Evelyn Kremer: Eine gute Geschichte über eine gute Geschichte.

Eine gute Geschichte über eine gute Geschichte.

Von Evelyn Kremer

 

Was macht eigentlich eine gute Geschichte aus? Soweit man schon öfter gelesen hat, besteht eine Geschichte natürlich zunächst aus den Protagonisten. Damit man sich in diese möglichst gut einfühlen kann, sollten die Protagonisten sicher bevorzugt Menschen sein. In Geschichten geraten diese Personen meist in einen Konflikt oder ein Abenteuer. Dies baut Spannung auf, denn der Leser oder Betrachter möchte erfahren, wie dieses Abenteuer zu Ende geht, bzw. wie dieser Konflikt gelöst wird. Das heisst, es wird eine – nervliche – Spannung beim Leser aufgebaut, die sich später wieder löst, so dass es zu einer „Entspannung“ beim Rezipienten kommt und er sich irgendwie „wieder gut fühlt“. Das ist eigentlich ein sehr seltsames Phänomen: Wir alle kennen das unbefriedigende Gefühl, eine Geschichte zu hören, die plötzlich abbricht – möchten wir doch gerne den Ausgang der Geschichte erfahren, um uns zu „entspannen“, bzw. „befriedigt“ zu sein. Ich kann Filmemacher oder Geschichtenerzähler nicht verstehen, die den Leser oder Zuschauer mit einem offenen Ende zurücklassen. Oft ist der Rezipient enttäuscht über das offene Ende. Das Ganze ist schon sehr interessant. Irgendwie haben wir Menschen einen Drang dazu, das Ende von Geschichten zu erfahren. Vielleicht liegt dies daran, dass die meisten Menschen auch Aufgaben abschließen möchten. Das ist wahrscheinlich ein evolutionärer Vorteil. Dabei gibt es doch für so viele Dinge im Leben kein richtiges, befriedigendes Ende. Vielleicht möchte der Mensch wenigstens ein bisschen Kontrolle über die vielen Ereignisse in der Welt erlangen, so dass ihm das Ende einer Geschichte wichtig ist und ihn befriedigt.

Jetzt aber noch einmal zu dem Konflikt, bzw. dem Abenteuer in einer Geschichte, der bzw. das Spannung aufbaut. Wie entsteht diese Spannung genau? Ich kann hier nur einige meiner eigenen Gedanken äußern, die nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben: Es gibt verschiedene Arten des Spannungsaufbaus.

Die Darstellung des Regisseurs oder Schriftstellers ist so anders als das was man bisher gelesen oder gehört hat, dass sich eine Spannung zwischen dem Geschriebenen, bzw. Gezeigten und dem Rezipienten aufbaut. Nach dem Motto „so habe ich die Dinge noch nie betrachtet“. Man will mehr von der Weltsicht des Kreativen erfahren und wartet auf den Ausgang dieser Weltsicht. Zuletzt habe ich z.B. eine Geschichte von Gogol gelesen – „die Nase“. Diese handelt von dem Problem, dass ein Mann morgens ohne seine Nase aufwacht. Er beginnt die Nase zu suchen und begegnet ihr u.a. verkleidet in der Stadt etc. Diese Geschichte von Gogol ist so originell, dass man sie unbedingt fertig lesen möchte. Integriert in diese Geschichte ist außerdem noch ein zweites Spannungselement:

Die Aufklärung eines seltsamen Vorfalls, eines Mordes etc. Auch dies ist ein wesentliches Spannungselement in vielen Geschichten.

Eine weitere Möglichkeit: Es ergibt sich ein Konflikt zwischen zwei oder mehreren Protagonisten, bzw. ein Konflikt zwischen den Ambitionen des Protagonisten und seiner Umwelt. Ich möchte hier ebenfalls eine Geschichte von Gogol als Beispiel anführen: „Der Newski-Prospekt“. Ein junger, armer Künstler verliebt sich unsterblich in eine Frau, die er auf der Straße sieht. Er interpretiert in sie das Idealbild einer Frau und merkt – als er sie kennenlernt – dass sie schrecklich dumm und ordinär ist. Er flieht vor ihr, kann das in sie projizierte Idealbild aber nicht mehr vergessen und beginnt Opium zu nehmen, um von ihr als Idealbild zu träumen und ihr nur im Schlaf zu begegnen. Bei dieser Geschichte besteht also ein Konflikt zwischen den Vorstellungen, bzw. Ambitionen des Protagonisten und der realen Welt.

Die nächste Möglichkeit des Spannungsaufbaus ist folgende: Es ergibt sich eine Störung des vorgesehenen Ablaufs einer Handlung. Hier kann uns als Beispiel „In 80 Tagen um die Welt“ von Jules Verne dienen. Der Protagonist hat es sich zum Ziel gesetzt, in genau 80 Tagen um die Welt zu reisen. Die dann folgenden Ereignisse sind v.a. So konzipiert, dass sie die Zielerreichung – die rechtzeitige Ankunft des Protagonisten – in Gefahr bringen können. Natürlich gibt es in der Geschichte auch noch andere Spannungselemente, aber die Grundspannung wird durch den geraden beschriebenen Spannungsaufbau etabliert.

Die dargestellten Ereignisse nehmen eine unerwartete Wendung. Abermals eine Geschichte von Gogol als Beispiel: „Der Mantel“. Die Geschichte handelt zunächst davon, wie sich ein armer und schüchterner Schreiberling monatelang das Geld für einen neuen Wintermantel zusammenkratzt. Die erste unerwartete Wendung besteht darin, dass er – nachdem der neue Mantel endlich gekauft wurde – ein ganz neues Lebensgefühl entwickelt und viel selbstbewusster wird. Eine weitere Wendung nimmt die Geschichte, als ihm der Mantel schon ein Tag später gestohlen wird. Der Protagonist fällt in sich zusammen und stirbt einige Wochen später.

Als letztes eine weitere Art des Spannungsaufbaus: Der Rezipient kennt bereits die Probleme, die auftauchen werden und beobachtet den Protagonisten, wie dieser in sein Verderben oder sein Unglück rennt. In dem Film „Cocktail für eine Leiche“ von Alfred Hitchcock töten zwei junge Männer aus Spaß an der Freude einen Freund und verstecken ihn in einer Truhe im Wohnzimmer. Am selben Abend geben sie in diesem Wohnzimmer eine Cocktailparty zu der sie Freunde und Verwandte des getöteten einladen. Was noch mehr makaber ist: Das Party-Buffet wird auf der Truhe, in der sich der Tote befindet, angerichtet. Dem Zuschauer ist bei diesem Film von Anfang an klar, das die Sache nicht gutgehen kann. Hitchcock war überhaupt Meister in dieser Art des Spannungsaufbaus.

Weitere Beispiele fallen mir momentan nicht ein, aber ggf. werde ich diese Liste im Laufe der Zeit erweitern. Klar muss sein, dass in vielen Geschichten, verschiedene Arten des Spannungsaufbaus kombiniert werden.

 

2016 © by Evelyn Kremer

evelyn.kremer@gmx.de

 

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