Erich Fromm: Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie.

Zeitschrift für Sozialforschung
Herausgegeben von Max Horkheimer
Jahrgang 1
1932

Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie.

Von Erich Fromm (Berlin).
Die Psychoanalyse ist eine naturwissenschaftliche, materialistische
Psychologie. Sie hat als Motor menschlichen Verhaltens Triebregungen
und Bedürfnisse nachgewiesen, die von den physiologisch verankerten,
selbst nicht unmittelbar beobachtbaren „Trieben“ gespeist werden.
Sie hat aufgezeigt, daß die bewußte Seelentätigkeit nur einen relativ
kleinen Sektor des Seelenlebens ausmacht, daß viele entscheidende
Antriebe seelischen Verhaltens dem Menschen nicht bewußt sind. Sie
hat insbesondere private und kollektive Ideologien als Ausdruck bestimmter,
trieblich verankerter Wünsche und Bedürfnisse entlarvt
. und auch in den „moralischen“ und ideellen Motiven verhüllte und
rationalisierte Äußerungen von Trieben entdecktl).
Freud hat zunächst, ganz entsprechend der populären Einteilung
der Triebe in Hunger und Liebe, zwei Gruppen von Trieben angenommen,
die als Motoren des menschlichen Seelenlebens wirksam
sind: die Selbsterhaltungstriebe und die Sexualtriebe 2). Die den
Sexualtrieben innewohnende Energie hat er als Libido bezeichnet,
seelische Vorgänge, die von dieser Energie gespeist sind, als libidinöse.
‚) Das „Über-Ich“ als Instanz pflichtgemäßen HandeIns verdankt nach
Freud seine Entstehung den Gefühlsbeziehungen zwischen Kind und Eltern,
hat also seine Basis durchaus in den Trieben.
2) Unter dem Eindruck der Tatsache der libidinösen Beimengungen zu
den Selbsterhaltungstrieben und der besonderen Bedeutung der destruktiven
Tendenzen hat Freud seine ursprüngliche Annahme dahin modifiziert,
daß er nun den lebenserhaltenden (erotischen) Trieben Zerstörungstriebe
(Todestrieb) gegenüberstellt. So bedeutsam gewiß Freuds Argumentation
für diese Modifikation seines ursprünglichen Standpunkts ist, so
trägt sie doch einen bei weitem spekulativeren und weniger empirischen
Charakter als seine ursprüngliche Position. Sie scheint uns auf einer von
Freud sonst vermiedenen Vermischung biologischer Tatsachen und psychologischer
Tendenzen zu beruhen. Sie steht auch im Gegensatz zu einer
ursprünglichen Position Freuds, zur Auffassung der Triebe als primär
wünschend, begehrend, den Lebenstendenzen dienend und sich ihnen anpassend.
Uns scheint eine Konsequenz der Gesamtauffassung von Freud zu
sein, daß die menschliche Seelentätigkeit sich in Anpassung an Lebensvorgänge
und Lebensnotwendigkeiten entwickelt und daß die Triebe als solche
gerade dem biologischen Todesprinzip entgegengesetzt sind. Die Diskussion
über die Annahme von Todestrieben ist innerhalb der analytischen Wissenschaft
noch im Gange; wir gehen bei unserer Darstellung der psychoanalytischen
Theorie von der ursprünglichen Position Freuds aus.
über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 29
Unter Sexualtrieben hat Freud in berechtigter Erweiterung der üblichen
Verwendung dieses Begriffes alle, analog den genitalen Impulsen,
körperlich bedingten und an Körperstellen (, ,erogenen Zonen (, )
haftenden Spannungen, die nach lustbringender Abfuhr verlangen,
verstanden.
Als Hauptprinzip der Seelentätigkeit nimmt Freud das „Lustprinzip“
an, die Tendenz zu maximaler, lustbringender Abfuhr der
Triebspannungen. Dieses Lustprinzip wird durch das „Realitätsprinzip“
modifiziert, das unter dem Einfluß der Beobachtung der
Realität Verzicht oder Aufschub von Lust zugunsten der Vermeidung
größerer Unlust oder der Gewinnung künftiger größerer Lust fordert.
Die Eigenart der spezifischen Triebstruktur eines Menschen sieht
Freud durch zwei Faktoren bedingt: die mitgebrachte Konstitution
und das Lebensschicksal, vor allem das Schicksal seiner frühen Kindheit.
Er geht davon aus, daß mitgebrachte Konstitution und Erleben
eine „Ergänzungsreihe“ bilden und daß die spezifisch ami.lytische
Aufgabe die Erforschung des Einflusses des Erlebens auf die gegebene
Triebkonstitution ist. Die analytische Methode ist also eine exquisit
historische: sie fordert Verständnis der Triebstruktur aus
dem Lebensschicksal. Diese Methode hat ihre Gültigkeit sowohl
für das Seelenleben des Gesunden wie das des Kranken, der neurotischen
Persönlichkeit. Das, was den neurotischen Menschen vom·
„normalen“ unterscheidet, ist die Tatsache, daß bei diesem sich die
Triebstruktur optimal seinen realen Lebensnotwendigkeiten angepaßt
hat, während bei jenem die Triebentwicklung auf gewisse Hindernisse
gestoßen ist, die eine genügende Anpassung der Triebe an die Realität
. verhinderten.
Um die Tatsache der Anpassung und Modifizierbarkeit der Sexualtriebe
an die Realität ganz verständlich machen zu können, ist es
notwendig, auf gewisse Eigenschaften der Sexualtriebe hinzuweisen,
Eigenschaften, die sie gerade von den Selbsterhaltungstrieben unterscheiden.
Die Sexualtriebe sind im Gegensatz zu den Selbsterhaltungstrieben
aufschieb bar, während jene imperativischer Natur sind,
d. h. eine längere Nichtbefriedigung den Tod herbeiführt, bzw. seelisch
absolut unerträglich ist. Diese Tatsache bewirkt, daß die Selbsterhaltungstriebe
ein Primat vor den Sexualtrieben haben; nicht in dem
Sinn, daß sie an sich eine größere Rolle spielen, aber so, daß im Falle
des Konflikts sie die dringlicheren sind, daß sie sich, solange sie noch
unbefriedigt sind, als die stärkeren erweisen.
30 Erich Fromm
Damit ist eng verknüpft, daß die Regungen der Sexualtriebe verurängbar
sind, während die sich aus den Selbsterhaltungstrieben
ergebenden Wünsche nicht aus dem Bewußtsein entfernt werden und
im Unbewußten deponiert bleiben können. Ein weiterer wichtiger
Unterschied zwischen beiden Triebgruppen ist die Tatsache, daß die
Sexualtriebe sub li mi erb ar sind, d. h. daß an die Stelle der direkten
Befriedigung eines sexuellen Wunsches eine vom ursprünglichen
Sexualziel entfernte, mit Leistungen des Ich amalgamierte Befriedigung
treten kann. Die Selbsterhaltungstriebe sind solcher Sublimierung
nicht fähig.
Von besonderer Wichtigkeit ist ferner die Tatsache, daß die Befriedigung
der Selbsterhaltungsimpulse immer wirklicher Mittel
bedarf, daß aber die Befriedigung der Sexualtriebe oft in Phantasien,
ohne Aufwendung realer Mittel, vor sich gehen kann. Konkret gesprochen
heißt das: den Hunger der Menschen kann man nur mit Brot
befriedigen, aber etwa ihre Wünsche, geliebt zu werden, mit einer
Phantasie von einem gütigen, liebenden Gott oder ihre sadistischen
Tendenzen mit blutigen Volksschauspielen.
Wesentlich ist endlich, daß die verschiedenen Äußerungsformen der
Sexualtriebe – wiederum im Gegensatz zu den Selbsterhaltungstrieben
– in hohem Grade untereinander vertauschbar und verschie
b bar sind. Bei Nichtbefriedigung einer Triebregung kann diese
durch eine andere ersetzt werden, deren Befriedigung – aus innern
oder äußern Gründen – möglich ist. Diese Verwandelbarkeit und
Vertauschbarkeit innerhalb der Sexualtriebe ist einer der Schlüssel
zum Verständnis des neurotischen wie des gesunden Seelenlebens und
ein Kernstück der psychoanalytischen Theorie. Sie ist aber auch eine
gesellschaftliche Tatsache von höchster Bedeutung. Sie erlaubt es,
daß gerade diejenigen Befriedigungen den Massen geboten und von
ihnen akzeptiert werden, die aus sozialen Gründen zur Verfügung
stehen bzw. der herrschenden Klasse erwünscht sind I).
Zusammenfassend ergibt sich also, daß die Sexualtriebe infolge
ihrer Aufschiebbarkeit, Verdrängbarkeit, Sublimierbarkeit und V crwandelbarkeit
einen viel elastischeren und geschmeidigeren Charakter
haben als die Selbsterhaltungstriebe. Sie lehnen sich diesen an, folgen
‚) Eine besondere Rolle spielt die Aufpeitschuni? und Befric(ligung sadistischer
Impulse, die dann stattzuhaben pflegt, wenn anuere Triebbefriedigungen
positiver Natur aus sozial ökonomischen Gründen ausgeschlossen
sind. Der Sadismus ist das große Triebreservoir, auf das man zuriiekzugreifen
pflegt, wenn man der Masse keine anderen – und gewöhnlich
kostspieligeren – Befriedigungen zu bieten hat und mit dessen Hilfe man“
gleichzeitig seine Gegner vernichtet.
Über Methode und Aufgabe einer ana.lytischen Sozialpsychologie 31
ihren Spurenl ). Die Tatsache der größeren Geschmeidigkeit und
Wandlungsfähigkeit der Sexualtriebe bedeutet aber nicht, daß sie auf
die Dauer unbefriedigt bleiben können. Es gibt nicht nur ein physisches,
sondern auch ein psychisches Existenzminimum, d. h.
ein notwendiges Mindestmaß der Befriedigung der Sexualtriebe.
Die hier charakterisierten Unterschiede zwischen Selbsterhaltungsund
Sexualtrieben bedeuten vielmehr nur, daß sich die Sexualtriebe
in hohem Maße den Befriedigungsmöglichkeiten, d. h. den realen
Lebensumständen anpassen können. Sie entwickeln sich schon im
Sinne dieser Anpassung, und nur bei neurotischen Individuen
liegen Störungen der Anpassungsfähigkeit vor. Die Psychoanalyse
hat gerade diese Modifizierbarkeit der Sexualtriebe aufgezeigt, sie
hat gelehrt, die individuelle Triebstruktur aus dem Lebensschicksal
bzw. aus der Beeinflussung der mitgebrachten Triebanlage durch das
Lebensschicksal zu verstehen. Die aktive und passive Anpassung
biologischer Tatbestände, der Triebe, an soziale
ist die Kernauffassung der Psychoanalyse, und jede personalpsychologische
Untersuchung geht von dieser Grundauffassung aus.
Freud hat sich ursprünglich – und auch späterhin vorwiegend –
mit der Psychologie des Individuums beschäftigt. Nachdem aber
einmal in den Trieben die Motive menschlichen Verhaltens, imUnbewußten
die geheime Quelle der Ideologien und Verhaltungsweisen entdeckt
waren, konnte es nicht ausbleiben, daß die analytischen Autoren
den Versuch machten, vom Problem des Individuums zu dem der Gesellschaft,
von der Personalpsychologie zur Sozialpsychologie
vorzustoßen. Es mußte der Versuch unternommen werden, mit den
Mitteln der Psychoanalyse den geheimen Sinn und Grund der im
gesellschaftlichen Leben so augenfälligen irrationalen Verhaltungs-.
weisen, wie sie sich in der Religion und in Volksbräuchen, aber auch
in der Politik und Erziehung äußern, zu finden. Gewiß mußten damit
Schwierigkeiten entstehen, die vermieden wurden, solange man sich
auf das Gebiet der Personalpsychologie beschränkte.
Aber diese Schwierigkeiten ändern nichts daran, daß die Fragestellung
eine völlig korrekte, legitime wissenschaftliche Konsequenz aus der Ausgangsposition
der Psychoanalyse darstellt. Wenn sie im Trieble-ben, im
Unbewußten, den Schlüssel zum Verständnis menschlichen Verhaltens
gefunden hat, so muß sie auch berechtigt und imstande sein, Wesentliches
über die Hintergründe gesellschaftlichen Verhaltens auszusagen.
1) vgI. Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Ges. Sch. V Leipzig,
Wien, Zürich 1924.
32 Erich Fromm
Denn auch die „Gesellschaft“ besteht aus einzelnen lebendigen Individuen,
die keinen anderen psychologischen Gesetzen unterliegen
können als denen, die die Psychoanalyse im Individuum entdeckt hat.
Es scheint uns deshalb auch unrichtIg zu sein, wenn man, wie
W. Reich das tut, der Psychoanalyse das Gebiet der Personalpsychologie
reserviert und ihre Verwendbarkeit für gesellschaftliche
Erscheinungen wie Polit,ik, Klassenbewußtsein etc. grundsätzlich
bestreitetl). Die Tatsache, daß eine Erscheinung in der Gesellschaftslehre
behandelt wird, heißt keineswegs,‘ daß sie nicht Objekt der
Psychoanalyse sein kann (so wenig wie es richtig ist, daß ein Gegenstand,
den man unter physikalischen Gesichtspunkten untersucht,
nicht auch unter chemischen untersucht werden dürfe). Es bedeutet
nur, daß sie nur, insoweit – aber auch ganz insoweit – bei der Erscheinung
psychische Tatsachen eine Rolle spielen, Objekt der Psychologie
ist und speziell der Sozialpsychologie, die die gesellschaftlichen
Hintergründe und Funktionen der psychischen Erscheinung festzustellen
hat. Die These, die Psychologie habe es nur mit dem
einzelnen, die Soziologie mit „der“ Gesellschaft zu tun, ist
falsch. Denn so. sehr es die Psychologie immer mit dem vergesellschafteten
Individuum zu tun hat, so sehr hat es die Soziologie
·mit einer Vielheit von einzelnen zu tun, deren seelische Struktur
und Mechanismen von der Soziologie berücksichtigt werden
müssen. Es wird später davon die Rede sein, welche Rolle
psychische Tatbestände gerade bei gesellschaftlichen Erscheinungen
spielen und daß gerade hier der methodische Ort einer analytischen
Sozialpsychologie ist.
Die Soziologie, mit der die Psychoanalyse die meisten Berührungspunkte,
aber auch die meisten Gegensätze zu haben scheint, ist der
historische Materialismus.
1) „Der eigentliche Gegenstand der Psychoanalyse ist das Seelenleben
des vergesellschafteten Menschen. Das der Masse kommt für sie nur insofern
in Betracht, als individuelle Phänomene in der Masse in Erscheinung
treten (etwa das Problem des Führers), ferner, soweit sie Erscheinungen der
,:\lassenseele‘, wie Angst, Panik, Gehorsam usw. aus ihren Erfahrungen am
einzelnen erklären kann. Aber es scheint, als ob ihr das Phänomen des
Klassenbewußtseins kaum zugänglich wäre, und Probleme wie das der
l\lassenbewegung, der Politik, des Streiks, die der Gesellschaftslehre angehören,
können nicht Objekte ihrer Methode sein.“ (Dialektischer Materialismus
und Psychoanalyse. Unter dem Banner des Marxismus IH, 5
S. 737.) ‚Vir betonen, der prinzipiellen Bedeutung dieses methodologischen
Problems wegen, diese Differenz zu dem von Reich vertretenen Standpunkt,
den er, wie seine letzten Arbeiten zeigen, in fruchtbarer Weise mq~ifiziert
zu haben scheint. Wir kommen später noch auf die mannigfachen Ubereinstimmungen
mit seinen. ausgezeichneten empirischen sozial psychologischen
Untersuchungen zurück.
Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 33
Die meisten Berührungspunkte – denn sie sind beide materialistische
Wissenschaften. Sie gehen nicht von „Ideen“, sondern vom
irdischen Leben, von Bedürfnissen aus. Sie berühren sich im besonderen
in ihrer gemeinsamen Einschätzung des Bewußtseins, das
ihnen weniger Motor menschlichen Verhaltens als Spiegelbild anderer
geheimer Kräfte zu sein scheint. Aber hier, bei der Frage nach dem
Wesen dieser· eigentlichen, das Bewußtsein bestimmenden Faktoren
scheint ein unversöhnlicher Gegensatz zu bestehen. Der historische
Materialismus sieht im Bewußtsein einen Ausdruck des gesellschaftlichen
Seins, die Psychoanalyse einen des Unbewußten, der Triebe.
Es entsteht die unabweisbare Frage, ob diese beiden Thesen in einem
Widerspruch zueinander stehen und, wenn nicht, in welcher Weise
sie sich zueinander verhalten und endlich, ob und warum eine Benutzung
psychoanalytischer Methoden für den historischen Materialismus
eine Bereicherung .darstellt.
Bevor wir uns der Diskussion dieser Fragen selbst zuwenden, erscheint
es nötig zu erörtern, welche Voraussetzungen denn die Psychoanalyse
zu einer Verwendung für gesellschaftliche Probleme mitbringt!).
Freud hat niemals den isolierten, aus dem sozialen Zusammenhang
gelösten Menschen als Objekt der Psychologie angenommen.
„Die Individualpsychologie ist zwar auf den einzelnen Menschen eingestellt
und verfolgt, auf welchen Wegen derselbe die Befriedigung
seiner Triebregungen zu erreichen sucht, allein sie kommt dabei nur
selten, unter bestimmten Ausnahmebedingungen, in die Lage, von
den Beziehungen dieses einzelnen zu den anderen Individuen abzusehen.
Im Seelenleben des einzelnen kommt ganz regelmäßig der
andere als Vorbild, als Objekt, als Helfer und als Gegner in Betracht,
und die Individualpsychologie ist dabei von Anfang an auch gleichzeitig
Sozialpsychologie in diesem erweiterten, aber durchaus berechtigten
Sinne“ 2).
Freud hat aber auch gründlich mit der Illusion einer Sozialpsychologie
aufgeräumt, deren Objekt eine Gruppe als solche, „die“
Gesellschaft oder sonst ein soziales Gebilde mit einer entsprechenden
„Massenseele“ oder „Gesellschaftsseele“ ist. Er geht vielmehr immer
von der Tatsache aus, daß jede Gruppe nur aus Individuen besteht
1) Vgl. zum Methodologischen die ausführlichen Ausführungen in Fromm,
Die Entwicklung des Christusdogmas, Wien 1931; ferner Bernfeld, Sozialismus
und Psychoanalyse mit Diskussionsbemerkungen von E. Simmel und
B. Lantos (Der sozialistische Arzt, II, 2/3, 1926); W. Reich, Dialektischer
.Materialismus und Psychoanalyse (Unter dem Banner des Marxismus IH, 5).
‚) Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse. Ges. Sehr. VI, S. 261.
34 Erich Fromm
und nur Individuen als solche Subjekt psychischer Eigenschaften
sind!). Ebensowenig hat Freud einen „sozialen Trieb“ angenommen.
Das, was man als solchen bezeichnet, ist für ihn „kein ursprünglicher
und unzerlegbarer“ Trieb; er sieht „die Anfänge seiner Bildung in
einem engeren Kreis, wie etwa in der Familie“. Es ergibt sich als
Konsequenz seiner Anschauungen, daß die sozialen Eigenschaften
dem Einfluß bestimmter Umweltverhältnisse, gewisser Lebensbedingungen
auf die Triebstruktur ihre Entstehung, ihre Verstärkung
wie ihre Abschwächung verdanken.
I~t so für Freud immer nur der vergesellschaftete Mensch, der
Mensch in seIner sozialen Verflochtenheit, Objekt der Psychologie, so
spielen auch für ihn, worauf wir schon oben hingewiesen haben,
Umwelt und Lebensbedingungen des Menschen die entscheidende
Rolle für seine seelische Entwicklung wie für deren theoretisches Verständnis.
Freud hat wohl die biologisch-physiologische Bedingtheit
der Triebe erkannt, er hat aber gerade nachgewiesen, in welchem
Maße diese Triebe modifizierbar sind und daß der modifizierende
Faktor die Umwelt, die gesellschaftliche Realität ist.
Die Psychoanalyse scheint so alle Voraussetzungen mitzubringen,
die ihre Methode auch brauchbar fürsozialpsychologische Untersuchungen
machen und alle Konflikte mit der Soziologie ausschalten.
Sie fragt nach den den Mitgliedern einer Gruppe gemeinsamen seelischen
Zügen, und sie versucht, diese gemeinsamen seelischen Haltungen
aus gemeinsamen Lebensschicksalen zu erklären. Diese Lebensschicksale
liegen aber nicht – je größer die Gruppe ist, um so wenigerim
Bereich des Zufälligen und Persönlichen, sondern sie sind identisch
mit der sozialökonomischen Situation eben dieser Gruppe. Analytische
Sozial psychologie heißt also: die Triebstruktur>
die li bidinöse, zum großen Teil un bewußte Haltung einer
Gruppe aus ihrer sozial ökonomischen Struktur heraus zu
verstehen.
Hier scheint aber ein Einwand am Platze zu sein. Die Psychoanalyse
erklärt die Triebentwicklung gerade aus dem Lebensschicksal
der ersten Kindheitsjahre, also einer Periode, wo der Mensch noch
kaum mit „der Gesellschaft“ zu tun hat, sondern fast ausschließlich
im Kreis der Familie lebt. Wie sollen also, nach psychoanalytischer
Auffassung, die sozialökonomischen Verhältnisse eine solche Bedeutung
. ‚) V gl. zu dieser Frage die klärenden Bemerkungen von Georg Simmel:
tber das Wesen der Sozialpsychologie. Archiv f. Sozialwissenschaft und
Sozialpolitik XXVI, 1908, S. 287f.
Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 35
gewinnen können? Es handelt sich um ein Seheinproblem. Allerdings
gehen die ersten entscheidenden Einflüsse auf das heranwachsende
Kind von der Familie aus, aber die gesamte Struktur der Familie,
alle typischen Gefühlsbeziehungen innerhalb ihrer, alle durch sie vertretenen
Erziehungsideale sind ihrerseits selbst bedingt vom gesellschaftlichen
und klassenmäßigen Hintergrund der Familie, von der
sozialen Struktur, aus der sie erwächst. (Die Gefühlsbeziehungen etwa
zwischen Vater und Sohn sind völlig andere in einer Familie der bürgerlichen,
vaterrechtlichen Gesellschaft als in der „Familie“ einer mutterrechtlichen
Gesellschaft.) Die Familie ist das Medium, durch das die
Gesellschaft bzw. die Klasse die ihr entsprechende, für sie spezifische
Struktur dem Kind und damit dem Erwachsenen aufprägt; die
:Familie ist die psychologische Agentur der Gesellschaft.
Die bisherigen psychoanalytischen Arbeiten, die eine Anwendung
der Psychoanalyse auf gesellschaftliche Probleme versuchen, entsprech~
n nun den Anforderungen, die an eine analytische Sozialpsychologie
zu stellen sind, zum überwiegenden Teil nichV). Der Fehler
beginnt bei der Einschätzung der Funktion der Familie. Man sah
zwar, daß der einzelne nur als vergesellschaftetes Wesen zu verstehen
ist, man entdeckte, daß es die Beziehungen des Kindes zu den
verschiedenen Mitgliedern der Familie sind, die seine Triebentwicklung
so entscheidend bestimmen, aber man übersah fast vollkommen, daß
die Familie ihrerseits in ihrer ganzen psychologischen und sozialen
Struktur, mit den für sie spezifischen Erziehungszielen und affektiven
Einstellungen, das Produkt einer bestimmten gesellschaftlichen und,
im engeren Sinn, einer bestimmten Klassenstruktur ist, daß sie tatsächlich
nur die psychologische Agentur der Gesellschaft und Klasse
ist, aus der sie erwächst. Man hatte den Ansatzpunkt gefunden, aus
dem die psychologische Einwirkung der Gesellschaft auf das Kind zu
‚) Auch wenn man von wissenschaftlich wertlosen Versuchen absieht
(wie etwa dem oberflächlichen Schriftehen des einmal als Psychoanalytiker
aufgetretenen A. Kolnai über Psychoanalyse und Soziologie oder dem nur
mit den allerdürftigsten Kenntnissen ausgestatteten Verginsehen Buch über
„Psychoanalyse der europäischen Politik“), gilt diese Kritik jenen Autoren
wie Reik, Roheim u. a. m., die sozialpsychologische Themen behandelt
haben. Eine Ausnahme macht neben S. Bernfeld, der besonders auf die
soziale Bedingtheit aller pädagogischen Bemühungen, hingewiesen hat
(Sysiphos oder über die Grenzen der Erziehung), vor allem W. Reich, dessen
Einschätzung der Rolle der Familie weitgehend mit der hier entwickelten
Ansicht übereinstimmt. Reich hat insbesondere das wichtige Problem der
gesellschaftlichen Bedingtheit und der gesellschaftlichen Funktionen der
Sexualmoral ausführlich untersucht. V gl. sein“ Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit,
Ehemoral“ und die soeben erschienene Schrift ,;Einbruch der
Sexualmoral „.
36 Erich Fromm
verstehen war, aber man merkte es nicht. Wie war das möglich?
Die psychoanalytischen Forscher hatten hier nur ein Vorurteil, das
sie mit allen andern bürgerlichen – auch den fortschrittlichen –
Forschern teilen: die Verabsolutierung der bürgerlich- kapitalistischen
Gesellschaft und den mehr oder weniger deutlich bewußten Glauben,
daß sie die „normale“· Gesellschaft und ihre und die in ihr vorzufindenden
psychischen Tatbestände die für „die“ Gesellschaft überhaupt
typischen seien.
Es gab aber noch einen besonderen Grund, der den analytischen
Autoren diesen Fehler besonders nahelegte. Das Objekt ihrer Untersuchungen
waren ja in erster Linie kranke und gesunde Angehörige
der modernen bürgerlichen Gesellschaft, vorwiegend sogar der bürgerlichen
Klasse!), bei denen also der die Familienstruktur bedingende
Hintergrund gleich bzw. konstant war. Was das Lebensschicksal entschied
und unterschied, waren also die auf dieser allgemeinen Grundlage
basierenden individuellen, persönlichen und, vom gesellschaftlichen
Standpunkt aus gesehen, zufälligen Ereignisse. Die sich aus der
Tatsache einer autoritären, auf Klassenherrschaft und Klassenunterordnung,
auf Erwerb nach zweckrationalen Methoden usw.
organisierten Gesellschaft ergebenden psychischen Züge waren allen
Untersuchungsobjekten gemeinsam; was sie unterschied, war die
Tatsache, ob einer einen überstrengen Vater, den er als Kind übermäßig
fürchtete, ein anderer eine etwas ältere Schwester, der seine
ganze Liebe galt, oder ein Dritter eine Mutter hatte, die ihn so stark
an sich band, daß er diese libidinöse Bindung nie mehr aufgeben
konnte. Gewiß waren diese persönlichen Schicksale für die individuelle,
persönliche Entwicklung von höchster Wichtigkeit, und mit
der Beseitigung der aus diesen Schicksalen erwachsenden seelischen
Schwierigkeiten hatte die Analyse als Therapie vollauf ihre Schuldigkeit
getan, d. h. sie hatte den Patienten zu einem an die bestehende
1) Es sind psychologisch zwar am Individuum zu unterscheiden die für
die Gesamtgesellschaft typischen Züge von den für seine Klasse typischen,
aber da die psychische Struktur der Gesamtgesellschaft sich den einzelnen
Klassen in gewissen grundlegenden Zügen weitgehend aufprägt, sind die
spezifischen Züge der Klasse bei aller Gewichtigkeit nur von sekundärer
Bedeutung gegenüber denen der Gesamtgesellschaft. Gerade der Widerspruch
zwischen der – mindestens erstrebten – relativen Einheitlichkeit
der psychischen Struktur der verschiedenen Klassen und der Gegensätzlichkeit
ihrer ökonomischen Interessen ist eines der Charakteristika der Klassengesellschaft,
verdeckt durch Ideologien. Je stärker allerdings eine Gesellschaft
ökonomisch, sozial und psychologisch zerfällt, je mehr die bindende
und prägende Kraft der Gesamtgesellschaft bzw. der in ihr herrschenden
Klasse schwindet, desto größer werden auch die Differenzen der psychischen
Struktur der verschiedenen Klassen.
Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 37
gesellschaftliche Realität angepaßten Menschen gemacht. Weiter
ging ihr therapeutisches Ziel nicht – und brauchte es nicht zu
gehen; weiter ging aber auch das theoretische Verständnis nicht.
Mehr war für das wesentliche Arbeitsgebiet der Analyse, die Personalpsychologie,
nicht nötig, denn die Vernachlässigung der die Familienstruktur
bedingenden gesellschaftlichen Struktur für die Personalpsychologie
machte eine praktisch irrelevante Fehlerquelle aus.
Ganz anders lagen die Dinge, wenn man von personalpsychologischen
zu sozialpsychologischen Untersuchungen überging. Was dort
eine praktisch irrelevante Vernachlässigung war, mußte hier zu einer
für. die gesamte Arbeit von vornherein verhängnisvollen Fehlerquelle
werden.
Nachdem man einmal die Struktur der bürgerlichen Gesellschaft
und ihrer vaterrechtlichen Familie als die „normale“ empfand, nachdem
man in der personalpsychologischen Arbeit gelernt hatte, die
individuellen Differenzen gerade aus den an sich zufälligen Traumen
zu verstehen, begann man in entsprechender Weise auch die verschiedenen
sozialpsychologischen Erscheinungen unter dem gleichen
Gesichtspunkt des Traumas, also des sozial Zufälligen, zu betrachten.
Man kam auf diesem Wege notwendigerweise dazu, die eigentliche
analytische Methode aufzugeben. Da man sich um die Verschiedenheit
des „Lebensschicksals“, d. h. also der ökonomisch-sozialen Situation
anderer Gesellschaftsformationen nicht bekümmerte, infolgedessen
auch nicht versuchte, ihre psychische Struktur aus ihrer sozialen zu
verstehen, mußte man, anstatt zu analysieren, analogisi“eren, d. h.
man behandelte die Menschheit oder eine bestimmte Gesellschaft wie
ein Individuum, übertrug die spezifischen Mechanismen, die inan beim
heutigen Menschen vorgefunden hatte, auf alle möglichen’Gesellschaftsformationen
und „erklärte“ dann deren psychische Struktur aus der
Analogie mit gewissen Erscheinungen vor allem krankhafter Art, die
sich typischerweise beim Menschen der eigenen Gesellschaft vorfanden.
Man übersah bei diesem Analogisieren einen Gesichtspunkt, der
geradezu zu den Fundamenten der analytischen Personalpsychologie
gehört: die Tatsache, daß die Neurose, sei es das neurotische Symptom,
sei es der neurotische Charakterzug, das Resultat einer mangelnden
Angepaßtheit der Triebstruktur eines „anormalen“ Individuums
an die ihm gegebene Realität ist; daß aber bei Massen,
also „Gesunden“, gerade die Fähigkeit zur Anpassung vorliegt, d. h.
also schon aus diesem Grunde massenpsycpologische Erscheinungen
grundsätzlich nicht in Analogie an neurotische verstanden werden
38 Erich Fromm
können, sondern nur als Resultat der Anpassung der Triebstruktur an
die gesellschaftliche Realität, nur häufig an eine von der bestehenden
mehr oder weniger stark abweichende.
Das markanteste Beispiel dieses Vorgehens ist wohl die Verabsolutierung
des „Oedipuskomplexes“ (des aus der Rivalität um die
Mutter entspringenden Hasses gegen den Vater) zu einem allgemeinmenschlichen
Mechanismus, obwohl vergleichende soziologische und
völkerpsychologische Untersuchungen mit Wahrscheinlichkeit zeigen,
daß diese spezifische Gefühlseinstellung eben nur ganz für die Familie
der vaterrechtlichen Gesellschaft typisch ist und keinen so aUgemeinmenschlichen
Charakter trägt. Die Verabsolutierung des Oedipuskomplexes
führte Freud dazu, die Entwicklung der gesamten Menschheit
auf diesen Mechanismus des Vaterhasses und der daraus resultierenden
Reaktionen zu basieren 1), ohne daß dem materiellen Lebensprozeß
der untersuchten Gruppe Beachtung geschenkt wurde.
Wenn der geniale Blick Freuds auch bei einem soziologisch
falschen Ausgangspunkt imme.r noch Fruchtbares und Bedeutsames
entdeckte 2), so mußte bei den andern analytischen Autoren diese Fehler-
‚) vgl. sein „Totem und Tabu“!
~) In der „Zukunft einer Illusion“ (1927) weicht Freud von diesem die
gesellschaftliche Realität und ihre Veränderungen vernachlässigenden Standpunkt
ab und kommt unter Würdigung der Bedeutung der ökonomischen
Bedingungen von der personalpsychologischen Fragestellung, wie Religion
(personal-)psychologisch möglich ist (nämlich als Wiederholung der infantilen
Einstellung zum Vater) zur sozialpsychologischen Fragestellung.
warum Religion sozial möglich und nötig ist. Er findet die Antwort, daß
Religion nötig war, solange die Menschen durch ihre Ohnmacht gegenüber
der Natur, also durch den geringen Grad der Entwicklung der Produktivkräfte
der religiösen Illusionen bedurften, daß sie aber mit dem Wachstum
der Technik, aber auch mit dem damit verknüpften „Erwachsenwerden“ des
Menschen zu einer überflüssigen und schädlichen Illusion wird. Wenn gewiß
auch in dieser Schrift nicht alle gesellschaftlich relevanten Funktionen der
Religion berührt werden, besonders auch nicht das Problem des Zusammenhanges
bestimmter Religionsformen mit bestimmten gesellschaftlichen Konstellationen,
so ist diese Schrift Freuds doch diejenige, die methodisch und
inhaltlich einer materialistischen Sozialpsychologie am nächsten steht. (Es
sei zum Inhaltlichen nur an den Satz erinnert: „Es braucht nicht gesagt zu
werden, daß eine Kultur, welche eine so große Zahl von Teilnehmern unbefriedigt
läßt und zur Auflehnung treibt, weder Aussicht hat, sich dauernd
zu erhalten, noch es verdient. „) (Freuds Buch berührt sich mit dem Standpunkt
des jungen Marx, der ihm geradezu als Motto dienen könnte: „Die Aufhebung
der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung
seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand
aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen
bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertals,
dessen Heiligenschein die Religion ist.“ [Zur Kritik der Hegeischen Rechtsphilosophie.
Lit. Nachlaß 1923 Bd. 1 S. 385)) In seiner nächsten sozialpsychologische
Probleme behandelnden Arbeit über „Das Unbehagen in der
Kultur“ setzt Freud aber diese Linie weder methodisch noch inhaltlich fort. Sie
ist vielmehr geradezu als ein Gegensatz zur „Zukunft einer Illusion“ anzusehen.
Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie ;39
quelle zu einem die Analyse in den Augen der Soziologie und speziell
der marxistischen Gesellschaftswissenschaft geradezu kompromittierenden
Ergebnis führen.
Es war aber falsch, die Psychoanalyse als solche dafür zu belasten.
Im Gegenteil, gerade die klassische Methode der psychoanalytischen
Personalpsychologie brauchte nur konsequent auf die
Sozialpsychologie angewandt zu werden, um zu völlig einwandfreien
Resultaten zu führen. Der Fehler lag nicht an der psychoanalytischen
Methode, sondern daran, daß die psychoanalytischen Autoren aufhörten,
sie in konsequenter und korrekter „‚eise anzuwenden, wenn
sie statt über Individuen über Gesellschaften, Gruppen, Klassen,
kurz :über soziale Phänomene Untersuchungen anstellten.
Eine ergänzende Bemerkung ist hier am Platze.
Wir haben in den Mittelpunkt unserer Darstellung die ::Uodifizierbarkeit
des Triebapparates durch die Einwirkung äußerer, d. h. also
letzten Endes sozialer Faktoren gerückt. Es darf aber nicht übersehen
werden, daß der Triebapparat, quantitativ wie qualitati\-, gewisse
physiologisch und biologisch bedingte Grenzen seiner l\Ioclifizierbarkeit
besitzt und daß er nur innerhalb dieser Grenzen der Beeinflussung
durch die sozialen Faktoren unterliegt. Infolge der Stärke der in
ihm aufgespeicherten Energiemengen stellt aber der Triebapparat
selbst eine höchst aktive Kraft dar, der ihrerseits die Tendenz innewohnt,
die Lebensbedingungen im Sinne der Triebziele zu nriindern 1).
Im Wechselspiel des Aufeinanderwirkens der psychischen Antriebe
und der ökonomischen Bedingungen kommt letzteren ein Primat zu.
Nicht in dem Sinn, daß sie das “ stärkere “ Motiy darstellten – diese
Fragestellung beträfe ein Scheinproblem, weil es sich gar nicht um
quantitativ vergleichbare „Motive“ gleicher Ebene handelt -, ein
Primat aber in dem Sinne, daß die Befriedigung eines großen Teils
der Bedürfnisse, speziell aber der dringlichsten, der Selbsterhaltungsbedürfnisse,
an die materielle Produktion gebunden ist und daß die
Modifizierbarkeit der ökonomischen außermenschlichen Realität weit
geringer ist als die des menschlichen Triebapparates. speziell als die der
Sexualtriebe.
Die konsequente Anwendung der Methode der analytischen Personalpsychologie
auf soziale Phänomene ergibt folgende sozialpsychologische
Methode: Die sozialpsychologischen Erscheinungen
sind a.ufzufassen als Prozesse der aktiyen und
‚) Vgl. die später angeführte Äußerung von :\Iarx im .. K“pital– über die
ßedürfnissteigerung als eine Quelle der wirtschaftlichen Entwicklung!
40 Erich Fromm
passiven Anpassung des Triebapparates an. die sozialökonomische
Situation. Der Triebapparat selbst ist – in
gewissen Grundlagen – biologisch gegeben, aber weitgehend
modifizierbar; den ökonomischen Bedingungen
kommt die Rolle als primär formenden Faktoren zu. Die
Familie ist das wesentlichste Medium, durch das dieökonomische
Situation ihren formenden Einfluß auf die Psyche
des einzelnen ausübt. Die Sozialpsychologie hat die gemeinsamen
– sozial relevanten – seelischen Haltungen
und Ideologien – und insbesondere deren unbewußte
Wurzeln – aus der Einwirkung der ökonomischen Bedingungen
auf die libidinösen Stre bungen zu erklären.
Scheint soweit die Methode der Sozialpsychologie in einem guten
Einklang sowohl mit der Methode der Freudschen Personalpsychologie
wie auch mit den Anforderungen der materialistischen Geschichtsauffassung
zu stehen, so ergeben sich neue Schwierigkeiten, wenn diese
analytische Methode mit einer falschen, sehr verbreiteten Interpretation
der marxistischen Theorie konfroJ;ltiert wird: der Auffassung
des historischen Materialismus als psychologischer Theorie und
speziell als ökonomistischer Psychologie.
Wenn es wirklich so ist, wie Bertrand Russell meintl), daß Marx
im „Geldrnachen“, Freud in der Liebe das entscheidende Motiv
menschlichen HandeIns sähe, dann wären beide Wissenschaften
aller.dings so unvereinbar, wie Russell es glaubt. Aber wenn die von
Russell zitierte Eintagsfliege wirklich theoretisch denken· könnte,
würde sie statt der ihr in den Mund gelegten Antwort erklären, daß
1) In einem 1927 im jüdischen „Forward“ veröffentlichten Aufsatz:
„Warum ist die Psychoanalyse populär 1“ (zitiert bei Kautsky, Der historische
Materialismus, Bd. I S. 340/1) schreibt Russell: „Selbstverständlich
ist sie (die Psychoanalyse) ganz unvereinbar mit dem Marxismus. Denn Marx
legt den Nachdruck auf das ökonomische Motiv, das höchstens im Zusammenhang
mit der Selbsterhaltung steht, die Psychoanalyse betont dagegen das
biologische Motiv, das mit der Selbsterhaltung durch Fortpflanzung zusammenhängt.
Unzweifelhaft sind beide Gesichtspunkte einseitig, beide
Motive spielen eine Rolle.“ Russell spricht dann von der Eintagsfliege, die
im Larvenstadium nur Organe zum Fressen, nicht aber zum Lieben hat,
während sie als vollentwickeltes Insekt (Imago) im Gegenteil nur über Organe
zur Fortpflanzung, nicht aber zur Ernährung verfügt. Diese braucht sie nicht,
da sie in diesem Stadium nur einige Stunden am Leben bleibt. Was würde
geschehen, könnte die Eintagsfliege theoretisch denken? „Als Larve würde
sie ein Marxist sein, als Imago ein Freudianer.“ Russell fügt hinzu, Marx,
„der Bücherwurm des britischen Museums“ sei der richtige Repräsentant
der Larvenphilosophie. Russell selbst fühlte sich von Freud mehr angezogen,
denn „er sei für die Freuden der Liebe nicht unempfänglich, ve~~tehe sich
dagegen nicht aufs Geldmachen, also nicht auf die orthodoxe Okonomie,
die von ausgetrockneten älteren Herren geschaffen wurde'“
Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 41
Russell sowohl die Psychoanalyse als auch den Marxismus ganz und
gar falsch versteht, daß die Psychoanalyse gerade die Anpassung
biologischer Faktoren, der Triebe, an soziale untersucht und der
Marxismus wiederum überhaupt keine psychologische Theorie ist.
Russell ist nicht der einzige, der beide Theorien so mißversteht,
er befindet sich dabei in Gesellschaft einer Reihe von Theoretikern
und verbreiteter Anschauungen.
Besonders deutlich und drastisch wird diese Auffassung der materialistischen
Geschichtsauffassung als einer ökonomistischen Psychologie
von Hendrik de Man vertreten. Er sagtl):
„Marx selber hat bekanntlich seine Motivlehre niemals formuliert. Er
hat sogar niemals umschrieben, was unter Klasse zu verstehen sei; der Tod
hat sein letztes Werk unterbrochen, als er dabei war, sich diesem Gegenstand
zuzuwenden. Über die Grundanschauungen, von denen er ausging, besteht
jedoch kein Zweifel; diese bestätigen sich auch ohne Definition als stillschweigende
Voraussetzung durch die stete Anwendung sowohl bei seiner wissenschaftlichen
wie bei seiner politischen Tätigkeit. Jeder ökonomische Lehrsatz
und jede politisch-strategische Meinung Marxens beruht auf der Voraussetzung,
daß die menschlichen Willensmotive, wodurch sich der gesellschaftliche
Fortschritt vollzieht, in erster Linie vom wirtschaftlichen Interesse
diktiert seien. Denselben Gedanken würde die Sprache der heutigen Sozialpsychologie
als Bestimmung des gesellschaftlichen Verhaltens durch den
Erwerbstrieb, d. h. den Trieb zur Aneignung von sachlichen Werten ausdrücken.
Wenn Marx selber diese oder ähnliche Formeln für überflüssig gehalten
hat, so erklärt sich das einfach daraus, daß ihr Inhalt der gesamten Nationalökonomie
seiner Zeit als selbstverständlich galt.“
Was Hendrik de Man für eine „stillschweigende Voraussetzung des
Marxismus“ hält, stillschweigend, weil es allen zeitgenössischen (lies
bürgerlichen) Nationalökonomen eine selbstverständliche Vorstellung
war, ist ganz und gar nicht die Auffassung von Marx, der ja auch in
manchen andern Punkten die Auffassung der Theoretiker „seiner
Zeit“ nicht geteilt hat.
Auch Bernstein ist, wenn auch weniger ausdrücklich, nicht weit
von dieser psychologistischen Interpretation entfernt, wenn er eine
Art Ehrenrettung des historischen Materialismus durch folgende Bemerkung
vornehmen will 2) :
„Ökonomische Geschichtsauffassung braucht nicht zu heißen, daß bio ß
ökonomische Kräfte, bloß ökonomische Motive anerkannt werden, sondern
nur, daß die Ökonomie die immer wieder entscheidende Kraft, den
Angelpunkt der großen Bewegungen ·in der Geschichte bildet (Sperrungen
E. F.).“
1) Zur Psychologie des Sozialismus, 1927, S. 281.
‚) Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie,
Stuttgart 1899, S. 13.
42 Erich Fromm
Hinter diesen verschwommenen Formulierungen verbirgt sich die
Auffassung des Marxismus als ökonomistischer Psychologie, die von
Bernstein im idealistischen Sinn gereinigt und verbessert wird 1).
Der Gedanke, daß der „Erwerbstrieb“ das wesentliche oder einzige
Motiv des menschlichenHandelns sei, ist ein Gedanke des Liberalismus.
Er wurde von bürgerlicher Seite einerseits als psychologisches Argument
gegen die Verwirklichungsmöglichkeit des Sozialismus verwendet
2), andererseits aber wurde der Marxismus von seinen kleinbürgerlichen
Anhängern im Sinne dieser ökonomistischen Psychologie
interpretiert. In Wirklichkeit ist der historische Materialismus weit
davon entfernt, eine psychologische Theorie zu sein. Er hat nur einige,
ganz wenige psychologische Voraussetzungen.
Zunächst die, daß es die Menschen sind, die ihre Geschichte
machen, weiterhin die, daß es die Bedürfnisse sind, die das Handeln
und Fühlen der Menschen motivieren (Hunger und Liebe) und weiterhin,
daß diese Bedürfnisse im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung
steigen und dieses Steigen der Bedürfnisse eine Bedingung für die
steigende wirtschaftliche Tätigkeit darstellt 3).
Der ökonomische Faktor spielt im Zusammenhang mit der Psychologie
im historischen Materialismus nur insofern eine Rolle, als die
menschlichen Bedürfnisse – und zunächst die nach Selbsterhaltung
– zum großen Teil ihre Befriedigung durch Produktion von Gütern
finden, also in den Bedürfnissen der Hebel und Anreiz zur Produktion
zu suchen ist. Marx und Engels haben wohl betont, daß unter den
Bedürfnissen die nach Selbsterhaltung allen anderen voranstehen, sie
haben sich im einzelnen aber über die Qualität der verschiedenen
Triebe und Bedürfnisse nicht geäußert. Ganz gewiß aber haben sie
nie den „Erwerbstrieb“, also das Bedürfnis, das auf den Erwerb an
1) Kautsky lehnt gleich zu Beginn seines Buches „Der historische Muterialismus“
die psychologistische Interpretation sehr entschieden ab, ergänzt
aber den historischen Materialismus durch eine rein idealistische Psychologie,
durch die Annahme eines ursprünglichen „sozialen Triebes“. Vgl.
unten S. 48.
2) Wie ja überhaupt ein großer Teil der gegen den historischen Materialismus
gerichteten Angriffe in Wirklichkeit nicht diesen, sondern seine von
„Freunden“ oder Gegnern hineingeschmuggelten spezifisch bürgerlichen Beimengungen
trifft.
3) „Wie der Wilde mit der Natur ringen muß, um seine Bediirfnissa zu
befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muß es der
Zivilisierte, und er muß es in allen Gesellschaftsformen und unter allen
möglichen Produktionsweisen. Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies
Reich der Naturnotwendigkeit, weil (gesperrt E. F.) die Bedürfnisse; aber
zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die -diese befriedigen.“ (Marx,
Kapital, Hamburg 1922, III, 2, S. 355.)
Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 43
sich, den Erwerb als Selbstzweck geht, für das einzige oder auch
nur wesentlichste Bedürfnis gehalten. Es ist nur eine naive Verab~
solutierung eines psychischen Zuges, der in der kapitalistischen Gesellschaft
eine unerhörte Stärke erlangt hat, wenn man ihn in dieser
Stärke und Ausprägung für einen allgemein-menschlichen deklariert.
Marx und Engels ist am allerwenigsten eine solche Verklärung bürgerlich-
kapitalistischer Züge zu allgemein-menschlichen zuzumuten. Sie
wußten sehr wohl, welche Stelle der Psychologie innerhalb der Soziologie
zukommt, sie waren aber keine Psychologen und wollten auch
keine sein, indem sie über diese allgemeinen Hinweise hinaus nähere
Aussagen über Inhalt und Mechanismen der menschlichen Triebwelt
machten. Es stand ihnen auch abgesehen von gewissen und sicherlich
nicht zu unterschätzenden Ansätzen in der Literatur der französischen
Aufklärung (vor allem Helvetius) keine wissenschaftliche materialistische
Psychologie zur Verfügung. Erst die Psychoanalyse hat diese
Psychologie geliefert und gezeigt, daß der „Erwerbstrieb“ zwar eine
wichtige, aber neben andern (genitalen, sadistischen, narzistischen
u. a. m.) Bedürfnissen keineswegs eine überragende Rolle im Seelenhaushalt
des Menschen spielt. Insbesondere kann sie aufzeigen, daß
zu einem großen Teil der „Erwerbstrieb“ gar nicht als tiefste Ursache
das Bedürfnis zu erwerben oder zu besitzen hat, sondern daß er selbst
nur ein Ausdruck narzistischer Bedürfnisse ist, des Wunsches, bei sich
selbst und bei andern Anerkennung zu finden. Es ist klar, daß in
einer Gesellschaft, die dem Besitzenden, Reichen das Höchstmaß an
Anerkennung und Bewunderung zollt, die narzistischen Bedürfnisse
der Mitglieder dieser Gesellschaft zu einer außerordentlichen Intensivierung
des Besitzwunsches führen müssen, während in einer Gesellschaft,
in der Besitz nicht die Basis des gesellschaftlichen Ansehens
ist, sondern etwa für die Gesamtheit wichtige Leistungen, die gleichen
narzistischen Impulse sich nicht als „Erwerbstrieb“ äußern, sondern
als „Trieb“ zur sozial wichtigen Leistung. Da die narzistischen Bedürfnisse
zu den elementarsten und mächtigsten seelischen Strebungen
gehören, ist es besonders wichtig zu erkennen, daß die Ziele
und damit die konkreten Inhalte der narzistischen Strebungen von
der bestimmten Struktur einer Gesellschaft abhängen und daß deshalb
der „Erwerbstrieb“ zu einem großen Teil nur der besonderen
Hochschätzung des Besitzes in der bürgerlichen Gesellschaft seine
imponierende Rolle verdankt.
Wenn also in der materialistischen Geschichtsauffassung von
ökonomischen Ursachen gesprochen wird, so ist – abgesehen von der
44 Erich Fromm
eben angeführten Bedeutung – nicht Ökonomie als subjektives
psychologisches Motiv, sondern als objektive Bedingung der
menschlichen Lebenstätigkeit gemeint. Alles menschliche Agieren, die
Befriedigung aller Bedürfnisse hängt ab von der Eigenart der vorgefundenen
natürlichen ökonomischen Bedingungen, und diese Bedingungen
sind es, die das Wie des Lebens der Menschen vorschreiben.
Das Bewußtsein der Menschen ist für Marx nur zu verstehen aus
ihrem gesellschaftlichen Sein, aus ihrem irdischen, realen, eben durch
den Stand der Produktivkräfte bedingten Leben.
„Die Produktion der Ideen, Vorstellungen, des Bewußtseins ist zunächst
unmittelbar verflochten in die materielle Tätigkeit und den materiellen Verkehr
der Menschen, Sprache des wirklichen Lebens. Das Vorstellen, Denken,
der geistige Verkehr rler Menschen erscheinen hier noch als direkter Ausfluß
ihre~ materiellen Verhaltens. Von der geistigen Produktion, wie sie in der
Spra.che der Politik, der Gesetze, der Moral, der Religion, Metaphysik usw.
eines Volkes sich darstellt, gilt dasselbe. Die Menschen sind die Produzenten
ihrer Vorstellungen, Ideen usw., aber die wirklichen, wirkenden
:\Ienschen, wie sie bedingt sind durch eine bestimmte Entwicklung ihrer
Produktivkräfte und des denselben entsprechenden Verkehrs bis zu seinen
weitesten Formationen hinauf. Das Bewußtsein kann nie etwas anderes
bein als das bewußte Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklieher
Lebensprozeß. ‚Wenn in der ganzen Ideologie die Menschen und ihre Verhältnisse
wie in einer camera obscura auf den Kopf gestellt erscheinen, so
geht dieses Phänomen ebensosehr aus ihrem historischen Lebensprozeß
hervor, wie die Umdrehung der Gegenstände auf der Netzhaut aus ihrem
unmittelbar physischen.“‚)
Der historische Materialismus faßt den geschichtlichen Prozeß als
Prozeß der aktiven und passiven Anpassung des Menschen an die ihn umgebenden
natürlichen Bedingungen auf. „Die Arbeit ist zunächst ein
Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch
seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt,
regelt und kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht
gegenüber.“ 2) Der Mensch und die Natur sind die beiden aufeinander
einwirkenden, sich wechselseitig verändernden und bedingenden
Pole. Immer bleibt der historische Prozeß an die Gegebenheiten der
natürlichen Bedingungen außerhalb des Menschen wie seiner eigenen Beschaffenheit
gebunden. ObwohlMarx gerade davon ausging, in welchem
ungeheuren Ausmaß der Mensch die Natur und sich selbst im gesellschaftlichen
Prozeß verändert, hat er immer wieder betont, daß alle
Veränderungen an die natürlichen Bedingungen gebunden sind. Dies
unterscheidet gerade seinen Standpunkt von gewissen idealistischen,
‚) Marx und Engels, Teil I der „Deutsehen Ideologie“. Marx·Engels
Archiv, Bd. I, S. 239.
‚) Marx, Kapital S. 140.
Über Methode und Aufgabe einer 3nalytischen Sozialpsychologie 4[)
dem menschlichen Willen unbeschränkte Macht zutrauenden Positionenl
).
Marx und Engels sagen in der „Deutschen Ideologie“ 2) :
„Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, sind keine willkürlichen.
keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen, von .denen man nur in
der Einbildung abstrahieren kann. Es sind die wirklichen Individuen, ihre
Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen, sowohl die vorgefundenen
wie die durch ihre eigene Aktion erzeugten. Diese Voraussetzungen sind
also auf rein empirischem Wege konstatierbar.
Die erste Voraussetzung aller l\Ienschengeschichte ist natürlich die
Existenz lebendiger menschlicher Individuen.· Der erste zu konstat.ierende
Tat.bestand ist also die körperliche Organisation dieser Individuen und ihr
dadurch gegebenes Verhältnis zur übrigen Natur. Wir können hier natür·
lieh weder auf die physische Beschaffenheit der Menschen selbst noch auf
die von den Menschen vorgefundenen Naturbedingungen, die geologischen, orohydrographischen,
klimatischen und anderen Verhältnisse eingehen. Alle
Geschichtsschreibung muß von diesen natürlichen Grundlagen und ihrer
Modifikation im Laufe der Geschichte durch die Aktion der l\‘!enschen ausgehen.“
Wie stellt sich nun, nach Beseitigung der gröbsten Mißverständnisse,
das Verhältnis zwischen Psychoanalyse und historischem
Materialismus dar ~
Die Psychoanalyse kann die Gesamtauffassung des historischen
Materialismus an einer ganz bestimmten Stelle bereichern, nämlich
in der umfassenderen Kenntnis eines der im gesellschaftlichen
Prozeß wirksamen Faktoren, der Beschaffenheit
des Menschen selbst, seiner „Natur“. Sie reiht den Triebapparat
des Menschen in die Reihe der natürlichen Bedingungen ein,
die selber modifizieren, aber in deren Natur auch die Grenzen der
Modifizierbarkeit liegen; Der Triebapparat des Menschen ist eine
der „natürlichen“ Bedingungen, die zum Unterbau des gesellschaftlichen
Prozesses gehören. Aber nicht der Triebapparat „im allgemeinen“,
in seiner biologischen „Urform“. Als solcher erscheint
er in Wirklichkeit niemals, sondern immer schon in einer bestimmten,
eben durch den gesellschaftlichen Prozeß veränderten Form. Die
menschliche Psyche bzw. deren Wurzeln, die libidinösen Kräfte, gehören
.mit zum Unterbau, sie sind aber nicht etwa „der“ Unterbau,
wie eine psychologistische Interpretation meint, und „die“ menschliche
Psyche ist auch immer nur die durch den gesellschaftlichen Prozeß
1) VgI. zu dieser Frage die das Naturmoment besonders klar hervorhebende
Arbeit von llucharin, Die Theorie des historischen Materialismus,
1922, und die dieses Problem speziell behandelnde und klärende Arbeit
von K. A. Wittfogel, Geopolitik. geographischer Materialismus und ~1arxi,mus.
(Unter dem Banner des Marxismus IH, 1, 4, 5.)
2) a. a. O. S_ 237f.
46 Erich Fromm
modifizierte Psyche. Der historische Materialismus verlangt eine
Psychologie, d. h. eine Wissenschaft von den seelischen Eigenschaften
des Menschen. Erst die Psychoanalyse hat eine Psychologie geliefert,
die für den historischen Materialismus brauchbar ist.
Diese Ergänzung ist besonders aus folgendem Grunde wichtig.
Marx und Engels konstatierten die Abhängigkeit allen ideologischen
Geschehens vom ökonomischen Unterbau, sahen im Geistigen „das in
den Menschenkopf umgesetzte Materielle“. Gewiß konnte in vielen
Fällen der historische Materialismus auch ohne alle psychologischen
Voraussetzungen richtige Antworten geben. Aber doch nur entweder
da, wo die Ideologie einen mehr oder weniger zweckrationalen Charakter
mit Bezug auf gewisse Klassenziele trägt oder da, wo es sich.
darum handelt, richtige Zuordnungen zwischen ökonomischem Unterbau
und ideologischem Überbau vorzunehmen, ohne doch zu erklären,
wie der Weg von der Ökonomie zum menschlichen Kopf oder Herz
gehtl). Aber über das Wie der Umsetzung des Materiellen in den
Menschenkopf konnten und wollten – mangels einer brauchbaren
Psychologie – Marx und Engels keine Antwort geben. Die Psychoanalyse
kann zeigen, daß die Ideologien die Produkte von bestimmten
Wünschen, Triebregungen, Interessen, Bedürfnissen sind, die, selber
zum großen Teil nicht bewußt, als „R,ationalisierung“ in Form der
Ideologie auftreten; daß aber diese Triebregungen selbst zwar einerseits
auf der Basis biologisch bedingter Triebe erwachsen, aber weitgehend
ihrer Quantität und ihrem Inhalt nach von der sozial-ökonomischen
Situation des Individuums bzw. seiner Klasse geprägt sind_
Wenn, wie Marx sagt, die Menschen die Produzenten ihrer Ideologie
sind, so kann eben gerade die analytische Sozialpsychologie die Eigenart
dieses Produktionsprozesses der Ideologien, die Art des Zusammenwirkens
„natürlicher“ und gesellschaftlicher Faktoren in ihm beschreiben
und erklären. Die Psychoanalyse kann also zeigen,
wie sich auf dem Wege über das Triebleben die ökonomische
Situation in Ideologie umsetzt. Dabei ist ganz
besonders zu betonen, daß dieser „Stoffwechsel“ zwischen Triebwelt
und Umwelt dazu führt, daß sich der Mensch als solcher verändert,
1) Zur Frage nach dem \\Tesen des ideologischen Überbaus.ygl. auch
Engels‘ Brief an Mehring (v. 14. Juli 1893, zitiert nach Duncker, Uber histo ..
rischen Materialismus, Berlin 1930): „Nämlich wir alle haben zunächst das
Hauptgewicht auf die Abi e i tun g der politischen, rechtlichen und sonstigen
ideologischen Vorstellungen und durch diese Vorstellungen vermittelter
Handlungen aus den ökonomischen Grundtatsachen gelegt und 1 e gen m üs sen.
Dabei haben wir dann die formelle Seite über der inhaltlichen vernachlässigt:
die Art und ‚“Veise, wie diese Vorstellungen zustande kommen.“
Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 47
genau so wie die „Arbeit“ die außermenschliche Natur verändert.
Die Richtung dieser Veränderung des Menschen kann hier nur angedeutet
werden. Sie liegt vor allem in dem von Freud verschiedentlich
betonten Wachstum der Ich-Organisation und dem damit verbundenen
Wachstum der Sublimierungsfähigkeitl). Die Psychoanalyse
erlaubt uns also, die Ideologiebildung als eine Art „Arbeitsprozeß“,
als eine der Situationen des Stoffwechsels zwischen Mensch
und Natur anzusehen, wobei die Besonderheit darin liegt, daß die
„Natur“ in diesem Fall innerhalb und nicht außerhalb des Menschen
liegt.
Die Psychoanalyse kann gleichzeitig über die Wirkungsweise der
, Ideologien oder Ideen auf die Gesellschaft Aufschluß geben. Sie kann
aufzeigen, daß die Wirkung einer „Idee“ wesentlich auf ihrem unbewußten
und an bestimmte Triebtendenzen appellierenden Gehalt
beruht, d. h. daß es Art und Stärke des libidinösen Resonanzbodens
der Gesellschaft oder einer Klasse ist, die über die soziale Wirkung
der Ideologien mitbestimmt.
Wenn so klar zu sein scheint, daß die psychoanalytische Sozialpsychologie
in einem ganz bestimmten Punkt ihren Platz innerhalb
des historischen Materialismus hat, so ist noch auf einige Punkte hinzuweisen,
in denen sie ganz unmittelbar gewisse Schwierigkeiten zu
beseitigen imstande ist.
Zunächst einmal kann der historische Materialismus gewissen Einwänden
klarer entgegnen. ‚Wenn darauf hingewiesen wurde, welche
Rolle in der Geschichte ideelle Momente, wie Freiheitswille, Liebe zur
Gruppe, der man angehört, usw. spielen, so konnte man vom Standpunkt
des historischen Materialismus aus wohl diese Fragestellung als
eine psychologische ablehnen und sich darauf beschränken, die objektive
ökonomische Bedingtheit der historischen Ereignisse nachzuweisen.
Man war aber nicht imstande, eine klare Antwort darauf
zu geben, welcher Art und Herkunft denn nun wirklich diese – als
psychische Antriebe doch offenbar sehr wirksamen – menschlichen
Kräfte sind und wie man sie im gesellschaftlichen Prozeß einzuordnen
hat. Die Psychoanalyse kann aufzeigen, daß diese scheinbar ideellen
Motive in Wirklichkeit nichts anderes als der rationalisierte Ausdruck
von triebhaften, libidinösen Bedürfnissen sind und daß Inhalt und
Umfang der jeweils herrschenden Bedürfnisse wiederum nur aus dem
‚) Daß damit allerdings auch ein Wachstum des Über-Ichs und der Verdrängungen
verknüpft sein soll, erscheint uns ein innerer Widerspruch.
Wachstum des Ichs und der Sublimierungsmöglichkeiten heißt ja geradf‘
Bewältigung der Triebe auf anderem Weg als dem der Verdrängung.
48 Erich Fromm
Einfluß der sozialökonomischen Situation auf die gegebene Triebstruktur
der die Ideologie bzw. das dahinterstehende Bedürfnis
produzierenden Gruppe zu verstehen sind. Es ist also der Psychoanalyse
möglich, auch die sublimsten ideellen Beweggründe auf ihren
irdischen libidinösen Kern zu reduzieren, ohne dabei gezwungen zu
sein, die ökonOlilischen Bedürfnisse als die allein wichtigen anzusehen.
Der Mangel an einer dem historischen Materialismus adäquaten
Psychologie führte dazu, daß gewisse Vertreter des historischen
~Iaterialismus an dieser Stelle eine private, rein idealistische Psychologie
aufstellten. Ein typisches Beispiel – typischer noch als offen
idealistische Autoren wie Bernstein – ist Kautsky. Er nimmt an,
daß es einen dem Menschen eingeborenen „sozialen Trieb“ gibt. Das.
Verhältnis zwischen diesem sozialen Trieb und den sozialen Verhältnissen
beschreibt er folgendermaßen: „Je nach der Stärke und
Schwäche seiner sozialen Triebe wird der Mensch mehr zum Bösen
oder Guten neigen. Doch hängt dies nicht minder von seinen Lebensbedingungen
in der Gesellschaft ab“l). Es ist klar, daß dieser eingeborene
soziale Trieb nichts anderes ist als das dem Menschen eingeborene
moralische Prinzip und daß sich der kautskysche Standpunkt
nur in der Ausdrucksweise von einer idealistischen Ethik
unterscheidet 2).
Diejenigen marxistischen Autoren aber, die nicht die Wendung zu
einer idealistischen Psychologie und Ethik gemacht haben, schenken
der Psychologie überhaupt wenig Beachtung3). Nun ist es gewiß
I) a. a. 0., S. 262.
‚) Die gleiche Position vertritt Kautsky, wenn er der Annahme, der historische
:\Iaterialismus sei eine ökonomistische Psychologie, folgendermaßen
entgegnet: „Würde die materialistische Geschichtsauffassung wirklich behaupten,
daß die „‚lenschen nur von ökonomischen Motiven oder von materiellen
Interessen bewegt werden. dann würde es sich nicht lohnen, daß wir
Hlls ausführlich mit ihr beschäftigen. Dann wäre sie nur eine Vergröberung
jener sehr alten Anschauung, die im Egoismus oder im Streben nach Lust
da8 einzige Motiv menschlichen HandeIns erblickt. Dann hätten auch Marx
und Engels ihre Theorie durch ihre eigene Praxis schlagend widerlegt, denn
es hat nie zwei Menschen gegeben, die selbstloser waren und weniger durch
materielle :\Iotive bewegt wurden, als meine beiden Meister“ (a. a. 0., S. 6).
Hier enthüllt sich klar die idealistische Position Kautskys. Er bemerkt
keineswegs, daß ökonomische Motive und Streben nach Lust
zwei ganz verschiedene Dinge sind und daß auch die wertvollen
!Jersönlichen Qualitäten nicht jenseits des von Bedürfnissen der
verschiedensten Art erfüllten und auf ihre Befriedigung bedachten
seelischen Apparates stehen. .
3) Bucharin hat in seiner „Theorie des historischen Materialismus“ dem
Problem der Psychologie ein besonderes Kapitel gewidmet. Er erklärt
darin vollkommen richtig, .daß die Psychologie einer Klasse nicht identisch
Ist mit ihrem „Interesse“, worunter er ihre realen, ökonomischen InterE!
ssen versteht; daß aber immer die Psychologie der Klasse aus ihrer ökoÜber
Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 49
richtig, worauf oben schon hingewiesen wurde, daß der gesellschaftliche
Prozeß auch ohne Psychologie aus der Kenntnis der ökonomischen und
von ihnen abhängigen sozialen Kräfte verstanden werden kann. Da
ja aber nicht die gesellschaftlichen Gesetze es sind, welche handeln,
sondern lebendige Menschen, d. h. da die ökonomischen und sozialen
Notwendigkeiten sich durch das Medium nicht nur des menschlichen
rationalen Denkens, sondern vor allem des menschlichen Triebapparates,
seiner libidinösen Kräfte, durchsetzen, ergibt sich folgendes:
einmal ist die menschliche Triebwelt eine Naturkraft, die gleich andern
(also etwa Bodenfruchtbarkeit, Bewässerung usw.) unmittelbar zum
Unterbau des gesellschaftlichen Prozesses gehört und einen wichtigen
naturalen, sich unter dem Einfluß des gesellschaftlichen Prozesses
verändernden Faktor darstellt, dessen Kenntnis also zum vollständigen
Verständnis des gesellschaftlichen Prozesses notwendig ist; weiterhin,
daß die Produktion und Wirkungsweise der Ideologien nur
aus der Kenntnis des Funktionierens des Triebapparates richtig
verstanden werden kann; endlich, daß‘ beim Auftreffen der ökonomisch
bedingenden Faktoren auf dieses Medium, die Triebwelt,
gleichsam gewisse Brechungen entstehen, d. h. daß durch die
Eigenart der Triebstruktur sich faktisch der soziale Prozeß, yor
allem im Tempo, anders – rascher oder langsamer – yollzieht,
als dies bei theoretischer Vernachlässigung des psychischen
Faktors zu erwarten ist. Es ergibt sich also aus der Verwendung der
Psychoanalyse innerhalb des historischen :VIaterialismus eine Verfeinerung
der Methode, eine Erweiterung der Kenntnis der im gesellschaftlichen
Prozeß wirksamen Kräfte, eine noch größere Sicherheit
sowohl im Verständnis historischer Abläufe als in der Prognose künfnornisch-
sozialen Rolle verstanden werden muß. Er erwähnt als Bei;;piel
Situationen, v.:-o eine Verzweiflungsstimmung die )Iassen oder Gruppen nach
einer großen Niederlage im Klassenkampf erfaßt. „Dann ist ein Zusammenhang
mit dem Klasseninteresse nachweisbar, aber dieser Zusammenhang
ist eigentümlicher Art: der Kampf wurde von verborgenen Triebfedern
der In teressen (gesperrt E. F.) geführt, aber nun ist die Armee der Kämpier
geschlagen; auf diesem Boden entsteht die Zersetzung, die Yerzweiilung. oe“
beginnt das Hoffen auf ein Wunder, das Predigen der )Ienschenflucht, ,lie
Blicke richten sich gen Himmel.“ Bucharin fährt dann fort; „Wir sehen abo,
daß bei der Betrachtung der Klassenpsychologie wir es mit einer wiederum
sehr komplizierten Erscheinung zu tun haben, die sich keineswegs auf das
nackte Interesse allein zurückführen läßt, die aber stets durch jenes konkrete
Milieu zu erklären ist, in das die betreffende Klasse geraten ist. .. Er spricht
dann weiterhin auch von den ideologischen Prozessen als von einer besonderen
Art der gesellschaftlichen Arbeit. Aber da ihm eine entsprechende Psychologie
nicht zur Verfügung steht, kommt er nicht weiter als eben bis zu dieser
Feststellung, kann es ihm nicht gelingen, die Art. dieses Arbeitsprozesses
zu verstehen.
50 Erich Fromm
tigen gesellschaftlichen Geschehens und speziell das vollkommene Verständnis
der Produktion der Ideologien.
Der Grad der Fruchtbarkeit einer psychoanalytischen Sozialpsychologie
hängt natürlich ab von dem Grad der Bedeutung, den die
libidinösen Kräfte im gesellschaftlichen Prozeß haben. Eine auch nur
einigermaßen vollständige Untersuchung müßte weit über den Rahmen
dieses Aufsatzes hinausführen. Wir begnügen uns deshalb an dieser
Stelle mit einigen andeutenden grundsätzlichen Bemerkungen.
Wenn man fragt, durch welche Kräfte eine bestimmte Gesellschaft
in ihrer Stabilität gehalten, durch welche andererseits diese Stabilität
erschüttert wird, so sieht man, daß es zwar die ökonomischen Bedingungen,
die gesellschaftlichen Widersprüche sind, die über Stabilität
oder Zerfall einer Gesellschaft entscheiden, daß aber der Faktor,
der auf der Basis dieser Bedingungen ein überaus wichtiges Element
in der gesellschaftlichen Struktur darstellt, die in den Menschen wirksamen
libidinösen Tendenzen sind. Gehen wir zunächst von einer
relativ stabilen gesellschaftlichen Konstellation aus. Was hält die
Menschen zusammen, was macht gewisse Solidaritätsgefühle, was
gewisse Einstellungen der Unter- und Überordnung möglich 1 Gewiß,
es ist der äußere Machtapparat (also Polizei, Justiz, Militär usw.), der
die Gesellschaft nicht aus den Fugen gehen läßt. Gewiß, es sind die
zweckrationalen, egoistischen Interessen, die zur Formierung und
Stabilität beitragen. Aber weder der äußere Machtapparat noch die
rationalen Interessen würden ausreichen, um das Funktionieren der
Gesellschaft zu garantieren, wenn nicht die libidinösen Strebungen
der Menschen hinzukämen. Es sind die libidinösen Kräfte der
Menschen, die gleichsam den Kitt. formieren, ohne den die Gesellschaft
nicht zusammenhielte, und die zur Produktion der großen gesellschaftlichen
Ideologien in allen kulturellen Sphären beitragen.
Verdeutlichen wir dies an einer besonders wichtigen gesellschaftlichen
Konstellation, am Verhältnis der Klassen zueinander. In der
uns bekannten Geschichte herrscht eine Minorität über die Majorität
der Gesellschaft. Diese Klassenherrschaft war nicht der Erfolg von
List und Betrug, wie es etwa die Aufklärung darstellt, sondern sie
war notwendig und bedingt von der ökonomischen Gesamtsituation
der Gesellschaft, vom Stand der Produktivkräfte. So erscheint etwa
N ecker „das Volk durch Eigentumsgesetze verdammt, immer nur das
Allernotwendigste für seine Arbeit zu bekommen“. Die Gesetze
werden als Schutzmaßregeln der Besitzenden gegen die Besitzlosen
angesehen. Sie seien, so schreibt Linguet, gewissermaßen „eine VerÜber
Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 51
schwörung gegen den zahlreichsten Teil des Menschengeschlechts,
gegen den dieser nirgends und auf keine Art Hilfe finden könne“l).
Die Aufklärung hat das Abhängigkeitsverhältnis beschrieben und
kritisiert, wenn sie auch seine ökonomische Bedingtheit nicht erkannte.
In der Tat entspricht die Feststellung der Herrschaft einer
Minorität dem geschichtlichen Verlauf. Welches sind aber die Faktoren,
die diesem Abhängigkeitsverhältnis Bestand verleihen?
Es sind wohl in erster Reihe die Mittel physischen Zwangs, und es
sind bestimmte Gruppen, die mit der Handhabung dieser Mittel beauftragt
sind, aber daneben gibt es noch einen anderen wichtigen
Faktor: die libidinösen Bindungen, Angst, Liebe, Vertrauen, die die
Seelen der Majorität in ihrem Verhältnis zur herrschenden Klasse
erfüllen. Diese seelische Einstellung ist aber keine willkürliche, zufällige,
sie ist der Ausdruck der libidinösen Anpassung der Menschen
an die ökonomisch notwendigen Lebensbedingungen. Da und solange
diese die Herrschaft einer Minorität üher eine Majorität notwendig
machen, paßt sich auch die Libido dieser ökonomischen
Struktur an und wird damit selbst zu einem das Klassenverhältnis
stabilisierenden Moment.
Über der Anerkennung der ökonomischen Bedingthei t der libidinösen
Struktur darf aber die Sozialpsychologie nicht vergessen, die
psychologische Basis dieser Struktur zu untersuchen; d. h. es ist
nicht nur zu erforschen, warum diese libidinöse Struktur notwendig
ist, sondern auch wie sie psychologisch möglich ist, durch welche
Mechanismen sie funktioniert. Bei der Untersuchung dieser Wurzeln
der libidinösen Bindung der Majorität an die herrschende Minorität
wird etwa die Sozialpsychologie feststellen, daß diese Bindung
eine Wiederholung bzw. eine Fortsetzung der seelischen Haltung
ist, die diese erwachsenen Menschen als Kinder zu ihren Eltern,
speziell zu ihrem Vater gehabt haben (innerhalb der bürgerlichen
Familie) 2). Es handelt sich um eine Mischung von Bewunderung,
Angst, Glauben an die Kraft, Klugheit und guten Absichten des
Vaters, d. h. affektiv bedingte Überschätzung seiner intellektuellen
und moralischen Qualitäten, wie wir sie beim Kind im Verhältnis zum
Vater wie beim Erwachsenen innerhalb der patriarchalischen Klassengesellschaft
im Verhältnis zum Angehörigen der herrschenden Klasse
finden. Hiermit eng verknüpft sind gewisse moralische Prinzipien,
‚) Zitiert nach Grünberg in den „Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik“
in Stuttgart 1924. S. 31.
2) Es darf aber nicht vergessen werden, daß dieses bestimmte Vater·Kind·
Verhältnis seinerseits selbst gesellschaftlich bedingt ist.
52 Erich Fromm
die es den Armen vorziehen lassen zu leiden, als „Unrecht“ zu tun,
die ihn glauben lassen, der Sinn seines Lebens sei Gehorsam und
Pflichterfüllung im Dienste der Mächtigen usf. Auch diese für die
soziale Stabilität so überaus wichtigen ethischen Vorstellungen sind
das Produkt bestimmter affektiver, emotionaler Beziehungen zu
denjenigen, die diese Vorstellungen inaugurieren und vertreten.
Selbstverständlich wird es nicht dem Zufall überlassen, ob solche
Vorstellungen entstehen oder nicht. Vielmehr dient ein ganz wesentlicher
Teil des Kulturapparates dazu, die sozial geforderte Haltung systematisch
und planmäßig zu schaffen. Die Darstellung der Rolle, die
das gesamte Erziehungswesen oder auch z. B die Straf justiz hierbei
spielen, ist eine wichtige Aufgabe der Sozialpsychologie l ).
Wir haben die libidinösen Beziehungen zwischen der herrschenden
Minorität und der beherrschten Majorität herausgegriffen, weil dieses
Verhältnis der soziale wie psychische Kern jeder Klassengesellschaft
ist. Aber auch alle andern Beziehungen innerhalb der Gesellschaft
tragen ihr besonderes libidinöses Gepräge. Etwa die Beziehungen
der Angehörigen der gleichen Klasse weisen eine andere psychische
Färbung innerhalb des Kleinbürgertums als innerhalb des
Proletariats auf, die libidinöse Beziehung zum politischen Führer ist
psychologisch anders strukturiert beim seine Klasse zwar führenden,
aber sich mit ihr identifizierenden und ihren Wünschen dienenden,
proletarischen und anders bei dem der Masse als starker Mann,
als mächtiger, vergrößerter pater familias gegenüberstehenden, kommandierenden
Führer 2).
‚) Vgl. Fromm, Zur Psychologie des Verbrechers und der strafenden Gesellschaft.
Imago, XVII, 12. – Der Kulturapparat dient auch nicht nur
dazu, die libidinösen Kräfte (speziell die praegenitalen und die Partialtriebe)
der Menschen in bestimmte, gesellschaftlich erwünschte Richtungen
zu lenken, sondern auch, die libidinösen Kräfte so weit zu schwächen, daß
sie nicht zu einer Gefahr für die gesellschaftliche Stabilität werden. In
dieser Abdämpfung der libidinösen Kräfte, bzw. ihrer Zurücklenkung auf das
praegenitale Gebiet, ist auch ein Grund der Sexualmoral gewisser Gesellschaften
zu finden.
‚) Freud hat in seiner „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ gerade auf
die libidinösen Momente des Verhältnisses zum Führer hingewiesen. Er hat
aber „den Führer“ abstrakt genommen, wie er „die Masse“ abstrakt nimmt,
d. h. ohne· Rücksicht auf ihre konkrete Situation. Dadurch bekommt auch
die Darstellung der psychischen Vorgänge eine Allgemeinheit, die der Wirklichkeit
nicht entspricht, bzw. es wird ein bestimmter Typ der Beziehung
zum Führer zum allgemeinen gestempelt. Auch wird überhaupt das entscheidende
Problem ,der Sozialpsychologie, das Verhältnis der Klassen, durch
ein sekundäres, das Verhältnis Masse-Führer ersetzt. Es bleibt aber bemerkenswert,
daß Freud in dieser Arbeit die die Masse herabsetzenden
Tendenzen der bürgerlichen Sozialpsychologen feststellt und seinerseits
nicht teilt.
Über Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie 53
Entsprechend der Mannigfaltigkeit der möglichen libidinösen Beziehungen
herrschen auch tatsächlich die allerverschiedensten Arten
gefühlsmäßiger Bindungen innerhalb der Gesellschaft. Ihre Beschreibung
und Erklärung ist an dieser Stelle auch nur andeutungsweise
ganz unmöglich. Es ist dies eine Hauptaufgabe einer analytischen
Sozialpsychologie. Nur soviel muß gesagt werden, daß jede
Gesellschaft, so, wie sie eine bestimmte ökonomische und eine soziale,
politische und geistige Struktur hat, auch eine ihr ganz spezifische
libidinöse Struktur hat. Die libidinöse Struktur ist das Produkt
der Einwirkung der sozial-ökonomischen Bedingungen auf die Triebtendenzen,
und sie ist ihrerseits ein wichtiges bestimmendes Moment
für die Gefühlsbildung innerhalb der verschiedenen Schichten der
Gesellschaft wie auch für die Beschaffenheit des „ideologischen
Überbaus“. Die libidinöse Struktur einer Gesellschaft ist das
Medium, in dem sich die Einwirkung der Ökonomie auf die eigentlich
menschlichen, seelisch-geistigen Erscheinungen vollzieht.
Selbstverständlich bleibt die libidinöse Struktur einer Gesellschaft
so wenig konstant wie ihre ökonomische und soziale. Sie hat aber eine
relative Konstanz, solange die Gesellschaftsstruktur in einem gewissen
Gleichgewicht ist, d. h. also in den relativ konsolidierten
Phasen der gesellschaftlichen Entwicklung. Mit dem Wachsen der
objektiven Widersprüche innerhalb der Gesellschaft, mit der beginnenden
stärkeren Zersetzung einer bestimmten Gesellschaftsform
treten auch gewisse Veränderungen in der libidinösen Struktur der
Gesellschaft ein; traditionelle, die Stabilität der Gesellschaft erhaltende
Bindungen verschwinden, traditionelle Gefühlshaltungen ändern sich.
Libidinöse Kräfte werden zu neuen Verwendungen frei und verändern
damit ihre soziale Funktion. Sie tragen nun nicht mehr dazu bei, die
Gesellschaft zu erhalten, sondern sie führen zum Aufbau neuer Gesellschaftsformationen,
sie hören gleichsam auf, Kitt zu sein und
werden Sprengstoff.
Kehren wir noch einmal zu der am Eingang diskutierten Fragestellung
zurück, dem Verhältnis der Triebe zu den Lebensschicksalen,
also den äußeren Lebensbedingungen des Menschen! Wir hatten gesehen,
daß die analytische Personalpsychologie die Triebentwicklung
als Produkt der aktiven und passiven Anpassung der Triebstruktur
an die Lebensbedingungen ansieht. Das Verhältnis zwischen der
libidinösen Struktur der Gesellschaft und ihren ökonomischen Bedingungen
ist prinzipiell genau das gleiche. Es handelt sich um
einen Prozeß der aktiven und passiven Anpassung der libidinösen
54 Erich Fromm, Über Methode u. Aufgabe einer analyt. Sozialpsychologie
Struktur der Gesellschaft an die ökonomischen Bedingungen. Die
Menschen, eben getrieben von ihren libidinösen Impulsen, verändern
ihrerseits die ökonomischen Bedingungen, die veränderten ökonomischen
Bedingungen bewirken, daß neue libidinöse Strebungen und
Befriedigungen entstehen usf. Entscheidend ist, daß alle diese Veränderungen
in letzter Instanz auf die ökonomischen Bedingungen
zurückgehen, daß sich die Triebregungen und Bedürfnisse im Sinne
der ökonomischen Bedingungen, d. h. des jeweils Möglichen bzw.
Notwendigen verändern und anpassen.
Innerhalb der Auffassung des historischen Materialismus findet
die analytische Psychologie eindeutig ihren Platz. Sie untersucht
einen der im Verhältnis Gesellschaft-Natur wirksamen natürlichen
Faktoren, die menschliche Triebwelt, die aktive und passive Rolle,
die sie innerhalb des gesellschaftlichen Prozesses spielt. Sie untersucht
damit zugleich einen entscheidenden zwischen der ökonomischen
Basis und der Ideologiebildung vermittelnden Faktor. Die analytische
Sozialpsychologie ermöglicht dadurch das volle Verständnis
des ideologischen Überbaus aus dem zwischen Gesellschaft und Natur
sich abspielenden Prozeß.
Kurz zusammengefaßt ist das Ergebnis dieser Untersuchung über
Methode und Aufgabe einer psychoanalytischen Sozialpsychologie:
Die Methode ist die der klassischen Freudschen Psychoanalyse,
d. h. auf soziale Phänomene übertragen: Verständnis der gemeinsamen,
sozial relevanten seelischen Haltungen aus dem Prozeß der aktiven
und passiven Anpassung desTriebapparates an die sozial-ökonomischen
Lebensbedingungen der Gesellschaft.
Die Auf gab e einer psychoanalytischen Sozialpsychologie liegt
zunächst in der Herausarbeitung der sozial wichtigen libidinösen
Strebungen, mit anderen Worten in der Darstellung der libidinösen
Struktur der Gesellschaft. Ferner hat die Sozialpsychologie die
Entstehung dieser libidinösen Struktur und ihre Funktion im gesellschaftlichen
Prozeß zu erklären. Die Theorie, wie die Ideologien
aus dem Zusammenwirken von seelischem Triebapparat und sozialökonomischen
Bedingungen entstehen, wird dabei ein besonders
wichtiges Stück sein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s