerettet. Darin wird Professor Mamlock durch die Straßen geführt, und er hat ein Schild um den Hals, auf dem steht ›Jude‹. Ich habe damals meine Mutter noch gefragt: ›Mama, was steht da?‹ Sie hat gesagt: ›Jude‹, und ich sagte dann:

›Und wieso?‹ – ›Weil die Deutschen die Juden nicht mögen.‹ Und deshalb habe ich in dem Moment gesagt: ›Oh, nein, ich bin Russin!‹«1

Diese Antwort hat ihr wahrscheinlich das Leben gerettet. Warum fragte ein deutscher Soldat in dieser Situation ein Kind nach seiner Nationalität, wenn nicht, um herauszufinden, ob es der als Feind imaginierten jüdischen Bevölkerung angehört?

Einer der deutschen Soldaten ist Alewtina als ihr gutherziger Wohltäter, wenn nicht gar Retter in Erinnerung geblieben: »Alles Gute, was er in sich trug, hat er mir zugute kommen lassen«, »als wäre ich sein eigenes Kind gewesen.« Im Laufe der Erzählung ordnet sie einige Handlungen, die ihr das Überleben sicherten, aber verschiedenen Personen zu:

»Dieser Deutsche, der mich mitgenommen hatte, der hat die ganze Zeit auf mich aufgepasst, damit ich nicht weglief, damit ich mit niemandem redete und damit ich von niemandem gesehen wurde. Da haben sie eine Grube gegraben, und darin war so eine Art Zelt, da habe ich geschlafen.«

Der Deutsche hat sie nach ihrer Erinnerung in das nahe gelegene Dorf Kolosy zu einer russischen Frau gebracht, »Tante Nastja«, und sie gebeten, das Kind aufzunehmen. Anastasija Ustinowa Triszenetzkaja nimmt die kleine neunjährige Alewtina bei sich auf, versteckt sie auf dem Dachboden oder in einer Erdhütte. Unterstützt wurde sie dabei von ihrem Sohn Kolja, der Kontakte zu einer Partisaneneinheit 1

Um Verwechslungen vorzubeugen: Frau Kuprichina spricht tatsächlich von einem Film, meint aber nicht  die deutsche Verfilmung (1961) des Theaterstückes von Friedrich Wolf durch dessen Sohn Konrad Wolf. Bereits im Jahre 1938 hatte der Leningrader Regisseur Herbert Rappaport das Stück verfilmt; aufgrund des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes wurde der Film nur kurze Zeit gezeigt, kam aber nach dem deutschen Überfall auf die UdSSR erneut in die sowjetischen Kinos. (Antwort auf eine Anfrage an die Friedrich-Wolf-Gesellschaft vom 22. 7. 2003. Ich danke F. B. Habel und Bärbel Reisch für diesen Hinweis.) 37

hatte und somit selbst ständig Gefahr lief, von den deutschen Besatzern gefasst zu werden. Manchmal brachte der deutsche Soldat etwas zu essen, Schokolade. Vielleicht als Gegenleistung für seine Hilfe, bat er Alewtina einmal, sein Hemd aus-zuwaschen. »Das war so verschwitzt und fleckig, da habe ich mir sehr große Mühe gegeben, damit es richtig sauber wurde, und er hat sich bei mir bedankt.« Vielleicht wusste Alewtina, dass ihr Leben in den Händen dieses Mannes lag und war deshalb so sehr bemüht, seine Zuneigung zu erhalten. So ließe sich auch erklären, warum Frau Kuprichina den Abschied von ihrem »Retter« so eindringlich schilderte: »Mein Deutscher … als er an die Front fuhr, … da habe ich geschrieen, geweint, mich an seine Stiefel geklammert.« Wie diesen einen Soldaten, charakterisiert Alewtina Kuprichina auch die anderen Deutschen im Dorf: »Die Deutschen haben überhaupt nichts Schlimmes getan.«

»Fliegen krabbelten auf ihr herum« – Deutsche Morde

In einem kaum zu vermittelnden Gegensatz dazu stehen ihre gebrochenen und fragmentarischen Erinnerungen, die sich auf Verbrechen von Deutschen richten, auf tote Menschen, die sie gesehen hat, auf das Zusammentreiben der jüdischen Einwohner vor ihrer Erschießung.

»Bei uns gab es eine Familie, ein Mann und eine Frau, er war Russe, Lehrer, und sie war Jüdin. Sie bat mich: ›Alotschka, hilf mir, die Kinder an den Stadtrand zu tragen.‹ Es war ihr selbst zu schwer, und so habe ich geholfen. Als wir am Stadtrand ankamen, ließen uns die Deutschen nicht durch, sagten: ›Weg, weg!

Zurück!‹ Und dann wurden sie dorthin getrieben, da, wo alle umgebracht wurden.

Sie saßen dort einige Tage, einige mussten sich ausziehen, andere nicht … und ein Mann hat seine Frau begraben, hat einen Kranz hingelegt, einen großen. Er wusste, dass die Kinder umgekommen sind. Das ist wichtig zu erzählen: Da war eine Frau, mit einem Jungen und einem Mädchen. Das Mädchen sitzt auf ihrem Schoß, auf einem Bein, und die Mutter lehnte an einer Wand. Der Junge fragte: ›Mutter, wo soll ich mich hinsetzen?‹ – ›Hierher, Söhnchen, setz dich auf das andere Bein!‹

Und so sind sie erschossen worden. So wie sie zusammen saßen, wurden sie erschossen. Beim Pogrom wurden alle in den Dnepr getrieben, ja … so … Jedes Jahr bin ich hingefahren, jeder mochte diesen Landstrich, sehr guter Boden ist da, und die Stadt so schön, alles grün, die Gärten, und die Leute so freundlich, mit einem Lächeln, … jaja, so ist das …«

Die Brutalität der Vernichtung, verübt von Deutschen und weißrussischen Kollaborateuren, durchzieht die Erzählung von Frau Kuprichina. Mehrmals erwähnte sie den schrecklichen Anblick ihrer toten Großmutter, den sie offenbar immer wieder vor sich sieht:

»Als der Unterstand bombardiert wurde, in dem wir saßen, die Deutschen, da sind wir weggerannt, in den Zimmermannsgarten … nun, und da sehe ich, da liegt meine Großmutter. Tot. Und Fliegen krabbeln auf ihr herum, aber ich habe nichts gesagt, und dann habe ich einen Mann gehört, der schrie: ›Mein Bauch! Helft mir!

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Hilfe!‹ Und da haben sie ihn getreten … aber dann wurden alle Juden, die noch da waren, sie wurden alle erschossen, sie wurden erschossen, und dann haben sie ihre Sachen mitgenommen, nicht die Deutschen waren das, sondern unsere.«

Durch den Mord an der Großmutter war Alewtina Waise geworden. Über den Verbleib der Mutter wusste sie zu diesem Zeitpunkt nichts. Für einige Zeit hat sie dann in dem Versteck bei der »Partisanenfamilie« gelebt, bis die Partisanen eines Tages Kolja aufforderten, nicht mehr nach Rogatschew zurückzukehren, weil er sonst verhaftet werden könnte. Nastja, seine Mutter, bemühte sich daraufhin, auch Alewtina aus dem Ort zu evakuieren, denn sie stand unter Beobachtung und wurde später tatsächlich durch die Gestapo verhaftet. Sie bat den Kommandeur einer in der Nähe stationierten Partisaneneinheit, das Kind aufzunehmen und es so zu retten und auch sie selbst vor der Entdeckung zu bewahren.

»Ich wollte die ganze Zeit essen« – Von Heim zu Heim

Die Krankenschwester des Lazaretts hatte die Aufgabe, sich um das Kind zu kümmern. Auch Alewtina erhielt eine wichtige Aufgabe und arbeitete mit ihrer »Be-treuerin« zusammen:

»Sie war Krankenpflegerin, versorgte die Kranken, die dort in den Zelten lagen, und sie brachte mir bei, wie man Tampons macht. Und ich habe geholfen, die Binden zu waschen, Tampons zu machen. All das hat sie mir beigebracht, und ich habe mir große Mühe gegeben, alles richtig zu machen.«

Auf eine Anordnung der sowjetischen Regierung hin sollten 1943 die Kinder aus Partisaneneinheiten hinter die Frontlinie gebracht werden. Einer der Partisanen brachte sie zu einem Sammeltransport, mit dem sie, zusammen mit anderen ob-dach- und elternlosen Kindern, in ein Kinderheim gebracht werden sollte. Während sie erzählt, zeigt sie mir das Bild eines Sowjetsoldaten und erklärt, der sehe diesem Partisan sehr ähnlich. »Ich hebe diese Fotografie auf, so wie ich damals geweint habe, mich an ihm festhielt: ›Onkelchen, Onkelchen, lass mich nicht allein, ich will nicht!‹«

Die erste Station für die Kinder war Gomel, eine Stadt, die selbst heftig um-kämpft war und »an allen Ecken in Flammen stand. Ich bekam eine Jacke und eine Decke, und so saßen wir in den Schützengräben. Alles rundum brannte.« Von Gomel aus fuhren die Kinder mit einigen Betreuern nach Saratow, wo Alewtina von Ende 1941 bis 1943 blieb. Hier bricht ihre Erzählung ab. Ihre Erinnerungen setzten zu dem Zeitpunkt wieder ein, als sie bei Kriegsende in der Ukraine in einer Rüstungsfabrik arbeitet und in einem Wohnheim auf andere junge Mädchen trifft, zu denen sie schnell Vertrauen fasste.

Das Kriegsende erlebte sie als Befreiung, die nahezu unglaublich schien: »Als der Krieg gewonnen war, da kamen Autos, die Leute warfen Blumen in die Luft.

Alles war voller Blumen, die Leute haben sich so gefreut! … Was da los war, ich habe es gar nicht glauben können, dass der Krieg aus war.« Bald nach Kriegsende machte sich Alewtina Kuprichina auf die Suche nach ihren Großeltern, die nach 39

Swerdlowsk evakuiert worden waren. Lachend erzählt sie, dass sie sich dort am Bahnhof versteckte und ein Brot klaute. Dabei wurde sie ertappt und von Polizisten befragt, wo sie denn hinwolle. Nach einem Telefonat mit dem von ihr an-gegebenen Betrieb stand fest, dass ihr Großvater Lew Romanowitsch tatsächlich in der Nähe arbeitete. Unter Tränen trifft sie ihn und die Großmutter wieder und findet bei ihnen Aufnahme.

»Dann bekam ich aber mit, dass die Großeltern nichts hatten, nichts zu essen.

Ein Laib Brot kostete fünfhundert Rubel. Was tun? Da bin ich zur zuständigen Behörde gegangen und habe gesagt, dass sie mich in einem Kinderheim unter-bringen sollen.«

Gemeinsam mit anderen Kindern aus Leningrad kam sie in ein Heim in Maloi-stok. Dort hat sie den Sieben-Klassenabschluss gemacht und begann danach eine Ausbildung zur Schriftsetzerin. In diesem Beruf arbeitete Alewtina Kuprichina bis zur Rente in einer Leningrader Druckerei.

»Ich erinnere sogar die Gesichter, stellen Sie sich das vor!«

Beinahe unvermittelt und eingeflochten in verschiedene Erlebniskomplexe, als würde sie selbst überrascht werden von diesen Erinnerungen, erzählt Alewtina Kuprichina vom Grauen: In dem Zug, der die Kinder in Sicherheit bringen sollte,

»saß neben mir ein Junge, den hatten die Deutschen bei der Erschießung lebendig begraben. Er hatte Brot für die Partisanen besorgt, und meine Kinder, als sie groß waren, bin ich mit ihnen nach Rogatschew gefahren. Dorthin, wo die Menschen umgekommen sind …, und eine Nachbarin, sie wohnt in einem Haus daneben, erzählte mir, wie sie die Leute erschossen haben, wie sie vergraben wur-Junge belorussische Partisanen erhalten Waffen

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den, alles, … und ich habe dort ein wenig gegraben und das meinen Kindern gezeigt. Ich habe einen Schädel gefunden, und Knochen … Jedes Jahr sind wir nach Rogatschew gefahren, wurden dort freundlich empfangen, von denen, die noch am Leben sind. Es sind ja nur wenige, die überlebt haben.«

Unmittelbar im Zusammenhang mit den grausamen Morden steht für Alewtina Kuprichina offenbar das Streben, die Erinnerung daran nicht zu verlieren. Jedes Jahr kehrte sie an den Ort zurück, an dem sie ihre Großmutter verloren hat, und auch ihren Kindern hat sie von den Verbrechen der Deutschen und der Kollaborateure erzählt. Auf den zweiten Blick sind die unterschiedlichen Zeiten unauflöslich miteinander verknüpft, besucht sie doch mit den Gräbern auch den Ort ihrer Kindheit, der ihr noch immer in freundlicher Erinnerung ist. Sie stößt dort auf den Ort, an dem sie ihre Großmutter verlor, die Frau, die diese unbeschwerte Kindheit personifiziert hat und dem Mädchen mit vielen anderen jüdischen Einwohnern auf grausame Weise entrissen wurde. Die Erinnerung an den kleinen Jungen ruft zudem die Erinnerung an ihre eigenen Kinder hervor und baut eine weitere ge-dankliche Brücke zwischen der Erinnerung an die Situation im Zug und dem Schrecken über die Entdeckungen in der Nachkriegszeit. Möglicherweise ist die ideelle Rückkehr in das Vorkriegs-Rogatschew für Frau Kuprichina auch von so starker Anziehungskraft, weil sie sie zurückführt in eine Zeit, in der sie mit der Mutter und den Großeltern Menschen hatte, die sie liebten und umsorgten. Mit Beginn der Besatzung begann für sie ein Leben in existenzieller Unsicherheit. Das Wechseln der Kinderheime bedeutete für sie, immer wieder neu anzufangen, allein und ohne familiäre Bindung.

Wie passen diese Erlebnisse aber zusammen mit ihrer wehmütigen und von Dankbarkeit geprägten Erinnerung an den einen deutschen Soldaten, der ihr als Retter erscheint? Irritiert bin ich nicht zuletzt deshalb, weil es so gar nicht in das Bild der Täter passt, das Frau Kuprichina selbst ja implizit zeichnet. Zum anderen erscheint es schwer, die Bemühungen zur Rettung des Mädchens tatsächlich einer Person zuzuordnen. Für mich als Zuhörerin vermischen sich die Erinnerungen von Frau Kuprichina so sehr, dass ich sie kaum nachvollziehen kann. Andererseits fordern sie geradezu heraus zu Überlegungen, ob es nicht tatsächlich Handlungsmöglichkeiten für Angehörige der deutschen Truppen gab. Neuere Erkenntnisse der sogenannten Täterforschung weisen auf Optionen und Entscheidungsräume hin, die allerdings von zu wenigen der in den besetzten Gebieten aktiven Personen genutzt wurden.

Viele Fragen, Antworten?

Das Gespräch mit Alewtina Semjenowna Kuprichina lässt mich mit vielen Fragen zurück. Mit ihrer lebensgeschichtlichen Erzählung liegt uns ein Dokument vor, das sich einer schnellen Interpretation sperrt. »Kann ein solch schwieriges Interview in eine wissenschaftliche Arbeit einbezogen werden? Veröffentlicht?«, waren Fragen, die ich mir stellte. Nach langen Überlegungen habe ich mich für  die 41

Partisanen aus dem Verband des legendären Partisanenführers Kowpak mit einer erbeuteten Fahne Dokumentation dieses Interviews entschieden, denn hier werden deutlich die Grenzen der Sprache sichtbar, an die Überlebende bei der Darstellungen des Genozids stoßen. Gerade die Bruchhaftigkeit der Erzählung führt uns aber vor Augen, welche Folgen und Dimensionen die deutsche Politik der »Endlösung« insbesondere für Kinder hatte. Vielleicht sind es aber auch die Grenzen der Erinnerung, die Frau Kuprichina von einer geschlossenen Erzählung abhalten, denn kurz vor dem Abschied erwähnt sie, dass es einmal eine Publikation über sie gegeben habe. Es war also offenbar einmal möglich, das Leben von Frau Kuprichina zu rekonstruieren. Die Frage ist nur: Gibt es die eine gültige Erzählung? Oder liegt die Wahrheit nicht auch gerade in den Brüchen, in den Fragmenten, wie sie sich als Spuren der Vernichtungserfahrung ins Bewusstsein eingeschrieben haben? Lange Zeit später erhalte ich den von ihr erwähnten Zeitungsartikel aus dem Jahr 19982, eine Aussage von Nikolai Iosifowi Kudris – Kolja, dem Sohn von Alewtinas Ret-terin in Kolosy, und eine Reihe anderer Dokumente. Bis auf kleine Details, erkenne ich, stimmen sie überein mit Frau Kuprichinas Darstellung einige Jahre nach der Veröffentlichung.

Das vorliegende Interview liefert wichtige Einsichten insofern, als es auf methodische Grenzen hinweist, die bei der Rekonstruktion von individuellen Biographien und historischen Sachverhalten mithilfe der lebensgeschichtlichen Er-zählungen wahrnehmbar werden. Zudem wird meines Eeachtens ersichtlich, in 2

  1. Boksitogorski: Jejo Belorusskaja Mama [Ihre weißrussische Mutter], in: Hesed Schalom, Nr. 15 (1998), S. 7.

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welchem Maße Umfeld und Lebenssituation einer Begegnung mit Überlebenden die Gesprächsverläufe beeinflussen. Es kommt dabei nicht nur darauf an, die Schwierigkeiten der Erinnerungen zu reflektieren, sondern gerade auch das Verhalten der Fragenden einzubeziehen – siehe meine Bemerkung zu missverständlichen Fragen, aber auch die Fähigkeit, geduldig zuzuhören. Auch wenn Frage und Antwort nicht kongruent sind, so meine ich die Aussagen von Alewtina Kuprichina doch zitieren zu können, denn sie berichtet von ihrem gelebten Leben, und ihre Aussagen werden nicht deswegen weniger wahr. Der Versuch, auf der Grundlage dieses einen Interviews ihr Leben zu rekonstruieren, ist aber tatsächlich nur eine vorsichtige Annäherung. In einem Moment, in dem sie selbst erklärt, »sogar noch Gesichter zu erinnern«, gleichzeitig aber bedauert, sich »an nichts mehr erinnern zu können«, kommt es gerade auf tastende und vor allem fragende Bewegungen in die Vergangenheit an.

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»Ich will leben.«

Frida Iosifowna Pedko

Die Petersburger Vereinigung der ehemaligen jüdischen Häftlinge ist für viele ihrer Mitglieder vor allem ein Ort sozialer Kontakte. Gern nutzen sie die Angebote für gemeinsame Unternehmungen wie Exkursionen zu Sehenswürdigkeiten in und um St. Petersburg, Führungen in Museen oder den verbilligten oder kostenlosen Besuch von Theateraufführungen oder Konzerten. Die Organisation solcher Gele-genheiten liegt in den Händen einer freundlichen, kleinen und sehr agilen Frau, der ich schon bei meinen ersten Besuchen in der Geschäftsstelle begegnet bin: Frida Pedko. Sie lud mich immer wieder ein, zu einem der Ausflüge mitzukom-men oder bot mir an, Eintrittskarten zu besorgen. Sie offerierte mir dies mit strah-lenden Augen, in denen ich aber auch etwas entdeckte, das hinter der begeisterten Sorge um das Wohl ihrer Mitmenschen zu liegen schien und auf einen Zustand der Trauer hindeutete. Je näher wir uns kennenlernten, umso klarer wurde, woher dies rührte.

Durch meine häufige Anwesenheit in der Geschäftsstelle der Vereinigung erfuhr ich, dass bisher jeder ihrer Anträge auf Entschädigung oder andere Unterstüt-zungsleistungen abgelehnt wurde. Bruchstücke ihrer Lebensgeschichte lernte ich kennen, als ich für einen weiteren Antrag eine Übersetzung anfertigte. Daraufhin beschloss ich, mich mit ihr zu einem Interview zu verabreden und so mehr zu erfahren über die Frau, die augenscheinlich einen beträchtlichen Teil ihrer Kräfte daran setzte, den Mitgliedern der Organisation, anderen Überlebenden, Momente der Freude und der Erholung zu bescheren. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe wir uns im Mai 2001 verabreden konnten – die organisatorischen Anstrengungen sind zeitintensiv, zudem musste Frau Pedko sich bei zahlreichen Behörden vorstellen, um für das laufende Entschädigungsverfahren der bundesdeutschen Stiftung »Erinnerung, Verantwortung, Zukunft« die geforderten Dokumente zu beschaffen. Im Mai 2005 treffe ich sie nochmals an einem langen Nachmittag. Es scheint ihr nun leichter zu fallen zu erzählen, insbesondere ihre Gedanken zum Umgang mit den Erinnerungen und deren Bedeutung für jüngere Generationen machen mich sehr nachdenklich.

Eine sowjetische Kindheit

Geboren 1934, wuchs Frida Iosifowna mit ihrer Mutter Maria Sirotkina, ihrer Schwester Jelena, dem Großvater sowie zwei Schwestern und einem Bruder der Mutter in Slawnoje auf. Ihr Vater war nach kurzer schwerer Krankheit gestorben, als sie ein Jahr alt war. Frida Iosifowna erinnert sich, dass der Großvater die jüdischen Feiertage beging, sich auch an die Speisevorschriften hielt und die Synagoge besuchte. Seine Kinder, Fridas Mutter und deren Geschwister hingegen ver-45

standen sich als Atheisten und orientierten sich vielmehr an sozialistischen Idealen und waren Mitglied in den entsprechenden Organisationen. »Wenn er zum Beispiel an Pessach nur Matze aß, sind wir ins andere Zimmer geschlichen und haben dort heimlich Brot gegessen.« Sie selbst sei Oktoberkind gewesen, und da sie eine gute Schülerin war, wurde sie vorzeitig in die Organisation aufgenommen, als sie sieben Jahre alt war. Fridas Mutter arbeitete aktiv in der Kommunistischen Partei mit, war Parteisekretärin im Kolchos und hatte dort zudem eine leitende Position bei der Verwaltung der Saatbestände inne.

Slawnoje war ein kleines Dorf im Bezirk Witebsk, zirka 50 Kilometer nordwestlich von Mogilew. Frida Pedko beschrieb den Ort als »jüdisches Dorf,« in dem die meisten Einwohner Schuster, Schneider oder Bäcker waren oder anderen Gewerken nachgingen. In den umliegenden Dörfern wurden fast ausschließlich Kartoffeln angebaut, so dass Slawnoje ein Anlaufpunkt für den Erwerb anderer lebensnotwendiger Waren war. Zudem gab es drei Schulen, in die auch die Kinder aus der Umgebung gingen. »Wir hatten ein Kulturhaus im Ort, ein Kino. Es gab eine Synagoge, eine Mensa.« Slawnoje schien ein zentraler Ort gewesen zu sein.

Von all diesen Einrichtungen, diesem lebendigen Ort ist kaum etwas übrig geblieben nach dem Krieg: Der Vormarsch der deutschen Truppen bedeutete ein jähes Ende. »Es war furchtbar, und vielleicht soll man das auch gar nicht sagen. Aber das Schlimmste war, dass viele Menschen in Belorussland die Deutschen geradezu mit Blumen empfingen.« Gegenseitige Beruhigungen, dass sich die Deutschen doch im Ersten Weltkrieg korrekt gegenüber der jüdischen Bevölkerung verhalten hätten, standen neben schlimmsten Befürchtungen. Fridas Mutter organisierte die Evakuierung der örtlichen Bevölkerung in Richtung Osten und wollte zum Schluss selbst den letzten Zug in Richtung Tatarstan zur Flucht mit den Kindern nutzen.

Der Zug wurde jedoch durch einen Bombenangriff zerstört und die Mutter blieb mit den Kindern in Slawnoje zurück.

Wenige Tage nach dem Einmarsch der Deutschen wurde am 9. Juli 1941 im Ort ein Ghetto errichtet, d. h. die jüdische Bevölkerung wurde am Rand der Ortschaft zusammengetrieben, den Straßenzug sperrten die Besatzer mit einem Stacheldraht-zaun ab und stellten Wachen auf. Im Wohnhaus der Familie wurde eine Feldkom-mandantur eingerichtet, so dass Frida, ihre Schwester und die Mutter Unterschlupf bei anderen Menschen suchen mussten. Die jüdischen Einwohner wurden zu harter Arbeit in den Bahnanlagen gezwungen, sie mussten Schienen säubern, Güterwaggons be- und entladen; einige Frauen wurden zum Putzen der Kommandantur befohlen. Angehörige der »Einsatzgruppen« suchten nach Mitgliedern der Kommunistischen Partei, »und da haben sie auch unsere Mutter abgeführt. Sie war ja Parteisekretärin, deshalb haben sie sie mit als eine der Ersten erschossen.« Frida war zu diesem Zeitpunkt sieben Jahre alt, und als ich sie frage, ob sie damals begriffen hat, was um sie herum vorging, was mit ihrer Mutter geschah, meint sie:

»Ich habe das nicht richtig erfasst, zum Beispiel als sie uns zur Erschießung führten, da wurde mir gesagt: ›Jetzt gehen wir zur Mama‹, da habe ich gedacht, 46

gut, zu Mama. Ich wusste, dass sie erschossen worden war, ich wusste, dass das etwas Schreckliches ist, aber ich habe nicht begriffen, dass das für immer ist. Ich dachte, sie wacht wieder auf.«

Frida Iosifowna nannte wenige Daten in ihrer Erzählung, doch eines erinnerte sie sehr genau: den 16. März 1942. An diesem Tag wurde das Ghetto aufgelöst, alle jüdischen Einwohner des Ortes wurden ermordet. Alle Menschen aus dem Ghetto mussten sich morgens am zentralen Platz des Ortes einfinden und wurden in einer langen Reihe an den Ortsrand geführt. Frida fragte ihre Schwester, was passieren würde. Als sie zur Antwort bekam, dass sie erschossen werden würden,

»wurde mir ganz unheimlich. Ich habe gefragt: ›Wie, die werden auf mich schie-

ßen? Das tut doch weh, dann blutet man doch.‹« Es fällt mir schwer diese Worte wiederzugeben, aufzuschreiben. Die Gedanken eines Kindes bei dem Versuch sich vorzustellen, wie sich Tod anfühlt, sind verstörend. Das Grauen systematischen, unterschiedslosen Mordens, unvorstellbar nah, und doch kaum erfassbar. Ich als Zuhörerin kann nicht nachfühlen, was in einer solchen Situation in Kopf und Herz meiner Gesprächspartnerin vorging.

»Wir wollten uns erschießen lassen« – Flucht und Versteck Die Schwestern Frida und Jelena gehen Hand in Hand, inmitten ihrer Verwandten und Nachbarn. Die nichtjüdischen Einwohner Slawnojes stehen am Straßenrand, schauen zu. Einer der deutschen Soldaten beschließt, die Kinder zu retten, zieht die Schwestern aus der Menschenkolonne heraus und fordert einen der Umstehenden auf, sich um sie zu kümmern, sie in Sicherheit zu bringen: »Als der uns Kinder sah, meinte er wohl, dass wir bestimmt niemandem schaden würden. Wenn uns jemand taufen und dann verschwinden lassen würde, dann würde er uns laufen lassen«, erzählte Frau Pedko. Pjotr Stasewitsch, der Angesprochene, sorgte dafür, dass die Mädchen getauft wurden, und suchte nach einem Unterschlupf, nachdem sich in seinem Heimatdorf Pogrebischtsche niemand bereit erklärt hatte, sie aufzunehmen: »›Wieso sollten wir die Judenkinder aufnehmen‹, haben sie gesagt, ›dann kommen die Deutschen und erschießen uns.‹« Zur Sicherheit brachte er sie zu einem abseits gelegenen Vorwerk, wo Vera und Wanja Nestiporenko die Kinder aufnahmen. Aus Furcht vor Durchsuchungen ließen sie die zwei Mädchen jedoch nicht im Haus wohnen. So baute ihnen Stasewitsch eine Hütte aus Ästen und Zweigen im Wald. Es ist kalt: »Außer dem, was wir auf dem Leibe trugen, hatten wir nichts bei uns.« Und doch meinte Jelena, die Ältere: »Egal, wir bleiben hier, wir können nicht zurück, dort werden wir erschossen.« Die achtjährige Frida und die vier Jahre ältere Jelena waren Waisen geworden: mit den Einwohnern des Ghettos in Slawnoje waren alle dort wohnenden Verwandten erschossen worden.

»Als sie das erfahren hat, wollte meine Schwester sie wieder ausgraben. Sie hatte gesehen, dass sich die Erde an dem Ort, wo die Menschen vergraben worden waren, noch bewegte. Rundum standen jedoch Maschinengewehre, da ist sie umgekehrt. Von einem auf den anderen Tag hat sie graue Haare bekommen, als jun-47

ges Mädchen. Später hat das immer wieder für Erstaunen gesorgt, denn niemand hat sich das vorstellen können.«

Fast zweieinhalb Jahre harrten die Schwestern im Wald aus und schlugen sich mehr schlecht als recht durch: »Wir hatten kein Wasser, um uns zu waschen, kein Salz, fast nichts zu essen, keine Kleidung.« Waschen konnten sich Frida und Jelena kaum, sie waren vollkommen verdreckt und verlaust. Stasewitsch brachte ihnen ein paar Stofffetzen, mit denen sie sich zudecken konnten, bewegte Frau Nastiporenko dazu, ihnen eine Decke zu geben. Im Sommer ernährten sich Frida und Jelena von Pilzen, Kräutern und Beeren. Im Herbst und Winter gruben sie Kartoffeln aus angrenzenden Feldern aus, manchmal stellte ihnen die Bäuerin ge-kochte Kartoffeln oder Gerstenfladen hin. Wenn die Schweine der Familie gefüttert wurden, nahmen sich die Mädchen etwas von dem Futter. Frida Pedko erinnert sich, dass sie ständig Bauchschmerzen hatten und von Durchfall gequält wurden. Einmal hatte sie zudem aus Unwissenheit einen Fliegenpilz gegessen.

Vor allem aber tranken beide ständig Wasser aus dem nahen Bach, so dass Frida zwischenzeitlich schwer erkrankte und Stasewitsch ernsthaft besorgt war, ob sie überleben würde.

Um auch im Winter Nahrung oder überhaupt Essbares zu bekommen, verabredet Jelena mit einem in der Nähe wohnenden Bauern, nachts dessen Pferde zu be-wachen. Morgens würde sie ein paar Kartoffeln oder etwas anderes zum Essen erhalten, das sie dann mit Frida teilen konnte.

»Aber ich hatte solche Angst – in dieser Hütte, nachts, allein! Ich hatte so was noch nie gehört, nachts, wenn die Vögel Lärm machen, und in Weißrussland, im Wald, da sind die Nächte tiefschwarz, man sieht absolut nichts, und keiner ist da.

Da bin ich mit ihr mitgegangen. So haben wir nachts auf die Tiere aufgepasst und tagsüber versucht zu schlafen, vor uns hin gedämmert.«

Auf diese Weise harrten die Schwestern unter den lebensfeindlichen Bedingungen aus, doch es wurde immer schwieriger. »Wir waren ja selbst noch klein, aber ich glaube in dieser Zeit waren die Kinder einfach sehr viel erwachsener im Denken, vielleicht weil es alles so furchtbar war. Unsere Finger waren erfroren.

Aber geweint haben wir nicht.« Und doch schien die Lage so aussichtslos, dass

»wir im Sommer 1944 beschlossen, im Herbst zum Kommandanten zu gehen und zu sagen, sie sollen uns erschießen. Noch einen Winter hätten wir nicht überlebt. Wir waren vollkommen ausgezehrt, hatten nichts zu essen, und dann im Winter wieder in der Hütte! Es ist merkwürdig, wie gefasst wir darüber redeten, dass wir den Sommer noch irgendwie durchstehen würden, aber wenn das Land bis zum Winter nicht befreit sein sollte, wir uns ›stellen‹ würden. Wir denken oft daran heute, das war schon schlimm. Aber dann, was für ein Glück, auf einmal kam die Befreiung!«

Frida erinnert sich, dass Jelena eines Morgens eine Kartoffel für beide brachte, dass sie sich aber nicht imstande sah, diese zu essen. »Mir war so schlecht, nach all dem Durchfall. Was sollten wir nur tun?« Die Schwestern beschließen, sich an 48

Eine Bäuerin mit ihren drei Kindern vor ihrer Erdhütte in einem Partisanenlager das nächstgelegene Feld zu schleichen und dort ein paar Getreidekörner zu sammeln, in der Hoffnung, dass niemand sie dabei beobachtet.

»Aber als wir am Feldrand ankommen, hören wir auf einmal Musik, Leute machen Lärm, rufen durcheinander. Ob das nun Deutsche waren oder nicht, konnten wir nicht erkennen. Doch dann, man hörte Lachen, und Rufe: ›Da sind unsere! Sie kommen!‹ Da meinte meine Schwester: ›Warte hier, ich gehe hin und schaue nach, was da los ist.‹ Kurz darauf kommt sie zurück: ›Es ist vorbei! Komm mit!‹«

Die Sowjetarmee befreite das Gebiet um Witebsk im Juli 1944. Als die beiden nach einem langen Fußmarsch in Slawnoje ankommen, finden sie keinen Anlaufpunkt. Das Haus der Familie ist zerstört, es gibt nichts zu essen, niemand kümmert sich um die beiden. So kehren sie zurück zu ihrem Versteck, bitten Frau Nastiporenko, ihnen nun einen Unterschlupf zu gewähren. Es droht keine Gefahr mehr durch die Deutschen.

»Alle schauten mich schief an« – Nach der Befreiung

Jelena beschloss, weiterhin ihren nächtlichen Wachdienst auf der Weide zu ver-richten, so dass sie etwas zu essen für sich und ihre Schwester verdienen konnte.

Fridas dringlichster Wunsch war, sich zumindest nachts auf den Ofen der Nastiporenkos legen zu dürfen. Es war Juli, Sommer, und doch fror sie ständig, ausgezehrt vom Leben im Wald.

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Frau Nastiporenko wollte sie zunächst nicht ins Haus lassen. Sie fürchtete sich davor, dass Frida Ungeziefer hereinbringen würde:

»Eigentlich war ich ja schwarzhaarig, aber weil wir uns nicht richtig gewaschen haben – ich habe mich drei Jahre nicht richtig waschen können, Anika –, waren meine Haare nicht schwarz, sondern die waren weiß vor lauter Nissen. ›Ich habe Angst, dass du mir Läuse ins Haus bringst!‹, sagte sie, und da habe ich gesagt:

›Dann schneiden Sie die Haare ab! Schneiden Sie alles ab, wenn ich nur auf den Ofen darf!‹ Und sie hat meine Haare abgeschnitten, sie lagen auf den Eingangsstu-fen. Dann haben wir Wasser warm gemacht und uns draußen gewaschen. Es war ja Juli. Ich habe mich gewaschen. Mein Gott, wie leicht ich mich auf einmal gefühlt habe! Die langen Haare voller Läuse waren ja nun weg. Und erst ist ihre Familie in die Banja gegangen, und dann durften wir hinein. Wir haben also die Fetzen ausgezogen, die wir auf dem Leibe hatten. Die Kleider zerfielen förmlich in Stücke. Das haben wir alles weggeworfen, und dann hat sie uns Sachen von sich gegeben. Wir wuschen uns, zogen die neuen Sachen an. Gott, was war das für eine Freude! Und man musste keine Angst mehr haben, niemand würde uns mehr erschießen.«

Von nun an durften die beiden Schwestern in der Scheune der Familie schlafen, auf Stroh. Wenn Jelena nachts arbeitete, fürchtete sich Frida nicht mehr, allein zu sein: »Die Scheune war ja direkt neben dem Wohnhaus.« Frida selbst half der Familie bei der Feldarbeit.

Eine Tante der Kinder war während der Blockade aus Leningrad evakuiert worden und hatte in Tschistopol in der Tatarischen SSR überlebt. Kurze Zeit nach Kriegsende erfuhr sie durch Zufall, dass zwei jüdische Kinder aus Slawnoje in einem Versteck die deutsche Besatzung überlebt hatten. Sie machte sich sofort auf den Weg, reiste mit Militärzügen quer durch die Sowjetunion und fand Frida und Jelena. Das Wiedersehen war »fröhlich und traurig zugleich: Ihr Vater war ermordet worden, und alle ihre Schwestern und Brüder. Wir waren ja nur Nichten.« Sie wollte die Mädchen sofort zu sich nehmen, doch Jelena beschloss, ihren »Arbeits-vertrag« zu erfüllen. Bevor sie dies konnte, kehrten die Tante, ihre Familie und Frida im April 1945 aus Tatarstan nach Leningrad zurück. So kam Jelena direkt nach Leningrad. Es ging sehr beengt zu im Haushalt der Tante, denn sie hatte ja selbst Familie. Fridas Schwester wurde daher auf ein Internat geschickt, wo sie zur Schule gehen und auch wohnen konnte. Nur am Wochenende kam die gesamte Familie zusammen. Nach Abschluss des Studiums zog Jelena in den Bezirk Kur-gansk, wo sie noch heute lebt und bis vor wenigen Jahren als Lehrerin gearbeitet hat.

Die fast elfjährige Frida hingegen besuchte ab September 1944 die Schule in Tatarstan, holte dort schnell auf und sollte nach der Ankunft in Leningrad im Jahr 1945 weiterlernen. Der Schuldirektor wollte sie jedoch einen Jahrgang zurückstu-fen – die anderen Schülerinnen und Schüler hätten bereits angefangen, Deutsch zu lernen, sie hingegen nicht. Frida schämte sich jedoch, in ihrem Alter noch mal die zweite Klasse zu besuchen. Nach langem Hin und Her wurde sie doch noch in die 50

dritte Klasse aufgenommen. Es ist geradezu bitter, dass ihr dabei die Erfahrungen unter der deutschen Besatzung zugute kamen: »Ich konnte besser Deutsch als alle anderen. Ich habe zumindest alles verstanden, und so habe ich schnell aufgeholt, und die anderen sogar überholt. Und wenn sie mir nicht in Sport eine Vier gegeben hätten, hätte ich eine Auszeichnung bekommen müssen.« Die Formulierung weist auf Frau Pedkos Vermutung hin, dass sie eine solche nicht bekommen sollte.

Die Rückkehr in ein geordnetes Leben, in den Schulalltag, fiel Frida Iosifowna nicht leicht. »Alle schauten mich schief an. Zum einen war ich mehr oder weniger kahl geschoren. Alle anderen dagegen hatten lange Haare, und dann hatte ich auch noch so einen komischen Mantel, aus Ziegenleder, den man mir in Tatarstan gegeben hatte.« In den ersten Wochen hatte Frida ein weiteres Problem: Sie sprach kein Russisch und traute sich nicht, Weißrussisch zu sprechen während des Unterrichts. Noch heute ist spürbar, wie dankbar sie ihrer Lehrerin war, die ihr anbot, nach Ende des Unterrichts in der Erstsprache nachzuweisen, dass sie den Stoff sehr wohl verstand. Schnell lernte Frida jedoch auch Russisch. Ihre Tante hatte ja bereits vor dem Krieg in Leningrad gewohnt, und bei ihr zu Hause wurde Russisch gesprochen. Außer in Situationen, wenn vor den Kindern etwas verheimlicht werden sollte, dann unterhielten sich Tante und Onkel auf Jiddisch. Frida verstand auch diese Sprache, behielt das jedoch für sich. Nach kurzer Zeit also hatte Frida sich in der Schule integriert. Da sie auch wenig Taschengeld zur Verfügung hatte, las und lernte sie viel: »Was sollte ich denn sonst machen?«

Was übrig war: Vier Gläser

Nach der anfänglichen Skepsis ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler ihr gegenüber freundete sich Frida Iosifowna schnell mit einigen von ihnen an. Sie wunderten sich zwar durchaus darüber, dass Frida Waise war, Genaueres »wollten sie aber irgendwie nicht wissen«. Frida war die Einzige in der Klasse, die unmittelbar die deutsche Besatzung erlebt hatte, und so blieb ein gemeinsames Erinnern an diese Zeit auf sie und ihre Schwester beschränkt. »Ich werde das auch nie vergessen, denn weißt du, Anika, sobald ich tatsächlich länger nicht an meine Mutter denke, erscheint sie mir im Traum. Und außerdem, was ich erlebt habe, das kann man nicht vergessen. Ich bin auch selten ausgegangen, als ich jung war, mir war einfach nicht danach.«

Zwei Daten haben sich ihr eingebrannt. Der 16. März und der 26. Juli sind für Frau Pedko Trauertage: Am 16. 3. 1942 wurden all ihr Verwandten, Nachbarinnen und Nachbarn erschossen; und am 26. Juli 1944 realisierten sie und ihre Schwester zwar, dass die deutsche Besatzung beendet war, entdeckten aber auch, dass ihnen wirklich nichts aus ihrem früheren Leben geblieben war. Das Einzige, was Frida in den Trümmern des Wohnhauses der Familie fand, waren vier kleine Glä-

ser, die versteckt unter einem Haufen Müll in einer Ecke lagen. Frau Pedko bewahrt die Gläser noch heute auf: »Das ist alles, was übrig geblieben ist.« Der Verlust hingegen ist ständig präsent – ohne Eltern und andere Verwandte war sie darauf angewiesen, schnell für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen.

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Ihre Erzählung von den Schwierigkeiten, die sie auf dem Weg dahin hatte, verweist darauf, wie nachhaltig die deutsche Vernichtungspolitik ihr Leben beeinflusst und beeinträchtigt hat. Der gewaltsame Tod der Mutter in der Kindheit brachte sie um die Erfahrung von Geborgenheit und Sicherheit, von bedingungsloser Unterstützung in verschiedenen Lebenslagen: »Als ich studiert habe – meine Tante hat sich wunderbar um mich gekümmert, aber das ist immer noch etwas anderes, als eine Mutter zu haben.«

Neben der Trauer und der Erfahrung von Einsamkeit in vielen Situationen hat Frida Iosifowna aber auch mit massiven körperlichen Folgen des Lebens im Ghetto und im Versteck zu kämpfen. Kurze Zeit nach Kriegsende fielen ihr die Zähne aus, und sie erhielt mit 13 Jahren ein künstliches Gebiss:»Wahrscheinlich weil ich zwei Jahre nichts Richtiges zu essen, also zum Kauen, gehabt hatte.«

Während des Studiums, also Mitte der 1950er Jahre, stellte sich zudem heraus, dass sie sich einen Bruch der Bauchdecke zugezogen hatte. Zunächst war der be-handelnde Arzt fassungslos und stellte Frida Iosifowna zur Rede, wieso sie offenbar unvernünftigerweise so schwere Lasten getragen habe, die einen solchen Bruch verursachen. Nachdem sie ihm erzählt hatte, was sie durchlebt und dass sie, erschöpft wie sie war, unmittelbar nach Kriegsende bei der Kartoffelernte geholfen und schwere Körbe getragen hatte, »da entschuldigte sich der Arzt, ein älterer Mann, bei mir.« Während der Operation wurden außerdem Tumore im Darm entdeckt. Bis heute kämpft Frau Pedko mit Krankheiten, die auf die Terror- und Besatzungszeit zurückzuführen sind.

Die Lebensgeschichte von Frau Pedko gibt auch zahlreiche Hinweise auf Konflikte, die mit ihrer jüdischen Herkunft und darauf aufbauenden Diskriminierungen in Verbindung zu bringen sind. Verfolgen wir ihren Bericht über ihre berufliche Laufbahn, so hat der halb offizielle staatliche Antisemitismus in der Nachkriegs-sowjetunion ihr einige Chancen genommen, selbstständig über ihren Lebensweg zu entscheiden. Nach Beendigung der Schule 1952 wollte Frida Pedko ein Studium der Wasserwirtschaft aufnehmen. Während des Aufnahmeverfahrens »verschwanden« jedoch die Unterlagen, und die nachträgliche Aufnahmeprüfung wurde offensichtlich zu niedrig bewertet. Frau Pedko bringt dies in Verbindung mit der sogenannten Ärzteverschwörung, einer antisemitischen Kampagne des Kreml im Jahre 1952/53, die für ein sprunghaftes Ansteigen antijüdischer Stimmungen gesorgt hatte. So erinnert sie sich an Äußerungen von Nachbarn wie »ihr [d. h. Juden; A. W.] seid ja sehr nett, aber da sieht man mal, was für Ausgeburten euer Volk her-vorbringt.«

Aus der Not heraus studierte Frida Iosifowna Porzellanverarbeitung und schloss die Ausbildung 1957 ab. Während des Studiums musste sie sich ohne jegliche finanzielle Unterstützung über Wasser halten. »Zum Glück«, so meint sie, »gab es damals kostenloses Essen in der Mensa. Die Weintrauben kosteten fünf Kopeken, und Brot gab es umsonst in der Mensa. Da habe ich eben sehr viel Brot gegessen und mir ab und an etwas von dem billigen Gemüse gekauft.« Nach dem Studium 52

arbeitete Frida Pedko zunächst im Ispolkom als Sekretärin in Nowgorod. Sie heiratete einen früheren Schulkameraden und zog zurück nach Leningrad. Dort bemühte sie sich um einen neuen Arbeitsplatz, wurde jedoch immer wieder abge-wiesen. Nach möglichen Gründen befragt, sagte sie: »Aus zwei Gründen: zum einen habe ich die jüdische Nationalität, und zum anderen habe ich unter der deutschen Besatzung gelebt.« Menschen, auf die dies zutraf, unterlagen in der Sowjetunion einer Art Generalverdacht, mit den Deutschen kollaboriert und so das eigene Überleben gesichert zu haben.

Nur durch eine persönliche Beziehung gelang es ihr, eine Anstellung in einer Porzellanfabrik zu bekommen. Der Versuch, den Betrieb zu wechseln, scheiterte wiederum an ihrer Nationalität:

»Bei der Bewerbung wurde ich mit offenen Armen empfangen. Meine Zeugnisse waren sehr gut, und ich sollte gleich am nächsten Tag anfangen und alle Dokumente mitbringen. Die Personalbeauftragte fragte aber, ob ich nicht den Ausweis dabeihätte, und da habe ich meinen Pass vorgelegt. Die Frau guckte rein und sagte, ich solle in einer Woche wieder anrufen. Mein Mann wartete auf dem Flur, und als ich ihm erzählte, dass ich mich wieder melden soll, da meinte er, das brauche ich gar nicht, das sei ja klar, dass das nichts wird mit der Stelle.«

So arbeitete Frau Pedko ihr Leben lang in ein und demselben Betrieb. Dort war sie verantwortlich für die Ausarbeitung der Normen und die Planerfüllung. Auf die Frage, ob in dieser Fabrik ihre Nationalität keine Rolle gespielt hätte, antwortete sie, dass es doch Arbeiter gegeben habe, die ihr »Nichtstun« vorwarfen und sie beleidigten mit Aussagen wie: »Ja, ihr Juden, arbeitet doch mal selbst, stellt uns bloß die Normen auf und wisst gar nicht, was es heißt zu arbeiten.« Sie habe ihnen daraufhin angeboten, die Posten zu tauschen und sich selbst den Auseinan-dersetzungen mit Ministerien und Planungskommissionen auszusetzen.

»Immer wenn es ging, habe ich dem Komsomol Geld überwiesen, damit die jungen Leute was unternehmen können.« Auf meine Nachfrage hin offenbarte Frida Iosifowna, dass sie »alles durchlaufen habe: Ich war Pionier, im Komsomol, und auch in der Kommunistischen Partei.«

Sie sei von den Idealen überzeugt gewesen, und in die Partei sei sie aus einem Gefühl der Dankbarkeit eingetreten, »denn schließlich hat mich die Sowjetarmee vor der Erschießung gerettet.« An ihren Abschied aus dem Betrieb erinnerte sich Frida Pedko mit Wehmut, aber auch mit Stolz: »Die Mitarbeiter haben mir sehr viele Blumen geschenkt, und das sicher nicht ohne Grund.« Sie musste ihr Berufsleben jedoch unfreiwillig beenden. Ende der 1980er Jahre wurde bei ihr eine Krebserkrankung diagnostiziert. Die Krankheit traf sie in dem Moment, als sie dachte, sie könne »endlich anfangen zu leben«, denn erst nach vielen Jahren hatten sie und ihr Mann ein ausreichendes Gehalt bekommen. Als Frührentnerin er-hält sie keine volle Rente, und muss – nach den radikalen Umbrüchen im postso-wjetischen Sozialsystem – viele Behandlungen und Medikamente selbst bezahlen.

So sah sie sich Mitte der 1990er Jahre gezwungen, alle Wertgegenstände zu ver-53

kaufen, um eine dringend notwendige Operation finanzieren zu können. Dabei geht sie davon aus, dass sie zumindest halbtags arbeiten könnte, »aber ich habe kein Recht zu arbeiten.« Als Invalidin zweiter Stufe ist es ihr nach dem russischen Sozialgesetz nicht gestattet, einer Erwerbsarbeit nachzugehen.

»Im Ghetto war es doch gar nicht so schlimm« – Der Kampf um Entschädigung Andererseits hatte sie bis zum Zeitpunkt unseres ersten Gespräches keine Unterstützung als Überlebende des NS-Regimes erhalten und fiel auch aus den neueren deutschen Gesetzen zur Entschädigung heraus. Sie kann aus nachvollziehbaren Gründen weder über ihr Leben im Ghetto, noch über das Versteck Nachweise vorlegen. Eine seit 1998 von der Jewish Claims Conference  ausgezahlte monatliche Unterstützung ist durch das Bundesentschädigungsgesetz an die Bedingung ge-knüpft, dass die Überlebenden mindestens 18 Monate in einem Ghetto inhaftiert gewesen sein müssen.1 So lange hat das Ghetto in Slawnoje und auch viele andere im Westen Belorusslands nicht existiert.

Im Zusammenhang mit diesem Thema erzählte mir Frida Iosifowna sichtlich aufgebracht, wie entwürdigend sie einmal von einer Mitarbeiterin des Sozialamtes bei der Beantragung eines Entschädigungsantrages behandelt wurde. Als sie auf ihren Status als Invalidin und auf ihre Krankheit verwies, leugnete die Angestellte dies einfach mit der Begründung, man sähe ihr das Leiden ja nicht an, dann könne sie also auch nicht krank sein. Auf ihre Nachfrage bei einer Moskauer Stiftung, warum die Anträge von Ghetto-Häftlingen nachrangig behandelt werden sollten, wurde ihr mitgeteilt, dass es »im Ghetto doch nicht so schlimm gewesen sei, da hätten die Deutschen halt ein paar Straßen abgetrennt und sie wären in eine andere Straße gezogen.« Sie erklärte, dass diese Aussage sie mehr verletzt habe als alle bisherigen Erlebnisse in dieser Hinsicht.

Auf weit verbreitete Vorurteile und Ressentiments verweist auch ihr Bericht von einem Besuch beim örtlichen Sozialamt. Nach der Unterstellung, sie würde sich nur als Invalidin ausgeben, obwohl sie doch laufen könne, wurde die Mitarbeiterin deutlicher und lehnte die Annahme des Antrags ab, weil »sie ja eh nichts nachweisen könne.« Daraufhin hat sich Frau Pedko auf die lange Reise nach Belarus gemacht und glücklicherweise die Zeugenaussagen von zwei Dorfbewohne-rinnen bekommen. Für die notarielle Beglaubigung musste sie zirka ein Drittel ihrer monatlichen Rente von 1 000 Rubel (zum Zeitpunkt des Interviews etwa $ 37) zahlen.

»Alle haben gelitten« – Die sowjetische Kriegserfahrung

»Für mich spielt die Nationalität der Menschen keine Rolle«, sagt Frau Pedko.

Man könnte meinen, dass sie mit dieser Einstellung recht allein steht, zeigt doch 1

Jewish Claims Conference (2003), Central and East European Fund: Eligibility, http://www.claimscon.org/index.asp?url=ceef/eligibility [24. 07. 03].

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ihr eigenes Leben Strukturen der Verfolgungen und Diskriminierung, erst durch die deutsche Besatzungsherrschaft, später in der Sowjetunion, die auf der Identifizierung von Menschen mittels nationaler Kriterien beruhen. Auch die postsowje-tische Gesellschaft ist nicht frei von antisemitischen Ressentiments. Frau Pedko erzählt, wie sie mehrfach gegen antisemitische Bemerkungen im Alltag protestiert hat und deswegen von Umstehenden selbst beleidigt und verbal attackiert wurde.

So denken wir beide eine Weile nach über die Bedeutung von nationaler Herkunft.

Zu einem eindeutigen Schluss kommen wir beide aber nicht. Die Widersprüchlichkeit und Ambivalenz werden deutlich, wenn Frida Iosifowna von der Entscheidung erzählt, die sie wenige Jahre nach dem Kriegsende zu treffen hatte.

Fridas Mutter und ihre Tanten waren Atheistinnen gewesen, Freundinnen in Kindergarten und Schule Russinnen. Eine Beziehung zu jüdischen Traditionen oder Geboten hat die junge Frida kaum gehabt, Bedeutung hatten sie schon gar nicht.

Mit sechzehn musste sie einen neuen Pass beantragen, und sie erinnert sich daran sehr genau:

»Wir sind damals ins SAGS2 gegangen. Dort wurden damals die Pässe ausgestellt. Mein Onkel hat mich begleitet, und ich sagte ihm, dass ich gar keine Dokumente habe, die meine Existenz beweisen – als wir damals im Wald versteckt wurden, da hatten wir ja absolut nichts bei uns. Das heißt, ich hätte sonst was sagen können, welcher Nationalität ich bin – türkisch, armenisch, was auch immer.

Aber als wir da so langgehen, da meint er: ›Weißt du, deine Mutter ist ermordet worden, weil sie Jüdin war. Kannst du da so einfach deine Nationalität verleug-nen?‹ Darauf ich: ›Nein, natürlich nicht.‹ Die Frau an der Anmeldung fragte mich dann also, was sie eintragen sollte, und da hat mein Onkel gesagt: ›Tragen Sie ein, dass sie Jüdin ist.‹«

Auf meine Frage, ob sie das nicht gewollt hatte, meint sie etwas unentschieden:

»Ich war mir in dem Moment vielleicht nicht ganz im Klaren, was das bedeutete.

Ich habe dann aber lange Zeit drüber nachgedacht, dass, wenn ich etwas anderes gesagt hätte, ich mir vielleicht einiges hätte ersparen können.« Aus dem Wissen heraus, welche Hindernisse ihr in den Weg gelegt wurden, empfiehlt sie schließ-

lich ihrer Tochter, die Nationalität des Vaters anzunehmen. Sie hatte ihr jedoch er-zählt, was sie erlitten hatte, und zunächst hatte ihre Tochter versichert, dass sie in jedem Falle sich zur jüdischen Herkunft bekennen würde. Schlussendlich überzeugte Frida sie aber davon, sich als Russin zu registrieren: »Warum sollte sie sich unnötige Probleme schaffen?«

Inzwischen sei die Situation ja durchaus anders. Heute wäre nicht die Nationalität das Problem, wenn man keinen Job findet, sondern eben dass es nicht mehr genügend Arbeitsplätze gäbe. Ebenso problematisch sieht sie die Situation von Rentnerinnen und Rentnern. Aufgrund der miserabel niedrigen Renten geht es vielen so schlecht, dass sie in Mülltonnen nach Essbarem suchen. Das findet sie beschä-

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SAGS: russ. Abbreviatur/Zusammensetzung für Otdel Sapisi Aktow Graschdanskogo Sostojanija, d. h. Standesamt.

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mend. Der Staat müsse sich doch sorgen um seine Bürger. Nicht nur die Deutschen, die sich – wenn auch spät – nun ja doch mit, wenn auch geringen, Zahlungen zu ihrer Verantwortung für die vielen zerstörten Leben jüdischer Frauen und Männer bekennen. Und doch, sie würde es viel besser finden, wenn allen geholfen würde.

»Denn in Weißrussland, wer ist denn da gestorben? Alle. Eine andere Sache ist natürlich die, dass fast alle Juden umgekommen sind, aber auch von den Weißrussen ist jeder Vierte getötet worden. Und wenn man sich anschaut, wie die alten Frauen aus meiner Heimat, die damals alles mitbekommen haben und mit uns ge-trauert haben, heute leben – ihnen hilft gar niemand. Deswegen möchte ich, dass da keine Unterschiede gemacht werden. Es soll allen gutgehen. Ich bin Interna-tionalistin.«

Auch wenn es wichtig sei, daran zu erinnern, dass »die Juden nur deshalb ermordet wurden, weil sie Juden waren, und die Weißrussen, weil sie etwas gegen die Machthaber unternommen haben«, so steht für sie außer Frage, dass alle Überlebenden der deutschen Besatzung die gleichen Ansprüche auf Unterstützung haben: »Zum Beispiel unsere Nachbarin hier, sie ist sehr arm, ihr geht es schlecht, und allein ist sie. Warum hilft ihr niemand?« Das Gefühl der Gemeinsamkeit, des gemeinsam erlebten Leids, schlägt sich auch in der Betonung des 9. Mai als wich-tigstem Feiertag nieder. Mit dem Tag des Sieges verloren die deutschen Nationalsozialisten die Macht und Kontrolle über das Leben von Millionen Menschen in der Sowjetunion – endgültig. »Aber der 26. Juli 1944, der Tag der Befreiung, das war auch ein Tag des Sieges.« Frau Pedko erklärt dies nicht weiter. Doch zieht man ihr Leben vor diesem Tag in Betracht, wird offensichtlich, was sie damit meint: Den Sieg über den Tötungswillen der Besatzer. Sie und ihre Schwester haben überlebt.

Gegenwärtig befindet sich Frida Iosifowna in einer sehr schwierigen materiel-len Situation. Sie gibt einen Großteil des monatlichen Budgets für Medikamente und Arztbesuche aus. Dafür spart sie an anderer Stelle, bei der Ernährung und auch bei Kleidern: »Schon seit sieben Jahren habe ich mir nichts Neues mehr gekauft.« Die Gesundheit sei für sie jedoch das Wichtigste. Und in einem einfachen Satz drückte sie aus, was seit ihrer Kindheit der entscheidende Gedanke gewesen sein muss: »Ich will leben.«

Man kann sich den Schmerz beim jähen Abschied von der Mutter, das Überleben im Wald bei Hitze und Kälte, kurz vor dem Verhungern, die Empfindungen bei den bitteren Erfahrungen in der Sowjetunion kaum vorstellen. Die Überlegung der beiden Mädchen, sich dem deutschen Kommandanten zu stellen, verdeutlicht, wie schmal der Grat zwischen Leben und Tod, zwischen Überlebenwollen und Überlebenkönnen angesichts der deutschen Vernichtungspolitik war. Frida Pedko wird alltäglich an diese Situation erinnert: Die Folgen von Erfrierungen an den Händen verursachen Schmerzen. Seit mehreren Jahrzehnten trägt sie Zahnprothe-sen, und sie geht davon aus, dass auch der Darmtumor eine Spätfolge der Mangelernährung im Versteck ist. Die ressentimentgeladenen Angriffe gegen sie als 56

Jüdin in der (Ex-)Sowjetunion waren und sind nicht existenziell bedrohlich, forderten und fordern sie aber doch immer wieder heraus.

Ihre steten Bemühungen, anderen Zugang zu kulturellen Ereignissen zu verschaffen, könnten sich deuten lassen als das Bedürfnis, die »positiven« Seiten des Lebens weiterzugeben. Vielleicht verbirgt sich dahinter aber auch die Suche nach Anerkennung: Unmittelbar nachdem sie antisemitische Äußerungen ihr gegenüber im Betrieb und auf der Straße erwähnt hatte, erzählte sie davon, den jungen Mit-arbeitern Möglichkeiten für gemeinsame Unternehmungen außerhalb der Berufstätigkeit gegeben zu haben. Möglicherweise hat sie gerade darüber einen respekt-volleren Umgang erreicht, der sich zum Beispiel in dem herzlichen Abschied zeigte. Dankbar wird auch ihre gegenwärtige Arbeit für die Organisation ehemaliger Häftlinge von Ghettos und Konzentrationslagern aufgenommen.

Auf offizieller Ebene hingegen blieb jegliche Form der Anerkennung ihrer Leiden lange Zeit verwehrt. Die Flucht in letzter Minute hat ihr das Leben gerettet, verloren hat sie in diesem Moment Bezugspersonen, die sie hätten unterstützen können. Weder die deutsche Seite noch die sowjetische Regierung haben dies jahrzehntelang zum Anlass für Zuwendungen genommen: Für die einen war sie nicht lange genug der Bedrohung ausgesetzt und kann sie nicht nachweisen; für die anderen war sie zu jung, als dass man eine Gefährdung anerkennen wollte. In beiden Fällen wird geleugnet, dass sie als jüdisches Mädchen einer besonderen Gefahr ausgesetzt war, aufgrund der deutschen Bestrebungen zur Vernichtung aller Juden.

»Nun sagen Sie doch, Sie sind doch Deutsche, wie konnte das alles geschehen?«

Lidija Gerschowna Dosowitzkaja

Können die Verbrechen, die während des Nationalsozialismus und während der deutschen Besatzung der UdSSR begangen wurden, »wiedergutgemacht« werden?

»Entschädigt«? Was würde das heißen? Wie wäre das möglich? Würde es den Schmerz tatsächlich lindern? Fragen, die mich nach der Begegnung mit Lidija Gerschowna Dosowitzkaja bewegten. Nicht zum ersten Mal, aber sie bezogen sich ganz direkt auf eine Frau, die sich empört gezeigt hatte gerade über das Ausblei-ben solcher Bemühungen.

Schon beim ersten Telefongespräch wurde deutlich, dass Frau Dosowitzkaja mich als Vertreterin jenes Kollektivs identifizieren würde, das die Verantwortung für die Verbrechen und ganz konkret ihre Situation trägt. Wenn ich Deutsche sei, dann hätte sie mir »aber mal was zu erzählen«. Alles, was die Deutschen getan haben, sollte ich erfahren, und sie würde sehr ernst mit mir reden. Ich fasste das nicht als Drohung auf, wurde aber doch unsicher, was das für das Gespräch mit ihr bedeuten würde: Würden wir ein Gespräch führen können, in dem sie mir ihre Erfahrungen schildert? Oder würde sie mich stellvertretend für »die Deutschen«

anklagen für die brutalen Verbrechen, die gegen sie und ihre Familie begangen wurden?

Die Begegnung fand am 7. Mai 2001 statt, also unmittelbar vor dem »Tag des Sieges«, der in der Russischen Föderation alljährlich am 9. Mai begangen wird.

Die Straßen waren bereits dementsprechend geschmückt. Im Bewusstsein war die Befreiung präsent, damit aber auch der Krieg selbst und in St. Petersburg besonders die 900 Tage währende Blockade durch deutsche Truppen. Die dekorierten Fassaden drückten vor allem die Freude über den Sieg aus. Die Erzählung von Lidija Dosowitzkaja relativiert diese Freude, das Ende des Krieges bedeutete nicht das Ende von Schrecken, Trauer und Verlust.

Frau Dosowitzkaja war sehr aufgeregt, als ich sie besuchte. Sie fürchtete offensichtlich, ich käme mit einem »Riesenapparat«. Zwei Jahre zuvor waren Vertreter der US-amerikanischen Shoah-Foundation bei ihr gewesen und hatten ein Video-Interview durchgeführt. Damals habe sie gar nicht recht gewusst, was diese Menschen von ihr wollten, fürchtete, sie würden sie überfallen wollen. Erst nach einem Jahr klärte sich der Grund der Besucher auf, als ihr die Videokassette geschickt wurde.

Zu Beginn konnte ich sie nur durch viele Fragen ermutigen, zu erzählen. Die kurzen Sequenzen, in denen sie unterschiedlichste Zeiten anschnitt, wurden aber im Laufe des Gesprächs länger. Der Eindruck, sie habe sich etwas beruhigen können, wurde immer wieder gebrochen durch empörte Fragen nach den Gründen, die 59

die Deutschen zu der Brutalität und dann auch noch dazu veranlasst hatten, sich der Leistung von Reparationen oder Entschädigungen zu entziehen.

Bei einem zweiten Besuch im September 2002 traf ich eine sehr müde wir-kende Lidija Dosowitzkaja an, die sich fragte, was ich denn noch von ihr wolle.

Nachdem ich ihr das Manuskript des letzten Interviews gegeben hatte, zeigte sie sich doch bereit, mir weitere Fragen zu beantworten – wenn ich mir schon so viel Mühe geben würde, könne sie mich ja nicht wegschicken. Den Text wollte sie jedoch lieber allein lesen, »weil sie sicher weinen müsse.«

»Wir könnten jetzt glücklich in dieser Stadt wohnen« – Behütete Kindheit Lidija Dosowitzkaja wurde 1926 in Djatlowo (poln. Zdie

˛ ciól˜) geboren. Gemein-

sam mit einem Bruder und einer Schwester wuchs sie in einer gut situierten Familie auf: »Wir waren eine sehr gute Familie. Vater war ein sehr gelehrter Mensch, er schrieb Thoras. Wir hatten ein eigenes Lebensmittelgeschäft, das meine Mutter geführt hat, und eine Kinderfrau.« Die Mutter war dabei sehr großzügig, denn

»wenn die Leute kein Geld hatten, dann bekamen sie trotzdem etwas. Meine Mutter schrieb das dann in ein Buch, und wenn der Lohn ausgezahlt wurde, dann brachten die Leute das Geld und es wurde verrechnet.«

Die Stadt lag auf polnischem Gebiet und war ein Zentrum jüdischen Lebens in Ostpolen, in deren Gemeinde auch Lidijas Vater aktives Mitglied war. Nach der Annektierung des Gebietes durch die Sowjetunion im September 1939 änderten sich die Bedingungen für das religiöse Leben nachhaltig:

»Gläubige gab es bei uns nicht mehr, vor allem nachdem die Sowjetmacht errichtet war. In Polen, da haben Mutter und Vater an den Feiertagen die Synagoge besucht. Aber dann, unter der sowjetischen Regierung, da sind sie nicht mehr hin-gegangen. Und aus der Synagoge wurde ein Getreidelager.«

Eingriffe der Staatsmacht betrafen vor allem das Bürgertum, dem Ladenbesitzer ebenso zugerechnet wurden. Gegen ihre Familie wurden keine konkreten Maß-

nahmen eingeleitet, doch Frau Dosowitzkaja erinnert sich an eine Atmosphäre der Unsicherheit:

»Ja, aber wir wurden in Ruhe gelassen. Wir lebten immer noch ziemlich gut.

Ich, verstehen Sie, ich kann Ihnen nicht genau sagen, wie das alles war, ich war ja noch ein Mädchen und habe das alles nicht verstanden. Mein Leben war in Ordnung. … Später, zum Teil habe ich das schon vergessen, wann das war, als Stalin die reichen Leute wegbringen ließ. Was haben die denn gemacht? Wir haben doch gar nichts getan! Aber wir dachten, dass alle deportiert würden, und dass wir plötzlich selbst dran wären … Ich weiß nicht, ich weiß das schon nicht mehr genau, wie viele Jahre sind seitdem vergangen. Manchmal denke ich: Mein Gott, warum ist das alles so? Wir könnten jetzt glücklich in dieser Stadt wohnen, alles wäre gut …«

Dieser Wunsch rührt offensichtlich daher, dass sie sich in Djatlowo wohlfühlte und die Familie einen recht hohen Lebensstandard pflegen konnte.

60

Lidija Dosowitzkaja besuchte die Mittelschule und schloss sie 1941 ab. In diesem Moment war das geregelte Leben zu Ende, diffuse Ängste mischten sich in Gedanken und Gespräche. Es wurden Gerüchte über die antijüdische Politik in Deutschland bekannt, wohl vor allem, nachdem jüdische Flüchtlinge aus dem deutsch besetzten Polen in der Stadt eintrafen: »Auf einmal sprachen Mutter und Vater davon, dass es da Pogrome gäbe, vor allem gegen reiche Juden, die eigene Geschäfte hatten.« Als deutsche Truppen am 30. Juni 1941 Djatlowo erreichten, begann eine Zeit schwerster Verluste für Lidija Dosowitzkaja, auf die sie immer wieder unter Tränen zu sprechen kommt.

»Dafür gibt es gar keine Worte« – Ghetto

»Im September 1941 wurde in der Stadt Djatlowo ein Ghetto eingerichtet, in dem 4 500 Juden festgehalten wurden. Das Ghetto diente der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Das Ghetto wurde verstärkt bewacht. Der Kontakt zur einheimischen Bevölkerung war verboten, ebenso die Übergabe von Lebensmitteln. Der Versuch, Lebensmittel zu organisieren, wurde mit Erschießung bestraft. Im Dezember 1941

und im Juli 1942 verübten die deutschen faschistischen Besatzer ein Pogrom an der jüdischen Bevölkerung. Während des Pogroms wurden 3 500 Menschen erschossen. Die Familiennamen sind nicht bekannt.«

Lidija Dosowitzkaja hatte mehrere Male Anlauf genommen, um mir zu sagen, was in Djatlowo nach dem Einmarsch der Deutschen passierte. Die Bruchstücke befriedigten sie selbst nicht, und so las sie mir aus einer Bescheinigung des Ge-bietsarchivs vor. Diese Worte stellen in sehr knapper und auf eine aus zahlreichen Büchern bekannte Weise dar, unter welcher Bedrohung Lidija Dosowitzkaja gelebt hat, als sie gemeinsam mit der Familie im Ghetto interniert wurde. Sie beschreiben aber nicht, was das konkret für die Einzelnen bedeutete. Im Laufe des Gesprächs schilderte Frau Dosowitzkaja häufig blitzlichtartig einzelne Situationen, die ihr in Erinnerung geblieben sind.

Als die ersten Deutschen einrückten, war Lidija 15 Jahre alt, hatte gerade die Schule beendet. Zwei Offiziere quartierten sich etwa einen Monat lang bei der Familie ein. Lidijas Mutter sollte ihnen aus Lebensmitteln, die sie mitbrachten, Mahlzeiten zubereiten. Frau Dosowitzkaja erinnert sich an den Eindruck, den diese beiden Männer bei der Familie hinterließen:

»Einer von ihnen sagte – das Deutsche und das Jiddische sind sich ja sehr ähnlich –, also der sagte: ›Gehen Sie von hier weg! Wenn die SS kommt, dann werden die euch umbringen. Ihr tut mir sehr leid.‹ Das haben die gesagt, und meine Mutter und alle anderen dachten, dass die Deutschen doch gute Menschen sind.«

Etwa zwei Monate nach dem Einmarsch wurde klar, dass die jüdische Bevölkerung tatsächlich besonders bedroht war. Ein Ghetto wurde errichtet, wodurch vor allem der zur Verfügung stehende Wohnraum massiv verkleinert wurde. Das Haus von Lidija Dosowitzkajas Familie hatte acht Zimmer und stand innerhalb des als Ghetto gekennzeichneten Bezirks. So wurde es zur Wohnstätte für die Großfamilie: 61

»Alle unsere Verwandten waren da, Vater hatte vier Brüder, Mutter einen. Alle waren in unserem Haus, und zusätzlich waren da noch andere Leute. Und wissen Sie, es war schrecklich kalt, und hungrig waren wir. Dafür gibt es gar keine Worte.

Ich hatte vorher unter so ganz anderen Bedingungen gelebt, dass ich vollkommen geschockt war. Für mich war das, ich fand mich in einer vollkommen anderen Welt wieder, dass ich nicht verstanden habe, was mit mir passiert.«

Die entwürdigenden Lebensbedingungen in den Quartieren waren Ergebnis der Besatzungsstrategie, die auf Aushungerung und Ausnutzung der jüdischen Bevölkerung setzte. Die Einwohner des Ghettos wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet.

Lidija arbeitete in der Küche der Wehrmacht, musste putzen, Kartoffeln schälen, Geschirr spülen. Selbst die Nähe zu den so dringend nötigen Lebensmitteln konnte kaum etwas an der prekären Situation ändern, denn »man durfte nichts zu essen mitnehmen, und gegeben haben sie uns auch nichts.« Einer der Arbeiter regis-trierte Lidijas schlechte Verfassung und versuchte ihr zu helfen:

»Ich werde das nie vergessen. Da wo ich arbeiten musste, da war ein Mann, etwa dreißig Jahre alt, ein Pole glaube ich, denn er sprach polnisch. Er hat selbst gesehen, wie ich leide, ich war ja noch ein sehr junges Mädchen. Und da hat er mir heimlich was zu essen gegeben. Einmal habe ich gesagt: ›Hören Sie, geben Sie mir doch was mit, für die anderen!‹ Da hat er gesagt: ›Nein, die durchsuchen dich doch, und dann erschießen sie dich, wenn sie etwas finden.‹ So hat er mich weiter heimlich gefüttert.«

Hart getroffen wurden die jüdischen Menschen auch durch die Konfiszierung von Eigentum. Die sogenannte Arisierung, von der vor allem die deutsche Bevölkerung profitierte, war von brutalem Terror begleitet:

»Sie haben hier ja alles weggeschleppt. Das weiß ich noch wie gestern. Die Deutschen sagten, dass Winter sei und wir alle Wintersachen, Pelze usw. abgeben sollten. Wenn man Pelzkragen hatte, dann musste man den abschneiden und abgeben. Und wir haben immer alles hingebracht. Ich hatte auch einen kleinen Pelz, und Mutter brachte ihren Pelzmantel weg … Eine Familie, die sollten alles Gold, was sie hatten, abgeben, und das haben sie auch getan. Aber um alle abzuschrecken, haben sie sie erschossen: ›Du hast zu wenig gebracht!‹ Die ganze Familie, vor den Augen aller! Verstehen Sie? Die Leute waren so erschrocken und gaben alles ab, was sie hatten, bis zur letzten Kopeke.«

»Die hatten doch auch Familie?!« – Unfassbarer Terror

Lidija Dosowitzkaja ist noch heute entsetzt über die Misshandlungen und Demü-

tigungen, die sie im Ghetto mit ansehen musste. Sie fragt sich und mich immer wieder, wie es möglich ist, dass Menschen so bestialisch mit Frauen, Männern, Kindern umgehen. Sie hält immer wieder inne, doch dann fließt ein Strom von Erinnerungen an schreckliche Szenen, die das Bild der »guten Deutschen« aus den ersten Kriegswochen gründlich revidiert haben. Diese Erlebnisse sind es, die ihr anhaltendes Misstrauen und die Verbitterung über die Ignoranz der deutschen 62

Seite gegenüber den Traumatisierungen und Verlusten der Opfer erklären: »Ich habe das schon erzählt, dass der eine das Kind genommen hat und gegen die Wand schlug, und die Mutter in den Bauch schoss. Kann man danach …? Sagen Sie!«

Sie bricht den Satz ab, ehe sie weiterspricht, vielleicht, weil er mehrere Abschlüsse haben könnte: Wie kann der eine Deutsche, der es getan hat, weiterleben? Wie kann sich der Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches der Verantwortung für die Opfer entziehen, die von diesen Bildern ein Leben lang verfolgt werden, die sie dann schildert?

»Ja, das verstehe ich nicht, diese SS-owzy, wie konnten sie jemandem die Zunge abschneiden?! Das war einmal, da holten sie uns alle heraus, also als die Deutschen bei uns waren, als wir schon im Ghetto festsaßen, da trieben sie uns auf den Platz. Ein Mann war erwischt worden, als er in eine andere Stadt gefahren war, um Kartoffeln zu besorgen. Er ist aber verraten worden. Ein Mann im Ghetto hat polnische Dokumente für Juden ausgestellt und … es gab da irgend so eine Organisation – davon habe ich später erfahren, von der Untergrundorganisation, in der Partisaneneinheit. Aber damals wusste ich davon nichts, das war alles geheim.

Den einen haben sie dann in Vilnius erwischt. Also, wenn Sie das gesehen hätten, wie sie ihn förmlich in Stücke geschnitten haben, damit er verrät, wer und was. Er hat nichts gestanden. Das rechte Ohr haben sie ihm abgeschnitten, dann einen Fuß, Finger. Er hat geschrieen, gebrüllt, wenn Sie das nur gesehen hätten, so viel Blut

… und alle wurden dahin getrieben und mussten sich das anschauen. Wer nicht wollte, den haben sie gleich an Ort und Stelle erschossen. Wenn Sie das als junge Frau gesehen haben, ein junges Mädchen noch, wenn Sie das gesehen hätten, was die angerichtet haben, wenn Sie sich überlegen, was ich mit ansehen musste.

Grausam ist das! Und wissen Sie, dann, dann haben sie ihm die Zunge abgeschnitten, und dann haben sie ihn, er atmete schon kaum noch, dann haben sie ihn einfach da liegen lassen, oder irgendwer hat ihn weggebracht. Ich weiß das nicht

… Wissen Sie, das, also, das, was ich gesehen habe, das kann man gar nicht beschreiben, nicht erzählen kann man das. Ich, ja, was ich sagen wollte, alle die Offiziere, die SS-owzy, die hatten doch auch Familie, Kinder. Wie konnten die nur so vorgehen? Einfach ein Kind aus dem Kinderwagen herausnehmen, am Bein halten, schlagen, bis das Kind tot war … Oder eine Mutter, oder Kinder? Wissen Sie, die haben Frauen vergewaltigt. In unserer Stadt lebte ein Mann, ich habe seinen Namen vergessen, der hatte ein Restaurant, als die Stadt noch polnisch war.

Eine seiner Töchter war sehr schön, und sie wurde gefangen, als sie sich versteckt hatte, … und dann haben sie sie vergewaltigt, alle der Reihe nach, und dann haben sie sie einfach auf den Platz geworfen … wissen Sie, das ist nicht in Worte zu fassen. … Bis zum heutigen Tage kann ich nicht verstehen, wie die Deutschen sich so aufführen konnten …«

Eine spätere Frage, ob sie auch einmal versucht habe, mithilfe von gefälschten Papieren zu fliehen, verneint sie. Überraschend erfahre ich in diesem Moment aber, dass ihre Eltern erschossen worden waren, sie mit ihrer Schwester allein 63

lebte: »Wie sollten wir das machen, wir waren ja allein.« Über den Tod der Eltern erfahre ich nicht mehr. Vielleicht gibt Frau Dosowitzkaja aber zumindest Hinweise, wenn sie erzählt, wie von ihr nicht identifizierte Menschen auf dem Gelände des jüdischen Friedhofs der Stadt erschossen wurden, wobei »sie«, die Opfer, anonym bleiben:

»Als sie dort ankamen, da waren schon Gräben vorbereitet, und wissen Sie, vier Tage lange konnte man die Schreie der Verletzten hören. Vier Tage haben sie geschrieen, das haben die Nachbarn erzählt. Und dann kam das Blut nach oben, wie ein Meer war das. Vier Tage lang. Und dann waren sie tot. Sie waren lebendig begraben worden, verstehen Sie.«

Lidija Dosowitzkaja erinnert sich an die erste Massentötung, und erwähnt dann das zweite Pogrom, das im Sommer 1942 verübt wurde. Dieses ist »schon das endgültige, da sollten alle umgebracht werden«. Im August 1942, nicht einmal ein Jahr, nach dem es eingerichtet worden war, sollte das Ghetto vollständig geräumt werden

»Es war mir irgendwie eingebrannt, dass ich leben sollte« –

Flucht aus dem Ghetto

Als die ersten Schüsse fielen, versuchten zahlreiche Juden zu fliehen. Unter ihnen waren Lidija und ihre Schwester. Frau Dosowitzkaja beschreibt diesen Moment als einen, in dem keine Zeit zum Nachdenken oder Abwägen verblieb, in dem das

»Danach« vollkommen unklar war:

»Verstehen Sie, wie ich geflohen bin. Ich wusste nicht einmal, was passiert. Es war mir irgendwie eingebrannt, dass ich leben sollte, das hatte ich begriffen. …

Meine Schwester ist mit mir zusammen fortgerannt. … Sie wurde wohl verletzt, ich weiß es nicht genau, wir rannten alle weg … Ich wollte zu ihr hin, aber sie hat geschrieen: ›Lauf! Lauf! Ich komme nach!‹ Aber sie kam nicht. Später erzählte man, dass sie mit in die Synagoge gebracht wurde. Da wurden alle hineingetrieben, alle, und dann wurden sie alle umgebracht. Und im Wald war eine große Grube ausgehoben worden, dort sind sie dann ermordet worden. Was für ein schrecklicher Tod!

Sie hatten noch nichts vom Leben gehabt, und dann so ein schrecklicher Tod!«

Eine Gruppe von Menschen konnte den Verfolgern entrinnen und floh in den Wald, ohne zu wissen, wohin. Einige versteckten sich bei Bekannten in umliegenden Dörfern oder wurden von Fremden aufgenommen, bis zu zwei Jahre lang überlebten sie in diesen Verstecken. Später wird mir Frau Dosowitzkaja ein Foto zeigen, auf dem etwa zwanzig überlebende jüdischer Einwohner Djatlowos zu sehen sind. Sie hatten sich mehrere Jahre nach Kriegsende am Ort der Massenerschießung versammelt. Zwanzig. Von viertausendfünfhundert.

Lidija Dosowitzkaja begegnete während der dramatischen Flucht einer jungen Frau, mit der sie für einige Zeit zusammenbleibt. Sie erinnert sich:

»Ich hatte einen Mantel, und Mutter hatte uns für alle Fälle, wenn wir einmal fliehen müssten, etwas eingenäht in den Mantel, einen Ring oder eine Uhr. Und 64

als wir rannten, da blutete ich und als wir an mir so herumtasteten, da meinte sie:

›Was hast du denn für Steine hier?‹ Und ehe wir den Wald erreichten, haben wir die in Brot getauscht.«

Diese Frau war unmittelbar nach dem Ende des Krieges ausgewandert und lebt heute in den USA. In einem Brief, mit dem sie Lidija zu einem Besuch einlud, bedankte sie sich bei Lidija Dosowitzkaja, dass sie sie gerettet habe.

Durch die Pogrome und bei der Auflösung des Ghettos waren Lidija alle Familienangehörigen entrissen worden: Mutter, Vater, Bruder und Schwester. Sie war Waise geworden und litt sehr darunter. Mit einigen Kindern, aber auch Erwachsenen, die sie kaum kannte, erreichte sie die dichten Wälder der Beloweschskaja puschtscha südwestlich von Djatlowo. »Dort haben wir lange gesessen. Wie lange weiß ich nicht, eine Woche vielleicht.« Partisanen fanden die Flüchtlinge und nahmen sie in ihre Einheit mit. »Zuerst wollten sie nicht, ich war ja noch sehr jung, aber dann hatten sie Mitleid. Es gab da auch eine Familiengruppe, der sie geholfen haben und die sie mit Nahrung versorgten.«

»Vor dem Tod hatte ich keine Angst« – Bei den Partisanen Die fünfzehnjährige Lidija Dosowitzkaja wurde zunächst in die Familiengruppe aufgenommen, die Tuvia Bielski und seine Brüder gegründet hatten, nachdem sie aus dem Ghetto von Nowogrudok geflohen waren. Die Gruppe war Teil der Brigade »Kalinin«. In dieser Otrjad1 lebten auch viele Frauen, Kinder und ältere Menschen. »Gekämpft haben nur die Männer«, sagt Frau Dosowitzkaja, aber den Wunsch danach hat auch sie gehabt: »Im letzten Jahr, da habe ich kaum noch gegessen, nichts getrunken, da wollte ich unbedingt in die Kampfgruppe, meine Eltern rächen. Das wollte ich.« Beim ersten Angriff auf eine deutsche Garnison, an dem sie beteiligt ist, schießen die Deutschen zurück, »da habe ich mich sehr erschreckt und bin nicht mehr mitgegangen.« Auch bei anderen Aufgaben, die sie in der Otrjad übernahm, beschäftigte sie nahezu permanent der Gedanke an die getö-

teten Eltern und dass sie nun allein war:

»Man musste die Leute dort ja auch versorgen, Geschirr musste gespült werden. Küchenarbeit halt, und waschen und saubermachen. Das habe ich alles gemacht. Aber verstehen Sie, genau weiß ich das nicht mehr, ich habe immer nur an meine Eltern gedacht.«

Durch Zufall traf sie einen Onkel, der in einer der kämpfenden Teile der Brigade war. Er holte sie aus der Familiengruppe heraus und kümmerte sich persönlich um die junge Frau und wollte sie so insbesondere davor schützen, bei einem der permanenten Angriffe getroffen zu werden. Einem Dokument, das Lidija Dosowitzkaja als Veteranin des Partisanenkampfes ausweist, entnehme ich, dass sie Mitglied der Otrjad »Borba« (Kampf) und »Wperjod« (Vorwärts!), die ebenso zur

»Kalinin«-Brigade gehörten, war.

1

Otrajad: russ. Trupp, Gruppe.

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Die Attacken von Besatzern und Kollaborateuren zwangen die Gruppe zu Fluchten und Verstecken unter schwierigsten Bedingungen:

»Einmal hatte den Deutschen jemand verraten, wo wir sind. Es gab ja unter den Weißrussen und Polen auch Denunzianten. Wir wurden angegriffen, und, ich weiß nicht wie lange, einen Monat vielleicht, saßen wir in der Kälte fest, bei vierzig Grad minus. Hungrig waren wir, hatten nichts zu essen und nichts zu trinken. …

Feuer konnte man auch nicht machen, das hätten die ja gesehen. … Ich weiß gar nicht, wie wir das überlebt haben.«

Dieser Unglaube richtet sich bei Lidija Dosowitzkaja nicht nur auf die knappe Rettung vor den Deutschen, sondern auf die Lebensbedingungen im Allgemeinen, die im Wald herrschten:

»Das können Sie sich nicht vorstellen, wie wir da gelebt haben. Ich erinnere mich noch, ich hatte sehr lange Haare, so einen dicken langen Zopf. Aber dann kamen die Läuse. Stellen Sie sich vor, kein Bad, nichts, da habe ich meine Haare abgeschnitten. Einfach so. Nicht nur ich, das haben alle gemacht. Eigentlich lebten wir wie Aussätzige, schlimmer noch. Waschen konnte man sich fast nie.

Es gab kein heißes Wasser, höchstens auf dem Feuer konnte man das wärmen, weiter nichts. Wenn ich daran denke, weiß ich nicht, wie ich das überstanden habe.«

Nahrungsmittel zu besorgen war ein großes Problem. Teilweise konnte sich die Otrjad aus Vorräten deutscher Stellungen versorgen, welche die Partisanen über-fielen. Schlimmer als der Hunger und das harte Leben erscheint ihr aber noch Eine Partisanenabteilung erhält Verstärkung

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heute die Bedrohung, die von den Besatzern ausging. Deren Grausamkeit hatte sie bereits im Ghetto miterleben müssen und war sich sicher, dass sie nie lebend in deren Hände fallen durfte:

»Vor dem Tod hatte ich keine Angst, das Wichtigste war, dass sie mich nicht foltern. Verstehen Sie? … Wenn sie dich umbringen, gut, dann sollen sie dich umbringen, aber das war nicht das, was die Deutschen gemacht haben, wissen Sie.«

Wichtig für das Über- und das Weiterleben nach den schweren Verlusten, die jede und jeder Einzelne erlebt hatte, war nach dem Bericht von Lidjia Dosowitzkaja der persönliche Zusammenhalt in der Otrjad:

»Bei uns waren Grusinier, Armenier, oder entflohene Soldaten. Wir gingen sehr freundschaftlich miteinander um. Und wenn die Deutschen uns angegriffen hatten und jemand umgekommen war, egal welcher Nationalität er war, egal ob Russe oder Grusinier oder Pole, das hat uns alle berührt. Wir haben alle ge-trauert.«

Zwei Jahre lang, bis zum Sommer 1944, lebte Lidija Dosowitzkaja zusammen mit Menschen, die wie sie den Verlust von Angehörigen und meist auch vom gewohnten Lebensumfeld erlitten hatten. Für sie war die Befreiung zwar die Befreiung vom Leben im Wald und von den drohenden Überfällen, aber nicht von einem Leben, das geprägt war von diesen Verlusten.

»Vier Wände, nichts weiter« – Weiterleben

Die Rückkehr in die zerstörte Stadt konfrontierte Lidija Dosowitzkaja mit der Gewissheit, alles verloren zu haben, was ihr Leben vor dem Krieg einmal ausge-macht hatte: »Zu Hause war es schlimm. Ich hatte gar nichts, absolut nichts, keine Eltern mehr, niemand war da … vier Wände, nichts weiter, alles war ausgeplündert, da war nichts mehr. Ich habe vollkommen bei null angefangen.« Wie sich herausstellte, hatten sich Nachbarn die Möbel angeeignet und waren nicht bereit, sie zurückzugeben.

Zur Enttäuschung über diese Habgier kamen die Schwierigkeiten angesichts der absoluten Zerstörung, die die Deutschen nach vier Jahren der Besatzung hinterlassen hatten. Hilfsleistungen, sofern es sie gab, waren an die Vorlage von Identitätsnachweisen geknüpft, die erst einmal mühsam besorgt werden mussten: »Wir hatten ja überhaupt nichts mehr, als wir geflohen sind. Da hatten wir ja keine Papiere mitgenommen. Ich hatte nicht einmal mehr eine Geburtsurkunde.« Kleidung erhielt Lidija, so wie viele andere auch, aus Hilfssendungen der USA.

Lidija Dosowitzkaja war also gezwungen, sich sehr schnell selbstständig um ihren Lebensunterhalt zu kümmern. Sie hatte vor dem Krieg die siebte Klasse abgeschlossen und begann nun eine Ausbildung zur Buchhalterin. Nach der dreijährigen Lehre arbeitete sie als Kassiererin in der Sparkasse. Dort lernte sie einen Oberstleutnant der Sowjetarmee kennen, dessen Familie im Krieg ums Leben gekommen war. Nach vielem Nachdenken entschied sie sich, ihn zu heiraten. »Da habe ich mehr oder weniger angefangen zu leben«, sagt sie dazu. Lange Zeit 67

fürchtete Lidija Dosowitzkaja sich davor, ein Kind zu bekommen. Den Grund für ihre Furcht sieht sie in den Erlebnissen während des Krieges und der Angst davor, allein mit dem Kind zurückzubleiben. Ihr Mann war in der Sowjetischen Besat-zungszone stationiert, die politische Situation war noch nicht stabil. Erst nachdem ihr Mann zurückgekehrt war und ein Studium an der Militärakademie in Leningrad aufnahm, entschied sie sich für eine Mutterschaft, und 1967 wurde ihre Tochter geboren. Nach dem Umzug nach Leningrad hörte sie vorerst auf zu arbeiten. Als ihr Mann aufgrund einer Kriegsverletzung in den Ruhestand versetzt wurde, arbeitete sie wieder als Kassiererin.

Lidija Dosowitzkaja und ihr Mann erhielten aufgrund ihrer Kriegsteilnahme zusätzliche Leistungen bzw. Renten. So »konnten wir recht gut leben. Wir sind jedes Jahr auf die Datscha gefahren, oder auf die Krim. Unsere Tochter hatte als Kind alles.« Die Subventionen stellten eine wichtige Unterstützung dar, erinner-ten Lidija aber auch ständig an die Leiden während des Krieges. Doch konnte sie die Erlebnisse und Geschehnisse von damals auch verarbeiten, anderen mitteilen, was sie stets im Bewusstsein trug? Eine entsprechende Frage beantwortet sie negativ, selbst ihr Mann habe nicht hören wollen, was sie erlebt hatte. Sie erklärt dies auf zweierlei Weise. Er war zwar selbst Jude, hatte während des Krieges aber an der Front gekämpft und »das, was ich durchgemacht habe, nicht erlebt.« Zum anderen wusste er, »dass wenn wir darüber reden, es mir immer sehr schlecht ging.«

So besuchte sie ihn auch nie, als er in der DDR stationiert war: »Ich bin nie hingefahren, ich hatte Angst vor den Deutschen. Verstehen Sie?«

Frau Dosowitzkaja wird noch Jahrzehnte danach von den Erinnerungen einge-holt, tags und nachts:

»Ja, man vergisst das nicht. Wissen Sie, wie viele Jahre sind seitdem vergangen, bald ist der sechzigste Jahrestag, und man vergisst es einfach nicht. Als Jugendliche, da wachte ich morgens auf, und sofort sah ich in Gedanken meine Eltern vor mir. Kein Foto, nichts hatte ich von ihnen, ich konnte ja nichts mitnehmen. Dabei hatten wir das alles. Zufällig schickte mir jemand ein Foto, darauf sind mein Bruder und meine Schwester zu sehen. Wie glücklich ich war, als ich das bekam! Aber dann … du stehst morgens auf und denkst, es ist so viel Zeit vergangen, und du kannst an nichts anderes denken. Warum ist das so?«

Früher ist sie jedes Jahr zum Grab der Eltern gefahren, dem Ort, an dem sie mit mehreren hundert weiteren jüdischen Einwohnern von Djatlowo ermordet wurden. Nachdem eine Staatsgrenze zu überwinden ist, die Fahrpreise das Budget einer Rentnerin weit übersteigen und Reisen außergewöhnliche körperliche Bela-stungen darstellen, ist der Ort des Verlustes kaum mehr erreichbar. Und doch – der Schmerz wird nicht kleiner: »Wenn sie Geburtstag haben, stelle ich Kerzen auf, ich werde verrückt, weine …«

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»Haben die etwa kein Geld?« – Warten auf Entschädigung Das zum Teil erzwungene Verschweigen hinderte Lidija Dosowitzkaja daran, Dokumente zu suchen, die für den Nachweis ihrer Leiden nützlich sein konnten. Als zu Beginn der 1990er Jahre erstmals eine finanzielle Entschädigung durch die BRD in Aussicht stand, begann sie mit den schwierigen Nachforschungen. Ihr Mann starb 1994, »und da beschloss ich, das alles zu machen.« Es ist kaum möglich, offizielle Dokumente zu finden, die etwa die Ghettozeit beweisen könnten:

»Ich war im Ghetto. Wie sollte ich darüber einen Nachweis haben? Das ist doch lächerlich, aber so sind die Gesetze.« Zusätzliches Hindernis waren die vielen Jahre, die seither vergangen waren:

»Er hat mir nicht erlaubt, mich darum zu kümmern: ›Wozu brauchst du das?

Wozu?‹ Wenn ich das damals gemacht hätte, dann wäre das einfach gewesen.

Aber als ich es dann endlich tat, da waren nur noch sehr wenige Menschen da, entweder sie waren tot oder ausgewandert. Doch plötzlich fand ich zwei Menschen, die auch im Ghetto waren, sie hatten die Nachweise schon lange besorgt.«

So fanden sich doch noch Zeugen, die ihre Angaben bestätigten. Vier Jahre lang hat sie sich bemüht, alle geforderten Bestätigungen für einen Antrag auf

»humanitäre Leistungen« einzuholen. Die Übersetzungen verschlangen einen Großteil ihrer Rente. Nach vielen Mühen erhielt Lidija Dosowitzkaja im Jahr 2000, 56 Jahre nach der Befreiung, erstmals eine Entschädigungszahlung. Dieser Moment hat sich ihr tief eingeprägt:

»Als ich das erste Mal Geld bekam, im letzten Jahr, das war in der Alfa-Bank auf dem Newski. Ich bin dahin gegangen und habe alles ausgefüllt. Und als die Kassiererin mir das Geld gab, da kamen mir die Tränen. Da hat sie mich gefragt:

›Wie, Sie bekommen Geld und weinen?!‹ Aber meine Tochter war dabei und hat ihr alles erzählt, da sagte sie nur noch ›Oj, oj, oj.‹«

Erschrocken ist sie allerdings über die Bedingungen, die an die Auszahlung ge-knüpft werden. Zum einen ist es die Höhe der Beträge, die ihr unangemessen scheint, um die vielen Schäden aufzuwiegen, die durch Enteignungen, Zerstörungen und nicht zuletzt die psychischen Verletzungen verursacht wurden:

»Haben die etwa kein Geld? Was die alles geklaut haben! … Insgesamt ist das doch ein Unsinn. … Viel ist uns doch nicht mehr geblieben. … Sie sollten uns eine Rente geben bis ans Lebensende, nach all dem, was wir durchmachen mussten.

Oder? Aber jetzt denken sie sich alles Mögliche aus, und wir sollen verzichten.

Wie geht das nur? Das heißt, dass wir nichts weiter bekommen werden? Kann man so etwas tun?«

Der Verzicht auf jede weitere Forderung an den deutschen Staat ist eine Klausel des Gesetzes zur Entschädigung, das im Juli 2000 im Bundestag verabschiedet wurde.2 Um die Auszahlungsmodalitäten gab es eine lange Auseinandersetzung, die 2

Vgl. Gesetz zur Errichtung einer Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« vom 2. 8. 2000, in Kraft getreten am 12. 8. 2000 (BGBl. 2000 I 1263), § 16, Abs. 2.

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auch in den Tagen unserer ersten Begegnung geführt wurde. Die Verstimmung über das Verfahren resultiert bei Frau Dosowitzkaja augenscheinlich aus der Einmaligkeit und Begrenztheit der geplanten Entschädigung, möglicherweise aber auch aus der Empörung über die Ungleichzeitigkeit von »Entschädigung« und tatsächlichen Schäden. Während sie über Jahrzehnte hinweg und bis an ihr Lebensende regelmäßig die schrecklichen Bilder ihrer Erinnerung vor Augen hat und durch sie beun-ruhigt wird, versuchen sich die Nachkommen der Täter mit einer einmaligen Zahlung von weiterer Verantwortung gegenüber Einzelnen zu entledigen.

Zum anderen mag sich hinter der Enttäuschung auch die prinzipielle Frage danach verbergen, »wie viel« denn angemessen sei. Es wird immer »zu wenig« sein, um all die Verluste zu kompensieren: »Verstehen Sie, das vergisst man nie, was für ein Unglück. Warum musste mein Leben so verlaufen?«

»Ich bin ein guter Mensch, nur Glück habe ich nicht«

Die zermürbende Frage nach dem Warum durchzieht die Erzählung von Frau Dosowitzkaja. Versuche, Erklärungen zu finden, hat sie verschiedene unternommen, ist aber nie zu einem Ergebnis gekommen: »Warum sollten wir vernichtet werden?

Das verstehe ich nicht. Nun sagen Sie doch, Sie sind doch Deutsche, warum ist das so gewesen? Ich habe ›Mein Kampf‹ gelesen, das ist schon lange her.« Ihre Suche nach Erklärungen scheint ein Versuch zu sein, dem zerstörten Leben einen Sinn zu verleihen. Die systematische Tötung von Hunderttausenden Menschen stellt sich als sinnlos dar – und gerade das rastlose und vergebliche Bemühen von Frau Dosowitzkaja, jenen Sinn zu finden, zeugt von der Leere, die wir trotz aller Rationalisierungen und Erklärungen nie ganz füllen können und die das Leben der Überlebenden durchzieht.

Im Rückblick erscheint ihr zudem das Dagebliebensein als Grund dafür, nie richtig glücklich geworden zu sein. Freunde und Verwandte leben jetzt in den USA oder Deutschland:

»Viele sind direkt nach dem Krieg nach Amerika gegangen, ohne alles, ohne Geld. Aber ich war verheiratet, er [ihr Mann; A. W.] hat mich nicht gelassen. Wenn ich nicht geheiratet hätte, dann wäre ich längst dort und würde ein gutes Leben haben. Das wäre schön. Aber es war mir nicht vergönnt im Leben.«

Inzwischen stellt sich die Frage nach der Emigration nicht mehr. In Israel könne sie angesichts der klimatischen Bedingungen nicht leben, zudem scheint die Bindung an ihre Tochter so stark zu sein, dass ein Neuanfang in einer fremden Umgebung ausgeschlossen wird.

Unmittelbar im Anschluss beschreibt sie die derzeitige Lage im Land als äu-

ßerst beängstigend. Selbst ihr Wohngebiet und der Wohnblock seien unsicher geworden, so dass sie sich »nicht einmal traut, abends den Müll hinunterzubrin-gen.« Berichte über Rentnerinnen, die auf dem Weg nach Hause überfallen und der soeben von der Bank ausgezahlten kärglichen Rente beraubt werden, verstärken die Angst vor Angriffen. Mit Kommentaren wie dem, dass es »so etwas 70

früher nicht gegeben« habe, deutet Frau Dosowitzkaja an, dass für sie mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein wichtiges Ordnungssystem verschwunden ist. Ein grundlegendes Gefühl der Verunsicherung, das in vielen Momenten der Gespräche offenbar geworden war, hat sich in den letzten Jahren verstärkt und bestimmt die Selbstwahrnehmung meiner Gesprächspartnerin deutlich.

Zunächst war Lidija Dosowitzkaja durch die brutale deutsche Besatzungs-und Vernichtungspolitik in eine Situation gestoßen worden, in der jegliche Be-rechenbarkeit in Bezug auf das eigene Leben und Überleben zum Verschwinden gebracht wurde. Und auch nach dem Ende des Krieges sah sie sich wiederholt mit Situationen konfrontiert, die sich ihr als existenziell bedrohlich darstellten.

Staatliche antisemitisch motivierte Diskriminierungen, vor allem aber Momente der Erinnerung an die schmerzlichen Verluste ließen – und lassen – sie wieder und wieder daran zweifeln, über ihr Leben frei von Angst und Gefährdung bestimmen zu können.

Es ist, so scheint es, der Zweifel, der sich Frau Dosowitzkaja eingegraben hat als Folge traumatisierender Erfahrungen von Repression und Gewalt, Zweifel an der Verstehbarkeit menschlicher Handlungen, und auch Zweifel an der Möglichkeit, auf Einsicht und Entschuldigung als Resultat von begangenem Unrecht vertrauen zu können.

Tag der Befreiung?

Einen Tag nach unserem Interview begegnen wir uns bei der Feier der Vereinigung ehemaliger jüdischer Häftlinge, die anlässlich des Tages der Befreiung veranstaltet wurde. Im Laufe des Nachmittags höre ich von mehreren der Frauen und Männer, was mir in dem Gespräch mit Lidija Dosowitzkaja bewusst geworden war: Der Tag, an dem der Krieg zu Ende war, war für viele der überlebenden Jü-

dinnen und Juden ein sehr trauriger Tag. Sie hatten oft kein Zuhause mehr, in das sie hätten gehen können. Vor allem aber wussten sie, dass keine Familie auf sie wartete, weil alle Angehörigen ermordet worden waren. So war in die Freude über die Befreiung vom Krieg immer eingeschlossen die Trauer um Mütter, Väter, Geschwister, Freunde und Bekannte.

Auf dem Weg nach Hause kommen mir die bunten Fahnen und Plakate merkwürdig aufdringlich vor.

»Antisemitismus ist der Schatten des jüdischen Volkes.«

Nina Gennadjewna Romanowa-Farber

Chanukka – das Lichterfest, mit dem Juden in aller Welt das Ende des Mak-kabäeraufstandes 165 v. u. Z. und die Weihe des Zweiten Tempels in Jerusalem begehen. Im Dezember 2000 luden mich Mitglieder der Vereinigung ehemaliger jüdischer Häftlinge ein, dieses Fest mit ihnen zu feiern. In einem großen Saal des jüdischen Gemeindezentrums Hesed Awraham  in St. Petersburg trafen sich etwa hundert ältere Frauen und Männer. An langen Tischen warteten sie erwartungsvoll auf ein Kulturprogramm und das gemeinsame Mittagessen. Die Frau neben mir sprach meinen Begleiter und mich nach wenigen Minuten an, machte Scherze und gab sich Mühe, die Vorgänge zu erklären. Oft zwinkerte sie mir dabei zu, als wolle sie mir zeigen, dass ich nicht alles so ernst nehmen solle, was sie sagt. Schnell stellte sich heraus, dass Nina Romanowa großes Interesse daran hatte, mit »jungen Leuten« zu sprechen – über die Vergangenheit, die Gegenwart, das Verhältnis zu den Deutschen … Wir unterhielten uns sehr angeregt, und Andeutungen zu ihrem eigenen Leben weckten mein Interesse, sie nach ihrer Lebensgeschichte zu fragen. So hatte ich Frau Romanowa kennengelernt – interessiert, verschmitzt, diskussionsfreudig. Einige Zeit später besuchte ich sie in ihrer Wohnung. Dieser Begegnung folgten zwei weitere, die eine noch im Mai 2000, die andere erst im September 2001. Die Besuche bei ihr sind mir als sehr lebendige gemeinsame Stunden in Erinnerung geblieben, in denen sie mich ohne Umstände an ihrem Alltag teilhaben ließ: Wir bereiteten gemeinsam Essen vor, deckten den Tisch, schauten Nachrichten im Fernsehen; sie duzte mich, erzählte aus ihrem Familienleben, fragte mich über meines aus. Im Gegensatz zu vielen ihrer russischen Altersge-nossinnen zeigte sie sich wenig erstaunt über mein ungebundenes Leben.

In den Interviews traten die Erlebnisse und Erfahrungen der achtzigjährigen Frau oft in den Hintergrund, wenn sie mir Einblick gewährte in ihr Nachdenken über die verschiedenen historischen Prozesse, die ihr Leben bestimmt haben und bestimmen. Fragen nach meinen Ansichten begründete Frau Romanowa damit, dass viele Menschen sich nicht mit der Vergangenheit auseinandersetzen wollen. Sie drücken ihre Furcht aus, ihre Erinnerungen und die anderer Überlebender könnten in Vergessenheit geraten. Es ist dabei nicht nur die Erfahrung der Vernichtungspolitik, die sie beschäftigt: In den letzten Jahren begann sie, sich intensiv mit Fragen der jüdischen Religion und jüdischer Geschichte auseinanderzusetzen, versucht insbesondere den Wurzeln und Ursachen des Jahrhunderte währenden Antisemitismus auf die Spur zu kommen und beobachtet aufmerksam gegenwärtige Entwicklungen.

Beeindruckt war ich von der Klarheit, die sowohl ihre Überlegungen als auch den Umgang mit mir bestimmten. Es hat Nina Romanowa offensichtlich Spaß gemacht, mit mir zu diskutieren, mehrmals, und noch in alltäglichen Verrichtungen 73

Anknüpfungspunkte für kritisch-verschmitzte Erörterungen zu finden: Als ich mich schon fast verabschiedet hatte, schickte sie sich an, im »Garten« vor ihrem Haus Unrat zu beseitigen. Der Garten ist ein Stückchen wilder Wiese vor ihrem Küchenfenster, inmitten der dreizehnstöckigen Wohnblocks. Mein Hilfsangebot nahm sie dankend an, und in kurzer Zeit war alles erledigt. »Ich hätte dazu einen Tag gebraucht, aber du hast das in einer halben Stunde erledigt. Und du kannst das auch richtig gut, sehr ordentlich. Richtig deutsche Ordnung.« Meine Entgegnung, das wäre gut möglich, mir aber unangenehm, denn aufgrund und gerade mit diesem Ordnungsstreben seien schreckliche Verbrechen begangen worden, quittiert sie mit einem Lächeln, nickt aber. Das sei wohl wahr, aber sie habe den Eindruck, ich würde mein Volk hassen – und das sei auch nicht richtig. In dieser kleinen Szene fand sich wieder, was in den mehrstündigen Begegnungen deutlich wurde: Nina Romanowas kritischer und wissender Blick auf die Geschichte, daneben ihr stetes Bestreben, nicht zu verallgemeinern und genau hinzuschauen, sich auszu-tauschen – auch und gerade mit jenen, deren Vorfahren ihrer Familie und unzähligen anderen Menschen so viel Leid zugefügt haben.

»Auch die bitteren Dinge habe ich mitbekommen« –

Kindheit und Jugend in der UdSSR

Nina Romanowa wurde 1922 in Gusino, etwa 35 Kilometer südwestlich von Smolensk, geboren. In dem kleinen Schtetl lebten zahlreiche jüdische Handwerker:

»Die Menschen waren sehr arbeitsame und ehrliche Leute.« Der Vater, Genrich Farber, arbeitete als Maler und bereiste umliegende Orte, um dort entsprechende Arbeiten auszuführen. Die Mutter kümmerte sich um die vier Kinder: Nina hatte zwei Brüder, und 1938 wurde die jüngste Schwester geboren. Die jüdische Grund-schule, die Nina im ersten Schuljahr besuchte, wurde bald geschlossen und in eine russische Schule umgewandelt.

In den 1920er Jahren war der Aufbau der Sowjetunion im vollen Gange. Angehörige einzelner Volksgruppen und sozialer Schichten, die als potenzielle Kritiker oder Opposition galten, wurden in unwirtliche Gebiete der UdSSR deportiert.

Nina Romanowa weiß noch, dass sie selbst als vierjähriges Kind Spottreime gegen die sogenannten Kulaken sang, aber erschrocken war, als ein Nachbar die Familie besuchte und verzweifelt über die bevorstehende Verbannung nach Sibirien sprach.

Andererseits erwähnt sie, dass die sowjetische Gesellschaft tatsächlich Verbesse-rungen für das Leben der Einzelnen bereithielt:

»Natürlich hat Stalin etwas geleistet, im vorrevolutionären Russland war es ja noch schlimmer. Und diese Parole ›allen wird alles gehören‹ – es gab ja tatsächlich Versuche, allen die gleichen Lebensbedingungen zu ermöglichen. Die Studie-renden hatten zwar manchmal keine Schuhe, aber zu essen gab es für alle. Und außerdem: ›jeder nach seinen Bedürfnissen und jeder nach seinen Möglichkeiten‹

– ist das etwa schlecht? … Das ist eine wunderbare Idee. Eine andere Frage ist es, dass es eine Utopie ist.«

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Im darauf folgenden Jahrzehnt sollten mit den sogenannten Säuberungen im Parteiapparat kritische Stimmen oder bestimmte Nationalitäten vernichtet werden, die dem stalinistischen Regime als gefährlich erschienen. Auch daran erinnert sich Nina Romanowa, die damals 15 Jahre alt war: »Natürlich, auch in der Sowjetunion hat es Ungerechtigkeiten gegeben. Das kann man nicht leugnen. … Das habe ich erfahren, als ich schon älter war, verstehst du? Auch die bitteren Dinge habe ich mitbekommen, 1938, dieser Schrecken und die endlosen Verhaftungen.«

Ninas Eltern versuchten vielleicht auch deshalb, jüdische Traditionen mit dem Leben in der Sowjetunion in Einklang zu bringen: »Mein Vater, meine Mutter, sie lebten nach den jüdischen Religionsgeboten, und sie hatten ein gutes Verhältnis zu den Russen. Und zu Ostern hatte mein Vater ein Stück Matze auf der einen Seite des Tellers, und ein Stück Brot auf der anderen.« Sie selbst sei jedoch »als Atheistin aufgewachsen, es gab keinen Gott auf der Welt. Nur die Sowjetmacht und der Kommunismus, das waren unsere Götter«, fügt sie ironisch hinzu. Dennoch sah sich Nina Romanowa als Jüdin. So erinnert sie, wie sie 1937 bei der Immatrikulation in der Universität Smolensk den Fragebogen ausfüllte: »Ich habe als Farber angefangen zu studieren, … ich war die und die und meine Nationalität ›jüdisch‹, das hatte ich mit großen Buchstaben geschrieben, und ›parteilos‹. Tja, ich war halt achtzehn Jahre alt.« Jüdischsein war für sie also nicht zwingend eine Frage religiösen Glaubens, sondern dies sei eher an die Erfüllung der jüdischen Gebote ge-knüpft – das Festhalten an kulturellen Traditionen, die den Grundsätzen der jüdischen Gemeinschaft entsprechen. Diese sind für sie gleich dem humanistischen Anspruch, alle Menschen zu achten und tolerant mit ihnen umzugehen und sie anzuerkennen, gleich welcher Überzeugung und Herkunft sie auch seien.

Während des Medizinstudiums wird Nina Romanowa jedoch erstmals damit konfrontiert, dass Jude-Sein etwas Besonderes ist, heißt, dem Verdacht eines Makels zu unterliegen, wie er auch den jüdischen Opfern der Säuberungen unterstellt worden war: »Als meine Freunde anfingen zu reden, dass die Juden solche und solche seien, und dass man sie wirklich bestrafen muss, da habe ich gesagt: ›Mädchen, ich bin auch Jüdin.‹ – ›Du?! Nein, das kann nicht sein, du bist doch so ein gutes Mädchen.‹« Viele russische Freunde habe sie gehabt, in der Schule und später auch beim Studium, und verweist daher auf die begrenzte Wirksamkeit der antisemitisch gefärbten Propaganda – oder auf ihre Fähigkeit, Freundinnen und Freunde davon zu überzeugen, dass generalisierende Verdächtigungen wertlos sind.

»Meine intellektuelle Arbeit« – Erniedrigung und Ausbeutung Im Juni 1941 hatte Nina das dritte Studienjahr beendet und fuhr zu ihren Eltern, um dort die Ferien zu verbringen. Ninas Eltern und ihre jüngeren Geschwister waren gerade in ein Haus umgezogen, das die Familie unter vielen Mühen selbst gebaut hatte. Der ältere Bruder studierte in Leningrad. Unerwartet für alle, besetzten deutsche Soldaten im Juli Gusino und errichteten ein Ghetto, in dem die etwa 300

jüdischen Einwohner zusammengepfercht wurden.

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»Drei, vier Familien, also zwanzig Personen, in einem kleinen Haus. Es spielte keine Rolle, wie viel Quadratmeter das waren. Es ging nur darum, so wenig wie möglich an Komfort zu gewähren, wenn man überhaupt von Komfort reden kann.

Wie Vieh wurden die Leute in die Häuser getrieben, und dann wurde alles mit Stacheldraht umzäunt.«

Eine Wachmannschaft, bestehend aus sogenannten Volksdeutschen, wurde nach kurzer Zeit abgezogen. Nina Romanowa erklärt dies damit, dass die Deutschen gemerkt hatten, dass die Ghettobewohner sich ruhig verhielten und nicht rebel-lierten. Dann war es zuweilen möglich, mit dem Magen David  auf der Kleidung das Ghetto zu verlassen und Nahrungsmittel gegen Kleidung o. ä. zu tauschen. Die Menschen innerhalb des Ghettos versuchten, sich gegenseitig so gut wie möglich zu unterstützen, insbesondere bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln. Der Kolchos des Ortes arbeitete weiter, und wer dort angestellt war, konnte ab und an Lebensmittel abzweigen und mitbringen.

»Und wenn jemand krank wurde, dann half jeder so gut er konnte. Ich erinnere mich an eine alte Frau, die war allein und krank. Zu der bin ich regelmäßig gegangen und habe sie gewaschen und gepflegt, ihre Exkremente hinausgebracht.

Denn die Leute, die mit ihr zusammenwohnten, die konnten das nicht, verstehst du?«

Die widrigen Lebensbedingungen im Ghetto wurden verstärkt durch die Misshandlungen seitens der Besatzer. Besonders eingeprägt haben sich Nina Romanowa die Beschimpfungen, mit denen die jüdischen Menschen durch die deutschen Truppen verfolgt und mit denen die erniedrigende Behandlung verbal begleitet wurden:

»Es war kaum auszuhalten, denn es gab ja nichts zu essen. ›Was wollt ihr denn, ihr seid doch gar keine Menschen!‹, und dann musste man arbeiten, wo es nur irgend ging. Ich zum Beispiel, die gerade noch studiert hatte, durfte die Toiletten auf der Kommandantur putzen. Und da konnte ich sogar froh sein, dass ich solch eine Stelle hatte, denn es gab ab und an Deutsche, die etwas zu essen hingewor-fen haben.«

Eine solche Hilfe erhielt die Familie zu Weihnachten, als Soldaten heimlich ein Päckchen mit Lebensmitteln vor dem Wohnhaus ablegten. »Objektiv« müsse sie also sagen, dass es

»unter den Soldaten auch solche Fälle gegeben hat. Aber im Allgemeinen haben sich alle so verhalten, als wären wir keine Menschen. Da war nichts dran zu rütteln, sie kannten ihr Ziel. Am Ende werden sie dich erschießen, aber solange schlag dich durch, so gut du kannst.«

Wenn Frau Romanowa erzählt, so weiß sie, dass das Ghetto von Gusino eines von vielen war und die Bedingungen in allen ähnlich waren. Auf meine Frage, wie sie dort lebte, antwortet sie zuerst lapidar: »Wie es im Ghetto eben so ist«, ehe sie dann doch Einzelheiten nennt. Mir fällt auf, dass sie immer wieder die verbalen Demütigungen erwähnt – sie muss davon besonders getroffen gewesen sein. Der 76

Versuch, diese Erfahrungen zu rationalisieren, äußert sich in bitterem Sarkasmus, wenn sie beispielsweise ihre Arbeit charakterisiert: »Als ich zu meiner Arbeit ging, meiner intellektuellen …« In anderen Momenten hingegen bleibt ihr nur die Möglichkeit der knappen Beschreibung, um die Verbrechen der Deutschen zu kennzeichnen: »Die Deutschen haben sich schrecklich aufgeführt, nicht wie Menschen. Einen Jungen haben sie vor den Augen seiner Mutter erschossen, nur weil er die Haltrufe nicht gehört hatte. Er war taub.« Einmal sollten alle jungen Frauen sich angeblich zur Feldarbeit versammeln. Ninas Mutter erkannte die lauernde Gefahr:

»Meine Mutter war so schlau und hat mir ihr Kopftuch übergeworfen und mir meine Schwester in den Arm gelegt, als sei sie meine Tochter. Da haben sie mich in Ruhe gelassen. Aber die interessanten jungen Frauen haben sie mitgenommen, sie in eine Scheune gesperrt und sind dann hinterher gegangen. Dann haben sie sie alle vergewaltigt, alle, und dann haben sie sie nach Hause geschickt und ihnen verboten, irgendjemandem davon zu erzählen. … Die SS-Männer, das waren richtige Monster, keine Menschen, aber die Soldaten, die haben einen relativ guten Eindruck hinterlassen. … Aber natürlich bleibt der Eindruck von den anderen, von deren Willkür und dem unmenschlichen Umgang.«

So weiß sie, dass nicht alle so differenziert wie sie berichten würden, denn wer unmittelbar solchen Angriffen und Misshandlungen ausgesetzt war, habe einen anderen Eindruck: »Diese Menschen würden nicht so wie ich über die Deutschen reden, denn natürlich beurteilt man Menschen nach ihren Handlungen.«

»Ich bin zweimal geboren«

Aufgrund der Qualen des Lebens im Ghetto und weil ein deutscher Soldat wiederholt gesagt hatte, sie solle sich schnellstens in Sicherheit bringen, überlegten Nina und ihr Bruder, wie die Familie fliehen könnte. Sie wussten, dass in den umliegenden Wäldern Partisanen waren und Gruppen von Einheimischen lebten, die sich auf diese Weise dem Zugriff der Deutschen entzogen. Die Mutter argumen-tierte, sie könne mit dem Kleinkind im Wald nicht überleben, die beiden sollten allein gehen. »Wir haben unsere Mutter natürlich nicht zurückgelassen. So blieben wir bis zum bitteren Ende.«

Nina Romanowa erklärt das Ausharren vieler junger Menschen, die hätten flüchten können, mit dem jüdischen Glauben, in dem eine enge Bindung innerhalb der Familie hoch bewertet wird: »Nur sehr wenige junge Leute haben ihre Eltern zurückgelassen, denn du weißt ja, dass jüdische Kinder ihre Eltern sehr verehren.«

Deshalb, so Nina Romanowa, sind 270 junge und alte jüdische Menschen aus Gusino gemeinsam ermordet worden.

»Und seit einiger Zeit wird das als Katastrofa1 bezeichnet, und es ist tatsächlich eine Katastrophe. Wenn ich jetzt daran denke, schüttelt es mich. Ich komme damit 1

Ähnlich wie im Deutschen werden im Russischen verschiedene Begriffe benutzt, um den Judenmord zu be-zeichnen: Katastrofa, Cholokost, Schoa.

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noch einigermaßen klar, kann darüber nachdenken, denn ich arbeite daran, dass niemand den Holocaust vergessen möge. Und wo immer ich kann, berichte ich davon, ob in Schulen oder im Alltag, ich werde allen davon erzählen. Darum habe ich mich auch schon daran gewöhnt. Aber es gibt auch Frauen, die sich überhaupt nicht erinnern können, die kein einziges Wort herausbringen, denn es gibt Wunden, die heilen niemals.«

Frau Romanowa weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es sein kann, von diesen Verlusten zu sprechen und geht davon aus, dass sie sich daran gewöhnt habe.

Doch den Morgen, an dem sie ihre Eltern und ihre kleine Schwester zum letzten Mal gesehen hat, kann sie nicht vergessen. Nachdem sie mir bei unserer ersten Begegnung recht knapp und kaum verständlich von der Ghettoräumung und »wie sie gerettet wurde« erzählt hatte, schilderte sie mir dies mehr als ein Jahr später ausführlich:

»Das war am siebten Februar zweiundvierzig. Ich hatte einen Traum, den ich nie vergessen werde. Unsere Toilette war auf dem Hof, wie bei allen Häusern im Ghetto. Ich musste morgens einmal raus, und da sehe ich, dass der Himmel über Gusino bedeckt war von schrecklichen Wolken. Ich hatte geträumt, dass mir plötzlich zwei furchtbare, riesige Zähne wachsen, genau so … und da bin ich hinaus-gerannt und – o Graus! Da war der ganze Ort umzingelt, und ich laufe zu einem der Soldaten hin und frage ihn: ›Was ist das, warum sind Sie hier?‹ – ›Es fließt viel Blut‹2 – also das viel Blut vergossen werden wird, und ›Lauf Mädchen, lauf!‹, sagte der Deutsche. Da bin ich weggerannt von der Umzäunung und habe gerufen: ›Vati, Mutti, Schwester, Bruder!‹3 und bin, so schnell ich konnte, zum Haus gelaufen. Als ich dort ankam und sagte ich: ›Mama, sie haben uns umstellt, und am Vorabend sind auch schon Juden erschossen worden … ich habe so eine böse Ahnung!‹ Und Mama: ›Ja, da kommen unsere Henker‹, und auf einmal, ohne noch ein Wort zu sagen, öffnet sie die Bodenluke und sagt: ›Tochter, hier runter, schnell!‹

Darauf ich: ›Mama, ich war bis zum letzten Tag bei dir, wie kann ich jetzt hier herunter steigen und du …‹ – ›Du hast mir mein ganzes Leben lang nicht widerspro-chen, du warst eine sehr folgsame Tochter, und das ist meine letzte Bitte an dich!

Verstehst du? Ich bin jetzt alt, und mich werden sie holen, aber du … mach hin, schnell!‹ Ich klettere also runter, und kaum, dass sie die Dielenbretter darüberge-legt hat, geht die Tür auf. Mein Bruder hat sich hinter dem Ofen versteckt. … Ich bin zweimal geboren. Ich habe nur noch gehört: ›Den Ausweis!‹ Ninotschka hat geschrieen, offenbar haben sie sie geschlagen, und Mutter macht ›Scha scha!‹ Und aus. Mein Bruder kam dann zu mir, als die Deutschen weg waren, und dann hören wir schon die Schüsse. Und wir wussten genau, wen sie erschießen. Und wir konnten überhaupt nichts tun.«

2

Im Original deutsch.

3

Im Original deutsch.

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Später, als sie als Kinderärztin arbeitete, sei ihr immer schlecht geworden und sie habe den Raum verlassen müssen, wenn Mütter ihre Kinder mit »Scha scha!«

beruhigten.

Wenn sie meint, sie sei zweimal geboren, ist dies geradezu wörtlich zu nehmen.

Es war ihre Mutter, die sie zur Welt gebracht, und die sie im Februar 1942 vor den Deutschen versteckt und somit gerettet hat. Die beiden Geschwister hielten die enge Verbindung zur Mutter in einer besonderen Weise aufrecht, wenn auch not-gedrungen: Um nicht sofort als Jüdin bzw. Jude erkennbar zu sein, entschlossen sie sich, den Familiennamen der Mutter anzugeben, nicht den des Vaters, der sofort auf ihre jüdische Herkunft verwiesen hätte. Noch heute nennt Frau Romanowa meist den Namen ihrer Mutter als ihren Nachnamen

»Ich dachte ich werde wahnsinnig« – Leben im Versteck

Nina Romanowa und ihr vier Jahre jüngerer Bruder mussten feststellen, dass in der Zeit, in der sie im Kellerversteck ausgeharrt hatten, Plünderer das Haus durchwühlt und nahezu alles Verwertbare mitgenommen hatten. Nur dünne Lappen dienten ihnen als Fußwärmer. Sie machten sich auf einen langen Fußmarsch, weg von dem Ort, an dem niemand von den jüdischen Einwohnern mehr am Leben war. Fünf Tage lang liefen sie durch zahlreiche Dörfer. »Mein Vater war ja Maler, so kannten ihn die Leute. Immer wieder hörten wir: ›Kinder! Kinder! Kommt her!

Hier habt ihr ein bisschen Brot, Salz.‹ Aber meistens auch: ›Schnell, geht weiter, macht euch schnell fort von hier, bei uns sind Deutsche!‹« In Smoljany, einem Ort nahe Orscha, hoffte Nina Unterschlupf bei der Familie einer Kommilitonin zu finden. Die Freundin Raisa und ihr Mann kämpften an der Front, doch die Eltern, Herr und Frau Saperschinski, versteckten Nina und den Bruder in ihrer Scheune.

Drei Monate lebten die beiden in ständiger Angst, entdeckt zu werden. Und tatsächlich erschien eines Tages ein weißrussischer Polizist und forderte, die versteckten Schiddy4 sollten hervorkommen. Herr Saperschinski, ein ehemaliger Feldscher, entgegnete, sie wären Verwandte, die erst vor wenigen Tagen bei ihnen eingetroffen seien. »Da meinte der Polizejski 5: ›Du da Bengel, lass mal deine Hosen runter, dann sehen wir ja, ob du Jude bist oder nicht.‹ In dem Moment dachte ich, ich werde wahnsinnig.« Tatsächlich war Ninas Bruder beschnitten, doch der Feldscher versichert unter Verweis darauf, dass er Arzt ist und nicht der Polizist, dass die Eingriffsspuren auf Komplikationen bei der Geburt zurückgehen.

Nina hatte erkannt, dass die Geschwister an diesem Ort nicht länger bleiben konnten, und so machte sie sich auf die Suche nach Kontaktpersonen, die sie an Partisanen vermitteln könnten. Nachdem sie mehrere Abende und Nächte durch die Umgebung gelaufen war, sprach ein Mann sie an, weil er sie für eine Spionin hielt.

4

Schiddy: russ. abfällig für Jude; »Judenpack«.

5

Polizejski: russ. für die aus Kollaborationswilligen gebildeten weißrussischen Polizeieinheiten, verwendet in Ab-grenzung zu dem gegenwärtig gebräuchlichen Begriff für Polizist, Milizioner.

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»Irgendwie hatte ich aber das Gefühl, ich könne ihm vertrauen. Und so habe ich ihm alles erzählt und dass die örtliche Polizei uns entdeckt hat. Er hat mir daraufhin erklärt, zu wem ich gehen muss und dass ich dort sagen solle, ›der Mann aus dem Wald schickt mich‹.«

Eine Gruppe von Frauen, Männern und Kindern hatte sich im Wald versteckt, um auf Partisanen zu warten, denen sie sich anschließen konnten. Nina und ihr Bruder wurden integriert und versteckten sich mit ihnen vor den Deutschen. »Es waren Russen. Und weißt du, viele Jahre danach habe ich viel darüber nachgedacht, ob man in dem Moment etwas anderes hätte tun können, außer zu warten, bis die Partisanen kommen.« Zu einem Ergebnis ist sie offensichtlich nicht gekommen. Während einer Razzia wurde die Gruppe gefasst und alle jungen Menschen wurden zum Zwangsarbeitseinsatz ins Reichsgebiet deportiert. »Da wurden wir in diese Waggons gesteckt, Güterwaggons, und ich wurde von meinem Bruder getrennt, dem einzigen, das ich noch hatte. Ich kam in ein Lager, und er in ein anderes.«

»Nach all dem was ich erlebt hatte, wollte ich nicht für die arbeiten«

Rettung und Gefahr waren eng miteinander verbunden, denn unter dem russischen Namen entkamen Nina Romanowa und ihr Bruder zwar der akuten Bedrohung, in der sie sich durch die systematische Ermordung der weißrussischen Jüdinnen und Juden befanden. Sie wurden jedoch gewaltsam voneinander getrennt und durch die Deportation in andere besetzte Gebiete dem nationalsozialistischen Regime auf andere Weise unterworfen. Nina wurde nach Tetschin (Binenau) gebracht, eine Stadt in der Nähe von Usti nad Labem, gelegen im sogenannten Sudentengau, das im Zuge des Münchner Abkommens 1938 an das Deutsche Reich angeschlossen worden war. Dort wurde sie mit anderen Frauen in einem Arbeitslager inhaftiert und musste in einer »Reißverschlussfabrik« schuften. Frau Romanowa nennt selbst die deutsche Bezeichnung, um den Namen der Fabrik anzugeben. Die Zwangsarbeiterinnen waren außerhalb der Fabrik in einem Lager untergebracht und schliefen auf zweistöckigen Pritschen in ehemaligen Pferdeställen. Sie mussten an der Produktion derjenigen Uniformen mitarbeiten, die die Besatzer trugen. Nina Romanowa entzog sich zu Beginn dieser Erniedrigung und suchte nach Möglichkeiten, ihrem Drang nach Aktivität gegen die Besatzer nachzugeben:

»Ich wurde an eine Maschine gestellt, wo ich kleine Teile stanzen sollte. ›Stanzen‹, das ist überhaupt ein deutsches Wort – und schon am dritten Tag war ich nicht mehr dabei. Ich habe meinen Finger unter die Stanzmaschine gehalten, die Wunde ist nie ganz verheilt in den fünfzig Jahren seitdem. Sie verstehen ja, dass ich nach all dem, was ich erlebt hatte, nicht unbedingt für die arbeiten wollte, nicht? Und so habe ich ungefähr zwei Wochen die Fabrik erkundet und Ausschau gehalten nach jemandem. Und so bin ich auf Bobek gestoßen, einen tschechischen Arbeiter.«

»Bobek« stand in Verbindung mit dem tschechischen kommunistischen Untergrund und band Nina in dessen Struktur ein, indem er ihr verschiedene Aufträge 80

übermittelte. Genaueres zu den Aktivitäten und ihren Aufgaben konnte ich ihr trotz mehrerer Nachfragen nicht entlocken, vielleicht weil sie selbst sich bestimmte Situationen nicht mehr vorstellen mag oder damals ohne weiteres Nachdenken über mögliche Konsequenzen handelte:

»Es ist sowieso unverständlich, wie ich das alles machen konnte. Ich kann mir jetzt selbst nicht vorstellen, wie ich zu all dem in der Lage war. … Ich sage nur eins: wenn man mir jetzt solche Dinge auftragen würde: ›mach dieses oder jenes‹, dann würde ich das nicht tun. Einmal zum Beispiel brachte mir eine Tschechin ein Kleid, gab mir ein Täschchen und sagte: ›Geh durch die Stadt zu dem und dem und gib ihm diese Tasche. Geh aber den Aufsehern aus dem Weg, denn hier ist eine Granate drin.«

Diese Tätigkeit als Kurierin war sehr riskant, doch Angst habe sie damals nicht gehabt. Eher dachte Nina Romanowa »die ganze Zeit nach, was man noch tun könnte«, denn die Gedanken an ihre Mutter und ihre Schwester haben sie nicht losgelassen. So wurde sie angetrieben von dem Wunsch,

»sich zu rächen, sich aus der Gefangenschaft zu befreien und dem Land zu helfen, damit sich das Volk von den Faschisten befreien konnte. Ich wusste, wie das Verhältnis der Tschechen zu den Faschisten war. Es ging darum, dem Sieg über sie näher zu kommen. Das war das Ziel damals.«

Ein Traum

Die Zwangsarbeiterinnen suchten unterschiedliche Wege, sich mit der Situation zu arrangieren. Ninas Bemühungen, aktiv den Widerstand gegen die Besatzung zu unterstützen, bildeten eine Möglichkeit. Im Gegensatz dazu stand der Versuch, auf Kosten anderer individuelle Lösungen für das eigene Durchkommen zu finden.

Nina wurde selbst zum Ziel einer Denunziation, die offensichtlich von antisemitischen Ressentiments motiviert war. Möglicherweise erhoffte sich die Denunzian-tin hierdurch eine bessere Behandlung durch die deutschen Besatzer.

Unter den Zwangsarbeiterinnen befanden sich eine Reihe ukrainischer Frauen, die nach Ninas Meinung »profaschistisch eingestellt« waren. Sie bezeichneten sich als Opfer der sogenannten Entkulakisierung und brachten offen ihre Ablehnung der Sowjetmacht zum Ausdruck. Unter diesen Frauen befand sich eine, die Nina beim Lagerleiter als Jüdin denunzierte. Sie habe ihre Eltern gekannt, die als Ärzte in ihrem Heimatort tätig gewesen seien. Nina schwebte in höchster Gefahr, denn der Aufseher ließ sie daraufhin ins Gestapo-Gefängnis nach Usti nad Labem bringen. In dem Verhör durch den Offizier trat sie die Flucht nach vorn an und stellte offensiv die Vorwürfe der Frau infrage, indem sie zum einen die besseren Argumente hatte, zum anderen aber auch Gleichbehandlung einforderte und damit für sich nutzte, dass die Untersuchung den Anschein von Rechtmäßigkeit tragen sollte:

»Er fragte mich: ›Ich habe gehört, dass Sie Jüdin sind. Wie sind Sie da zu uns nach Deutschland gekommen?‹ – ›Ich bin überhaupt keine Jüdin.‹ – ›Und warum behauptet das diese Frau dann?‹ – Ich antwortete: ›Wissen Sie, wenn Sie mir glau-81

ben wollen, dann habe ich eine große Bitte an Sie: Überprüfen Sie auch sie, denn ich glaube, die ist nicht ganz richtig im Kopf. Sie hat mir das angedichtet, aber es stimmt nicht. Erstens sind meine Eltern keine Ärzte, und zweitens kommt sie aus der Ukraine, ich aber aus Russland. Und drittens ist das eine Lüge.‹ … Mein Glück war, dass sie sich tatsächlich als psychisch krank herausstellte. Sie hat denen so verrückte Dinge erzählt, dass die Deutschen meinten, sie könnte ihnen alles Mögliche erzählen. Und nach einiger Zeit wurde ich zurück ins Lager geschickt.«

Durch die Kontakte zum Untergrund hatte sie erfahren, dass auch ihr Bruder zu der Zeit in einem Gefängnis inhaftiert war. Während sie davon erzählte, erinnerte sich Nina Romanowa, für sie selbst überraschend, an einen Traum, den sie in der Haftzeit hatte und der sie lange Zeit begleitete:

»Im Traum ist mir meine Mutter erschienen, sie lächelte und sagte, dass wir morgen entlassen werden. … Und ich wurde freigelassen, und dann habe ich erfahren, dass auch er [der Bruder; A. W.] in ein anderes Lager gekommen ist. Und später, immer dann wenn ich bekümmert war oder Angst hatte, dass etwas Schlimmes passieren würde, habe ich von meiner Mutter geträumt und sie hat mir gesagt, dass alles gut wird.«

Die Erinnerung an die Mutter hatte für Nina existenzielle Bedeutung. Sie sprach ihrer Tochter Mut zu, und ihr Tod trieb Nina zu so riskanten Unternehmungen wie bei der Sabotage der Produktion für die Deutschen. Vielleicht hat der Wunsch der Mutter, ihre Tochter solle in jedem Fall überleben, Ninas weiteres Leben begleitet und ihr Zuversicht und Handlungsfähigkeit verschafft.

»Ich habe niemanden umgebracht.«

Gegen Ende des Jahres 1943 floh Nina Romanowa aus dem Arbeitslager und wurde Mitglied der Otrjad »Swoboda« (Freiheit), die sie bisher als Kurierin unterstützt hatte. Fragen nach den Lebensbedingungen in der Einheit beantwortet sie abwie-gelnd: »Wie bei den Partisanen eben, das wissen doch schon alle.« Gestaunt habe sie aber doch, dass »Blätter wie eine Matratze sein können.« Die Einheit hatte gute Kontakte zur einheimischen Bevölkerung und erhielt breite Unterstützung vor allem mit Lebensmitteln. Nina Romanowa traf dort auf Menschen aus unterschiedlichsten Nationen: »Franzosen, Griechen, kaum eine Nation, die nicht vertreten war. Die Menschen waren von überall her aus den besetzten Ländern zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert worden.« Frauen waren jedoch weit in der Unterzahl, von den etwa 300 Personen waren etwa 15 Frauen. »Einige haben gekocht, andere haben Kleidung repariert, und manchmal waren einige an Einsätzen beteiligt. Diese Operationen waren sehr riskant und gefährlich, wenn es etwa um Angriffe auf deutsche Offiziere ging.« Ob sie dabei war? »Nein, es gibt Dinge, die ich nicht getan habe. Ich habe niemanden umgebracht.« Das sagt sie mit Nachdruck. Sie habe aber eine sehr verantwortungsvolle und wichtige Aufgabe gehabt: Radio abhören, um die Meldungen über den Vormarsch der Sowjetarmee zu erfassen.

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Auch in dieser Einheit hat sich Nina als Russin zu erkennen gegeben: »Ich wusste nicht einmal, wer noch Jude war in unserer Einheit. Ich war ja auch keine Jüdin. Mir als Russin konnte man Aufträge geben wie einer Einheimischen, aber einer Jüdin hätte man so was nicht anvertraut.« Und hier fängt sie an, laut nachzudenken über die Herkunft des Antisemitismus. Obwohl das jüdische Volk jahr-hundertlang verfolgt wurde, existiere es noch immer. Da müsse man doch davon ausgehen, dass gerade die Reaktion auf die Verfolgung, nämlich zielstrebiges und kluges Handeln, die Ursache für ihren Reichtum und Anerkennung sei, die dann aber wiederum Neid bei anderen erzeugten und deren Antisemitismus hervorrief.

Und dass es in Russland vor allem der Staat sei, der gefährlich ist, denn »schon unsere Urgroßmütter und Urgroßväter haben viele Jahrhunderte Seite an Seite mit Russen gelebt. Aber jetzt ist das nur noch etwas, was erinnert werden kann.« Wenn es den staatlichen Antisemitismus aber nicht gegeben hätte, wäre das Zusammenleben von russischer und jüdischer Bevölkerung unproblematisch. Auf meine gespannte Frage, warum sie die Verbindung zwischen ihrem Widerstand und Antisemitismus hergestellt habe, antwortet sie:

»Weil Sie danach gefragt haben, ob man in der Einheit wusste, dass ich Jüdin bin. Und ich sage Ihnen darauf, dass ich wusste, dass es Antisemitismus gibt und dass ich mich in Gefahr bringen würde, wenn ich mich als Jüdin zu erkennen gegeben hätte. Vielleicht hätten mir die Genossen nicht mehr vertraut. Verstehst du?«

Partisanen werden mit Brot versorgt

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»Solange es Juden gibt, wird es auch Antisemitismus geben«

So sind wir bei dem Thema angelangt, das sie nicht ruhen lässt. Nicht zuletzt, weil sie später gar Schwierigkeiten hatte, ihre jüdische Herkunft zu beweisen. Erst als sie die Immatrikulationsakte von 1937 vorlegen konnte, die nahezu das einzige Dokument über Ninas Leben vor der deutschen Besatzung ist, konnte sie einen Antrag auf Entschädigung als jüdische Zwangsarbeiterin geltend machen. Sie weiß, dass »viele das durchgemacht haben«, viele sogar erfolglos auf der Suche nach Nachweisen geblieben sind.

Für ihren Mann, den sie in der Partisaneneinheit kennengelernt hatte, spielte es keine Rolle, als er ihre wahre Identität erfuhr. Sie begegneten sich wenige Wochen, bevor die sowjetischen Truppen die Tschechoslowakei befreiten. Die Männer der Einheit wurden eingezogen und beteiligten sich an den Kämpfen zur Niederschla-gung des nationalsozialistischen Regimes. Nina hingegen wurde eingesetzt, um brauchbares Material aus zerstörten Fabriken für den Transport in die Sowjetunion vorzubereiten, wo es dem Wiederaufbau des völlig zerstörten Landes dienen sollte. Sie erinnert sich an eine Schokoladenfabrik in Dresden, die Deutsche selbst zerstört hatten:

»Dort habe ich so viel Schokolade gegessen, dass ich danach ein ganzes Jahr lang keine mehr gegessen habe. … Einige von uns sind nach Amerika gegangen, aber mir wäre das überhaupt nicht eingefallen. Ich habe mir gesagt: ›Ich esse kein Stück Süßigkeiten mehr, ich werde arbeiten und meine Heimat wieder aufbauen.

Für Stalin! Für die Heimat!‹, und so bin ich nach Belorussland zurückgekommen.«

Bei ihrer Ankunft musste sie feststellen, dass sie als Jüdin verdächtig war: Ein junger NKWD-Offizier befragte sie und stellte ihr die tendenziöse Frage, wie sie als Jüdin denn am Leben geblieben sei, die anderen seien doch alle tot. Dem un-terschwelligen Vorwurf, sie müsse wohl kollaboriert haben, begegnete sie mit der Frage, wie er es denn angestellt habe, diesen Krieg zu überleben. Leider erzählt sie nichts über die Reaktion des Offiziers. Offensichtlich ist sie aber nicht Opfer von weiteren Repressionen geworden.

Auch in der Sowjetunion hat es antisemitische Angriffe gegeben, und man könnte fast meinen, ihre Überzeugung, Antisemitismus sei nie zu überwinden, würde von Resignation zeugen: »Einstein hat recht, wenn er sagt, dass Antisemitismus der Schatten des jüdischen Volkes ist. … Solange es Juden gibt, wird es auch Antisemitismus geben. Denn verstehst du, die Leute denken nicht nach. Stellen sich hin und behaupten einfach: ›Er ist Jude, da ist doch alles klar.‹« Doch gleich daran schließen sich Worte an, mit denen sie ihre Hoffnung ausdrückt, dass man einmal darüber hinaus kommen könnte: »Wir sind Juden, aber wir sind Menschen, und man muss sehen, was für ein Mensch man ist und nicht nur nach der Nationalität fragen.« Sie fordert also ein, genau hinzuschauen. So wie sie es tut, wenn sie über die deutschen Besatzer spricht und kein einseitiges Bild zeichnet, in dem alle Deutschen als Mörder erscheinen, sondern in dem auch jene Personen erkennbar sind, die Juden helfen wollten.

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Diese Hoffnung, als Mensch anerkannt zu werden und nicht nach vorgefertig-ten Schemata beurteilt zu werden, mag sie auch bestärkt haben, die jüdische Identität bewusst zu vertreten. Sie hat nicht versucht, diese zu verheimlichen, denn

»das habe ich mir nicht erlaubt. Ich war der Meinung, das hieße, seine Nation zu verraten, das heißt auch die Verwandten verraten, seien sie auch noch so weit entfernt, und das ist unmoralisch. Ich stelle mich nicht auf jede Kreuzung und verkünde, dass ich Jüdin bin. Aber ich bin es, und wenn du Zigeunerin bist, dann hast du das gleiche Recht zu leben. Das wichtigste ist, andere nicht zu betrügen und nicht zu bestehlen. Sei einfach ein Mensch.«

Sie wendet sich gegen falschen Dogmatismus und unterstreicht dies, indem sie mir einige Seiten vorliest, die sie aus einem Buch abgeschrieben hat. Es sind Zitate aus Mark Twains Essays Über die Juden, in denen er zwar den steten Hass auf Juden bestätigt, aber auch die Beständigkeit des Volkes hervorhebt. Er wendet sich gegen den Judenhass, der seiner Meinung nach vor allem hervorgerufen wird durch Neid auf die besonderen Fähigkeiten, die sich Juden gerade aufgrund der Verfolgung und Diskriminierung erwerben mussten.6 Nina Romanowa setzt den Aufruf zur Toleranz und zur Anerkennung der Leistungen jüdischer Menschen insbesondere im Verhältnis zu ihren Kindern um:

»Meine Kinder sind Russen, verstehst du. Das haben sie sich selbst ausgesucht.

Mein Sohn trägt ein Kruzifix und geht in die Kirche, und ich werde nichts dagegen sagen, denn jeder soll so leben, wie er möchte. … Aber meine Aufgabe ist es natürlich, ihnen zu erzählen, dass es eine jüdische Nation gibt, die ihr eigenes, wichtiges und wertvolles Erbe hat und dass es gut wäre, wenn sie auch dieses kennen.«

»Jetzt gibt es einen Ort, wo man hingehen kann«

Die Erinnerung an die jüdische Vergangenheit schließt insbesondere das Gedenken an die während des Holocaust ermordeten Menschen ein. Nina Romanowa begreift es als ihre Pflicht, dieses weiterzutragen:

»Aber siehst du, was alles passiert ist, so wenige sind am Leben geblieben. Ich glaube, ich war dazu bestimmt, ich bin zufällig am Leben geblieben, habe alles gesehen. ›Erzähl allen so viel du kannst, und schreib so viel wie möglich‹, das habe ich verinnerlicht. Nun, über die Jahre habe ich natürlich einiges gemacht, zum Beispiel in der Schule, in der ich gelernt habe, da habe ich berichtet. Stell dir vor, wie viele Generationen das inzwischen sind, und sie machen Exkursionen und schreiben mir. … Und ich denke: ›Mein Gott, wenigstens ein paar erinnern sich daran, dass es den Holocaust gab.‹ Das ist natürlich auch meine eigene Sache.

Jetzt gibt es keinen einzigen Juden mehr dort, aber einen Gedenkstein aus weißem Marmor mit den Namen der Ermordeten haben wir 1960 aufgestellt.«

6

Mark Twain: Über die Juden und andere Essays, übersetzt von Ana Maria Brock, Bremen 1994 (1967).

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Das ist ihr ganzer Stolz. In der Inschrift durfte jedoch nicht auf die jüdische Herkunft der Opfer hingewiesen werden, sondern der Stein wurde abstrakt den

»Opfern der faschistischen Besatzung« gewidmet. Nur so ließ sich eine Erlaubnis der Behörden für die Errichtung des Gedenksteins erwirken.

Der Verlust der Mutter und der kleinen Schwester begleitet Nina Romanowa noch heute. Lange nach ihrem Tod hat sie einen Eimer Erde von dem Ort mitgebracht, wo sie umgekommen sind, die Erde neben dem Grab ihrer Großmutter in St. Petersburg ausgebreitet und einen kleinen Grabstein aufgestellt. »Jetzt gibt es einen Ort, wo man hingehen kann und nachdenken, Kerzen anzünden und Blumen niederlegen.« Damit hat Nina Romanowa der Trauer einen Ort gegeben, und einen Weg gefunden, den Opfern ihren Namen wiederzugeben. Gegen den gewalt-samen Tod hatte sie nichts tun können, doch die Wut darüber hat sie zur Gegenwehr getrieben, den Schmerz nimmt sie zum Anlass, zu erzählen. Würdigung und Erinnerung ist dasjenige, was sie den Opfern (zurück-)geben kann.

»Sieh den anderen als Menschen« – In die Zukunft gedacht Das Andenken an ihre Familie zu bewahren und das Nachdenken über die Geschichte sind ihr, so scheint es, wichtiger als zum Beispiel ihr eigener Beitrag dazu, dass dies überhaupt möglich ist – dass die deutsche Besatzung durch den ge-meinsamen Kampf von Partisanen und sowjetischer Armee zurückgedrängt und schließlich zerschlagen wurde. Meine Frage, ob sie Auszeichnungen für die Partisanentätigkeit bekommen habe, ignoriert sie fast: »Jaja, was man da halt so bekommen hat.« Sie habe ihre Gründe gehabt, sich dafür zu entscheiden, das sei das Wichtigste. Eine kleine Episode, die damit in keinem Zusammenhang zu stehen scheint, unterstreicht diesen Willen zur Eigenständigkeit: Nina Romanowa bedauert, dass viele ihrer Bekannten und Verwandten – wie ihr älterer Bruder – in den USA leben. Sie sei fast die Letzte, die dageblieben wäre. Sie habe lange über eine Auswanderung nachgedacht und sogar einmal ein entsprechendes Heim in den USA besucht, nachdem sie 1997 in Rente gegangen war. Das Leben in den Alters-heimen gefiel ihr nicht. Nahezu alle Wünsche werden dort erfüllt, doch erschien es ihr, als würden andere als man selbst darüber entscheiden, worin das eigene Wohlbefinden besteht:

»Wenn ich daran denke, muss ich lachen: Da laufen alle in den Schönheits-salon und zu allen möglichen Belustigungen. Schon wenn sie aufstehen, bekommen sie Tabletten. Dann geht es zum Frühstück, und dann gibt es eine Veranstaltung, ob du willst oder nicht, du musst da hin. Und dann gibt es schon wieder Mittagessen und am Abend noch eine Veranstaltung, da muss man auch hin, denn es hat ja Geld gekostet, um den Unterhalter einzuladen … Vielleicht habe ich die Freiheit dort nicht verstanden. Hier kann ich selbst bestimmen, wie ich lebe.«

Sie weist hier ein weiteres Mal darauf hin, was sie als das Wichtigste erachtet: Selbstbestimmt und nach individuellen Bedürfnissen leben zu können und nicht den Vorstellungen anderer unterworfen zu sein. Dies wurde während der deut-86

schen Besatzung massiv infrage gestellt, wo sie ausgebeutet und bedroht wurde.

Das Wissen über diese Geschehnisse weiterzugeben, ist einerseits dem Gedenken verpflichtet, andererseits aber auch der Vermittlung ihres Ideals: des freien Menschen.

Sie stellt ihre Erfahrungen in einen Kontext, der über das eigene Leben hin-ausgeht. So wie sie zwischen jenen Deutschen unterscheidet, die versucht haben zu helfen, und denen, die gemordet und misshandelt haben, sie also »die Menschen nach ihren Handlungen beurteilt«, fordert sie dies grundsätzlich für den sozialen Umgang miteinander ein. Die Erfahrung des Holocaust, als Menschen aus rassistischem Wahn heraus Millionen Menschen ermordeten, darf sich nie wie-derholen. Überwinden lässt sich die Gefahr erst dann, wenn Menschen sich nicht aufgrund von Vorurteilen, wegen ihrer Herkunft oder ihres Glaubens einschätzen und verachten. »Sieh den anderen als Menschen, egal welcher Nationalität er ist.«

Im Mai 2005, als ich wieder in St. Petersburg bin, erfahre ich, dass Nina Gennadjewna Romanowa-Farber im März des Jahres verstorben ist. Ich hätte sie gern wiedergesehen, ich hatte noch viele Fragen an sie.

»Ich möchte in meinem Leben wenigstens einen Deutschen in Gefangenschaft sehen.«

Jelena Askarewna Drapkina

Schon in meiner Kindheit in der DDR hatte ich Bilder gesehen, auf denen sowjetische Frauen in Uniform abgebildet waren. Sie waren Teil der Armee gewesen, die den Nationalsozialismus zerschlagen und viele der östlichen europäischen Länder von der deutschen Besatzung befreit hatte. Ob sie Partisaninnen oder Sol-datinnen waren, schien keine Rolle zu spielen, das äußere Erscheinungsbild zeigte sie meist lachend, in kämpferischer Pose. Und trotzdem wirkten manche dieser Posen merkwürdig steif, ließen die Frauen wie Denkmäler erscheinen.

Im kleinen Museum der Organisation ehemaliger jüdischer Häftlinge in St. Petersburg entdeckte ich einen Schaukasten mit ebensolchen Bildern. Darunter das einer Frau in Uniformjacke, mit einem Maschinengewehr in der Hand. Daneben lag eine Fotografie derselben Frau – diesmal trug sie einen Arztkittel, eine weiße Haube und hielt einen Zahnbohrer in der Hand. Pawel Markowitsch Rubintschik, der Vorsitzende der Vereinigung, vermittelte mich an diese Frau, die eine gute Freundin von ihm war: Jelena Askarewna Drapkina. Im April 2001 trafen wir uns das erste Mal. Nach einer anfänglichen Unsicherheit, ob ich denn »wirklich alles wissen wolle«, erzählte sie mir ihre Lebensgeschichte. Jelena Drapkina ist eine Frau mit einem sehr individuellen Lebensweg, die sich erinnerte, gemeinsam mit mir nachdachte und weit zurückliegende Gedanken und Gefühle offenbarte.

Mehr als ein Jahr später, im September 2002, besuchte ich sie ein zweites Mal.

Nach langem Zögern hatte sie mich doch eingeladen, sie war gerade krank gewesen und fühlte sich sehr schwach. Nach dem gemeinsam verbrachten Nachmittag bedankte sie sich für den Besuch, sie sei viel »wacher geworden« und es ginge ihr bereits besser. Ich spürte das auch, und wieder beschlich mich der Gedanke, das Interesse an ihren Erlebnissen, an leidvollen wie an seltenen, aber doch vorhandenen freudigen Erfahrungen sei das Wichtigste, was wir, die Nachgeborenen, den Überlebenden des Holocaust entgegenbringen können. Frau Drapkina war sichtlich erfreut, als ich im Mai 2005, kurz nach den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, erneut vor ihrer Tür stand.

Frau Drapkinas Zweifel, »trotz aller Erzählungen« könne ich mir »wahrscheinlich nicht vorstellen, wie das im Ghetto war«, das ließe sich auch »kaum wiedergeben«, sind nachvollziehbar, denn zwischen den Erinnerungen der Frauen und Männer und unserer Fähigkeit, uns Bilder davon zu machen, wird immer eine Lücke bleiben. Dennoch solle ich fragen, und es müsse auch aufgeschrieben werden, was sie und andere Menschen erlebt haben, meinte Jelena Drapkina. Der Moment, in dem sie sagte: »Ich bin froh, dass du immer wiederkommst«, und wir uns lange anschauten, war einer der bewegendsten während der Begegnungen mit ihr.

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»Ich wurde Lena genannt«

1924 in Minsk geboren und aufgewachsen, waren Kindheit und Jugend von Jelena Drapkina geprägt vom Aufbau der Sowjetunion. Mutter und Vater zählten zur sogenannten Intelligenzija: Linda Chajutowskaja arbeitete im Ispolkom, der Vater Askar Lewin war lange Zeit als Lehrer tätig gewesen, später als Buchhalter. An ihren älteren Bruder Grigori, geboren 1920, kann sich Jelena kaum erinnern. Der neun Jahre jüngere Saul wuchs zusammen mit Jelena auf. Beide Eltern waren jü-

discher Nationalität, lebten jedoch nicht nach religiösen Geboten und begingen auch die Feiertage nicht. Der Großvater und ein Onkel hingegen waren »sehr gläubig«. Lena, wie sie damals genannt wurde, sprach nur Weißrussisch, lernte auch in einer weißrussischen Schule und hatte keinen Bezug zum Judentum. Sie war Atheistin wie die Eltern:

»Ich wusste damals gar nicht, dass ich jüdisch bin. In Minsk spielte das keine Rolle, da lebten viele Juden, aber ich war in einer gemischten Klasse, hatte russische Freundinnen. Aber als der Krieg begann, als die Deutschen kamen – da wurde mir ganz schnell klar, wer ich bin.«

Diese geringe Bedeutung der nationalen Herkunft im Alltagsbewusstsein spiegelte sich in den Freundschaften der Kinder untereinander wider: »Wir wussten, dass sie russisch waren, sie wussten, dass wir Juden waren. Aber ansonsten gab es keine Unterschiede zwischen uns.«

Jelena war Mitglied verschiedener Zirkel im Pionierpalast, spielte in einer Theatergruppe. Durch Zufall wurde sie von einem Schwimmtrainer entdeckt, als sie im sechsten Schuljahr an den Übungen im Rahmen des BGTO1 teilnahm.

Fortan trainierte sie regelmäßig, ihre besten und Lieblingsdisziplinen waren Brust- und Delphinschwimmen. Als sie davon erzählt, leuchten ihre Augen: »Wir trainierten im damals einzigen 25-Meter-Becken in Minsk, im Haus der Roten Armee.«

Im Juni 1941 schloss sie die neunte Klasse ab und freute sich auf die Ferien:

»Am 22. Juni, dem Tag, als der Krieg begann, war ich im Pionierpalast.« Das Moskauer Künstlerische Theater war zu Gast und gab eine Sondervorstellung für die Kinder. »Und auf einmal, um zwölf Uhr, wurde diese unterbrochen, … und da erfuhren wir, dass der Krieg begonnen hatte.« Wie alle Einwohner der UdSSR

wurde auch Jelenas Familie völlig von dem deutschen Angriff überrascht. Als Minsk am 24. Juni bombardiert wurde, war der Vater zur Kur in Mogilew, die Mutter krank – die Flucht aus Minsk verzögerte sich, bis der Vater in Minsk zurück war. Lenas ältester Bruder leistete zu dieser Zeit seinen Wehrdienst, und so machte sich die Familie zu dritt auf den Weg. Deutsche Truppen hielten die Flüchtenden jedoch auf, so dass Jelenas Familie mit tausenden Menschen nach Minsk zurückkehren musste. Frau Drapkina beschreibt, was in ihr angesichts der Zerstörung und des Einmarsches der Deutschen vorging:

1

BGTO – Abbreviatur für »Bud gotow k trudu i oborone SSSR«: russ. »Sei bereit zur Arbeit und zur Verteidigung der UdSSR« (1931 gegründeter Massensportverband der Sowjetunion).

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»Als der Krieg ausbrach, da habe ich die deutschen Truppen gesehen, wie sie einmarschierten. Das waren alles so junge Kerle, hübsch und gesund, mit dieser ganzen Technik. Da stand ich also und dachte: Mein Gott, ich möchte in meinem Leben wenigstens einen Deutschen in Gefangenschaft sehen. Wie sie dann wohl aussehen werden.«

Das Haus der Familie war nach den schweren Bombenangriffen zerstört und ausgebrannt. Ohne jegliche Habe fanden Jelena, ihr Bruder Saul und die Eltern Unterschlupf zunächst beim Großvater Elija Chajutowski, der mit seiner zweiten Tochter Sonja und deren zwei Kindern das Haus teilte. Nach der Anordnung, alle jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner der Stadt müssten sich bis zum 24. Juli 1941 in einem Ghetto ansiedeln, fand sich die Familie in großer Enge im Haus von Mischa Chajutowski, eines Bruders von Jelenas Mutter zusammen:

»Wir sind alle zu ihm gegangen, das heißt wir vier, der Onkel hatte ja selbst Familie, einen Sohn und seine Frau, also waren wir zu siebt. Und dann war da noch der dritte Bruder, der hatte eine Tochter, seine Frau war bereits vor dem Krieg gestorben. Also waren wir insgesamt neun Personen, und wir wohnten in einem vierzehn Quadratmeter großen Zimmer. Können Sie sich das vorstellen? Wir lebten dort, … im Grunde schliefen wir auf und unter den Tischen.«

»Anders konnte man ja nicht leben« – Zwangsarbeit im Ghetto Im Ghetto wurde auf Befehl der Deutschen ein jüdisches Komitee, der sogenannte Judenrat eingerichtet, und »alle, die arbeiten konnten, sind dorthin gegangen, denn sie wussten, dass sie arbeiten mussten, anders konnte man ja nicht leben.« Brot wurde nur an diejenigen ausgegeben, die arbeiteten, mehr erhielten aber auch sie nicht. Ehe sie im Ghetto war, suchte Jelena gemeinsam mit ihrer Freundin Mascha Bruskina nach Arbeit und ist »von einer Stelle zur anderen gelaufen, irgendwo hat es dann geklappt, da mussten wir putzen.« Später, als der Ghettozaun solche Tätigkeiten nahezu unmöglich gemacht hat, arbeitete die Siebzehnjährige im Eisenbahndepot. Gemeinsam mit 15 anderen jungen Frauen und 30 Männern wurde sie morgens in einer Kolonne aus dem Ghetto herausgebracht und abends dann zurück. Am Arbeitsplatz trafen die Jüdinnen mit Menschen aus dem russischen Bezirk zusammen und »wenn wir zur Arbeit gingen, dann haben wir immer ir-gendwas mitgenommen, je nachdem, was man noch hatte, ein Kleid oder einen Mantel, und das haben wir dann mit den Russen gegen Graupen oder Mehl getauscht.« Einer der deutschen Vorarbeiter, der von sich behauptete, »im wilhelmi-nischen und nicht im hitlerschen Geist erzogen« zu sein, verschloss die Augen, wenn die Arbeiterinnen Holzspäne von den großen Kisten oder Karbid mitgehen ließen, um die Wohnräume im Ghetto beleuchten zu können: »Wir hatten ja keinen Strom, aber wir hatten solche kleine Funzeln, und wenn wir morgens auf-standen, hatten wir von dem Ruß immer schwarze Nasen, wie Vögel.« Neben der Gelegenheit, lebensnotwendige Dinge zu besorgen, war laut Jelena Drapkina die Zwangsarbeit auch Bedingung dafür, Wohnraum zu erhalten: »Mir zum Beispiel 91

wiesen sie ein Bett in einem Zimmer zu, in dem ich mit einigen anderen Familien wohnte.«

»Sogar die Ellbogen waren im Weg« – Rettung in der Malina Die Pogrome im zweiten Halbjahr 1941 prägen Jelena Drapkinas Beschreibung des Lebens im Ghetto, es sind beinahe die einzigen Daten, die sie während ihrer Erzählung nennt. Jeder dieser Tage ist für sie verbunden mit dem Verlust von Familienangehörigen, die den brutalen Überfällen zum Opfer fielen.

Im August 1941 führten die deutschen Besatzer drei große Razzien durch, bei denen sie vor allem Männer und die sogenannte jüdische Intelligenz verhafteten und zum großen Teil ermordeten. »Und am 26. August 1941 haben sie meinen Vater mitgenommen. Das war der letzte Tag, an dem ich meinen Vater gesehen habe.

Wohin sie ihn gebracht haben, was …« – der Satz bricht ab. Sprachlos lässt sie mich den Schmerz ahnen, den dieser Verlust bedeutet haben mag. Mit dem Vater wurde auch einer der Onkel verhaftet und in ein Konzentrationslager in Minsk verbracht.

Bei dem Pogrom am 7. November wurden die Tante mit zwei kleinen Kindern und der Großvater ermordet, »aber am 20. November, da war das zweite Pogrom, und dabei sind meine Mutter, meine Tante, der eine Onkel und seine Tochter umgekommen.« Jelena war dadurch Waise geworden. Sie entkam den Mördern nur, weil ihr Onkel auf seinem morgendlichen Weg zur Synagoge angehalten und von bewaffneten Polizisten nach Hause geschickt wurde. Als er davon zu Hause berichtete, sprangen Jelena, ihr Bruder und ihr Cousin auf und rannten aus der Wohnung, um sich zu verstecken. Sie flüchteten in eine sogenannte Malina, ein Versteck, das in ihrem Wohnhaus eingerichtet worden war. »Diese Malina war so gebaut: Die Männer hatten einen Hohlraum unter der Treppe mit Blech verkleidet, davor war eine Leine gespannt, und dort hingen dann Lappen, Lumpen, Wäsche, und eine Tür gab es.« In diesem Versteck standen schon sehr viele Menschen, es war sehr eng und gefährlich:

»Man konnte sich nirgends mehr setzen und legen sowieso nicht. Wer sich hin-legte, der wäre umgekommen. Alle standen dicht gedrängt, sogar die Ellbogen waren im Weg. Wir standen wie Sardinen in der Dose, bis zum Abend. Da war auch eine Frau mit einem Säugling, und was machten die Deutschen in dem Moment – also Sie werden mich schon entschuldigen, dass ich von ›den Deutschen‹

rede – … als die Deutschen die Treppe raufkamen, fing das Kind an zu weinen, da wären einige fast über es hergefallen. Die Mutter hat den Jungen dann gestillt, da wurde er ruhig. Die Deutschen hatten wohl das Geräusch gehört und blieben stehen, sind dann aber weitergegangen. … Wir standen einen ganzen Tag und eine Nacht dort drin, erst am nächsten Morgen sind wir wieder rausgekrochen.«

Jelena, Saul und ihr Cousin hatten nun die Familie und die Wohnung verloren.

Die Wohnungen, die jetzt leer waren, sollten als Quartier für deutsche Juden dienen, die in »den Osten« deportiert wurden. Glücklicherweise begegneten die bei-92

den Jugendlichen einer Schulkameradin von Jelena und konnten einige Tage in deren Wohnung übernachten, ehe sie durch die Zuordnung zur Arbeitskolonne selbst einen Wohnraum erhielten.

Enge und Kälte, Hunger und Krankheiten prägten das Leben im Ghetto. Als ich sie frage, welche Vorstellungen sie davon hatte, was sie nach dem Krieg tun würde, antwortet Jelena: »Wissen Sie, das Einzige, woran wir damals dachten, war etwas zu essen zu bekommen. Und dass man nicht verhaftet oder ermordet wird, an etwas anderes kann ich mich nicht erinnern.«

Die im Ghetto inhaftierten Menschen fürchteten die nahezu täglichen Mord-und Raubzüge deutscher oder kollaborierender Gruppen. Jelena erinnert sich an einen Versuch, sich vor den überraschenden Angriffen zu schützen:

»Wir hatten eine Nachbarin, die hatte neben ihrem Fenster einen Haken und eine Schnur angebracht, und auf der anderen Seite hängte sie eine Glocke daran.

Und wenn die Deutschen nachts kamen und durch die Straßen zogen und man nachts einen Schrei hörte, dann zog sie am anderen Ende der Schnur. Das war ein Geräusch! Wissen Sie, wie in der Kirche. Das ist lustig und traurig zugleich. Jetzt erzähle ich Ihnen das einfach so, aber damals – du hörtest dieses Geräusch, da wurde einem ganz anders …«

»Eine mondhelle Nacht« – Die »Aktion« am 2. 3. 1942

Im Eisenbahndepot arbeiteten auch einige Deutsche, in leitenden Positionen.

Jelena erinnert sich an ihren Chef, Herrn Schutzeigel und dessen Stellvertreter, Herrn Witzel. Beide wussten am 2. März 1942, dass im Ghetto etwas im Gange war. Sie diskutierten darüber und die Frauen hörten, dass »Gefahr im Ghetto«

drohe. Frau Drapkina meint, die Deutschen hätten Angst vor dem SD und der SS

gehabt und sie deshalb »dann doch auf das Auto steigen lassen und uns ins Ghetto gebracht.«

Sie erinnert sich noch genau an die Selektion, bei der am Ghettotor »Facharbeiter« von den anderen getrennt wurden: »Wir wurden aus dem Auto geholt und mussten uns entlang des Stacheldrahtes aufstellen. Das war eine Nacht, mondhell, schon nach Mitternacht, das vergesse ich mein ganzes Leben lang nicht.« Ein Deutscher stand am Ghettotor und kontrollierte die Arbeitsausweise. Wer sich als

»Facharbeiter« ausweisen konnte – »das waren im Wesentlichen Männer« –, wurde ins Ghetto gelassen; alle anderen, Kinder, Jugendliche, Frauen mussten sich in einer anderen Kolonne versammeln. Jelena besaß einen Ausweis, in dem ihr Arbeits-ort vermerkt war, sie wurde jedoch nicht als »Facharbeiterin« bezeichnet.

»Und als ich sah, dass er auf den Ausweis guckt und durchwinkt, da habe ich dieses Papier hervorgeholt und bin an der Reihe vorbeigegangen, und bin zu ihm gegangen, und sie haben mich durchgelassen. Verstehen Sie, Schicksal. Ich wurde durchgewinkt, als ich zu diesem Deutschen kam, der die Ausweise prüfte, da sieht er, dass ich ein Papier in der Hand habe und sagt zu mir: ›Geh da rüber, zu den Facharbeitern!‹ Ja, und so bin ich dahin gegangen.«

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Im zweiten Gespräch offenbart Jelena, dass dies mitnichten so einfach war, wie es sich hier liest, sondern sie sogar durch Schläge von polnischen Wachmannschaften daran gehindert werden sollte, außer der Reihe zu den Deutschen vorzu-dringen. Mein Erstaunen über diesen Mut und die Frage danach, woher sie die Sicherheit genommen habe, beantwortet Frau Drapkina mit klaren Worten, die mir meine Naivität unangemessen erscheinen lassen und deutlich machen, dass damals eine einzige Frage entscheidend war:

»Woher sollte ich irgendeine Sicherheit nehmen? Entweder – oder, entweder du überlebst, oder nicht, das zum einen; zum anderen, verstehen Sie, erst heute können wir darüber nachdenken, aber in dem Moment, da ging es nur darum zu überleben, irgendwie. Verstehen Sie?«

Aus diesem Überlebenswillen heraus setzte sich Jelena das Ziel, bis zum 1. Mai aus dem Ghetto zu fliehen. »Wohin – das wusste ich nicht. Hauptsache weg.«

»Wegen mir sollte niemand leiden« – Flucht aus dem Ghetto Bis Jelena Drapkina tatsächlich die Flucht aus dem Ghetto gelang, vergingen jedoch noch einige Monate, in denen sie täglich tödlicher Gefahr ausgesetzt war. Sie war auf sich allein gestellt und musste alle Vorbereitungen sorgfältig und unbemerkt treffen. Dabei hatte sie das Glück, Hilfe durch den organisierten Untergrund zu erhalten.

Bei dem Pogrom am 2. März war Jelenas Bruder Saul umgekommen, der im Ghetto zurückblieb während sie arbeitete. Zudem waren alle Frauen der Arbeitskolonne erschossen worden – bis auf Jelena und Oktja, eine junge Frau, die unbemerkt die Arbeitskolonne verlassen hatte und sich im russischen Bezirk verstecken konnte,

»weil sie blond war.« Sogar die Deutschen, die im Eisenbahndepot arbeiteten, seien geschockt gewesen, als am nächsten Morgen neben den Männern nur noch zwei Frauen zur Arbeit kamen. Zwei russische Männer, ein älterer mit Namen Tsche-chowski und Viktor, ein junger Lehrling, offenbarten sich Jelena gegenüber als Mitglieder der Untergrundbewegung. Sie beschafften ihr einen Pass, mit dem sie das Ghetto verlassen konnte. »Das war Glück, denn ohne Kontakte wusste niemand, wie er Verbindung zum Untergrund aufnehmen sollte«, erklärt Jelena Drapkina.

Zu dieser Zeit, im Frühjahr 1942, verließen mehr und mehr Menschen das Ghetto und versuchten, sich zu Partisaneneinheiten in den umliegenden Wäldern durchzuschlagen. Dies blieb auch der deutschen Ghettokommandantur nicht verborgen, und durch die brutale Bestrafung zurückgebliebener Familienangehöriger oder Mitbewohner der Häuser, in denen die Geflohenen gewohnt hatten, wurde versucht die Fluchten zu verhindern. Zusätzlich zu dem gelben Flecken2, den die Insassen des Minsker Ghettos trugen, mussten sie deshalb die Hausnummer auf der Kleidung anbringen, um so die Kontrollen zu vereinfachen.

Jelena wusste dies und wollte verhindern, dass wegen ihrer Flucht jemand zu Schaden kommt. So wartete sie ab. Eine Gelegenheit unentdeckt zu fliehen, bot 2

In Abweichung von zahlreichen anderen Ghettos, mussten die sowjetischen Juden im Minsker Ghetto tatsächlich kreisrunde gelbe Flecken statt eines sechszackigen Sterns tragen.

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sich in dem Chaos, das nach dem Pogrom im Sommer 1942 herrschte. In den Tagen vom 28. bis 31. Juli ermordeten deutsche und ihre Hilfstruppen bis zu fünfund-zwanzigtausend weißrussische Jüdinnen und Juden, aber auch jüdische Menschen aus anderen europäischen Ländern, die im sogenannten Sonderghetto festgehalten wurden. Während dieses letzten großen, furchtbarsten Pogroms im Minsker Ghetto wurden die Arbeitskolonnen nicht ins Ghetto gebracht, sondern mehrere Tage an ihren Arbeitsstätten festgehalten. Wahrscheinlich hat dies auch Jelena das Leben gerettet. Unmittelbar danach war jedoch unklar, »wer tot war und wer noch am Leben war, und in diesem Moment bin ich geflohen. So hat wegen mir niemand Schaden genommen.« Da sie nicht genau wusste, wo Partisaneneinheiten stationiert waren, machte sich Jelena Drapkina auf den Weg Richtung Westen. Von einer Frau, die früher aus dem Ghetto geflohen war, hatte sie erfahren, dass polnische Bauern sie vielleicht als Hausmädchen einstellen würden.

Himbeere

Der Ausbruch aus dem Ghetto rettete Jelena vor weiterem Terror, der sie womöglich das Leben gekostet hätte. Sie erinnert sich an diese Flucht:

»Als ich aus Minsk wegging, da kam ich in einen Wald, allein, und da sehe ich, da wachsen – Himbeeren. Verstehen Sie? Ich hatte noch nie gesehen, wie Himbeeren wachsen. Ich wohnte in Minsk, in einer Stadt, und wie es auf dem Land ist, das wusste ich alles nicht, und so sah ich das erste Mal Himbeeren. Ich kannte die, aber … und anstatt weiterzulaufen, habe ich angefangen, Himbeeren zu sammeln und zu essen.«

Das russische Wort für Himbeere, Malina3, bezeichnet auch ein Versteck wie jenes, in dem Jelena im November 1941 Zuflucht gesucht hatte. So sind es zweimal Maliny gewesen, die Jelena ins Leben zurückgeholt haben – haben sie das eine Mal unsichtbar gemacht, sie dem Pogrom entkommen lassen, bei dem ihr die Mutter und andere Familienangehörige entrissen wurden; ihr das andere Mal Stärkung verschafft, sie für einen Moment den ständigen Gedanken an die Bedrohung entfliehen lassen.

Demontiert Jelena Drapkina mit der roten Farbe der Früchte nicht auch die schwarzweißen Bilder, in der wir die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnern? Gleichsam symbolisiert dieser kostbare Augenblick ein Leben, dem sie nach der Flucht vor dem allgegenwärtigen Tod zustrebte: Ein Leben, in dem ihre Handlungen nicht durch Befehle oder Drohungen bestimmt waren. Die Vorstellung der Beeren pflückenden jungen Frau widerspricht den deprimierenden Bildern aus den Ghettos. Sie hat aber auch nichts mit den Bildern der heldenmütigen Kämpferinnen gemein. Jelena Drapkina vermittelt mir hingegen, dass Befreiung auch etwas anderes meinen kann als das Niederringen von Gegnern – nämlich die Mög-3

Malina: russ. Himbeere, wird aber auch zur Bezeichnung eines Versteckes (für Diebesgut) oder für eine illegale Unterkunft benutzt.

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lichkeit, selbstbestimmt, nach eigenen Bedürfnissen zu handeln, und sei es für einen noch so kurzen Moment.

»Ich musste mich doch rächen« – Die Partisanin

Nach einem langen Fußmarsch gelang es Jelena tatsächlich, in einem Vorwerk aufgenommen zu werden. Obwohl sie dem Hausherrn den Pass auf den russischen Namen Jedwiga Aleksandrowna Skrozkaja vorlegte, wusste er genau »was mit ihr los war«, meint Jelena, denn sie sei schwarzhaarig gewesen, was sie als Jüdin erkennbar gemacht habe. Wenige Tage nach ihrer Ankunft landeten in unmittelbarer Nähe russische Fallschirmspringer, die im Hinterland die Partisanentätigkeit organisieren sollten. Jelena bat um Aufnahme und wurde Mitglied der noch kleinen Gruppe, die jedoch schnell größer wurde. Die Partisanenbewegung insgesamt wuchs in Belorussland so stark an, dass eine Aufgliederung in verschiedene Otrjady und Brigaden vorgenommen wurde. Nach der Umgruppierung der verschiedenen »wilden« Gruppen wurde Jelena der Otrjad »Spartak« zugeordnet, die nordwestlich von Minsk agierte. Die Otrjad wiederum war Teil der Brigade »Bolschewik«.

Eingangs hatte Jelena berichtet, dass sie beim Einmarsch der Deutschen in Minsk im Stillen wünschte, wenigstens einen Deutschen in Gefangenschaft zu sehen. Die Aufnahme in eine Partisaneneinheit schien eine geeignete Möglichkeit zu sein, diesen Wunsch in die Tat umzusetzen. Auf meine direkte Frage, warum sie sich entschlossen hatte, zu den Partisanen zu gehen, erfahre ich: »Ich musste mich doch rächen, meine Mutter, meinen Vater, meine Brüder. Das war gar keine Frage.

Das war klar, ich musste zu den Partisanen und so gut ich kann Rache üben.«

So wurde die noch nicht einmal 18-jährige Jelena, geflohen aus dem Minsker Ghetto, zu einer kämpfenden Partisanin. Das ist ihr nicht nur leicht gefallen, schwierige Lebensbedingungen, die militärische Auseinandersetzung mit den Deutschen, das Leben als Frau in einer männerdominierten Umgebung – die ständige existenzielle Bedrohung währte zwei Jahre lang, bis zum Zusammentreffen mit der sowjetischen Armee im Juni 1944. Auch in der Reflexion darüber, woher sie die Kraft nahm, die Anstrengungen zu überleben und bewaffnet zu kämpfen, spielen die Gräueltaten der Deutschen eine entscheidende Rolle:

»Natürlich war das hart, aber sehen Sie, mit achtzehn, zwanzig Jahren, da machst du dir keine Gedanken darüber, dass es schwierig ist. Als ich all diese Misshandlungen gesehen habe, bei der Eisenbahn, da arbeiteten auch Russen, … und einer der Russen hatte einmal eine Weiche verwechselt, zwei Waggons sind zusam-mengestoßen, und da hat einer der Deutschen, ein ziemlich junger, ihn geschlagen

… ich weiß nicht, ob er das überlebt hat. Das … ist vor meinen Augen geschehen.

Verstehen Sie, da war keine Spur von Bedauern, solch eine Härte, mit der er zu-geschlagen hat …«

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»Ich habe geschossen«

Frau Drapkina folgte keiner Chronologie, als sie von der Zeit in der Partisaneneinheit berichtete. Vielmehr schilderte sie einzelne Situationen, die ihr besonders im Gedächtnis geblieben sind oder die charakteristische Momente widerspiegeln.

Zu Beginn hatte die Gruppe nur wenige Waffen und war auf die Unterstützung Einheimischer angewiesen. Diese konnten Orte benennen, an denen Rotarmisten begraben worden waren, und manchmal fanden sich in diesen Gräbern noch die Waffen der Gefallenen. Jelena erzählt mit einem Schaudern von der ersten Exhu-mierung, die sie miterlebte. Ihre erste Waffe war eine Pistole, zu der es keine Patronen gab – im Ernstfall hätte sie sich nicht einmal selbst schützen können. Durch Überfälle auf deutsche oder Polizei-Garnisonen erbeuteten die Partisanen weitere Waffen, die dann verteilt wurden. So bekam Jelena bald einen Stutzen, ein abgesägtes Gewehr, »furchtbar laut, und es hatte einen schrecklichen Rückstoß. Aber ich war bewaffnet.« Nachdem sich die deutsche Wehrmacht mehr und mehr in der Defensive befand, konnten die Partisanen im Hinterland auf verstärkte Unterstützung aus Moskau hoffen und erhielten zum Beispiel per Fallschirmabwurf bessere Waffen. Jelena wurde ein tschechisches Maschinengewehr zugeteilt, das sie bis Kriegsende trug. Nun zeigte sie mir das Foto, das ich schon aus dem Museum kannte: Jelena in Uniform, mit einem MG in der Hand. Ihre Erzählung lässt einen gewissen Stolz erahnen. Trotzdem scheint der Gebrauch der Waffe ihr nicht immer leicht gefallen zu sein. Als ich frage, ob sie ihre Waffe oft benutzt habe, meint sie: »Nein, ich kann nicht sagen, dass ich es oft getan hätte, aber … ich habe geschossen, ja … das musste sein.«

Die Einsätze der Einheit dienten neben der Organisation von Waffen dazu,

»sich zu rächen, den Deutschen das Leben ein bisschen schwer zu machen«, das hieß zum Beispiel Gleise zu sprengen und so Nachschubwege zu unterbrechen.

Die Operationen wurden streng militärisch organisiert, oft wusste nur der Kommandant genau über Ziel und Ablauf Bescheid. Jelena Drapkina hat ihren Kommandeur, Franz Gorok – ein Tscheche, der in der deutschen Armee diente und dann übergelaufen war – als sehr waghalsigen Menschen in Erinnerung. Der hat

»sehr riskante Sachen gemacht, das war unnötig, weil er dabei viele Menschenleben riskiert hat.« Verwarnungen haben ihn offenbar nicht davon abhalten können.

Bei einer geplanten Operation war die Einsatzgruppe durch einen Dorfbewohner verraten worden und geriet in einen Hinterhalt. Die Gruppe wurde umzingelt und beschossen, »und unser Kommandeur sagte, dass wir alle zum Fluss rennen sollen.

Wir waren ja umzingelt, sie hatten uns nur noch den Fluss als Ausweg gelassen. Und das war im November, der Fluss war zwar noch nicht zugefroren, aber es war schon Eis drauf. Und als wir mit Granaten beschossen wurden, sind wir alle losgerannt.«

Einer der Partisanen wurde von den Angreifern erschossen, ein zweiter schwer durch Granatsplitter am Bein verletzt. Jelena sieht noch heute die Blutspuren vor sich, aber auch die erfolgreiche Flucht:

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»Einen haben wir verloren, wir anderen sind alle rübergekommen. Mein Glück war wahrscheinlich, dass ich einmal Rekordhalterin von Belorussland im Schwimmen war, deshalb bin ich wohl rübergekommen, aber es kann auch sein, dass es gar nicht so tief war und wir deshalb alle ankamen. Wir sind dann in den Wald gerannt, es war November, verstehen Sie, alle froren und so, … und dann saßen wir da einige Stunden und trauten uns nicht, ein Feuer zu machen. Aber die Deutschen sind uns nicht hinterhergekommen.«

»Ich konnte kein Blut sehen« – Als Frau in der Otrjad

Den Deutschen durfte man auf keinen Fall lebend in die Hände fallen, das wussten die Partisanen, und »deshalb hatten wir auch fast alle eine Handgranate bei uns, eine ›Efka‹. Besser sich selbst umbringen, als denen in die Hände fallen«, denn »die Deutschen haben schrecklich gefoltert.« Jelena schildert die Furcht und den Schrecken, die sie als junge Frau begleiteten:

»Wissen Sie, eine Frau von uns haben sie gefangen, ich glaube aus der Luninski-Otrjad. Sie ist erwischt worden, und dann haben sie ein Bein von ihr an einen Baum gebunden, das andere an einen anderen, und dann haben sie sie zerrissen …

Verstehen Sie? Solche Dinge haben die gemacht … das ist … schwer zu glauben.

Ihr Mann hat das gesehen, ich war ja nicht in der Otrjad. Das was ich wirklich gesehen habe, das war, was sie im Ghetto gemacht haben, noch vor den Partisanen, schon da haben sie schreckliche Dinge getan.«

Der Hass der deutschen Truppen gegen die »Flintenweiber« wird in Darstellungen des Krieges gegen die UdSSR häufig hervorgehoben. Bilder von der brutal verstümmelten Soja Kosmodemjanskaja und Beschreibungen wie diejenige von Jelena spiegeln die Verachtung, mit der die als »Untermenschen« bezeichneten sowjetischen Frauen und Männer behandelt wurden. Die kämpfende Sowjetsoldatin oder Partisanin brachte zusätzlich das Bild des maskulinen Kämpfers ins Wanken, das eine der elementaren Stützen der nationalsozialistischen Rassenideologie war.

Die Bestialität, mit der weibliche Körper zugerichtet und erniedrigt wurden, zeugt von der Aggressivität der Täter, die durch die kriegsvorbereitende, »antibolsche-wistische« Propaganda zusätzlich angeheizt wurde.

In der Otrjad »Spartak« befanden sich mehrere Frauen, von denen sich Jelena besonders an vier erinnert: Anja, Katja, Schenja und eine Krankenschwester. Diese vier waren wie sie Mitglieder der kämpfenden Truppe, daneben waren andere in der Küche oder im Lazarett tätig. Die meisten Frauen waren als Angehörige von Verbindungspersonen in den Dörfern in die Einheit gekommen, wenn sie offensichtlich von der Entdeckung durch Deutsche oder Denunziationen bedroht waren. So befanden sich auch Kinder oder ältere Personen in der Einheit, die dann zum Beispiel eine Küche oder die Bäckerei betrieben.

Auch Jelena arbeitete zuerst in der Küche, sollte dann Krankenschwester sein.

Sie war damit jedoch nicht einverstanden, denn sie wollte kämpfen. »Außerdem konnte ich kein Blut sehen.« Auch in der Otrjad hat es also eine geschlechtsspe-98

Partisanen sprengen ein Bahngleis

Von Partisanen gesprengter Zug

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zifische Arbeitsteilung gegeben, die zwischen männlich und weiblich konnotierten Tätigkeiten differenzierte. In Ausnahmefällen wurde dies durchbrochen: Jelena wurde in Anerkennung ihrer Taten und nachdem sie eine schwere Splitterverlet-zung überstanden hatte, zur Kommandantin eines Dorfes in der Nähe von Plesch-tschenizy ernannt und hatte somit eine große Verantwortung. Als sich einmal ein militärischer Verband auf den Ort zubewegte und Jelena davon benachrichtigt wurde, musste sie schnell handeln:

»Dort waren diese undurchdringlichen Sümpfe. Wir mussten uns also etwas ausdenken. Wir haben dann sofort das ganze Dorf evakuiert, das war ein großes Dorf mit vielen Einwohnern, und wenn die Deutschen kamen, haben sie mit der Zivilbevölkerung nicht viel Federlesen gemacht, die haben sie alle umgebracht.

Sie mussten also alle weg, und so haben wir sie alle evakuiert und ein leeres Dorf hinterlassen.«

Inmitten der aus Moskau entsandten Sowjetsoldaten, entflohenen Kriegsgefangenen und Männern aus umliegenden Orten, hielten die Frauen eng zusammen und unterstützten sich gegenseitig:

»Einmal sind wir uns zu dritt zusammen waschen gegangen, morgens. Wir waren auf dem Weg zu einem Einsatz und hatten nur so ein provisorisches Lager. Es regnete, und so sind wir ein Stück von unserem Lager weggegangen und wollten uns waschen. Da sahen wir jemanden, der sich anschlich. Da sind wir drei sofort umgekehrt und zum Kommandeur gelaufen und berichteten ihm, dass da ein Mann herumschleicht. Gut, dass er uns angehört hat, aber wir waren zu dritt und konnten einander bestätigen. Er hat dann sofort alle aufstehen lassen, und wir sind von dort weggegangen. Wir mussten durch einen Sumpf, das ist eigentlich eine harte Sache, aber damals haben wir das gar nicht bemerkt, und kaum dass wir den Sumpf durchquert hatten, hören wir hinter uns schon die Hunde.«

Die Absonderung von der Gruppe, um sich ungestört waschen zu können, hatte in diesem Fall den Effekt, dass die Partisanen einem Angriff knapp entkamen. Eigentliche Intention der Frauen war aber, sich einen Raum zu schaffen, in dem sie individuellen Bedürfnissen nachgehen konnten, ohne von Männern beobachtet zu werden. Die Beziehungen zwischen Frauen und Männern sind ein sensibles Thema für Jelena Drapkina. Viele meiner Fragen bleiben unbeantwortet.

Aus Zeitzeugenberichten ist bekannt, dass Juden und Jüdinnen in sowjetischen Partisaneneinheiten oftmals Ziel antisemitischer Angriffe waren oder gar nicht aufgenommen wurden. Eine entsprechende Frage beantwortet Jelena Drapkina negativ. Sie war die einzige Jüdin in der Otrjad, ihrer Erzählung nach hatte dies für sie aber keine besonderen oder negativen Konsequenzen. Im Gegenteil, als sie die sowjetischen Fallschirmspringer ansprach »und sagte, dass ich Jüdin sei, da war ihnen alles klar.« Später, 1943 hätte das zum Problem werden können, denn da »waren die Otrjady größer und es gab da viele Einheimische.« Sie wusste, dass es im Wald von Beloweschsk eine jüdische Einheit existierte, aber der Weg wäre sehr weit und beschwerlich gewesen, und außerdem sei es ihr gut gegangen.

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»Wenn man älter ist, steht man das gar nicht durch« – Leben im Wald Die Partisaneneinheit konzentrierte sich auf den militärischen Kampf. Die Frauen und Männer, Jugendliche und ältere Menschen trotzten jedoch nicht nur den mör-derischen Angriffen. Sie waren zudem unmittelbar den natürlichen Bedingungen von Hitze und Kälte, Regen und Schnee ausgesetzt und mussten inmitten von Wald- und Sumpfgebieten Nahrung beschaffen, Kranke versorgen, schlafen. Frau Drapkina denkt heute, dass es »wahrscheinlich die Jugend war, die einen das alles hat aushalten lassen, wenn man älter ist, steht man das gar nicht durch.« Aushalten musste man zum Beispiel, in Semljanky, Erdhöhlen, zu schlafen, auf »Betten«

aus Stroh oder Heu. Wenn die Gruppe unterwegs war um Razzien zu entgehen oder zum Ort einer geplanten Operation zu gelangen, gab es nicht einmal solche Höhlen:

»Wenn es warm ist, dann geht das natürlich, aber dann wird es kalt, da konnte man da nicht mehr schlafen. Was haben wir also gemacht, wir haben ein Feuer auf der Erde gemacht, damit der Boden schön warm wird. Dann haben wir das Feuer weggeschaufelt und uns auf diese Stelle gelegt.«

Nützlich waren dann Schaffelle, die Einzelne bekommen hatten. Nachteilig war allerdings, dass man immer alles bei sich tragen können musste. So war es auch kaum möglich, Nahrungsvorräte für einen längeren Zeitraum anzulegen. Die Küche, eine Art Mensa, in der viele der Frauen und Jugendlichen tätig waren, und die Bäckerei waren deshalb auf die Dinge angewiesen, die aus den umliegenden Orten und Dörfern beschafft werden konnten.

Noch während ihres Rückzugs versuchten die deutschen Truppen, so viele Partisanen und Zivilisten wie möglich umzubringen. Sie blockierten ganze Waldge-biete, in denen Einheiten stationiert waren, und zerstörten diese rücksichtslos. Jelena kam in jedem unserer Gespräche darauf zurück und beschrieb, wie sie selbst nur knapp entkommen konnte:

»Die sind aus zwei Richtungen vorgerückt und haben uns zum See Palik getrieben. Von dort ist ein Drittel der Leute zurückgekommen. Da sind sehr viele ums Leben gekommen, das war schrecklich. Unser Stabschef, Kostja Belkin, der ist verwundet worden und starb … Wenn Unsere  ein bisschen eher gekommen wären und wir uns ihnen hätten anschließen können, dann wären noch mehr Partisanen am Leben geblieben. Ich selbst, ich war sozusagen im Hinterland, ich bin gar nicht mehr bis zum See gekommen, ich konnte nicht mehr laufen. Und wissen Sie, was die Deutschen in dem Moment gemacht haben: Sie haben den Wald von drei Seiten angezündet, du weißt gar nicht mehr wohin, überall brennt es. Und da fand ich mich auf einmal mit zwei jungen Mädchen aus der Luninski-Otrjad wieder, in einer Erdhöhle stießen wir aufeinander, da lagen wir dann … oj.«

Mit den beiden Mädchen versteckte sich Jelena einige Tage im Wald, sie ernährten sich dabei von der Notration, einem Stück Speck und Brot, die Jelena bei sich hatte. Die überlebenden Partisanen fanden sich wieder zusammen und erwarteten den Zusammenschluss mit der Sowjetarmee. Als es endlich so weit war, 101

freute sich Jelena Drapkina so sehr, dass sie in dem Moment, da sie den ersten der Generäle auf einem Panzerwagen erblickte, ihm eine kleine Pistole schenkte. »Er gab mir seine Uhr und ich ihm diese Pistole, dann sind sie sofort weitergezogen.«

»Ich hatte drei Jahre lang nicht gelesen« – Neuanfang in Leningrad Auch wenn Jelena bedauert, dass die regulären Truppen nicht früher angekommen waren oder eine zweite Front rechtzeitig eröffnet wurde, vermittelt sie die Freude, die mit dem Ende der Kämpfe verbunden war. Gemeinsam mit einer anderen Partisanin, Alla, wurde sie zum Stab der Partisanen beordert, wo sie zunächst als Sekretärin tätig war. Ende des Jahres 1944 forderte der Vorsitzende des Minsker Ispolkom »zwei gebildete und zuverlässige« junge Mitarbeiterinnen, die nicht unter der Besatzung gelebt hatten. Wir konnten im Gespräch nicht abschließend klären, ob ihre Mitgliedschaft in der Partisaneneinheit das Leben unter deutscher Kontrolle und deutschem Einfluss – wie sie den diffusen Verurteilungen zugrunde lagen – aufgewogen hat. Zu vermuten ist jedoch, dass die Beteiligung am militärischen Kampf gegen die Besatzer als Freispruch vom Verdacht der Kollaboration wirkte, wie er gegenüber vielen Erwachsenen, die in den besetzten Gebieten gelebt hatten, gehegt wurde.

Eines der wenigen bewohnbaren Häuser in Minsk, ein Hotel auf der Komso-molskaja Uliza, wurde zum Wohnheim für Mitarbeiter staatlicher Behörden. Auch Jelena Drapkina und ihre Freundin Alla bekamen ein Zimmer zugewiesen und teilten es sich. Und am 9. Mai 1945 wurde die Kapitulation der deutschen Truppen verkündet.

»Unsere Nachbarin riss das Fenster auf und schrie: ›Sieg! Steht auf!‹ Um zwei Uhr in der Nacht! ›Sieg! Sieg!‹ Und da sind alle auf die Straße gelaufen, alle riefen ›Sieg!‹, die einen weinen, die anderen lachen, und wieder andere … also, wer alle Verwandten verloren hatte, das … oj! Das haben wir gefeiert. Wie lange hatten wir darauf gewartet, vier Jahre lang. Das weiß ich noch sehr gut, wir warteten die ganze Zeit, dass eine zweite Front eröffnet wird. Das ist ja erst passiert, als klar war, wer den Krieg gewinnen würde. Das war ein Feiertag!«

In Minsk blieb Lena, bis sie Kontakt zu ihrer Tante in Leningrad aufnahm und zu ihr, der einzigen noch lebenden Verwandten, zog. Das war im Sommer 1945, Jelena war gerade 22 Jahre alt. Die Tante drängt sie zu studieren, und nach eini-gem Zögern entschließt sie sich dazu. Da alle anderen Aufnahmeprüfungen bereits abgeschlossen waren, beginnt sie ein Studium der Zahnmedizin. Das Lernen fiel ihr schwer, nachdem sie sich mehrere Jahre kaum intellektuell betätigen oder auch nur lesen konnte:

»Wissen Sie, Zeitungen gab es absolut keine, von Juni 1941 an, da hatte ich meine letzte Prüfung nach der neunten Klasse. … Und im Ghetto, was habe ich da gelesen

– Ankündigungen, Verordnungen, aber Zeitungen gab es nicht, um an so etwas heranzukommen, musste man Kontakte zum Untergrund haben, aber ich – alle waren ja schon tot, mein Vater, meine Mutter, alle waren umgekommen, woher sollte ich da ir-102

gendetwas bekommen? Also es gab keine Zeitungen, keine Bücher, unser Haus war ja abgebrannt, und da wo ich wohnte, gab es keine Bücher. Und bei den Partisanen gab es höchstens Flugblätter, und was wir noch hatten, das war ein Radio. Das heißt, im Stab gab es ein Radio und jemand hat das dann weitererzählt. Aber ich habe praktisch, ab 1941, 1942, 1943, insgesamt drei Jahre lang hatte ich nicht gelesen. Das, und mein Gedächtnis, das Lernen ist mir sehr schwergefallen, überhaupt fiel mir das in dem Alter recht schwer, ich habe ja 1946 direkt angefangen zu studieren.«

1945 heiratete Jelena Wulf Drapkin, einen Offizier, der während des Krieges im Iran eingesetzt war. Ihr erster Sohn wurde ein Jahr später, am 9. Mai, geboren, noch während Jelenas Studium. »Da wurde der neunte Mai zum allergrößten Feiertag für mich.« Die Verletzungen, die ihr Mann während des Krieges erlitten hatte, waren so schwer, dass er 1949 im Alter von 27 Jahren an den Spätfolgen verstarb. Jelena musste also ihr Kind allein großziehen und war auf eine Anstellung dringend angewiesen, die sie erst nach langer Suche fand. Sie erinnert sich, dass die Renten sehr niedrig waren und die Zahnärzte so lange arbeiteten, dass sie »buchstäblich am Be-handlungsstuhl starben, denn die Rente hätte nicht zum Leben gereicht.« Jelena Drapkina fand dann aber eine Halbtagsstelle in der Kinderabteilung. Der Lohn war so gering, dass sie ohne die Waisenrente, die ihr Sohn als Kind eines Militärangehörigen bekam, nicht über die Runden gekommen wäre. Später erhielt sie eine Ganztagsstelle und arbeitete den Sommer über in Pionierlagern. Frau Drapkina sagt,

»mir war das sehr recht, denn ich habe volle drei Monate dort gearbeitet, und war mit meinem Sohn auf dem Land. Ich konnte ihn selbst nirgends hinschicken.« So gewöhnte sie sich auch daran, als Kinderzahnärztin zu arbeiten. Geplant war das nicht, wie sie mir versichert, sie sei da so hineingerutscht.

Zehn Jahre nach dem Tod ihres ersten Mannes heiratet sie ein zweites Mal. Der Mann bringt zwei Söhne aus einer früheren Partnerschaft mit in die Ehe. Trotz der Schwierigkeiten, harten Arbeit und Hindernisse, die sie dabei hatten, gelingt es dem Paar, die Söhne großzuziehen. Mit hörbarem Stolz erzählt sie, dass alle Ingenieure geworden sind, verheiratet sind und Kinder haben. Vierzig Jahre lang, bis 1989, arbeitet Frau Drapkina in ein- und derselben Poliklinik, der besten in Leningrad: »Zu uns kamen all die schwierigen Fälle.« Nachdem sie das offizielle Rentenalter erreicht hatte, arbeitete sie weiterhin in einer Praxis in der Nähe ihrer Wohnung und beendet erst mit 70 Jahren ihre lange Berufslaufbahn.

»Viele haben das verheimlicht« – Die Erinnerungen einer jüdischen Partisanin Und dann schildert sie unvermittelt, als meinte sie, genug von sich erzählt zu haben, die Geschichte ihrer Freundin Mascha Bruskina, deren Name aus dem offiziellen Erinnerungsdiskurs ausgeschlossen bleiben soll. Konnte sie, Jelena Drapkina, sich zu ihrer jüdischen Herkunft bekennen? Die bitteren Erfahrungen, die sie im Ghetto gemacht hatte, artikulieren und in einen Zusammenhang stellen mit dem Entschluss, Partisanin zu werden? Hat sie Unterstützungen bekommen, die ihr das Leben als Waise erleichtert haben?

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»Nein, da gab es nichts. … Als alle anderen im Ausland Entschädigungen bekamen, da sagte Chruschtschow: ›Nein, danke.‹ … Erst jetzt, im vergangenen Jahr

[2000; A. W.], da haben minderjährige Häftlinge erstmals eine minimale Rente erhalten. Aber bis dahin – nichts. Viele haben das sogar verheimlicht, aber ich selbst nicht, denn als ich im Komitee angefangen habe zu arbeiten, da habe ich angegeben, dass ich im Ghetto war. Das war also 1944, 1945. Und als ich zu studieren anfing, da auch, und 1948, 1949, als ich zu arbeiten begann, da musste ich auch einen Fragebogen ausfüllen.«

Viele andere haben jedoch versucht, ihre Ghettohaft oder die Tatsache, dass sie in den besetzten Gebieten lebten, zu verheimlichen. »Viele haben das nicht eingetragen, weil sie Angst hatten. Denn das war so: ›Aha, du warst im Ghetto – wie hast du denn dann überlebt? Wieso bist du am Leben geblieben?‹« Dass Jelena Drapkina nie offen mit solchen Unterstellungen konfrontiert wurde, führt sie darauf zurück, dass sie nach der Flucht aus dem Ghetto zwei Jahre bei den Partisanen gekämpft hat. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen für ihre Teilnahme, darunter den Orden für »Partisanen im Großen Vaterländischen Krieg« und für ihre »Beteiligung am Sieg über Deutschland«.

Eine Kampagne der sowjetischen Regierung, die gegen eine vorgebliche kos-mopolitische Verschwörung gerichtet war, hätte auch Jelena direkt treffen können.

Jelena Askarewna Drapkina

als Partisanin

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Im Zentrum der Kampagne in den Jahren 1952 und 1953 standen vor allem Ärzte jüdischer Nationalität, die als Leibärzte von Stalin angeblich dessen Ermordung planten. Jelena arbeitete zu der Zeit bereits als Zahnärztin. Sie erinnert sich, dass zu ihr als junger Ärztin Patienten weiter kamen, »aber ältere Ärzte erzählten, dass Mütter gekommen waren und gesagt hatten: ›Ich möchte nicht zu diesem Arzt.‹

Die hatten kein Vertrauen mehr, verstehen Sie?« Im Gedächtnis blieb ihr vor allem die Aussage einer Kollegin, die die aufgeregte Jelena – »ich habe das alles geglaubt, das stand ja in der Prawda« – zu beruhigen suchte: »Es wird schon herauskommen, dass das alles nicht wahr ist. Ein Arzt wird niemals bewusst einen Menschen töten.« Dies war für Jelena nicht so selbstverständlich, denn »viele, die in Hitlers Armee dienten, da waren ja auch Ärzte, die Kindern das Blut abgenommen haben – das sind doch keine Ärzte!« »Zum Glück« sei aber Stalin 1953 gestorben, und damit sei »all das vorbei gewesen.«

Trotzdem war es bis vor wenigen Jahren nicht möglich, sich als ehemalige jü-

dische Häftlinge oder Partisanen zu organisieren. Mit der Auflösung der Sowjetunion und dem tiefgreifenden politischen Wandel bestand die Option, und 1990

versammelten sich erstmals die jüdischen Veteranen in St. Petersburg. Als ich sie nach dem Anlass für die Gründung der Organisation frage, antwortet sie, kaum dass ich den Satz beendet habe: »Um zu zeigen, dass wir Juden auch gekämpft haben und nicht in Taschkent gesessen und den Krieg abgewartet haben.« Es ist ein weitverbreitetes Klischee, jüdische Männer und Frauen hätten sich während des Krieges in Taschkent – dem Ort, der Sowjetbürgern als Verkörperung des Para-dieses galt – verkrochen.

In diesem Moment des Gesprächs beginnt Jelena, nach einer ganz bestimmten Medaille zu suchen, die sie zusätzlich zu den zwölf sowjetischen besitzt. Ich staune, als sie eine Kostümjacke aus dem Schrank holt, die auf der linken Brust-seite behängt ist mit all den Ehrungen – so als würde sie morgen damit zu einer Feier gehen wollen. Die einzige Medaille, die sie extra aufbewahrt, ist die israeli-sche, die sie 1995 anlässlich des 50. Jahrestags des Kriegsendes erhalten hat. Damals sei eine Delegation aus Israel angereist, und unter acht Personen war sie die einzige Frau der jüdischen Veteranenvereinigung gewesen, der diese Auszeichnung verliehen wurde. Sie ist sichtbar stolz auf die Ehrungen, zu merken ist dies vor allem, während ich die englische Aufschrift »Für die jüdischen Kämpfer gegen den Nazismus« übersetze. Lange Zeit nach dem Ende des Krieges hat sie die Erinnerung an ihre Erlebnisse im Ghetto, bei den Partisanen verdrängt – »ich musste so viel arbeiten, hatte wenig Zeit. Das war alles so weit weg für mich, verstehen Sie?

Doch jetzt zünde ich Kerzen an, an den Tagen, an denen meine Mutter, mein Bruder und mein Vater ermordet wurden.« Ob, wann und wo ihr älterer Bruder umgekommen ist, konnte sie trotz mehrerer Anfragen an das Militär nicht herausfinden.

Mit dem Rückgriff auf Yortzeit, einem alten jüdischen Brauch, an den Todes-tagen engster Angehörigen ein Licht anzuzünden, findet das Gedenken an ihreFa-milie nun einen Ausdruck, den sie lange Zeit nicht fand. Es scheint, als habe die 105

– wenn auch noch immer beschränkte – neu gewonnene Offenheit des öffentlichen Diskurses, und vielleicht auch das Wissen um das nahende Lebensende, dazu beigetragen, dass sich Jelena Drapkina viele Gedanken über ihre eigene Herkunft macht, Jüdisch-Sein für sie eine neue, andere als die von Stigmatisierung durch deutsche und sowjetische Behörden gekennzeichnete Bedeutung bekommt:

»Irgendwer hat mich beschützt. Ich war so oft dem Tod so nah, und irgendjemand hat mich immer gerettet, und unfreiwilligerweise fängt man an zu glauben.

So wie ich früher an Stalin geglaubt habe, ja, ›für die Heimat!, für Stalin! Vorwärts!‹

– das war so, so scheint es mir jetzt, dass es wohl doch eine Art höhere Macht gibt.

Ob das nun Gott ist oder nicht, das weiß ich nicht.«

Die Erinnerung an den Großvater, der streng nach religiösen Gesetzen gelebt hat, kommt auf, wenn sie erzählt, dass sie sich derzeit bemüht, mehr über jüdische Rituale, Feiertage und Gebote zu wissen.

»Nicht einmal die eigene Sprache hat man uns beigebracht, keine Traditionen.

Das Einzige, was ich wusste, war, wenn Pessach war – da hat mein Großvater Matze mitgebracht. Ich bedauere sehr, dass ich meine eigene Sprache nicht kann.

Viele Jahre nach Kriegsende, als ich etwa fünfzig war, da ist mir das bewusst geworden. Dabei hätte ich von meiner Schwiegermutter viel lernen können – sie kannte alle die Gebote und Vorschriften. Wenn sie damals Pessach vorbereitete, da dachte ich immer nur ›meine Güte, so viel Aufwand!‹ Aber mein Mann war in der Partei, dem war das überhaupt nicht wichtig, und so haben wir uns an nichts gehalten. Und heute ist es recht schwierig, sich dieses Wissen wieder anzueignen.«

Eine rechte Antwort auf das Bedürfnis nach der »Rückkehr« zur Religion finde ich nicht im Gespräch, wohl wissend, dass Jelena Drapkina hiermit nicht allein steht – der Zusammenbruch des sowjetischen Systems hatte offensichtlich den Wunsch nach »neuen« Werten und Orientierungspunkten für eigenes Handeln zur Folge.

»Ich habe es geschafft« – Formen von Widerstand

Mit Jelena Drapkina habe ich eine Frau kennengelernt, die mir nicht nur ihre Erlebnisse mitteilte, sondern immer wieder auch Überlegungen äußerte, in denen ihre Nachdenklichkeit über ihr eigenes Leben und das von anderen zum Ausdruck kommen. Sie blickt auf Jahrzehnte zurück, die von bitteren, kaum vorstellbaren Erfahrungen durchzogen sind, die ihr selbst unwirklich erscheinen:

»Manchmal, wenn man alt ist, leidet man an Schlaflosigkeit, und wenn man dann nicht schlafen kann, dann läuft vor deinem inneren Auge das Leben ab. Und dann erinnerst du dich, was du durchgemacht hast. Und da gibt es Dinge, die sind so unwahrscheinlich, verstehen Sie, wenn ich das alles nicht selbst erlebt hätte und mir würde das jemand erzählen, dann würde ich auch denken, dass das nicht sein kann. Das war so schrecklich, das kann man sich kaum vorstellen. … Als ich jung war, da habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht, da hatte ich nur ein Ziel: überleben. Verstehen Sie? Das war mein Ziel, irgendwie durchzukommen.«

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Es scheint, als habe sie die Jahre der Besatzung in einer Art Schockzustand durchlebt, getrieben von dem Willen, zu überleben. Und doch finden sich in der Erzählung dieser Frau Hinweise darauf, dass sie aufgrund der Wahrnehmungen wichtige Entscheidungen über ihr eigenes Handeln getroffen hat – und es nicht unbedingt eine »höhere Macht« war, die ihr das Leben gerettet hat.

Die grausamen Verbrechen der Deutschen im Ghetto ließen den Entschluss reifen, sich zu wehren, diese Brutalität nicht unbeantwortet zu lassen. Was sich mit den Gedanken beim Einmarsch der deutschen Truppen im Juni 1941 angedeutet hatte, verstärkte sich, nachdem Jelenas Familie umgebracht worden war. Immer wieder stellt sie auch die brutalen Methoden der sogenannten Partisanenbekämpfung in einen Zusammenhang mit den Lebensbedingungen und dem Terror im Ghetto. Man kann vermuten, dass ihr diese »doppelte« Verfolgung umso unfassbarer erschien, traf sie doch bewaffnete Partisanen ebenso wie unbewaffnete Zivilisten. Vor allem die jungen deutschen Soldaten und SS-Männer haben sie erschreckt, die entkräftete Arbeiter verprügelten, die Partisaninnen bestialisch hin-richteten, die Zentimeter entfernt von der Malina ihre Nachbarn ermordeten. Wir erfahren aber auch von den kleinen Hilfeleistungen, die andere Deutsche gewährten. Diese Differenzierung mag erstaunen angesichts ihrer Erfahrungen. Offensichtlich hatte Jelena von Beginn an in den schwer bewaffneten Soldaten die große Gefahr erkannt, welche die unbewaffneten Zivilisten bedrohte. Gegen die perfide Vernichtungslogik der tieffliegenden MG-Schützen, die Jagd auf die Flüchtlinge aus Minsk machten, schien Widerstand unmöglich: »Wie soll man denn auch Widerstand leisten gegen einen bewaffneten Menschen?« Ihre Freundin Mascha hat es auf ihre Weise getan. Sie wurde dafür umgebracht. Vielleicht hat dieser Tod Jelena darin bestärkt, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, wie sie es sich beim Einmarsch der Deutschen vorgenommen hatte. Jelena Drapkina macht unmittelbar deutlich, dass die Zeit bei den Partisanen für sie die Möglichkeit war zu zeigen, dass sie die Herrschaft der Besatzer nicht anerkennt, nicht über die Sowjetunion und nicht über ihr Leben. Durch die Flucht aus dem Ghetto entzog sie sich dem Terror der Deutschen und der Kollaborateure, die permanenten Zugriff auf das Leben der inhaftierten Menschen hatten.

Mit Jelena Askarewna bin ich einer Frau begegnet, der es sehr wichtig ist, dass ihre Erinnerung bewahrt wird, ihr Zeugnis von den Verbrechen und ihrem Kampf, aber eben auch von Menschen wie ihrer Freundin Mascha, die Menschenleben retteten. Als ich sie, die viele Monate in einer Partisaneneinheit gefährliche Operationen durchführte, nach ihren Empfindungen gegenüber der Mär von »den Juden, die sich nicht gewehrt haben« frage, bezeichnet sie das als Lüge. Wie hätte das möglich sein sollen, gegen die bewaffneten Soldaten? Dann erzählt sie von sich, wie sie sich wünschte, wenigstens einen der einmarschierenden Deutschen gefangen zu sehen. Sie beendet diesen Satz mit den Worten: »Und ich habe es geschafft.«

»Ich war ja praktisch noch ein Kind.«

Rita Abramowna Kaschdan

»2,5 Millionen Blumen, die nicht erblühen durften« – mit diesen Worten gedachte ein junges Mitglied der Petersburger Jüdischen Gemeinde der jüdischen Kinder, die dem nationalsozialistischen Genozid zum Opfer gefallen sind. Anlässlich des seit 1959 alljährlich in Israel und zahlreichen Jüdischen Gemeinden begangenen Holocaust-Gedenktages, Jom haScho’a, hatten sich am 21. April 2001 auch in St. Petersburg Überlebende verschiedenen Alters in einem Kinosaal zusammenge-funden, um der vielen Toten – Angehörigen, Freunden, Mitkämpfern der Partisaneneinheit – zu gedenken.

Die heute noch Lebenden waren zum Zeitpunkt des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion im Jugendalter oder gar noch Kinder. Dieser Gedanke verstört, wenn man den betagten Frauen und Männern gegenübersitzt und ihre Erinnerungen an-hört: Ich kenne sie nur als Erwachsene im hohen Alter. Um ein Verständnis für ihre Erfahrungen entwickeln, ihre Wahrnehmungen reflektieren und Entscheidungen nachvollziehen zu können, muss ich mir eine Vorstellung von ihnen in jungen Jahren schaffen.

Pawel Markowitsch Rubintschik, der Vorsitzende der Vereinigung, hatte immer wieder von »seiner Schwester« gesprochen, seiner Partisanenschwester. Mein Wunsch, Rita Abramowna Kaschdan kennenzulernen, erfüllte sich recht spät und nach einigen Schwierigkeiten – sie zieht es vor, wenn irgend möglich auf ihrer Datscha vor den Toren der Fünfmillionenstadt zu wohnen und ist dort nicht erreichbar. Ende Mai 2001 trafen wir uns aber doch in ihrer Wohnung, in der sie mit ihrem Mann wohnt. Ein zweites Mal sehen wir uns vier Jahre später, in den Tagen der Feierlichkeiten rund um den 60. Jahrestag des Kriegsendes. Auch an diesem langen Vormittag erfahre ich viele Einzelheiten aus dem Leben von Rita Kaschdan.

Ihr Beharren auf Genauigkeit, auf Korrekturen an einem Skript, das ich ihr vor langer Zeit geschickt hatte, zeigt mir, wie wichtig das genaue, aufmerksame Zuhören ist, dass Details, Daten, Orte bedeutsam sein können. Aber auch, dass wir diese manchmal nicht unmittelbar erfahren, sondern rekonstruieren müssen aus dem Gesagten, und dass dies nur gemeinsam mit der sich Erinnernden möglich ist.

Die über siebzig Jahre alte Frau führte mich mit ihren Erinnerungen zurück in die Zeit, in der sie 13, 14, 15 Jahre alt war. Durch ihre Schilderung formte sich das Bild einer entschlossenen jungen Frau, die Verantwortung für ihren Bruder übernimmt, harte Arbeit verrichtet und »illegale« Dinge tut – Handlungen, die eher an eine erwachsene Frau denken lassen. Die gleiche Person hungert beständig, fürchtet nachts die Überfälle und Razzien aufgehetzter Wachmannschaften und betrau-ert die ermordeten Eltern, sinnt über Möglichkeiten der Rettung nach. Und vor mir sitzt eine kräftige und hellwache Frau, die anfangs sichtbar aufgeregt ist, sich aber mehr und mehr öffnet und nahezu ohne Unterbrechung erzählt, als hätte sie ins-109

besondere die Geschehnisse im Ghetto Minsk erst gestern erlebt. Zwischendurch zündet sie sich immer wieder eine Papirossa der Marke Belomorkanal an, die nahezu stärksten und deshalb berüchtigtsten Zigaretten der Sowjetunion. Das Glim-men verlischt immer wieder, weil ihre eigene Erzählung Rita Kaschdan vom Rauchen abhält. Sobald sie auf Situationen zu sprechen kommt, in denen der Grat zwischen Leben und Tod sehr, sehr schmal war oder existenzielle Fragen aufge-worfen wurden, zündet sie die Zigarette wieder an oder nimmt sich eine neue. Die Ruhe, die Frau Kaschdan ausstrahlte, ist mir ebenso in Erinnerung wie das Strahlen ihrer Augen. Zuweilen kam es mir wie Schalk vor, hatte aber doch immer einen ernsten Hintergrund – etwa wenn sie sich am Ende unseres Gesprächs als

»Dummkopf« bezeichnet und genau weiß, dass die Erfahrungen der Diskriminierung, die sie machen musste, keinesfalls ihr anzulasten sind, sondern auf systematische Hierarchisierungen von Menschen durch staatliche Institutionen und weitverbreitete Deutungsmuster und Ressentiments zurückzuführen sind.

»Ich wusste gar nicht, was ›Nationalität‹ ist« – Kindheit in Minsk Rita Kaschdan wuchs in einer wohlhabenden, »höher gestellten« Minsker Familie auf. Ihre Mutter Rosa Wsjegubka hatte noch vor der Revolution 1917 das Gymna-sium abgeschlossen und sprach neben Russisch und Weißrussisch auch Polnisch, Französisch, Deutsch, Englisch, Jiddisch und Hebräisch. Da sie ein sehr fortschritt-licher und moderner Mensch war, wurde sie Mitglied in verschiedenen sowjetischen Organisationen wie dem Osoawiachim1, einer Jugendorganisation, in der junge Menschen auf die Landesverteidigung im Notfall vorbereitet wurden. Auch der Vater, Abraam Semjenowitsch Friedman, »war sehr gebildet.« Zunächst arbeitete er als Ingenieur, wurde dann jedoch zum Direktor der BelGosKino2, der Weißrussischen Staatlichen Filmstudios, ernannt. In den ersten Jahren kümmerte sich die Mutter selbst um Rita, die 1928 geboren wurde, und ihren vier Jahre jüngeren Bruder Grigori – auch Gera, Grischa oder Gerka genannt. Später schlossen sich Ritas Eltern mit anderen Familien zusammen und organisierten eine Art pri-vaten Kindergarten, so dass mehrere Kinder tagsüber abwechselnd in verschiedenen Haushalten betreut wurden. Außerdem wurden die beiden Geschwister von Marusja, einer Haushälterin betreut, die »zwölf Jahre bei uns war und richtig zur Familie gehörte.« So hatte die Mutter die Möglichkeit, einer Berufstätigkeit nachzugehen. Sie arbeitete bei der Staatlichen Eisenbahn.

Rita meint, sie und ihr Bruder seien »sehr häusliche Kinder« gewesen, meist hätten sie mit dem Hausmädchen im Haus oder auf dem Hinterhof gespielt. Sie habe dicke Zöpfe gehabt und »nicht wie eine Jüdin ausgesehen, eher wie ein russisches Mädchen.« Ihrer Herkunft hat sie damals selbst kaum Bedeutung beige-1

Osoawiachim: russ. Abbreviatur/Zusammensetzung für Obschtschestwo sodestwija oborone awiazionnomu i chi-mitscheskomu stroijtelstwu SSSR, d. h. Gesellschaft der Freunde für Verteidigung und für Aufbau der Luftfahrt und der Chemie der UdSSR.

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BelGosKino: russ. Abbreviatur/Zusammensetzung aus Belorusski Gosudarstwenny Kino.

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messen, denn »es gab keine Unterschiede. Als ich in der dritten Klasse war, wurde ich nach meiner Nationalität gefragt, da habe ich gesagt, dass ich meine Mutter fragen muss, ich wusste gar nicht, was das ist.« Während unserer zweiten Begegnung bereitet Frau Kaschdan ein Mittagessen vor, und während sie am Herd steht, spricht sie von jüdischen Speisen, die die Haushälterin zubereitet habe. Heute, so Rita Kaschdan, bemüht sie sich nun, diese auf den Tisch zu bringen. Auch wenn ein Selbstbewusstsein als Jüdin in ihrer Kindheit und Jugend nicht vorhanden war – der Alltag im Vorkiegs-Minsk schien Spuren getragen zu haben von Traditionen, die wenig später durch das nationalsozialistische Regime nahezu vollständig ausgelöscht werden sollten. Die gegenwärtige Erinnerung an diese Momente der Anrufung eines spezifischen Wissens, spezifischer Handlungen verweist auf die Brüchigkeit der Identifizierung – nicht nur sowjetisch, aber eben auch nicht nur jüdisch. Die hohe berufliche Position des Vaters und die Aktivitäten der Mutter verweisen aber doch darauf, dass die Familie integriert war in die sowjetische Gesellschaft und sich mit deren politischen Postulaten identifizieren konnte. Rita Kaschdan erinnert, dass sie Pionierin war – und wie stolz sie darauf war: »Das war eine große Ehre.« Die jüdische Herkunft hat also kaum eine Rolle gespielt, und »von Antisemitismus hatten wir damals überhaupt keine Vorstellung.«

»Wir saßen hinter der Tür und zitterten« – Die Besetzung der Stadt Umso schockierter war Rita, als sich sofort nach dem Einmarsch deutscher Truppen die Situation in ihr Gegenteil verkehrte und die jüdische Nationalität zum alles entscheidenden Charakteristikum eines Menschen erhoben, zur Grundlage für die Entscheidung über Leben und Tod gemacht wurde. Die Erinnerungen an das Leben vor dem 22. Juni 1941, dem Tag des Überfalls auf die Sowjetunion, erscheinen Frau Kaschdan denn auch als Dinge »aus einem vergangenen Leben« –

aus einem Leben in Geborgenheit, Sicherheit und voller Zukunftsversprechungen, wie sie die noch junge Sowjetunion bereithielt.

Rita Kaschdans Bericht von der Besetzung von Minsk drückt wie viele andere die Überraschung aus, die der Krieg bei den Einwohnern des Landes auslöste. Am Morgen des 23. Juni machten sich die Eltern wie jeden Tag auf den Weg zur Arbeit. Als erste Schüsse zu hören waren, glaubte die Mutter an eine Übung. »Es konnte sich ja niemand vorstellen, dass schon am zweiten Tag siebenhundert Kilometer von der Grenze entfernt deutsche Flugzeuge über der Stadt auftauchen würden«, begründet Rita den Unglauben an eine ernsthafte Bedrohung. Rita und Gera blieben zu Hause, die Ferien hatten gerade begonnen und Marusja, die Haushälterin, würde auf sie aufpassen. Als Marusja unterwegs war, um einzukaufen, begann die Deutschen die Stadt zu bombardieren.

»Die Mutter kam von der Arbeit angerannt, und als sie uns vom Treppenhaus aus rief, erschraken wir. Wir wohnten im zweiten Stock und hatten die Woh-nungstür abgeschlossen, saßen dahinter und zitterten. Als wir Mutters Stimme er-111

kannten, schauten wir die Treppe hinunter und sahen, dass sie voller Blut war. Im Bahnhof hatte eine Bombe eingeschlagen, und dort waren viele Flüchtlinge aus dem westlichen Belorussland. Als Mutter das Gebäude verließ, schlug die Bombe ein, und sie wurde mit Blut vollgespritzt.«

Die vier warteten bis zum Abend auf den Vater, ehe sie sich den vielen flüchtenden Menschen anschlossen, die Minsk verlassen wollten. Herr Friedman organisierte die Evakuierung der Filmstudios und traf kurze Zeit nach der Flucht der Familie am Wohnhaus ein: »Mutter hatte an der Tür einen Zettel hinterlassen und geschrieben, wo wir hinwollten: zur Datscha, sechs Kilometer außerhalb der Stadt, wo wir sehr oft gewesen waren.« Der Vater muss unzählige Kontrollen passieren und sich einen Weg bahnen, ehe die Familie drei Tage später wieder vereint ist.

»Aber abends ging schon das Gerede los, die Leute sagten: ›Wegen euch Juden werden die Deutschen das Dorf anzünden.‹ Sie wussten ja, wer wir waren – zwölf Jahre lang waren wir immer wieder gekommen. Das war kaum auszuhalten. …

Als dieses Gerede losging, haben wir uns sofort auf den Weg in die Stadt gemacht.«

So kehrten Rita, ihr Bruder Gera und die Eltern zurück in die in Trümmern liegende Stadt. Weil ihr eigenes Wohnhaus zerstört war, übernachteten sie in der ver-lassenen Wohnung von Bekannten. »Am nächsten Morgen, am 28. Juni 1941, marschierten die Deutschen in die Stadt ein, ohne einen einzigen Schuss abzuge-ben … denn Minsk war von allen Seiten umzingelt und es war niemand mehr darin. Und so fanden wir uns auf besetztem Gebiet wieder.«

»Es steht dir ja nicht ins Gesicht geschrieben, wer du bist« – Umzug ins Ghetto Bei der ersten Begegnung mit den deutschen Soldaten, die bei den Bauern der Umgebung Vieh konfiszierten und sich damit versorgten, haben die sich »mehr oder weniger freundlich verhalten, es steht dir ja nicht ins Gesicht geschrieben, wer du bist.« Kurz darauf tauchten erste Flugblätter mit antisemitischen Hetz-parolen auf: »›Schlagt die Juden tot!‹ Das hat sehr wehgetan.« Das Erschrecken darüber weitete sich aus, als die jüdische Bevölkerung von Minsk in ein Ghetto umziehen sollte. Gemeinsam mit zwei Familien und Verwandten von Ritas Mutter bewohnte die Familie Friedman ein 15 Quadratmeter großes Zimmer und teilte sich ein einziges Bett. Der Vater bekam bald Arbeit, nachdem Ritas Onkel ihn in eine Druckerei mitgenommen hatte:

»Er arbeitete als Typograph, denn die Flugblätter mussten ja gedruckt werden, und die Deutschen zwangen ihn dazu. Er, der selbst Jude war, musste diese Aufrufe drucken: ›Tötet die Jidden! Rettet Russland!‹3 … Wir hatten absolut nichts, aber dort wurden Essenspakete verteilt. Der Drucker hat meinen Vater als Elektri-ker ausgegeben und als Arbeiter angestellt.«

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Die Parole »Bej schidow! Spasaj Rossiju!« findet sich noch heute an Hauswänden und wird von extremistischen nationalistischen Gruppen verbreitet.

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Wenige Tage später führten die deutschen Besatzer eine erste Razzia durch, bei der vor allem jüdische Männer gefangen genommen wurden. Solche Überfälle gab es mehrfach und sie haben sich Rita intensiv eingeprägt, wobei sie auf einen wichtigen Unterschied bei der sprachlichen Benennung hinweist:

»Jetzt spricht man nicht mehr von Razzia, sondern von ›Aktion‹. Bei uns hieß das Razzia, und wenn so eine Razzia war, wurde ein Rajon4 abgesperrt und jeden, den sie kriegen konnten, haben sie gefangen genommen. Oder sie hatten den Auftrag, eine bestimmte Anzahl von Menschen einzufangen und dann haben sie diese Menschen zusammengeholt und sie zur Vernichtung gebracht.«

Der von Frau Kaschdan genannte Begriff Oblawa ließe sich neben »Razzia«

auch als »Treibjagd« übersetzen und beschreibt damit wohl sehr genau, wie diese Überfälle von den Bedrohten wahrgenommen wurden.

Bei der ersten Razzia am 26. August konnte sich der Vater noch durch Vorlage seines »Facharbeiterausweises« retten, doch bei der zweiten am 31. August »hat das schon keine Rolle mehr gespielt. An diesem Tag haben sie Mutters Schwester, ihren Mann, Papa und meine … Cousine mitgenommen.« Ritas Mutter bemühte sich um die Freilassung ihres Mannes, doch ein Bekannter, den sie um Unterstützung gebeten hatte, konnte nur herausbekommen, dass er mit vielen anderen ins Gefängnis getrieben und dort erschossen worden war. »Das Einzige was er tat, war Folgendes: Er sagte: ›Hier ich habe noch Fotos von euch, die kann ich dir geben.‹« Auch diese Bilder sind später verloren gegangen, doch in der damaligen Situation, als der Vater plötzlich dem Leben entrissen wurde, mögen sie der Familie sehr wertvoll gewesen sein, hatte sie doch durch die Bombardierung der Stadt alles verloren. Mit der Ermordung des Vaters verschwand auch die einzige Möglichkeit, Lebensmittel zu erhalten: »Und wir waren nur noch zu dritt. Mama hat sich dann Arbeit besorgt und angefangen, beim Judenrat als Buchhalterin zu arbeiten.« Dort musste sie all die Dinge entgegennehmen und protokollieren, welche die Juden und Jüdinnen auf Anordnung der Ghettokommandantur abzuliefern hatten: »Pelzkragen, Pelze, lauter solche kleinen Anweisungen an das ganze Ghetto, dass alle Wertsachen abgeliefert werden sollten, alles Gold, alles was die Leute noch hatten. Das waren natürlich nur armselige Mengen.« Einige Menschen bet-telten die Mutter an, von den konfiszierten Dingen kleine Mengen für die Ghettobewohner abzuzweigen: »›Könnten Sie uns nicht ein kleines bisschen Zucker geben, für die Kinder?‹ … Aber unsere Eltern hatten uns so erzogen, dass man nichts davon nehmen darf, was anderen gehört. … Deshalb sagte sie dann: ›Nein, das sind doch nicht meine Sachen, wie kann ich davon etwas nehmen?‹« Rita rechnet ihrer Mutter offensichtlich hoch an, dass sie noch in dieser schwierigen Situation versuchte, ihren Prinzipien gerecht zu werden.

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Rajon: russ. abgetrennter Bereich, Stadtteil.

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»Sie wussten, in welcher Lage wir waren« – Hilfe von »außen«

Am 7. November 1941, dem 24. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, fand ein erstes großes Pogrom statt. Rita, ihr Bruder Gera und die Mutter flohen zu Bekannten in die Uliza Nemiga und versteckten sich gemeinsam mit zwanzig anderen Menschen in einer Malina, einem Versteck in der Wohnung. Hinter einem Fries, an dem Töpfe, Pfannen, Reibeisen aufgehängt waren – »als wenn das eine Wand wäre« –, drängten sich über mehrere Tage lang die Menschen zusammen, während in dem betreffenden Rajon alle Menschen umgebracht wurden.

Die Straße wurde dann dem sogenannten russischen Bezirk zugeordnet. Nach der knappen Rettung mussten sich Rita und ihre Angehörigen ein neues Quartier im verbleibenden Ghetto suchen, standen aber vor allem vor dem Problem, kaum etwas zu essen zu haben: »Für eine Woche bekamen wir einen Laib Brot, das war alles. Weiter gab es nichts. Die, die ihre Wohnung behalten hatten, tauschten ihre Sachen gegen Lebensmittel ein. Wir hatten ja durch den Zaun Kontakt mit den Leuten, auch wenn das verboten war.«

In den ersten Wochen nach der Einrichtung des Ghettos versuchte Marusja, die Haushälterin, die Familie mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Sie brachte ihnen mehrmals Lebensmittel oder nahm Rita mit aufs Land. Später schlüpfte Rita mehrmals durch den Stacheldraht und suchte Bekannte auf: »Sie wussten, wenn ich kam, dann hieß es, mir etwas zu essen zu geben und auch etwas einzupacken für die anderen. Das war wie betteln, aber ich habe nie gebettelt, sie haben mir das von selbst gegeben, weil sie wussten, in welcher Lage wir waren.« Diese Ausflüge waren sehr gefährlich, doch Rita meint, ihr Aussehen habe ihr dabei geholfen: Weil sie nicht wie eine Jüdin aussah, habe sie unerkannt durch den russischen Bezirk laufen können. Ihre Beschreibung vermittelt einen Eindruck, wie schwierig es dennoch war, das Ghetto überhaupt zu verlassen:

»Ich habe mich morgens einer der Arbeitskolonnen angeschlossen, die zur Arbeit aus dem Ghetto herausgebracht wurden. Und wir hatten ja alle diesen gelben Flecken auf der Kleidung. Ich habe den mit einer Sicherheitsnadel an der Jacke oder am Kleid festgemacht. Irgendwann bin ich in die Mitte der Kolonne geschlüpft, damit mich der deutsche Kolonnenführer5 nicht sehen konnte. Und wenn wir durch die Straßen gingen und ich merkte, dass die Straßen leer waren, bat ich jemanden darum, mir hinten den Flecken abzunehmen. Vorne habe ich das selbst gemacht und dann … bin ich auf den Bürgersteig gegangen. Da war man sofort kenntlich für die Leute, aber ich sah ja nicht aus wie eine Jüdin, eher wie ein russisches oder weißrussisches Mädchen.«

»Und wir haben sie nie wiedergesehen« – Der Tod der Mutter Formen gegenseitiger Unterstützung, wie sie hier zwischen den Arbeitenden und der 13-jährigen Rita geübt wurden, fanden sich auch in »ideeller« Form. So erinnert Rita Kaschdan, dass Erwachsene oft eheähnliche Beziehungen eingingen: 5

Im Original deutsch.

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»Im Ghetto wurde ja auch geheiratet. Nicht wegen der sexuellen Beziehung, sondern um nicht allein zu sein. Angenommen, du arbeitest und kannst dich um mich mit kümmern, verstehen Sie, so eine Art Schutz war das.« So hatte Klara, eine Bekannte von Ritas Mutter, den Apotheker Abraam Aronowitsch Lewin geheiratet.

In dieser Apotheke war auch eine Malina eingerichtet worden. In dieser Malina versteckten sich Rita, ihre Mutter und Gera, als sich am 2. März 1942 ein weiteres Pogrom ankündigte.

Rita Kaschdan zündet sich die erste Zigarette an, ehe sie weitererzählt. Ihre Mutter war auch Raucherin, doch Tabak hat es im Ghetto nicht mehr gegeben, und so haben die Kinder die Blätter von Himbeersträuchern gesammelt und getrock-net, um einen Ersatz herzustellen. Das Rauchen hatte eine besondere Wirkung, die Frau Kaschdan selbst später schätzen lernte: »Das hat auch das Essen ersetzt, das habe ich selbst noch erfahren.« Die Versteckten waren sich sicher, dass Ritas Mutter aufgrund ihres Arbeitsausweises nicht gefährdet sei. So entschloss sie sich, den Unterschlupf zu verlassen und eine versteckte Uhr zu holen, um sie gegen Zigaretten einzutauschen. »Und Mutter hat die Malina verlassen und machte sich auf den Weg. Wir haben sie nie wiedergesehen.« Rita Kaschdan spricht leise, als sie diesen Satz sagt und hört für einen Moment auf zu erzählen. Ähnlich wie schon bei ihrem Vater wurden die Geschwister überrascht von diesem Verlust, wussten nicht einmal, was ihrer Mutter geschehen war. Später erfuhren sie, dass man ihr angeblich ein Kind in den Arm gelegt hatte und sie mit Tausenden anderen Menschen erschossen wurde. Frau Kaschdan spricht nicht von der Angst um die Mutter, nicht von Tränen. Sie redet schnell, während sie davon erzählt, wie sie dem jüngeren Bruder gleichsam zur Mutter wurde, obwohl sie selbst noch fast ein Kind war: »Und wir waren nur noch zu zweit. Ohne jegliches Auskommen. Ich war vierzehn Jahre alt, mein Bruder zehneinhalb.«

Um wenigstens ihn – und sich – zu retten, suchte sie nach Möglichkeiten, ihn mit Essen zu versorgen und dabei möglichen Gefahren auszuweichen. In einem Kinderheim innerhalb des Ghettos wurde einmal am Tag Satirka ausgegeben, eine dünne Wassersuppe mit Mehlklößchen.

»Ich schärfte ihm aber ein: ›Geh nur dahin, um dir die Suppe abzuholen, aber bleib dort keine Minute länger!‹ Erstens war er der einzige Mensch, der mir geblieben war, niemand sonst, und zweitens gab es dort schreckliche Krätze, furchtbare Krankheiten, Schmutz und Läuse, und wir hatten mit unseren eigenen Läusen schon genug zu tun.«

»Als würde ich Sprotten essen« – Brot und Marmelade

Mit der gleichen Umsicht bemühte sich Rita Kaschdan, Lebensmittel zu besorgen und ging regelmäßig auf »Betteltour« zu Bekannten im »russischen« Bezirk. Zu-fällig stieß sie dabei auf eine Arbeitskolonne, mit der auch eine frühere Klassen-kameradin das Ghetto verließ. Sie schlug Rita vor, den Kolonnenführer zu fragen, ob Rita ebenso angestellt werden könnte. Auch hier verweist Rita darauf, dass sie 115

ein sehr schönes Mädchen gewesen ist und dies den Ausschlag gegeben habe für die Zusage – unter dem Vorbehalt, dass der Polier im Panzerwerk6 zustimmt. »So habe ich Arbeit bekommen« – ein Streichholz flammt auf, und mir kommt der tiefe Zug an der Zigarette wie ein Aufatmen vor, das Rita verspürt hat, als sie tatsächlich angenommen wurde. Die tägliche Ration, zum Beispiel »Suppe aus Steck-rüben, Kohl und faulem Fleisch, alles zusammen in einem großen Kessel gekocht, dazu ein Stückchen Brot«, war viel wert für die Vierzehnjährige, die in der Rüstungswerkstatt putzen musste. Ihre Freundin Lidija Parfimtschuk arbeitete in der Küche und »manchmal, wenn es keiner sah, sagte sie: ›Lass stehen!‹, wenn wir vorbeigingen, und ich habe dann meine Schüssel in die Ecke gestellt und sie hat noch etwas reingetan, Brei, Kartoffeln oder Suppe, was gerade da war.« Mit diesen zusätzlichen Rationen konnte sie auch Gera versorgen, der zwar weiter von der Suppe aus dem Kinderheim lebte, ansonsten aber darauf angewiesen war, dass seine Schwester etwas für ihn mitbrachte. Er verbrachte die Zeit, in der Rita arbeitete, weitgehend zu Hause und wartete auf sie.

Frau Kaschdan besitzt noch einen Arbeitsausweis dieser Zeit, den sie über die Jahre retten konnte. Er belegt, dass der Daimler-Benz-Konzern das Panzerwerk im besetzten Minsk betrieb und sie für ihn gearbeitet hat. Daneben war auch die Firma Albert Jung dort ansässig. Beschäftigt wurden russische Jüdinnen und Juden, sowjetische Kriegsgefangene ebenso wie deutsche Juden, die nach Minsk deportiert worden waren und dort in einem sogenannten Sonderghetto, getrennt von der russischen jüdischen Bevölkerung, lebten. Der Meister der Werkstatt beauftragte Rita häufig, Wäsche für ihn zu waschen.

»Dafür brachte er mir immer ein Butterbrot mit, also zwei dünne Scheiben Brot mit Marmelade. Das war eine große Hilfe, denn die Suppe und das Brot musste ich ja auch für Gera mitnehmen. Und ich erinnere das noch, als wäre es jetzt: wenn die Panzer fertig gemacht und wieder für den Einsatz vorbereitet wurden, waren ihre Abgase in der Luft. Ich habe mich mit einem Stück Brot neben diese Panzer gesetzt, und mir schien es, als wären das Sprotten, als würde ich Brot mit Sprotten essen. In so einem Zustand war ich.«

Die geschmackliche Illusion resultierte offenbar aus Ritas äußerst labiler physischer Verfassung, die durch den permanenten Hunger und die harte Arbeit hervorgerufen war. Ähnlich wie die Zigaretten, die »statt Essen halfen«, ist es auch hier ein Rausch, der für den Moment den tatsächlichen Zustand vergessen lässt und vielleicht die Bedingung für ein Überleben war.

»Täglich Erschießungen, täglich Razzien. Das war das Ghetto.«

Die Furcht vor Überfällen, willkürlichen Morden war ständig präsent. Selbst am Arbeitsplatz mussten sich die jüdischen Arbeiter bedroht fühlen, denn die Aufseher machten durch ihr Auftreten das Herrschaftsverhältnis deutlich: 6

Im Original deutsch.

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»Bei uns gab es den einen SS-Mann, Willi Schott, der arbeitete oben in einem Büro. Wenn er in die Werkstatt kam, stoben alle wie Mäuse auseinander und verkrochen sich in die Ecken. Der hatte so einen Gang … und immer eine Peitsche in der Hand, und er konnte sich ja alles erlauben.«

Vor allem in den Nächten fanden immer wieder Pogrome statt, bei denen

»plötzlich Polizei und Gestapo bei uns eindrangen und alle auf die Straße trieben, mit vorgehaltener Pistole, als ob alle erschossen werden würden.« Täglich wurden Menschen getötet, »das Ghetto wurde immer kleiner, wie Chagrinleder zog es sich zusammen, weil die Menschen ermordet wurden.« Zusätzlich forderten Krankheiten, die nicht angemessen behandelt werden konnten, zahlreiche Todesopfer unter den Ghettoinsassen. Auch Ritas Bruder Gera erkrankte an Typhus, nachdem er sich bei Nelka, einem Mädchen angesteckt hatte, das mit seiner Mutter im gleichen Zimmer wie Rita und Gera wohnte. Rita bemühte sich vor allem, ihm ausreichend Essen zur Stärkung zu verschaffen, für Medikamente hat sie kein Geld.

Sie muss täglich zur Arbeit gehen, um die notwendigen Rationen zu erhalten. So bittet sie Klara, die Mutter des erkrankten Mädchens, Gera mit Milch und Brot zu füttern, während sie nicht zu Hause ist. Nelka wurde gesund und ihre Mutter bot Rita die restliche Medizin an. Nachdem Gera das Sulfidin eingenommen hatte, öffnete er nach tagelangem Delirium die Augen:

»Und dann hat er mir erzählt: ›Weißt du, ich habe alles gehört, aber ich konnte einfach die Augen nicht aufmachen. Ich habe alles gehört. Glaubst du, sie hat mir irgendetwas gegeben? Einen Kanten hat sie mir gegeben, aber alles andere hat sie Nelka gegeben.‹ Die hatte ja auch Hunger, und für ein krankes Kind war das eine Delikatesse«, ergänzt Frau Kaschdan. Enttäuschung über und Verständnis für Klara halten sich die Waage, vielleicht auch, weil Gera durch die von ihr weiter-gegebene Medizin geheilt wurde? Ritas Bruder erholte sich langsam, »war aber schrecklich anzusehen.«

Ende Juli fand ein Pogrom im Minsker Ghetto statt, das Rita in der Erinnerung vor allem an die Angst um Gera denken lässt:

»Am 28., da bin ich zur Arbeit gegangen, und Gerka blieb im Ghetto. Wir wurden nicht mehr aus dem Werk herausgelassen, denn im Ghetto war ein entsetzli-ches Pogrom. Sie haben jeden mitgenommen, den sie kriegen konnten. Holten die Menschen aus den Maliny und aus den Häusern, und wer sich versteckte – sie haben einfach alle herausgeholt. … Und als sie uns ins Ghetto brachten, … ach ja, als das Pogrom begann, da war sonniges Wetter, das war am 28. Juli 1942, da schien die Sonne, und als wir losgingen, da fing es an zu regnen – als würde die Natur, der Himmel diesen ganzen Akt begleiten. Zwei oder drei Tage, ich weiß schon nicht mehr wie viele Tage das Pogrom dauerte, zwei oder drei Tage lang, uns schien das wie eine Ewigkeit, und die ganze Zeit hat es geregnet. Und als das Pogrom vorbei war, da brachten sie uns ins Ghetto zurück. Das Ghetto befand sich auf einer Anhöhe, und als wir die Uliza Respublikanskaja hinaufliefen, eine breite Straße … Ströme von Blut kamen mit dem Wasser herunter. … Und oben trafen wir 117

diejenigen, die am Leben geblieben waren, die … das Pogrom war vorbei, wer überlebt hatte, wurde zur Arbeit getrieben, die waren abgeteilt von den anderen.

Und unter ihnen war Gerka.«

Rita hatte das Schlimmste befürchtet und war dementsprechend erleichtert, als sie sah, dass ihr Bruder am Leben war. Gera war durch den Bekannten Abraam Lewin, den Apotheker, gerettet worden, der die Anzeichen des Pogroms richtig deutete und den Jungen in der Malina versteckte.

»Fast hätten sie mich umgebracht« – Riskanter Schmuggel Wenige Wochen vorher hatte Rita ein beängstigendes Zusammentreffen mit dem schon genannten Aufseher Schott gehabt: »Und als ich einmal sauber machte und mit dem einen Zimmer fertig war, begann ich die Treppe von der zweiten in die erste Etage zu fegen. Und da kommt mir dieser Schott entgegen. Da ist mir fast das Herz in die Hose gerutscht.« Rita Kaschdan hatte Glück und Herr Schott trug ihr »nur« die Aufgabe auf, zusätzlich sein Büro zu putzen. Rita musste zustimmen

– obwohl »es uns ja verboten war, in den Zimmern der Deutschen zu säubern, das war keine Aufgabe für Juden« – und begegnete Schott danach öfter. Er offenbarte bei einer der Begegnungen, dass er selbst in Moskau geboren sei und seine Eltern Opfer stalinistischer Säuberungen waren, weswegen er die Sowjetunion bekämpfe.

Er machte aber deutlich, dass er ebenso wie Stalin auch Hitler ablehne. Wohl deshalb schöpfte Rita Kaschdan Hoffnung, sie könne den SS-Mann um Unterstützung für sich und ihren Bruder bitten. Nach dem Pogrom Ende Juli 1942 fragte sie ihn, ob er auch Gera eine Anstellung verschaffen konnte – zum einen um ihm eine volle, wenn auch geringe Nahrungsration zu sichern, zum anderen, um ihn vor der permanenten Bedrohung im Ghetto zu schützen:

»Da bin ich zu ihm gegangen und habe gesagt: ›Herr Schott, ich habe niemanden mehr. Mein Bruder hat eine lange Krankheit hinter sich – ich bitte Sie sehr: wenn es Ihnen irgendwie möglich ist, ihm Arbeit zu geben, dann wären wir zusammen.‹ – Er fragt: ›Wie alt ist dein Bruder?‹ Ich sage ihm, dass er vier Jahre jünger ist als ich, dass er nach der Krankheit aber sehr schlimm aussähe. Darauf er: ›Bring ihn morgen mit her!‹ Und ich habe ihn mitgebracht, er musterte ihn, und ich glaube, er war zu Tode erschrocken, als er ihn sah. Gera sah aus wie ein Schreckgespenst.«

Aber Schott stellt Gera als »Kurier« innerhalb des Werkes an. Ab August 1942

arbeiteten beide Geschwister bei der Firma Daimler Benz. »Der Schott«, so sagt sie mir viel später, »hat uns das Leben gerettet.« Zwangsarbeit bedeutete Leben.

»Man klammerte sich an den letzten Strohhalm« – Hoffnungen Die nächtlichen Razzien nahmen kein Ende, und viele Ghettoinsassen suchten nach Rettung. Immer mehr Menschen versuchten, aus dem Ghetto zu fliehen, doch nur Einzelnen gelang es, Dokumente zu erhalten, mit denen sie ihre jüdische Identität verheimlichen konnten, um die zahlreichen Kontrollposten zu passieren.

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»Die Leute sind auch zu den Partisaneneinheiten gegangen, das habe ich aber erst später erfahren, dass es im Ghetto eine Untergrundorganisation gab, die vom sowjetischen ObKom7 geführt wurde. Das war alles organisiert, aber wir, das wusste niemand, das war alles verdeckt, verstehen Sie? Das wusste nur ein bestimmter Kreis von Menschen, der damit zu tun hatte.«

Doch Rita stieß später auf Mitglieder der geheimen Widerstandsorganisation und es schien möglich, auch für sich und Gera eine Flucht aus dem Ghetto zu organisieren. Im Keller des Panzerwerkes befand sich eine Anlage zur Herstellung von Selterswasser, wodurch immer warmes Wasser zur Verfügung stand. Rita wusch dort die Wäsche des deutschen Aufsehers und begegnete einem Kriegsgefangenen, der auch dort arbeiten musste. Er ermutigte sie zur Flucht, konnte jedoch keine konkrete Hilfe anbieten. Dagegen bat ein junger Arbeiter sie, Patronen aus dem deutschen Lager herauszuschmuggeln und ihm zu übergeben, so dass er sie an Partisanen weiterleiten konnte. Der Kriegsgefangene fertigte Rita einen Ess-napf mit doppeltem Boden an.

»Dort habe ich die Patronen hineingelegt, darauf kam der zweite Deckel, und in der Küche gaben sie mir ein bisschen Brei oder Kartoffeln, was gerade da war.

Und darunter lagen die Patronen. Es war aber selten, dass ich Patronen hinaus-schmuggeln konnte. … Und an der Pforte musste man eine Kontrolle passieren, ein deutscher Pförtner stand da, und wenn ich die Dose aufmachen sollte, dann habe ich sie geöffnet – und da war der Brei. ›Go!‹ Oder ich habe Karbid mitgenommen. Wir hatten ja kein Licht, aber mit dem Karbid konnten wir solche Funzeln bauen.«

Die Patronen übergab sie dem Jungen, der zugesagt hatte, sie zu den Partisanen zu bringen. Eines Tages war er jedoch verschwunden, so dass Rita die gesammel-ten Patronen nicht abgeben konnte. Ritas Nachbarin fand sie beim Putzen in der Wohnung: »Fast hätten sie mich umgebracht deswegen, denn wenn die Deutschen sie gefunden hätten, dann hätten sie alle aus unserem Haus erschossen.«

Die Hoffnung auf eine Fluchtmöglichkeit war zerstört, stattdessen waren ab Ende 1942 zunehmend auch arbeitende Ghettoinsassen in Gefahr. Rita Kaschdan beobachtete aufmerksam, was um sie herum geschah und wusste,

»wenn ein Auto mit einem Nummernschild kam, auf dem ein springender Hase zu sehen war, dann hieß das, am nächsten Tag wird die Arbeitskolonne vernichtet.

Wissen Sie, irgendwie dringt so was durch, jemand überlebt und erzählt davon, und so habe ich das auch mitbekommen.«

Als sie den Wagen eines Tages vor dem Panzerwerk erblickt, warnt sie ihre Freundin und deren Mutter und fordert sie auf, am nächsten Tag nicht zur Arbeit zu erscheinen. Beide betrachten Ritas Warnung jedoch als Panikmache:

»Verstehst du? Sie konnten es einfach nicht fassen, dass alle ermordet werden.

Man klammerte sich an den letzten Strohhalm, dass die Leute schon am Leben 7

ObKom: russ. Abbreviatur/Zusammensetzung für Oblastnoj Komitet, d. h. Gebietskomitee.

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bleiben würden, dass man sie nur an einen anderen Arbeitsplatz bringt. Sie haben uns das nicht geglaubt, auch die Deutschen nicht, mit denen wir uns unterhielten.«

Rita und ihr Bruder versteckten sich und gingen nicht zur Arbeit – »und am nächsten Tag ist die ganze Kolonne abgeholt worden. Keiner außer uns war mehr da. Ja, vom ganzen Betrieb waren nur noch wir zwei übrig. … Da hatten wir also wieder keine Arbeit.«

»So bin ich dann wie ich war durchs Wasser gegangen« – Auf der Flucht Rita und ihr Bruder erkannten, dass sie Minsk so schnell wie möglich verlassen mussten. Sie hatten keine Kontakte mehr zum Untergrund, mussten also selbst einen Weg finden, der sie aus dem Ghetto zu einer Partisaneneinheit führen würde

– nur dort würden sie überleben können. Rita und Sima, eine Nachbarin, die sie noch aus der Zeit vor dem Krieg kannte, schickten Gera und Simas Sohn Janka auf »Kundschaft«. Die beiden kehrten ohne Ergebnis zurück, und so entschlossen sich die vier, den Hinweisen einer Frau zu folgen, die ihnen beim Tausch von Lebensmitteln am Ghettozaun gesagt hatte, dass Partisanen in westlicher Richtung stationiert seien. Im Ghetto war bekannt, dass jüdische Flüchtlinge nur dann in die Einheiten aufgenommen würden, wenn sie dringend benötigte Dinge, Waffen oder Geld mitbrachten. Schon einige Wochen, bevor die Fluchtpläne konkret wurden, hatten Rita und Gera begonnen, Lebensmittel von ihren Rationen abzusparen. Sie verkauften einen Teil davon und konnten für das Geld Machorka, Tabak, kaufen.

»Und Abraam Aronowitsch gab mir Jod, eine Halbliterflasche, daran mangelte es immer, und Permanganat, Aspirin und einige Binden.« Zwei Mädchen, die sich anschließen wollten, hatten einige Goldmünzen retten können, die sie beisteuern wollten.

In den ersten Septembertagen hatten die sechs Personen alle Vorräte gesammelt und bereiteten sich auf die Flucht vor – »und dann wird der Gebietskommissar8

Kube umgebracht. … Und da ging was los! Für Kube sollte jeder zehnte Jude erschossen werden.« Überall war Militär, Posten standen dicht an dicht. Auch Arbeitskolonnen gab es kaum noch, mit denen man das Ghetto hätte verlassen können.

»Man kam überhaupt nicht mehr aus der Stadt heraus. Das Ghetto war mit Stacheldraht umzäunt, und entweder Polizei oder Deutsche patrouillierten. Man musste also einen Moment abpassen, wenn die eine Streife noch nicht da war und die andere dir den Rücken zuwandte, und dann durch den Stacheldraht kriechen und auf die russische Seite rennen.«

Die zwei jungen Frauen schreckten im letzten Moment vor der Flucht zurück und blieben hinter dem Zaun. Gera musste umkehren und einen Teil der wichtigen Vorräte holen, den die beiden trugen. Auch außerhalb der Stadt waren viele Kon-trollstellen und Streifen, doch der Gruppe gelang es, diese zu überlisten: 8

Im Original deutsch. Wilhelm Kube war von 1941 bis zu seinem Tod Generalkommissar des deutschbesetzten Belorussland, in der von den Deutschen etablierten Herrschaftsstruktur »Weißruthenien« genannt.

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»In Belorussland ist das so: Wenn man irgendeinen Familiennamen aus einem Dorf kennt, dann kann man sicher sein, dass im nächsten Dorf auch jemand mit diesem Namen lebt. Und im September werden Kartoffeln geerntet. Wenn uns also ein Polizist anhielt und fragte, wohin wir gehen, dann sagten wir, dass wir zu dem und dem gingen um Kartoffeln zu lesen, weil es in der Stadt nichts zu essen gibt.«

Eine Dorfbewohnerin nahm die Flüchtlinge am Abend auf und erwies sich zudem als Verbindungsperson zu Partisanen aus dem umliegenden Wald. Als einige von ihnen erschienen, forderten sie Rita und die anderen auf, in den fünfzehn Kilometer entfernten Ort Staroje Selo zu gehen und dort auf sie zu warten, bis sie von ihrer Operation zurückkehrten. Der Fußmarsch forderte die letzten Kräfte.

Rita Kaschdan erinnert sich, dass es kalt war, regnete und sie zahllose kleine Flüsse überqueren mussten. Ihre Schuhe hatten kaum noch eine Sohle,

»die waren noch von vor dem Krieg und bestanden nur noch aus dem Oberteil, der Schnürung. Ich habe sie dann schon nicht mehr ausgezogen. Anfangs habe ich mich noch aus- und wieder angezogen, alle zwei Kilometer und wieder und wieder. Dazu hatte ich aber keine Kraft mehr, und so bin ich dann wie ich war durchs Wasser gegangen.«

Noch heute leidet sie an den Folgen dieser und späterer Strapazen, Erfrierungen an Händen und Füßen machen sich immer wieder schmerzhaft bemerkbar.

Die Partisanen holten sie tatsächlich am nächsten Tag ab und fuhren sie mit einem Fuhrwerk zurück zur Station der Otrjad in den dichten Wäldern von Nali-boki, die sich im Westen von Belorussland erstrecken. Auf dem Weg dorthin wurden sie von einem Dorfbewohner, bei dem sie Honig einkaufen wollten, an polnische Legionäre der sogenannten Heimatarmee, auch bekannt als Armia Krajowa, verraten. Zusammen mit den Partisanen wurden die Flüchtlinge gefangen genommen. Frau Kaschdan greift wieder einmal zur Zigarette – ein Hinweis darauf, wie bedrohlich die Situation den jungen Menschen erschienen sein muss, die sich gerade aus dem Ghetto gerettet hatten. Statt den Ablauf einer einzelnen Situation zu schildern, verweist sie auf die gefährliche Lage, in der sich Jüdinnen und Juden befanden. An der Verfolgung war auch die sogenannte Heimatarmee beteiligt, in der vor allem polnische Nationalisten kämpften:

»Die polnischen Legionäre, wenn Sie sich in der Geschichte auskennen, verstehen Sie, das gehört alles zu unserer Geschichte. Das ist unser Leben, deshalb, wie heißt es so schön, man braucht keine Bücher zu lesen, das haben wir alles selbst durchgemacht. In England gab es damals diese Bewegung, gegen Deutschland, gegen Russland, für ein freies Polen.«

Glücklicherweise fand sich unter den polnischen Kämpfern ein Mann, der einen der jüdischen Partisanen kannte und sich für die Freilassung der Gruppe einsetzte. So konnten die Flüchtlinge und ihre Begleiter den Weg fortsetzen. Die endgültige Entscheidung über die Aufnahme von Rita und Gera, Sima und Janka in die Partisaneneinheit sollte der Kommandeur treffen.

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»Wie Schwestern« – Bei den Partisanen

Nach mehreren antisemitischen Zwischenfällen unter den Partisanen hatte im September 1942 der Kommandeur der Einheit »Parchomenko« den entflohenen Kriegsgefangenen Michail Sorin aufgefordert, eine Partisaneneinheit aufzubauen, in der sich jüdische Menschen versammeln konnten. Die Otrjad wuchs beständig, denn die weißrussischen Ghettos wurden kontinuierlich verkleinert oder zerstört, so dass für immer mehr Juden die Flucht in den Wald die letzte Rettung war. In den Tagen, als die kleine Gruppe aus Minsk um Aufnahme ersuchte, begingen die Mitglieder das einjährige Bestehen der Otrjad. Auch eine größere Gruppe von Flüchtlingen, die von Michail Trejster, einem Mitglied der Einheit, geführt worden war, erwartete am verabredeten Treffpunkt den Kommandeur der Einheit. Nach zwei Tagen traf Sorin ein und rief alle Angekommenen zusammen, um sie kennenzulernen. Diese Prozedur hatte ihren Grund in der Furcht, Agenten der Deutschen würden sich in die Einheit einschmuggeln:

»Es hätten ja auch Provokateure sein können, die da kommen, man wusste nie, wer da kam. Wir wussten das auch nicht, uns war das aber auch ziemlich egal, wir waren ja noch Kinder. Ich war gerade fünfzehn, kurz vor dem Erwachsensein sozusagen. Aber praktisch war ich noch ein Kind, intellektuell war ich längst noch nicht erwachsen.«

Michail Sorin forderte dann die sogenannten Gastgeschenke. Frau Kaschdan hält kurz den Atem an, als sie von dieser entscheidenden Situation erzählt – »und ich brachte die Medikamente – Gott, er sagte, das sei mehr wert als Gold und Waffen. Medikamente waren so viel wert wie Gold, denn die Menschen wurden krank, es gab Verletzte.« Rita und Gera hatten also die Bedingung erfüllt und konnten sich der Otrjad anschließen. Gemeinsam mit einem Partisan machten sie sich am folgenden Tag auf den Weg nach Rudnja, wo ein Teil der Einheit das Lager auf-geschlagen hatte und gerade bei der Kartoffelernte war. Die Einheit war bemüht, Lebensmittel nicht nur von den selbst hungernden Bauern zu requirieren, sondern sie brachte vor allem dort die Ernte ein, wo die Einwohner aus den Dörfern geflohen waren bzw. das Dorf von den Deutschen zerstört worden war. »Wir lager-ten Kartoffeln für den Winter ein, Rüben, Möhren, alles was auf den Feldern stand. Das wurde alles ins Hauptlager gebracht. Dort waren Mieten, also Gruben in der Erde, in die das hineingelegt wurde.« Bis zu den ersten Frostnächten sammelten Rita und Gera gemeinsam mit anderen Kartoffeln, was streng organisiert war: »Die Norm war ein Pud [d. h. etwa 16,38 kg, A. W.] pro Person, das musste man schaffen. Und kalt war das!«

Den Winter verbrachten die Mitglieder der Otrjad in einem großen Lager, wo große Erdhöhlen als Unterkunft dienten. Die Einheit umfasste mehr als 700 Personen, die bunkerartigen Wohnstätten waren groß und boten bis zu 40 Menschen Platz. Tannenzweige und Schaffelle spendeten Wärme; ein Gefühl von Geborgenheit vermittelten aber vor allem die menschlichen Beziehungen. Rita erinnert sich besonders an zwei Mädchen, Polja und Sonja Schostok: »Wir waren die ganze 122

MG-Schützen an einem erbeuteten Maschinengewehr

Zeit zusammen, das waren wie Partisanenschwestern für mich.« Mit ihnen bauten Rita und Gera später auch eine Art Hütte aus dicken Ästen, die sie »ohne jeden Nagel« zusammenfügten. Die Äste boten Rita neben dem Schutz vor der Witte-rung auch eine willkommene Gelegenheit, die Hoffnung auf das Überleben in eine praktische Tätigkeit münden zu lassen:

»Auch wenn kaum einer ans Überleben glaubte, ich dachte die ganze Zeit: Wenn ich am Leben bleibe, und mich an nichts erinnern kann, von nichts eine Ahnung habe, was soll ich denn dann machen? Und so habe ich die ganze Zeit Kopf-rechnen geübt, Multiplikation und Division und all das. Wenn ich also auf der Pritsche lag und um mich herum die Äste sah, da habe ich immer Mathe geübt, im Kopf. So dass ich wenn ich überlebe, weiterlernen kann.«

»Juden wurden praktisch nicht aufgenommen« – Die jüdische Einheit In der Otrjad waren Frauen in der Mehrzahl, Männer gab es »nicht sehr viele«, erinnert sich Rita Kaschdan »Die Einheit galt meist als Familien-Otrjad«, vor allem aber hatten die Mitglieder eines gemeinsam: Sie waren jüdischer Herkunft und der Vernichtung durch die Deutschen knapp entkommen. Warum eine solche Konzentration nötig war, erklärt Frau Kaschdan:

»In den russischen Otrjady gab es Antisemitismus. Der Krieg hatte eine regel-rechte Welle hervorgerufen, und nicht nur die deutsche Bevölkerung war davon erfasst, sondern auch die einheimische, und die Spitze in Moskau, alle waren davon angesteckt. Und in den russischen Otrjady wurden Juden praktisch nicht aufgenommen.«

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Andererseits waren die jüdischen Einheiten ab 1943 dem Zentralen Kommando der Sowjetischen Partisanenbewegung unterstellt, jede Einheit war nach den Vorgaben der Partei organisiert. Parteisekretäre und Kommissare wachten über die ideologische Loyalität der Partisanen, und auch der Komsomol, die Jugendorganisation der KPdSU(B), warb neue Mitglieder. Neben der offenen Anfeindung, neben Ignoranz gegenüber der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung, stand also das Bestreben, jegliche kollektiven Ansätze der Überlebenssicherung unter staatliche Kontrolle zu bringen. Rita hielt sich davon fern – den Grund für ihre Abstinenz von politischer Einmischung nennt sie jedoch nicht.

Die ressentimentgeladene Abwehrhaltung löste sich aber dann auf, wenn die jü-

dischen Partisanen für den Lebensunterhalt notwendige Dinge beschafften oder herstellten, die von anderen Einheiten benötigt wurden. In der Otrjad wurde eine Getreidemühle betrieben, ein Fleischer stellte Wurst her aus Vieh, das von anderen Partisaneneinheiten gebracht wurde. Und es gab ein Lazarett – wohin »sie aus anderen Otrjady kamen, um sich behandeln zu lassen.« Die Sorinzy, wie die Angehörigen der Einheit unter Michail Sorin genannt wurden, lebten also gleichsam von den Gegenleistungen für ihre Handlungen – so stand ihnen ein Teil des ange-lieferten Fleischs oder Getreides zu, das sie verarbeiten sollten. Auch Gera war eingebunden in das Arbeitsleben der Otrjad und arbeitete als Heizer für den großen Suppenkessel in der Küche. Rita brachte die Ernte mit ein, hatte aber noch eine weitere wichtige Aufgabe:

»Wir hatten auch eine Getreidetrockenanlage. Das Getreide war zwar trocken, aber damit es gemahlen werden konnte, musste es vollkommen trocken sein. Ich musste darauf Acht geben, denn unten war ein kleiner Ofen, darüber aus Eisen ein Boden, und darauf war das Getreide ausgebreitet. Man musste ständig schütteln, damit es sich nicht entzündete.«

Ein Teil des Getreides wurde von der eigenen Bäckerei verwendet. Gera konnte sich jedoch nicht überwinden, das verfügbare Essen zu sich zu nehmen, vor allem fehlte ihm Salz, das der Geschmacklosigkeit des Essens wenigstens etwas hätte abhelfen können. Aufgrund der langen Mangelernährung litt er an Geschwüren an den Beinen. Rita vertraut mir an, dass sie und ihr Bruder deshalb ab und an Kartoffeln stahlen und sie im Feuer rösteten. Aber das anhaltende Verlangen nach Salz, das immer fehlte, teilt sie mit ihrem Bruder, »sogar jetzt noch, er und ich wir können nicht ohne Salz leben. Dabei schimpft meine Tochter schon immer wegen der Ablagerungen, die man bei zu viel Salz im Essen bekommen kann.«

Schwerwiegender als die Sorge um Nahrung und Unterkunft war jedoch diejenige um die anhaltende Verfolgung durch die deutschen Besatzungstruppen oder andere Personen. Die Otrjad war mit Waffen ausgerüstet, um Angriffe abwehren zu können und gegen drohende Gefahren einzugreifen. Alle Angehörigen der Einheit, die dazu in der Lage waren, beteiligten sich am Schutz der Gruppe. Rita Kaschdan »war sozusagen Wachsoldatin, auf dem Vorposten. Ich war im Späh-trupp … auf dem Außenposten, ungefähr fünf, sechs Kilometer von der Einheit 124

entfernt. Wir waren bewaffnet, immer zu viert unterwegs: zwei halten Wache, und zwei ruhen sich aus, dann wird gewechselt.« Die erste Zeit sei schlimm gewesen, sagt Frau Kaschdan »aber jetzt, nachdem ich bei den Partisanen war, habe ich vor nichts mehr Angst.« Auf Menschen geschossen hat sie jedoch nicht:»Ich war nie in so einer Situation.«

In der Otrjad hatte es auch eine mobile Einsatzgruppe gegeben, die Sabotageakte gegen deutsche Stellungen oder Institutionen durchführte. Bis auf Grischa Tschernow, einen jungen Mann, wurden alle Mitglieder dieser Gruppe von polnischen Partisanen ermordet. Man mag sich anhand dieses Ereignisses vorstellen, unter welchen Umständen Rita zunächst um ihr Leben fürchten musste, als sie und die Gruppe auf dem Weg zu den Partisanen in die Hände der polnischen Kämpfer geriet. Weißrussische Polizisten griffen die Otrjad regelmäßig an und verstärkten somit die Unsicherheit, die durch die Razzien der Deutschen bestand. So zogen die jüdischen Partisanen von der Region um Staroje Selo in die Nalibokskaja Puschtscha um, ein ausgedehntes Waldgebiet im Westen Belorusslands. Dort stellten sie sich den zurückweichenden deutschen Truppen entgegen, wobei mehrere Menschen ermordet wurden:

»Die Straße nach Bial˜ystok führte an unserer Otrjad vorbei, da hat unsere Einheit den Kampf aufgenommen. Sechs Leute sind gefallen, unser Kommandeur wurde am Bein verletzt. … Die russischen Einheiten weigerten sich, uns zu helfen, für sie war der Krieg vorbei.«

Dieser letzte Kampf im Juni 1944 markierte für die jüdischen Partisanen das Ende von drei Jahren deutscher Besatzung und permanenter existenzieller Bedrohung. Verluste und Unruhe setzten sich jedoch fort.

»Jüdische Fratze, lebst du immer noch?«

Am 6. Juli 1944 wurde Minsk von sowjetischen Truppen befreit, und wenige Tage später traf auch die Sorin-Einheit mit der Armee zusammen. Ehe die Einheiten aufgelöst wurden, erhielten die Mitglieder ein Dokument, dass die Zeit bei den Partisanen bestätigte:

»Nadjas Familiennamen habe ich leider vergessen. Sie war Sekretärin bei der Parteiorganisation und sie teilte Bescheinigungen aus, direkt von einer Kutsche aus, auf der sie saß. Die Bescheinigungen waren schon vorgedruckt, eingetragen wurden nur noch Name und Vorname, dann wurden die Bescheinigungen ausge-teilt. Das war das einzige Dokument, das wir bei den Partisanen bekamen.«

Plötzlich unterbricht Frau Kaschdan ihre bis dahin so chronologische Erzählung und erinnert sich an den 1. März 1942, den Tag vor dem Tod ihrer Mutter:

»Der erste März war ein Sonntag oder Samstag. Sonntags wurden wir in Kolonnen eingeteilt, und wer wollte, ging in die Banja. Und so sind wir also am ersten März in die Banja gegangen. Und dort wurde das heiße Wasser abgestellt, als wir schon eingeseift waren. Mama hatte uns eingeseift, sie selbst war voller Seife, und dann wurde das warme Wasser abgedreht, es gab nur noch kaltes. Aber der 125

März war sehr kalt, am 2. März waren minus fünfzehn Grad, und Mutter hatte schreckliche Angst davor, dass wir krank würden, denn nichts und niemand hätte uns heilen können. Und so trocknete sie uns ab und wir sind zurück ins Ghetto gelaufen. Und auf dem Weg, wissen Sie, das war wie eine Vorahnung, da sagte sie:

›Für alle Fälle merkt euch die Adresse in Moskau‹, … dort lebten Verwandte von Vater und Mutter. Und sie sagte mir die Adresse und dass ich mir die merken sollte. Und dann meinte sie: ›Na ja, und wenn sie mich morgen umbringen, dann gehe ich wenigstens sauber ins Grab.‹ Das war am ersten März, und am zweiten wurde sie ermordet.«

Der zeitliche Sprung in der Erinnerung ruft einerseits den schrecklichen Moment des Verlusts der Mutter ins Bewusstsein zurück. Verknüpft ist damit aber auch die Erinnerung an die Mutter, die immer noch hofft, ihre Kinder würden ir-gendwann der Bedrohung entkommen können und am Leben bleiben. Durch ihre Voraussicht erweist sie ihnen auch dann noch Hilfe, als sie nicht mehr lebt. Denn nachdem Rita und Gera zusammen mit Sonja und Polja, ihren »Schwestern«, nach Minsk zurückgekehrt sind, schreibt Rita sofort einen Brief an die Schwester der Mutter, deren Adresse sie im März 1942 auswendig gelernt hatte. Die Antwort lässt auf sich warten, so dass die Jugendlichen sich selbst um die wichtigsten Dinge, Unterkunft und Nahrung, kümmern müssen. Auf der Suche nach einem Unterschlupf erleben sie, dass ihre früheren Verfolger noch immer aktiv sind. Da Ritas und Geras Wohnhaus vollkommen zerstört war, schlagen Sonja und Polja ihre Wohnung als Unterschlupf vor. »Doch das Haus war besetzt, und wir wurden nicht hineingelassen.« Als neuer Hausherr entpuppte sich ein früherer Polizejski, dem Rita schon einmal begegnet war:

»Er hat mich einmal im russischen Rajon erwischt, das war zu der Zeit, als ich Sachen transportierte, die ich von Marusja, unserer Haushälterin, bekommen hatte.

Sie hatte mir ein bisschen Mehl und Fett gegeben, Gera war krank zu der Zeit. Er schnappte mich kurz vor dem Ghetto und sagte: ›Du jüdische Fratze, was tust du hier?!‹ Er nahm mir alles weg und sagte: ›Dich habe ich zum letzten Mal hier im russischen Bezirk gesehen!‹ Und dort öffnete uns also dieser Wolodka die Tür. Er sagte: ›Jüdische Fratze, lebst du immer noch?‹«

Die vier durften eine Nacht auf dem Küchenboden schlafen, doch am nächsten Tag machten sich Rita und ihr Bruder auf den Weg zur früheren Haushälterin Marusja, in deren Familie sie tatsächlich aufgenommen wurden.

Das Land war nachhaltig zerstört, die Einwohner hungerten und kämpften noch immer ums Überleben. Marusjas Schwester Fanja, bei der die Geschwister wohnten, konnte kaum genug Lebensmittel für ihre eigene Familie beschaffen. Rita und Gera entschlossen sich deshalb zur Rückkehr nach Minsk, um dort für den Lebensunterhalt selbst zu sorgen. Rita suchte jedoch lange Zeit vergeblich nach einer Anstellung oder Menschen, die sie unterstützen könnten:

»Mich hat ja niemand mehr erkannt, früher war ich ein sehr verwöhntes und niedliches Mädchen gewesen, und jetzt sahen sie auf einmal ein verlaustes, zer-126

lumptes, grippales Etwas vor sich. … Ich hatte nichts anzuziehen, und als wir weggingen, hatten sie mir aus Sackleinen einen Büstenhalter gemacht, ich wurde ja langsam zur Frau, mit sechzehn, und Fanja gab mir einen weißen Rock, den färbten wir blau, der bekam so eine undefinierbare Farbe, und mit einer rötlichen Farbe färbten wir eine Bluse. Das war meine ganze Kleidung.«

Zufällig begegnet sie einem früheren Bekannten der Mutter, der seine Position als Militärarzt dafür verwendet, Rita eine Stelle als Küchenhilfe in einer Feldküche zu verschaffen. Gera wurde auf seine Bemühungen hin im Kinderheim aufgenommen, und Rita sollte bei ihm wohnen. Eine Selbstverständlichkeit für ihn, bedeutete es für Rita die Rückkehr in vergangene Tage des Schreckens und der Angst: »Sein Haus war genau auf dem Gebiet des Ghettos, also an der Grenze zum früheren Ghetto. Ihm sagte das überhaupt nichts, aber für mich war es das …

Ghetto.« Mit einem langen Seufzer und einem einzigen Wort sagt Rita Kaschdan, dass man der Vergangenheit nicht entkommen kann.

Äpfel

Ritas Brief an die Schwester ihrer Mutter erreichte sein Ziel. Ein Onkel väterlicherseits, der auch in Moskau lebte, war als stellvertretender Volkskommissar verantwortlich für die Energieversorgung und musste in Minsk für die Instandsetzung der zerstörten Anlagen sorgen. Eine Dienstreise nutzte er, um die Kinder nach Moskau zu holen. Nahezu unvorstellbar muss es dem Einwohner der Hauptstadt gewesen sein, was die Geschwister hinter sich hatten, dass sie nichts weiter be-saßen außer dem, was sie am Körper trugen. Und ebenso unvorstellbar muss es der 16-jährigen Rita erschienen sein, dass der Hunger jemals ein Ende haben könnte, selbst für die Reise in die Hauptstadt hatte sie vorgesorgt:

»Am nächsten Tag – wir hatten ja solche Gasmasken, und in die Tasche davon, ich weiß nicht mehr, wo ich sie herhatte oder wer sie mir gegeben hat, oder ob ich sie gekauft habe. Das erinnere ich nicht. Äpfel, damit hatte ich diese Tasche ge-füllt. Wir flogen mit einem Militärflugzeug, einer U2, wir kamen also dort an und trafen auf unseren Onkel, und er fragt mich: ›Hast du Gepäck? Irgendwelche Sachen?‹ – ›Ja, hier, die Tasche.‹ Er: ›Und was ist da drin?‹ – ›Äpfel.‹ So sind wir nach Moskau geflogen.«

Inzwischen hatten die staatlichen Behörden ein Zimmer der Wohnung des Onkels konfisziert, so dass den vier Personen nur noch ein Zimmer blieb. Nach einer tränenreichen Begrüßung wurden Rita und Gera gründlich gewaschen – und seitdem habe sie nie wieder Läuse gehabt, meint Rita. Verbunden mit der Abreise nach Moskau war offensichtlich die Trennung von den Schwestern Polja und Sonja, über deren weiteres Leben Rita Kaschdan mir keine Auskunft geben kann.

Gera blieb in der Familie des Onkels, eine Schwester der Mutter nahm Rita auf.

Lebensmittel wurden noch immer auf Karten ausgegeben, es mangelte an allem.

Um die Familie zu entlasten, zog Rita wenig später nach Leningrad zu einer anderen Schwester des Vaters. Ihre Tante hatte die neunhundert Tage währende 127

Blockade der Stadt durch deutsche Truppen überlebt, war jedoch durch einen Beinbruch, der nicht behandelt werden konnte, gelähmt. Kurz nachdem sowjetische Truppen die Blockade im Januar 1945 durchbrachen, zog Rita im März zu ihr. »Ich fuhr zu ihr, habe hier gelernt, gearbeitet und geheiratet. Und jetzt bin ich hier.«

Erst auf Nachfrage erzählt Frau Kaschdan ein wenig mehr über ihr Leben nach dem Krieg, als sie weitgehend auf sich allein gestellt war. Nachdem sie das Technikum abgeschlossen hatte, arbeitete sie in einem Labor des Staatlichen Instituts für Optik in Leningrad. Zunächst war ihr die Anstellung vorenthalten worden, weil dort »geheime« Untersuchungen durchgeführt wurden. Nach der Intervention eines befreundeten Parteisekretärs erhielt sie 1947 aber doch die Zusage und war fortan an der Entwicklung von Geräten für die Weltraumforschung beteiligt.

Um einer Versetzung nach Baikonur, den sowjetischen Weltraumbahnhof in Ka-sachstan, zu entgehen, kündigte sie und »nahm einen Allerweltsjob an«, in dem sie Pässe ausstellte. Sie hatte Angst, wie viele andere vor ihr ein Opfer des man-gelnden Schutzes vor den noch weitgehend unerforschten Folgen der jungen Technologie zu werden. Ihre Begeisterung für das Fortschrittsstreben hatte also Grenzen.

»Jeder hoffte, dass er irgendwie überlebt« – Der fünfte Paragraph Es erscheint wie eine Ironie der Geschichte, dass Frau Kaschdan zeitweise die Fertigstellung jener Dokumente in der Hand hat, aufgrund derer Jüdinnen und Juden wie sie selbst immer wieder Probleme in der Ausbildung oder bei der Ar-beitsplatzsuche hatten.

Nachdem Rita Kaschdan 1953 geheiratet und eine Tochter zur Welt gebracht hatte, wollte sie wieder einer Berufstätigkeit nachgehen. Eine Zusage wurde jedoch kurzfristig zurückgezogen, weil schon jemand eingestellt worden sei.

»Eine Bekannte von mir arbeitete dort, und ich bekam heraus, dass niemand den Platz erhalten hatte. Als ich ihr davon erzählte, glaubte sie mir nicht. Wir sind zusammen in die Kaderabteilung gegangen, und sie überzeugte sich dort, dass sie mich nur wegen des fünften Paragraphen nicht eingestellt hatten.«

Unter Punkt 5 des sowjetischen Passes war die Nationalität der Inhaber vermerkt

– in Ritas Fall also »jüdisch«. Ende des Jahres 1952 hatte die herrschende Elite in der UdSSR eine antisemitische Kampagne begonnen, die zum massiven Aufschwung antijüdischer Ressentiments unter der Bevölkerung geführt hatte. Gerüchte sagten die Deportation der sowjetischen Juden nach Sibirien voraus. Was hat Rita Kaschdan damals gedacht, gefühlt?

»Wir haben überhaupt nicht nachgedacht, wir haben das nicht geglaubt. Wie damals hinter dem Zaun im Ghetto – jeder hoffte, dass er irgendwie überlebt, so war das auch zu der Zeit. Aber ich sage Ihnen ehrlich, dass ich damals, ich habe da gar nicht nachgedacht, das hat mich alles kaum tangiert, mein Mann hatte Arbeit, das Kind war da.«

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Später hat sich die Situation entspannt. Auch wenn es schwer war, eine Arbeitsstelle zu bekommen, im Kollektiv habe sie keine Angriffe gegen sich erlebt.

Ihre Maxime sei dabei gewesen, selbst menschlich mit den anderen umzugehen, nur dann könne sie das Gleiche von ihnen erwarten. Aber auch ihre Tochter musste erleben, dass sie als Jüdin nicht die gleichen Möglichkeiten wie andere hatte.

Sie wollte unbedingt Biologie studieren, »davon träumte sie die ganze Zeit, obwohl sie auch in Mathematik sehr gut war. … Aber in der Universität sagten sie zu ihr, sie solle sich bei einem anderen Institut anmelden.« Ihr Wunsch, sich intensiv der Biologie widmen zu können, erfüllte sich erst, seitdem Rita Kaschdans Enkelin Biologie studiert und die Mutter am Computer ihre Arbeiten schreibt:

»Sie sagt immer wieder: ›Ich genieße das förmlich‹, die Enkelin sammelt das Material und sagt ihr, was und wie sie es braucht, die Mutter tippt dann alles ab«, er-zählt Rita Kaschdan.

Trotz der vielen Schwierigkeiten habe sie nie daran gedacht, die UdSSR zu verlassen, das ginge gar nicht, auch wenn die wenigen Verwandten, die Cousinen, nicht mehr da seien: »Ich kann nicht von hier weg. Das ist meins, das ist meine Heimat.«

Ob das Russland meine oder St. Petersburg, frage ich. »Ich fahre auch nach Minsk, ich bin da überall wieder gewesen. Früher war ich sehr oft in Minsk. Dort habe ich meine Tochter aufgezogen, da wo wir partisanili9, im westlichen Belorussland.«

»Nur Dummköpfe wie ich haben das verheimlicht«

Heute nun sei das Leben nicht einfach, durch die Perestrojka haben Frau Kaschdan und ihr Mann alles verloren, was an Ersparnissen für die Rente vorgesehen war. Wie viele Rentner in der ehemaligen Sowjetunion leben sie nun von einer schmalen Rente, die nur dann zum Leben reicht, wenn sie selbst »dazuverdiene«.

Als vor einigen Jahren bei ihrem Mann eine schwere Krankheit festgestellt wurde, mussten sie ihre Wohnung wechseln, um Miete zu sparen, verkauften einige Bilder, die sie gesammelt hatten. Nur so konnten sie die Behandlung finanzieren.

Durch meine Frage nach Unterstützungen für sie als Opfer der nationalsozialistischen Regimes kommen wir ins Gespräch über Entschädigungszahlungen. Die ersten Hilfen, die sie je erhalten habe, seien die von der Jewish Claims Conference gezahlten monatlichen Renten. Seit 1998 ist dies eine wichtige Ergänzung der kleinen staatlichen Rente. Fast ein Jahr vor unserem Treffen hatte die deutsche Bundesregierung beschlossen, ehemaligen Zwangsarbeitern eine Entschädigung zu zahlen. »Wann aber die Zahlungen tatsächlich kommen, das weiß niemand.«

Frau Kaschdan hoffte 2001 auf eine schnelle Bearbeitung ihres Antrags, weil sie alle Dokumente gesammelt und aufgehoben hatte, die sie jemals bekommen hatte.

Auch den Arbeitsausweis von Daimler Benz, den sie mir zeigt: »Er ist schon ganz zerfleddert, das Papier ist schon ganz schrecklich. Wo der schon überall war – in der Partisaneneinheit habe ich darauf geschlafen, man musste ja alles verstecken.«

9

partizanowat ist wörtlich nicht übersetzbar, meint »als Partisanen aktiv sein«.

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Ihr Bruder könne sogar auf einen Orden verweisen, den er für seine Verdienste während des Krieges erhalten hatte. Sie hingegen habe verheimlicht, dass sie in einer Partisaneneinheit war. Mein erstauntes »Warum?« beantwortet sie so:

»Weil es während des Krieges hieß, wenn ein Mädchen bei der Armee oder bei den Partisanen war, dann kann sie keine Jungfrau mehr sein, sondern ist schon eine Frau. Und das sollte um Gottes willen keiner von mir denken. Dass ich im Ghetto war, das habe ich überall eingetragen, aber dass ich bei den Partisanen war, das habe ich versucht geheim zu halten.«

Lachend antwortet sie auf meine Frage, ob das viele Frauen getan hätten:

»Nein, nur solche Dummköpfe wie ich. Damit niemand auf die Idee kommt, ich sei kein Mädchen mehr, dass ich vergewaltigt wurde oder sonst irgendetwas geschehen sei. Solche Sachen waren das. Aber jetzt ist alles gut. Jetzt werden wir Kaffee trinken.«

»Ich werde jetzt wahrscheinlich zwei Nächte lang nicht schlafen können«

Und dann reden wir doch noch lange weiter, Kaffee und süße Warenje tischt sie auf, hat einen köstlichen Kuchen gebacken, von dem sie mir immer wieder nach-reicht. Die Rückkehr in die Gegenwart wird immer wieder unterbrochen, ein Sta-pel Dokumente, den sie mir hastig zeigt, veranlasst sie mehrmals zu Erklärungen.

Im Gegensatz zu ihrem Bruder bekommt sie keinen Zuschlag zur Rente, der Kriegsveteranen zusteht. Zum Verhängnis wurde ihr, dass sie sich mit der Bescheinigung vom Kriegsende zufrieden gegeben hatte, auf der ihre Einheit als Fa-milienlager bezeichnet war. Ihr Bruder war so »klug«, sich eine weitere zu besorgen, die sich auf die Auszeichnung für den Einsatz in der Partisaneneinheit bezog.

Die Mühlen der Bürokratie erkannten auch erst nach einer langwierigen Nach-weissuche an, dass sie und Gera tatsächlich Geschwister waren. Grigori war oft als Gera eingetragen, in den wenigen, erhalten gebliebenen Listen des Ghettos Minsk waren beide gar nicht zu finden.

Als Hindernis, Anerkennung und damit auch so wichtige Unterstützung wie eine angemessene medizinische Versorgung zu erhalten, sollte sich aber die noch in der Gegenwart anhaltende Verleugnung der Existenz jüdischer Partisaneneinheiten in der sowjetischen bzw. russischen Geschichtsschreibung erweisen. Das habe ihr immer auf der Seele gelegen – die Rede davon, dass die Juden alle in Taschkent gesessen und die anderen, die nichtjüdischen Sowjetbürger, für sie gekämpft hätten. Dabei wären doch prozentual gesehen jüdische Kämpfer und Kämpferinnen am zweithäufigsten für ihre Taten ausgezeichnet worden – nach jenen mit russischer Nationalität, und wären demnach auch stärker am militärischen Kampf beteiligt gewesen als jede andere Nationalität. Eine Feststellung, die durch historische Untersuchungen untermauert wird.

Es ist eine Mischung aus Sarkasmus und Wut, mit der Frau Kaschdan von diesen Dingen erzählt – vielleicht die einzige Möglichkeit des Umgangs mit den Er-niedrigungen, die auf die Zeit der deutschen Herrschaft folgten. Ihr plötzliches 130

Ende der Erzählung hatte mich nachdenklich gemacht: Was löste das Erzählen in ihr aus? Fiel es ihr schwer? »Sicher, ich werde jetzt wahrscheinlich zwei Nächte lang nicht schlafen können.« Das sei immer so, wenn sie erzählt, dann sieht sie alles genau vor sich. Sie könne damit aber jetzt besser umgehen als noch vor einiger Zeit, und außerdem fährt sie am folgenden Tag wieder auf die Datscha und würde über der vielen Arbeit dort nicht mehr daran denken müssen. Dort sei viel Luft und sie könne frei atmen. Sich selbst zu helfen ist offenbar etwas, was sich durch ihr gesamtes Leben zieht. Sie fand immer wieder Möglichkeiten, Lebensmittel für die Familie, dann ihren Bruder und sich zu organisieren, arrangierte die Flucht aus dem Ghetto, stellte den Kontakt zu Verwandten her. Behandelte die Erfrierungen an Beinen und Händen nach Dienstschluss unter der Rotlichtlampe des Labors, weil es keine anderen Möglichkeiten gab; finanzierte die Behandlung ihres Mannes. Und arbeitet auf der Datscha, versorgt sich so mit Obst und Ge-müse, das sie sonst teuer bezahlen müsste.

Ihre kräftigen Hände waren mir schon bei der Begrüßung aufgefallen. Da hatten sie gezittert, vor Aufregung. In den Stunden, die ich Rita Kaschdan in ihrer kleinen Küche gegenübersaß, waren sie ruhig geworden, hielten sich zuweilen an Zigaretten fest, die immer wieder ausgingen, je länger sie sprach. Anrufer wurden auf immer längere Zeitspannen bis zum Rückruf vertröstet – zuerst waren es zehn Minuten, dann eine ganze Stunde. Frau Kaschdan hatte sich »hineinerzählt« in ihre eigene Lebensgeschichte, sich eingelassen auf meine Fragen und sah sich selbst immer wieder als das junge Mädchen, die junge Frau vor sich, die sie einmal gewesen war. So erinnerte sie auch mich an die Differenz zwischen den Erlebnissen, ihren Erfahrungen und dem, was sie mir erzählte. Dass schon viele Jahre vergangen sind, in denen sie schlaflos war; unzählige Nächte, durchzogen von Angst und Unsicherheit, Rita Kaschdan seit dem Jugendalter begleiteten.

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»Den einen Tag haben wir gefeiert, und am nächsten Tag war ein Pogrom und man musste helfen, das war einfach so.«

Rosa Jefimowna Selenko

Forschungsaufenthalte im Ausland sind oft von großem Zeitdruck geprägt, möglichst viel soll in der begrenzten verfügbaren Zeit geschafft werden. Auch meine Tage im Minsk des Jahres 2002 waren voller Termine, deren Wahrnehmung des Öfteren erschwert durch ein öffentliches Verkehrssystem, das zwar funktioniert, manchmal aber doch mehr Zeit in Anspruch nimmt als erwartet. Mehrere meiner Interviews fanden nachmittags statt, nachdem ich einige Stunden im Nationalarchiv der Republik Belarus verbracht hatte. Die Fahrten zu den Frauen und Männern kamen mir dabei oft wie eine Zeitreise vor, weg von jahrzehntealten Dokumenten hin zu lebenden Personen. Hinein in die Wohnhäuser des gegenwärtigen Minsk, in die unmittelbaren Lebensräume derer, über die ich, synonym oder unmittelbar, gerade noch auf vergilbtem Papier gelesen hatte.

Eine meiner Fahrten führte mich zu Rosa Jefimowna Selenko und ihrer Freundin Olga Dmitrijewna Glasebnaja, die nahezu am Rande der Stadt wohnen. Während des Fußweges von der Bushaltestelle zum Wohnhaus fiel mir der starke Kontrast auf zwischen den Wohnblöcken links von mir, und den kleinen, oftmals aus Holz gebauten Häusern rechterhand. Trafen hier wirklich Stadt und Land so unmittelbar aufeinander? Hatte sich Minsk, wie so viele andere sowjetische Städte, auch hier bis an den Rand der nächsten Dörfer ausgebreitet? Wann? Banale Fragen, so schien es, gegenüber jenen, die ich mit Frau Selenko und Frau Glasebnaja besprechen wollte – das Leben im Minsker Ghetto und wie es Olga Dmitrijewna geschafft hatte, Rosa und ihre Schwester zu retten.

Ich wusste von der engen Verbindung zwischen beiden durch Barbara Epstein, eine Wissenschaftlerin aus den USA, die mich um die Klärung von Detailfragen mit Rosa gebeten hatte, während ich mit ihr sprechen würde. Rosa hatte vorge-schlagen, die Freundin für das Gespräch hinzuzuziehen – ihre Geschichte sei ohne Olga nicht denkbar, und so erwarteten mich beide in Rosas Wohnung. Eine der ersten Sätze Rosas bezieht sich, wie so oft, auf mein Alter. Sie ist erstaunt, wie jung ich bin: »Ich hatte jemand viel Älteres erwartet.« Ob meine Stimme am Telefon das hatte erwarten lassen? – »Nein, es ist nur, das Thema, wissen Sie, da denkt man nicht an so junge Leute.« Meine Zweifel, ob sich so viele ältere Deutsche für die Lebensgeschichten der Opfer deutscher Vernichtungspolitik interessieren, behalte ich für mich. Andererseits bin ich bemüht, die Ernsthaftigkeit meines Interesses zu belegen und beginne, von meinen Interviews und Recherchen in St. Petersburg zu erzählen. Schnell entspinnt sich ein Gespräch über das ehemalige Leningrad, wie gerne Rosa noch einmal dorthin fahren würde. Sie sei nur einmal dort gewesen, als ihre jüngere Schwester das Flugzeug nach Israel be-stiegen hat.

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Wir sind inzwischen im geräumigen Wohnzimmer angekommen, ich werde auf einem einzeln stehenden Sessel an der Wand platziert. Rosa und Olga sitzen nebeneinander auf einem Sofa links etwas von mir entfernt. Die merkwürdige Sitzord-nung ist mir nicht unbekannt aus anderen Wohnungen, gewöhnen mag ich mich daran noch immer nicht – miteinander zu reden wird dadurch nicht einfacher.

Zahlreiche Bilder, kleine Wandteppiche und die rötliche Tapete lassen den Raum warm erscheinen, zahllose Bücher in den Regalen zeugen vom Leben und Lesen in mehreren Jahrzehnten. Wie in anderen Gesprächen zuvor gebe ich Frau Selenko das Aufnahmegerät in die Hand, so kann sie steuern, was aufgenommen wird und was nicht. Zudem sitze ich zu weit weg, um es zu handhaben, so ergänzen sich technische Notwendigkeit und mein Bemühen, Selbst-Bestimmung so weit es geht herzustellen. Schnell legt Rosa Jefimowna den Rekorder neben sich, vergisst das Mikrofon – die Aufnahme ist entsprechend schlecht, ihre und Olga Dmitrijewnas Erzählung dafür umso unbefangener.

Ich bin erstaunt, wie schnell sich die Vertrautheit zwischen den beiden Frauen auf die Begegnung zwischen uns überträgt, die Erinnerungen nur so sprudeln. Wie sich an das erste, mehr als drei Stunden dauernde Gespräch ein weiteres mit Rosa anschließt, das sie ohne Umstände in der Küche und über einem schmackhaften Mittagessen führt. Woher die Sicherheit, mit der mir Rosa Jefimowna von ihrem Überleben erzählt? Hatte sie diese Sicherheit auch während der Zeit der Verfolgung und Bedrohung? Konnte sie darauf vertrauen, eben weil sie Menschen wie Olga an ihrer Seite wusste? Vertrauen sicher nicht – »Überleben war Zufall, wenn man so will«, sagt sie. Wie nur wenige andere jüdische Menschen hatte sie als junge Frau das Glück einer Freundschaft, die sich nicht abschrecken ließ von nationalsozialistischer rassistischer Propaganda, von Ghettozäunen, von deutschen Mördern oder kollaborierenden Nachbarn.

»Vielleicht war die eigentliche Idee ja nicht so toll, aber die Pionierlager waren schön«

Die ungewöhnliche Konstellation des Gesprächs – drei Personen, statt wie in den meisten anderen Begegnungen, zwei – hat zur Folge, dass es mehrfach die Richtung wechselt, geprägt ist von zahlreichen angerissenen Geschichten, die oft nicht zu Ende geführt werden. Zwei sich gemeinsam erinnernde Frauen beeinflussen sich gegenseitig, ergänzen, bringen Situationen ins Gedächtnis zurück, die der einen nicht präsent waren: Die Frage »Weißt du noch?« steht des Öfteren im Raum, wird dann selbst beantwortet mit einer kleinen Geschichte, die nicht selten in eine Flut von Erinnerungen mündet und so mehr zur Strukturierung der Erzählung beiträgt als meine Fragen. Den beiden Frauen bekannte Details wie Geburtsdaten, Namen, aber auch so scheinbar banale Dinge wie gemeinsame Freizeit in Frie-denszeiten, vor dem deutschen Einmarsch in Minsk, werden nur am Rande er-wähnt. Ich rekonstruiere sie, indem ich meine Notizen und die Transkripte meiner Gespräche auf sie abklopfe, mich auf die Suche nach Puzzleteilen mache, sie zu-134

sammenfüge. Kurze Beiträge in einem Band mit Erinnerungen Minsker Überlebender der Besatzung helfen dabei, ebenso Barbara Epsteins Aufzeichnungen.

Rosa Zukerman wächst in einer vergleichsweise großen Familie auf, drei Geschwister erleben gemeinsam die ersten Jahre der Sowjetunion. Die Zwillinge Lusja und Michail werden 1922 geboren, Rosa vier Jahre später und kurz darauf die jüngste Schwester Lilja. Von der Mutter Sofija Lwowna erfahre ich wenig, präsent ist vor allem der Vater Jefim Pawlowitsch – eine Folge der Wirren zu Beginn der Besatzung.

Olgas Schwester Warwara, oft Warja genannt, verließ das heimatliche Dorf Kortschmischtsche in der Ukraine Ende der 1920er Jahre, die beruflichen Per-spektiven erschienen für sie und ihren Mann in der Stadt aussichtsreicher. Als sie und ihr Mann ein Kind erwarten, bittet sie Olga, ihr nach Minsk zu folgen und auf das Mädchen aufzupassen. Olga zieht gemeinsam mit einer Freundin nach Belorussland, sie teilen sich die Aufgabe, besuchen je die Vormittags- bzw. Nachmit-tagsschicht in der Schule und hüten in der Freizeit das Kind, später dann ein zweites. Die Freizeit verbringt Olga häufig mit Lusja, Michail – und Rosa, die in den Kreis der »Großen« aufgenommen wird. Oft treffen sich die jungen Leute bei den Zukermans. Michail besitzt einen Plattenspieler und die jungen Leute hören Musik, tanzen. Rosa Jefimowna erinnert sich:

»Sie sind alle zu uns nach Hause gekommen, gehörten faktisch zur Familie. Sie haben auch bei uns mit gegessen, das war keine Frage. Und wenn ich bei ihnen zu Hause war, saß ich dort mit am Tisch. Ausgegangen sind wir auch, was man als Jugendliche halt so macht.«

Die 1930er Jahre sind auch die Jahre der stalinistischen Säuberungen, des Hungers und der Repression tausender Menschen. Kaum nehmen meine Gesprächspartnerinnen darauf Bezug, werden Zweifel hörbar, wenn die eigenen positiven Erinnerungen formuliert werden: »Vielleicht haben wir es ja nicht so ganz verstanden, aber es war sehr schön, vor allem die Pionierlager im Sommer. Jeder erhielt kostenlose Ausbildung – nicht so wie heute.« Der kurze Einblick in die Jugend-jahre bleibt fragmentarisch, führt in die Verbitterung, die Enkel heutzutage könnten nicht mehr vertrauen auf die Qualität und Finanzierung ihrer Ausbildung. Ich begegne diesem Bedauern über das Ende der »guten alten Zeiten« noch häufiger, hier in Minsk öfter als in St. Petersburg.

»Was machen sie denn im Ghetto?«

Der 22. Juni 1941 trennt die Gruppe junger Leute, verstreut sie und einzelne Familienmitglieder über die Grenzen Belorusslands hinaus. Während Rosa und ihre Familie in Richtung Mogilew fliehen, machen sich Olga und ihre Schwester Warwara in südlicher Richtung auf den Weg: »Als Minsk bombardiert wurde, haben wir Minsk verlassen. Meine Schwester hatte ja zwei kleine Kinder, aber wir sind in der Nacht gelaufen so weit wir konnten, bestimmt fünfzehn Kilometer. Zu Fuß.« Schlussendlich sind die Kinder müde, die Familie lässt sich im Dunkel am 135

Wegesrand nieder und entdeckt erst am Morgen, dass sie unmittelbar am Rande eines Dorfes angekommen ist. »Meine Schwester machte sich auf den Weg dorthin, um nach Milch für die Kinder zu fragen.« Die Bewohner des Dorfes Karalischt-schiawitschi bringen die zwei Frauen und beide Kleinkinder sowie eine Reihe weiterer Flüchtlinge aus Minsk in einem Schulgebäude unter. Als Gegenleistung für die Versorgung helfen die Erwachsenen bei der Ernte im Kolchos.

Rosa, Lusja und Michail verbringen einen sonnigen Tag am gerade neu eröffneten Komsomolskoje Osero, ein zu einem Strandbad umgestalteten kleinen See am Rande der Stadt, als gegen Mittag Außenminister Wjatscheslaw Molotows Stimme aus den überall aufgestellten Lautsprechern ertönt. Deutsche Truppen haben die sowjetische Grenze an mehreren Stellen überschritten, Luftangriffe auf zahlreiche Städte verübt und der Sowjetunion den Krieg erklärt. Wie viele Tausende andere Menschen auch, machen sich die Geschwister auf den Nachhause-weg. Es dauert Stunden, bis sie zu Fuß dort ankommen.

»Unsere Mutter war zu der Zeit in Nowogrudok. Ihr Bruder, Boris Akselrod, war gerade Vater geworden und hatte sie gebeten zu kommen. So waren sie und Lilja zu ihm gefahren. Wir haben auf sie gewartet, gehofft, sie würden nach Minsk zurückkehren und wir würden dann gemeinsam die Stadt verlassen. Ein Kollege bot unserem Vater sein Auto an, aber Vater sagte, er könne doch nicht ohne seine Frau und Tochter fliehen.«

Michail Zukerman war sofort an seine Arbeitsstelle, die Radio-Fabrik, beordert und von dort aus an die Front mobilisiert worden, und so warten Lusja, Rosa und der Vater allein auf Mutter und Schwester. Die Chancen, sie zu finden, schwinden, schließlich machen sich die drei gemeinsam mit Berta Semjenowna Zukerman, der Schwägerin des Vaters, deren Kindern Lonja und Tomotschka, den Großeltern väterlicherseits und der zweiten Großmutter auf den Weg in der Hoffnung, in Kürze möge sich die Familie zusammenfinden. Rosas Onkel, Arkadi Zukerman, war als Militärarzt im Dienst; ihr Vater musste demzufolge Verantwortung nicht nur für seine eigenen Kinder, sondern auch seine Nichte und seinen Neffen übernehmen.

Das Dorf Trostenez, wenige Kilometer von Minsk entfernt, wird für viele Menschen aus Minsk zum vermeintlich rettenden Unterschlupf. Das wenig später von den Deutschen errichtete Vernichtungslager gibt es noch nicht. Doch nachdem deutsche Truppen schnell die Gebiete östlich von Minsk besetzt haben, erscheint das Leben im dörflichen Provisorium kaum besser als das im zerstörten Minsk:

»Wir lebten in einer Banja, zusammen mit all den anderen Leuten. Nach etwa einer Woche machten sich ein paar Männer auf den Weg nach Minsk, um zu sehen, wie es da aussieht. Vater bat sie, nach unserem Haus zu schauen, und siehe da, als sie zurückkamen, sagten sie, es wäre heil geblieben.«

Die Zukermans machen sich auf den Fußweg nach Minsk. Rosa freut sich darauf, sich wieder richtig waschen zu können, ein richtiges Bett zu haben. Wie zur Entschuldigung für ihre Naivität fügt Frau Selenko an: »Ich konnte ja nicht wis-136

sen, was uns noch alles erwartete.« Als die Familie in die vertraute Straße ein-biegt, bietet sich ein Bild der Zerstörung.

»Unser Haus war nicht mehr da, ein paar Wände standen noch, die Fensterrah-men waren schwarz, verkohlt. Warum die uns falsch informiert hatten, wir wissen es nicht. Vielleicht haben sie sich in der Hausnummer geirrt, oder das Haus war erst abgebrannt, nachdem sie da waren, wer weiß … Wir hatten also alles verloren, besaßen nur noch, was wir auf dem Leibe hatten … Und den Schlüssel zur Wohnung hatte mein Vater.«

Den Grund für die Fehlinformation herauszufinden bleibt keine Zeit, und das Wissen darum würde auch nichts ändern. So suchen die neun Personen nach einer Alternative. In weniger zerstörten Häusern stehen die Wohnungen leer, eine davon bietet Unterschlupf für einige Tage.

Rosas Onkel Boris Akselrod hatte inzwischen Nowogrudok verlassen und sich auf den Weg nach Minsk gemacht. Er findet die Familie und berichtet, er habe die Mutter und Schwester Lilja so schnell es ging in einen Evakuierungszug gesetzt, sie hatten in Minsk aussteigen wollen. Der Zug habe aber nicht angehalten, und so sind sie mit Tausenden anderen in die kirgisische Hauptstadt Frunse gebracht worden. Sie sind in Sicherheit, aber unerreichbar für die anderen Familienangehörigen. Die Bestätigung hierfür erhalten Rosa und Lusja erst nach Ende des Krieges, ich viele Stunden später, am Ende des Interviews. Was mag die Unsicherheit bedeutet haben? Hat sie etwas bedeutet? Waren Rosa, Lusja, ihr Vater froh, wenigstens die beiden in Sicherheit zu wissen? Frau Selenko kann mir diese Frage nicht beantworten, oder will es nicht.

Nach dem Befehl an alle jüdischen Einwohner Minsks, sich in einem »jüdischen Wohnbezirk« anzusiedeln, ziehen Rosa und ihre Verwandten in ein Zimmer auf der Uliza Zamkowaja. »Es war gut, dass wir so eine große Familie waren, sonst hätten wir uns das Zimmer noch mit anderen teilen müssen.« Unvermittelt spricht Frau Selenko dann vom ersten Pogrom:

»Das war am siebten November. Im Ghetto machte sich Panik breit, dass an den Oktober-Feiertagen ein Pogrom stattfinden würde. Einer hatte das dem anderen wei-tergesagt, und es entstand Panik. Und in der Wohnung gab es zwei Zimmer, eines davon sehr klein. In dem größeren stand ein riesiger Schrank, der wurde vor die Tür zu dem kleineren geschoben und mit allerlei Sachen gefüllt, so dass man das Loch in der Rückwand des Schrankes nicht sah. Wir waren also alle in diesem kleinen Raum – unsere ganze Familie, die Großeltern, Mutters Mutter, Tante Berta, Lonja, Tomotschka und Papa und Lusja und ich, und noch andere Leute, die auch dort wohnten. Morgens um sechs Uhr ging es los. Wir hörten die Deutschen und die Po-lizejskije, die kamen ins Zimmer und schlugen alles kurz und klein, und wir saßen mucksmäuschenstill. Dreimal sind sie da gewesen, und von der Straße hörte man Schüsse und wie sie die Leute antrieben, und Schreie. Ein Alptraum.«

Bis zum nächsten Abend harren die Versteckten aus, ehe sie sich wieder her-vorwagen. Einer der Männer geht auf die Straße und findet heraus, dass die Straße 137

nicht mehr zum Gebiet des Ghettos zählt. Die Bewohner der Straße sind in Richtung Süden getrieben worden. Wer im Ghetto geblieben war, wurde an Ort und Stelle erschossen.

»Wir mussten also schnellstens von dort weg und auf eine der Straßen, die innerhalb des Ghettos lag. Die Uliza Dimitrowa war geteilt, eine Hälfte war im russischen Bezirk, die andere lag im Ghetto, dort sind wir schließlich gelandet. Und dort hat sie uns dann, glaube ich, auch gefunden …«

Fragend blickt Rosa Olga an, die zustimmend nickt. Im Spätherbst des Jahres 1941 requirieren deutsche Offiziere die Schule in Karalischtschawitschi, die Flüchtlinge müssen sich eine andere Bleibe suchen. Warwara und Olga beschließen, nach Minsk zurückzukehren. Vielleicht hat sich die Situation in der Stadt beruhigt und sie können in ihre Wohnung zurück? Die Hoffnung erfüllt sich nicht, auch dieses Haus ist zerstört. Wie viele andere Flüchtlinge, ziehen sie in eine leer stehende Wohnung in der Nachbarschaft ein. Sie wissen nicht, dass der frühere Bewohner, Professor Polonski, ins Ghetto ziehen musste, glauben, er ist ebenso auf der Flucht wie sie.

Olga macht sich auf die Suche nach Bekannten, Freunden. Durch Zufall erfährt sie, wo Rosa und Lusja zu finden sind. Mit einem Klassenkameraden tauscht sie Neuigkeiten aus, erzählt, wen sie sucht. Frau Glasebnaja erinnert sich:

»Als mir mein Klassenkamerad sagte, dass sie im Ghetto seien, da wusste ich gar nicht, was ein Ghetto sein soll und fragte ihn: ›Was machen sie denn im Ghetto?‹ – ›Na, sie sind doch Juden.‹ Ich habe gar nicht verstanden, was das sein soll, was sie da machen, in einem Ghetto. Wir sind doch zusammen in die Schule gegangen, verstehen Sie, wir waren vollkommen anders aufgewachsen. Wir lernten zusammen in der Schule, und es wäre mir überhaupt nicht in den Sinn gekommen, dass sie Jüdinnen waren und dass dies etwas Besonderes wäre … Später stellte sich heraus, dass in unserer Klasse mehr Juden als Russen waren, aber wir haben das überhaupt nicht für bedeutsam gehalten.«

Wie viele ihrer Altersgenossen ist Olga irritiert darüber, welche Bedeutung die nationale Herkunft ihrer Freunde plötzlich hat. Die Freundschaft hatte nicht nach solchen Kategorien gefragt. »Anderssein« war kein Thema gewesen. Wie brüchig die stalinistische Nationalitätenpolitik auch gewesen sein mag, besonders im Hin-blick auf die Zerstörung von spezifischer Geschichte und Kultur – folge ich den Gesprächen in St. Petersburg und Minsk, scheint der Internationalismus im gelebten Leben real erfahrbar gewesen zu sein, zumindest in den Großstädten. Und wenn er ein persönlich angeeigneter war, erscheint er sogar als tragfähig für Herausforde-rungen, wie sie das nationalsozialistische Regime durch die Verfolgung als »feindlich und minderwertig« deklarierter Bevölkerungsgruppen geschaffen hat.

»Für Geld bekam man in Minsk alles« – Leben im Ghetto und außerhalb Rosas Familie hatte sich in der neuen Unterkunft so gut es ging eingerichtet, fünf Familien teilten sich drei Zimmer. Unter den Mitbewohnern fand sich Familie 138

Fajn, deren Tochter Lilja mit Rosa zur Schule gegangen war. Die drei jungen Frauen – Lusja, Rosa, Lilja – schliefen nebeneinander auf dem Esstisch, die anderen verteilten sich zur Nacht auf den verfügbaren Betten oder auf dem Fußboden. Als besonders schlimm erinnert Rosa Jefimowna die Kälte in den Räumen, eine Heizung gab es nicht: »Im Zimmer haben wir nicht geheizt, wir hatten ja kein Holz. Was wir hatten, war eine Art Dreifuß, auf dem haben wir gekocht.« Brenn-material gab es im Haus schon lange nicht mehr, alle entbehrlichen Stuhl- und Tischbeine, Türen etc. waren bereits verbrannt worden. Nun wurde Holz gesammelt, »wo immer man welches sah« – Zaunlatten, kaputte Möbel die nach den Razzien auf der Straße lagen, Zweige. »Ansonsten trugen wir alle Kleider übereinander, die wir hatten.« Andere Wärmequellen gab es kaum. Verstärkt wurde das ständige Frieren durch die mangelhafte Ernährung. Frau Selenko erinnert sich, dass sie ihren Rock mit einem Strick zusammenhalten musste, so sehr war sie ab-gemagert.

»Morgens hatten wir meist nichts zu essen, aber wenn wir von der Arbeit nach Hause kamen, fingen wir sofort an zu kochen. Ich als eine der Jüngsten begann sofort mit dem Anheizen, damit wir die Balanda aufwärmen konnten. Dann wurde der Reihe nach gekocht. Die Suppe bestand aus Mehlklößchen in Wasser, dazu gab es einen Kanten Brot. Manchmal warfen uns die Deutschen Kartoffelschalen hin. Sie schälten die Kartoffeln immer sehr dick, die haben wir geputzt und dann gebraten. Das war so köstlich! Aber das gab es sehr selten, da musste man ziemlich hinterher sein, um das mitzubekommen.«

Die nahezu einzige, dafür umso wichtigere Quelle für Lebensmittel war die Verbindung zu Olga Dmitrijewna und ihrer Schwester:

»Wir lebten ja nicht im Ghetto, und außerdem war meine Schwester sehr aktiv und brachte Sachen aufs Land, die sie gegen Lebensmittel eintauschte. In Minsk hat sie die dann verkauft, das war unser Einkommen. Für Geld bekam man in Minsk alles … Wir hatten es einfacher, wir waren freier.«

Diese Freiheit war relativ, unter den Bedingungen der deutschen Besatzung war es auch für nichtjüdische Sowjetbürger nicht einfach, das Überleben zu organisieren. Zumindest jedoch wurden sie nicht grundlos verhaftet, wenn sie sich auf den Straßen der Stadt oder im Umland bewegten, und von der Erschießung nur aufgrund der nationalen Herkunft bedroht waren tatsächlich nahezu ausschließlich jüdische Menschen. Verbindungen über den Ghettozaun hinweg waren daher lebenswich-tig, zugleich aber auch beständig gefährdet – und gefährlich, für alle Beteiligten.

Bei einem der ersten Besuche im Ghetto vertraut Rosa ihrer Freundin einen Sack mit kostbarem Inhalt an: Olga und ihre Schwester sollen den Pelzmantel von Frau Zukerman verkaufen und dafür Lebensmittel besorgen. Mit Schrecken beobachtet Rosa, wie Olga von zwei Männern angehalten wird, kurz nachdem sie das Haus verlassen hat. Olga Dmitrijewna erinnert sich:

»Ich weiß nicht, ob das Polizisten waren. Uniformen trugen sie nicht. Sie begannen mich auszufragen. Ich stand etwas höher als beide, und da habe ich einen 139

von ihnen in den Straßengraben gestoßen und bin weggelaufen. Ich hatte natürlich Angst bekommen vor denen.«

Frau Selenko ergänzt, dass sie ihr noch den Sack zugeworfen hat, ehe sie los-rannte. Was hier als lapidare Anekdote erzählt wird, hätte leicht in einer Katastrophe enden können; dass weder Olga oder Rosa noch der wertvolle Mantel zu Schaden kamen oder verschwanden, ist nur Olgas schneller Reaktion zu verdanken. Und vielleicht dem Glück, dass die beiden Männer zu überrascht waren, dass sich eine junge Frau von 19 Jahren entschlossen zur Wehr setzt in dieser Situation.

Olgas Courage ist immer wieder gefordert: Eine der wenigen Möglichkeiten, Lebensmittel oder andere dringend benötigte Dinge an die im Ghetto inhaftierten Menschen zu übergeben, bietet der tägliche Gang zur Zwangsarbeit. Rosa, Lusja, der Vater und Lonja müssen sich jeden Morgen vor dem Gebäude des Judenrats am Jubilenaja Ploschtschad einfinden, um von dort zu ihrer Arbeitsstelle gebracht zu werden.

»Ich weiß noch, da kamen immer drei, vier Deutsche mit Gewehren, um uns abzuholen. In einer langen Kolonne trieben sie uns durch die Stadt … Und sie, Olga, wusste schon, welche Straßen wir entlanggehen würden und um welche Zeit.

Sie kam dann zu der Kolonne, reihte sich ein und gab uns einen Laib Brot, oder eine Flasche Milch, was sie gerade hatten, oder erzählte uns schnell etwas. Das ging nur, wenn sich die Deutschen gerade abwendeten oder so. Sie hat da sehr viel riskiert.«

Olga bleibt merkwürdig still in diesem Moment, ergänzt nur, dass das fast ein-einhalb Jahre so ging. Kaum vorstellbar das Herzklopfen, das sie bei jedem dieser Momente gehabt haben muss. Als ich später einmal frage, ob sie keine Angst hatte, zuckt sie mit den Schultern: »Es ging doch nicht anders.«

Selbst die Arbeitsstellen sind Orte, an denen die Kontrolle über die jüdischen Gefangenen durchbrochen und Wege gefunden werden, sich der Aushungerung und der Erniedrigung zu widersetzen.

»Papa und Lonja arbeiteten in der Schuhfabrik, Lusja und ich in der Nähfabrik.

Die Deutschen brachten kaputte Mäntel, Uniformen, Jacken und Hosen von deutschen Soldaten dorthin, alle durchlöchert oder zerrissen. Und wir haben die repa-rieren müssen. Zuerst kam das in die Wäscherei, und dann zu uns.«

Die Uniformmäntel waren aus dickem Filz, und wenn immer es ging, zerschnit-ten die Frauen sie so, dass sie daraus Hausschuhe anfertigen konnten. Diese verkauften sie im Ghetto oder gaben sie an Olga weiter – eine weitere Quelle für den Erwerb von Lebensmitteln. Die gesamte Familie war auf solche »Zuverdienste«

angewiesen. Die Großeltern waren von den Deutschen als »nicht arbeitsfähig«

eingestuft worden und erhielten daher keine der spärlichen Essensrationen. Zu versorgen war außerdem noch die kleine Tomotschka, Berta Semjenownas Tochter. Berta selbst arbeitete als Ärztin im Ghettokrankenhaus, konnte also das Ghetto nicht legal verlassen und hatte daher auch keine zusätzlichen Einnahmequellen.

Aus Furcht, Tomotschka könnte tagsüber etwas zustoßen, nahm sie ihre Tochter 140

jeden Tag mit zur Arbeit. Olga und Warja hatten angeboten, sie zu verstecken, doch die Siebenjährige wollte sich nicht von der Mutter trennen. Die Angst vor dem plötzlichen Verschwinden der nächsten Angehörigen war begründet, die Erfahrungen der ersten Monate, von Razzien und Pogromen hatten gezeigt, zu welcher Brutalität und Rücksichtslosigkeit die Besatzer und ihre Helfer fähig und bereit waren.

»Besser nicht verstecken«

Wie bereits in Bezug auf das erste größere Pogrom im November 1941, erinnert sich Frau Selenko geradezu unvermittelt an Mordaktionen im Ghetto. Sie nennt kaum die Daten, an denen diese durchgeführt wurden. Wie Schlaglichter erscheinen ihre Darstellungen aus der Sicht jener, die während dieser Treibjagden alles erdenklich Mögliche taten, um am Leben zu bleiben. Die Aneinanderreihung ihrer Berichte lässt das Grauen als anhaltendes Auf und Ab von Todesangst, der Erwartung und Erfahrung von Gewalt, Verlust und Erleichterung über das eigene Überleben erscheinen. Die Perspektive aus dem eng begrenzten Erfahrungsraum heraus – aus dem hinter einem Schrank verborgenen Zimmer, aus einem Keller, aus den Winkeln der Fabriketage – vermag kein umfassendes Bild von dem Geschehen außerhalb zu vermitteln, gibt aber einen Einblick in die Empfindungen und Gedanken derjenigen, die zum Ziel der Vernichtung gemacht worden waren: junge Frauen und Männer, ihre Eltern und Großeltern, Freunde, Nachbarn. Die Gleichzeitigkeit von Hoffnungslosigkeit und Überlebenswillen, Verzweiflung und großem Mut, absoluter Einsamkeit und gegenseitiger Solidarität in dieser extre-men Form ist schwer aufs Papier zu bringen. Es ist unsere Vorstellungskraft, mit der wir die Räume zwischen den Worten füllen, die uns dem Erleben zwar nahe-bringen, aber doch nie ganz in es hineinführen werden.

Wir sprachen gerade über die kaum zu ertragende Kälte in den Ghettowohnun-gen und die doppelten Schichten Kleider, die sie auf dem Leib hatte, als Rosa Jefimowna anfügte, dass sie die Kleider sowieso nie abgelegt hätten: »Man wusste ja nie, was nachts passieren würde.« Die ständige Angst vor einem weiteren Pogrom, vor nächtlichen Überfällen deutscher oder ihrer Hilfstruppen versetzte die Ghettobewohner in eine beständige Unruhe, alltägliche Dinge wie Lesen standen außer Frage. »Wir horchten bei jedem Auto auf, das die Straße entlangfuhr: Wo würde es anhalten?«

Schon im Herbst 1941 marodierten die Schergen regelmäßig nachts durchs Ghetto, drangen in Wohnhäuser ein und folterten die Bewohner. Während eines dieser nächtlichen Überfälle fliehen Rosa, Lusja und Tomotschka aus dem Haus und verstecken sich in einer Hütte im Garten. »Es war eine mondhelle Nacht, und Tomotschkas Haar war so blond, dass es regelrecht leuchtete. Wir warfen ihr eine Jacke über den Kopf, um es zu bedecken. Sie war so furchtbar aufgeregt, wir konnten sie kaum beruhigen.« Auch Rosa und Lusja sind voller Angst, rätseln, ob die Schreie und Klagerufe, die sie hören, von ihren Angehörigen kommen. Am frühen Morgen wurde es dann ruhig.

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»Aber wir hatten solche Angst, ins Haus zurückzugehen und alle tot zu sehen.

Wir dachten, wenn etwas passiert wäre, würde die Tür weit offen stehen. Sie war aber geschlossen, und als wir hineingingen, saßen alle am Tisch und weinten. Sie dachten, wir seien umgekommen. Alle waren völlig aufgelöst, denn wir hatten ihnen nicht gesagt, dass wir weglaufen, und so wussten sie nicht, was mit uns geschehen war.«

Die Erfahrungen der zahllosen Angriffe, das Wissen um die grausamen Methoden der Mörder veranlassten Rosa zu verzweifelten Gedanken. Lusja, Rosa und Lilja Fajn verstecken sich auf dem Dachboden, nachdem eines Nachts ein Militärwagen direkt vor ihrem Haus angehalten hatte.

»Wir saßen da, und durch die Dachluke konnten wir sehen, was sie im Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite veranstalteten. Es war furchtbar. Ich sagte:

›Lasst uns runtergehen und besser nicht verstecken. Wenn sie uns hier oben finden, werfen sie uns aus dem Fenster und brechen uns alle Knochen, ehe sie uns umbringen.‹«

Die jungen Frauen klettern tatsächlich die Leiter herunter, setzen sich auf das Bett in ihrem Zimmer und warten. Gegen Morgen klopft es an der Tür, und auf Jiddisch fleht eine Frauenstimme: »›Aufmachen!‹ Sie war voller Blut, und anstelle eines ihrer Augen war ein großes Loch. Können Sie sich das vorstellen? Voller Blut.

Was sollten wir tun? Ins Haus lassen konnten wir sie eigentlich nicht, denn wenn das jemand gesehen hätte, wären wir sofort erschossen worden.« Offensichtlich waren die Schlächter jedoch bereits abgezogen, und so versorgen die drei die schwerverletzte Frau. Einige Stunden später transportieren sie sie auf einem Schlit-ten ins Krankenhaus, ängstlich besorgt, dass kein Bluttropfen durch die provisori-schen Verbände aus Handtüchern und Stofffetzen in den Schnee fällt.

Während der Pogrome waren Jüdinnen und Juden nur außerhalb des Ghettos sicher vor den Mördern. Rosa und ihre Schwester hatten das Glück, zuverlässige Freundinnen im russischen Teil der Stadt zu haben. Und wenn immer sie früh genug von bevorstehenden Razzien erfuhren, versuchten sie rechtzeitig durch den Ghettozaun zu entkommen und zu Olgas und Warjas Wohnung zu gelangen. Die beiden Schwestern wohnten in einer Wohnung, die ein hilfreiches Geheimnis barg, wie Olga schildert: »Es gab dort ein Badezimmer, das wir aber kaum als Bad nutzten, da die Einrichtung nicht mehr vorhanden war.« Rosa fährt fort:

»Und dieses Badezimmer hatte einen Holzfußboden. Zwei der Dielen ließen sich einfach herausnehmen, und unter dem Fußboden war ein Hohlraum. Wir warfen dort alte Kleider, Stoff und so weiter hinein, was gerade zur Hand war, und wir, also nachts haben wir in der Wohnung bei ihnen geschlafen. Aber frühmor-gens, wenn die Sonne aufging, sind wir alle in diesen Hohlraum geklettert und blieben den Tag über dort. Einmal ging das drei Tage lang.«

Nach jedem der Pogrome in den Jahren 1942 und 1943 wurde das Territorium des Ghettos verkleinert. Es umfasste immer weniger Straßen. Sobald es ruhiger geworden war nach jedem der Pogrome, erkundigte Olga sich, welche Straßen noch 142

zum Ghetto gehörten, und Rosa, Lusja, oft auch Lilja kehrten zurück ins Ghetto, in der Hoffnung, den alten Schlafplatz wiederzufinden.

Vermutlich im Juli 1942, während einer mehrere Tage dauernden Mordaktion, als arbeitende Jüdinnen und Juden über Nacht an ihren Arbeitsplätzen festgehalten wurden, verlieren Rosa, Lusja, der Vater und Lonja alle im Ghetto verbliebe-nen Angehörigen. Die Großeltern wurden zu einem der Erschießungsplätze vor den Toren von Minsk gebracht. Berta Semjenowna hatte versucht, Tomotschka und sich in der Infektionsabteilung des Ghettokrankenhauses in Sicherheit zu bringen – gewöhnlich wagten sich die Deutschen dort nicht hinein. An diesem Tag wurden alle Anwesenden in der Infektionsabteilung erschossen. Rosa erinnert sich an ihre Rückkehr ins Ghetto:

»Wir kehrten in die Wohnung zurück, da war alles durcheinander, aber keine Menschenseele … Der Tisch, auf dem Lusja, Lilja und ich schliefen, hatte eine Schublade. Aus irgendeinem Grund öffnete ich die, und da lag ein Zettel, den Liljas Mutter geschrieben hatte. Da stand: ›Liebe Kinder, das Ghetto ist umstellt. Lebt wohl.‹«

Die letzten Worte führen ins Nichts, Frau Selenko schaut mich durchdringend an. Immer öfter habe ich den Eindruck, sie will mir zwar mitteilen, was geschehen ist, ihre Empfindungen und Gedanken, oder hier Liljas, benennt sie jedoch nicht. Vertraut sie darauf, ich würde selbst erfassen, was es bedeutet, Mutter, Vater, Angehörige durch brutale Gewalt zu verlieren? Hält sie diese Dinge für weniger bedeutsam? Ich wünschte, ich könnte diese Fragen stellen, werde aber selbst zurückgehalten durch Gedanken wie jene, dass solches Nachbohren sich nicht ge-hört, es Grenzen gebe für das Fragen, und damit auch für die Antworten. Sind dies die viel zitierten Grenzen des Verstehens? Sind es dann nicht eher Grenzen des Fragens? Gesetzt durch unsere eigene Furcht, die uns vor bestimmten Fragen zurückschrecken lässt, weil sie uns noch näher an das Grauen heranführen würden?

Regen, Glaube, Einsamkeit – Rettungsversuche

Das Ghetto wird immer kleiner, mit jedem Pogrom, jeder Razzia werden weitere der anfangs bis zu einhunderttausend Jüdinnen und Juden umgebracht. Im Herbst 1942 erscheinen deutsche SS-Angehörige in der Fabrik und treiben alle anwesen-den Männer zusammen. Der 16-jährige Lonja wird verschont, er sieht jünger aus und kann sich zwischen den Arbeiterinnen verbergen. Rosas und Lusja Vater sowie sein Schwager Boris werden in das Konzentrationslager an der Uliza Schirokaja verschleppt. Rosa bittet den Vorsitzenden des Judenrats, ihnen zu helfen und den Vater zu befreien. Und tatsächlich, im Lager wird der Name Zukerman aus-gerufen. »Entweder hat es unser Vater nicht gehört, oder er hat nicht geglaubt, dass er gemeint ist – jedenfalls hat er nicht reagiert. Stattdessen hat sich unser Onkel gemeldet, als alle anderen geschwiegen haben, und er kam zurück.« Die beiden Schwestern waren Waisen im Ghetto geworden. Gemeinsam mit Lilja Fajn, Lonja und Boris sowie unterstützt von Olga und ihrer Schwester versuchen sie, 143

sich so gut es geht durchzuschlagen. Warwara hat durch ihre Fahrten aufs Land Kontakte zu Partisaneneinheiten, die von Zeit zu Zeit in den Dörfern Vorräte abholen. Über diese Kontakte vermittelt sie, dass Lusja, die ältere der Schwestern, in eine der Partisaneneinheiten fliehen kann. Im Frühjahr 1943 machen sich Lusja und ihre Freundin Lilja Gesner auf den Weg. Die Fahrt aus dem Ghetto hinaus und über die Straßen des besetzten Belorussland ist sehr gefährlich. Wir kommen auf diese Flucht zu sprechen, als die Frage nach dem Glauben an Gott, die Bedeutung von Religion für Rosas Leben im Raume steht.

»Ich glaube nicht, dass es keinen Gott gibt, aber ich glaube an keinen. Unsere Großeltern waren religiös, aber wir nicht. Sehen Sie zum Beispiel, als Lusja zu den Partisanen gebracht wurde: Sie wurde in einer Kutsche aus Minsk herausgebracht, mit der auf dem Hinweg Lebensmittel geschmuggelt worden waren. Plötzlich wurde die Kutsche angehalten, und alle mussten ihre Papiere vorzeigen. Die Deutschen kamen immer näher – doch auf einmal fängt es an zu regnen. Die Soldaten wollten vielleicht nicht nass werden, auf jeden Fall brachen sie die Kontrolle ab. Lusja und Lilja waren gerettet. Ist das nun ein Beweis für Gott? Für Schicksal?«

Auf solche Fragen weiß ich keine Antwort. Sie wird sich irgendwo zwischen Zufall, Glück und vielleicht tatsächlich dem Einfluss einer höheren Macht verbergen. Ganz reale Mächte und Gefahren drohten hingegen denjenigen, die im Ghetto zurückblieben und verdächtigt wurden, die Flucht entweder nicht verhindert oder gar unterstützt zu haben. Rosa hat Angst. Selbst ein Aufseher, der sich meist um ein »gutes« Verhältnis bemühte und hin und wieder belegte Brote für die Arbeiterinnen mitbrachte, konnte in einer solchen Situation gefährlich werden.

»Nachdem Lusja erst eine, dann zwei Wochen nicht bei der Arbeit erschienen war, fragte Bernhard mich, wo Lusja sei. ›Sie ist krank‹, habe ich geantwortet. Er glaubte mir nicht, hat aber auch nichts unternommen. Ich hatte ziemlich große Angst, dass ich verhaftet werde, aber vielleicht hat mich meine gute Arbeit gerettet. Die Aufseher brachten oft ihre eigenen Sachen zum Reparieren mit, und das habe ich dann gemacht.«

Auf meine Frage, ob sie nicht gern selbst mit Lusja gegangen wäre, der Abschied von ihr nicht furchtbar gewesen sein muss, antwortet sie recht nüchtern:

»Der Abschied von Lusja war schwer, aber ich habe mich vor allem für sie gefreut.

Sie sah weniger jüdisch aus als ich, und es war daher leichter, sie aus Minsk herauszuschmuggeln.« Wie schon in vielen anderen Gesprächen zuvor wird deutlich, wie überzeugend die Propaganda einer »typisch jüdischen« Physiognomie selbst für Menschen jüdischer Herkunft war. Immer wieder wird die möglich gewordene Rettung oder deren Scheitern damit erklärt, dass die einen weniger »jüdisch« aus-sahen, oder, im Gegenteil, eindeutig den Stereotypen entsprachen. Dunkle Haare und Augen werden immer genannt, im Falle männlicher Flüchtlinge die Be-schneidung.

Rosa lebt und arbeitet weiter gemeinsam mit Lilja Fajn, ihrem Cousin Lonja und dem Onkel Boris. Auch Lilja hat Freunde außerhalb des Ghettos, die sie hin und 144

wieder mit Lebensmitteln versorgen. Eine Freundin bietet ihr an, sie bei ihrer Familie in einem Dorf außerhalb der Stadt zu verstecken. Rosa erzählt mit stocken-der Stimme:

»Doch sie wollte mich nicht allein zurücklassen und ist im Ghetto geblieben.

Sie können sich nicht vorstellen, wie schlimm es für mich war. Kurze Zeit später ist sie einmal in den russischen Bezirk gegangen, um Kleider gegen Lebensmittel einzutauschen. Dort wurde sie von Polizisten geschnappt. Die brachten sie zum Friedhof und erschossen sie. Das … ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie schlimm

… Mehr als über meinen Vater und alle anderen habe ich da geweint. Für mich hat sie das getan, nur wegen mir ist sie geblieben. Sie hätte am Leben bleiben können, aber sie wollte mich nicht allein zurücklassen. Und dann kommt sie um.«

Immer wieder werden die Bewohner des Ghettos nachts aufgeschreckt durch Überfälle auf einzelne Häuser. Auf meine Frage, ob ausschließlich Deutsche daran beteiligt waren, mischt sich Olga ein und artikuliert ihre damalige Verwirrung über das Auftreten der Mörder:

»Die Deutschen haben die Befehle gegeben, aber ausgeführt wurden die von Litauern und Letten. Die trugen aber auch deutsche Uniformen. Die sahen aus, als wären sie bei der Feldarbeit. Wir waren daran gewöhnt, dass Soldaten korrekt ge-kleidet waren, aber die hatten fast immer die Ärmel hochgekrempelt.«

»Lasst mich rein, sonst verrate ich euch alle!«

Im Sommer 1943 hat Rosa nahezu alle Angehörigen und Freunde im Ghetto verloren, der Vater und ihre Freundin Lilja sind tot. Mutter und Schwester Lilja sind zwar in Sicherheit, aber unerreichbar weit weg. Dass ihre Schwester Lusja sicher in der Partisaneneinheit angekommen ist, weiß sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Mit ihr sind nur noch der Onkel und ihr Cousin Lonja im Ghetto. Wie sich kurz darauf herausstellt, tragen sie entscheidend dazu bei, dass sie die letzten Tage und Wochen im Ghetto überlebt.

Nach weiteren Mordaktionen und Plünderungen im Ghetto waren Rosa, Lonja und Boris in einer Wohnung auf der Uliza Respublikanskaja untergekommen, wiederum gemeinsam mit vielen anderen Frauen und Männern, die ebenso wie sie als »arbeitsfähig« eingestuft worden waren und tagtäglich zur Zwangsarbeit getrieben wurden. Frau Selenko erinnert sich an ihre Ungeduld zu erfahren, was Lonja und der Onkel abends und manchmal nachts taten. »Kaum von der Arbeit zu Hause, verschwanden sie auch schon wieder, aber sie wollten mir nicht verraten, was sie taten.« Sie ahnt, womit die beiden und mit ihnen einige andere Menschen im Nachbarhaus beschäftigt waren: Sie bauen ein Versteck, das bei zukünftigen Pogromen einigen Menschen Zuflucht und Schutz bieten würde. Frau Selenko erinnert sich sehr genau an das, was in diesem Versteck geschah: »Das letzte Pogrom kam völlig unerwartet, niemand wusste davon.« Eines Morgens im Oktober 1943 ging sie zur Toilette, die sich, wie bei vielen der Ghettohäuser, auf dem Hof des Hauses befand.

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»Auf einmal hörte ich, wie Leute anfingen zu schreien, riefen, man solle sich verstecken. Ich rannte also auch zurück ins Haus, aber da war niemand mehr.

Dann sah ich durch ein Fenster, wie im Nachbarhaus Leute eine Leiter runterklet-terten, offensichtlich in ein Versteck. Ich klopfte ans Fenster, aber niemand rea-gierte. Erst als ich zu schreien begann und rief: ›Lasst mich rein, sonst verrate ich euch alle!‹, machte jemand das Fenster auf und zerrte mich ins Haus. Verstehen Sie, damals, in dieser Situation, jeder kümmerte sich nur um sich und nahm keine Rücksicht auf die anderen.«

Im Nachhinein bin ich mir nicht mehr sicher, auf wen sich diese Äußerung bezieht – auf diejenigen, die sich erst nicht um die Einlass fordernde Rosa scheren, oder auf sie selbst, die sich mit diesem Hinweis zu entschuldigen sucht für die Drohung, die anderen ebenso wenig zu schützen, wenn sie nicht auch ihr Unterschlupf gewähren. Es sind Fragen dieser Art, die ich leider oftmals nicht gestellt habe, die uns aber vielleicht helfen würden zu verstehen, welche Konsequenzen Regime wie das nationalsozialistische für individuelles Denken, Fühlen und Verhalten haben können.

Am 23. Oktober 1943 beginnen die deutschen Besatzer und ihre Helfer das Ghetto in Minsk zu zerstören – das letzte große Ghetto auf weißrussischem Gebiet. Die Bewohner des Ghettos wissen dies zu diesem Zeitpunkt nicht, doch die letzten Pogrome, insbesondere jenes nach dem Attentat der antifaschistischen Untergrundorganisation auf den deutschen Generalkomissar Wilhelm Kube im September 1943, haben ihnen bewusst gemacht, dass der Grad zwischen Überleben und Tod kaum noch greifbar ist. Die geräumige Malina – »so groß wie dieses Wohnzimmer hier«, also etwa 14 Quadratmeter – zeugt vielleicht von dem Versuch, auch noch im Moment absoluter Aussichtlosigkeit die letzte Chance auf Leben nutzen zu wollen. Unter dem Haus, durch das der Zugang verläuft, befinden sich zwei Hohlräume. Der Aushub muss eine beträchtliche Menge an Erde umfasst haben: »Man konnte das nicht einfach auf die Straße kippen, so haben sie das auf dem Dach verteilt. Und wir haben alle jeden Tag ein bisschen Erde in den Jackentaschen mitgenommen und auf dem Weg zur Arbeit verstreut.«

Die Malina war sorgfältig geplant und konstruiert, mehrfach abgesichert und so ausgestattet, dass man dort mehrere Tage würde überleben können. Durch den Keller erreichte man den ersten Raum, recht klein. Von dort aus gab es eine weitere Tür in das eigentliche Versteck, »und dort gab es sogar einen Toiletteneimer, einige Eimer Wasser waren vorbereitet, und die Leute hatten auch Essensvorräte angelegt. Ich hatte so was noch nie gesehen«, erinnert sich Rosa Jefimowna. Etwa 30 Personen drängen sich auf engstem Raum, wenige kleine Rohre bringen Luft zum Atmen herein. »Wir hörten, wie die Deutschen randalierten. Und dann fing ein kleines Kind an zu schreien, da waren wir alle starr vor Schreck. Die Mutter wusste, dass das Geschrei alle in Gefahr brachte und hielt dem Kind den Mund zu.

Das Kind ist dann …« Frau Selenko hält inne, führt den Satz nicht zu Ende, und doch weiß ich in diesem Moment, wovon sie berichtet. »Können Sie sich das vor-146

stellen?« Ja ich kann, und ich kann es nicht. Das Wort Verzweiflung kommt mir in den Sinn, Entsetzen, Fassungslosigkeit, doch keiner dieser Ausdrücke will so recht erfassen, was die junge Mutter bewegt haben muss, als sie den Tod ihres eigenen Kind erkannte.

»Ich kroch auf allen vieren« – Befreiung aus dem Versteck Es dauert einige Sekunden, ehe Rosa Selenko fortfährt und ich erfahre, wie knapp die Deutschen das Versteck verfehlten:

»Offensichtlich hatten sie tatsächlich das Kinderweinen gehört, und fanden dann auch den ersten Hohlraum. Da war aber niemand, und um zu verhindern, dass sich da später jemand verstecken könnte, warfen sie alles Mögliche aus dem Haus dort hinein. Dadurch wurden auch die Luftrohre verschlossen, und wir hatten kaum noch Sauerstoff, es war furchtbar heiß. Eine Frau ist hysterisch geworden, hat angefangen herumzuschreien. Der haben sie dann den Mund zugebunden, und auch sie ist erstickt. Dann saßen wir mit zwei Leichen in diesem Versteck, die wurden in der Nähe der Toiletteneimer abgelegt. Immer wenn man mal musste, musste man an denen vorbei.«

Keiner der Versteckten weiß, was oberhalb, im Ghetto vorgeht. Die Luft wird immer knapper. Einige Männer, die die Malina gebaut hatten, versuchen, einen neuen Ausgang zu graben, berechnen die Richtung, in der sie graben müssen. Die überschüssige Erde aus dem Tunnel wird im Versteck verteilt, »man konnte nicht mehr stehen, nur noch knien oder sitzen.« Letztendlich erreicht der Tunnel das Ta-geslicht, doch der Ausgang befindet sich entgegen der Berechnungen nicht im Hof des Hauses, sondern mitten auf der Straße. Lonja wird ausgewählt, aus dem Versteck herauszuklettern und Informationen einzuholen, was sich im Ghetto tut. Er bedeckt den Zugang mit Mobiliar und Schutt und versteckt sich selbst in nahe gelegenen Ruinen. Am Morgen, nach dem Ende der Ausgangssperre macht er sich auf den Weg zu Olga und Warwara. Nachts kehrt er zurück in die Malina, mit etwas Brot und Milch, das unter allen verteilt wird. Er berichtet von der Auflösung des Ghettos. Warwara und Olga haben sich zudem entschlossen, ihn, Rosa und Boris aus Minsk herauszubringen.

»Morgens um vier wollten sie uns treffen. Wir drei sind also aus dem Versteck geklettert – mich mussten sie förmlich herausziehen. Ich konnte meine Knie nicht mehr bewegen, und als ich auf die Straße trat, die frische Luft einatmete, wurde mir schwindelig. Ich bin eingeknickt und auf allen vieren zu der Ruine gekrochen, in der wir uns verstecken wollten. Ich musste mich erst einmal erholen, ehe ich laufen konnte.«

Eine Freundin von Warwara, mit der sie regelmäßig aufs Land gefahren war, übernimmt die schwierige Aufgabe, die drei Ghetto-Flüchtlinge in von Partisanen kontrolliertes Gebiet zu bringen. Sie läuft in Sichtweite der kleinen Gruppe voran, sollte sie angehalten und von Polizisten kontrolliert werden, haben die drei Zeit, sich am Wegesrand zu verstecken. Frau Selenko erinnert sich an die Strapazen: 147

»Ich trug einen Rock, eine Bluse, und ein Wolljäckchen, das war alles. Aber von all dem, von der Kälte, von den Schmerzen in den Knien, der Angst habe ich kaum etwas gemerkt, das war alles irgendwie unwichtig.« Trotz einiger Schrecksekun-den, auf die Frau Selenko nicht näher eingeht, erreichen sie, Lonja und Boris Staroje Selo, ein westlich von Minsk gelegenes Dorf, das von vielen Flüchtlingen aus dem Minsker Ghetto als Ort erinnert wird, an dem sie auf Partisanen trafen. Warja und die anderen Frauen hatten dort immer wieder Lebensmittel erhalten und im Gegenzug technische Ausrüstung, Kleidung und andere Dinge abgeliefert, die von der Dorfbevölkerung an die Partisanen weitergegeben wurden.

Nach dem 50 Kilometer langen Fußmarsch sind alle erschöpft, doch da sie –

wohl aus Angst oder Misstrauen heraus – niemand einlässt, warten sie im Schatten einer Hauswand. Kurze Zeit später treffen Partisanen ein,

»und es zeigt sich, dass Lonja und Boris vorgesorgt hatten: Sie hatten im Ghetto zwei Pistolen besorgt, die sie nun vorzeigen konnten, als sie um Aufnahme in eine Einheit baten. Einer der Partisanen klopfte dann an die Tür des Hauses, sagte der Bäuerin, sie solle uns etwas zu essen und einen Schlafplatz geben. Am nächsten Morgen würden wir zu den Partisanen gebracht, dann verschwand er.«

Die Frau lässt die drei ein, stellt Milch und Brei auf den Tisch. »Und dann hat sie mir gesagt, ich könne auf dem Ofen schlafen. Das war wunderbar! Ich konnte mich am nächsten Morgen kaum bewegen, so steif war ich. Wohl von dem Wechsel von Eiseskälte und dann der Wärme.«

Drei Tage bleiben die Flüchtlinge im Dorf, ehe sie von einem kleinen Trupp Partisanen zur eigentlichen Basis der Einheit »Ponomarenko« gebracht werden. »Wir kamen zu der Einheit, als sie gerade umgruppiert wurde. Da waren nur zirka dreißig Personen in der Otrjad, aber schnell wurde sie größer, bis fast zweihundert Partisanen zusammen waren.« Das Anwachsen der Einheit erklärt Rosa Jefimowna damit, dass in den letzten Kriegsmonaten, als die deutsche Niederlage absehbar war, zahlreiche Einheimische versuchten sich zu »rehabilitieren«. Die Logik dieser Verhaltensweise ist, dass die sowjetische Regierung jede Person der Kollaboration mit den deutschen Besatzern verdächtigte, die oder der in irgendeiner Art und Weise mit jenen zusammengearbeitet hatte oder auch nur im Verdacht stand, dies getan zu haben. Die Beteiligung am Partisanenkampf würde in solch einem Fall als Wiedergut-machung gelten. Im Übrigen bestand die Einheit in Rosa Jefimownas Erinnerung aus zahlreichen Intellektuellen und Menschen aus den größeren Städten, denen rechtzeitig die Flucht in die Wälder gelungen war und die sich so dem deutschen Zugriff entzogen. Nach ihrem Wissen waren sie, ihr Cousin und der Onkel drei von sehr wenigen Juden in der Otrjad, sie erinnert sich an zwei weitere.

»Ich glaube, ich habe meine Angst verloren«

Frau Selenko erzählt wenig über das Leben in der Otrjad, sie war gleich nach ihrer Ankunft dem Lazarett zugeordnet worden. »Ich habe dort alles gemacht, was so anfiel: die Kranken versorgt, Essen gekocht und verteilt, Wäsche gewaschen.«

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Regelmäßig kommt ein Arzt vorbei, der mehrere Einheiten betreut. Ansonsten ist Rosa weitgehend auf sich gestellt, »aber ich habe immer versucht, alles gut zu machen.« Unter anderem besserte sie Uniformen aus. »Ich habe immer gerne genäht.

Ich habe auch das Banner unserer Einheit angefertigt, es hängt noch heute im Museum des Großen Vaterländischen Krieges.« Hat jemals zuvor sich jemand gefragt, wer die prächtigen, oder eben auch die weniger prächtigen, mit einfachen Mitteln gestalteten Fahnen der verschiedenen militärischen Formationen angefertigt hat? Ich nicht, umso beeindruckter bin ich, dass meine Gesprächspartnerin auf dieses kleine Detail vergessener Geschichte hinweist, das hier einmal mehr traditionell von Frauen ausgeübte und daher vernachlässigte Tätigkeiten benennt.

Wenn ein Großteil der Einheit zu Sabotageakten oder anderen Einsätzen unterwegs war, wurde sie zum Wachdienst eingeteilt. »Ich hatte immer Angst einzu-schlafen, das wäre fatal gewesen. Einmal war es richtig schwer, aber ich habe einen ankommenden Trupp gehört und das richtige Codewort gerufen.« Meine Frage, ob sie auch selbst an Kampfeinsätzen beteiligt war oder eine Waffe benutzt hat, verneint sie:

»Einmal habe ich es probiert, aber als ich abgedrückt habe, war es so laut, dass mir das Maschinengewehr vor Schreck aus der Hand gefallen ist. Ich hatte dann ein kleines belgisches Gewehr mit sechs Patronen. Aber so wie ich es bekommen habe, habe ich es auch wieder abgegeben«

Wie auch Rita Kaschdan ist es ihr wichtig zu betonen, dass sie nicht geschossen hat. Noch immer bin ich unsicher, ob hiermit ein Selbstbild erhalten werden will, dass sich an traditionellen Vorstellungen von Weiblichkeit orientiert: Frauen sind keine Kämpfer, töten nicht.

Einige Zeit später, als sie von einem zweiten Ehemann in den Nachkriegsjah-ren erzählt, werde ich stutzig: War sie auch während des Krieges liiert, eventuell in der Partisaneneinheit? Sie bestätigt dies auf Nachfrage, alle der etwa zehn Frauen in der Einheit hätten einen Partner gehabt, das sei sicherer gewesen: »Sie wissen doch, wie das ist, wenn zweihundert Leute permanent aufeinander hocken.« Genauere Details dazu, welche Gefahren dies barg, nennt sie nicht, auch auf Nachfrage nicht. Andeutungen beherrschen noch immer das Gespräch über intime Beziehungen, Bedrohungen, die Frauen aus der Zwangsgemeinschaft mit zahlreichen Männern erwachsen können, oder tatsächliche Erfahrungen von Gewalt. Dass die Angst vor jenen begründet war, entnehme ich aus Bemerkungen wie jener: »Wenn unsere Männer auf Einsatz waren, schliefen wir Frauen alle zusammen in einer der Erdhütten.« Und trotzdem, auch angesichts der harten Lebensbedingungen im Wald, formuliert Frau Selenko, sie habe sich sicher gefühlt: »Das war richtig merkwürdig am Anfang. Man musste keine Angst mehr vor nächtlichen Pogromen haben. Ich kannte ja aber auch kaum ein normales Leben, insofern habe ich mich vielleicht schnell an die harten Lebensbedingungen gewöhnt?«

Ob sie Angst gehabt habe? »Nein, ich glaube, ich habe die verloren … Sehen Sie, die Deutschen haben uns immer mal wieder blockiert, aber man wusste im-149

mer vorher, wann das geschehen würde, und da konnte man sich vorbereiten.« Neben der Notration, die in solchen Fällen an alle Mitglieder der Otrjad ausgegeben wurde, erinnert Rosa Jefimowna die dramatischen Rettungsaktionen: »Die Kranken wurden auf Inseln in den Sümpfen evakuiert, über Brücken aus Baumstämmen. Ich bin dabei mehrfach ins Wasser gefallen, aber irgendwie haben sie mich immer wieder herausgezogen.«

Im Sommer 1944 befinden sich die deutschen Truppen auf dem Rückzug, nutzen aber jede Gelegenheit, Menschen zu töten. Die Partisaneneinheit wird aufge-teilt in kleinere, mobilere Gruppen von 15 bis 20 Personen. »Wir mussten immer aufpassen, nicht in einen Hinterhalt zu geraten, die waren überall. Versteckt haben wir uns vorrangig in Panzergräben, die gab es ja überall.« Mitte Juli versteckt sich Rosas Gruppe wieder einmal, als Panzerrohre auf der Straße sichtbar werden.

»Die sahen aus wie unsere, aber wir waren nicht sicher. Manchmal haben die Deutschen sich als Sowjetsoldaten verkleidet, um einfacher durchzukommen. Aber auf einmal hörten wir, dass die Soldaten Russisch sprachen, und dann sind wir zu ihnen gelaufen.« Von den Truppen erfahren sie, dass Minsk und weite Teile Belorusslands bereits befreit sind und alle Partisanen am 16. Juli in Minsk sein sollen.

Später stellt sich heraus, dass für diesen Tag eine große Parade geplant ist, an der alle Kämpfer teilnehmen sollen. Die Einheit macht sich auf den Weg, rastet in Iwenez, einem Dorf 70 Kilometer von Minsk entfernt. Rosa Jefimowna erzählt schmunzelnd, dass abends gefeiert wurde. Aus der kurzen Rast wird eine lange Nacht und die Einheit kommt nicht rechtzeitig in Minsk an.

Spätes Wiedersehen

Lusja Jefimowna, Rosas Schwester, hingegen ist pünktlich mit ihrer Partisaneneinheit in Minsk eingetroffen. Sofort macht sie sich auf die Suche nach Rosa, findet das Ghetto zerstört vor, keine Nachricht am alten Wohnhaus der Familie.

Durch Zufall trifft sie auf Arkadi Zukerman, Lonjas Vater. Der Militärarzt ist in Minsk mit dem Aufbau eines Krankenhauses betraut, sucht aber ebenfalls nach seiner Familie. Er nutzt seine herausgehobene Stellung, um im Stab der Partisanenbewegung Informationen über Rosa und Lonja zu bekommen – Lusja wusste, dass sie aus dem Ghetto hatten entkommen können. Unter all den Partisanen, die an der großen Parade teilgenommen haben, finden sich weder Lonja noch Rosa.

Doch einer der Offiziere weiß, dass eine Einheit nicht erschienen ist. Vielleicht sind die beiden dort zu finden? In den Listen sind sie genannt. Arkadi macht sich auf den Weg, und tatsächlich findet er sie. Rosa erinnert sich:

»Wir schliefen in einem Schulgebäude auf dem Boden. Auf einmal stößt mich der Wachhabende an, ›Aufstehen! Ein Oberst will euch sehen!‹ Auch Lonja war erstaunt. Welcher Oberst? ›Lass mich in Ruhe!‹, habe ich noch gesagt, doch der ließ keine Ruhe. Wir sind dann aufgestanden und hinausgegangen – und da war Lonjas Vater! Sie können sich nicht vorstellen, wie wir geweint haben vor Freude!«

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Der Onkel erzählt Rosa sofort von Lusja, auch von der Mutter und Lilja, er hatte während des Krieges Kontakt zu ihnen, regelmäßig Geld zu ihrer Unterstützung geschickt. Frau Selenko ist sichtlich erregt, und auch ich spüre wie eine Mischung aus Erleichterung und Traurigkeit mich durchflutet. Erleichterung, dass zumindest ein Teil der Familie wieder zusammen sein kann, Sofia Lwowna und Lilja zurückkehren werden; Traurigkeit, dass so viele andere nicht überlebt haben, von denen Rosa und Lusja dem Onkel berichten müssen. Herr Zukerman erhält die Erlaubnis, Sohn und Nichte sofort mit nach Minsk zu nehmen. Das Wiedersehen mit Lusja schildert Rosa Jefimowna nicht, doch ich kann die Freude erahnen, vergegenwärtige ich mir das Strahlen in Frau Selenkos Augen, als sie von der Rückkehr nach Minsk berichtet:

»Das Hospital wurde in der ehemaligen Hochschule eingerichtet, dorthin fuhren wir. Die anderen Ärzte und Schwestern wussten schon, dass der Chef seine Kinder gefunden hatte. Das war ein großes Hallo! Wir konnten uns waschen, bekamen zu essen … Er hat dann in der Nähe ein Zimmer gemietet für Lusja und mich, und uns mit Lebensmitteln versorgt.«

Angesichts der schlechten Versorgungslage in den befreiten sowjetischen Gebieten ist diese Unterstützung geradezu lebensnotwendig. Denkwürdig ist jedoch, dass Angehörige des Militärs offensichtlich Zugang zu Ressourcen hatten, die den überlebenden Zivilisten genauso dringend fehlten.

Olga Glasebnaja erzählt über die letzten Tage der deutschen Besatzung Minsks und die unmittelbare Zeit danach:

»Minsk war ja auch vor dem Krieg keine sehr große Stadt, und nach dem Krieg umso weniger. Das ganze Stadtzentrum war zerstört, aber die Leute haben sehr zu-sammengehalten und auf engstem Raum zusammengelebt. Als die Deutschen einmarschierten, war ja unser Haus abgebrannt, deshalb konnten wir nicht in unsere Wohnung zurück. Von dem Haus war absolut nichts mehr übrig. Wir sind, … alle Leute sind aus der Stadt geflohen, als die Deutschen abzogen und unsere Truppen die Stadt einnahmen. Wer konnte, hat sich versteckt. Und da ist auch unsere zweite Wohnung zerstört worden. Wir trafen zum Glück auf eine frühere Nachbarin, die war auch bei den Partisanen gewesen, aber nun wohnte sie zusammen mit einer anderen Familie in einer Wohnung. Mit einem Vorhang hatten sie ein Zimmer abgeteilt, die eine Hälfte war dadurch ohne Fenster und sehr dunkel. Die Nachbarin wohnte in diesem dunklen Raum, hatte nur ein Bett, aber sie hat uns bei sich aufgenommen.«

Historische Arbeiten verweisen mehrfach auf die großen Zerstörungen, die die deutsche Besatzung in den besetzten sowjetischen Gebieten hinterlassen hatte.

Der Mangel an bewohnbaren Gebäuden taucht da oftmals in Form von Zahlen auf, Prozentzahlen von vor dem Krieg bestehender Wohnfläche. Greifbar in ihrer Bedeutung für die Menschen, denen die Wohnungen fehlen, werden solche Statisti-ken jedoch erst durch solche Berichte. Die Vorstellung, drei Erwachsene und zwei Kinder leben gemeinsam in einem zirka acht Quadratmeter großen Zimmer ohne 151

Fenster, löst Beklemmungen aus. Aus heutiger Sicht und der Situation relativer Privilegierung heraus, wie ich als westeuropäische junge Frau sie erlebe, erscheint ein solches Wohnen unmöglich. Und doch – es ging. Musste gehen. Die 18-jährige Rosa Jefimowna konnte sich nicht vorstellen, »dass Minsk je wieder aufgebaut werden könnte. Die Stadt war so kaputt!« Die Trümmer wurden per Hand abge-tragen, nur langsam entstand nutzbarer Wohnraum.

Lusja und Rosa wohnten weiterhin in dem Zimmer, dass ihr Onkel für sie gemietet hatte, entschlossen sich jedoch im Herbst, nach einer Tante Schenja zu suchen – sie hatte vor dem Krieg ein eigenes Haus in einem Vorort von Minsk bewohnt und würde sie sicher aufnehmen: »Für das andere Zimmer mussten wir Miete zahlen, aber wir hatten kein Geld.« Ihre Suche bleibt ergebnislos, stattdessen finden sie Olga und Warwara. Mithilfe von Zetteln, die tausende Menschen an öffentlichen Plätzen hinterließen, wird nach Angehörigen oder Bekannten gesucht. Zudem, erinnern sich beide, halfen sich die überlebenden Minsker gegenseitig, wer auch immer etwas über den Verbleib bestimmter Menschen wusste, sagte es weiter. Für kurze Zeit ziehen die Geschwister Zukerman in das enge Zimmer zu Olga und Warwara. Rosa Jefimowna und Olga Dmitrijewna schmunzeln, als sie sich an das Leben in der Enge erinnern.

»Wir waren so froh, dass wir überlebt hatten«

»Ich weiß noch die Zwiebeln«, lacht Rosa, und Olga fügt hinzu: »Ja, wir saßen auf dem Bett, vor uns ein Teller mit ein bisschen Öl, man tunkt die Zwiebeln hinein, dazu ein Stückchen Brot – herrlich!« – »Und gelacht haben wir, und alles war gut!« – »Wir waren so froh, so glücklich, dass wir überlebt hatten.« – »Wir be-saßen nichts außer dem, was wir auf dem Leibe trugen, kein Geld, nichts, aber wir waren glücklich.« Auf meine Frage, ob die Erinnerungen an die Ereignisse während des Krieges belastend gewesen seien in jenen Tagen, antwortet Rosa aus-weichend. »Wichtig war, dass wir überlebt hatten, den Krieg, das Ghetto. Alles andere war egal, dass wir nichts zu essen hatten, keine richtige Wohnung. Das war alles egal.« Erst später wird mir klar, dass auch hier ich keine Antwort erhalte auf meine Frage nach Trauer oder Schmerz.

Der Neuanfang lässt keine Ruhepause zu, die beiden Schwestern müssen den Lebensunterhalt selbst bestreiten: »Unser Vater war tot, und auch mein Onkel war in den letzten Wochen getötet worden, vermutlich von einem Heckenschützen erschossen. Auf wen konnten wir also zählen?« Rosa hatte unmittelbar vor dem Kriegs-beginn die achte Klasse der Schule abgeschlossen, »aber nun war ich natürlich zu alt, um noch weiterzulernen, und wir mussten einfach Geld verdienen.« Lusja Jefimowna hatte vor dem Krieg bereits ein Technikum besucht und war durch ihre Partisanentätigkeit mit dem ObKom in Kontakt. Sie wird dort als Sekretärin eingestellt und erhält als Angestellte der leitenden Gremien in der Stadt Essensgutscheine.

Auch Rosa wird über diesen Weg versorgt, zuerst heimlich durch Lusja, später offiziell, als sie als Schreibkraft in der Militärverwaltung arbeitet.

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»Ich glaube, dass ich einfacher an Arbeitsstellen herangekommen bin als andere in meiner Situation, weil ich bei den Partisanen gewesen bin. Aber dass ich im Ghetto war, habe ich nur engsten Freunden erzählt. Es war bekannt, dass das Ghetto im Grunde ein Todeslager war, zu überleben war relativ unwahrscheinlich.«

Nur Eingeweihte oder Menschen mit Vorwissen erfassen, worauf Frau Selenko hier anspielt: Viele der Überlebenden von Ghettos und Konzentrationslagern, aber auch zur Zwangsarbeit ins Reichsgebiet deportierte Menschen wurden nach ihrer Freilassung bzw. Rückkehr in ihre sowjetische Heimat der Kollaboration mit den Deutschen verdächtigt, tagelang durch den Sicherheitsdienst verhört. Viele wurden ohne Beweise in Gefängnisse oder Arbeitslager gesteckt. Andere entgingen solchen Repressionen, hatten aber ihr Leben lang Schwierigkeiten im Berufsleben, wurden als »unzuverlässig« eingestuft und hatten keine Chance, begehrte oder ge-wünschte Studien- oder Arbeitsplätze zu erhalten.

Ehemalige Partisanen hingegen waren von solchen Verdächtigungen weitgehend ausgenommen, galten als loyale und treue Sowjetbürger. Frau Selenko merkt an, dass für sie die Partisaneneinheit eher eine Zuflucht war:

»Aus patriotischen Gefühlen heraus wäre ich sicher nicht zu den Partisanen gegangen. Ich kann nicht behaupten, dass ich mit meinen fünfzehn Jahren gesagt hätte: ›Lasst mich an die Front, so dass ich gegen die Deutschen kämpfen kann.‹

… Ich bin zu den Partisanen gegangen, um mein Leben zu retten. Das war die einzige Chance. Und das war auch klar, wenn wir auf der Arbeit uns unterhalten haben und man mich fragte, wo ich gewesen bin und ich sagte: ›Bei den Partisanen.‹

Dann wussten die Leute schon, dass ich mehr oder weniger gezwungen war, zu den Partisanen zu gehen, sonst hätten sie mich hier doch umgebracht. Es wussten doch alle, dass hier in Minsk so gut wie kein Jude überlebt hat.«

Meine anschließende Frage, ob dann ihre Zeit bei den Partisanen die Beziehungen anderer Menschen zu ihr beeinflusst hat, bejaht sie. »Wissen Sie, das war Pa-triotismus. Ich war bei den Partisanen, das heißt ich war Kriegsveteran… das galt schon was.« Konkret schlug sich dies darin nieder, dass sie in späteren Jahren Anspruch auf kostenlose Medikamente und andere Subventionen hatte.

Zunächst jedoch galt es, überlebende Familienmitglieder ausfindig zu machen.

Per Brief hatten Rosa und Lusja Jefimowna inzwischen Kontakt zu Mutter und Schwester in Frunse aufgenommen, die Wiederbegegnung mit den beiden lässt jedoch lange auf sich warten:

»Man durfte damals nicht einfach aus der Evakuation zurückkehren, es war ja immer noch Krieg. Zudem musste man nachweisen, wo man wohnen würde. Lusja erhielt Mitte des Jahres 1945 eine eigene Wohnung, als Angestellte der Stadtver-waltung, und dann konnten wir Mutter und Schwester einladen.«

Rosas Ehemann, dessen Namen ich leider nicht erfahre, war im Februar 1945

bei einem der letzten Kämpfe auf dem Vormarsch nach Berlin gefallen. Sie selbst war zu diesem Zeitpunkt schwanger, war also bald allein mit einem kleinen Kind 153

in Minsk. Ein zweiter Ehemann, den sie durch ihre Arbeit als Sekretärin im Kunst-museum kennenlernt, bringt selbst zwei Töchter in die Ehe mit. Das Paar, die drei Kinder und bald ein gemeinsamer Sohn wohnen mehrere Jahre in einer Keller-wohnung, ehe sie 1962 eine richtige Wohnung erhalten – in der Rosa Jefimowna noch heute wohnt. »Es gab damals eine Anweisung, dass niemand mehr in Kellern wohnen sollte und die Bewohner solcher Unterkünfte richtige Wohnungen erhalten. Da haben auch wir eine Wohnung zugewiesen bekommen.« Den Lebensunterhalt zu bestreiten war auch mehrere Jahre nach dem Krieg eine Herausforderung: »Mein Mann hatte drei Jobs: in zwei Museen arbeitete er in der Leitung, in einem dritten hat er regelmäßig geputzt. Ich war Sekretärin, habe aber immer auch noch hinzuverdient, indem ich zu Hause für andere Leute Kleidung genäht habe.

Es gab ja nichts.« Rosas Mutter ist schwer krank, aber erst nachdem sie eine Bescheinigung über ihre Berufsunfähigkeit erhalten hat, bekommt sie eine zusätzliche Rente: »Das hat sehr geholfen.«

Bald zerstreute sich die Familie: Lonja und sein Vater Arkadi Zukerman waren mit den sowjetischen Truppen weiter in Richtung Berlin gezogen und ließen sich nach Kriegsende in Kiew nieder; Lilja Zukerman wanderte in den 1970er Jahren nach Israel aus.

»Den einen Tag haben wir gefeiert, am nächsten mussten wir sie vor dem Pogrom retten, das war einfach so«

Olga Dmitrijewna hat die Wohnung bereits verlassen, als Rosa Jefimowna mir von diesen Jahren erzählt. Frau Glasebnaja hatte sich verabschiedet, da ihr kranker Mann auf sie wartete – auch sie ist inzwischen Rentnerin, pflegt den Mann, hilft Rosa. Die beiden Frauen sind durch eine jahrzehntelange Freundschaft verbunden.

»Bis heute hängen wir zusammen«, sagt Rosa, »Sie sehen ja, ich selbst kann kaum noch laufen, komme kaum noch aus meiner Wohnung heraus und kann nicht einmal mehr einkaufen gehen. Aber sie fragt mich jeden Tag, ob sie mir etwas mitbringen soll.« Olga findet, solche engen Beziehungen gebe es heute kaum noch:

»Sehen Sie, wir haben so ein gutes Verhältnis zueinander, ganz anders als die jungen Leute heutzutage. Seit der Perestrojka ist das alles anders. Sehen Sie, heute kennt man nicht mal mehr seine Nachbarn. Bei mir zum Beispiel, wir haben vierzig Wohnungen im Haus, aber ich kenne vielleicht drei davon, in den restlichen bin ich nie gewesen. Und zu mir kommt auch niemand. Ist das vielleicht ein Leben?«

Es spricht Empörung, vielleicht sogar Verbitterung aus diesen Sätzen. Und ich frage mich inzwischen, ob diese sich wirklich auf die persönlichen Beziehungen oder vielmehr auf die neuen Rahmenbedingungen nach dem Zerfall der Sowjetunion beziehen: »Freundschaft« wird zum Thema, als ich beide Frauen frage, wie es kommt, dass Olga und ihre Schwester so viel einsetzten, um das Leben ihrer Freundinnen zu retten.

»Während des Krieges, als wir ihnen geholfen haben, da haben wir das nicht getan, weil wir davon irgendetwas gehabt hätten, sondern … aus Freundschaft.

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Wenn sie zu uns gelaufen kamen und vor den Pogromen flohen, warum hätten wir sie nicht hereinlassen sollen? Wenn sie hier nicht mehr bleiben konnten, nichts zu essen hatten, meine Schwester aber ihnen helfen kann? Genauso wie sie Lilja Gle-ser geholfen hat, aus Minsk herauszukommen. Oder Asja Konstora aus unserer Klasse. Die wohnte zusammen mit einer Anja im Ghetto, und die beiden tauchten eines Tages bei uns auf. Meine Schwester hat dann organisiert, dass sie aufs Land fliehen konnten: Ein Bauer vom Dorf kam mit einem Wagen voller Lebensmittel nach Minsk und kaufte sich einen großen Schrank dafür. Asja und Anja versteckten sich in diesem Schrank und fuhren so sogar durch die Polizeikontrollen.

Warum haben wir das schon getan? Das war selbstverständlich, um den Leuten zu helfen. Genauso wie Warja allen anderen geholfen hat, Kriegsgefangenen, Russen. Kleidung haben wir gekauft, Ausweise besorgt, denen haben wir ja auch nicht geholfen, weil sie Juden waren, sondern einfach, weil sie Hilfe brauchten. Wir hatten ja keine andere Wahl, das war unser Leben. Wir waren doch jung, und den einen Tag haben wir gefeiert und Spaß gehabt, und am nächsten Tag war ein Pogrom und man musste helfen. Das war einfach so.«

Die Bemerkung, man habe davon nichts gehabt, erscheint mir als Kritik an Verhältnissen, in denen der individuelle Nutzen von Handlungen (oder Nicht-Handlungen) im Vordergrund steht. Selbst wenn die Idee kollektiven Lebens und Handelns, wie sie einer kommunistischen Gesellschaft zugrunde liegt, nur begrenzt Realität erlangte und letztendlich gescheitert ist – es scheint bessere Zeiten gegeben zu haben für Olga Dmitrijewna. Schon der Bericht über die Irritation im Winter 1941, als sie von Rosas und Lusjas »Anderssein« erfährt, hatte mir bewusst gemacht, dass trotz der vielen Konflikte, Probleme, Verletzungen und Schäden, die im Namen der sozialistischen Idee provoziert oder produziert wurden, es doch für Menschen, die in der sowjetischen Gesellschaft auf-wuchsen und lebten, Momente gegeben haben, die ihnen noch heute wertvoll erscheinen. Es könnte sinnvoll sein, diese Momente ernst zu nehmen, sie zu begreifen als Hinweise darauf, wie das Zusammenleben menschlich(er) gestaltet werden kann. Rosas und Lusjas Überlebens-Geschichte verweist ja darauf, dass und in welchem Maße Freundschaft und Solidarität, die Bereitschaft, eigene Entscheidungen entgegen einer herrschenden und ins Werk gesetzten Ideologie zu treffen, entscheidend für Leben sein können.

Dass gelebter Internationalismus letztlich aber doch von individuellen Entscheidungen abhängt, macht Rosa Jefimowna unmissverständlich klar. Als ich danach frage, ob die Freundinnen von weiteren Netzwerken der Art, wie sie es gemeinsam geschaffen haben, wissen, ob also auch andere nichtjüdische Frauen oder Männer Freunden im Ghetto geholfen haben, antwortet Olga unmittelbar:

»O ja, das haben viele gemacht«, wogegen Rosa einwirft:

»Na ja, das kann man so auch nicht sagen, liebe Freundin. Denk doch mal an Riwa Wisnewetzkaja. Die war auch im Ghetto, doch ihre Mutter, ihre Schwester und deren Tochter wurden alle ermordet. Sie blieb vollkommen allein zurück.

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Olga und Warja nahmen sie bei sich auf. Dort wohnte sie, bis jemand sie verraten hat, und das war für alle eine große Gefahr.«

Olga ergänzt:

» Sie hat zwei Jahre bei uns gelebt, und alle Nachbarn in unserem großen Haus wussten davon. Alle wussten, dass sie Jüdin ist, und niemand hat etwas gesagt. Bis sie einen Bekannten auf der Straße traf, einen Klassenkameraden, der inzwischen bei der SS war. Da wurde es gefährlich.«

Warwara gelingt es, Riwa in einen Ort nahe Vilnius zu bringen, wo sie in einem Versteck überlebt. Der Verrat durch frühere Bekannte stellte eine der größten Gefahren für jüdische Frauen und Männer dar, die im Versteck oder mit falscher Identität lebten. Ohne die Hinweise Einheimischer hätten die Besatzer kaum alle Menschen jüdischer Herkunft aufspüren können – die Nutzung auch in der sowjetischen Vor- und Kriegsgesellschaft bestehender antisemitischer Ressentiments war ein wichtiges Instrument des nationalsozialistischen Regimes bei der Durchführung des Genozids.

Es war ein langer Nachmittag, den ich mit Rosa Jefimowna Selenko und Olga Dmitrijewna Glasebnaja verbrachte. Olga ist längst zu Hause, als mir Frau Selenko ein Abendessen anbietet. Wir wechseln in die Küche, reden auch noch während des Essens weiter. Mich bewegt wie so oft die Frage, ob mein Deutschsein das Er-zählen erschwert oder ihrer Meinung nach, anderweitig beeinflusst, was und wie sie mir von ihren Erfahrungen erzählt. »Ich glaube nicht, ich weiß ja, dass nicht alle gleich sind. Denken Sie nur an den Aufseher Bernhard in der Fabrik – der hat uns sogar Essen mitgebracht.« Eine ähnliche Äußerung zeichne ich auf, als wir über »Widerstand« reden – nach meiner Frage, was sie dabei denke, wenn den Juden vorgeworfen werde, dass sie sich nicht widersetzt hätten.

»Wie soll das möglich sein, unbewaffnet gegen eine ganze Armee?« Die Em-pörung über solche Äußerungen ist hörbar. Und nicht zum ersten Mal fürchte ich, missverstanden zu sein und als tatsächliche Zweiflerin identifiziert zu werden. Ich stelle richtig, während Rosa Selenko bereits aufzählt, wo Jüdinnen und Juden an Widerstandsaktivitäten beteiligt waren: Es gab eine Untergrundorganisation im Ghetto, viele sind zu den Partisanen gegangen, auch am Attentat auf Kube seien Juden beteiligt gewesen. Sie fährt fort:

»Und so was kann auch nur sagen, wer selbst nicht in der Situation war. Sie können sich nicht vorstellen, wie das ist, vor geladenen Gewehren zu stehen. Einmal waren wir aus dem Ghetto herausgegangen, um Kleider gegen Lebensmittel zu tauschen. Ich kann Ihnen nicht sagen, warum wir alle zusammen gegangen sind, aber Lusja, Berta, Tomotschka und ich waren jedenfalls zusammen unterwegs. Vielleicht hatten wir noch nicht so ganz realisiert, was passieren würde, wenn wir so etwas taten. In dem Dorf waren sehr viele Deutsche, und wir wurden festgenommen, alle vier. Wir mussten uns hinknien, der Offizier beschimpfte uns als ›Judenschweine‹, fuchtelte mit seiner Waffe herum und drohte, uns sofort zu erschießen. Da kam ein zweiter Deutscher hinzu und überredet ihn, uns lau-156

fen zu lassen. Ich hatte in dem Moment schon mit meinem Leben abgeschlossen, wartete auf die Kugel und dass alles vorbei ist. Berta flehte darum, das Kind leben zu lassen, und wir weinten alle. Weil ich Jiddisch sprach, konnte ich aber das Gespräch zwischen den Deutschen verstehen. Der eine erklärte dem anderen offensichtlich, dass man uns brauchte für Putzarbeiten und andere Hilfsdienste. Er schickte uns dann auch weg. Aber wir hatten natürlich Angst, dass wir von hinten erschossen werden, sobald wir anfangen zu laufen. Unsere Lebensmittel wurden uns allerdings abgenommen. Aber man sieht – nicht alle Deutschen waren gleich.«

Ich werfe ein, dass es zu viele waren, die »gleich« waren, zu wenige, die nicht mitgemacht haben. Auch diesem Einwand begegnet Frau Selenko recht nüchtern, Antisemitismus gebe es ja überall. Auch in Belorussland – das habe man doch gesehen, als sie selbst einmal im Ghetto verhaftet und zum Jubilenaja Ploschtschad gebracht wurde. »Der mich da hingebracht hat, das war unser früherer Nachbar.

Wenn er mich nicht gekannt hätte, das wäre was anderes gewesen, aber er wusste ja genau worum es ging.« Durch Zufall wird ein Mitglied des Judenrats auf die junge Frau zwischen wesentlich älteren Menschen aufmerksam und fährt den Polizisten an, er wisse doch genau, wozu diese Menschen ausgewählt wurden. Er schickt Rosa nach Hause und rettet ihr damit das Leben.

Wir reden über dieses und jenes, mehr und mehr bewegen wir uns in Richtung Gegenwart. Ich spüre, dass Frau Selenko müde ist und nicht mehr Jahrzehnte

»zurückdenken« möchte. Ich bedanke mich für das große Vertrauen, das sie mir mit ihrem Erzählen entgegengebracht hat, artikuliere meine Besorgnis, sie durch meine Fragen mit der schmerzhaften Vergangenheit konfrontiert zu haben. »Ach, wissen Sie, Alpträume habe ich ja immer mal wieder, inzwischen kann ich aber zumindest darüber sprechen. Wir wussten ja tatsächlich nicht, ob wir da lebend herauskommen würden. Überleben war Zufall, wenn man so will.« Aber es sei ihr sehr wichtig, dass »die Jungen« erfahren, was vor mehr als sechzig Jahren hier geschehen sei, und wenn sie dazu beitragen könne, sei sie sehr froh. Ich solle ruhig wiederkommen. Sie habe ja sonst kaum Abwechslung, da freue sie sich sehr über Besuch. Einige Tage später suche ich sie tatsächlich ein zweites Mal auf. Unterwegs habe ich einige Lebensmittel besorgt, nachdem sie mich darum gebeten hatte. Bei diesem zweiten Gespräch ist sie etwas ungeduldig: Ehe wir uns unterhalten, möchte sie den Schluss einer Fernsehsendung im weißrussischen Fernsehen sehen: »Zu Ehren der Bäuerinnen und Bauern« wird ein buntes Kulturprogramm gezeigt. Da fühle ich mich um einige Jahre zurück in die Vergangenheit versetzt, nicht nur die Machart, sondern die Sendung und ihr Motiv an sich wirken anti-quiert. Es gibt viele Gegenwarten. Und es gibt viele Vergangenheiten, das habe ich in meinen vielen Interviews gelernt – neben vielem anderen.

Ich verabschiede mich nach einem weiteren langen Gespräch. Am nächsten Tag werde ich Belarus verlassen. Als mich Rosa Jefimowna am Ende umarmt, denke ich, das ist wieder so ein Abschied ins Ungewisse.

157

»Wir haben jeden Tag unser Leben riskiert.«

Jekaterina Israiljewna Zirlina

Ich hatte bereits einige Tage in Minsk verbracht und viele Stunden im Nationalen Archiv der Republik Belarus (NARB) gesessen, um weitere Informationen über Ereignisse und Menschen zu erhalten, von denen ich in den St. Petersburger Interviews erfahren hatte. Durch Zufall stieß ich auf eine Akte, die mich fragend, irritiert und an meiner Fähigkeit, logisch zu denken, zweifelnd auf den engen Bänken im Lesesaal des Archivs zurückließ.

Eine Frau Zirlina hatte in den frühen 1960er Jahren versucht, eine offizielle Be-stätigung dafür zu erhalten, Mitglied der Untergrundbewegung im Minsker Ghetto gewesen zu sein. Den Grund für diesen Antrag konnte ich den Akten nicht entnehmen, war mir aber recht sicher, dass der Anspruch auf Subventionen sicher einer der Beweggründe war – sowjetische Veteraninnen und Veteranen der Armee oder des antifaschistischen Widerstands hatten einige Privilegien und ein Anrecht auf gute medizinische Versorgung, Kuren usw. Unklar blieb mir jedoch der Ausgang des Verfahrens: Trotz zahlreicher Belege und Zeugenaussagen wurde ihr Antrag abgelehnt, mehrmals. Wer war diese Frau? Warum diese Entscheidung, die keine rationale Basis zu haben schien? Ich wollte mehr über Verfahren dieser Art wissen, und so beschloss ich, Frau Zirlina ausfindig zu machen und sie zu fragen

– sie würde am ehesten eine Erklärung geben können, mir mehr erzählen können von dem, was sie in den archivierten Lebensläufen mehrmals beschrieben hatte.

Mit Hilfe von Michail Trejster, dem Vorsitzenden des Weißrussischen Verbandes ehemaliger Häftlinge faschistischer Ghettos und Konzentrationslager, hatte ich die Telefonnummer von Frau Zirlina herausfinden können. Erreicht hatte ich jeweils nur ihre Tochter bzw. Enkelin, und so war ich sehr gespannt, als ich mich Mitte Oktober 2002 auf den Weg zu ihr machte. Die genaue Adresse wusste ich noch immer nicht – ihre Tochter hatte mir nur beschrieben, an welcher Haltestelle ich aus dem Bus steigen sollte, sie würde mich dann abholen. Als mich tatsächlich dann die Enkelin an der Haltestelle begrüßt, klärt sie mich auf: Die Familie war davon ausgegangen, ich würde den Weg in den verwinkelten Straßen nicht finden. Vielleicht hatten sie recht, ich befand mich zum ersten Mal in einem Stadtteil von Minsk, in dem doch noch kleine Einfamilienhäuser, zum Teil aus Holz, dicht gedrängt stehen statt der gewohnten Neubaublocks. Straßenschilder sehe ich nicht. Hier in diesem nordöstlichen Teil der Stadt sind die Wege holprig, nicht as-phaltiert. Ich fühle mich plötzlich wie auf einem Dorf.

Im Haus ist es angenehm warm, und in der Tür zum Wohnzimmer erwartet mich Jekaterina Israiljewna Zirlina, mit Holzkrücken unter den Armen. Die 80-jährige Frau begrüßt mich freundlich, bittet mich herein. Sie spricht sehr leise, ihre Augen sehen müde aus. Eine Operation im letzten Jahr hat ihr nicht viel Besserung beschert. Sie fürchtet zu erblinden – Traurigkeit ist herauszuhören, als sie dies 159

sagt. Frau Zirlinas Enkelin Sweta setzt sich zu uns ins Wohnzimmer. Ihr Sohn schläft, und wahrscheinlich sorgt sich die Familie, ich könnte die Oma, wie sie sie liebevoll nennen, überfordern. Sweta ermuntert mich, Fragen zu stellen, allein falle es Jekaterina Zirlina schwer, sich zu erinnern.

Und so erzähle ich, welche Papiere ich im Archiv entdeckt habe, und dass ich gern mehr über diese Frau wissen möchte, die auf den bürokratischen Gängen des Parteiapparats umhergeschickt wurde. Frau Zirlina ist unsicher, was es da noch zu erzählen gäbe, die Papiere würden doch ihre Geschichte schon ganz gut beschreiben. Ihre Kindheit, und wie sie persönlich die Zeit der Besatzung erlebt hat, das sind Dinge, die ich dort nicht finden kann, und so beginnt sie doch noch, zöger-lich und in knappen Worten, mir die Vorgeschichte des Streits um Anerkennung zu erzählen. Es fällt ihr schwer zu sprechen, nach einer knappen Stunde möchte sie aufhören. Das folgende Porträt stützt sich daher nicht nur auf das Interview mit Frau Zirlina, sondern ich nutze zusätzlich zahlreiche Materialien aus dem NARB, die ein recht genaues Bild von Jekaterina Zirlinas Leben im Ghetto von Minsk und ihrer Tätigkeit dort zeichnen.1 Barbara Epsteins Buch zum Untergrund im Minsker Ghetto bot mir darüber hinaus die Möglichkeit, den weiteren Kontext von Frau Zirlinas Handlungen zu erfassen.2

Ende einer Kindheit

Geboren wurde sie1922, wenige Jahre nach der Oktoberrevolution. Während ihr Vater zunächst selbständiger Schuster gewesen war, arbeitete er nach der Revolution in der Minsker Schuhfabrik »Kalinin«. Die Mutter kümmerte sich zu Hause um die drei Kinder – Jekaterina hatte zwei Schwestern, eine jüngere und eine ältere.

Auf meine Frage nach der Kindheit antwortete Frau Zirlina sehr knapp. Nach diesen kurzen Angaben folgt der Satz: »Aber als der Krieg begann, 1941 – von welcher Kindheit kann man da schon sprechen?« Auch wenn sie zu diesem Zeitpunkt bereits 18 Jahre alt war, also längst kein Kind mehr, markiert der Einmarsch der deutschen Truppen einen Einschnitt, der alles zuvor Gewesene radikal zerstört, allgemeingültige Vorstellungen von Kindheit, Jugend außer Kraft setzt. »Minsk wurde bombardiert, die ganze Stadt lag in Trümmern.« Wenige Tage nach dem Einmarsch verfügte die deutsche Besatzungsmacht die Einrichtung des jüdischen Ghettos, tagelang versuchen ganze Familien, Wohnungen zu finden und die kleine Menge an Eigentum, die zugelassen war, von einem Stadtteil in den anderen zu transportieren – beständig bedroht durch brutale Sanktionen: »Wer nicht schnell genug war, den haben die Gestapo-Leute einfach an Ort und Stelle erschossen.«

Jekaterinas Familie findet eine Bleibe in der Wohnung, die der Bruder des Vaters 1

NARB Fond 4386, opis 2, delo 85: Erinnerungen von Chasja Pruslina; NARB Fond 4386, opis 2, delo 165: Zur Ablehnung des Antrags von Jekaterina Israiljewna Zirlina auf Anerkennung ihrer Mitgliedschaft im Minsker Untergrund; NARB Fond 4683, opis 3, delo 837: Erinnerungen von Z. Ja. Botwinnik-Lupjan (S. 1-12), R. A. Lipskaja (S. 62-77), A. G. Fiterson (S. 138-167).

2

Barbara Epstein: The Minsk Ghetto 1941-1943: Jewish Resistance and Soviet Internationalism (working title).

Berkeley: University of California Press, 2007 (forthcoming).

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bewohnt hatte, ehe er in den ersten Kriegstagen evakuiert wurde. »Man musste ja alles selbst tragen, und so haben wir gute Kleider übereinander angezogen, als wir uns auf den Weg ins Ghetto gemacht haben. Später haben wir die genutzt, um sie gegen Nahrungsmittel einzutauschen.« Es war den Bewohnern des Ghettos bei Strafe verboten, sich frei außerhalb dieses von Stacheldraht umzäunten Gebietes zu bewegen. Jekaterina Zirlina beschreibt, wie der Tausch von wertvollen oder Gebrauchsgegenständen vonstatten ging:

»Wir waren ja hinter einem Zaun eingesperrt, und so sind wir zu Stellen gegangen, die nicht so gut einsehbar waren für die Patrouillen. Dort haben wir mit den russischen Leuten verhandelt, was sie für eine bestimmte Menge Mehl oder Kartoffeln kriegen. Die haben sie dann über den Zaun geworfen, und wir die Kleider.«

Die Tauschwaren waren bald aufgebraucht, und wie für viele andere Familien im Ghetto stellte sich die Organisation dringend benötigter Lebensmittel, später auch Heizmaterialien, als großes Problem dar. Die Last der Versorgung lag dabei sehr oft bei den Frauen, insbesondere, wenn wie in Jelenas Familie, die männlichen Familienmitglieder in den ersten Wochen nach der Besatzung verhaftet oder ermordet wurden. »Am 26. August war eine Razzia, bei der viele Männer, egal welchen Alters –

junge, alte –, verhaftet und weggebracht wurden. Darunter auch mein Vater.«

»Vielleicht hast du Glück und bleibst am Leben« – Überleben auf dem Dachboden Anfang November jährte sich zum 24. Mal die Oktoberrevolution – was die Deutschen zum Anlass für ein erstes furchtbares Pogrom nahmen: »Sie haben da also verlangt, dass wir ihnen zeigen, wie wir die Revolution feiern.« Aus Berichten anderer Überlebender und zahlreichen Publikationen lässt sich ersehen, was Frau Zirlina hiermit meint: Jüdische Frauen und Männer wurden gezwungen, einen De-monstrationszug zu formieren, rote Fahnen zu tragen, sowjetische Lieder zu singen, und so vor deutschen Soldaten zu paradieren. Unmittelbar danach wurden die Menschen erschossen. Begleitet wurde diese zynische Inszenierung von einer Treibjagd im Ghetto, während der tausende Menschen gefangen genommen, abtrans-portiert und in den Wäldern um Tutschinka erschossen wurden.

»Wir waren zu Hause, meine Mutter, meine Schwestern, und meine Nichte –

die kleine Tochter meiner Schwester. Was sollten wir tun? Wir hörten schon die Autos kommen, Schreie, überall werden Posten aufgestellt, Wehklagen. Da sagte meine Mutter: ›Ihr bleibt hier, wenigstens ihr sollt überleben, irgendwie!‹ Zu mir und meiner kleinen Schwester, die war sieben Jahre jünger als ich, sagte sie das.

›Bleib hier, Lena, bleib!‹ – ›Nein, Mutter, wo du hingehst, da geh auch ich hin!‹

Sie war damals dreizehn Jahre alt, dreizehn, ja. … Wir hatten einen Dachboden, und die Leiter war gerade heruntergelassen, und da sagte also meine Mutter zu mir: ›Töchterchen, hier, geh hinauf, vielleicht hast du Glück und bleibst am Leben.

Ich werde für dich beten, solange ich am Leben bin.‹ Ich bin da also hochgeklet-tert, und ehe sie hinausging, sagte sie noch: ›Töchterchen, versuch durchzukommen, wenn jemand von unseren Verwandten kommt, erzähl ihnen, was passiert ist.‹«

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Frau Zirlinas Stimme zittert, als sie diese Situation atemlos erinnert, dann ver-stummt sie ganz für eine Weile. Ehe ich mich entschließen kann, sie anzusprechen, fährt sie selbst fort:

»Das war’s. Das war das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe. … Am nächsten Morgen sind wir, das heißt, da waren noch fünf, sechs weitere Menschen auf dem Dachboden, vorsichtig runtergestiegen. Niemand war mehr da.« Die Überlebenden sammeln sich in einer Wohnung des Hauses. Es vergehen drei Tage, ehe sie das Ge-bäude verlassen und sich auf die Suche nach Bekannten, Verwandten oder Freunden machen. »Ich lief und lief und lief«, erinnert sich Jekaterina Zirlina, »bis ich auf eine Frau traf, mit der ich bereits zusammengearbeitet hatte.« Rosa Lipskaja ist erschrocken über Katjas Zustand, will wissen, was passiert ist. Die 19-jährige Jekaterina erzählt ihr, dass sie vollkommen allein ist, alle Familienmitglieder verloren hat.

Nach einigen tröstenden Worten beginnt Lipskaja laut nachzudenken: »Katja, ich sehe dich ja heute nicht zum ersten Mal. Ich kenne dich, wir haben zusammengearbeitet. Kann ich dir vertrauen? Oder nicht?« Jekaterina besteht darauf, dass Lipskaja den Grund für ihr Nachdenken nennt, und schließlich weiht die Ältere sie ein: Sie sucht Frauen und Männer, die sich organisieren und im Untergrund gegen die Besatzung kämpfen. Es mag, so denke ich, tatsächlich das Interesse am Aufbau einer einsatzfähigen Untergrundorganisation gewesen sein, das Rosa Lipskaja dazu veranlasste, Jekaterina in diesem Moment und auf offener Straße einzuladen. Vielleicht sah sie aber auch Katjas Verzweiflung über den Verlust der gesamten Familie und beschloss, ihr einen Halt und Sinn zu geben – eben durch die Einbindung in eine Gruppe, die ihr zudem die Möglichkeit gab, Wut und Trauer produktiv zu wenden.

Ähnliche Motive mögen andere Menschen bewogen haben, nach Handlungsmöglichkeiten im Angesicht der Terrorherrschaft der deutschen Besatzer zu suchen. Und es ist, so meine ich, nicht zufällig, dass die ersten koordinierten Ansätze hierzu im Ghetto entstanden sind, also da, wo die Menschen vom ersten Tag an mit offener Brutalität, Grausamkeit und Mordlust konfrontiert waren.

Die Untergrundbewegung im Ghetto von Minsk

Bereits im August 1941, kurze Zeit nachdem das Ghetto errichtet worden war und erste Massenerschießungen insbesondere von jüdischen Kommunisten und Kommunistinnen, Intellektuellen und bekannten Persönlichkeiten stattgefunden hatten, begannen Mitglieder der Kommunistischen Partei, des Komsomol, Ge-werkschaftsangehörige und andere nach Möglichkeiten der Gegenwehr gegen die brutale Besatzungsherrschaft zu suchen. Barbara Epstein zeichnet in ihrem Buch nach, wie in geheimen Treffen Menschen wie Rosa Lipskaja, Slawa Gebeljewa-Astaschinskaja, Zilija Botwinnik, Chasia Pruslina und Michail Gebeljew überlegten, welche Möglichkeiten sie dazu hatten, vor allem aber, worin die zentralen Ziele des Widerstands bestehen mussten. Organisiert in kleinen Gruppen, begannen die Frauen und Männer, Flugblätter zu kopieren und zu verteilen und Zivil-kleidung für gefangene sowjetische Soldaten zu sammeln, in denen diese un-162

erkannt Minsk verlassen konnten. Schnell wurde den Beteiligten klar, dass eine Organisierung nur dann sinnvoll und erfolgreich sein würde, wenn ihre Basis sich über die Ghettogrenzen hinaus erstreckt. Vor dem Krieg bestehende Beziehungen zwischen Arbeitskollegen, Freundschaften sowie die gemeinsame politische Tätigkeit von Menschen aller Nationalitäten wurden genutzt, um Kontakte aus dem Ghetto heraus und in den nichtjüdischen Bezirk hinein zu knüpfen. Dort hatten sich ab September 1941 ebenfalls politisch aktive Menschen zusammenge-funden und begonnen, kleine Gruppierungen zu formieren und so Sabotageakte, die Verbreitung von Informationen und Kampfaufrufen sowie die Unterstützung von Partisaneneinheiten außerhalb der Stadt vorzubereiten.

Ende November 1941 wurde das Städtische Komitee der Kommunistischen Partei Belorusslands gegründet – versehen mit dem Zusatz »Zweites« bzw. »Über-gang«, denn die Gründer gingen davon aus, dass die aus Minsk geflohene Partei-spitze selbst im Untergrund operieren und früher oder später in Erscheinung treten und dann die Organisierung anleiten würde. Solange sollte das Komitee als Verbin-dungsglied zwischen allen bereits bestehenden Untergruppierungen fungieren und deren Aktionen koordinieren. Als Hauptaufgaben bestätigten die Repräsentanten die, welche die Gruppen unabhängig voneinander bereits geraume Zeit erfüllten: Sabotage der deutschen Produktions- und Herrschaftseinrichtungen, Verbreitung von Propaganda, mit der die Bevölkerung über die Kriegs- und Vernichtungsziele auf-geklärt und zum Widerstand aufgerufen wurde sowie die Sammlung von Kleidung und anderen Materialien für Partisaneneinheiten, die in der unmittelbaren Umgebung der Stadt von entflohenen Kriegsgefangenen und anderen gegründet wurden.

Mitglieder des im Ghetto operierenden Untergrunds erkannten zudem schnell, dass eines der zentralen Ziele der deutschen Besatzer die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung war. Sie versuchten daher, so vielen Menschen wie möglich die Flucht aus dem Ghetto in die Wälder und damit in die Partisaneneinheiten zu er-möglichen. Oft waren es Jugendliche und Kinder, welche die Flüchtlinge aus dem Ghetto heraus und auf sicherem Weg zu den Partisaneneinheiten in den umliegenden Wäldern brachten. Insgesamt sind schätzungsweise 10 000 Menschen aus dem Minsker Ghetto entkommen – so viele wie aus keinem anderen in Osteuropa.

Wichtig für die Organisation der Massenflucht war die Unterstützung durch den von den Deutschen eingesetzten Judenrat. Ilja Muschkin, der erste Vorsitzende des Judenrats, erwies sich als bedingungsloser Unterstützer dieser Bemühungen, seine Mitarbeiter sorgten dafür, dass die Flucht von tausenden Menschen zunächst unentdeckt blieb. Als Muschkins Kontakte zum Untergrund aufgedeckt wurden, wurden er und zahlreiche weitere Kontaktpersonen hingerichtet. Viele Mitglieder der Untergrundbewegung bezahlten ihre Entscheidung, sich unmittelbar an Aktionen gegen die Besatzungsherrschaft zu beteiligen oder verfolgten Personen zur Flucht zu helfen – insbesondere jüdischen Kindern, Frauen und Männern – mit dem Tod und wurden öffentlich, in Gefängnissen oder im berüchtigten Konzentrationslager auf der Schirokaja Uliza ermordet.

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Immer wieder wurden Angehörige des organisierten Widerstands im Ghetto Opfer von Verrat und Denunziation oder wurden durch Polizei und Geheimdienst der Besatzungsmacht aufgespürt. Die einzige Möglichkeit, dieser Verfolgung, aber auch den beständig drohenden Pogromen und Vernichtungsaktionen gegen die jüdische Bevölkerung zu entgehen, bestand für sie in der Flucht aus dem Ghetto. Vielen von ihnen gelang es, sich Partisaneneinheiten anzuschließen, einige wurden aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nicht aufgenommen. Eine unbekannte Zahl dieser Frauen und Männer hat den Krieg trotzdem nicht überlebt – sie starben, während sie in den Partisaneneinheiten die deutschen Armeen und Einsatzgruppen bekämpften.

»Erzähl niemandem was davon« – Jekaterinas Weg in den Untergrund Diese Entwicklungen waren zum Zeitpunkt der Begegnung von Jekaterina Zirlina und Rosa Lipskaja nicht abzusehen. Die Bewegung hatte erst wenige Monate lang versucht, sich zu organisieren, Regeln der Konspiration zu lernen und erste Aktionen durchzuführen. Die Suche nach Mitstreitern war ein weiteres wichtiges Vorhaben.

Rosa Lipskaja und Jekaterina Zirlina waren sich in den späten 1930er Jahren im Rahmen ihrer Arbeit in der Promkooperazija, einer genossenschaftlichen Organisation, begegnet. Zudem war Jekaterina aktives Mitglied des Komsomol und erschien Lipskaja daher als vertrauenswürdige und zuverlässige junge Frau, die für diese Arbeit zu gewinnen wäre. Trotzdem versicherte sie sich, dass Katja »niemandem auch nur das Geringste erzählen« würde.

Zu dieser Zeit arbeitete Jekaterina Zirlina gemeinsam mit acht bis neun weiteren jungen Frauen aus dem Ghetto im deutschen Offiziersheim. Sie musste Räume putzen und die Uniformen derer waschen, die nach Tagen der »Erholung« in Minsk an die Front zurückkehrten. Nach der Begegnung mit Rosa Lipskaja begann die 19-Jährige, Flugblätter von Hand zu kopieren und im Ghetto zu verteilen. Zusätzlich sammelte sie Kleidung – »vor allem Männerkleidung. Da, wo sie überflüssig geworden war«, wie sie sarkastisch anmerkt. Die Hosen und Jacken wurden durch Verbindungsleute außerhalb des Ghettos an Partisanen weitergeleitet. Frau Zirlina hebt mehrmals hervor, dass die beteiligten Personen sich untereinander kaum kannten – außer wenigen Kontaktpersonen habe sie niemanden je getroffen.

»Irgendwie« hat sie alle Pogrome im Jahr 1941 und 1942 überlebt, auch dasjenige im Juli 1942, bei dem mehr als 30 000 Menschen ermordet wurden. Als Arbeitskraft in einem für die Deutschen wichtigen Bereich hatte sie das Glück, in diesen vier Tagen nicht ins Ghetto geschickt zu werden. Gemeinsam mit den anderen jungen Frauen harrte sie an ihrer Arbeitsstelle aus. »Dann wurden wir ins Ghetto zurückgebracht. Aber wo wir gewohnt hatten vorher – das war alles ausgeplündert, komplett. So wie wir an dem einen Morgen zur Arbeit gegangen waren, in Sommerkleidung, blieben wir zurück.« Durch ihre Kontakte zum Untergrund erhält sie später wärmere Kleidung. Bis dahin hat sie jedoch kaum eine Möglichkeit, die Kleidung zu wechseln. Inzwischen war es immer schwieriger geworden, unentdeckt von den Deutschen und deren Spitzeln Sabotageakte zu orga-164

nisieren, Kinder und Erwachsene aus dem Ghetto herauszuschmuggeln, falsche Papiere herzustellen oder heimlich Flugblätter zu produzieren und diese zu verteilen. Nach zwei großen Rückschlägen für die Bewegung und der Hinrichtung zahlreicher Mitglieder hatten die verbleibenden Personen nach und nach das Ghetto verlassen und versucht, sich Partisaneneinheiten außerhalb von Minsk anzuschließen. Seit März 1942 leitete Rosa Lipskaja die Gruppe, in die sie Jekaterina Zirlina aufgenommen hatte. Organisationsprinzip war die Formierung von Desjatkas, Zehnergruppen, deren Kontakt untereinander nur durch einzelne Personen gewährleistet wurde. Jekaterina war Mitglied der von Lipskaja initiierten Gruppe von Komsomolzen. Einige Angehörige dieser Gruppe arbeiteten in der Fabrik »Bolschewik«. Sie stellten dort deutsche Uniformen her und bereiteten Kleidungsstücke, die der weißrussischen Bevölkerung geraubt worden waren, für den Versand nach Deutschland vor. Der direkte Zugang zu diesen Gütern ermöglichte es ihnen, durch die Verteilung von Säuren in die Kleiderbündel, falsches Zusammennähen von Teilen u. a. die Kleidung unbrauchbar zu machen. Andere waren nach wie vor mit der Vervielfältigung und Verteilung von Flugblättern beauftragt. Dawid Plotkin, Basja Tschernjak und Fanja Gringaus arbeiteten in der Druckerei und entnahmen von dort Lettern und andere Teile, die für eine in der Partisaneneinheit »Narodny Mstitel« (Rächer des Volkes) stationierte Druckpresse benötigt wurden. Bis zu deren Übergabe an Verbindungsperson der Partisanen be-wahrte Jekaterina Zirlina diese Teile bei sich zu Hause auf – mit der Gewissheit, kaum eine Überlebenschance zu haben, sollten diese Dinge durch eine Kontrolle bei ihr zu Hause entdeckt werden.

»Wir haben jeden Tag unser Leben riskiert«

Gegen Ende des Jahres 1942 erfuhr die Untergrundorganisation durch Kontaktpersonen im »Arbeitsamt«, dass Arbeitskräfte für eine Rüstungswerkstatt gesucht wurden. Schnell erkannten Lipskaja und die anderen, dass dies eine gute Gelegenheit war, um dringend benötigte Waffen und Munition zu beschaffen. So wurden Jekaterina Zirlina und Zilija Botwinnik mithilfe der Kontaktpersonen im »Arbeitsamt« in der Werkstatt angestellt. Die Werkstatt befand sich in der Uliza Swerd-lowa, in der ehemaligen Garage des Ministerrates. Nach einer kurzen Orientie-rungszeit begannen Jekaterina und Zilija tatsächlich, Gewehrschlösser, Patronen und andere Kleinteile beim täglichen Verlassen der Werkstatt mitzunehmen. Sie erhielten dafür eigens einen Suppenkanister mit doppeltem Boden: Unter dem Boden auf dem die dünne Suppe eingefüllt wurde, befand sich ein Hohlraum, in dem die Kleinteile transportiert wurden. Manchmal trugen sie und Zilija Botwinnik auch große Gummistiefel, in deren Schaft sie weitere Teile verstecken konnten; Patronengürtel banden sie sich unter der Kleidung um und schmuggelten sie so ins Ghetto. Es gelang ihnen sogar, ganze Gewehre zu beschaffen: Nachdem sie die deutschen Aufseher dazu bewegen konnten, ihnen die Mitnahme von Feuerholz zu erlauben, zerlegten sie die Waffen komplett und versteckten die Teile in Bündeln 165

von Holz. Frau Zirlina klappert mit den Zähnen, um mir deutlich zu machen, wie sie sich auf dem Weg ins Ghetto gefühlt hat, und in diesem Moment wird mir tatsächlich klar, was es bedeutet haben muss, tagtäglich Dinge zu tun, mit denen die jungen Frauen beständig das eigene Leben riskierten.

»Die Arbeitskolonnen wurden regelmäßig von deutschen und kollaborierenden Polizisten am Ghettotor kontrolliert. Deshalb warteten Aaron Fiterson, Slawa Gebeljewa-Astaschinskaja oder Rosa Lipskaja dort auf uns und nahmen uns die Holzbündel und die Suppenbehälter ab. Die Sachen wurden dann in Fitersons Wohnung gelagert, ehe sie an die Partisaneneinheiten weitergeleitet wurden oder denjenigen zur Bewaffnung diente, die sich aus dem Ghetto auf den Weg zu den Partisanen machten.« Verbindungen bestanden zu den Otrjady »Parchomenko«,

»Nr. 106« (auch bekannt als »Sorin-Otrjad)« und »Kutusow« sowie zur Brigade

»Frunse«. Manchmal war es unmöglich, die wertvollen Dinge zu Fitersons Wohnung an der Kreuzung Krimskaja/Tankowaja Uliza zu bringen, dann transportierte Slawa Gebeljewa-Astaschinskaja sie zu ihrer Wohnung. In der Werkstatt mussten auch Kriegsgefangene arbeiten, und auch einige von ihnen nutzten die Gelegenheit, Waffen und Munition zu beschaffen. Im Frühjahr 1943 wurde dies entdeckt, und »um uns abzuschrecken«, wurden zwei von ihnen und zwei jüdische Arbeiter im Hof der Werkstatt hingerichtet. »Wir haben da eine kleine Pause eingelegt, dann aber doch weiter Dinge mitgehen lassen.«

Lipskajas Gruppe war die letzte noch im Ghetto befindliche Zelle des Ghetto-Untergrunds. Da alle Mitglieder zunehmend den Eindruck hatten beobachtet zu werden, bemühten auch sie sich im Sommer 1943, das Ghetto verlassen und sich einer Partisaneneinheit anschließen zu können. Hersh Smolar, in der Anfangsphase zentrale Figur für die Organisation des Untergrunds im Ghetto, hielt sich bereits seit langem in der Einheit »Kutusow« auf. Durch Sima Fiterson, ein 13-jähriges Mädchen, hielt er den Kontakt zu Rosa Lipskaja und anderen im Ghetto aufrecht.

Im Juli 1943 schließlich sorgte er dafür, dass Zilija Klebanowa eine Gruppe von insgesamt 24 Personen aus dem Ghetto heraus und sicher zu den Partisanen führte.

Zilija Botwinnik beschreibt in ihrem Bericht aus dem Jahr 1962, was die Gruppe bei ihrer Flucht mit sich führte: »55 Gewehrschlösser und -sicherungen, Maga-zine, mehrere Patronengürtel für das MG ›Maxim‹, acht Gewehre, drei Pistolen, Medikamente und andere Dinge.«

Die Flucht war gut vorbereitet worden, und trotz der angespannten militärischen Lage – nach der Niederlage von Stalingrad fanden sich die deutschen Truppen latent Angriffen durch die sowjetische Armee ausgesetzt und hatten daher ihre Präsenz in den besetzten Gebieten massiv verstärkt – gelang es der Gruppe, das Ghetto und das Stadtgebiet sicher zu verlassen. In Staroje Selo, der am nächsten gelegenen Partisanenbasis, erfuhren die Flüchtlinge jedoch, dass die Zugänge zu den umliegenden Wäldern blockiert waren: Die deutschen Truppen hatten die gesamte Nalibokskaja Puschtscha abgeriegelt und durchkämmten das dichte Waldgebiet. Erst nach einem Monat gelang es der Gruppe, das ursprüngliche Ziel zu er-166

reichen. Frau Zirlina erinnert sich: »Wir liefen und liefen und liefen, bis wir bei der Kutusowski-Otrjad ankamen. Dort erkannten sie, dass wir sehr viele Frauen waren, und dann haben sie uns weitergeschickt zur Sorin-Otrjad. Das war eine jü-

dische Einheit.« In der Einheit tat sie »das was anlag«: So wie sie an Sabotageakten beteiligt war, hat sie auch Wäsche gewaschen. Bis zu dem Tag, als die deutschen Truppen sich aus Belorussland zurückzogen. Von Lipskajas Zehnergruppe überleben nur wenige Menschen, Jekaterina Zirlina ist die einzige Überlebende der Komsomolzengruppe.

Von Denunziation und Ignoranz – Der Minsker Untergrund aus staatlicher Sicht Über die Gefühle von Frau Zirlina am Tag der Befreiung, ihr Leben in der Nachkriegszeit erfahre ich leider nichts – das Gespräch bricht ab, und in den archivierten Akten finden sich keine Hinweise auf subjektive Wahrnehmungen. Der Schriftwechsel lässt hingegen Einblicke in den sowjetischen Behördenapparat und dessen Verhältnis zu dem unabhängig von Parteivorgaben organisierten Untergrund im Minsker Ghetto zu. Der empathielose Stil des bürokratischen Procedere schockiert, an den Rand gekritzelte Bemerkungen entlarven ein begründungsloses Denunziationsbestreben und empören mich umso mehr, je mehr ich über die tatsächlichen Vorgänge, die involvierten Personen, aber auch über den zeitgenössischen Kontext dieser Bemerkungen weiß.

Barbara Epstein stellt in ihrem Buch detailliert und einleuchtend dar, dass und warum die mutigen Versuche und Strategien zahlreicher Menschen, die deutsche Besatzungs- und Vernichtungspolitik in Minsk zu behindern, in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende massiv denunziert und faktisch geleugnet wurden. Kurz zusammengefasst, ergibt sich folgendes Bild: Die Führung der belorussischen Kommunistischen Partei unter P. K. Ponomarenko war in den ersten Kriegstagen aus Minsk in Richtung Moskau geflohen, ohne alle verfügbaren Mittel zur Evakuierung der Bevölkerung zu mobilisieren – wie es ihre Pflicht gewesen wäre. Um eventuellen Sanktionen durch die staatliche Führung zu entgehen, konstruierte die Elite daher eine Darstellung der Situation, die ihnen Sicherheit bescherte, nahezu alle Zurückgebliebenen jedoch dem Verdacht der Kollaboration auslieferte. Sie hatten, so ihre Version, ausreichend Evakuierungsmöglichkeiten bereitgestellt, diese waren jedoch von tausenden Menschen nicht wahrgenommen worden. Nach dieser Logik hatten es die mehr als 150 000 Einwohner der Stadt also vorgezogen, unter deutsche Herrschaft zu gelangen und sich damit gegen die Sowjetunion entschieden. Auf diese Weise wurde ein in der unmittelbaren Nachkriegszeit verbreiteter und von den Behörden offiziell vertretener Pauschalverdacht gegen alle Menschen, die unter der deutschen Besatzung gelebt und überlebt hatten, gestützt: Nach dessen Logik war ein Überleben nur möglich, wenn man mit den Besatzern paktiert und sie unterstützt hatte.

Ein weiterer möglicher Grund für Ponomarenkos Verschleierungstaktik war, dass das Eingeständnis, es habe eine von den Parteistrukturen unabhängige Unter-167

grundorganisation gegeben, die Autorität der Führungsriege infrage gestellt hätte.

Fragen danach, warum die Führung bei ihrer Flucht aus Minsk nicht für den Erhalt von konspirativen Parteigliederungen gesorgt hatte, stellten ein weiteres Be-drohungspotenzial dar. All diese Fehlleistungen mussten daher besser vertuscht werden – auf Kosten derjenigen, die in Minsk zurückgeblieben und eigenständig der deutschen Besatzungsmacht getrotzt hatten: Die tatsächlich existierende und von einzelnen Aktivistinnen und Aktivisten geschaffene Bewegung wurde als Konstrukt der Gestapo dargestellt. Es habe ausschließlich Spionagezwecken gedient und wissentlich »wirkliche« Kommunisten ans Messer geliefert.

Resultat dieser Strategie war, dass ab 1942, als Ponomarenko und seine Leute ihre Version in den offiziellen Strukturen zu verbreiten begannen, Flüchtlinge aus Minsk, insbesondere jene aus dem Ghetto, von vielen Partisaneneinheiten als Spione »erkannt« und entweder nicht aufgenommen oder, wie in mehreren Fällen belegt, gar getötet wurden. 1945 wurden zahlreiche Mitglieder des Untergrunds, jüdische wie nichtjüdische verhaftet, viele von ihnen zu Gefängnisstrafen verurteilt, mehrere von ihnen überlebten die Haft in Straflagern nicht. Mitglieder der Untergrundbewegung, insbesondere Chasja Pruslina, bemühten sich mehrere Jahre lang vergeblich, die wahre Geschichte der Widerstandsorganisation ins öffentliche Bewusstsein zu bringen und deren Anerkennung von offizieller Seite zu erlangen.

Nur dann könnten die nach Kriegsende Verhafteten mit Rehabilitation rechnen, und alle anderen, zumal diejenigen die ihr Leben gelassen hatten während der deutschen Besatzung, die ihnen würdige Anerkennung erfahren. Erst zu Beginn der 1960er Jahre, also einige Jahre nach dem Einsetzen der sogenannten Tauwet-terperiode, erfolgte ein offizieller Beschluss des Präsidiums des Kommunistischen Partei Belorusslands, durch den der Minsker Untergrund anerkannt und dessen Mitglieder rehabilitiert wurden.

»Das ist nicht meine Schuld!« – Der Kampf um Anerkennung Für viele Menschen war dies der Moment, sich erneut um eine offizielle Anerkennung als Kriegsveteranin oder -veteran zu bemühen und damit in den Kreis derer aufgenommen zu werden, die Anspruch auf zusätzliche staatliche Unterstützung hatten. Auch Frau Zirlina beantragte Anfang des Jahres 1963 beim Minsker Stadt-komitee, ihre »Mitarbeit im kommunistischen Untergrund der Stadt Minsk in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges« anzuerkennen. Ausführlich legt sie handschriftlich ihre Herkunft dar und beschreibt, welche Aufgaben sie im Rahmen der Gruppe um Lipskaja übernommen und ausgeführt hat, und dass sie nach der Flucht aus dem Ghetto in der Partisaneneinheit den Status der »einfachen Kämpferin« innehatte. Das Parteihistorische Institut des ZK der KP Belorussland be-stätigt unter Bezugnahme auf Dokumente des Institutsarchivs ihre Angaben.

Ich erinnere, wie zuversichtlich ich beim Durcharbeiten der Akte war, nach dem Umblättern eine positive Entscheidung über die mir zu diesem Zeitpunkt noch unbekannte Frau Zirlina vorzufinden. Am 5. April 1963 tagte das zuständige Be-168

zirkskomitee der KP, und in dem schriftlich vorliegenden Protokollauszug werden alle Argumente zitiert, ebenso wird auf die Zeugenaussagen von Rosa Lipskaja, Chasja Pruslina und Zilija Botwinnik-Lupjan Bezug genommen, die Zirlinas Aussagen bestätigen. Auf der zweiten Seite findet sich der folgende Satz: »Das Büro des Gebietskomitees der KPB beschließt: Den Antrag von Zirlina Jekaterina Israiljewna auf Anerkennung als Teilnehmerin des Minsker Partei-Untergrunds aus Mangel an Beweisen abzulehnen.«

Zweifelnd blättere ich weiter. Was folgt daraus? Wird es eine Erklärung hierfür geben? Frau Zirlina legt Einspruch ein, wendet sich an den Sekretär des ZK der KP Belorusslands, Kirill Trofimowitsch Masurow. Nach einer erneuten Beschreibung ihrer Aktivitäten im Ghetto zitiert sie die – offenbar mündlich übermittelte –

Begründung für die Ablehnung ihres ursprünglichen Antrags: »Und nun hat das Gebietskomitee mir die Anerkennung als Widerstandskämpferin verweigert mit der Erklärung, ich hätte mich zu spät gemeldet. Aber das ist doch nicht meine Schuld!

Es ist Ihnen wohlbekannt, dass der Minsker Untergrund erst im Jahre 1960 anerkannt wurde, und viele von uns sind damals nicht namentlich genannt worden. Es verletzt mich sehr, dass ich nun wiederum außen vor stehe.« Auch der am 24. Oktober 1963 verfasste Brief von Pruslina, Lipskaja und Botwinnik-Lupjan an Masurow ändert nichts an der Position des Gebietskomitees: Mit Beschluss vom 29. November 1963 wird die ursprüngliche Ablehnung bestätigt, zumal keine neuen Beweise vorgelegt worden seien.

Im Gespräch mit Frau Zirlina einige Jahrzehnte später erfahre ich, dass sie erst 1990, also im Zuge der Perestrojka, einen positiven Entscheid eines wiederholten Antrages bewirken konnte. Seither bezieht sie eine zusätzliche Rente, vor allem aber sei für sie damit das Wissen verbunden gewesen, für ihre mutigen Taten unter der beständigen Todesdrohung nun endlich eine Art moralische Anerkennung zu erhalten.

Für mich bleibt noch immer die Frage, welche Motive stehen tatsächlich hinter Verfahren wie jenen, wie ich sie im Fall von Frau Zirlina dokumentiert vorgefun-den habe? Ich stoße auf eine ähnliche Entscheidung der Behörden in Bezug auf einen Mann, der sogar zahlreiche Orden für seine Aktivitäten im Rahmen des Untergrunds und später in der Partisaneneinheit erhalten hat. Eine abschließende Antwort finde ich nicht, es ist jedoch auffällig, dass in beiden Fällen die Darstellungen von Frau Zirlina und Herrn R. jeweils mit zahlreichen Anstreichungen und Kommentaren versehen wurden, die die Berichte in Zweifel ziehen: »Unglaub-würdig!«, »Unmöglich!«, »Wer soll das genau gewesen sein?«, steht mit Kopier-stift an den Rändern. Doch in den Akten finden sich weder die Aufforderung an die Betroffenen, weitere Details zu nennen, noch werden Gegendarstellungen erbracht. Die Tatsache, dass solche Dokumente nicht in dieser Akte vorliegen, bedeutet nicht zwingend, dass sie nicht existieren. Die ausführlichen Bezugnahmen auf vorliegende Dokumente in den Beschlüssen des Gebietskomitees legen jedoch die Vermutung nahe, dass dem so ist.

169

Jekaterina Israiljewna Zirlina (l. o.) vor dem Krieg mit Freundinnen So steht zu hinterfragen, ob hier ein rational und durch Fakten gesicherter und begründbarer Zweifel vorliegt, oder ob nicht doch die wiederholt unterstrichenen Persönlichkeitsmerkmale »jüdische Nationalität« und, wie in Zirlinas Fall, Zugehörigkeit zur »Familieneinheit Nr. 106« linientreuen Parteikadern als Referenz für eine ressentimentgeladene Entscheidung diente. Frau Zirlina selbst zuckt mit den Schultern, als ich sie nach dem Warum für die verweigerte Anerkennung frage: Das sei ihr auch nie ganz klar gewesen.

Das Gespräch mündet wie so oft in ein eines über dieses und jenes, der selbst-gebackene Kuchen der plötzlich auf dem Tisch steht, leitet über in Fragen nach dem Hier und Jetzt. Swetas Sohn fordert mehr und mehr Aufmerksamkeit, und er bekommt sie von uns allen. Sweta berichtet kurz von ihren Schwierigkeiten am Arbeitsplatz. Angestellt als Optikerin bei einer großen deutschen Firma, die eine neue Produktionsstätte in Minsk eröffnet hat, fällt es ihr schwer, Kinderbetreuung und Schichtdienst in Einklang zu bringen. Zudem hat sie bereits mehrfach den Arbeitsplatz wechseln müssen, weil Vorgesetzte andere Kolleginnen bevorzugen und ihnen bessere Bedingungen verschaffen wollten. Parallel zu Mechanismen, die durch eine neue gesellschaftliche Ordnung etabliert wurden, existieren also perso-nalisierte Machtstrukturen, die ernsthaften Einfluss auf individuelle Lebenswege nehmen können. In diesem Sinne sind sich die Erfahrungen von Großmutter und Enkelin sehr nahe, wenn auch unter sehr verschiedenen Vorzeichen.

170

Der jüdische Überlebenskampf in der (post)sowjetischen Kriegserinnerung: ein Epilog

Im September 2002 reiste ich erstmals nach Minsk – die Stadt, die ich aus den Er-zählungen der Frauen und Männer in St. Petersburg bereits zu kennen glaubte.

Wie naiv diese Vorstellung war, erkannte ich, als ich aus dem Bahnhof trat. Mir eröffnet sich eine moderne, neue, »sowjetisch« aussehende Stadt. Sowjetisch –

was meint das? Neue, große, geradezu wuchtige Gebäude, mit Verzierungen, die verspielt erscheinen, bei genauerem Hinsehen aber allzu oft sozialistische und sowjetische Symbolik offenbaren: der fünfzackige Stern omnipräsent, breite Straßen, gut geeignet für Militärparaden.

Meine Erkundungen führen mich durch einen Ort, der so wenig von dem zu enthalten scheint, was in den Erzählungen immer wieder aufgetaucht war. Kaum alte Häuser, verwinkelte Straßenzüge, Holz. Zumindest das Stadtzentrum lässt eine gerade einmal 50-jährige Geschichte erkennen. Im Unterschied zu St. Petersburg ist die dann aber umso präsenter – die Republik Belarus hat sich noch sehr viel weniger der westlich orientierten Modernisierung unterzogen. Kaum große Werbe-flächen, wesentlich weniger Einkaufsmöglichkeiten, die Fahrzeuge des öffentlichen Nahverkehrs heillos überfüllt, so dass man nur noch aussteigen will. Auf eigen-artige Weise fühle ich mich zurückversetzt in die Erfahrungswelt meiner Kindheit, nicht nur aufgrund des äußeren Erscheinungsbildes. Nein: auch die Menschen schauen mich anders an, gehen auf eine andere, distanzierte Art und Weise miteinander um, ein beobachtender Blick ist allgegenwärtig und nicht nur in den Augen der auffallend vielen Streifenpolizisten.

Die Sauberkeit auf den Straßen, geschaffen durch gebückte Gestalten die Tag für Tag mit einfachen Werkzeugen die Wege reinigen, produziert für meine Augen eine Leere, die schwer greifbar ist. Nach und nach wird mir klar, dass sie für mich synonym figuriert für die Abwesenheit von etwas ganz anderem als Schmutz, Pa-pierfetzen, weggeworfenen Zigarettenkippen. Für mich, die erwartet hat, der er-zählten Geschichte nun unmittelbar und persönlich zu begegnen, korrespondiert die Abwesenheit von Spuren menschlichen Lebens, wie ich sie aus anderen Groß-

städten des 20. Jahrhunderts kenne, mit der Abwesenheit, Unsichtbarkeit von Geschichte, die ich durch zahlreiche Interviews, Gespräche, Recherchen und Bücher kennengelernt habe.

Die Sonderstellung dieser Stadt, die Minsk als Hauptstadt der immer öfter als

»letzten Diktatur Europas« bezeichneten Republik für die Gegenwart zugeschrie-ben wird, erschließt sich eben auch und vor allem, wenn man den Blick auf die jüngste Vergangenheit richtet. Wie kaum ein anderes Land in Europa hat Belorussland unter der deutschen Besatzung von 1941 bis 1944 gelitten. Eine Fotografie der Stadt Minsk am Ende des Krieges 1944 zeigt Ruinen so weit das Auge reicht. Schutt und Asche signalisierten die dreijährige Terror- und Vernichtungs-171

herrschaft, Befreiung von der Besatzung meinte hier vor allem eines: Neuanfang, Neubau.

So erklärt sich, dass dort, wo einmal das Ghetto war, nahezu ausschließlich Neubauten zu finden sind. Wohnblock neben Wohnblock, moderne aus Beton errichtete Hochhäuser anstelle der Holzhäuser oder der aus Ziegel gebauten zwei- bis drei-stöckigen Wohnhäuser, die immer wieder in den Erinnerungsberichten erwähnt werden. Geradezu zusammenhanglos erscheint da die Gedenkstätte an der sogenannten Jama, einer großen Grube, die während mehrerer Pogrome zum Massengrab wurde, als Deutsche und Kollaborateure tausende Menschen erschossen. Inmitten der Grube ließen Überlebende des Minsker Ghettos bereits 1946 einen schlichten schwarzen Obelisk aufstellen, auf dem in russischer und jiddischer Sprache an 5 000 Jüdinnen und Juden erinnert wird, die dort am 2. März 1942 ermordet wurden. Seit wenigen Jahren zeugt eine Skulptur der Minsker Künstler Leonid Lewin, Aleksander Finski und Elsa Polak für den Versuch, einen plastischen Ausdruck für den Gang in den Tod zu finden: Eine Reihe von Menschen geht hintereinander den Abhang hinunter; große und kleine, junge und alte, ausgemergelte Gestalten, Frauen, Männer, Kinder mit je unterschiedlichem Gesichtsausdruck warten, stehen, laufen in Lebensgröße neben der Betrachterin. Lasse ich mich ein auf die Gedanken, was Menschen im Angesicht des Todes fühlen und denken – ein Musiker, der das Instrument nicht her-gibt, Kinder, die sich an Eltern drängen, der Mann der verbittert-fragend in den Himmel schaut, der Letzte in der Reihe, der sich vorbeugt um an den vor ihm Stehenden vorbeisehen zu können, was ihn erwartet – so bleibt dieses Hineindenken doch beschränkt, ich kann nicht nachfühlen. Mich trennt vieles von den Geschehnissen, auch wenn ich eine Ahnung entwickeln kann von dem, was Menschen an solchen Orten durchlebt haben. Zugleich weiß ich um die Dimension der Morde, allein der Blick in die unmittelbare Umgebung bringt das Ausmaß der Vernichtung zu Bewusstsein – die umstehenden Wohnhäuser wurden alle nach dem Ende des Krieges gebaut. An ihrer Stelle standen solche, die den hier ermordeten Menschen Obdach waren. Und der Blick verortet die Vernichtung – sie wurde verübt inmitten des Lebensumfeldes. Ist auch die Erinnerung an sie, das Bewusstsein für sie zu verorten im Alltag, in der unmittelbaren Erfahrungswelt?

Die meisten Passanten würdigen die »Jama« beim Vorübergehen keines Blickes.

Kinder haben einen Strick an einem Baum am Rand der Grube befestigt und schaukeln. Ich entdecke Farbspuren auf einigen der Figuren – Spuren eines An-schlages. In der neben der Grube angelegten »Allee der Gerechten« zum Gedenken an diejenigen Menschen, die Jüdinnen und Juden versteckten oder unterstützten, fehlen einige Namensschilder an den neu gepflanzten Bäumchen. Ähnlich vernachlässigt und ignoriert erweist sich der wenige Minuten entfernt liegende ehemalige jüdische Friedhof: ein Bolzplatz am unteren Ende, einzelne, kaum sichtbare und oft kaputte Grabsteine finden sich auf dem weiten Areal versteckt im Gras. Drei Gedenksteine, errichtet seit Anfang der 1990er Jahre zur Erinnerung an Jüdinnen und Juden, die aus verschiedenen deutschen Städten nach Minsk depor-172

tiert und hier ermordet wurden, sind mit antisemitischen Losungen und Zeichnungen beschmiert. Während ich verschlungenen Wegen folge, erschrecke ich bei dem Gedanken, über Gräber zu laufen.

In der Ferne höre ich plötzlich eine Explosion, Salven eines Maschinengewehrs. Weitere Detonationen, der Wind weht Fetzen von Lautsprecherdurchsagen heran – ein Manöverplatz befindet sich unweit von hier, die Schießgeräusche werden lauter. Es scheint, als entkomme man dem Militär an diesem Ort nicht – wie überall in der ehemaligen Sowjetunion. Verwundert es? Nein, hat doch auch Frau Pedko unmissverständlich erklärt, dass es die Sowjetsoldaten waren, denen sie ihr Leben zu verdanken hat. Heute wissen wir um den Preis, den die sowjetische Führung den Soldaten abverlangt hat. Doch wir wissen auch, dass ohne diese Armee die Besatzung Osteuropas durch deutsche Truppen, und damit auch die Vernichtung der europäischen Juden, von Sinti und Roma, von Oppositionellen, von homosexuellen Männern und Frauen und vielen anderen nicht so bald beendet worden wäre. Die Erinnerung an die militärisch herbeigeführte Befreiung nimmt einen großen Platz im öffentlichen Raum ein.

Es ist der große Kontrast, der sich auftut zwischen den großzügigen Denkmälern und Monumenten für die Kämpfenden, und dem nahezu vollständigen Fehlen von Hinweisen auf die Vernichtung, auf die Pogrome im Ghetto, die Tötung von mehreren zehntausend Menschen mitten in der Stadt. Erst seit wenigen Jahren gibt es Bemühungen, auf Denkmälern an den Judenmord zu erinnern, doch die neu errichteten Gedenksteine verschwinden nahezu, gerade einmal einen anderthalben Meter hoch, in dunklem Marmor gehalten, sieht sie nur, wer von ihrer Existenz weiß.

Offenbar soll diese Seite der Kriegserfahrung – im Gegensatz zum Sieg über die Besatzer – noch immer nicht bewusst wahrgenommen werden. Das Missverhältnis zwischen den Gewalt- und Vernichtungserfahrung der Bevölkerung und deren Posi-tionierung in der öffentlichen Erinnerung ist eklatant, in sowjetischer Zeit gültige Denkmuster scheinen hier wie auch in St. Petersburg noch immer wirksam zu sein.

Wie kam dieses Schweigen zustande? Was hat dieses Verschweigen für diejenigen bedeutet, die den Massenmord überlebt hatten? Dies waren Fragen, die ich mir zu Beginn meiner Recherchen stellte, ohne zu wissen, dass sie mich mehrere Jahre lang beschäftigen würden und noch immer nicht abschließend beantwortet sind.

Die Lebensgeschichten der hier vorgestellten Frauen lassen die Auswirkungen des staatlichen und gesellschaftlichen Umgangs mit der Erinnerung – oder eben Nicht-Erinnerung – auf individuelle Lebenswege erkennbar werden. Sie eröffnen damit den Blick auf eine Dimension, die in Analysen der sowjetischen Historiographie und öffentlichen Erinnerung, wie sie in zahlreichen Publikationen vorliegen, lange Zeit nur sehr wenig thematisiert wurde.1 Erst rund um den 60. Jahres-1

Kritisch hierzu: S. Tscharny: Sowjetski gosudarstwenny antisemitism w zenzurje natschala 60-ch godow (na primjere sudby knigi B. Marka »Wosstanije w Warschawskom getto«), in: Westnik Jewrejskogo Uniwersiteta w Moskwe, No. 2 (15), 1997, S. 76-81; Lucy Dawidowicz: The Holocaust and the Historians, Cambridge (1995

[1981]); Erich Goldhagen: The Soviet Treatment of the Holocaust, in: The Nazi Holocaust. Vol. 1, ed. by. Michael 173

tag des Kriegsendes im Jahre 2005 wurden mehrere Veröffentlichungen vorgelegt, welche die Auslassungen des öffentlichen sowjetischen Gedächtnisses diskutierten.2 Ich versuche an dieser Stelle, wesentliche Stationen der Nachkriegsbiogra-phien zu benennen und mit zentralen Aspekten des Erinnerungsdiskurses in der Sowjetunion in Beziehung zu setzen. Die Frage nach der Wirkungsweise dieses Diskurses in Bezug auf den jüdischen Überlebenskampf scheint mir ein wichtiger Anhaltspunkt zu sein, um den Ausschluss spezifischer Erfahrungen aus der offiziellen Erinnerung verstehen zu können.

Überleben – Der nationalsozialistische Vernichtungskrieg und Politik der

»Endlösung« in der deutschbesetzten Sowjetunion

Die Erinnerungen der Überlebenden knüpfen an die drei Jahre dauernde Besatzung sowjetischer Territorien durch deutsche Truppen an. Der nationalsozialistische Angriffskrieg gegen die Sowjetunion ist charakterisiert durch bis dahin nicht vorstellbare Zerstörungen und Massenmorde. Die Ermordung sowjetischer Kriegsgefangener, Deportation hunderttausender Jugendlicher, Frauen und Männer zur Zwangsarbeit ins Reichsgebiet oder Konzentrationslager in den besetzten Gebieten, die Zerstörung der Infrastruktur sowie der Raub von Ressourcen und Eigentum kennzeichnen diesen Krieg, der auf Ausnutzung und Vernichtung orientiert war.

Belorussland war zu Kriegsende weitgehend zerstört; nach einem brutalen Vormarsch, einer terroristischen Besatzungszeit und durch die »Politik der verbrann-ten Erde« hinterließen deutsche Truppen bei ihrem Rückzug eine Spur der Verwüstung: Auf dem Land waren 1 200 000 Wohnhäuser zerstört, in den Städten waren bis zu 90 Prozent der Wohnhäuser und anderer öffentlicher Gebäude unbewohnbar oder zerstört, in Minsk, Gomel und Mogilew waren nur noch 23 Prozent der Wohnfläche vorhanden.3 Drei Millionen Menschen hatten kein Obdach4 und lebten zum Teil in Erdlöchern. Wirtschaftlich war das Land um Jahrzehnte der Entwicklung zurückgeworfen, denn 85 Prozent der Industriebetriebe waren ruiniert, die Indus-triekapazität war um 95 Prozent, Saatflächen um 40 bis 50 Prozent und der Vieh-bestand waren um 80 Prozent zurückgegangen.5 Zwangsrequirierungen und Plünderungen hatten die Zivilbevölkerung Möbel, Kleidung und anderes im Wert von 23 600 000 000 Rubel (Wert 1941) gekostet.6

  1. Marrus, Westport/London (1989), pp. 304-310; mehrere Beiträge in Israel Gutman, Gideon Greif: The Histo-riography of the Holocaust Period: Proceedings of the fifth Yad Vashem International Historical Conference, Jerusalem, March 1983, Jerusalem 1988; A. Lokschin: »Delo Wratschej«: »Otkliki trudjaschtschichsja«, in: Westnik Jewrejskogo Uniwersiteta w Moskwe, No. 1(5), 1994, S. 52-62.

2

Siehe beispielsweise Osteuropa, 55. Jg., H. 4-6; Irina Scherbakowa (Hg.): Russlands Gedächtnis. Jugendliche entdecken vergessene Lebensgeschichten, Hamburg 2003.

3

Zu den Opfern und Zerstörungen infolge der deutschen Besatzung s. Leonid Smilowizki: Borba jewrejew Be-lorussii sa woswrat swoego imuschtschestwo i schilischtsch w perwoje poslewojennoje desjatiletije, 1944-1954

gg., in: Belarus u XX Stagoddzi, Kollektiv awtorow (sost.) Minsk 2002, S. 167 f.

4

Christian Gerlach: Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrussland 1941-1944, Hamburg 1999, S. 11.

5

Ebenda.

6

Smilowizki, a. a. O., S. 169.

174

Die rassistischen und pseudowissenschaftlichen Planungen zur Neuordnung Europas hatten den Tod von Millionen Menschen intendiert. Parallel dazu hatte die propagandistische Vorbereitung des Krieges, mit der slawische und jüdische Bevölkerungen zu »Untermenschen« gemacht worden waren, systematisch die Ausbeutung und Vernichtung der Menschen legitimiert und war dabei auf breite Unterstützung bei Militär und Bevölkerung gestoßen. Vier Jahre lang nutzten Unternehmer, Bauern und Haushaltsvorstände im deutschen Reichsgebiet die Arbeitskraft von Millionen deportierten Menschen aus, die Profite daraus sind kaum zu bezif-fern. Mit der Ermordung von Zivilisten, Kriegsgefangenen und gegnerischen Soldaten wurde auch die Vernichtung der in der NS-Ideologie in der untersten Kategorie genannten Menschen begonnen. Von ehemals 9,2 Millionen Einwohnern Belorusslands waren nach der Befreiung durch die Rote Armee nur noch weit unter sieben Millionen Menschen am Leben.7 Neuere Forschungen insbesondere von russischen und weißrussischen Wissenschaftlern gehen gar von der Ermordung jedes dritten Einwohners der besetzten Belorussischen Sowjetrepublik aus.8

Im Zentrum der Vernichtungspolitik stand die systematische Ermordung der jüdischen Bevölkerung vom ersten Tag des deutschen Einmarsches an. Nur wenige Tausend von 2 750 000 Jüdinnen und Juden, die in den besetzten Gebieten der Sowjetunion von der deutschen Besatzung erfasst wurden, haben überlebt.9 Der Genozid an den sowjetischen Juden ging sehr schnell und ohne langfristige De-portationen in zentrale Ghettos wie zum Beispiel in Polen vor sich. Insbesondere in kleineren Orten und im östlichen Belorussland richteten die Truppen gar keine Ghettos ein bzw. liquidierten sie schon nach sehr kurzer Zeit. Die jüdische Bevölkerung wurde in diesen Gebieten also meist sofort nach der Besetzung umgebracht, während im Westen wirtschaftsstrategische Überlegungen die sofortige Tötung aller Juden verhinderten. Dort wurde die jüdische Bevölkerung auch in größere Ghettos transportiert und interniert. Die Ghettos in den sowjetischen Gebieten dienten nahezu ausschließlich der Konzentration der jüdischen Bevölkerung in Vorbereitung ihrer Ermordung. Die nahezu einzige Möglichkeit des Überlebens bestand in der Flucht aus dem Ghetto oder vor der Erschießung. In Verstecken, aber auch in den Partisaneneinheiten, in die viele meiner Interviewpartnerinnen und -partner flohen, kämpften die Menschen um die bloße Existenz. Die von Michail Sorin, Tuvia Bielski und anderen jüdischen Frauen und Männern ge-gründeten Einheiten unterschieden sich von den übrigen, sowjetischen Einheiten 7

Christian Gerlach: Deutsche Wirtschaftsinteressen, Besatzungspolitik und der Mord an den Juden in Weißrussland, 1941-1943, in: Ulrich Herbert (Hg.): Nationalsozialistische Vernichtungspolitik 1939-1945. Neue Forschungen und Kontroversen, Frankfurt/M. 1998, S. 263.

8

Zu diesem Streit um Zahlen vgl. Aleksej Litwin: Ko woprosu o kolitschestwe ljudskich poter Belarusi w gody Welikoj Otetschestwennoj Wojny (1941-1945gg.), in: Belarus u XX Stagoddzi, Kollektiv awtorow (sost.) Minsk 2002, S. 127-138.

9

Vgl. Yitzhak Arad: Der Holocaust an den sowjetischen Juden in den besetzten Gebieten der Sowjetunion, in: Wassili Grossman, Ilja Ehrenburg: Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetischen Juden, hrsg. von Arno Lustiger, Hamburg 1994, S. 1061.

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dadurch, dass sie nahezu jeden Flüchtling aufnahmen, auch wenn er nicht am militärischen Kampf teilnehmen konnte oder wollte. Frauen, Männer, Kinder, alte Menschen bauten in den weißrussischen Wäldern und Sümpfen Selbstversorgungs-strukturen auf, die auch von vielen sowjetischen Partisaneneinheiten genutzt wurden, so Bäckereien, Fleischereien, Lazarette.10

Befreiung? Die unmittelbare Nachkriegszeit

Nach der Befreiung kehrten die meisten der jüdischen Überlebenden an jene Orte zurück, die sie auf der Flucht vor der Vernichtung hatten verlassen müssen. Spä-

testens dort wurden sie mit der schrecklichen Realität konfrontiert, dass sie nahezu die einzigen Überlebenden ihrer Familie waren und weiterhin auf sich allein gestellt sein würden. Gezeichnet von den schwierigen Lebensbedingungen in den Partisaneneinheiten oder im Versteck, mussten sich die meist Jugendlichen um existenzielle Dinge wie Nahrung und Unterkunft kümmern. Sie erfuhren dabei aber kaum Unterstützung, das Land war vollkommen zerstört, die gesamte Bevölkerung hungerte. Die staatlichen Behörden zeigten sich unsensibel gegenüber – oder besser: ignorierten aktiv – Vernichtungs- und Gewalterfahrungen der Überlebenden.

Antisemitische Einstellungen der Bevölkerung sind ebenso dokumentiert11 wie die verweigerte Unterstützung durch die Behörden.12 Zu fragen wäre, inwieweit diese Verhaltensweisen ein Spiegel der von Bernhard Chiari eindrucksvoll skizzierten Alltagsrealität im besetzten Weißrussland ist, in der die Juden diejenigen Opfer waren, auf die sich Besatzer, Kollaborateure und nichtjüdische Bevölkerung einigen konnten.13

Da nahezu alle Dokumente verloren gegangen oder vernichtet worden waren, mussten die Überlebenden oftmals mühselig Identitätsnachweise beschaffen, um Ansprüche verschiedener Art geltend machen zu können.14 So war es Frida Iosifowna Pedko und ihrer Schwester, die fast zwei Jahre in einem Versteck gelebt hatten, erst nach langem Hin und Her möglich zu beweisen, dass sie Geschwister sind, eine Verwandte sie aufnehmen und für sie Lebensmittelkarten beziehen darf.

Rita Abramowna Kaschdan kehrte gemeinsam mit einer Freundin nach Minsk zurück. Sie wollten in der Wohnung der Freundin unterschlüpfen, fanden diese jedoch durch einen früheren Kollaborateur besetzt, der sie aggressiv fragte: »Jüdische 10 Vgl. hierzu Nechama Tec: Bewaffneter Widerstand. Jüdische Partisanen im Zweiten Weltkrieg, Göttingen 1996

(1993); Arno Lustiger: Zum Kampf auf Leben und Tod. Vom Widerstand der Juden 1933-1945, München 1997

(1994), S. 316-318.

11 Vgl. Smilowizki, a. a. O., S. 170.

12 Belege für die frühe Abwehrhaltung der Behörden gegenüber den Opfern der systematischen Enteignung und Ermordung finden sich in Briefen von Überlebenden an das Jüdische Antifaschistische Komitee. (Vgl. Schimon Redlich: Jewrejskij antifaschistskij komitet w SSSR i antisemitskaja politika sowjetskich wlastjei w poslewo-jennyje gody, in: Cholokost – Soprotivlenije – Wozroschdenije. Jewrejskij narod w gody Wtoroj Mirowoj Wojny i poslewojennyj period 1939-1948, Fond Cholokost (sost.), Moskwa 2000, S. 213-261.) 13 Vgl. Bernhard Chiari: Alltag hinter der Front. Besatzung, Kollaboration und Widerstand in Weißrußland 1941-1944, Düsseldorf 1998.

14 Vgl. Smilowizkij, a. a. O., S. 171.

176

Fratze, lebst du immer noch?!« In anderen Fällen waren die Wohnungen jüdischer Rückkehrer besetzt von Parteifunktionären, Nachbarn verweigerten die Heraus-gabe von Eigentum, das sie bei der Flucht der jüdischen Nachbarn in »Gewahr-sam« genommen hatten. Nina Gennadjewna Romanowa, mit ihrem Bruder die einzige Überlebende der Familie, erinnert sich an die bittere Erfahrung, während eines Verhörs durch den NKWD des eigenen Überlebens beschuldigt zu werden: Überlebende standen im prinzipiellen Verdacht, mit den Deutschen kollaboriert und nur so ihr Leben gerettet zu haben.15

Für Erholung oder die Heilung von physischen und psychischen Schäden war keine Zeit. Im Gegenteil, die Überlebenden sollten oder mussten so schnell wie möglich ihre Ausbildungen fortsetzen oder in das Arbeitsleben eintreten, manche sogar noch vor Kriegsende oder in der Evakuierung. Jelena Askarewna Drapkina erinnert sich an die Schwierigkeiten, die es ihr bereitete, wieder mit dem Lernen anzufangen:

»Von Juni 1941 an gab es absolut keine Zeitungen … Und im Ghetto, was habe ich da gelesen – Ankündigungen, Verordnungen, aber Zeitungen gab es nicht. Um an so etwas heranzukommen, musste man Kontakte zum Untergrund haben, … es gab keine Bücher, unser Haus war ja abgebrannt, und da wo ich [im Ghetto; A. W.]

wohnte, gab es keine Bücher. Und bei den Partisanen gab es höchstens Flugblätter … Also habe ich insgesamt drei Jahre lang nicht gelesen.«

Leonid Lwowitsch Golbraich ist noch heute empört über den Versuch, ihn sofort nach Kriegsende für das Militär zu rekrutieren: »Da wurden alle Jungs in die Schule geschickt, und dann wurden wir in einer Art Lager untergebracht, mit Stacheldraht umzäunt. Da habe ich gedacht: ›Nein, das muss ich mir nicht antun, diesen Stacheldraht will ich nicht mehr.‹«

Neben diesen Problemen war die anhaltende Trauer um Familienangehörige zu bewältigen, viele Überlebende stellten sich Fragen nach dem Sinn der Verbrechen, machten sich Gedanken, ob sie genug für die Rettung anderer Menschen getan hatten. In der zerstörten Sowjetunion und besonders in Belorussland, wohin nahezu alle Befragten zunächst zurückkehrten, stand der kollektive Wiederaufbau obenan. Trauer und Erinnerungen an die Verluste des Krieges wurden kaum zugelassen. Wie passt dies zu der Tatsache, dass das siegreiche Ende dieses Krieges in der Sowjetunion geradezu der Grundpfeiler das nationalen Gedächtnisses und Selbstverständnisses war?

15 Vgl. Barbara Distel, Jürgen Zarusky: Dreifach geschlagen – Begegnung mit sowjetischen Überlebenden, in: Dachauer Hefte 8: Überleben und Spätfolgen, München 1996, S. S. 96 f. u. Bernd Bonwetsch: Der »Große Vaterländische Krieg:« Vom öffentlichen Schweigen unter Stalin zum Heldenkult unter Breshnew, in: Babette Quin-kert (Hg.): »Wir sind die Herren dieses Landes.« Ursachen, Verlauf und Folgen des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion, Hamburg 2002, S. 168.

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Erinnerung: Heldentum, Verlust und Tod Der Zweite Weltkrieg und die deutsche Besatzung wurden in der UdSSR als Großer Vaterländischer Krieg erinnert, also explizit patriotisch gekennzeichnet.

Die Bezeichnung verdeutlicht, worum es ging: die Sorge um das Vaterland, die Nation, den Staat. Am 23. Juni 1941 wurde diese Bezeichnung erstmalig verwendet: Ziel war die Mobilisierung aller Kräfte für die Befreiung des Landes.16 Die patriotische Motivation prägte aber auch das Gedenken an den Krieg, es stand (und steht) im Kontext der Formierung einer nationalen Identität. Im Vordergrund des kollektiven Gedächtnisses stand folgerichtig der militärische Widerstand gegen die Besatzer, wodurch andere Formen von Widerstand und Überlebenskampf verdrängt wurden.

Saul Friedländers Feststellung, kollektives Gedächtnis sei ein Mittel, um Gemeinschaft zu stiften und als solches auf die Herstellung von Kohärenz und Sinn-stiftung angewiesen, erhält hier zentrale Bedeutung.17 Gerade wenn – wie für die sowjetische Bevölkerung – die Vergangenheit von Leid und Verlust geprägt war, ist die Suche nach einem »positiven Ergebnis« bedeutungsvoll. Sinn findet sich jedoch kaum im systematischen Massenmord und in den Verlusten des Krieges, und auch die Niederlagen der sowjetischen Armee in der Kriegsanfangsphase sind wenig geeignet, um Identifikationsmöglichkeiten zu schaffen. Deshalb kam Trauer über die zahllosen toten sowjetischen Menschen »öffentlich nicht vor; sie entsprach grundsätzlich nicht dem Staatsverständnis«, wie Bernd Bonwetsch in seinem Überblick über das sowjetische Gedenken an den Zweiten Weltkrieg schreibt.18 Das Selbstverständnis des Staates bestand vielmehr im Optimismus, die sozialistische Idee zu verwirklichen. Der konkrete Sieg über das faschistische deutsche Regime, das in brutaler Weise die Bevölkerung ausgebeutet und ermordet hatte, verlieh den Machthabern Autorität und Legitimation. Der Sieg wies dem Tod ungezählter Menschen einen Sinn zu.19

Ausgangspunkt des Triumphes war die Bereitschaft der Bevölkerung und vor allem des Militärs gewesen, mit aller Kraft gegen den Besatzer zu kämpfen, ihr Leben für das Vaterland zu geben. So nahmen und nehmen die Helden  des Krieges großen Raum im Gedächtnis an den Großen Vaterländischen Krieg ein. Monumen-tale Denkmäler, Auszeichnungen mit diesem Namen zeugen von dem Bedürfnis, der kämpferischen und aufopferungsvollen Verteidigung des Landes Andenken zu bewahren.20 Der massenhafte Tod wehrloser sowjetischer Menschen, vor allem der 16 Nina Tumarkin: The Living and the Dead. The Rise and Fall of the Cult of World War II in Russia, New York 1994, p. 61.

17 Vgl. Saul Friedländer: History, Memory, and the Historian: Dilemmas and Responsibilities, in: New German Critique, No. 80 (2000), p. 5.

18 Bonwetsch, a. a. O., S. 168.

19 Sabine Arnold: Generationenfolge. Gedanken zum sowjetischen Kriegsgedenken und Geschichtsbild, in: Quin-kert, a. a. O., S. 194.

20 Vgl. Ebenda., S. 200-203. Sabine Arnold hat am Beispiel des Gedenkkomplexes Stalingrad die zentralen Momente und Intentionen der offiziell geförderten Erinnerung detailliert herausgearbeitet und damit einen der lange 178

Juden oder Roma, und unorganisierter oder schlecht ausgerüsteter Soldaten passte nicht in dieses Bild. Deswegen war das Betrauern der Opfer lange Zeit nur im stil-len und individuellen Rahmen möglich, Kriegsschäden sollten öffentlich unsichtbar gemacht werden: Der Gedanke, der Sieg über den Faschismus sei ein Fortschritt auf dem Weg zur Verwirklichung des Sozialismus, den es nach Kriegsende weiter aufzubauen galt, hatte bittere Konsequenzen für diejenigen Veteranen, die bleibende, sichtbare körperliche Schäden erlitten hatten und deshalb den Aufbau

»nicht voranbringen konnten.« Sie fanden in den Jahren nach Kriegsende kaum Unterstützung oder wurden gar aus der Öffentlichkeit verbannt wie auf die Insel Valaam bei Leningrad, heute St. Petersburg. 21

Überlebende besuchten regelmäßig die Orte ihrer Kindheit und Jugend, und damit auch die Orte, wo sie Mutter, Vater, Geschwister und viele andere Verwandte verloren hatten. Sie zeigten ihren Kindern, wo ihre Vorfahren ermordet und vermutlich verscharrt wurden. Oftmals gab es keinerlei Hinweis auf die Stätten der Massaker an der jüdischen Bevölkerung, im Gegenteil, sie wurden sogar bebaut: Leonid Isaakowitsch Skoblo fand an dem Ort, wo seine Eltern umgebracht worden waren, einen Flugplatz vor. Die Bewohner einer Datschensiedlung konfrontierte Boris Michailowitsch Galperin damit, dass sie auf dem Gelände des Ghettos von Ryschkowizy (bei Schklow) und somit auf einem Massengrab lebten. Leonid Lwowitsch Golbraich erlitt einen Herzanfall, als er das erste Mal an den Ort zu-rückkehrte, von dem er kurz vor seiner Ermordung geflohen war. »Was denken Sie, was wir dort sahen: Knochen lagen verstreut, der Boden war aufgewühlt. Die Leute hatten dort gegraben, ob sie nicht noch Gold von den Juden finden.«

Zu Beginn der 1960er Jahre bestätigte die sowjetische Regierung zwar die hohen Opferzahlen von Soldaten und Zivilisten, verhinderte jedoch weiterhin die Erinnerung an die systematische Ermordung der jüdischen Bevölkerung. Denkmale benannten die Opfer pauschal als »sowjetische Zivilisten«. Ausnahmen stellen schlichte Obelisken dar, die von Überlebenden finanziert und aufgestellt wurden.

So hatten zum Beispiel Überlebende des Minsker Ghettos im Jahr 1947 ein Denkmal an dem Ort errichtet, wo am 2. 3. 1942 fünftausend Menschen erschossen und verscharrt worden waren. Die Behörden wollten den Stein sofort entfernen, öffentliche Proteste hinderten sie jedoch daran.

Die Ignoranz gegenüber jüdischen Opfern ist sicher mit einem latenten, halb offiziellen Antisemitismus zu begründen. Zum anderen weist Nina Tumarkin darauf hin, dass die Anerkennung der jüdischen Verluste das gemeinsame Schicksal aller sowjetischen Nationalitäten als Opfer des deutschen Vernichtungswahns und damit das Erinnerungskollektiv infrage gestellt hätte.22 Außerdem hätte eine Beschreibung des systematischen Judenmords Identifikationspunkt für eine jüdische Zeit raren Beiträge zur Analyse der sowjetischen Gedenkkultur vorgelegt. (Vgl. Sabine R. Arnold: Stalingrad im sowjetischen Gedächtnis, Bochum 1998).

21 Tumarkin, a. a. O., p. 98 f.; Bonwetsch, a. a. O., S. 170.

22 Vgl. Tumarkin, a. a. O., p. 50.

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nationale Gemeinschaft sein können – was den Bestrebungen des Regimes, ein einheitliches Sowjetvolk zu schaffen, diametral entgegengestanden hätte.23

Ein Gegenpol zum öffentlichen Schweigen bestand im Austausch mit überlebenden Geschwistern oder Ehepartnern. Selbst das war angesichts der offiziellen Verdrängung jedoch nur beschränkt möglich – das Schweigen über den Holocaust zog sich bis in die eigene Familie, wie wir Lidija Gerschowna Dosowitzkajas Er-zählung entnehmen können: Ihr Mann hielt sie davon ab, Zeugnisse für ihre Verfolgung und Erinnerungen an ihre Angehörigen zu sammeln. Dies verursachte ihr erhebliche Schwierigkeiten, als sie zu Beginn der 1990er Jahre Nachweise für Entschädigungsanträge vorlegen musste.

Erst seit dem Ende des sowjetischen politischen Systems 1990 können Überlebende öffentlich die Folgen der Vernichtungspolitik für die jüdische Bevölkerung thematisieren und sich in neu gegründeten Organisationen treffen. Und den Opfern ihren Namen zurückzugeben – wie es Nina Gennadjewna Romanowa getan hat: Sie hat Erde aus ihrem Geburtsort Gusino, wo ihre Familie ermordet worden war, geholt und in Leningrad beigesetzt. So hat sie ihrer Familie in Leningrad ein Grab geschaffen und kann den Toten auch dann nahe sein, wenn sie nicht mehr in der Lage ist, zu dem Sterbeort zu reisen: »Jetzt gibt es einen Ort, wo man hingehen und nachdenken kann, wo man Kerzen anzünden und Blumen niederlegen kann.«

Anerkennung? Leben in der Sowjetunion

Wenn wir die Nachgeschichte des Holocaust aus der Sicht der Überlebenden rekonstruieren wollen, müssen wir uns auch dem gesellschaftlichen Kontext des Weiter-Lebens, ihrer sozialen Situation zuwenden. Die berufliche Laufbahn der Überlebenden war vielfach von der unterschiedlichen Bewertung ihrer Erfahrungen während der Besatzung geprägt. Offizielle Ehrungen und Anerkennungen, mit denen unter anderem Vergünstigungen und Subventionen verbunden waren, sind ein unmittelbarer Ausdruck für eine Wahrnehmung von Überlebenden, die Unter-scheidungen vornahm und die Grundlage für gestaffelte Partizipationsmöglichkeiten bildete. Die Lebensgeschichten, die in den Interviews deutlich wurden, legen die Differenzierung in zwei Gruppen nahe.

Zum einen sind es Menschen wie Frida Iosifowna Pedko, die fast zwei Jahre lang mit ihrer Schwester in einem Versteck überlebt hatte, sich dabei von Abfällen oder dem ernährte, was sie im Wald finden konnte. Andere waren Mitglied der sogenannten Familieneinheiten gewesen oder galten nicht als reguläre Kämpfer, selbst wenn sie nachweislich an bewaffneten Einsätzen beteiligt waren, die Einheit geschützt oder wichtige Funktionen in sogenannten Kampfabteilungen übernommen hatten. Wieder andere waren als Sanitäterin oder Köchin tätig gewesen.

23 Zu den Bestrebungen der sowjetischen Führung, die Herausbildung einer religiösen oder nationalen jüdischen Identität zu verhindern, sieh Frank Grüner: Jüdischer Glaube und religiöse Praxis unter dem stalinistischen Regime in der Sowjetunion während der Kriegs- und Nachkriegsjahre, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas 52

(2004), H. 4, S. 534-556.

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Nach Ende des Krieges hatten die noch jungen Frauen und Männer zum Teil mühsam einen Schulabschluss nachgeholt und wollten studieren oder einen Beruf erlernen, mit dem sie ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten und der ihren Fähigkeiten und Wünschen entsprach. Mehrere der von mir interviewten Personen wurden daran gehindert: Lidija Gerschowna Dosowitzkaja und Alewtina Semjenowna Kuprichina fanden nur Anstellungen in gering bezahlten Berufen, weil sie durch die Besatzung die Schule nicht hatten abschließen können. Leonid Lwowitsch Golbraich erlernte einen Handwerksberuf, wurde trotz hoher Qualifikatio-nen jedoch von Beförderungen ausgeschlossen. Rita Abramowna Kaschdan und Frida Iosifowna Pedko wurde der Zugang zu bestimmten Fakultäten verwehrt, nach dem Abschluss wurden sie zunächst nirgends eingestellt: Ihre jüdische Nationalität war im Pass vermerkt, erst durch Interventionen von Bekannten bekamen sie einen Job.

Die zweite Gruppe bilden Personen, die in sogenannten Kampfeinheiten gelebt hatten, in die nur sehr wenige Juden aufgenommen wurden. Sie konnten einen vergleichsweise hohen Status erlangen. Wie andere Männer unter meinen Interviewpartner, konnten sich Grigori Borisowitsch Erenburg und Boris Michailowitsch Galperin, nachdem sie demobilisiert waren, auf Abendschulen qualifizieren. Wenige Jahre nach Kriegsende waren sie anerkannte Ingenieure, wurden zu Projekt-leitern ernannt und erhielten Auszeichnungen für ihre Arbeit. Sie erzählen, dass sie in Betrieben arbeiteten, die von früheren und ihnen bekannten Partisanen geleitet wurden. Allerdings durfte Grigori Erenburg trotz seiner hohen Position nicht an Verhandlungen mit ausländischen Firmen teilnehmen. Auf ein anhaltendes Misstrauen gegenüber Juden weisen auch zwei Frauen hin: Jelena Askarewna Drapkina und Nina Gennadjewna Romanowa, beide vordem Partisaninnen in sowjetischen bzw. internationalen Einheiten, konnten ein Medizinstudium abschlie-

ßen und arbeiteten als Ärztinnen. Sie erzählen von den Kampagnen der sowjetischen Regierung zu Beginn der 1950er Jahre, mit denen der sowjetischen Öffentlichkeit die angebliche Minderwertigkeit und Gefährlichkeit von Menschen jüdischer Nationalität vermittelt werden sollten. Um 1948 sorgte die Bekämpfung des sogenannten Kosmopolitismus dafür, dass Juden auf der Straße angegriffen oder entlassen wurden. 1952/53 wurden Ärzte der Kremlführung einer zionistischen Verschwö-

rung beschuldigt, die Kampagne ist unter dem Namen »Delo Wratschej« weithin bekannt. Jelena Askarewna und Nina Gennadjewna berichten von Patienten, die misstrauisch gegenüber jüdischen Ärzten waren und von jenen nicht behandelt werden wollten.

Die vier letzt genannten Personen wurden mit zahlreichen Auszeichnungen und Orden geehrt, als Veteranen konnten sie Subventionen wie zum Beispiel kostenlose Bahnfahrten in Anspruch nehmen. Im Gegensatz dazu hatten die in der ersten Gruppe genannten Menschen häufig Schwierigkeiten, den Lebensunterhalt zu bestreiten – Arbeitslosigkeit und gering bezahlte Jobs waren dafür verantwortlich.

Gemeinsam sind allen hier genannten Personen Erlebnisse, in denen ein institu-181

tioneller Antisemitismus zum Ausdruck kam, der das Arbeits- und Berufsleben von Sowjetbürgern jüdischer Nationalität nachhaltig beeinflusste.24

Es war, wie die genannten Beispiele nahelegen, aber offenbar nicht ausschließ-

lich die jüdische Nationalität, die positiven oder negativen Einfluss auf die Lebenswege der einzelnen Menschen hatte. Lässt sich die Differenz in den Partizipationsmöglichkeiten der zwei genannten Personengruppen auf den bereits thematisierten Erinnerungsdiskurs zurückführen, innerhalb dessen die bewaffnete Verteidigung des Vaterlands durch gesunde, kräftige Menschen im Vordergrund stand und honoriert wurde? Oder müssen wir weiteren Spuren folgen, um die Gründe für die hierarchisierte Erinnerung zu entschlüsseln? Ich bin auf diese Frage aufmerksam geworden, als Rita Abramowna Kaschdan das Interview mit der Aussage beendete, »nur Dummköpfe wie ich haben verschwiegen, dass sie bei den Partisanen waren.« Es war nicht ihre Dummheit, die Rita Abramowna zum Schweigen veranlasste, sondern ihr Wissen um die Voreingenommenheit ihrer Umgebung. Als Jugendliche war sie in der jüdischen Einheit von Michail Sorin gewesen, hatte die Einheit mit einer Waffe in der Hand geschützt, Lebensmittel organisiert, vor allem aber hatte sie eine Zuflucht vor den Pogromen im Minsker Ghetto gefunden. Unmittelbar nach der Befreiung hatte sie eine Bescheinigung erhalten –

als Mitglied einer sogenannten Familieneinheit. Ihr Bruder hingegen, in der gleichen Einheit wie sie, war laut seines Dokuments »Partisan« gewesen. Er erhielt später eine höhere Rente als Rita (woennaja pensija – Kriegsrente) und weitere Vergünstigungen.

Dieses Beispiel weist darauf hin, dass nicht nur die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Einheit über Anerkennung oder Diskriminierung bestimmte, und auch nicht ausschließlich die jüdische Nationalität. Der Unterschied zwischen Rita und Sascha war ihr Geschlecht, und vielleicht müssen wir gerade diesen Punkt bei der Analyse aufnehmen. Meines Erachtens greifen dabei zwei Diskurse ineinander: Der eine bezieht sich auf den Begriff von Widerstand, der der Erinnerung zugrunde liegt; der andere umfasst die Verknüpfung weiblicher und antisemitischer Stereotype.

Jüdischer Widerstand gegen die Vernichtungspolitik

Was musste angesichts des systematisch Judenmords getan werden? Eine Frage, die immer wieder gestellt wird. Ich möchte hierzu einige Überlegungen vorstellen und nach den Gründen für die Verdrängung von Widerstandsformen fragen, die einem offenbar vorherrschenden Verständnis von »Widerstand« widersprechen.

Verehrt wurden in der UdSSR nahezu ausschließlich militärisch handelnde Helden. Neben zahlreichen Männern finden sich hier »einige hervorgehobene Heldinnen« – »gegenüber Hunderttausenden namenlosen, unbeachteten Kriegs-24 Siehe z. B. Arno Lustiger: Rotbuch: Stalin und die Juden. Die tragische Geschichte des Jüdischen Antifaschistischen Komitees und der sowjetischen Juden, Berlin 2000 (1998); Redlich, a. a. O.

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teilnehmerinnen.«25 Gefeiert wurden insbesondere die Leistungen von Scharf-schützinnen, Kampfpilotinnen und Frontsanitäterinnen.26 Verbunden mit der so fokussierten Verehrung war die Abwertung oder Nichtbeachtung derjenigen, die sich für den Erhalt konkreter Leben eingesetzt bzw. angeblich nicht gegen die Besatzer gekämpft hatten. Ihr Festhalten am individuellen Leben steht im Gegensatz zur heroischen Tat für das Vaterland. Ein solches Gedenken wird der Realität nicht gerecht, denn die Ziele der deutschen Besatzer gingen über die Okkupation und Ausraubung des Landes weit hinaus. Angestrebt war die Vernichtung des europäischen Judentums und die Ermordung unzähliger sowjetischer Zivilisten. Widerstand gegen die Raub- und Vernichtungspolitik konnte demnach nicht bei der patriotischen Motivation stehen bleiben, sondern musste vor allem die Rettung von Menschenleben intendieren. Dies wurde – wie der systematische Judenmord selbst – von der sowjetischen Kriegsdarstellung jedoch weithin ignoriert.

Der alltägliche Überlebenskampf hatte vor allem darin bestanden, Verbote zu übertreten, Befehle zu unterlaufen oder bewusst gegen sie zu handeln. So konnten die Lebensbedingungen der Jüdinnen und Juden punktuell erleichtert und das von den Deutschen einkalkulierte Dahinsterben verzögert oder die systematische Ermordung verhindert werden. Entscheidendes Moment war immer wieder, sich dem Einflussbereich der Besatzungsmacht zu entziehen und dort, wie auch im Ghetto, Existenzmöglichkeiten zu schaffen: Nahrung, Unterkunft, Pflege. Es ging um die Schaffung von Lebensmöglichkeiten im Abseits: in der Illegalität, im Versteck und möglichst ohne Mitwisser. Frauen und Jugendliche übernahmen bei der Organisation dieser Zufluchten oft zentrale Aufgaben, nachdem Ehemänner oder Väter nicht mehr in der Lage waren, die Rolle als »Versorger« auszufüllen oder nachdem sie ermordet worden waren. Zum anderen waren dies Tätigkeitsbereiche, die »traditionell« von Frauen ausgeübt wurden.27

Das Bestreben, Menschenleben zu retten oder Individualität und die Fähigkeit zur Selbstbestimmung unter den Bedingungen des geplanten Genozids zu bewahren, eint die Erfahrungen von Partisanen, Versteckten und den Bewohnern der Ghettos. Die Autoren der Enzyklopädie des Holocaust  integrieren das Motiv des sich bewussten Entziehens in ihrer Definition von jüdischem Widerstand. Sie nennen dabei die Weigerung, sich den Zielen und Praktiken der Nazis unterzuordnen, Befehle nicht auszuführen, für die Besatzer nicht zu arbeiten oder ihnen Besitz nicht zu überlassen.28 Zusätzlich, so meine ich, sollten aber auch die Strategien, 25 Beate Fieseler: Der Krieg der Frauen: die ungeschriebene Geschichte, in: Mascha + Nina + Katjuscha. Frauen in der Roten Armee 1941-1945. Katalog zur Ausstellung im Deutsch-Russischen Museum Berlin Karlshorst, 15. 11. 2002 bis 23. 2. 2003, Berlin 2002, S. 13.

26 Vgl. hierzu Mascha + Nina + Katjuscha. Frauen in der Roten Armee 1941-1945, a. a. O.

27 Vgl. hierzu die eindrückliche Darstellung von Überlebensstrategien unter Berücksichtigung von geschlechtsspezifischen Erfahrungen in Nechama Tec: Resilience and Courage. Women, Men, and the Holocaust, New Haven/

London 2003.

28 Vgl. Israel Gutman (Hg.): Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, Jerusalem 1989, dt. Ausgabe hrsg. von E. Jäckel, P. Longerich und J. H. Schoeps, S. 1584 f.

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die auf das Überleben gerichtet sind, explizit einbezogen werden: Mit ihnen wurden das Leben und Menschen gegen den geplanten Tod und die rassistische Ideologie von »Untermenschen« gestellt. Diese Strategien basierten auf Verhältnissen zwischen Individuen, die sich unmittelbar gegenseitig unterstützten und mit ihren Handlungen einer Idee folgten, die der antihumanen rassistischen Ideologie ent-gegenstand. Konträr zum nationalsozialistischen System übernahmen Menschen Verantwortung für Handlungen. Diese waren zumeist auf andere gerichtet, nicht nur auf den eigenen Vorteil. Einen wichtigen Beitrag für die Frage nach dem ad-

äquaten Widerstand liefert Tzvetan Todorov. Bei der vergleichenden Analyse des Aufstandes im Warschauer Ghetto 1943 und dem polnischen Aufstand in der besetzten Stadt 1944 arbeitete er die »alltäglichen Tugenden« der Sorge und Würde auf der einen Seite, die »heroischen Tugenden« auf der anderen heraus. Gegen-

über standen sich seiner Meinung die Sorge um das Individuum (die alltägliche Tugend) und eine »Handlung, die bar jeden menschlichen Zwecks« ist29 und bei der »es um die Rettung der Idee von Warschau, … um eine Abstraktion (geht)«30

(die heroische Tugend). Die Orientierung am Heldentum hatte aus seiner Sicht sowohl die Entscheidung für den Aufstand 1944 wie auch die Geschichtsschreibung bestimmt. Der Kampf der Juden um »die Art zu sterben« (Marek Edelman)31, das heißt um ihre Würde, um individuelle Entscheidungen, sowie ihre Sorge um andere und damit eine der »Weiblichkeit« zugeordnete Moral verschwanden dagegen aus dem Gedächtnis.32

Die Beständigkeit dieser hier benannten Zuordnung zeigt sich auch im umgekehrten Verhältnis: wenn Frauen nicht als Kombattantinnen wahrgenommen werden dürfen, wie es in der Sowjetunion zu beobachten war. Während des Krieges waren zahlreiche Frauen in die sowjetische Armee eingetreten oder hatten sich Partisaneneinheiten angeschlossen und dort erstmals in der russischen Geschichte als Frauen an direkten Kampfhandlungen teilgenommen. In den ersten Jahrzehnten nach dem Ende des Krieges wurde ihr Einsatz jedoch schnell verleugnet und sie wurden demobilisiert – auch gegen ihren Willen. Viele mussten ihre Zeit bei den Partisanen oder in der Armee verheimlichen, um nicht in den Verdacht unsittlichen Verhaltens zu geraten33 – wie Rita Kaschdan. Beate Fieseler wertet diese Tabuisie-rung als Teil der Umschreibung des Krieges »zu einer rein männlichen Großtat«.34

In der kanonisierten Darstellung des Krieges haben die Kriegsteilnehmerinnen bis auf die bereits benannten Heldinnen kaum Spuren hinterlassen. Nachdem zu Be-29 Tzvetan Todorov: Angesichts des Äußersten, München 1993 (1991), S. 66.

30 Ebenda, S. 13.

31 Marek Edelman in: Hanna Krall: Schneller als der liebe Gott, Frankfurt/M. 1980, S. 20.

32 Todorov, a. a. O., S. 330.

33 Siehe dazu bspw. Swetlana Alexijewitsch: Der Krieg hat kein weibliches Gesicht, Berlin 2004 (russ. Original: U woiny ne schenskoje lizo, Moskwa 2004), S. 256; Fieseler, a. a. O.; Andrea Moll-Sawatzki: Freiwillig an die Front? Junge Frauen zwischen Motivation und Mobilisierung, in: Mascha + Nina + Katjuscha. Frauen in der Roten Armee 1941-1945, a. a. O., S. 21-27.

34 Fieseler, a. a. O., S. 18.

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ginn des Krieges die Stärke und Selbständigkeit der sowjetischen Frauen betont worden war, standen zu und nach Kriegsende die biologischen Fähigkeiten von Frauen zur Reproduktion im Vordergrund35. Ihre Aufgabe bei der Rekonstruktion des befreiten Landes wurde in der sorgenden und mütterlichen Haltung gesehen.

Hierin knüpfte die Erwartungshaltung an das Idealbild der »Neuen Sowjetischen Frau«, der (lohn-)arbeitenden Mutter  an, das seit den 1930er Jahren propagiert worden war.36

Mit einer solchen Haltung wurde (und wird) aber auch das traditionelle Schema geschlechtlicher Rollenverteilung wieder aufgerufen, das konstitutiv für die Bildung von Nationalstaaten ist, wie Silke Wenk und Insa Eschebach feststellen. In ihrer Arbeit zum Zusammenhang von sozialem Gedächtnis und Geschlechterdifferenz betonen sie, dass für den Erhalt eines nationalen Gedächtnisses der Konstruktion von Weiblichkeit eine besondere Bedeutung zukommt. Während Männern als Beschützer und Verteidiger der Nation eine aktive Handlungsrolle zugeordnet wird, spielen Frauen eine »metaphorische« oder »symbolische« Rolle, sie handeln nicht aktiv, sondern repräsentieren die Gemeinschaft.37 Das Bild des Weiblichen wird zum »Signifikanten für Reproduktion, Kontinuität«.38 Diese Analyse erklärt, warum in der Erinnerung an den Krieg das Heldentum eine so bedeutende Rolle spielt – darin liegt der Beweis für die fortdauernde Stärke und Bestandsfähigkeit des Staates, der sich – und die passiven Reproduzentinnen – verteidigen und den Feind in die Flucht schlagen kann. Diese Aufgabe kann der »Geschlechterlogik«

entsprechend nicht von Frauen ausgefüllt werden. Der Widerspruch zur Realität wird in der Infragestellung oder Verleugnung ihrer tatsächlichen Beteiligung am maskulin konnotierten Kampf aufgelöst.39 Diese Verleugnung rettet auch das Konstrukt von Männlichkeit, das massiv infrage gestellt wurde, als Männer sich als nicht in der Lage erwiesen, Frauen und Kinder zu schützen und jene deshalb zur Selbsthilfe greifen mussten. Für die Diskussion um die Bewertung bestimmter Formen der Gegenwehr gegen die Vernichtungspolitik liegt das entscheidende Moment im Zusammenschluss von »Weiblichkeit« mit »Passivität« und ihrer Gegenüberstellung zu Aktivität, Stärke und Männlichkeit, wie ich sie in der Einleitung zu diesem Buch bereits genannt habe: Ronit Lentin macht darauf aufmerksam, dass Appelle zum Schutz der Frauen oder weiblicher Repräsentantinnen einer (imaginierten) Gemeinschaft oftmals mit Aufrufen zur Verteidigung der Nation 35 Vgl. Ebenda., S. 17.

36 Vgl. Barbara Evans Clements: Later Developments: Trends in Soviet Women’s History, 1930 to the Present, in: Russia’s Women. Accommodation, Resistance, Transformation, ed. by B. E. Clements et al., Berkeley 1991, p. 268.

37 Vgl. Silke Wenk: Insa Eschebach: Soziales Gedächtnis und Geschlechterdifferenz. Eine Einführung, in: Insa Eschebach, Sigrid Jacobeit, Silke Wenk (Hg.): Gedächtnis und Geschlecht. Deutungsmuster in Darstellungen des nationalsozialistischen Genozids, Frankfurt/M. 2002, S. 28.

38 Ebenda., S. 29.

39 Siehe beispielsweise das Zitat der früheren Untergrundkämpferin Wera Grigorjewna Sedowa in Swetlana Alexijewitsch: Der Krieg hat kein weibliches Gesicht, Berlin 1989 (russ. Original: U woiny ne schenskoje lizo, Moskwa 1984), S. 9. In der neuen, unzensierten Ausgabe des Buches fehlt das Zitat. (Siehe Alexijewitsch, a. a. O.).

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bzw. Ethnie verknüpft sind: Als Opfer genannt werden stets Frauen, Mütter, Kinder, die Nation. Implizit werden dadurch die als maskulin konnotierten Fähigkeiten zu schützen bzw. zu erobern aufgerufen.40 Deutlich wird hierbei die zentrale Rolle des ebenso thematisierten Beziehungsaspektes bei der Konstruktion der Geschlechter(rollen): Die binäre Geschlechterordnung funktioniert nur in der Gegen-

überstellung von zwei sich vorgeblich einander ausschließenden Polen. Im konkreten Fall werden weiblich konnotierte Handlungen zur Existenzsicherung und auch Frauen, die bewaffnet gekämpft haben, systematisch entwertet. Die Minder-bewertung weiblich kodierter Tätigkeiten ist der Grund dafür, die Sorge um das bloße Überleben, wie es für die Jüdinnen und Juden zentral war, nicht in das Verständnis des Widerstands gegen die Nationalsozialisten zu integrieren.

Jüdische Selbstbehauptung in der sowjetischen Erinnerung Können wir hiermit erklären, warum Mascha Bruskina als »Unbekannte« gilt?

Mascha Bruskina durchbricht zum einen als Frau das Bild des männlich konnotierten Widerstands. Zugleich entsteht ein Gegenbild zur Behauptung, die jüdische Bevölkerung hätte sich nicht gewehrt und keinen Widerstand geleistet. Ihr Tod, die Hinrichtung, war ein öffentlicher und repräsentativer Akt. Er kann, im Gegensatz zu den Morden in den Ghettos, nicht geleugnet werden. Wohl aber ihr Name

– so dass der Widerstand einer Jüdin und  der Widerstand einer Frau verdeckt werden.

Nechama Tec und Daniel Weiss haben die lang anhaltende Verweigerungshal-tung von Historikern und Politikern aus Russland und Belarus dargestellt. Auf der Suche nach Erklärungen haben sie die Photographien von der Hinrichtung analy-siert. Auch Tec und Weiss verweisen darauf, dass sich die Widerstandsgruppen in Minsk sehr früh und ohne Einflussnahme durch staatliche Behörden gebildet und damit die angeblich allumfassende Macht von Partei und Staat konterkariert hatten – einer der Gründe für die Denunziation durch die sowjetische Führung.41 Tec und Weiss schlussfolgern zudem, dass die Stärke und Selbstsicherheit von Mascha, die aus den Bildern lesbar sind, unvereinbar sind mit stereotypen Bildern von »den Juden« und sie deshalb besser als »Unbekannte« denn als Jüdin in die Geschichtsschreibung eingehen sollte42 – es konnte nicht sein, was nicht sein durfte: Laut der offiziellen Kriegsdarstellung hatte es keinen jüdischen Widerstand gegeben.

Die Nachgeschichte des Holocaust in der Sowjetunion harrt vieler und intensiver Nachfragen, deren Beantwortung durch ideologisch gefärbte Darstellungen und Dokumente erheblich erschwert wird. In diesem Moment gewinnen die Erin-40 Ronit Lentin: (En)gendering Genocide. Die Feminisierung der Katastrophe, in: Zeitschrift für Genozidforschung, 1. Jg. (1999), H. 1, S. 76.

41 Nechama Tec, Daniel Weiss: A Historical Injustice: The Case of Masha Bruskina, in: Holocaust and Genocide Studies: an International Journal, Vol. 11 (1997), No. 3, p. 371.

42 Ebenda, p. 374.

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nerungen von Überlebenden und Zeitzeugen an Bedeutung, denn sie offenbaren die verdrängten Momente der sowjetischen Kriegserinnerung. Dies betrifft sowohl die spezifische Situation der jüdischen Bevölkerung unter der deutschen Besatzung und ihren Widerstand, wie auch die nach innen äußerst repressive sowjetische Kriegführung und die schweren physischen und psychischen Schäden bei unzähligen Frauen und Männern. Die im ersten Fall wirksamen antisemitischen Ressentiments korrespondieren mit stereotypen Geschlechterwahrnehmungen, welche die hochgradig maskulinisierte und militarisierte sowjetische Gesellschaft

– und damit auch deren Geschichtsbild – insgesamt prägten. Zugunsten der Hero-isierung des Kampfes wurden die Opfer des Krieges de-thematisiert und waren nicht Teil des kollektiven Gedächtnisses.

Eine Perspektive, die auch ihnen, den Opfern, gerecht wird, besteht in der Abkehr von der militärisch geprägten Erinnerung und der Hinwendung zu einem zivilge-sellschaftlichen Gedächtnis. Statt sich ausschließlich an den heroischen Kampf zu erinnern, sollte auch derjenigen gedacht werden, die nach Möglichkeiten der Gegenwehr gegen die systematische Vernichtung ganzer Bevölkerungen suchten und auf verschiedenste Weise in einer aussichtslosen Situation für das Überleben kämpften, sich der ihnen zugewiesenen Opferrolle also gerade nicht gefügt haben

– auch wenn leider allzu viele von ihnen dabei scheiterten.

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Danksagung

Das vorliegende Buch ist ein Ergebnis langjähriger Arbeit. Ohne die Mitwirkung, Unterstützung und Ermutigung vieler Menschen hätte ich es nicht schreiben können.

Besonderer Dank gebührt den Frauen und Männern, die mir durch ihr Vertrauen, ihre große Offenheit und Geduld umfassenden Einblick in ihre Lebensgeschichten gewährten. Ihnen sei dieses Buch gewidmet.

Die MitarbeiterInnen der Organisation jüdischer ehemaliger Häftlinge faschistischer Konzentrationslager und Ghetto in St. Petersburg hatten immer ein offenes Ohr für meine Fragen und Anliegen – sowie zahllose Gläser Tee. Gleiches gilt für die Kolleginnen und Kollegen im Zentrum für unabhängige Sozialforschung St. Petersburg, die in vielerlei Hinsicht meine Aufenthalte in St. Petersburg unterstützt haben. Elena Bogdanova sei besonders gedankt für ihre Hilfe in letzter Minute.

Viele Freundinnen und Freunde haben auf je sehr individuelle Weise dazu beigetragen, dass auch Momente der Trauer, Erschöpfung und zweifelnder Fragen mich nicht entmutigten: Ronald Sperling hat mich von Anfang an in meinem Vorhaben bestärkt und mit hilfreicher Kritik unterstützt. Wolle Bruch, Marion Fittje, Jette und Peter Schulte sowie Trevor Sangrey gaben mir insbesondere in den letzten Monaten unschätzbaren Rückhalt. Auf meine Eltern und Geschwister konnte und kann ich mich immer verlassen.

Seit vielen Jahren schätze ich den wissenschaftlichen und persönlichen Rat von Lydia Potts – ohne sie wäre ich viele Wege nicht gegangen, hätte viele Fragen nicht gestellt. Ahlrich Meyers kritische Anmerkungen haben viele dieser Fragen beeinflusst. Barbara Epstein sei gedankt für den großzügigen Zugang zu Forschungs-material und vielen aufschlussreichen Diskussionen.

Gabi Banas’ Überarbeitung des Manuskripts hat den Text an vielen Stellen lesbarer gemacht – dafür herzlichen Dank.

Die Interviews sowie weitere Recherchen in St. Petersburg und Minsk führte ich im Rahmen von mehreren Studien- und Forschungsaufenthalten durch. Für diese unterhielt ich finanzielle Unterstützung durch den Deutschen Akademischen Aus-tauschdienst, die Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin sowie das Zentrum für Frauen-und Geschlechterstudien der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Der Hadas-sah Brandeis Institute Junior Research Award trug zur Fertigstellung des Buches bei.

 

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