Helmut Dahmer: Das Unheimliche

Aus: Ausgabe vom 21.05.2016, Seite 11 / Feuilleton

Das Unheimliche

Die alten Spukgeschichten werden wieder politisch: Man muss sie entzaubern

Von Helmut Dahmer
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Die Militarisierung des Unheimlichen: Ein Junge in Tarnfarben versucht, einen Blick auf einen Blick auf eine Veranstaltung des US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump zu erhaschen (im Februar in Walterboro, South Carolina)

Wir alle kennen das Erschrecken, das Grausen vor dem, was uns unheimlich ist. Was aber hat es mit dem Unheimlichen auf sich, was ist uns unheimlich, wovor graust es uns?

Wir gehen etwa in der Dämmerung durch einen einsamen Wald oder streifen einsam durchs Gebirge. Plötzlich scheint drüben, zwischen den Bäumen oder hoch oben am Steilhang jemand zu stehen, uns zu winken oder zu rufen. Oder wir sind allein in einem großen Haus und glauben, irgendwo – im Keller oder auf dem Boden oder gar im Nachbarzimmer – »verdächtige« Geräusche zu hören.

Die Literatur, besonders die Märchen, Sagen und Balladen, ist voll von Spuk- und Gespenstergeschichten. Mitunter, wie in Goethes Moritat vom »Erlkönig«, werden die Menschen vom Unheimlichen überwältigt, in anderen Fällen, wie in Droste-Hülshoffs Ballade vom »Knaben im Moor«, gereicht ihnen die atemlose Flucht vor dem Grausigen zur Rettung. Und in dem Grimmschen Märchen »Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen« oder in dem vom »Königssohn, der sich vor nichts fürchtet«, treten sogar Individuen auf, denen gar nichts (mehr) unheimlich ist.

Was das Erschrecken, das Gefühl des Unheimlichen auslöst, ist allemal das Irreguläre, die überraschende Erscheinung von etwas, das es »eigentlich« gar nicht geben kann oder geben darf, kurz: die Erscheinung von etwas »Gespenstischem«. Es handelt sich dabei um Grenz-Lockerungen oder Grenz-Verwischungen: Unbelebtes scheint (hinter unserem Rücken) ein geheimes Leben zu führen, Lebendiges wiederum erstarrt, als wäre es in Wahrheit längst schon tot. Robinson stößt auf einer Wanderung über seine menschenleere Insel plötzlich auf einen vereinzelten Fußabdruck im Sand; und in den unheimlichen Geschichten Edgar Allan Poes, E. T. A. Hoffmanns und Nikolai Gogols geht es häufig um Scheintote und um Wiedergänger.

Der Unterscheidung von Lebendigem und Totem entspricht die Trennung von Gegenwärtigem und Vergangenem. Auch in der Zeit, also in der Geschichte, gibt es – wie Shakespeares Hamlet zu Horatio sagt – »mehr zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt«. Die »Schulweisheit« will Ordnung schaffen. Sie unterteilt die unübersichtliche Welt in klar umgrenzte Gebiete oder Ressorts: Da steht Wissenschaft gegen Glaube und Aberglaube, Technik gegen Magie, Theorie gegen Phantasie und Dichtung, das Wachbewusstsein wird vom Träumen abgegrenzt usw.

Äußerste Barbarei

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Im 19. Jahrhundert war (in Europa) die Vorstellung verbreitet, dass die international sich ausbreitende Marktwirtschaft über kurz oder lang eine solche Steigerung des allgemeinen Wohlstands mit sich bringen werde, dass niemand mehr hungern müsse und Kriege überflüssig würden. Das darauf folgende 20. Jahrhundert war indessen eines der äußersten Barbarei, nicht nur in den Kolonien, sondern gerade auch im europäischen Zentrum der Moderne. Der Erste Weltkrieg machte die Fortschrittsillusionen des langen 19. Jahrhunderts zunichte, und der ihm folgende Zweite zeigte, dass sich im Rahmen der bestehenden wirtschaftlichen und politischen Institutionen (vor allem des Privateigentums an den Produktionsmitteln und des Nationalstaats) weder die (weltweite) gesellschaftliche Ungleichheit noch die permanenten Kriege um Land und Ressourcen abschaffen lassen.

Inmitten der modernen, entzauberten Welt lebt die düstere, menschenmörderische Vergangenheit fort, auch wenn die ihrem Selbstverständnis nach einigermaßen aufgeklärten Zeitgenossen das nicht wahrhaben wollen. Weil sie das in unserer Gegenwart untergründig fortwuchernde Vergangene ignorieren, sich immer wieder einreden, sie hätten es längst »bewältigt«, sind sie auf dessen Wiederkehr nicht vorbereitet und werden periodisch vom scheinbar Vergangenen überwältigt. Darum setzt sich die Geschichte als eine Reihe von Katastrophen fort. Auf den Holocaust folgten die Massenmorde in Kambodscha und Ruanda/Burundi, auf Hiroshima und Nagasaki folgten Tschernobyl und Fukushima, auf den Algerienkrieg der in Vietnam, an den Afghanistan-Krieg schlossen sich Interventionskriege in Irak, Syrien und Libyen an… Diese Geschichte, aus der wir noch immer nicht herausgefunden haben, ist wahrlich eine unheimliche.

Die alte Angst

Ein jeder der Gegenwartsmenschen, die die widerstrebenden Subjekte und Objekte von Geschichte sind, ist selbst ein wandelnder Widerspruch. Er ist Teilhaber der Moderne, doch leben auch älteste Traditionen noch in ihm fort: Astrophysiker und Hochhausarchitekten tragen Amulette, Generäle und Kernforscher glauben an die Auferstehung des Fleisches, Stadtplaner und Seuchenmediziner wähnen, dass sie ohne Gebet, Beichte und Kommunion verloren sind. Zahllose Menschen fürchten Arbeitslosigkeit und Krankheit, mehr noch aber beherrscht sie die Angst, später einmal in der Hölle zu landen, sofern sie die Rituale ihrer Religion nicht pünktlich befolgen. Mit den ältesten Formen der Menschenbeherrschung, mit Folter und Todesstrafe, mit Ghetto, Lager und Gefängnis, mit Todesschwadronen und Grenzmauern reproduziert sich in unserer Gegenwart auch das, was eh und je den leidenden Menschen zum Trost gereichte: der Glaube an einen barmherzigen, hilfreichen Gott (oder an eine Vielzahl bestechlicher Dämonen) und die Hoffnung auf ein besseres »Jenseits« zumindest für diejenigen, die sich Gott oder den Göttern unterwerfen. Je frustraner das Diesseits, desto lockender erscheint das imaginierte Jenseits. Und auch das ist eine wahrlich unheimliche Geschichte.

»Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden«, hieß es in Karl Marx’ Analyse des Staatsstreichs, den der nachmals zum Kaiser gekrönte Abenteurer Louis Bonaparte 1851 unternommen hatte. Warum »wie ein Alp«? Weil in dieser Tradition vor allem die vergangene Schreckensgeschichte fortlebt und die Lebenden dirigiert, sie zu Wiederholern degradiert. Doch auch die Tradition ist widersprüchlich. Sie enthält die jeweils anerkannten Doktrinen, aber auch das, wogegen diese sich richteten, was sie negierten und ausschlossen. Und so ist im kollektiven Gedächtnis auch die Opposition gegen die jeweils herrschende Praxis und die sie rechtfertigenden Lehren präsent – die Geschichte der gescheiterten Rebellionen und der ketzerischen Gedanken.

Latente Rebellion

Das Unheimliche ist – wie Sigmund Freud herausgefunden hat – das uns fremd Gewordene, das, in dem auch wir einmal heimisch waren. Darum sind die Menschen aus der Fremde für viele wahre Schreckgespenster. Sie erinnern sie zum einen daran, dass alle Menschen jahrtausendelang Nomaden waren, dass sie, stets auf der Flucht vor dem Hunger und auf der Suche nach besseren Verhältnissen, den Planeten erst besiedelt haben. Sie erinnern die hier Ansässigen auch daran, dass sie selbst die Erben von Migranten, Vertriebenen und Flüchtlingen sind und dass es keine Garantie dafür gibt, dass nicht auch sie einmal wieder zu Heimatlosen werden. Die »Fremden« verunsichern, weil sie die Möglichkeit anderer Lebensweisen, seien es »bessere« oder »schlechtere«, vor Augen führen. Dadurch wecken sie die latente Rebellion gegen die vertraute Lebensform, gegen all die selbstverständlich gewordenen Gebote und Verbote der hiesigen Kultur, die wir in Kindheit und Jugend uns mühsam erst aneignen mussten. Im Spiegel einer anderen Religion, der viele der Neuankömmlinge anhängen, erscheint schließlich auch die eigene Religion, die uns stets schon überforderte (und die wir darum halb vergessen haben), als befremdlich.

Die neue Unsicherheit schlägt leicht in die Furcht vor »Überfremdung« um, mit der die rechten Parteien hausieren gehen und die die vielen Brandstifter und Totschläger motiviert, die die ihnen unheimlichen Fremden von ihrer »Heimat« fernhalten oder aus ihr herauswerfen wollen. Die Furcht vor neuartigen Freiheiten und vor der längst überfälligen Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums im Gefolge solcher Freiheiten beherrscht aber auch die Regierungen, die die Grenzen der europäisch-amerikanischen Wohlstandsoasen mit Wall und Graben und mit juristischem Drahtverhau gegen die aus den Elendsgebieten Afrikas und Asiens zu uns fliehenden, unheimlichen Fremden zu sichern suchen.

Gegenwärtig sind hierzulande zweifellos die Demagogen der neu-alten Rechten und ihre Klientel das Allerunheimlichste – die Wiederkehr massenfeindlicher Massenbewegungen. Sie zu entzaubern ist das Gebot der Stunde.

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