Adorno: Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?

Adorno: Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?

GS 8, 354-370

 

Einleitungsvortrag zum 16. Deutschen Soziologentag

Das Gewohnheitsrecht hat sich herausgebildet, daß der abgehende Vorsitzende der Deutschen Gesell­schaft für Soziologie zur Sache selbst sich äußert. Dabei sind seine eigene Position und die Deutung der Problemstellung nicht strikt zu trennen: in diese geht unvermeidlich jene ein. Andererseits kann er keine de­finitiven Lösungen vortragen, wo es eben der Diskus­sion auf dem Kongreß bedarf. Dessen Thematik wurde ursprünglich angeregt von Otto Stammer. In den Sitzungen des Vorstands, die mit dem Kongreß sich befaßten, wurde sie allmählich abgewandelt; der gegenwärtige Titel kristallisierte sich durch team­work. Der mit dem Stand der sozialwissenschaftlichen Kontroverse nicht Vertraute könnte auf den Verdacht geraten, es handele sich um einen Nomenklaturstreit; Fachleute seien von der eitlen Sorge geplagt, ob die gegenwärtige Phase nun Spätkapitalismus oder Indu­striegesellschaft heißen solle. In Wahrheit geht es nicht um Termini sondern um inhaltlich Entscheiden­des. Referate und Diskussionen sollen zum Urteil dar­über helfen, ob noch das kapitalistische System nach seinem wie immer auch modifizierten Modell herrsche, oder ob die industrielle Entwicklung den Begriff des Kapitalismus selbst, den Unterschied zwischen kapitalistischen und nichtkapitalistischen Staaten, gar die Kritik am Kapitalismus hinfällig gemacht habe. Mit anderen Worten, ob die heute innerhalb der So­ziologie so weit verbreitete These, Marx sei veraltet, zutreffe. Dieser These zufolge ist die Welt so durch und durch von der ungeahnt entfalteten Technik be­stimmt, daß demgegenüber das soziale Verhältnis, das einmal den Kapitalismus definierte, die Verwand­lung lebendiger Arbeit in Ware und damit der Klas­sengegensatz, an Relevanz einbüßte, sofern es nicht zum Aberglauben wurde. Dabei kann man sich auf unverkennbare Konvergenzen zwischen den technisch fortgeschrittensten Ländern, den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, beziehen. Nach Lebensstandard und Bewußtsein werden vollends in den maßgebenden westlichen Staaten Klassendifferenzen weit weniger sichtbar als in den Dezennien während und nach der industriellen Revolution. Prognosen der Klassentheo­rie wie die der Verelendung und des Zusammenbruchs sind nicht so drastisch eingetroffen, wie man sie ver­stehen muß, wenn sie nicht um ihren Gehalt gebracht werden sollen; nur mit Komik ist von relativer Ver­elendung zu reden. Selbst wenn das bei Marx nicht eindeutige Gesetz von der sinkenden Profitrate sy­stemimmanent sich bewahrheitet hätte, wäre zu konzedieren, daß der Kapitalismus in sich selbst Ressour­cen entdeckte, die den Zusammenbruch ad Kalendas Graecas aufzuschieben gestatten — Ressourcen, unter denen fraglos die immense Steigerung des technischen Potentials und damit auch die allen Mitgliedern der hochindustrialisierten Länder zugute kommende Menge von Gebrauchsgütern obenan stehen. Zugleich zeigten angesichts jener technischen Entwicklung die Produktionsverhältnisse sich elastischer, als Marx ihnen zutraute.

Die Kriterien des Klassenverhältnisses, welche die empirische Forschung solche der social stratification, der Schichtung nach Einkommen, Lebensstandard, Bildung zu nennen liebt, sind Verallgemeinerungen von Befunden an einzelnen Individuen. Insofern dür­fen sie subjektiv heißen. Demgegenüber war der ältere Klassenbegriff objektiv, unabhängig von Indices in­tendiert, die unmittelbar am Leben der Subjekte ge­wonnen sind, wie sehr im übrigen auch diese soziale Objektivitäten ausdrücken. Die Marxische Theorie beruhte auf der Stellung von Unternehmern und Ar­beitern im Produktionsprozeß, letztlich der Verfügung über die Produktionsmittel. In den augenblicklich vor­herrschenden Strömungen der Soziologie wird dieser Ausgang weithin als dogmatisch abgelehnt. Der Streit ist theoretisch auszutragen, nicht allein durch Präsen­tation von Fakten, die zwar ihrerseits vielfach zur Kritik beitragen, der kritischen Theorie zufolge je­doch ebenso die Struktur verdecken. Auch die Oppo­nenten der Dialektik sind nicht länger gewillt, eine Theorie unabsehbar zu vertagen, welche dem eigentli­chen Interesse der Soziologie Rechnung trägt. Die Kontroverse ist wesentlich eine über die Deutung es sei denn, man verbanne das Verlangen eben danach selber in die Vorhölle des Außerwissenschaftlichen.

Eine dialektische Theorie der Gesellschaft geht auf Strukturgesetze, welche die Fakten bedingen, in ihnen sich manifestieren und von ihnen modifiziert werden. Unter Strukturgesetzen versteht sie Tendenzen, die mehr oder minder stringent aus historischen Konstitu­entien des Gesamtsystems folgen. Marxische Modelle dafür waren Wertgesetz, Gesetz der Akkumulation, Zusammenbruchsgesetz. Nicht meint die dialektische Theorie mit Struktur Ordnungsschemata, in die sozio­logische Befunde möglichst vollständig, kontinuier­lich und widerspruchslos sich eintragen lassen; nicht Systematisierungen also, sondern das den Prozeduren und Daten wissenschaftlicher Erkenntnis vorgeordne­te System der Gesellschaft. Eine solche Theorie darf am letzten den Fakten sich entziehen, darf nicht nach einem thema probandum sie zurechtbiegen. Sonst fiele sie tatsächlich in Dogmatismus zurück und wie­derholte durch den Gedanken, was die im Ostbereich verfestigte Macht durch das Instrument des Diamat verübte; stellt still, was dem eigenen Begriff nach an­ders nicht denn als Bewegtes gedacht werden kann. Dem Fetischismus der Fakten korrespondiert einer der objektiven Gesetze. Dialektik, die mit der schmerz­haften Erfahrung von deren Vorherrschaft sich vollge­sogen hat, verherrlicht sie nicht, sondern kritisiert sie ebenso wie den Schein, das Einzelne und Konkrete bestimme hic et nunc bereits den Weltlauf. Wahr­scheinlich ist unter dessen Bann das Einzelne und Konkrete überhaupt noch nicht. Durch das Wort Plu­ralismus wird die Utopie supponiert, als wäre sie schon da; es dient der Beschwichtigung. Darum je­doch darf die dialektische Theorie, die sich selbst kri­tisch reflektiert, nicht ihrerseits im Medium des Allge­meinen sich häuslich einrichten. Aus jenem Medium auszubrechen ist gerade ihre Intention. Auch sie ist nicht gefeit vor falscher Trennung von nachdrückli­chem Denken und empirischer Forschung. Vor einiger Zeit hat ein russischer Intellektueller von beträchtli­chem Einfluß mir erklärt, in der Sowjetunion sei So­ziologie eine neue Wissenschaft. Er meinte damit die empirische; daß diese mit der in seinem Land als Staatsreligion approbierten Lehre von der Gesell­schaft etwas zu tun haben könnte, war ihm so wenig mehr gegenwärtig wie, daß Marx Enqueten durch­führte. Verdinglichtes Bewußtsein endet nicht dort, wo der Begriff der Verdinglichung einen Ehrenplatz besetzt. Das Schwadronieren über Begriffe wie >der Imperialismus< oder >das Monopol<, ohne Rücksicht darauf, was diesen Worten als Sachverhalten ent­spricht, und wie weit ihr Geltungsbereich sich er­streckt, ist so falsch, nämlich irrational, wie eine Ver­haltensweise, die, ihrer blind-nominalistischen Vor­stellung vom Sachverhalt zuliebe, dagegen sich sperrt, daß Begriffe wie Tauschgesellschaft ihre Ob­jektivität haben, einen Zwang des Allgemeinen hinter den Sachverhalten bekunden, der keineswegs stets zu­reichend in operationell definierte Sachverhalte sich übersetzen läßt. Beidem ist entgegenzuarbeiten; inso­fern bezeugt die Thematik des Kongresses, Spätkapi­talismus oder Industriegesellschaft, die methodologi­sche Absicht von Selbstkritik aus Freiheit.

Eine schlichte Antwort auf die Frage, die in jener Thematik liegt, kann weder erwartet noch eigentlich gesucht werden. Alternativen, die erzwingen, man müsse für die eine oder andere Bestimmung optieren, wäre es auch bloß theoretisch, sind selber bereits Zwangssituationen, denen in einer unfreien Gesell­schaft nachgebildet und auf den Geist übertragen, an dem es wäre, zur Brechung von Unfreiheit: durch ihre hartnäckige Reflexion zu tun, was er kann. Vollends der Dialektiker darf zur bündigen Disjunktion von Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft nicht sich nötigen lassen, so wenig er auch an unverbindlichem gerade wegen ihrer sozialen Integration, ihr gesell­schaftliches Schicksal irgend mehr in der Hand hätten als vor 120 Jahren, entraten sie nicht nur der Klassen­solidarität, sondern des vollen Bewußtseins dessen, daß sie Objekte, nicht Subjekte des gesellschaftlichen Prozesses sind, den sie doch als Subjekte in Gang halten. Klassenbewußtsein, von dem der Marxischen Theorie zufolge der qualitative Sprung abhängen soll­te, war ihm zufolge zugleich ein Epiphänomen. Wenn jedoch in den fürs Klassenverhältnis prototypischen Ländern, zumal Nordamerika, über lange Perioden hin überhaupt kein Klassenbewußtsein mehr auf­kommt, wofern es überhaupt je dort lebendig war; wenn die Frage nach dem Proletariat zum Vexierbild wird, so schlägt Quantität in Qualität um, und der Verdacht von Begriffsmythologie ist allenfalls durchs Dekret zu unterdrücken, nicht für den Gedanken zu beseitigen. Die Entwicklung läßt sich schwer vom Kernstück der Marxischen Theorie, der Lehre vom Mehrwert, trennen. Dies sollte das Klassenverhältnis und das Anwachsen des Klassenantagonismus objek­tiv-ökonomisch erklären. Sinkt aber, durch den Um­fang des technischen Fortschritts, tatsächlich durch Industrialisierung, der Anteil der lebendigen Arbeit, aus der seinem Begriff nach allein der Mehrwert fließt, tendenziell bis zu einem Grenzwert, so wird davon das Kernstück, die Mehrwerttheorie affiziert.

Der gegenwärtige Mangel an einer objektiven Wert­theorie ist nicht nur vom Ansatz der akademisch heute fast allein akzeptierten Schulökonomie bedingt. Er weist zurück auf die prohibitive Schwierigkeit, die Bildung von Klassen ohne Mehrwerttheorie objektiv zu begründen. Den Nichtökonomen will es bedünken, daß auch die sogenannten neomarxistischen Theorien ihre Lücken in der Behandlung der konstitutiven Pro­bleme mit Brocken aus der subjektiven Ökonomie zu­zustopfen versuchen. Verantwortlich dafür ist gewiß nicht allein Schwächung des theoretischen Vermö­gens. Denkbar, daß die gegenwärtige Gesellschaft einer in sich kohärenten Theorie sich entwindet. Marx hatte es insofern leichter, als ihm in der Wissenschaft das durchgebildete System des Liberalismus vorlag. Er brauchte nur zu fragen, ob der Kapitalismus in sei­nen eigenen dynamischen Kategorien diesem Modell entspricht, um in bestimmter Negation des ihm vorge­gebenen theoretischen Systems eine ihrerseits system­ähnliche Theorie hervorzubringen. Unterdessen ist die Marktökonomie so durchlöchert, daß sie jeglicher sol­chen Konfrontation spottet. Die Irrationalität der ge­genwärtigen Gesellschaftsstruktur verhindert ihre ra­tionale Entfaltung in der Theorie. Die Perspektive, daß die Lenkung der ökonomischen Prozesse an die politische Macht übergeht, folgt zwar aus der deduzi­blen Dynamik des Systems, ist aber zugleich eine zu objektiver Irrationalität hin. Das, nicht allein der ste­rile Dogmatismus ihrer Anhänger, dürfte erklären hel­fen, warum es längst zu keiner überzeugenden objek­tiven Gesellschaftstheorie mehr kam. Unter diesem Aspekt wäre der Verzicht auf jene kein kritischer Fortschritt wissenschaftlichen Geistes, sondern Aus­druck zwangshafter Resignation. Parallel zur Rück­bildung der Gesellschaft läuft eine des Denkens über sie.

Dem indessen stehen nicht weniger drastische Fak­ten entgegen, die ihrerseits wieder nur gewaltsam und willkürlich ohne Verwendung des Schlüsselbegriffs Kapitalismus zu interpretieren sind. Weiter wird Herrschaft über Menschen ausgeübt durch den ökono­mischen Prozeß hindurch. Dessen Objekte sind längst nicht mehr nur die Massen, sondern auch die Verfü­genden und ihr Anhang. Der alten Theorie gemäß wurden sie weithin zu Funktionen ihres eigenen Pro­duktionsapparats. Die vieldiskutierte Frage nach der managerial revolution, nach dem angeblichen Über­gang der Herrschaft von den juridischen Eigentümern an die Bürokratie ist demgegenüber sekundär. Jener Prozeß produziert und reproduziert nach wie vor, wenn schon nicht die Klassen so, wie sie in Zolas Germinal dargestellt sind, zumindest eine Struktur, welche der Antisozialist Nietzsche mit der Formel Kein Hirt und eine Herde vorwegnahm. In ihr aber birgt sich, was er nicht sehen wollte: die alte, nur an­onym gewordene gesellschaftliche Unterdrückung. Hat schon die Verelendungstheorie nicht ä la lettre sich bewahrheitet, so doch in dem nicht weniger be­ängstigenden Sinn, daß Unfreiheit, Abhängigkeit von einer dem Bewußtsein derer, die sie bedienen, entlau­fenen Apparatur universal über die Menschen sich ausbreitet. Die allbeklagte Unmündigkeit der Massen ist nur der Reflex darauf, daß sie so wenig wie je au­tonome Meister ihres Lebens sind; wie im Mythos wi­derfährt es ihnen als Schicksal. — Empirische Untersu­chungen verweisen übrigens darauf, daß auch subjek­tiv, ihrem Realitätsbewußtsein nach, die Klassen kei­neswegs so nivelliert sind, wie man es zuzeiten ver­mutete. Selbst die Imperialismustheorien sind mit dem erzwungenen Verzicht der großen Mächte auf Kolonien nicht bloß veraltet. Der Prozeß, den sie meinten, setzt sich fort in dem Antagonismus der bei­den monströsen Machtblöcke. Die angeblich überhol­te Lehre von den gesellschaftlichen Antagonismen, mit dem Telos des Zusammenbruchs, wird von den manifesten politischen unmäßig überboten. Ob und in welchem Maß das Klassenverhältnis umgelegt ward auf das zwischen den führenden Industrienationen und den umworbenen Entwicklungsländern, mag unerör­tert bleiben.

In Kategorien der kritisch-dialektischen Theorie möchte ich als erste und notwendig abstrakte Antwort vorschlagen, daß die gegenwärtige Gesellschaft durchaus Industriegesellschaft ist nach dem Stand ihrer Produktivkräfte. Industrielle Arbeit ist überall und über alle Grenzen der politischen Systeme hinaus zum Muster der Gesellschaft geworden. Zur Totalität entwickelt sie sich dadurch, daß Verfahrungsweisen, die den industriellen sich anähneln, ökonomisch zwangsläufig sich auch auf Bereiche der materiellen Produktion, auf Verwaltung, auf die Distributions­sphäre und die, welche sich Kultur nennt, ausdehnen. Demgegenüber ist die Gesellschaft Kapitalismus in ihren Produktionsverhältnissen. Stets noch sind die Menschen, was sie nach der Marxischen Analyse um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren: Anhängsel an die Maschinerie, nicht mehr bloß buchstäblich die Ar­beiter, welche nach der Beschaffenheit der Maschinen sich einzurichten haben, die sie bedienen, sondern weit darüber hinaus metaphorisch, bis in ihre intim­sten Regungen hinein genötigt, dem Gesellschaftsme­chanismus als Rollenträger sich einzuordnen und ohne Reservat nach ihm sich zu modeln. Produziert wird heute wie ehedem um des Profits willen. Über alles zur Zeit von Marx Absehbare hinaus sind die Bedürfnisse, die es potentiell längst waren, vollends zu Funktionen des Produktionsapparates geworden, nicht umgekehrt. Sie werden total gesteuert. Zwar werden in dieser Verwandlung, fixiert und dem Inte­resse des Apparats angepaßt, die Bedürfnisse der Menschen mitgeschleppt, auf welche dann jeweils der Apparat mit Effekt sich berufen kann. Aber die Ge­brauchswertseite der Waren hat unterdessen ihre letz­te >naturwüchsige< Selbstverständlichkeit eingebüßt. Nicht nur werden die Bedürfnisse bloß indirekt, über den Tauschwert, befriedigt, sondern in wirtschaftlich relevanten Sektoren vom Profitinteresse selber erst hervorgebracht, und zwar auf Kosten objektiver Be­dürfnisse der Konsumenten, wie denen nach zurei­chenden Wohnungen, vollends nach Bildung und In­formation über die wichtigsten sie betreffenden Vor­gänge. Im Bereich des nicht zur nackten Lebenserhal­tung Notwendigen werden tendenziell die Tauschwer­te als solche, abgelöst, genossen; ein Phänomen, das in der empirischen Soziologie unter Termini wie Sta­tussymbol und Prestige auftritt, ohne damit objektiv begriffen zu sein. In den hochindustrialisierten Gebie­ten der Erde hat man, solange nicht doch, trotz Keynes, erneute ökonomische Naturkatastrophen sich ereignen, gelernt, allzu sichtbarer Armut vorzubeu­gen, wenngleich nicht in dem Umfang, in dem die These von der affluent society es versichert. Der Bann jedoch, den das System über die Menschen ausübt, hat, soweit solche Vergleiche sinnvoll angestellt wer­den können, durch die Integration sich verstärkt. Unleugbar dabei, daß in der zunehmenden Befriedigung der materiellen Bedürfnisse, trotz ihrer vom Apparat verformten Gestalt, auch unvergleichlich viel konkre­ter die Möglichkeit von Leben ohne Not sich abzeich­net. Auch in den ärmsten Ländern brauchte keiner mehr zu hungern. Daß gleichwohl die Hülle vorm Be­wußtsein des Möglichen dünn geworden ist, dafür spricht der panische Schrecken, den allerorten Formen gesellschaftlicher Aufklärung erregen, die im offiziel­len Kommunikationssystem nicht eingeplant sind. Was Marx und Engels, die eine menschenwürdige Einrichtung der Gesellschaft wollten, noch als Utopie anprangerten, welche eine solche Einrichtung bloß sa­botiere, wurde zur handgreiflichen Möglichkeit. Kri­tik an der Utopie ist heute selbst in den ideologischen Vorrat hinabgesunken, während gleichzeitig der Tri­umph der technischen Produktivität dazu taugt vorzu­spiegeln, die Utopie, unvereinbar mit den Produkti­onsverhältnissen, sei in deren Rahmen bereits ver­wirklicht. Aber die Widersprüche in ihrer neuen, in­ternational-politischen Qualität — so das Wettrüsten von Ost und West — machen das Mögliche zugleich unmöglich.

Das zu durchschauen freilich verlangt, daß man nicht, wozu Kritik stets wieder sich verleiten läßt, der Technik, also den Produktivkräften, die Schuld auf­bürdet und eine Art Maschinenstürmerei auf erweiter­ ter Stufenleiter theoretisch betreibt. Nicht die Technik ist das Verhängnis, sondern ihre Verfilzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen, von denen sie um­klammert wird. Erinnert sei nur daran, daß die Rück­sicht auf das Profit- und Herrschaftsinteresse die tech­nische Entwicklung kanalisierte: sie stimmt einstwei­len fatal mit Kontrollbedürfnissen zusammen. Nicht umsonst ist die Erfindung von Zerstörungsmitteln zum Prototyp der neuen Qualität von Technik gewor­den. Demgegenüber verkümmerten diejenigen ihrer Potentiale, die von Herrschaft, Zentralismus, Gewalt gegen die Natur sich entfernen und die es wohl auch gestatten würden, viel von dem zu heilen, was wört­lich und bildlich von der Technik beschädigt ist.

Die gegenwärtige Gesellschaft weist, trotz aller Be­teuerungen des Gegenteils, ihrer Dynamik, des An­wachsens der Produktion, statische Aspekte auf. Sie rechnen den Produktionsverhältnissen zu. Diese sind nicht länger mehr allein solche des Eigentums, son­dern der Administration, bis hinauf zur Rolle des Staats als des Gesamtkapitalisten. Indem ihre Ratio­nalisierung der technischen Rationalität, den Produk­tivkräften, sich anähnelt, sind sie fraglos flexibler ge­worden. Dadurch wird der Schein erweckt, das uni­versale Interesse sei nur noch das am Status quo und Vollbeschäftigung das Ideal, nicht das an der Befrei­ung von heteronomer Arbeit. Aber der Zustand, außenpolitisch ohnehin äußerst labil, ist bloße tempo­räre Balance, die Resultante von Kräften, deren Span­nung ihn zu zerreißen droht. Innerhalb der herrschen­den Produktionsverhältnisse ist die Menschheit virtu­ell ihre eigene Reservearmee und wird durchgefüttert. Allzu optimistisch war die Erwartung von Marx, ge­schichtlich sei ein Primat der Produktivkräfte gewiß, der notwendig die Produktionsverhältnisse sprenge. Insofern blieb Marx, der geschworene Feind des deut­schen Idealismus, dessen affirmativer Geschichtskon­struktion treu. Vertrauen auf den Weltgeist kam der Rechtfertigung späterer Versionen jener Weltordnung zugute, die der elften Feuerbachthese zufolge verän­dert werden sollte. Die Produktionsverhältnisse haben um ihrer schieren Selbsterhaltung willen durch Flick­werk und partikulare Maßnahmen die losgelassenen Produktivkräfte weiterhin sich unterworfen. Signatur des Zeitalters ist die Präponderanz der Produktions­verhältnisse über die Produktivkräfte, welche doch längst der Verhältnisse spotten. Daß der verlängerte Arm der Menschheit zu fernen und leeren Planeten reicht, daß sie es aber nicht vermag, auf dem eigenen den ewigen Frieden zu stiften, bringt das Absurdum, auf welches die gesellschaftliche Dialektik sich hinbe­wegt, nach außen. Daß es anders ging als die Hoff­nung, ist nicht zuletzt verursacht davon, daß die Ge­sellschaft die von Veblen so genannte underlying population sich einverleibte. Nur der dürfte das unge­schehen wünschen, der das Glück des Ganzen ab­strakt über das der lebendigen Einzelwesen stellt. Jene Entwicklung hing ihrerseits wiederum ab von der der Produktivkräfte. Sie war aber nicht identisch mit deren Vorrang über die Produktionsverhältnisse. Er war nie mechanisch vorzustellen. Seine Realisierung hätte der Spontaneität derer bedurft, die an der Verän­derung der Verhältnisse interessiert sind, und ihre Zahl hat das eigentliche Industrieproletariat unterdes­sen um ein Vielfaches überflügelt. Objektives Inte­resse und subjektive Spontaneität klaffen jedoch aus­einander; diese verkümmerte unter der disproportio­nalen Übermacht des Gegebenen. Der Satz von Marx, daß auch die Theorie zur realen Gewalt wird, sobald sie die Massen ergreift, wurde eklatant vom Weltlauf auf den Kopf gestellt. Verhindert die Einrichtung der Gesellschaft, automatisch oder planvoll, durch Kul­tur- und Bewußtseinsindustrie und durch Meinungs­monopole, die einfachste Kenntnis und Erfahrung der bedrohlichsten Vorgänge und der wesentlichen kriti­schen Ideen und Theoreme; lähmt sie, weit darüber hinaus, die bloße Fähigkeit, die Welt konkret anders sich vorzustellen, als sie überwältigend denen er­scheint, aus denen sie besteht, so wird der fixierte und manipulierte Geisteszustand ebenso zur realen Ge­walt, der von Repression, wie einmal deren Gegenteil, der freie Geist, diese beseitigen wollte.

Dagegen suggeriert der Terminus Industriegesell­schaft in gewissem Sinn, es gelte das technokratische Moment von Marx, den sie aus der Welt wegbewei­sen möchten, unmittelbar in ihr; als folgte das Wesen der Gesellschaft geradenwegs aus dem Stand der Pro­duktivkräfte, unabhängig von deren gesellschaftlichen Bedingungen. Erstaunlich, wie wenig von diesen in der etablierten Soziologie eigentlich die Rede ist, wie wenig sie analysiert werden. Das Beste, das keines­wegs das Beste zu sein braucht, wird vergessen, die Totalität, in Hegelscher Sprache der alles durchdrin­gende Äther der Gesellschaft. Der jedoch ist alles an­dere als ätherisch; vielmehr das ens realissimum. So­weit er abstrakt dünkt, ist seine Abstraktheit nicht Schuld spintisierenden, eigensinnigen und tatsachen­fremden Denkens, sondern des Tauschverhältnisses, der objektiven Abstraktion, welcher der gesellschaftli­che Lebensprozeß gehorcht. Die Gewalt jenes Ab­straktums über die Menschen ist leibhaftiger als die einer jeden einzelnen Institution, die stillschweigend vorweg nach dem Schema sich konstituiert und es den Menschen einbleut. Die Ohnmacht, welche das Indi­viduum angesichts des Ganzen erfährt, ist dafür der drastische Ausdruck. In der Soziologie freilich neh­men gemäß ihrem umfangslogisch klassifikatorischen Wesen die tragenden gesellschaftlichen Verhältnisse, die sozialen Bedingungen der Produktion, weit dün­ner sich aus als jenes konkret Allgemeine. Sie werden neutralisiert zu Begriffen wie Macht oder soziale Kontrolle. In solchen Kategorien verschwindet der Stachel und damit, möchte man sagen, das eigentlich Soziale an der Gesellschaft, ihre Struktur. Am gegen­wärtigen Soziologentag wäre es, darin auf eine Ände­rung hinzuarbeiten.

Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse ein­fach polar einander zu kontrastieren, stünde indessen am wenigsten einer dialektischen Theorie an. Sie sind ineinander verschränkt, eins enthält das andere in sich. Eben das verleitet dazu, auf die Produktivkräfte blank zu rekurrieren, wo die Produktionsverhältnisse die Vorhand haben. Mehr als je sind die Produktiv­kräfte durch die Produktionsverhältnisse vermittelt; so vollständig vielleicht, daß diese eben darum als das Wesen erscheinen; sie sind vollends zur zweiten Natur geworden. Sie sind dafür verantwortlich, daß in irrem Widerspruch zum Möglichen die Menschen in großen Teilen der Erde darben müssen. Selbst wo Fülle an Gütern herrscht, ist diese wie unter einem Fluch. Das Bedürfnis, das zum Schein hin tendiert, steckt die Güter mit seinem Scheincharakter an. Ob­jektiv richtige und falsche Bedürfnisse ließen recht wohl sich unterscheiden, so wenig daraus auch ir­gendwo in der Welt ein Recht auf bürokratische Reglementierung abgeleitet werden dürfte. In den Be­dürfnissen steckt zum Guten und Schlechten immer schon die gesamte Gesellschaft; sie mögen für Markt­erhebungen das Nächste sein, nicht sind sie in der verwalteten Welt an sich das Erste. Über richtiges und falsches Bedürfnis wäre gemäß der Einsicht in die Struktur der Gesamtgesellschaft samt all ihren Vermittlungen zu urteilen. Das Fiktive, das alle Be­dürfnisbefriedigung heute verunstaltet, wird unbewußt fraglos wahrgenommen; es trägt wohl zum gegenwär­tigen Unbehagen in der Kultur bei. Wichtiger dafür aber als selbst das fast undurchdringliche quid pro quo von Bedürfnis, Befriedigung und Profit- oder Machtinteresse ist die unentwegt fortdauernde Bedro­hung des einen Bedürfnisses, von dem alle anderen erst abhängen, des Interesses am einfachen Überle­ben. Eingeschlossen von einem Horizont, in dem jeden Augenblick die Bombe fallen kann, hat noch das üppigste Angebot an Konsumgütern etwas von Hohn. Die internationalen Antagonismen aber, die zum jetzt erst wahrhaft totalen Krieg hin sich steigern, stehen in flagrantem Zusammenhang mit den Produk­tionsverhältnissen im wörtlichsten Verstande. Die Drohung der einen Katastrophe wird durch die der an­deren hinausgeschoben. Die Produktionsverhältnisse könnten schwerlich ohne die apokalyptische Erschüt­terung erneuter Wirtschaftskrisen so hartnäckig sich behaupten, würde nicht ein unmäßig großer Teil des Sozialprodukts, der sonst keinen Markt mehr fände, für die Herstellung von Zerstörungsmitteln abge­zweigt. In der Sowjetunion trägt trotz der Beseitigung der Marktwirtschaft dasselbe sich zu. Die ökonomi­schen Gründe dafür sind ersichtlich: das Verlangen nach rascher Produktionssteigerung in dem zurückge­bliebenen Land zeitigte diktatorisch straffe Admini­stration. Aus der Entfesselung der Produktivkräfte entsprangen erneut fesselnde Produktionsverhältnisse: Produktion wurde zum Selbstzweck und verhinderte den Zweck, die ungeschmälert realisierte Freiheit. Sa­tanisch wird unter beiden Systemen der bürgerliche Begriff gesellschaftlich nützlicher Arbeit parodiert, der auf dem Markt, am Profit sich auswies, nie an durchsichtiger Nützlichkeit für die Menschen selbst, oder gar an ihrem Glück. Solche Herrschaft der Pro­duktionsverhältnisse über die Menschen setzt aber­mals den erreichten Entwicklungsstand der Produktiv­kräfte voraus. Während beides zu unterscheiden bleibt, bedarf, wer das Verhexte des Zustands irgend begreifen will, zum Verständnis des einen stets des anderen. Die Überproduktion, die auf jene Expansion drängte, durch die das scheinbar subjektive Bedürfnis eingefangen und substituiert worden ist, wird von einem technischen Apparat ausgespien, der soweit sich verselbständigt hat, daß er unterhalb eines gewissen Produktionsvolumens irrational: nämlich unrenta­bel wurde; sie wird also von den Verhältnissen not­wendig gezeitigt. Einzig in der Aussicht auf totale Vernichtung haben die Produktionsverhältnisse nicht die Produktivkräfte gefesselt. Die dirigistischen Me­thoden aber, mit denen trotz allem die Massen bei der Stange gehalten werden, setzen jene Konzentration und Zentralisation voraus, die nicht nur ihre ökonomi­sche Seite hat, sondern ebenso, wie an den Massen­medien zu zeigen wäre, ihre technologische: daß es möglich wurde, von wenigen Punkten aus das Be­wußtsein Ungezählter allein schon durch Auswahl und Präsentation von Nachricht und Kommentar gleichzuschalten.

Die Macht der Produktionsverhältnisse, die nicht umgewälzt wurden, ist größer als je, aber zugleich sind sie, als objektiv anachronistisch, allerorten er­krankt, beschädigt, durchlöchert. Sie funktionieren nicht mehr selbsttätig. Der wirtschaftliche Interventi­onismus ist nicht, wie die ältere liberale Schule meint, systemfremd aufgepfropft, sondern systemimmanent, Inbegriff von Selbstverteidigung; nichts könnte den Begriff von Dialektik schlagender erläutern. Analog wurde einst von der Hegelschen Rechtsphilosophie, in der bürgerliche Ideologie und Dialektik der bürgerli­chen Gesellschaft so tief ineinander sind, der von außen, angeblich jenseits des gesellschaftlichen Kräf­ tespiels intervenierende, die Antagonismen mit poli­zeilicher Hilfe mildernde Staat von der immanenten Dialektik der Gesellschaft selbst herbeizitiert, die sonst, Hegel zufolge, sich desintegrierte. Die Invasion des nicht Systemimmanenten ist zugleich auch ein Stück immanenter Dialektik, so wie am entgegenge­setzten Pol Marx die Umwälzung der Produktionsver­hältnisse als ein vom Gang der Geschichte Erzwunge­nes und dennoch als ein nur durch eine von der Ge­schlossenheit des Systems qualitativ verschiedene Ak­tion Herbeizuführendes dachte. Wird aber, auf Grund von Interventionismus und längst, weit darüber hin­aus, von Großplanung argumentiert, der Spätkapita­lismus sei der Anarchie der Warenproduktion entrückt und darum kein Kapitalismus mehr, so ist zu erwi­dern, daß das gesellschaftliche Schicksal des Einzel­nen für diesen so zufällig ist wie nur je. Das Kapita­lismusmodell selbst hat nie so rein gegolten, wie die liberale Apologie es unterstellt. Es war bereits bei Marx Ideologiekritik, sollte dartun, wie wenig der Be­griff, den die bürgerliche Gesellschaft von sich selbst hegte, mit der Realität sich deckte. Nicht enträt es der Ironie, daß gerade dies kritische Motiv: daß der Libe­ralismus in seinen besten Zeiten keiner war, heute umfunktioniert wird zugunsten der These, der Kapita­lismus sei eigentlich keiner mehr. Auch das indiziert einen Umschlag. Was von je an der bürgerlichen Gesellschaft gegenüber der ratio des freien und gerechten Tauschs, und zwar infolge von seinen eigenen Impli­kationen, irrational: unfrei und ungerecht war, hat der­art sich gesteigert, daß ihr Modell zerbröckelt. Eben das wird dann von dem Zustand, dessen Integration zum Deckbild von Desintegration sich wandelte, als Aktivposten verbucht. Das Systemfremde enthüllt sich als Konstituens des Systems, bis in die politische Tendenz hinein. Im Interventionismus hat die Resi­stenzkraft des Systems, indirekt aber auch die Zusam­menbruchstheorie, sich bestätigt, der Übergang zu Herrschaft unabhängig vom Marktmechanismus ist sein Telos. Das Wort von der formierten Gesellschaft hat das unvorsichtig ausgeplaudert. Solche Rückbil­dung des liberalen Kapitalismus hat ihr Korrelat an der Rückbildung des Bewußtseins, einer Regression der Menschen hinter die objektive Möglichkeit, die ihnen heute offen wäre. Die Menschen büßen die Ei­genschaften ein, die sie nicht mehr brauchen und die sie nur behindern; der Kern von Individuation beginnt zu zerfallen. Erst in jüngster Zeit werden Spuren einer Gegentendenz gerade in verschiedensten Gruppen der Jugend sichtbar: Widerstand gegen blinde Anpas­sung, Freiheit zu rational gewählten Zielen, Ekel vor der Welt als Schwindel und Vorstellung, Eingedenken der Möglichkeit von Veränderung. Ob demgegenüber der gesellschaftlich sich steigernde Destruktionstrieb doch triumphiert, wird sich weisen. Subjektive Re­gression begünstigt wiederum die Rückbildung des Systems. Weil es, um einen Ausdruck von Merton an­ders als an Ort und Stelle anzuwenden, dysfunktional ward, hat das Bewußtsein der Massen dem System dadurch sich gleichgemacht, daß es zunehmend jener Rationalität des festen, identischen Ichs sich entäußer­te, die noch im Begriff einer funktionalen Gesellschaft impliziert war.

Daß Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse heute eines seien und man deshalb die Gesellschaft umstandslos von den Produktivkräften her konstruie­ren könne, ist die aktuelle Gestalt gesellschaftlich not­wendigen Scheins. Gesellschaftlich notwendig ist er, weil tatsächlich früher voneinander getrennte Momen­te des gesellschaftlichen Prozesses, die lebenden Menschen inbegriffen, auf eine Art Generalnenner ge­bracht werden. Materielle Produktion, Verteilung, Konsum werden gemeinsam verwaltet. Ihre Grenzen, die einmal innerhalb des Gesamtprozesses dessen auf­einander bezogene Sphären doch auch voneinander schieden, und dadurch das qualitativ Verschiedene achteten, verfließen. Alles ist Eins. Die Totalität der Vermittlungsprozesse, in Wahrheit des Tauschprin­zips, produziert zweite trügerische Unmittelbarkeit. Sie erlaubt es, womöglich das Trennende und Antago­nistische wider den eigenen Augenschein zu vergessen oder aus dem Bewußtsein zu verdrängen. Schein aber ist dies Bewußtsein von der Gesellschaft, weil es zwar der technologischen und organisatorischen Ver­einheitlichung Rechnung trägt, davon jedoch absieht, daß diese Vereinheitlichung nicht wahrhaft rational ist, sondern blinder, irrationaler Gesetzmäßigkeit un­tergeordnet bleibt. Kein gesellschaftliches Gesamt­subjekt existiert. Der Schein wäre auf die Formel zu bringen, daß alles gesellschaftlich Daseiende heute so vollständig in sich vermittelt ist, daß eben das Mo­ment der Vermittlung durch seine Totalität verstellt wird. Kein Standort außerhalb des Getriebes läßt sich mehr beziehen, von dem aus der Spuk mit Namen zu nennen wäre; nur an seiner eigenen Unstimmigkeit ist der Hebel anzusetzen. Das meinten Horkheimer und ich vor Jahrzehnten mit dem Begriff des technologi­schen Schleiers. Die falsche Identität zwischen der Einrichtung der Welt und ihren Bewohnern durch die totale Expansion der Technik läuft auf die Bestäti­gung der Produktionsverhältnisse hinaus, nach deren Nutznießern man mittlerweile fast ebenso vergeblich forscht, wie die Proletarier unsichtbar geworden sind. Die Verselbständigung des Systems gegenüber allen, auch den Verfügenden, hat einen Grenzwert erreicht. Sie ist zu jener Fatalität geworden, die in der allge­genwärtigen, nach Freuds Wort, frei flutenden Angst ihren Ausdruck findet; frei flutend, weil sie an keine Lebendigen, an Personen nicht und nicht an Klassen, länger sich zu heften vermag. Verselbständigt aber haben sich am Ende doch nur die unter den Produkti­onsverhältnissen vergrabenen Beziehungen zwischen Menschen. Deshalb bleibt die übermächtige Ordnung der Dinge zugleich ihre eigene Ideologie, virtuell ohn­mächtig. So undurchdringlich der Bann, er ist nur Bann. Soll Soziologie, anstatt bloß Agenturen und In­teressen willkommene Informationen zu liefern, etwas von dem erfüllen, um dessentwillen sie einmal konzi­piert ward, so ist es an ihr, mit Mitteln, die nicht sel­ber dem universalen Fetischcharakter erliegen, das Ihre, sei’s noch so Bescheidene, beizutragen, daß der Bann sich löse.

1968

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