Lenin und die Rezeption der Psychoanalyse in der Sowjetunion der Zwanzigerjahre

Christfried Tögel

Lenin und die Rezeption der Psychoanalyse in der Sowjetunion der Zwanzigerjahre

Laut Eugene Garfield vom Institute for Scientific Information sind Lenin und Freud die beiden meistzitierten Autoren des 20. Jahrhunderts (Garfield, 1986). Ihre Namen werden aber nur äußerst selten In einem Atemzuge gerannt. Wir wissen, daß Freud die Entwicklung in Rußland nach der Oktoberrevolution zwar skeptisch, jedoch mit Interesse verfolgt hat (vgl. z.B. Freud, 1974, S.503). Von Lenin aber glauben die meisten Wissenschaftshistoriker mit Ernst Federn, daß er die Psychoanalyse nicht kannte (Federn, 1976, 5.1042). Meine Bemerkungen werden jedoch nicht nur die Hinweise darauf zusammenstellen, daß Lenin die Psychoanalyse kannte – wie genau, läßt sich im Moment nicht sagen -, sondern ich will versuchen, aufgrund der uns bisher zugänglichen Informationen Lenins Einstellung zu Freuds Theorie zu rekonstruieren. In diesem Zusammenhang werde ich auch auf Lenins Kultur- und Wissenschaftspolitik und deren Auswirkungen auf das Schicksal der Psychoanalyse In der Sowjetunion der Zwanzigerjahre eingehen.

  1. Indizien für Lenins Kenntnis der Psychoanalyse

Da wären zuerst drei Bände mit Schriften Freuds In russischer Übersetzung zu nennen, die sich in Lenins Privatbibliothek befinden: 1. Die „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben“, d.h. die Geschichte des kleinen Hans.‘ (Freud, 1913). Auf der Titelseite der In Lenins Besitz befindlichen Ausgabe ist handschriftlich In lateinischen Buchstaben vermerkt: „S. Freud“. 2. Die „Vorlesungen zur Einführung In die Psychoanalyse“ (Freud, 1922, 1923a) Lenins Exemplar enthält Randbemerkungen seiner Frau Nadeshda Krupskaja. 3. Eine Sammlung von Schriften Freuds unter dem Titel „Grundlegende psychologische Theorien der Psychoanalyse.‘ (Freud, 1923b). In dieser Anthologie, auf deren Titelseite handschriftlich Lenins Name steht, sind folgende Arbeiten enthalten: „Formulierungen über zwei Prinzipien des psychischen Geschehens“, „Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung“, „Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“, ‚Trauer und Melancholie.‘, ‚Triebe und Triebschicksale“, „Über Triebumsetzungen, insbesondere der Analerotik.‘, „Das Unbewußte“, „Die Verdrängung“ und „Metapsychologische Ergänzungen zur Traumlehre“.

Es ist keineswegs ausgeschlossen, ja sogar sehr wahrscheinlich, daß Lenin weit mehr als nur diese Arbeiten Freuds kannte, hielt er sich doch zwischen 1895 und 1917 mehr als 15 Jahre in Westeuropa auf. Wahrend dieser Zeit besuchte er die Bibliotheken In Berlin, Leipzig, Genf, Zürich, Paris, London, in denen er bis zu 15 Stunden täglich verbrachte (Reisberg, 1977, S. 296). Ober die Bibliothek des Britischen Museums schrieb er z.B.: „Wenn ich in London bin, arbeite ich immer In der Bibliothek. Eine bemerkenswerte Institution…. Hier hat jeder Leser seinen gesonderten Platz, wo man auf beliebige Weise die bestellten Bücher, seine Exzerpte, Notizen auslegen kann .. . Man bestellt Bücher und sie werden einem fast augenblicklich gebracht.“ (Lenin, 1907). Und es war keineswegs so, daß Lenin nur Literatur zur Politik und Ökonomie las. In seinem philosophischen Hauptwerk „Materialismus und Empiriokritizismus“ aus dem Jahre 1908 zitiert er z.B. viele der führenden Psychologen dieser Zeit wie William James, Wilhelm Jerusalem, James Ward, Wilhelm Wundt, Theodor Ziehen. Und in seinen „Philosophischen Heften“ (Lenin, 1971) werden Hermann Ebbinghaus, August Forel, Friedrich Jodl, Theodor Lipps und wiederum Wilhelm Wundt erwähnt. Lenin war also recht gut über die Psychologie zu Beginn des 20. Jahrhunderts informiert und man muß sich fragen, wieso Freuds Name nirgends in seinen Schriften auftaucht. Möglicherweise ist Lenin wirklich nichts von Freud in die Hände gefallen oder er hielt Freuds Hypothesen für nicht erwähnenswert. Andererseits wissen wir aber auch, daß Stalin schon zu Lebzeiten Lenins begonnen hat, dessen Arbeiten zu zensurieren und ihm nicht genehme Passagen einfach zu streichen. Es wäre also keineswegs eine Überraschung, wenn die im Rahmen der Politik von Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion vorsichgehende Öffnung der Archive auch Materialien von Lenin zu Freud ans Tageslicht förderte.

Einen zweiten Hinweis auf Lenins Kenntnis der Psychoanalyse gibt uns Clara Zetkin. Sie kannte Lenin seit dem VII. Internationalen Sozialistenkongreß, der im August 1907 In Stuttgart stattfand. Aus der dortigen Bekanntschaft wurde eine herzliche Freundschaft. Wie nun aus Clara Zetkins im Jahre 1933 in Moskau erschienenen Erinnerungen an Lenin hervorgeht, hat dieser sich in einem Gespräch vom Herbst 1920 kritisch zu den Sexualtheorien seiner Zeit geäußert und in diesem Zusammenhang auch Freuds Namen erwähnt (Zetkin, 1933; Zetkin, 1957, 65-68). Alle Versuche jedoch, Clara Zetkins Aufzeichnungen im Sinne einer strikten Ablehnung der Psychoanalyse durch Lenin zu interpretieren, entbehren jeder Grundlage (vgl. z.B. das Vorwort zur russischen Ausgabe von Braun, 1982). Erstens hat Clara Zetkin ihre Erinnerungen erst mehr als vier Jahre nach dem bewußten Gespräch mit Lenin niedergeschrieben, und zweitens wird in der „Vorbemerkung“ zur deutschen Ausgabe der Erinnerungen klar hervorgehoben, daß Clara Zetkin diese aufgezeichnet hat, ohne Lenins Ausführungen wörtlich zu wiederholen“ (Zetkin, 1957, S.5). Doch gibt es auch inhaltliche Gründe, die gegen eine Ausweitung von Lenins Kritik bestimmter Sexualtheorien auf die Psychoanalyse überhaupt sprechen. So hat Lenin seine Ablehnung damit motiviert, „daß die Sexual- und Ehefrage nicht als Teil der großen sozialen Frage erfaßt wird. Umgekehrt, daß die große soziale Frage als ein Teil, als ein Anhängsel der Sexualprobleme erscheint.“ (Zetkin, 1957, 5.68).

An dieser Stelle sei mir ein kurzer Exkurs über Lenin und das Unbewußte gestattet. Es gibt Gründe dafür anzunehmen, daß Lenin die Existenz eines Unbewußten nicht ablehnte. Er hatte im Jahre 1909 Abel Reys Buch „La Philosophie Moderne.“ (Rey,1908) gelesen und sein Exemplar reichlich mit Randbemerkungen versehen. Das fünfte Kapitel enthält einen Abschnitt unter der Oberschrift „Das Problem des Unbewußten‘. Dort schreibt Abel Rey: „Aber wenn man schwerlich den Umfang des unbewußten in unserem Organismus übertreiben kann, so sollte man doch nicht die qualitative Bedeutung dieses Unbewußten übertreiben…“ Lenin hat die zweite Hälfte dieses Satzes unterstrichen die Worte „dieses unbewußten“ sogar doppelt. Allerdings finden sich keine Randbemerkungen wie „haha!“, „Gefasel“, „Unsinn!“, „Schwätzer“ oder andere wenig schmeichelhafte Epitheta, bei deren Verwendung Lenin an anderen Stellen von Reys Buch nicht sparsam ist. Aus dem Fehlen solcher kritischen Bemerkungen läßt sich der Schluß ziehen, daß Lenin die Existenz des Unbewußten nicht in Frage stellte. Und das Unbewußte ist ja eine keineswegs nebensächliche Kategorie der Psychoanalyse.

Doch zurück zu Clara Zetkin. In Zusammenhang mit dem oben erwähnten Gespräch mit Lenin, in dem auch Freuds Name fiel, ist die Tatsache interessant, daß Clara Zetkin seit 1918 mit Heinrich Meng gut bekannt war. Beide waren Nachbarn in Sillenbuch bei Stuttgart und Meng wurde auf Bitten Claras ihr Hausarzt. Damals hatte er schon gute Kontakte zu Freud, mit dem er seit 1918 korrespondierte und den er 1920 zum ersten Mal besuchte. Im Jahre 1923 wurde Heinrich Meng als Konsilarius in den Kreml gerufen, um u.a. auch Lenin zu behandeln, der zu dieser Zeit schon drei Schlaganfälle erlitten hatte. Allerdings bekam Meng Lenin nie zu Gesicht und fuhr bald wieder nach Deutschland zurück (Meng, 1971). Da Clara Zetkin aufgrund ihrer Freundschaft zu Lenin und Nadeshda Krupskaja und als Mitglied des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale oft für längere Zeit in Moskau war, liegt die Vermutung recht nahe, daß Heinrich Meng auf ihren Vorschlag hin nach Moskau eingeladen wurde.

  1. Weitere Querverbindungen zwischen Lenin und Freud

Neben den sicheren Hinweisen auf Lenins Kenntnis der Psychoanalyse gibt es eine Reihe von möglichen Informationsquellen über Freud und dessen Theorien. Da wäre zuerst Trotzki zu nennen. Zwischen 1907 und 1914 lebte er als politischer Emigrant in Wien. Mitglied des Redaktionskollegiums der von Trotzki herausgegeben »Prawda« war Adolf Joffe, damals Patient Alfred Adlers. Trotzki schreibt in diesem Zusammenhang:“ Durch Joffe wurde ich mit dem Problem der Psychoanalyse bekannt, die mir verführerisch erschien…“ (Trotzki, 1930, 5. 211). Nach der Oktoberrevolution 1917 in Rußland appellierte Trotzki an sowjetische Wissenschaftler – darunter auch an Ivan Petrowitsch Pawlow – der Psychoanalyse ohne Vorurteile zu begegnen (Deutscher, 1965, S. 193). Es kann keineswegs ausgeschlossen werden, daß Trotzki in seinen zahlreichen Gesprächen mit Lenin hin und wieder auch auf Freud und die Psychoanalyse zu sprechen kam und so eine Stellungnahme Lenins provozierte. Antwort darauf könnte das an der Harvard-University befindliche Trotzki-Archiv geben.

Trotzki und Freud haben sich nie getroffen. Es gibt jedoch – soweit ich bisher herausfinden konnte – zwei Personen, die sowohl Freud als auch Lenin persönlich kannten. Die erste ist Liweri Ossipowitsch Darkschewitsch. Er lebte von 1858 bis 1925 und war ein russischer Neurologe. 1884 arbeitete er an der Wiener Universität, wo er Freud zum ersten Mal traf. Ein Jahr später ging Darkschewitsch nach Paris und wurde dort laut Ernest Jones zu einem der Freunde Freuds (Jones, 1984, Bd. 1, S. 225). In einem Brief an Martha Bernays vom 4. November 1885 nannte Freud Darkschewitsch ‚meinen Freund In cerebro“ (Freud, 1960, S. 171) und charakterisierte ihn als einen „stillen und tiefen Fanatiker“ (ebenda, S. 172). Im Jahre 1886 veröffentlichten die beiden Freunde einen gemeinsamen Artikel „Über die Beziehung des Strickkörpers zum Hinterstrang und Hinterstrangkern nebst Bemerkungen (Über zwei Felder der Oblongata.‘ (Freud/Darkschewitsch, 1886). Ein Jahr später kehrte Darkschewitsch nach Rußland zurück, verteidigte seine Doktorarbeit und gründete im Jahre 1892 das erste russische Zentrum zur Alkoholikerbehandlung in Kasan. Gemeinsam mit Bechterev gründete er dann die Kasaner Gesellschaft für Neuropathologen und Psychiater und von 1917 bis zu seinem Tode im Jahre 1925 war er Professor für Neuropathologie an der 1. Moskauer Staatsuniversität. Der für uns interessante Punkt seiner Biographie ist die Tatsache, Daß Darkschewitsch 1922 einer der behandelnden Ärzte Lenins wurde. Besondere diagnostische Fähigkeiten hat er allerdings nicht bewiesen. So konstatierte er „Erschöpfung“, nachdem bei Lenin wiederholte Anfälle von Bewußtlosigkeit aufgetreten waren. Die Obduktion vom 22. Januar ergab dann jedoch „viele breite Erweichungsherde in der rechten Hemisphäre des Gehirns, einen frischen Bluterguß in der Vierhügelplatte.“ (Prawda, 24. Januar 1924). Es ist durchaus möglich, daß Darkschewitsch Lenin gegenüber niemals den Namen Freuds erwähnt hat, doch sollte man ihn als eine mögliche Informationsquelle in Betracht ziehen.

Der zweite gemeinsame Bekannte von Freud und Lenin ist Viktor Adler, Kommilitone Freuds und später Mitbegründer der Österreichischen Sozialistischen Partei (vgl. Freud, 1972, S. 222/223; Jones, 1984, Bd. 1, 5.65). Adler bewohnte früher die Räume im Erdgeschoß der Berggasse 19, in denen Freud von 1891 bis 1908 seine Praxis ausübte (Jones, 1984, Bd.2, S. 445). Wie Ernest Jones berichtet, hatte Freud Adler dort einst mit einem gemeinsamen Freund besucht (ebenda). Adler war der Psychoanalyse freundlich gesinnt, wie Ernst Federn berichtet, und er sah keinen Widerspruch zum Austromarxismus (Federn, 1976, S. 1042). Adler und Lenin kannten sich persönlich aus der Zeit ihrer gemeinsamen Mitgliedschaft im Büro der Sozialistischen Internationale. Am 7. August 1914 war Lenin in Neumarkt (heute Nowy Targ) in Galizien unter Spionageverdacht für Rußland verhaftet worden. Nadeshda Krupskaja schickte daraufhin sofort einen Brief an Viktor Adler mit der Bitte, sich um die Freilassung ihres Mannes zu bemühen (vgl. „Arbeiter-Zeitung“, 20. April 1924). Am 16. August intervenierte Adler gemeinsam mit dem Reichstagsabgeordneten Hermann Diamand im Innenministerium in Wien mit der Bitte, Lenin aus der Haft zu entlassen (Winter, 1957). Das geschah dann drei Tage später und Lenin und Krupskaja schickten umgehend eine Dankkarte an Adler („Arbeiter-Zeitung“, 20 April 1924). Am 30. August 1914 traf Lenin dann in Wien ein und bedankte sich bei Adler persönlich. Möglicherweise geben österreichische Archive darüber Auskunft, ob Viktor Adler mit Lenin nur über Politik gesprochen hat oder ob vielleicht auch Freud und die Psychoanalyse Gegenstand des Gedankenaustauschs waren.

An dieser Stelle wollen wir eine kurze Zwischenbilanz ziehen: Lenin wußte von der Psychoanalyse und besaß einige von Freuds Schriften in russischer Übersetzung. Freuds Sexualtheorie gegenüber war er möglicherweise kritisch eingestellt; die Existenz eines unbewußten dagegen akzeptierte er wohl. Bibliotheksstudien in Westeuropa und gemeinsame Bekannte von Freud und Lenin kommen darüberhinaus als mögliche Quellen für Lenins Kenntnis der Psychoanalyse in Frage, aber gesicherte Informationen dazu gibt es bisher nicht.

  1. Die Wissenschaftspolitik unter Lenin und ihre Bedeutung für die Psychoanalyse

Wir wollen nun den Blickwinkel wechseln. Hatten wir uns eben noch dafür interessiert, wie Lenin persönlich über Psychoanalyse dachte und was es für direkte und indirekte Beziehungen zwischen ihm und Freud gegeben haben könnte, so wollen wir nun fragen, wie Lenins Wissenschaftspolitik aussah und wie sie speziell in bezug auf die Psychoanalyse realisiert wurde.

Lenin war davon überzeugt, daß ohne die drastische Hebung des kulturellen Niveaus und eine beschleunigte Entwicklung der Wissenschaft in Sowjetrußland die Verwirklichung seiner kommunistischen Ideale zum Scheitern verurteilt ist. Er trat deshalb scharf gegen alle Versuche auf, mit der Beseitigung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung auch deren kulturelle und wissenschaftliche Errungenschaften über Bord zu werfen. An die Jugend Sowjetrußlands gewandt sagte er im Jahre 1920: „Ihr würdet einen großen Fehler begehen, wolltet …. den Schluß ziehen, daß man Kommunist werden kann, ohne sich das von der Menschheit angehäufte Wissen anzueignen…. Kommunist kann einer nur dann werden, wenn er sein Gedächtnis um alle die Schätze bereichert, die von der Menschheit gehoben worden sind.“ (Lenin, 1961 S. 534/535). Und gegen die Auswüchse des Proletkults gewandt sagte er, „daß nur durch eine genaue Kenntnis der durch die gesamte Entwicklung der Menschheit geschaffenen Kultur… eine proletarische Kultur aufgebaut werden …… Die proletarische Kultur fällt nicht vom Himmel, sie ist nicht eine Erfindung von Leuten, die sich als Fachleute für proletarische Kultur bezeichnen. Das ist alles kompletter Unsinn“ (Lenin, 1961, S. 535). In diesem Zusammenhang wies Lenin darauf hin, Daß der Marxismus „die wertvollsten Errungenschaften des bürgerlichen Zeitalters keineswegs ablehnte, sondern sich umgekehrt alles, was in der mehr als zweitausendjährigen Entwicklung des menschlichen Denkens und der menschlichen Kultur wertvoll war, aneignete und es verarbeitete“ (Lenin, 1961 b, S. 549).

Von diesen Überlegungen ließ sich Lenin bei allen praktischen Entscheidungen in der Wissenschafts- und Bildungspolitik leiten. Selbstverständlich kam das auch der Psychoanalyse zugute. Im folgenden wird nun zu zeigen sein, daß die Psychoanalyse von dieser Politik profitierte, nicht weil sie einfach so mit „durchrutschte“, sondern weil sie vom Volksbildungsministerium und der Regierung, deren Vorsitzender Lenin war, ganz bewußt toleriert wurde.

Das erste Beispiel in dieser Hinsicht ist das Programm des Staatsverlags zur Übersetzung der Werke Sigmund Freuds. Der Staatsverlag gehörte zum Volkskommisariat für Aufklärung, d.h. zum Bildungsministerium und war somit eine Regierungsinstitution. Von 1921 bis 1924 war dessen Direktor Otto Julewitsch Schmidt (1891-1956). Dieser Otto Schmidt ist eine zentrale Figur in der sowjetischen Wissenschaftsgeschichte. speziell auch der Geschichte der Psychoanalyse In der Sowjetunion der Zwanzigerjahre. Von 1924 bis 1941 war er Chefredakteur der ersten Auflage der berühmten „Großen Sowjetenzyklopädie“, bekannt wurde er aber besonders durch seine Polarforschungen und -expeditionen. Außerdem leistete er Bedeutendes auf den Gebieten der Mathematik, Astronomie und Geophysik. Er wurde zum Mitglied der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften gewählt, mit drei Orden „Lenin“ ausgezeichnet und schließlich zum „Helden der Sowjetunion“ ernannt. Für uns interessant ist jedoch die Tatsache, daß Schmidt auch Vizepräsident der im Jahre 1921 gegründeten Russischen Psychoanalytischen Vereinigung war. Seine Frau, Vera Schmidt, ist durch ihr Buch „Psychoanalytische Erziehung in Sowjetrußland‘ (Schmidt, 1924) in Psychoanalytikerkreisen jedoch besser bekannt. In diesem Buch, das 1924 im Internationalen Psychoana1ytischen Verlag erschien, berichtet Frau Schmidt über die Arbeit des von Professor Ermakov und ihr geleiteten psychoanalytischen Kinderheim-Laboratoriums in Moskau. Dieses Kinderheim wurde im Herbst 1923 durch ein Ambulatorium und die Einführung von psychoanalytischen Kursen und Seminaren zu einem Staatlichen Psychoanalytischen Institut erweitert.

Otto Julewitsch Schmidt also begann nun in seinem Verlag Freuds Arbeiten in russischer Sprache herauszugeben. Zum Teil konnte er dabei auf Übersetzungen aus der Zeit vor der Oktoberrevolution zurückgreifen. Der größte Teil allerdings waren Neuausgaben. Von den insgesamt 50 ins Russische übersetzen Arbeiten Freuds sind 34 nach 1917 erschienen und von diesen wiederum 28 im Staatsverlag von Otto Schmidt. Fast alle dort übersetzten Arbeiten Freuds wurden in der Reihe „Psychologische und psychoanalytische Bibliothek“ veröffentlicht. Die ersten beiden Bände dieser Reihe umfaßten Freuds „Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“ (Freud 1922, 1923a) und der dritte enthielt eine Sammlung von neun Schriften Freuds unter dem Titel „Grundlegende psychologische Theorien der Psychoanalyse“ (Freud, 1923b). Diese drei Bände – wir hatten das oben schon erwähnt – waren auch im persönlichen Besitz Lenins. Der vierte Band war ebenfalls eine Anthologie mit Freuds Arbeiten unter dem Titel „Methodik und Technik der Psychoanalyse“ (Freud, 1923c) und enthielt folgende Schriften: „Zur Dynamik der Übertragung“, „Ober fausse reconnaissance während der psychoanalytischen Arbeit“, „Die Freudsche psychoanalytische Methode“, „Ober Psychotherapie“, „Zur Vorgeschichte der psychoanalytischen Technik“, „Wege der psychoanalytischen Therapie“, „Weitere Ratschläge zur Technik der Psychoanalyse“ (alle 3 Teile), „Ober ‚wilde‘ Psychoanalyse“ und „Die zukünftigen Chancen der psychoanalytischen Therapie“. Der fünfte Band erschien unter dem Titel „Psychoanalyse und Charakterlehre“. Neben den beiden Arbeiten Freuds „Charakter und Analerotik“ und „Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit“ enthielt er Beiträge von Ernest Jones, Isidor Sadger und Hans von Hattingberg. Als Band 6 erschien Freuds „Totem und Tabu“ (Freud, 1923,d), als Band 7 Jungs „Psychologische Typen“ (Jung, 1923) und Band 8 war wieder eine Freud-Anthologie, diesmal unter dem Titel „Abhandlungen zur Psychologie der Sexualität“ (Freud, 1924). Dieser Band macht den russischen Leser mit folgenden Arbeiten bekannt: „Zur Einführung des Nazismus“, „Die infantile Genitalorgarnisation“, „Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens“ und „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“. Der neunte und meines Wissens letzte Band enthielt Arbeiten von Carl Gustav Jung, Sándor Ferenczi und Melanie Klein unter dem Titel „Zur Psychoanalyse des Kindes“. Außerhalb dieser Reihe gab der Staatsverlag Freuds Arbeiten „Die Zukunft einer Illusion“ (Freud, 1930) und „Der Moses des Michelangelo“ (Freud, o.J.) heraus.

Ich bin so ausführlich auf die Freud-Übersetzungen im Staatsverlag eingegangen, weil sie zeigen, daß die Psychoanalyse zu jener Zeit vom Rat der Volkskommissare, d.h. von der Sowjetregierung durchaus ernstgenommen und noch nicht als idealistische und reaktionäre Strömung beschimpft wurde. Besonders wichtig in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, daß Lenin die Veröffentli-chungspolitik des Staatsverlages entscheidend mitbestimmte (Petrow, 1959). Hätte Lenin die Psychoanalyse Freuds im Prinzip für „anti-sozial“, „ultraindividualistisch“, „antiproletarisch“ und „idealistisch“ gehalten, wie das mit Stoljarov (1930) alle Gegner der Psychoanalyse in der Sowjetunion seit Mitte der Zwanzigerjahre taten, würde er kaum dieses breite Verlagsprogramm psychoana-lytischer Schriften im Staatsverlag gutgeheißen haben.

Ich hatte schon darauf hingewiesen, daß der Staatsverlag zum Volkskommissariat für Bildungswesen, d.h. zum Bildungsministerium gehörte. Eine wichtige Rolle in diesem Ministerium spielte Lenins Frau, Nadeshda Krupskaja. Im Jahre 1921 gründete sie gemeinsam mit Stanislaw Schatzki (1878 1934) und Pawel Blonski (1884-1941) die pädagogische Sektion des Volkskommissariats für Bildungswesen, die die finanziellen Mittel für die im selben Jahr erfolgte Gründung des psychoanalytischen Kinderheims von Vera Schmidt bereitstellte. Blonski war Gründungsmitglied der ebenfalls 1921 gegründeten Russischen Psychoanalytischen Vereinigung und Schatzki leitete deren pädagogische Sektion. Beide galten als führende russische Pädagogen bzw. Psychologen. Schatzki hatte die Schweiz, Frankreich, Belgien und Deutschland besucht und unterhielt Kontakte u.a. zu Georg Kerschensteiner und John Dewey. Ein Teil seines Nachrufs in der „Prawda“ vom 30. Oktober 1934 ist von Nadeshda Krupskaja verfaßt worden. Blonski war der Gründer der später nach Nadeshda Krupskaja benannten Akademie für kommunistische Erziehung und wurde vermutlich von Lenin selbst seiner Frau all Mitarbeiter vorgeschlagen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, daß die beiden zu dieser Zeit wohl einflußreichsten Pädagogen Sowjetrußlands und engsten Mitarbeiter von Lenins Frau im Bildungsministerium gleichzeitig Schlüsselpositionen in der Russischen Psychoanalytischen Vereinigung einnehmen.

Doch neben Schmidt, Schatzki und Blonski gibt es noch eine Reihe weiterer Personen, die sowohl wichtige Regierungsämter bekleideten, all auch in der psychoanalytischen Bewegung in Sowjetrußland aktiv waren. Wir wollen hier aber nur noch Michail Reisner (1868-1928) erwähnen. Er war 1905 Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands, arbeitet nach 1917 maßgeblich an dem Entwurf der ersten Sowjetverfassung mit und gründete die Kommunistische Akademie, die er sich all Zentrum marxistischer Sozialwissenschaft dachte. In der kommunistischen Akademie wurde Mitte der Zwanzigerjahre eine Reihe von Vorträgen und Diskussionen zur Psychoanalyse organisiert. Reisner war einer der Mitbegründer der Russischen PsychoanaIytischen Vereinigung und arbeitete gleichzeitig auch im Bildungsministerium. Sein Interesse an der Psychoanalyse bezog sich hauptsächlich auf deren Religionskritik. Nach Reisners Tod im Jahre 1928 wurden seine Schriften als idealistisch eingestuft und Stoljarov, einer der erbittertsten Gegner der Psychoanalyse, nannte ihn einen „Unglücks-Marxisten“ (Stoljarov, 1930,S.287).

Die theoretisch-philosophische Diskussion um die Psychoanalyse begann in der Zeitschrift „Unter dem Banner des Marxismus“. Das war eine „Monatsschrift für Philosophie und politische Ökonomie“, die seit Januar 1922 in Moskau erschien. Lenin hatte im dritten Heft dieser Zeitschrift in einem Artikel „Ober die Bedeutung des streitbaren Materialismus“ deren Ziel und Aufgabe formuliert: Die Verteidigung des Materialismus und Marxismus (Lenin, 1%1c, S.756). Die einzige noch zu Lebzeiten Lenins in diesem Organ veröffentlichte Arbeit zur Psychoanalyse stammt von Bychowski und trägt den Titel „Über die methodologischen Grundlagen der Lehre Freuds“ (Bychowski, 1923). Für ihn war die Psychoanalyse durchdrungen „vom Monismus,vom Materialismus… und von der Dialektik, d.h. von den Prinzipien des dialektischen und historischen Materialismus“ (Bychowski, 1923, S.169; zitiert nach Budilowa, 1975,S.54). Der Artikel Bychowskis war die erste theoretische Arbeit, die den Vorschlag machte, die Psychoanalyse unter dem Blickwinkel der materialistischen Dialektik weiterzuentwickeln und damit die Voraussetzung für eine psychologische Theorie auf marxistischer Grundlage zu schaffen. Und dieser Artikel ist 1923 im theoretischen Organ der Partei Lenins erschienen! Es bleibt weiterer Forschung vorbehalten herauszufinden, ob das Manuskript von Bychowskis Arbeit über Lenins Schreibtisch ging oder ob und in welchem Sinne er sich über den veröffentlichten Artikel geäußert hat.

Ähnliche Positionen wie Bychowski vertraten auch Salkind (1924), Luria (1925) und Fridman (1925). Im Zusammenhang mit Salkinds Arbeit, die den Titel „Freudismus und Marxismus“ trägt, ist folgender Umstand interessant: A. Woronski, der Chefredakteur der Zeitschrift „Krasnaja Now“, in der Salkinds Artikel erschien, war einer der letzten (wenn nicht überhaupt der letzte) Besucher Lenins in Gorki. Der Besuch fand am 16. Dezember 1923, also einen reichlichen Monat vor Lenins Tod, statt. Zu dieser Zeit befand sich SaIkinds Manuskript höchstwahrscheinlich schon in der Redaktion der Zeitschrift. Es ist kaum anzunehmen, daß Lenin in seinem desolaten Gesundheitsstzustand den Chefredakteur einer Zeitschrift empfängt, außer um von ihm über dessen Arbeit informiert zu werden. Auf jeden Fall ist Salkinds Artikel kurz nach Lenins Tod erschienen.

Das bisher Gesagte kann dahingehend zusammengefaßt werden, daß Lenin der Entwicklung der Psychoanalyse in Sowjetrußland keinerlei Widerstand entgegensetzte. Das zeigen sowohl die Freud-Übersetzungen im Staatsverlag, als auch das Engagement enger Krupskaja-Mitarbeiter für die Psychoanalyse. Lenins Wissenschaftspolitik war eine Politik des wissenschaftlichen Pluralismus, des wissenschaftlichen Meinungsstreits und der Hochschätzung aller wissenschaftlichen Errungenschaften. Es war diese – auch für die Psychoanalyse – günstige Atmosphäre, die Jürgen Kuczynski dazu veranlaßt hat, neben der griechischen Antike und der europäischen Renaissance die Zwanzigerjahre in der Sowjetunion zu den drei großen Blütezeiten der menschlichen Kulturgeschichte zu zählen (Kuczynski, 1986,S.185). Doch leider dauerte diese Blütezeit nicht lange. Als Lenin auf Grund seiner Krankheit nicht mehr in der Lage ist, seine Linie in Politik, Kultur und Wissenschaft zu verteidigen, beginnt Stalin seinen Kampf um persönliche Macht. Er isoliert Lenin mit Hilfe ärztlicher Verbote, entfernt aus Lenins Manuskripten Passagen, die gegen ihn gerichtet sind und unterdrückt die Bekanntmachung des „Briefes an den Parteitag“, in dem Lenin vorschlägt, Stalin vom Posten des Generalsekretärs abzulösen. Alle diese Schritte motiviert Stalin mit angeblichen Interessen der Partei. Auf diese Art und Weise identifiziert sich zum ersten Mal seit der Revolution ein Einzelner mit den Zielen der Allgemeinheit. Dieses Vorgehen ist für Stalin ein effizientes Mittel der Verteidigung gegen jeden, der seine Macht in Frage stellt; denn jede Kritik an Stalin bedeutet unter diesen Bedingungen automatisch Kampf gegen die Grundlagen der Partei. Und das wird grausam bestraft. Dank der Politik von Glasnost wissen wir heute, zu welchen Fälschungen und viel, viel schwereren Verbrechen diese Politik Stalins geführt hat.

Die Stalinschen Methoden im Kampf gegen seine politischen und persönlichen Gegner wurden allmählich zum Modell für die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Kontrahenten. Selbstverständlich haben immer nur mittelmäßige und Pseudowissenschaftler, die nicht in der Lage sind, wissenschaftlich zu argumentieren, Denunziationen als Mittel zur Ausschaltung wissenschaftlicher Opponenten benutzt. Der Algorithmus dieser „pseudowissenschaftlichen“ Argumentation kann folgendermaßen beschrieben werden (vgl. Danailow, 1985):

  1. Konstruktion einer Zerrbild-Theorie (ZT) der einzelwissenschaftlichen Theorie (T) mit dem empirischen Bereich (EB) und der Vermengung, häufig auch Ersetzung von T durch ihre philosophische, soziologische, ideologische usw. Interpretation (PhI);
  2. Suggestion, daß die Zerrbild-Theorie mit der kritisierten Theorie identisch ist;
  3. Beweis, daß T dem vertretenen naturphilosophischen Schema (NPhS) widerspricht;
  4. Schluß, daß T und eventuell auch EB unwissenschaftlich, metaphysisch, idealistisch oder reaktionär ist.

Formal läßt sich dieser Algorithmus so darstellen:

  1. (EB, T) Ph º (ZT und/oder Phl)
  2. (ZT und/oder Pnl) = T
  3. T NPhS
  4. (T und /oder EB) ist unwissenschaftlich, metaphysisch, idealistisch oder reaktionär.

In Bezug auf die Psychoanalyse ist Jurinetz (1925) zuerst nach dieser Methode vorgegangen. Als Zerrbild-Theorie dient ihm Aurel Kolnais Buch „Psychoanalyse und Soziologie“ (Kolnai, 1920). Da Jurinetz Kolnai einen der „eifrigsten Schüler Freuds“ (Jurinetz, 1925; zitiert nach Sandkühler, 1970, S.71) nennt, suggeriert er auf diese Art und Weise dem russischen Leser, daß Freud einen ähnlich primitiven Antikommunismus und Antisowjetismus vertritt. Außerdem ersetzt Jurinetz die fachwissenschaftliche psychoanalytische Theorie Freuds durch eine von ihm gegebene philosophische Interpretation der Psychoanalyse. Auf diese Art und Weise spart er sich die empirische Überprüfung psychoanalytischer Hypothesen und rechnet mit Freud auf ideologischer Ebene ab.

Leider galt dieses Vorgehen jahrzehntelang als paradigmatisch für die „marxistische“ Kritik der Psychoanalyse in den meisten sozialistischen Ländern. Erst in letzter Zeit finden sich häufiger objektive und differenzierte Untersuchungen zu Freuds Theorien. Für viele Jahre war vergessen worden, was der französische Marxist Lucien Seve so formuliert hat: „Das wissenschaftliche Erkenntnisgut ist weder bürgerlich noch proletarisch, es ist wahr… und das Kriterium seiner Wahrheit ist die Übereinstimmung mit seinem Gegenstand, nicht aber mit dieser oder jener philosophischen Auffassung oder mit den Interessen dieser oder jener Gesellschaftsklasse“ (Seve, 1973,S.46/47). Genau das war auch Lenins Position. Er hat sie in den Worten zusammengefaßt: „Die Wahrheit darf nicht davon abhängen, wem sie zu dienen hat“ (Lenin, 1965S.446). Alle Anzeichen sprechen dafür, daß das neue Verhältnis zur Psychoanalyse in den sozialistischen Lindern von dieser Erkenntnis entscheidend mitgeprägt ist.

Bibliographie

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Zusammenfassung

Lenin war die Psychoanalyse bekannt, er besaß persönlich einige Schriften Freuds in russischer Übersetzung. Freuds Sexualtheorie stand er möglicherweise kritisch gegenüber, die Existenz eines Unbewußten dagegen akzeptierte er. 1909 hatte er Abel Reys Buch „La philosophie moderne“ gelesen und mit Randnotizen versehen, besonders reichlich den Abschnitt „Das Problem des unbewußten“ im fünften Kapitel.

Bibliotheksstudien in Westeuropa und gemeinsame Bekannte von Freud und Lenin kommen darüber hinaus als mögliche Quellen für Lenins Kenntnis der Psychoanalyse in Frage, gesicherte Informationen gibt es dazu aber bisher nicht: Liweri Ossipowitsch Darkschewitsch, ein russischer Neurologe, war mit Sigmund Freud befreundet und hat gemeinsam mit ihm 1886 einen Artikel „Ober die Beziehung des Strickkörpers zum Hinterstrang und Hinterstrangkern nebst Bemerkungen über zwei Felder der Oblongata“ veröffentlicht. Ein Jahr später kehrte Darkschewitsch nach Rußland zurück und wurde in der Folge Professor für Neuropathologie an der Ersten Moskauer Staatsuniversitätsklinik. 1922 war er einer der behandelnden Ärzte Lenins.

Der zweite gemeinsame Bekannte ist Viktor Adler, Mitbegründer der Österreichischen Sozialdemokratischen Partei und jener Arzt, von dem Sigmund Freud 1891 die Raume im Erdgeschoß der Berggasse 19 übernommen hatte; Viktor Adler war durch Interventionen maßgeblich an der Freilassung Lenins im August 1914 beteiligt, als dieser in Galizien unter Spionageverdacht festgenommen worden war. Lenin reiste in der Folge nach Wien und dankte Adler persönlich.

Lenin setzte der Entwicklung der Psychoanalyse in Sowjetrußland keinerlei Widerstand entgegen. Das zeigen sowohl die Freud-Übersetzungen im Staatsverlag als auch das Engagement enger Mitarbeiter von Lenins Frau Nadeshda Krupskaja für die Psychoanalyse. Der Staatsverlag gehörte zum Volkskommissariat für Aufklärung, d.h. zum Bildungsministerium, und war somit eine Regierungsinstitution. Direktor des Staatsverlages war von 1921 bis 1924 Otto Julewitsch Schmidt, gleichzeitig auch Vizepräsident der 1921 gegründeten Russischen Psychoanalytischen Vereinigung. Seine Frau Vera Schmidt war Mitleiterin des psychoanalytischen Kinderheim-Laboratoriums, das 1923 durch ein Ambulatorium und die Einführung von psychoanalytischen Kursen und Seminaren zu einem Staatlichen Psychoanalytischen Institut erweitert wurde. Ein weiteres Gründungsmitglied der Russischen Psychoanalytischen Vereinigung war Pawel Blonski, sein Kollege Stanislaw Schatzki leitete die pädagogische Sektion. Beide Wissenschaftler waren enge Mitarbeiter von Nadeshda Krupskaja. Die beiden zu dieser Zeit wohl einflußreichsten Pädagogen Sowjetrußlands und engsten Mitarbeiter von Lenins Frau im Bildungsministerium hatten also gleichzeitig Schlüsselpositionen in der Russischen Psychoanalytischen Vereinigung inne. Diese Blütezeit ging mit Lenins Tod und der Machtübernahme durch Stalin zu Ende. Vor allem Jurinetz bediente sich der Zerrbild-Theorie, um dem russischen Leser zu suggerieren, daß Freud einen Antikommunismus und Antisowjetismus vertrat.

Erst in den letzten Jahren durfte in der Sowjetunion ein neues Verhältnis zur Psychoanalyse wieder Platz greifen, das der Autor mit dem Zitat von Lenin umreißt: „Die Wahrheit darf nicht davon abhängen, wem sie zu dienen hat“.
Summary

Lenin had read some papers of Freud that he had in his library in Russian translation. He might have taken a critical distance to Freud’s sexual theory, but seems to have accepted the theory of the unconscious. In 1909, while reading Abel Rey’s „La philosophic moderne“ he made marginal notes, particularly in the passage on „The problem of the unconscious“ in the fifth chapter.

Lenin’s studies in the libraries of Western Europe and mutual friends of Freud and Lenin might have been other possible sources for Lenin’s knowledge of psychoanalysis. But there is no definite proof: Liweri Ossipowitsch Darkschewitsch, a Russian neurologist, was a friend of Sigmund Freud at Paris and in 1886 they published a paper: „Über die Beziehung des Strickkörpers zum Hinterstrang und Hinterstrangkern nebst Bemerkungen über zwei Felder der Oblongata“.

One year later Darkschewitsch returned to Russia and became subsequently Professor of Neuropathology at the First State University Clinic of Moscow. In 1922 he was one of the physicians treating Lenin.

Another mutual acquaintance was Dr. Viktor Adler, founder of the Austrian Socialdemocratic Party, whose flat at Berggasse 19 Sigmund Freud took over in 1891. Partly through Adler’s intervention Lenin was released in August 1914, after he had been arrested in Galicia under suspicion of being a spy.

Later Lenin travelled to Vienna to express his gratitude to Adler in person.

Lenin did in no way oppose development of psychoanalysis in Soviet Russia. Translations of Freud’s works were published by the State publishing house and close colleagues of Lenin’s wife Nadeshda Krupskaja were involved in psychoanalysis. The State publishing house belonged to the People’s Commissariat for Enlightenment, i.e. the Ministry of Education, and therefore was governmental.

From 1921 to 1924 Otto Julewitsch Schmidt was the director of the State publishing house, at the same time vice-president of the Russian Psycho-Analytical Association, founded in 1921. His wife Vera Schmidt was co-director of the Psycho-Analytical Nursery-Laboratory. This was upgraded to a State Psycho-Analytic Institute by addition of an out-patients‘ clinic and the introduction of psychoanalytic courses and seminars.

Pawel Blonski was another founding member of the Russian Psycho-Analytical Association, his colleague Stanislaw Schatski was in charge of the pedagogical section.

These two scientists were close colleagues of Nadeshda Krupskaja in the Ministry of Education. At that time they were the most influential educationalists in Soviet Russia and also held key positions in the Russian Psycho-Analytical Association.

After Lenin’s death and Stalin’s take over of power this favourable period came to an end.

Jurinetz caricatured Freud’s theory so as to convince Russian readers that Freud was anti-communist and anti-soviet.

In recent years a new attitude to psychoanalysis has gained ground characterized by the author in quoting Lenin: „Truth must not depend on whom it serves“.

 http://www.freud-biographik.de/frdsu.htm

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