Erich Fromm: Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung für die Sozialpsychologie

Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung für die Sozialpsychologie

Von  Erich Fromm (Berlin).
Der Ausgangspunkt der Psychoanalyse war ein therapeutischer:
seelische Störungen wurden erklärt aus der Stauung und der dadurch
hervorgerufenen pathologischen Verwendung der Sexualenergie im
Symptom, bzw. aus der Abwehr von im Bewußtsein nicht zugelassenen,
mit libidinösen Impulsen verknüpften Vorstellungen.
Die Reihe: Libido-Abwehr durch verdrängende Instanz-Symptom
war der rote Faden der frühen analytischen Untersuchungen. Damit
verbunden war die Tatsache, daß Gegenstand der analytischen
Untersuchung fast ausschließlich Kranke und in der Mehrzahl
solche mit körperlichen Symptomen waren. Im Verlauf der Entwicklung
der Psychoanalyse trat neben diese Fragestellung die
nach der Genese und Bedeutung bestimmter psychischer Eigenarten,
die sich bei Kranken sowohl wie bei Gesunden finden. Hier
handelt es sich zwar, genau wie bei der ursprünglichen Fragestellung,
um die Aufdeckung der triebhaften, libidinösen Wurzeln der psychischen
Einstellung, aber die Reihe wird nicht in der Richtung:
Verdrängung-Symptom, sondern in der: Sublimierung bzw. Reaktionsbildung-
Charakterzug fortgesetzt. Diese Fragestellung mußte
sich gleich fruchtbar für das Verständnis des kranken wie des ge-
1) Nachdem im Heft 1/2 dieser Zeitschrift versucht wurde, Allgemeines
zur Methode und Aufgabe einer analytischen Sozialpsychologie darzulegen,
soll dieser Aufsatz eine Konkretisierung des dort Ausgeführten versuchen
und zwar an einem besonders wichtigen Punkt: der analytischen
Charakterologie. Seine wesentliche Aufgabe ist, für den nicht analytisch
geschulten Leser diesen Teil der analytischen Theorie wenigstens in großen
Umrissen darzustellen; sie macht es notwendig, sich im wesentlichen auf
die Darstellung der wichtigsten Ergebnisse der psychoanalytischen Charakterforschung
zu beschränken und auf- die Erörterung wichtiger Einzelfragen,
die sich als Fortführung oder als Kritik zu manchen hier vorgetragenen
Forschungsergebnissen aufdrängen, zu verzichten. Als Illustration folgt
am Schluß ein Hinweis auf die Möglichkeiten, die eine Anwendung dieser
psychoanalytischen Kategorien auf das Problem des .. Geistes“ des Kapitalismus
ergeben.
254 Erich Fromm
sunden Charakters erweisen und damit in besonderem Maß für die
Probleme der Sozialpsychologie wichtig werden.
Die allgemeine Grundlage der psychoanalytischen Charakterologie
ist, bestimmte Charakterzüge aufzufassen als Sublimierung bzw.
Reaktionsbildung bestimmter sexueller (im erweiterten, von Freud
so gebrauchten Sinn) Triebregungen, bzw. q,ls Fortsetzung bestimmter
in der Kindheit diesen Triebregungen koordinierter Objektbeziehungen.
Diese genetische Ableitung der psychischen Erscheinung
aus libidinösen Quellen und frühkindlichen Erlebnissen ist das
spezifisch analytische Prinzip, das die analytische Charakterologie
mit der Neurosenlehre teilt; während aber das neurotische Symptom
(wie auch der neurotische Charakter) das Ergebnis einer nicht geglückten
Anpassung der Triebe an die gesellschaftliche Realität darstellt,
handelt es sich bei dem nicht neurotischen Charakterzug um
eine Verarbeitung libidinöser Regungen auf dem Wege der Reaktionsbildung
oder Sublimierung in einer relativ stabilen und gesellschaftlich
angepaßten Weise. Der Unterschied zwischen dem normalen und
dem neurotischen Charakter ist allerdings ein ganz fließender und
in erster Linie vom Grad der gesellschaftlichen Unangepaßtheiv
her zu bestimmen.
Es kann an dieser Stelle das komplizierte Problem der Reaktionsbildung
und Sublimierung nur angedeutet werden. Unter Reaktionsbildung
ist zu verstehen die Aufrichtung einer dem ursprünglichen
Triebziel entgegengesetzten, dieses abwehrenden und niederhaltenden
Haltung, die selbst mehr oder weniger den Charakter der Sublimierung
tragen kannl ). Zur Sublimierung sei nur gesagt, daß Freud darunter
die Ablenkung sexueller Impulse von ihren ursprünglichen sexuellen
Zielen und ihre Hinwendung auf bzw. ihre Ersetzung durch andere,
nicht sexuelle, kulturelle Ziele begreift. Dies ist nicht so zu verstehen,
daß aus Sexualität auf eine geheimnisvolle, „alchimistische“ Weise
Charakter oder Intellekt entsteht, sondern daß sexuelle Energien auf
andere Stellen des seelischen Apparats gelenkt und dort als Triebkraft
und in einer eigenartigen, noch kaum geklärten Verbindung mit
Fähigkeiten des Ich psychische und geistige Qualitäten aufbauen helfen.
Besonders wichtig ist es, nicht zu vergessen, daß Freud das Problem
der Sublimierung am allerwenigsten mit der Sexualität im üblichen
Sprachgebrauch, d. h. de~ genitalen Sexualität in Zusammenha.ng
1) Als Beispiel denke man. an eine „Übergüte“, die die Funktion hat,
den verdrängten Sadismus niederzuhalten. Wichtig ist die „Wiederkehrdes
Verdrängten“ in der Reaktionsbildung.
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 255
bringt, sondern vorwiegend mit den „prägenitalen“ Sexualstrebungen,
d. h. der oralen und analen Sexualität Und dem Sadismus 1). Der Unterschied
zwischen Reaktionsbildung und Sublimierung liegt im wesentlichen
darin, daß die Reaktiollsbildung immer die Funktion der Abwehr
und Niederhaltung eines verdrängten Triebimpulses hat, aus dem
sie auch illre Energie bezieht, während die Sublimierung eine direkte
Verarbeitung, eine „Kanalisierung“ der Triebregung darstellt.
Die Theorie der prägenitalen Sexualität, von Freud zum erstenmal
ausführlich in den „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ dargestellt,
geht von der Beobachtung aus, daß, noch bevor beim Kind
die Genitalien eine entscheidende Rolle spielen, die Mundzone und
die Afterzone als „erogene Zonen“ Träger von lustvollen, den genitalen
Sensationen analogen Sensationen sind, daß sie im Laufe der Entwicklung
teilweise illre sexuelle Energie an die Genitalien abgeben,
zum geringeren Teil diese Energien behalten, teils in ihrer ursprünglichen
Form, teils in der Form von Sublimierungen und Reaktionsbildungen
im Ich. Aufbauend auf diesen Beobachtungen der prägenitalen
Sexualität veröffentlichte Freud 1908 einen kurzen Aufsatz
über „Charakter und Analerotik“ (Ges. Schriften, Bd. V, S. 260ff.),
der die Grundlage der analytischen Charakterforschung bildet.
Freud ging von der Beobachtung aus, daß man häufig in der Analyse
einem Typus begegnet, der „durch das Zusammentreffen bestimmter
Charaktereigenschaften ausgezeichnet ist, während das Verhalten
einer gewissen Körperfunktion und der an ihr beteiligten Organe in
der Kindheit dieser Personen die Aufmerksamkeit auf sich zieht“
(S. 261). Er findet drei Charakterzüge – Ordnungsliebe, Sparsamkeit
und Eigensinn – bei solchen Individuen, in deren Kindheit
die Lust an der Darmentleerung und ihren Produkten eine besonders
große Rolle spielt. Besonders betonte er die in der Neurose wie im
Mythus, Aberglauben, Traum, Märchen anzutreffende Gleichsetzung
von Kot und Geld (Geschenk). Auf dieser grundlegenden Arbeit Freuds
bauten sich eine Reihe Arbeiten anderer psychoanalytischer Autoren
auf, die die Grundzüge einer, freilich noch in vielen PUnkten unfertigen
und hypothetischen, psychoanalytischen Charakterologie lieferten 2).
‚) Aus diesem Grunde ist es ein grobes Mißverständnis des Freudschen
Standpunktes, das Problem der Sublimierung im wesentlichen als identisch
mit dem der genital-sexuellen Abstinenz zusammenfallen zu lassen, wie es
etwa Scheler (besonders in ·“Wesen und Formen der Sympathie“, BoIl1‘
1923, S. 238ff.) tat.
‚) Vgl. die instruktiven Ausführungen und die reichen Literaturhinweise
bei Otto Fenichel, Perversionen, Psychosen, Charakterstörungen. Psychoanalytische
spezielle Neurosenlehre, Wien 1931.
256 Erich Fromm
Bevor wir zur Darstellung der für den Soziologen wichtigsten
Ergebnisse dieser Arbeiten kommen, soll auf einen Gesichtspunkt
hingewiesen werden, der in manchen dieser Arbeiten nicht oder zu
wenig deutlich hervortritt und dessen Betonung ein besseres Verständnis
dieser Untersuchungen ermöglicht: die Unterscheidung zwischen
Sexualziel und Sexualobjekt, bzw. zwischen der Organlust und den
Objektbeziehungen. Freud bringt die Sexualtriebe in einen engen
Zusammenhang mit den „erogenen Zonen“l) und nimmt an, daß die
Sexualtriebe durch Reizung an diesen erogenen Zonen hervorgerufen
werden. In der ersten Lebensperiode steht die Mundzone
und die mit ihr verknüpften Funktionen – Saugen und Beißen -,
dann, nach der Säuglingsperiode, die Afterzone mit ihren Funktionen
– Stuhlentleerung bzw. Stuhlzurückhaltung – und vom 3. bis
5. Jahr die Genitalzone im Zentrum der Sexualität (diese erste Blüte
der genitalen Sexualität hat Freud als „phallische Phase“ bezeichnet,
weil er annimmt, daß in dieser Zeit für beide Geschlechter allein der
Phallus bzw. die phallisch erlebte Clitoris eine Rolle spielt, mit der
Tendenz zum Eindringen und Zerstören. Nach einer „Latenzzeit“,
die etwa bis zur Pubertät dauert, kommt es dann im Zusammenhang
mit der körperlichen Reifung zur Entwicklung der eigentlichen genitalen
Sexualität, der die prägenitalen Sexualstrebungen unter-, bzw.
eingeordnet werden, d. h. zur endgültigen Herstellung des „Primats“
der Genitalität). Von dieser Organerotik, d. h. also von der an eine
bestimmte Körperzone bzw. eine bestimmte mit dieser Zone verknüpfte
Funktion gebundenen Organlust sind die Objektbeziehungen
zu unterscheiden, d. h. die (liebenden oder hassenden) Einstellungen
zu den dem Menschen gegenübertretenden Mitmenschen, bzw. der
eigenen Person, mit anderen Worten die Gefühlseinstellung und
-haltung zur Umwelt überhaupt. Auch die Objektbeziehungen haben
einen typischen Verlauf: nach Freud ist der Säugling vorwiegend
narzistisch eingestellt, nur auf sich und die Befriedigung seiner
Bedürfnisse bedacht; in einer zweiten Periode, nach dem Ende der
Säuglingszeit etwa, mehren sich sadistische, objektfeindliche Züge,
‚) Die Annahme einer so zentralen Rolle der erogenen Zonen lag Freud
abgesehen von seinen empirischen Beobachtungen auch von seinen theoretischen
Voraussetzungen, einem mechanistisch-physiologischen Standpunkt
aus nahe. Sie hat die Entwicklung der analytischen Theorie entscheidend
beeinflußt; eine fruchtbare Diskussion mancher psychoanalytischer
Thesen würde bei einer Kritik der zentralen Rolle der erogenen Zonen einzusetzen
haben. Da wir aber hier Ergebnisse der Analyse darstellen
wollen, verzichten wir auf eine Ausführung kritischer Gesichtspunkte zu
diesem überaus wichtigen Problem.
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 257
die auch noch in der phallischen Phase eine wichtige Rolle
spielen. Erst mit dem Primat der Genitalität in der Pubertät treten
objektfreundliche, liebende Züge eindeutig in den Mittelpunkt. Die
Objektbeziehungen werden in einen engen „Zusammenhang mit den
erogenen Zonen gebracht. Dieser Zusammenhang ist verständlich,
wenn man bedenkt, daß sich spezifische Objektbeziehungen zuerst in
Verbindung mitbestimmten erogenen Zonen entwickeln und daß
diese Verbindung durchaus keine zufällige ist. Ohne aber an dieser
Stelle das Problem diskutieren zu wollen, ob der Zusammenhang
ein so enger ist, wie es vielfach in der psychoanalytischen Literatur
dargestellt wird, oder ob und inwieweit nicht die für eine erogene Zone
typischeObjektbeziehung auch unabhängig von den besonderen Schicksalen
dieser erogenen Zone sich entwickeln kann, soll Wert darauf gelegt
werden, prinzipiell zwischen der Organlust und den Objektbeziehungen
zu unterscheiden; in der nun folgenden Darstellung sollen, bevor die
analytischen Befunde über die oralen, analen und genitalen Charakterzüge
dargestellt werden, die komponierenden Elemente, nämlich
die Sublimierungen und Reaktionsbildungen der Organlust und die
koordinierten typischen Objektbeziehungen eine getrennte Darstellung
finden.
Der in der ersten Lebensperiode zentrale Sexualtrieb ist die Oralerotik.
Beim Kind findet sich ein starkes Lust- und Befriedigungsgefühl,
das ursprünglich mit dem Saugen („Wonnesaugen“), später
mit dem Beißen und“ Kauen, mit dem In-den-Mund-nehmen
und Verschlingenwollen von Gegenständen verknüpft ist. Die
nähere Beobachtung zeigt, daß es sich hier keineswegs nur um eine
Äußerung des Hungers handelt, sondern daß das Saugen, Beißen, Verschlingenwollen
darüber hinaus eine an sich lustvolle Betätigung darstellt.
Freud nahm schon in seinen „Drei Abhandlungen“ an, daß
die Mundzone eine der sog. „erogenen Zonen“ sei, die, im Anschluß
an die Vorgänge der Nahrungsaufnahme, am frühesten die Basis
intensiver libidinöser Bedürfnisspannungen und Befriedigungen darstellt.
Wenn auch die direkten oralerotischen Bedürfnisse und Befriedigungen
nach der „Säuglings“zeit abnehmen, so bleiben doch
mehr oder weniger große Reste auch in der späteren Kindheit und
beim Erwachsenen erhalten. Es sei hier nur an das oft weit über die
Säuglingszeit auftretende Daumenlutschen oder an das Nägelkauen
erinnert, ferner aber, um von etwas ganz „Normalem“ zu sprechen,
an das Küssen oder an die starken libidinösen, oralerotischen Wurzeln
des Rauchens.
258 Erich Fromm
Insoweit die Oralerotik nicht in ursprünglicher Form erhalten
bleibt und andererseits doch nicht von anderen sexuellen Impulsen
abgelöst wird, tritt sie uns in Reaktionsbildungen oder Sublimierungen
entgegen. Von den Sublimierungen sei nur eines der wichtigsten
Beispiele hier genannt: die Verschiebung der kindlichen Saugelust
auf das geistige Gebiet. An Stelle der Milch tritt das Wissen. Die
Sprache drückt diesen Zusammenhang aus, wenn .sie davon spricht,
daß man „an den Brüsten der Weisheit schlürft“ oder „von der Milch
der frommen Denkungsart“ trinkt. Diese symbolische Gleichsetzung
von Trinken und geistigem Aufnehmen finden wir in Sprachen und
Märchen verschiedener Kulturen ebenso wie in den Träumen und
Einfällen der Patienten in der Analyse. Die Reaktionsbildungen
können ebensowohl in dem ursprünglichen Gebiet bleiben, also etwa
die Form einer Eßhemmung annehmen, wie auch sich auf die Sublic
mierungen erstrecken und dann etwa als Lern-, Arbeits- oder Wißhemmung
auftreten.
Die in der ersten Lebensperiode des Kindes auftretenden Objektbeziehungen
tragen einen recht komplizierten Charakterl ). Der Säugling
ist zunächst – und in ganz extremer Weise in den ersten drei
Lebensmonaten – narzistisch eingestellt; ein Unterschied zwischen Ich
und Außenwelt besteht noch kaum. Allmählich entwickeln sich neben
der narzistischen Einstellung objektfreundliche, liebende Züge 2). Die
Einstellung des Säuglings zur Mutter (oder entsprechenden Pflegeperson)
wird freundlich, liebevoll, Schutz und Liebe erwartend. Die Mutter ist
der Garant für sein Leben, ihre Liebe gibt ihm ein Gefühl von Lebens-.
sicherheit und Geborgenheit. Gewiß ist sie weitgehend Mittel zum
Zweck der Befriedigung der Bedürfnisse des Kindes, und gewiß trägt
die Liebe des Kindes weitgehend einen verlangenden, nehmenden und
nicht einen spendenden, fürsorgenden Charakter, aber wichtig sind doch
objektfreundliche, objektzugewandte Züge in dieser ersten Phase.
Die Objektbeziehungen des Kindes ändern sich allmählich 3).
Mit dem körperlichen Wachstum des Kindes wachsen seine Ansprüche,
dadurch – wie wohl auch noch durch andere in der Umwelt
1) Vgl. Bernfeld, Psychologie des Säuglings. Wien 1925.
„) In der psychoanalytischen Literatur werden vor allem die narzistischen
Züge des kleinen Kindes betont, während die objektfreundlichen in der
Schilderung zurücktreten. Es soll an dieser Stelle nicht näher auf dieses
schwierige Problem eingegangen werden; es werden hier nur die objekt.
freundlichen Züge im Gegensatz zu den dann auftretenden ohjektfeindlichen,
sadistischen besonders betont.
„) Es versteht sich, daß in der ganzen Entwicklullg nur von einem Zuoder
Abnehmen verschiedener Tendenzen die Rede sein kann, nicht von
einem Sichablösen von voneinander streng getrennten Strukturtypen.
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 259
-liegende Faktoren – entstehen und wachsen Versagungen seitens
der Umwelt, auf die das Kind mit Zorn und Wut reagiert, für deren
Bildung inzwischen auch die organische Entwicklung bessere Bedingungen
geschaffen hat. Neben die objektfreundlichen Tendenzen
und an ihre Stelle treten in wachsendem Maße objektfeindliche. Das
Kind, sowohl durch Enttäuschungen wütend als auch sich stärker
fühlend, wartet nicht mehr vertrauensvoll auf liebende Befriedigung
seiner vor allem ja noch oralen Wünsche, es beginnt, sich mit Gewalt
nehmen zu wollen, was man ihm vorenthält. Der Mund mit den
Zähnen wird zu seiner Waffe, er erwirbt eine aggressive, den
Objekten feindselige, sie angreüen und aussaugen oder verschlingen
wollende Haltung. An Stelle einer ursprünglichen relativen Harmonie
mit der Umwelt treten Konflikte und aggressiv-sadistische Impulse l ).
Das Saugen und Beißen oder Verschlingenwollen, bzw. ihre
Reaktionsbildungen und Sublimierungen einerseits; die vertrauensvolle,
beschenkt- oder geliebtwerdenwollende objektfreundliche
Haltung und ihre Fortsetzung in aggressiven, räuberischen, objektfeindlichen
Tendenzen andererseits sind die Elemente, die die „oralen“
Charakterzüge der Erwachsenen zusammensetzen.
Abraham macht eine Unterscheidung zwischen den charakterologischenKonsequenzen
einer besonders ungestörten, glücklichen
oralen Befriedigung in der Kindheit und einer gestörten, mit viel
Unlust vermischten (wie etwa plötzlichem Absetzen von der Brust,
unzureichender Milchmenge oder, was die koordinierten Objektbeziehungen
anlangt, mangelnder Liebe seitens der Pflegepersonen).
Im ersten Falle haben- oft Menschen
„aus dieser glücklichen Lebenszeit eine tief in ihnen wurzelnde- Überzeugung
mitgebracht, es _müsse ihnen immer gut gehen. So stehen sie dem
Leben mit einem unerschütterlichen Optimismus gegenüber, der ihnen
oftmals zur tatsächlichen Erreichung praktischer Ziele behilflich ist. Auch
hier gibt es weniger günstige Spielarten der Entwicklung. Manche Personen
sind von der Erwartung beherrscht, daß stets eine gütige, fürsorgende Person,
also eine Vertreterin der Mutter vorhanden sein müsse, von der sie alles zum
Leben Notwendige empfangen würden. Dieser optimistische Schicksalsglaube
verurteilt sie zur Untätigkeit. Wir erkennen in ihnen diejenigen wieder,
die in der Saugeperiode verwöhnt wurden. Ihr gesamtes Verhalten im Leben
läßt die Erwartung erkennen, daß ihnen sozusagen ewig die Mutterbrust
fließen werde. Derartige Personen muten sich keinerlei Anstrengungen zu;
in manchen Fällen verschmähen sie geradezu jeden eigenen Erwerb“
(Psychoanalytische Studien zur Charakterbildung, Wien 1925, S.42).
1) Die Frage, inwieweit das Verschlingen- und Sich-Bemächtigen-Wollen
(wie das Produzieren und Zerstören überhaupt) eine ursprünglichll Tendenz
des Menschen in seinem Verhältnis zur Umwelt ist, kann an dieser Stelle
nicht erörtert werden.
260 Erich Fromm
An diesen Menschen ist häufig eine besonders ausgeprägte Freigebigkeit,
eine gewisse seigneurale Haltung zu bemerken. Sie haben
die uneingeschränkt spendende Mutter als Ideal und bemühen sich,
sich diesem Ideal entsprechend zu verhalten.
Der zweite Typ, der mit starken oralen Versagungen in der frühen
Kindheit, entwickelt später häufig Züge, die in der Richtung des Aussaugens
oder Beraubens anderer Personen liegen.. Diese Menschen
tragen gleichsam einen Rüssel, mit dem sie sich überall ansaugen
wollen, oder wenn entsprechend starke sadistische Beimengungen
enthalten sind, sind sie wie Raubtiere, die davon leben, Opfer zu
suchen, die sie ausweiden können.
„Im sozialen Verhalten dieser Menschen tritt etwas ständig Verlangendes
hervor, das sich bald mehr in der Form des Bittens, bald mehr in derjenigen
des Forderns äußert. Die Art, in welcher sie Wünsche vorbringen,
hat etwas beharrlich Saugendes an sich; sie lassen sich ebensowenig durch
die Sprache der Tatsachen wie durch sachli/(he Einwände abweisen, sondern
fahren fort, zu drängen und zu insistieren. Sie neigen dazu, sich an andere
Personen förmlich festzusaugen. Besonders empfindlich sind sie gegen
jedes Alleinsein, und wenn es nur kurze Zeit währt. In ganz besonderem
Maß tritt die Ungeduld bei ihnen hervor. Bei gewissen Personen … findet
sich dem geschilderten Verhalten ein grausamer Zug beigemischt, der ihrer
Einstellung zu den anderen Menschen etwas Vampyrhaftes verleiht“
(Abraham, S. 44).
Zeigen die Personen des ersten Typs eine gewisse Noblesse und
Großzügigkeit, zeigen sie sich heiter und umgänglich, so sind die
des zweiten Typus feindselig und bissig, reagieren auf eine Verweigerung
dessen, was sie haben wollen, mit Wut und sind auf alle, die
eS besser haben, von intensivem Neid erfüllt. Für den Soziologen
wichtig ist noch die von Abraham vermerkte Tatsache, daß Personen
mit oraler Charakterbildung leicht dem Neuen zugänglich sind,
„während zum analen Charakter ein konservatives, allen Neuerungen
feindliches Verhalten gehört . . .“
Die Analerotik fängt keineswegs erst nach der Oralerotik an,
eine Rolle zu spielen. Wohl schon von vornherein ist der ungehemmte
Austritt der Körperprodukte für das Kind mit einer lustvollen Reizung
der Mterschleimhaut verbunden. Ebenso sind die Produkte der Entleerung
selbst, ihr Anblick, ihr Geruch, die Berührung mit der Oberfläche
des Rumpfes und endlich das Berühren mit den Händen eine
Quelle intensiver Lustempfindungen. Das Kind ist stolz auf den Kot,
welcher sein erster „Besitz“, der Ausdruck seiner ersten Produktivität
ist. Eine wesentliche Veränderung bringt die etwa gleichzeitig mit
der Entwöhnung des Kindes von saugender Nahrungsaufnahme vor
sich gehende Erziehung zur körperlichen Reinlichkeit, für deren
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 261
Gelingen die sich allmählich ausbildende Funktion der Schließmuskeln
der Blase und des Darms die Voraussetzung bildet. Indem sich das
Kind den Forderungen der Erziehung anpaßt und lernt, seinen Stuhl
zurückzuhalten bzw. ihn zur rechten Zeit herzugeben, wird die
Retention des Stuhles und werden die damit verbundenen physiologischen
Vorgänge zu einer neuen Lustquelle. Gleichzeitig wird die
ursprüngliche Liebe zum Kot teilweise durch Ekelgefühle abgewehrt
bzw. ersetzt; teilweise wird allerdings durch das Verhalten der Umwelt
der primitive Stolz auf den Kot bzw. seine pünktliche Entleerung nur
noch vermehrt.
Ganz ebenso wie ein Teil der ursprünglichen oralen bleiben auch
die analen Impulse in einem gewissen Grade bis ins Leben des Erwachsenen
hinein erhalten. Diese Tatsache erkennt man leicht
an der relativ starken affektiven Reaktion vieler Menschen der analen
Beschimpfung oder der analen Zote gegenüber. Auch das besonders
unter allerhand Rationalisierungen auftretende liebevolle Interesse
für den eigenen Kot läßt die Reste der ursprünglichen Analerotik
deutlich erkennen. Normalerweise aber geht ein wesentlicher Teil
der analerotischen Strebungen in Sublimierungen und Reaktionsbildungen
auf. Diese Fortbildungen der ursprünglichen Analerotik
liegen in einer doppelten Richtung: einerseits in der charakterologischen
Fortsetzung der ursprünglichen Funktion, deren Ergebnis
die Lust bzw. Unfähigkeit am Behalten, Sammeln und Produzieren,
ferner Ordentlichkeit, Pünktlichkeit, Reinlichkeit, Geiz sind; andererseits
in der Fortsetzung der ursprünglichen Liebe zum Kot, die sich
vor allem in der Liebe zum „Besitz“ äußert. Eine ganz besondere
Bedeutung kommt dem in dieser Periode sich ausbildenden Pflichtgefühl
zu. Die anale Entwöhnung ist eng geknüpft an das Problem
des „Müssens“ und „Sol1ens“ bzw. Nichtdürfens, und die klinische
Erfahrung zeigt, daß häufig besonders intensive Ausprägungen des
Pflichtgefühls auf diese frühe Periode zurückgehen.
Die der analen Periode zugeordneten Objektbeziehungen stehen
unter dem Zeichen wachsender Konflikte mit der Umwelt. Sie tritt
zum erstenmal mit Forderungen an das Kind heran, deren Erfüllung
sie mit Liebesprämien oder Strafen erzwingt. Nicht mehr die Lust
gewährende, gütige, spendende Mutter ist es, die dem Kind gegenübertritt,
sondern die Verzichte fordernde, strafende. Das Kind‘
reagiert entsprechend. Es verharrt einerseits in seiner narzistischen,
objektgleichgültigen Einstellung, die durch seine geringer werdende
körperliche Hilflosigkeit wie durch den wachsenden Stolz a.uf
262 Erich Fromm
seine eigenen Leistungen in gewisser Weise noch gesteigert wird,
andererseits wird seine objektfeindliche, trotzige, sadistische, die
Eingriffe in seine Privatsphäre böse abwehrende Einstellung erheblich
verstärkt.
Die Sublimierungen und Reaktionsbildungen der Analerotik und
die Fortsetzung der dieser Stufe typischerweise zugeordneten
Objektbeziehungen setzen die analen Charakterzüge zusammen,
wie sie in ihrem normalen oder pathologischen Vorkommen in
der psychoanalytischen Literatur geschildert werden. Es seien
hier nur einige für die Sozialpsychologie besonders wichtige erwähnt.
Die ersten charakterologischen Befunde Freuds haben wir schon
wiedergegeben: eine oft in Pedanterie übergehende Ordentlichkeit,
eine an Geiz grenzende Sparsamkeit und einen in Trotz übergehenden
Eigensinn. Diesen allgemeinen Zügen sind von einer Reihe psychoanalytischer
Autoren, vor allem von Jones und Abraham, viele
mehr ins Detail gehende hinzugefügt worden. Abraham weist
darauf hin, daß es‘ Überkompensierungen des ursprünglichen
Trotzes· gibt,
„unter welchen das trotzige Festhalten am primitiven SelbstbestimmUngs- .
recht verborgen liegt, bis es gelegentlich gewaltsam hervorbricht.. Ich
habe hier solche Kinder (und natürlich auch Erwachsene) im Auge, die sich
durch besond.ere Bravheit, Korrektheit, Folgsamkeit hervortun, ihre in
der Tiefe liegenden rebellischen Antriebe aber damit begründen, daß man
sie von früh auf unterdrückt habe“ (S. 9).
Mit diesem Stolz eng verbunden ist die zuerst von Sadger hervorgehobene
Vorstellung der Einzigartigkeit. („Alles, was nicht Ich
ist, ist Dreck. „) Solche Menschen empfinden nur Freude an einem
Besitz, wenn niemand anderes etwas Ähnliches hat. Sie haben die
Neigimg, alles im Leben als Eigentum anzusehen und alles „Private“
vor fremden Eingriffen zu schützen. Es handelt sich dabei keineswegs
nur um Geld und Besitz, sondern ebenso um Menschen wie um
Gefühle, Erinnerungen, Erlebnisse. Wie stark die dieses Besitzverhältnis
zur Privatsphäre verankernden libidinösen Regimgen sind,
erkennt man leicht an der Wut, mit der solche Menschen auf jeden
Eingriff in ihre Privatsphäre, ihre „Freiheit“ reagieren. Zu dieser
Betonung der Privatsphäre gehört die von Abraham erwähnte Empfindlichkeit
des analen Charakters gegen jeden äußeren Eingriff.
Niemand hat sich in „seine Angelegenheiten“ zu mischen. Verwandt
damit ist auch ein weiterer Zug, auf den J ones aufmerksam gemacht
hat: das eigensinnige ]j’esthalten an einer selbsterdachten Ordnung,
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 263
bzw. die Neigung, anderen eine solche Ordnung aufzuzwingen 1).
Solche Menschen zeigen dann auch häufig eine überstarke Lust am
Rubrizieren, am Aufstellen von Tabellen und Plänen. Von besonderer
Wichtigkeit ist die von Abraham betonte Tatsache, daß beim analen
Charakter die unbewußte Tendenz vorliegt, die Analfunktion als
wichtigste produktive Tätigkeit und als der genitalen überlegen anzusehen.
Geldverdienen, Sammeln, das Aufhäufen von Kenntnissen
(ohne ihre produktive Verarbeitung) sind Aus<huck dieser Einstellung
2). Zu dieser Hochschätzung der analen, sammelnden Produktivität
tritt als charakteristisch die Hochschätzung des Gesammelten,
des Besitzes. Abraham sagt darüber:
„In ausgeprägten Fällen von analer Charakterbildung werden nahezu
alle Lebensbeziehungen unter den Gesichtspunkt des Habens (Festhaltens)
und Gebens, also des Besitzes, gestellt. Es ist, als wäre der Wahlspruch
mancher solcher Menschen: wer mir gibt, ist mein Freund; wer etwas von
mir verlangt, ist mein Feind“ (S. 20f.).
Nicht anders ist es mit den Liebesbeziehungen. Gewöhnlich ist beim
analen Charakter das genitale Bedürfnis und die genitale Befriedigung
mehr oder weniger eingeschränkt; häufig ist diese Einschränkung mit
moralischen Rationalisierungen oder auch Ängsten verknüpft. Soweit
die Liebe eine Rolle spielt, hat sie typische Züge. Eine Frau wird nicht
geliebt, sondern „besessen“, und es herrscht dem „Liebes“objekt
gegenüber dieselbe Gefühlseinstellung wie anderen Gegenständen des
Besitzes gegenüber, also die Tendenz, entweder möglichst viel oder
möglichst ausschließlich zu besitzen. Die erste Einstellung führt zum
Typ scheinbar sehr liebesfähiger Menschen, deren Liebe im Grunde
doch nur eine Art Sammeltrieb ist, und die zweite zum Typ des extrem
Eifersüchtigen und auf „Treue“ Bedachten, Ein besonders schönes
Beispiel des ersten Typs bot mir ein Analysand, der ein Buch hatte,
in dem er die Andenken an jede Begegnung mit einer Frau sammelte,
1) „Eine Mutter verfaßt ein schriftliches Programm, in welchem sie
ihrer Tochter den Tag in minutiöser Weise einteilt. Für den frühen Morgen
enthält es z, B. die Anweisung: 1. Aufstehen, 2. ,Töpfchen, 3. Händewaschen
usw. Am Morgen klopft sie von Zeit zu Zeit an die Tür und fragt
die Tochter: wie weit bist du? Diese hat dann zu antworten ,9′ oder ,15′
usw., so daß die Mutter eine genaue Kontrolle über die Einhaltung des
Planes hat“ (Abraham, a. a. O. S. 12).
2) „Solche Personen lieben‘ es, Geld oder Geldeswert zu schenken;
manche unter ihnen werden Mäzene oder Wohltäter. Doch bleibt ihre
Libido den Objekten mehr oder weniger fern, und so ist auch ihre Arbeitsleistung
nicht im wesentlichen Sinne produktiv. Es fehlt ihnen keineswegs
an Ausdauer – einem häufigen Kennzeichen des analen Charakters -,
aber sie wird zu einem guten Teil in unproduktivem Sinne verwandt, etwa
an pedantische Einhaltung festgesetzter Formen verschwendet, so daß in
ungünstigen Fällen das sachliche Interesse dem formalen erliegt“ (Abraham,
8. 8. 0., S. 18.).
264 Erich Fromm
also gebrauchte Theaterbillette, Programme, aber auch Korrespondenz
einklebte. Eng verknüpft mit dieser Einstellung ist der intensive
Neid, den man bei vielen Menschen mit analem Charakter findet.
Sie erschöpfen oft ihre Kraft nicht in eignen produktiven Leistungen,
sondern im Neid auf die Leistung und vor allem dem Besitz anderer.
Dies führt zur Erwähnung eines der klinisch wie soziologisch wichtigsten
analen Charakterzüge: des besonderen Verhältnisses zum Geld,
d. h. vor allem der ,Sparsamkeit und des Geizes. Gerade dies hat eine
besonders ausgiebige Bestätigung durch die analytischen Erfahrungen
erhalten und ist ausführlich in der psychoanalytischen Literatur
erörtertl). Sparsamkeit und Geiz beziehen sich durchaus nicht nur
auf Geld oder Geldeswert. Auch Zeit und Kraft werden ganz analog
behandelt und jede Zeit- und Kraftverschwendung wird verabscheut
2). Bemerkenswert ist, daß diese analen Tendenzen reichlich
‚) Hier nur einige spezielle Hinweise Abrahams: „Es gibt Fälle, in
welchen der Zusammenhang zwischen absichtlicher Stuhlverhaltung
und systematischer Sparsamkeit offen zutage liegt. Ich erwähne hier das
Beispiel eines reichen Bankiers, der seinen Kindern immer wieder einschärfte,
sie sollten den Darminhalt so lange wie nur möglich bei sich
behalten, damit die teure Nahrung bis zum äußersten ausgenützt werde. –
Sodann ist auf die Tatsache zu verweisen, daß manche Neurotiker ihre
Sparsamkeit bzw. ihren Geiz auf gewisse Arten von Ausgaben beschränken,
in anderen Beziehungen dagegen mit auffälliger Bereitwilligkeit Geld verausgaben.
So gibt es unter unseren Patienten solche, die jede Allsgabe für
„Vergängliches“ meiden. Ein Konzert, eine Reise, der Besuch einer Ausstellung
sind mit Kosten verbunden, für welche man keinen bleibenden
Besitz eintauscht. Ich kannte jemanden, der den Besuch der Oper aus
solchem Grunde mied;. er kaufte sich aber Klavierauszüge der Opern,
welche er nicht gehört hatte, weil er auf diese Weise etwas „Bleibendes“
erhielt. Manche solche Neurotiker vermeiden auch gern die Ausgaben für
das Essen, weil man es ja doch nicht als bleibenden Besitz behält. Bezeichnenderweise
gibt es einen anderen Typus, der bereitwillig Ausgaben
für die Ernährung macht, die bei ihm ein überwertiges Interesse darstellt.
Es handelt sich um Neurotiker, die ihren Körper beständig sorgsam überwachen,
ihr Gewicht prüfen usw. Ihr Interesse ist der Frage zugewandt,
was von den eingeführten Stoffen ihrem Körper als dauernder Besitz bleibt.
Bei dieser Gruppe ist es evident, daß sie Körperinhalt mit Geld identifiziert.
– In anderen Fällen finden wir die Sparsamkeit in der gesamten Lebensweise
streng durchgeführt; in einzelnen Beziehungen wird sie aber auf die
Spitze getrieben, ohne daß eine praktisch nennenswerte Ersparnis an Material
erzielt wird. Ich erwähne einen geizigen Sonderling, der im Hause mit offenstehender
. Hose herumlief, damit die Knopflöcher nicht so schnell abgenutzt
würden. Es ist leicht zu erraten, daß hier noch andere Antriebe mitwirkten.
Doch bleibt es charakteristisch, wie diese sich hinter der anal
bedingten Spartendenz verbergen können; so sehr wird diese als wichtigstes
Prinzip anerkannt. Bei manchen Analysanden finden wir eine auf den
Verbrauch von Klosettpapier spezialisierte Sparsamkeit; hier wirkt die
Scheu, Reines zu beschmutzen, als determinierend mit“ (S. 22, 23).
2) „Viele Neurotiker sind in beständiger Sorge vor Zeitverlusten. Nur
die Zeit, welche sie allein mit ihrer Arbeit verbringen, erscheint ihnen
wohl ausgenützt. Jede Störung in ihrer Tätigkeit versetzt sie in höchste
Reizbarkeit. Sie hassen Untätigkeit, Vergnügungen usw. Es sind die
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 265
rationalisiert zu werden pflegen, vor allem natürlich mit ökonomischen
Erwägungen, fernerhin, daß man häufig neben besonderer Reinlichkeit,
Sparsamkeit, Ordentlichkeit, Pünktlichkeit Durchbrüche gerade der
entgegengesetzten, durch diese Reaktionsbildungen abgewehrten
Züge findet. Wegen seiner sozialpsychologischen Bedeutung sei endlich
noch das von Abraham hervorgehobene, für den analen Charakter
typische Bedürfnis nach Symmetrie und „gerechtem Ausgleich“
erwähnt.
Die genitale Sexualität hat eine für die Charakterbildung
prinzipiell andere Bedeutung als die orale und anale. Während diese
nur in relativ geringem Ausmaß auch noch über die erste Kindheitsperiode
hinaus in direkter Form weiterbestehen können und ihre Hauptverwendung
im späteren Leben gerade in den Sublimierungen und
Reaktionsbildungen finden, ist die genitale Sexualität in erster Linie
dazu bestimmt, eine direkte körperliche Abfuhr zu erhalten. So
einfach es ist, das Sexualziel der genitalen Sexualität zu beschreiben,
so schwierig ist etwas über die spezifischen genitalen Charakterzüge
auszusagen. Es ist wohl richtig, daß die der genitalen Sexualität
zugeordnete Objektbeziehung eine objektfreundliche, relativ ambivalenzfreie
ist 1); es darf allerdings nicht vergessen werden, daß der
physiologisch normale Sexualakt keineswegs notwendigerweise eine
entsprechende, d. h. liebende psychische Haltung involviert. Er kann,
psychologisch gesehen, vorwiegend narzistisch oder sadistisch erlebt
sein. Fragt man nach den charakterologisch wichtigen Reaktionsbildungen
und Sublimierungen der genitalen Sexualität, so scheint
uns als Reaktionsbildung in erster Linie die Willensbildung wichtig.
Bei den Sublimierungen halten wir es aber für nötig, zwischen
männlicher und weiblicher Sexualität zu unterscheiden. (Wobei
nicht zu vergessen ist, daß in jedem IndiViduum männliche und
weibliche Sexualstrebungen vorhanden sind. V gl. Freuds Bemerkungen
in den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Leipzig
1923, S. 16f. Anmerkung.) Von ihren Sublimierungen ist noch sehr
wenig bekannt. Vielleicht darf man vermuten, daß die Sublimierung
der männlichen Sexualität vorwiegend in der Richtung des geistigen
gleichen Menschen, die zu den von Ferenczi beschriebenen „Sonntagsneurosen“
neigen, das heißt keine Unterbrechung ihrer Arbeit vertragen.
Wie jede neurotisch übertriebene Tendenz ihr Ziel leicht verfehlt, so geschieht
es auch oftmals dieser. Die Patienten ’sparen oft Zeit im kleinen
und verlieren sie im großen“ (Abraham, S. 23).
1) Es erhebt sich hier das zentrale, von der Psychoanalyse bisher wenig
erörterte Problem der Psychologie der Liebe.
266 Erich Fromm
Eindringens, Zeugens, Ordnens, die der weiblichen Sexualität in
der Richtung des Aufnehmens, Bergens, Produzierens und in der
Richtung der bedingungslosen mütterlichen Liebe liegtl).
Die· hier skizzenhaft wiedergegebene psychoanalytische Theorie
der Entwicklung der Sexualität und der Objektbeziehungen ist ein
noch rohes und in vieler Beziehung hypothetisches Schema, an dem
die analytische Forschung noch manche wichtige Punkte zu ändern
und in das sie sehr viele neue einzutragen haben wird. Sie ist aber ein
Ausgangspunkt, der das Verständnis der triebhaften Hintergründe der
Charakterzüge ermöglicht und den Zugang zu einer Erklärung der
Entwicklung des Charakters eröffnet.
Diese Entwicklung bedingen zwei Faktoren, die in verschiedener
Richtung wirksam sind. Einmal ist es die körperliche Reifung des
Individuums: vor allem das Wachstum der genitalen Sexualität und
die physiologisch relativ geringer werdende Rolle der oralen und analen
Zone, aber auch die Reifung der Gesamtpersönlichkeit und die damit
verknüpfte geringere Hilflosigkeit, die eine objektfreundliche, liebende
Haltung ermöglichen. Der zweite, die Entwicklung vorwärtstreibende
Faktor wirkt von außen auf das Individuum ein; es sind die gesellschaftlichen,
zunächst und am eindrucksvollsten durch die Erziehung
vermittelten Regeln, die die Verdrängung der prägenitalen Sexualstrebungen
bis zu einem hohen Grade verlangen und so gleichsam
der genitalen Sexualität den Vormarsch erleichtern .
. Dieser Vormarsch gelingt aber häufig nur unvollkommen, und die
prägenitalen Positionen bleiben oft in direkter oder sublimierter
Form überdurchschnittlich stark bestehen. Für ein überdurchschnittlich
starkes Erhaltenbleiben prägenitaler Strebungen gibt es grunde
sätzlich zwei Ursachen: entweder eine Fixierung, d. h. durch besonders
starke Befriedigungs- oder Versagungserlebnisse in der
Kindheit blieben die prägenitalen Wünsche gegen die Entwicklung
resistent und erhielten sich in besonderer Stärke; oder eine Regression,
d. h. nachdem die normale Entwicklung beendet ist, führt eine
besonders starke innere oder äußere Versagung zu einer Abwendung
von der Liebe, einem Rückzug von der Genitalität zu jenen älteren
prägenitalen Organisationsstufen der Libido. In der Wirklichkeit
wirken gewöhnlich Fixierung und Regression zusammen, d. h. eine
gewisse Fixierung stellt eine Disposition dar, die im Falle einer Ver-
1) Die hier angerührten Probleme führen zu Fragen, die innerhalb
der Psychoanalyse teils noch unerörtert, teils umstritten sind und d~ren
nähere Diskussion wir uns an dieser Stelle versagen müssen.VgI .. Reich. Der
genitale und der neurotische Charakter. Int. Ztschr. f. Psychoanalyse, 1929.
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 267
sagung relativ leicht eine Regression auf die fixierte TriebStufe zur
Folge hat.
Die psychoanalytische Charakterologie kann nicht nur durch den
Nachweis der libidinösen Grundlagen der Charakterzüge deren dynamische
Funktion als Produktivkraft in der Gesellschaft verstehen
lassen, sie bildet andererseits auch den Ansatzpunkt für eine Sozialpsychologie,
die aufzeigt, daß die für eine Gesellschaft typischen, durchschnittlichen
Charakterzüge ihrerseits durch die Eigenart dieser Gesellschaft
bedingt sind. Diese soziale Beeinflussung der .Charakterentwicklung
geht zunächst und vor allem durch das Hauptmedium, durch
das sich die psychische Formung des einzelnen im Sinne der Gesellschaft
vollzieht, vor sich: durch die Familie. In welcher Weise und
mit welcher Stärke bei einem Kind gewisse prägenitale Strebungen
unterdrückt oder verstärkt werden, in welcher Weise es zu Sublimierungen
oder Reaktionsbildungen angeregt· wird, hängt wesentlich
von der Erziehung ab, die ihrerseits der Ausdruck der psychischen
Struktur der Gesellschaft ist. Aber über die Kindheit hinaus wirkt
die Gesellschaft auf die Ausbildung des Charakters ein. Für diejenigen
Charakterzüge, die innerhalb einer bestimmten Wirtschaftsund
GesellschaftsstruktUl‘ bzw. innerhalb einer bestimmten Klasse
am brauchbarsten sind, die ein Individuum am meisten innerhalb
dieser Gesellschaft fördern, besteht etwas, was wir als „soziale
Prämie“ bezeichnen möchten und was bewirkt, daß sich der Charakter
der „normalen“, d. h. in dieser Gesellschaft als „gesund“ geltenden
Menschen im Sinne der Struktur dieser Gesellschaft anpaßtl). Der
Charakter entwickelt sich also im Sinne der Anpassung der libidinösen
Struktur – zunächst durch das Medium der Familie, dann unmittelbar
im gesellschaftlichen Leben -. an die jeweilige geseJlschaftliche
Struktur. Eine ganz besondere Rolle spielt hierbei die Sexualmoral
einer Gesellschaft. Es wurde gezeigt, daß die prägenitalen Strebungen
zum entscheidenden Teil in der genitalen Sexualität aufgehen. In
dem Maße, in dem innerhalb einer Gesellschaft die herrschende Sexualmoral
die genitale Sexualbefriedigung hemmt, muß eine Verstärkung
der prägenitalen Strebungen bzw. der aus ihnen formierten Charakter-
1) Die Unterscheidung zwischen „normalen“ und „neurotischen“
Charakterzügen ist selbst weitgehend von gesellschaftlichen Faktoren
bedingt und läßt sich eigentlich immer nur mit Bezug auf eine ganz bestimmte
Gesellschaft treffen, wo eine dieser Gesellschaft nicht angepaßte
Charakterstruktur eben krankhaft ist. Der Charakter eines kapitalistischen
Kaufmanns des 19. Jahrhunderts wäre jedenfalls einer feudalen Gesellschaft
recht „krank“ erschienen und umgekehrt.
268 Erich Fromm
züge eintreten. Durch die Verschärfung des Verbots genitaler Befriedigung
wird das Zurückströmen der Libido zu den prägenitalen
Positionen und damit das verstärkte Auftreten oraler und analer
Charakterzüge im gesellschaftlichen Leben erreicht .
. Da die Charakterzüge in der libidinösen Struktur verankert sind,
zeigen sie auch eine relative Stabilität. Sie bilden sich zwar im Sinne
der Anpassung an die gegebenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Verhältnisse aus, aber sie verschwinden nicht ebenso rasch,
wie sich diese Verhältnisse ändern. Die libidinöse Struktur, aus der
sie erwachsen, hat eine gewisse Trägheit und Schwerkraft, und es
bedarf erst wieder eines lang dauernden neuen Anpassungsprozesses
an neue ökonomische Bedingungen, bis eine entsprechende Veränderung
der libidinösen Struktur und der aus ihr erwachsenden
Charakterzüge erfolgt. Hierin liegt ein Grund, warum der ideologische
Überbau, der auf den für eine Gesellschaft typischen Charakterzügen
basiert, sich langsamer verändert als der ökonomische Unterbau.
Die Anwendung der psychoanalytischen Charakterologie auf soziologische
Probleme soll hier an einem konkreten Beispiel versucht
werden. Jedoch handelt es sich dabei vor allem um einen Hinweis
auf den zu beschreitenden Weg, nicht aber um die endgültige Beantwortung
des als Beispiel gewählten Themas.
Hierfür scheint das Problem des „Geistes“ des Kapitalismus,
der seelischen Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft, aus zwei
Gründen besonders geeignet zu sein: einmal weil der Teil der psychoanalytischen
Charakterologie, der am meisten zum Verständnis des
bürgerlichen Geistes heranzuziehen sein wird, die Theorie von den
analen Charakterzügen, der relativ ausführl~chste und gesichertste
ist; zum andern weil über dieses Problem eine relativ große soziologische
Literatur und Kontroverse besteht, die die Heranbringung
eines neuen Gesichtspunktes, eben des psychoanalytischen, besonders
empfiehlt.
Unter „Geist“ des Kapitalismus bzw. der bürgerlichen Gesellschaft
verstehen wir die Summe der für die Menschen dieser Gesellschaft
typischen Charakterzüge, wobei das entscheidende Gewicht
auf den durch diese Charakterzüge repräsentierten libidinösen Strebungen,
d. h. also auf der dynamischen Funktion des Charakters
liegt. Charakter wird hier von uns allerdings in einem sehr weiten
Sinn gebraucht, und die Definition, wie sie Sombart1) vom „Geist“
einer Wirtschaft gibt, würde im großen und ganzen auch von uns
1) Der Bourgeois, München u. Leipzig 1913. S. 2.
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 269
verwandt werden könne~. Er nennt den „Geist“ einer Wirtschaft
„die Gesamtheit seelischer Eigenschaften, die beim Wirtschaften
in Betracht kommen. Alle Äußerungen des Intellekts, alle Charakterzüge,
die bei wirtschaftlichen Strebungen zutage treten, ebenso
aber auch alle Zielsetzungen, alle Werturteile, alle Grundsätze, von
denen das Verhalten des wirtschaftenden Menschen bestimmt und
geregelt wird“. Insoweit es sich. aber‘ nicht nur um den Geist
der Wirtschaft im engeren Sinn, sondern um den „Geist“ der
Gesellschaft, bzw. einer Klasse handelt, werden wir nicht
nur die Züge untersuchen, die „beim Wirtschaften“ in Frage
kommen, sondern nach den typischen seelischen Eigenschaften
des Individuums dieser Klasse oder Gesellschaft fragen, das ja
dasselbe ist, ob es wirtschaftet oder nicht. Auch unterscheiden
wir uns von Sombarts Begriff des „Geistes“ dadurch, daß es
uns nicht auf die „Grundsätze, Werturteile“ usw. als solche ankommt,
sondern auf die Charakterzüge, deren rationalisierter Ausdruck
sie sind.
Ganz ausscheiden wollen wir den Zusammenhang des bürgerlichen
Geistes mit dem Protestantismus und den protestantischen Sekten.
Dieses Problem ist so komplex, daß schon seine flüchtige Erörterung
hier viel zu weit führen würde. Ebensowenig kann die Frage
nach den ökonomischen Ursachen der kapitalistischen Gesellschaft
hier berührt werden. Einerseits würde dies ebenfalls den
Rahmen dieser illustrierenden Ausführungen sprengen, andererseits
ist die vorübergehende Vernachlässigung methodisch zulässig, wenn
man nur die Eigenart des „Charakters“ einer Gesellschaft beschreiben
und untersuchen will, wie der Charakter als Ausdruck einer bestimmten
„libidinösen Struktur“ der Gesellschaft selbst als Produktivkraft
an deren Entwicklung Anteil hat. Eine ausgeführte sozialpsychologische
Untersuchung müßte von der Darstellung der ökonomischen
Tatsachen ausgehen und zunächst aufzeigen, wie sich die libidinöse
Struktur gerade diesen Tatsachen anpaßt. Endlich dürfen wir uns
auch nicht mit der sehr komplizierten und umstrittenen historischen
Frage beschäftigen, von wann an man eigentlich von einem Kapitalismus
und kapitalistisch-bürgerlichem Geist sprechen kann. Es soll
vielmehr davon ausgegangen werden, daß es einen solchen Geist,
der gewisse einheitliche Züge trägt, gibt, gleichgültig, ob wir
ihn, wie Sombart meint, am frühesten schon um die Wende des
14. Jahrhunderts in Florenz treffen, oder im England des
17. Jahrhunderts, ob bei Defoe, Benjamin Franklin, Carnegie
270 Erich Fromm
oder einem durchschnittlichen deutschen Kaufmann des 19. Jahrhundertsl
).
Die Eigenart des kapitalistisch-bürgerlichen Geistes läßt sich zunächst
am leichtesten negativ beschreiben, durch das, was er im Vergleich
mit dem vorkapitalistischen Geist, etwa dem des Mittelalters,
nicht hat: Lebensglück und Lebensgenuß ist für die bürgerliche Psyche
nicht mehr selbstverständlich bejahter Zweck, dem das Handeln und
speziell das wirtschaftliche dient. Es ist dabei zunächst gleichgültig,
ob es sich um den weltlichen Lebensgenuß, den die seigneurale Lebensführung
der feudalen Klasse gewährt, handelt oder um die „Seligkeit“,
die die Kirche der Masse versprach, oder auch um den relativen Genuß,
den die Masse durch prunkvolle Feste, herrliche Gebäude und
Bilder und viele Feiertage erhielt. Immer ist Anspruch auf Glück,
Seligkeit, Genuß oder wie man es sonst bezeichnet, das selbstverständliche
Recht des Menschen und der selbstverständliche Zweck wirtschaftlichen
wie außerwirtschaftlichen Verhaltens.
Der bürgerliche Geist bringt hierin eine entscheidende und gar
nicht zu übersehende Änderung: das Glück hört auf, selbstverständlicher
Zweck des Lebens zu sein, und etwas anderes nimmt die oberste
Stelle der Werte ein: die Pflicht. Kraus stellt diesen Punkt als einen
der wichtigsten Unterschiede zwischen der scholastischen und calvinistischen
Einstellung heraus. „Was Calvins Arbeitsethos vom scholastischen
streng unterscheidet, ist die Ausschaltung der Zwecksetzung
und die Betonung eines formalen Berufsgehorsams, dem das
Material, an dem es sich betätigt, völlig indifferent ist, der mit
eherner Disziplin nur eines befiehlt: aus Gesinnungsgehorsam zu
handeln“ (S. 245). Bei aller sonstigen Polemik gegen Max Weber
erklärt Kraus: „Hier hat Weber gewiß recht, wenn er sagt, ,daß die
Schätzung der ?flichterfüllung innerhalb der weltlichen Berufe als des
höchsten Inhalts, den die sittliche Selbstbetätigung überhaupt annehmen
kann‘ (Weber, Ges. Aufsätze über Reijgionssoziologie,
S. 63f.), der alten Kirche wie dem Mittelalter unbekannt waren.“ Die
Einschätzung der Pflicht (an Stelle von Glück oder Seligkeit) als
obersten Wertes zieht sich vom Calvinismus durch das ganze bürgerliche
Denken, ob nun theologisch oder wie immer rationalisiert.
1) Vgl. insbesondere: Sombart, Der Bourgeois, München 1913;
Max Weber, Gas. Aufsätze zur Religionssoziologie. Bd.1. Tübingen 1920;
Tawney, Religion and theRise of Capitalism, London 1927; Brentano,
Die Anfänge des modernen Kapitalismus, München_1916; Troeltsch, Die
Soziallehren der christlichen Kirche. Ges. Sehr. Bd. I, Tübingen 1919;
Kraus, Scholastik, Puritanismus und Kapitalismus, München und Leip.
zig 1930. (Vgl. bei diesem auch die ausführlichen Literaturangaben.)
Die psychoanalytische Char&kterologie und ihre Bedeutung usw. 271
Mit dem in den Mittelpunkt Treten des Pflichtbegriffs geht eine
andere Veränderung einher: man wirtschaftet nicht mehr um des
(standesgemäßen) Lebensunterhalts willen, sondern Besitzen und
Sparen werden, unabhängig von dem Genuß des Erworbenen, zu
ethischen Forderungen bzw. zu an sich lustvollem Verhalten. In
der einschlägigen Literatur ist hierüber soviel Material beigebracht
worden, daß wir uns hier mit ganz wenigen beispielhaften Andeutungen
begnügen können.
Sombart zitiert als besonders eindrucksvoll für diese neue Bewertung
des Sparens einige Stellen aus Albertis Familienbüchern:
„Wie vor jedem Todfeind hüte man sich vor überflüssigen Ausgaben.“
„Jede Ausgabe, die nicht ullbedingt nötig ist (molto necessano), kann nur
aus Verrücktheit gemacht werden (da pozzia).“ „Ein so schlechtes Ding
die Verschwendung ist, so gut, nützlich und lobenswert ist die Sparsam.
keit.“ „Die Sparsamkeit schadet niemand, sie nützt der Familie.“ „Heilig
ist die Sparsamkeit.“ „Weißt du, welche Leute mir am besten gefallen?
Diejenigen, die für das Nötigste ihr Geld ausgeben und nicht mehr; den
Uberfluß heben sie auf; diese nenne ich sparsam, gute Wirte (massai).“
(L. B. Alberti, I libri della famiglia editi da Givolamo Mangini, Firenze 1908,
zit. bei Sombart, a. a. O. S. 140.)
Alberti predigte aber auch die Ökonomie der Kräfte:
„Die eciiteMaserizia soll sich auf das Haushalten mit drei Dingen, die
unser sind, erstre~en: 1. unsere Seele, 2. unseren Körper, 3. – vor allemunsere
Zeit!“ “ m von dem so kostbaren Gute, der Zeit, nichts zu ver·
lieren, stelle ich m·r diese Regel auf: nie bin ich müßig, ich fliehe den Schlaf
und lege mich ers nieder, wenn ich vor Ermattung umsinke … Ich ver·
.fahre also so: ich fliehe den Schlaf und die Muße, indem ich mir etwas
vornehme. Um alles in guter Ordnung zu vollbringen, was vollbracht
werden muß, mache ich mir morgens, wenn ich aufstehe, einen Zeitplan:
was werde ich heute zu tun haben? Viele Dinge: ich werde sie aufzählen,
denke ich, und jeder weise ich dann ihre Zeit zu: dieses tue ich heute, das
nachmittags, das heute abend; und auf diese Weise vollbringe ich meine
Geschäfte in guter Ordnung fast ohne Mühe . .. Abends überdenke ich
mir alles, ehe ich mich zur Ruhe lege, was ich getan habe. .. Lieber will
ich den Schlaf verlieren als die Zeit.“ (Zit. bei Sombart, a. a. O. S. 142/43).
Denselben Geist atmet die puritanische Ethik (vgl. Kraus a. a. O.
S. 259), denselben Geist die Lebensregeln Benjamin Franklins sowohl
wie des Bürgers des 19. Jahrhunderts.
Eng verwandt mit dieser Einstellung zum Eigentum ist ein weiterer
für den bürgerlichen „Geist“ charakteristischer Zug: die Bedeutung
der Privatsphäre. Ganz unabhängig vom Inhalt, der materieller
wie seelischer Art sein kann, ist die Privatsphäre etwas Heiliges, ein
Eingriff in sie ist eines der elementaren Verbrechen. (Die starken
Affekte gegen den Sozialismus, deren Ursprung auch bei vielen Besitzlosen
sonst nicht verständlich wäre, kommen zum Teil daher,
daß er eine Bedrohung der Privatsphäre bedeutet.)
272 Erich Fromm
Welches sind die für den „Geist“ des bürgerlichen Kapitalismus
charakteristischen Objektbeziehungen 1
Am auffälligsten ist die Einschränkung des sexuellen Genusses,
den die bürgerliche Sexualmoral vornimmt. Gewiß ist auch die katholische
Moral nioht genußbejahend, aber es ist gar kein Zweifel, daß die
Lebenspraxis der bürgerlich-protestantischen Welt in diesem Punkte
eine ganz andere war als die vorbürgerliche. Eine Gesinnung, wie sie
klassisch bei Franklin in seiner Tugendaufstellung zum Ausdruck
kommt, ist eben nicht nur eine ethische Norm, sondern eine Widerspiegelung
der bürgerlichen Praxis. Franklin sagt dort unter Punkt 12
über Keuschheit: „Fleischeslust genieße selten, außer um der Gesundheit
oder der Nachkommen halber, nie bis zur Ermattung oder Schwächung,
noch auch zum Schaden deines eigenen oder fremden Friedens
und Rufes“!).
Der Entwertung des sexuellen Genusses als solchem entspricht die
Verdinglichung aller menschlichen Beziehungen innerhalb der bürgerlichen
Gesellschaft. Die Beziehungen der Menschen werden wesentlich
nicht mehr von der Liebe gestaltet, sondern von rationalen Erwägungen.
Speziell die Liebesbeziehungen . sind weitgehend wirtschaftlichen
Gesichtspunkten untergeordnet. Zu der für die bürgerliche
Epoche charakteristischen Verdinglichung kommt weiterhin die
Gleichgültigkeit gegen das Schicksal der Nebenmenschen, die für die
Beziehung der Menschen der bürgerlichen Welt charakteristisch ist.
Nicht daß man in der vorbürgerlichen Epoche nicht oder auch nur
weniger grausam gewesen wäre, aber die bürgerliche Indifferenz hat
eine bestimmte, für sie spezifische Nuance: das Fehlen der Verantwortung
eines jeden für das Los aller 2), einer verpflichtenden, dem Mitmenschen
als solchem geltenden, nicht an Bedingungen geknüpften
liebenden Einstellung.
Einen klassischen Ausdruck findet diese Gleichgültigkeit in der
Definition, die Defoe von den Armen gibt 3). „Unter Armen verstehe
ich eine Menge jammernder, unbeschäftigter und unversorgter Leute,
welche für die Nation eine belastende Unannehmlichkeit sind
1) Dr. Benjamin Franklins Leben, aus dem Englischen übersetzt,
Weimar 1818, 1. Teil, S. 113f ..
‚) Unter den Tugenden, die Franklin für die wichtigsten hält (Mäßigkeit,
Schweigsamkeit, Ordnung, Entschlossenheit, Sparsamkeit, Betriebsamkeit,
Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Mäßigung, Reinlichkeit, Ruhe, Keuschheit
und die später noch hinzugefügte (!) Demut) kommt die Caritas, Liebe oder
Güte charakteristischerweise überhaupt nicht vor.
8) Defoe, Giving Alms no Charity, London 1704, S. 426; zit. bei Kraus
a. a. O. S. 283.
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 273
und eigener Gesetze bedürfen.“ Daß die Praxis des Kapitalismus,
besonders im 1-8. und 19. Jahrhundert, dieser Gesinnung entsprach,
ist bekannt. Aber auch im Urteil über den Tabaktrust in den Vereinigten
Staaten aus dem Jahre 1911 wird dieselbe Gesinnung festgestellt.
„Im Felde der Konkurrenz wurde jedes menschliche Wesen
… unbarmherzig beiseite geschobenl ).“ Die Lebensgeschichte der
großen amerikanischen Wirtschaftsführer des 19. Jahrhunderts bietet
eine einzige Illustration zu dieser Feststellung. Diese Mitleidslosigkeit
erscheint im Bewußtsein des bürgerlichen Geistes keineswegs als etwas
Unethisches. Im Gegenteil, sie ist verankert in bestimmten religiösen,
bzw. ethischen Vorstellungen. An Stelle der für den im Schoß der
Kirche Geborgenen garantierten Seligkeit wird das Glück in der
bürg~rlichen Anschauung die Belohnung getaner Pflicht, eine Auffassung,
die durch die Konstruktion unterstützt wird, daß im Kapitalismus
der „Tüchtige“ unbeschränkte Erfolgsmöglichkeiten hat.
Diese Mitleidslosigkeit des bürgerlichen „Charakters“ stellt eine notwendige
Anpassung an die ökonomische Struktur des Kapitalismus
dar. Das Prinzip der freien Konkurrenz und der durch sie vor sich
gehenden Auslese verlangt Individuen, die nicht durch Mitleid im
wirtschaftlichen Handeln gehemmt werden, und läßt die a;m wenigsten
„Mitleidigen“ zu den Erfolgreichsten werden.
In unserer Aufzählung der spezifisch bürgerlichen Charakterzüge
bedarf endlich noch einer der Erwähnung, auf dessen Wichtigkeit
ausführlich von den verschiedensten Autoren hingewiesen worden ist:
die Rationalität und Rechenhaftigkeit des bürgerlichen Geistes. Es
scheint uns, daß diese spezifisch bürgerliche Rationalität, die ja nicht
identisch ist mit einer hohen Stufe rationaler Aufhellung überhaupt,
weitgehend mit dem zusammenfällt, was man, unter einer rein psychologischen
Kategorie, als „Ordentlichkeit“ bezeichnen könnte. Die
Lebensgeschichte Franklins ist ein typisches Beispief dieser spezifisch
bürgerlichen „Ordentlichkeit“ und Rationalität2).
1) Zitiert bei Sombart, a. a. 0. S. 234.
l) Einen schönen Ausdruck findet diese „Ordentlichkeit“ in dem Tagesplan,
den sich FrankIin selbst gemacht hat und den er in seinen Lebens·
erinnerungen beschreibt (0.. 0.. 0. S. 118ff.): „Du. das Gebot der Ordnung
erforderte, daß jeder Teil meines Geschäftes seine angewiesene Zeit habe, so
enthielt eine Kolumne meines Büchleins folgenden Entwurf zum Gebrauch
der vierundzwanzig Stunden eines natürlichen Tages.
Früh.
Fr. Was habe ich
heute Gutes zu
tun ?
Entwurf.
(5) } Aufstehen, waschen, an die mächtige Gottheit
(6) mich wenden; an mein Tagewerk gehen und
(7) meinen Vorsatz für heute zu fassen, die
jetzigen Studien fortsetzen u. frühstücken.
274 Erich Fromm
Es kam uns darauf an, auf einige wichtige, für den bürgerlichkapitalistischen
Geist typische Charakterzüge hinzuweisen.
Als die Hauptcharakterzüge des bürgerlichen Geistes glaubten wir
annehmen zu dürfen: einerseits die Einschränkung des Genusses als
Selbstzwecks (speziell der Sexualität), den Rückzug von der Liebe und
die Ersetzung dieser Positionen durch die lustvolle Rolle des Sparens,
Sammelns und Besitzens als Selbstzweck, der Pflichterfüllung als
obersten Wertes, der rationalen „Ordentlichkeit“ und der mitleidslosen
Beziehungslosigkeit zum Mitmenschen.
Vergleichen wir diese Charakterzüge mit den oben dargestellten
typischen Zügen des analen Charakters, so fällt ohne weiteres auf, daß
hier eine weitgehende Übereinstimmung vorzuliegen scheint. Wenn
diese Übereinstimmung tatsächlich zutrifft, so wäre die Annahme
gerechtfertigt, daß die für den Menschen der bürgerlichen Gesellschaft
typische libidinöse Struktur durch eine Verstärkung der
analen Libidiposition charakterisiert ist. Eine ausgeführte Untersuchung
hätte also eine unter psychoanalytischen Kategorien zureichende
Beschreibung der bürgerlich-kapitalistischen Charakterzüge
zu geben, dann aufzuzeigen, wie und inwiefern sich diese
Charakterzüge im Sinne der Anpassung an die Erfordernisse der
kapitalistischen Wirtschaftsstruktur entwickelt hab~n und inwiefern
andererseits die den Charakter formierende Analerotik selbst zu
Mittag.
Nachmittag.
Abend.
Fr. Was habe ich
Gutes getan T
Nacht.
(8)
~~q Arbeiten
(11)
(12)} Lesen oder meine Rechnungen durchsehen und
(I) essen.
(2)
((34)) } Arbe .l ten
(5)
(6)
(7) } Sachen an Ort gelegt. Abendessen, Musik,
(8) Zerstreuung, Gespräch, Prüfung des Tages.
(9) !ii! ) Schlaf
(2)
(3)
(4)
Auch die Tabelle, in die Franklin seine 13 Tugenden eingetragen hatte
und täglich bei der Tugend, gegen die er verstoßen hatte, ein Kreuz
machte, ist ein typischer Ausdruck derselben „Ordentlichkeit“, wie wir
sie oben, plastisch von Abraham beschrieben, anführten.
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 275
einer die kapitalistische Wirtschaft vorwärtstreibenden Produktivkraft
wirdl ).
Obwohl wir uns ausdrücklich nicht um die Frage gekümmert haben,
von wann an man von einem Kapitalismus und einem bürgerlichkapitalistischen
„Geist“ sprechen kann, so .läßt sich, sollen nicht
schwere Mißverständnisse entstehen, ein Hinweis auf die hochkapitalistische
Entwicklung nicht vermeiden. Es ist deutlich, daß die für
den Bürger des 16.-19. Jahrhunderts typischen Charakterzüge in
demselben Maße schwinden, als auch der klassische Typ des selbständigen
Unternehmers, der gleichzeitig Eigentümer und Leiter des
Unternehmens, immer mehr zurücktritt. Die Charakterzüge, die den
Kaufmann ehemals förderten, sind teilweise für den Großunternehmer
des Hochkapitalismus eher hinderlich als fördernd. Eine Beschreibung
und Erklärung der Psyche des Großunternehmers in der
hochkapitalistischen Epoche wäre eine andere Aufgabe, die mit den
Mitteln der psychoanalytischen Sozialpsychologie vorzunehmen wäre.
In einer Schicht haben sich jedoch die bürgerlichen Charakterzüge
auch noch im Hochkapitalismus erhalten: im Kleinbürgertum, das
zwar in kapitalistisch so fortgeschrittenen Ländern wie etwa Deutschland
wirtschaftlich und politisch ohnmächtig ist, aber noch in den
alten Formen der kapitalistischen Epoche des 18. und 19. Jahrhunderts
wirtschaftet. Im heutigen Kleinbürgertum sind dieselben
für den analen Charakter typischen Züge anzutreffen, wie sie für den
alten bürgerlich-kapitalistischen Geist angenommen wurden 2).
1) Wichtige einschlägige Probleme, die einer ausführlichen Untersuchung
bedürften, seien hier wenigstens erwähnt: das des Zurücktretens
der Beziehung zur gütigen, ihre Kinder bedingungslos liebenden Mutter,
die im mittelalterlichen Katholizismus eine dominierende Rolle spielt
(vgl. meine Ausführungen über die Mutterbedeutung der Kirche, Marias
und Gottes in .. Entwicklung des Christusdogmas“, Wien 1930), zugunsten
der (typischerweise ambivalenten) Beziehung zum Vater, der selber mit
dem Sohn rivalisiert und seine Liebe von der Erfüllung bestimmter Bedingungen
abhängig macht; ferner das Problem der männlichen Gebärwünsche,
wie sie hinter der spezifisch kapitalistischen Produktivität als
Antrieb vorhanden sein mögen. .
I) Auch die Analyse des heutigen Kleinbürgertums ist eine wichtige
Aufgabe. Besonders sei auf die Eigenart der spezifisch kleinbürgerlichrevolutionären
Einstellung hingewiesen: die für die anale Haltung überhaupt
charakteristische Mischung von Verehrung der väterlichen Autorität,
der Sehnsucht nach Disziplin, in merkwürdiger Einheit mit Rebellion.
Die Rebellion geht nie gegen. die Autorität des Vaters als solche; diese
bleibt in ihren Fundamenten bei aller Trotzeinstellung unangetastet. Dazu
kann die ambivalente Einstellung durch Spaltung der Objekte befriedigt
werden: die Autoritätsimpulse werden am starken Führer ausgelassen, die
Rebellion an besonderen anderen Vaterfiguren, Der Unterschied kleinund
großbürg~rlichcr Haltung lällt sich neben vielen sonstigen Beispielen
276 Erich Fromm
Das Proletariat weist ebenfalls nicht annähernd in demselben
Maße die analen Charakterzüge auf wie das Kleinbürgertum l ). Da
es eine Stellung im Produktionsprozeß hat, die diese Charakterzüge
überflüssig macht, ist die Frage nach der Ursache dieser Andersartigkeit
leicht zu beantworten 2). Viel schwieriger ist die Frage,
warum so viele Proletarier, ebenso wie viele Kleinbürger, die gar kein
Kapital mehr zu verwalten, die gar nichts mehr zu sparen haben,
dennoch mehr oder weniger bürgerlich-anale Züge bzw. entsprechende
Ideologien haben. Der entscheidende Grund hierfür scheint uns darin
zu liegen, daß die libidinöse Struktur, auf der diese Charakterzüge beruhen,
durch die Familie, aber auch durch andere kulturelle Einflüsse
im alten Sinn beeinflußt wird, daß sie ein gewisses Eigengewicht
hat und sich langsamer ändert als die ökonomischen Tatsachen,
denen sie einst angepaßt war.
Die Bedeutung einer im Sinne der hier angedeuteten Illustration
vorgehenden Sozialpsychologie für die Soziologie liegt vor allem darin,
daß sie ermöglicht, die im Charakter zum Ausdruck kommenden libidinösen
Kräfte in ihrer Rolle als die gesellschaftliche Entwicklung im
Sinne der Entfaltung der Produktivkräfte vorwärtstreibenden bzw. sie
hemmenden Faktor zu verstehen. Hiermit wird es erst möglich, demBegriff
des „Geistes“ einer Epoche einen konkreten, wissenschaftlich korsinnfällig
darin illustrieren, daß die im kleinbürgerlichen (Bier-)Kabaret beliebte
und herrschende Zote die anale ist, während die für das großbürgerliche
(Wein-, bzw. Sekt-)Kabaret ebenso typische Zote die genitale ist.
1) Inwieweit man bei ihm wie bei den objektiv fortgeschrittensten
Teilen der Bourgeoisie von einem Anwachsen der genitalen Charakterzüge
sprechen kann, ist ein wichtiges, aber deshalb so schwieriges Problem, weil
der „genitale Charakter“ auch personalpsychologisch-klinisch noch s~
wenig untersucht ist.
2) Wie wichtig die Analyse der spezifischen Charakterzüge des Proletariats-
für das Verständnis des Sozialismus, für die Ursachen seines Erfolges
wie der Widerstände gegen seine Verwirklichung. im Proletariat
sind, braucht nicht besonders betont zu werden. Es sei hier nur auf den
Gegensatz hingewiesen zwischen der Einstellung des Marxismus, der die
menschliche Würde und Freiheit erst jenseits der wirtschaftenden Tätigkeit
sieht, der für jeden Menschen bedingungsloses Recht auf Glück und Befriedigung
fordert, der den verdinglichten Charakter menschlicher Beziehungen
im Kapitalismus kritisiert, und den analen Zügen des bürgerlichen
Geistes, der diesen Marxismus im Sinne der Forderung einer Gleichheit
der den einzelnen zugeteilten Portionen typisch mißversteht. Mit dieser
Frage hängt eng eine andere zusammen, die hier nur angedeutet werden
soll: das Zurücktreten der väterlichen Autorität im Psychischen und das
Hervortreten der der Mutter zugewandten Züge. (Die Erde wird zur allen
ihren Kindern reichlich spendenden Mutter.) Hierher gehört die Befreiung
der Frau ebenso wie zum kleinbürgerlichen Faschismus die Betonung des
männlich-väterlichen Autoritätsstandpunktes und die Unterwerfung derFrau.
Auch der Zusammenhang des Nationalismus mit der patriarchalischkleinbürgerlichen
Struktur gehört in diesen Problemkreis.
Die psychoanalytische Charakterologie und ihre Bedeutung usw. 277
rekten Sinn zu geben. Wenn der Begriff des „Geistes“ der Gesellschaft
in dieser Weise verstanden wird, werden sich auch eine Reihe von
Kontroversen in der soziologischen Literatur als hinfällig erweisen,
weil sie daraus entspringen, daß der „Geist“ als Ideologie aufgefaßt
wird und nicht als libidinös bedingter Charakterzug, der sich in sehr
verschiedenen und auch sich widersprechenden Ideologien ausdrücken
kann. Die Anwendung der Psychoanalyse wird aber nicht nur dem
Soziologen brauchbare Gesichtspunkte zur Untersuchung dieser Fragen
in die Hand geben, sie wird ihn auch verhindern, kritiklos falsche
psychologische Kategorien zu verwenden 1).
1) Ein charakteristisches Beispiel hierfür sind die falschen und 0 berflächlichen
psychologischen Kategorien, mit denen Sombart arbeitet.
So etwa, wenn er vom vorkapitalistischen Menschen sagt: „Das ist der
natürliche Mensch. Der Mensch wie ihn Gott geschaffen hat . .. Seine
Wirtschaftsgesinnung aufzufinden ist deshalb auch nicht schwer: sie ergibt
sich wie von selbst aus der menschlichen Natur“ (a. a. O. S. ll). Oder
wenn er die Psyche des Unternehmers des Hochkapitalismus damit erklärt,
daß dieser im Grunde – ein Kind sei. Er sagt: „In der Tat scheint mir die
Seelenstruktur des modernen Unternehmers, wie des von seinem Geiste
immer mehr angesteckten modernen Menschen überhaupt, am ehesten
uns verständlich zu werden, wenn man sich in die Vorstellungs- und Wertewelt
des Kindes versetzt und sich zum Bewußtsein bringt, daß in unseren
überlebensgroß erscheinenden Unternehmern und allen echt modernen
Menschen die Triebkräfte ihres Handeins dieselben sind wie beim Kind.
Die letzten Wertungen dieser Menschen bedeuten eine ungeheure Reduktion
aller seelischen Prozesse auf ihre allereinfachsten Elemente, stellen sich
also als eine vollständige Simplifizierung der seelischen Vorgänge‘ dar,
sind also eine Art von Rückfall in die einfachen Zustände der Kinderseele.
Ich will diese Ansicht begründen. Das Kind hat vier elementare Wertkomplexe,
vier „Ideale“ beherrschen sein Leben:
1. das sinnlich Große …
2. die rasche Bewegung •..
3. das Neue …
4. das Machtgefühl …
Diese – und wenn wir genau nachprüfen nur diese – Ideale des Kindes.
stecken nun aber in allen spezifisch modernen Wertvorstellungen“ (S.
22lf.).

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