Evelyn Kremer: Die Stubenfliege (noir fiction)

Die Stubenfliege

eine Erzählung von Evelyn Kremer

 

Wie war es möglich, eine Beziehung zu einer Stubenfliege zu entwickeln? Es fing alles ganz anders an, als es sich später entwickelte: Eines Morgens wurde ich von den Sonnenstrahlen und einem lauten Brummen geweckt. „Was für eine fiese Fliege“, dachte ich mir im Halbschlaf. Ich schlug immer wieder wild um mich, bis die Fliege langsam in ein anderes Zimmer brummte. Dann – beim Frühstück – war sie wieder da: Sie setzte sich dick und ungeniert auf meinen Frühstücksteller und brummte mir fröhlich um den Kopf herum. Da ich keine Fliegenklatsche besaß, verzichtete ich auf den erlösenden Schlag, denn außerdem hatte ich es eilig zur Arbeit zu kommen.

Zunächst verschwand die Fliege aus meinem Bewusstsein –  bis zum nächsten Morgen: Wieder weckte mich das unangenehme Brummen und wieder leistete mir die Fliege beim Frühstück Gesellschaft. Zwei Tage später hatte ich mich bereits an das Procedere gewöhnt und irgendwie brachte ich es nicht über das Herz, die Fliege aus dem Leben zu katapultieren. Auch abends schwirrte sie um mich herum – sie tauchte immer wieder plötzlich und an unerwarteten Orten auf.

Eines Morgens erwischte ich mich sogar dabei, die Fliege genauer aus der Nähe zu betrachten: Sie war ziemlich wuchtig und ihre dünnen Füßchen zitterten unter der Last ihres Körpers. Zwei ihrer Füßchen bewegte sie schnell vor dem Kopf und den Augen hin und her, als wenn sie gerade beten oder speisen würde. Seltsamerweise hatte ich den Eindruck, dass sie auch mich beobachtete… Ich verließ die Wohnung und ließ den Frühstücksteller absichtlich stehen, um ihr eine Freude zu machen. Sicher würde sie sich über die köstlichen Marmeladenreste auf dem Teller hermachen und anschließend gesättigt auf meiner Couch sitzen, sich ausruhen und auf mich warten bis ich abends nach Hause kam.

Wieder verschwand die Fliege bis zum nächsten Tag aus meinen Gedanken: Es war Sonntag und ich saß am gedeckten Frühstückstisch. Ich überlegte, was ich an diesem noch leeren und ruhigen Tag unternehmen könnte. Plötzlich kam mir die Fliege in den Sinn: Wo war sie? Sie hatte mich weder brummend geweckt noch in gewohnter Weise dem Frühstück beigewohnt; Auch hörte ich sie nicht im Wohnzimmer surren. Auch nachdem ich einmal durch die komplette Wohnung gelaufen war, hatte ich sie nicht entdeckt. Meine eigenen Gedanken ermahnten mich streng: „Das ist nicht Dein Ernst, dass Du diesen dicken Brummer vermisst, oder?“.

„Doch“, dachte ich mir! Irgendwie hatte ich zu der Fliege eine Beziehung entwickelt… Sie alerdings war ohnel Abschied verschwunden – ich sah sie nie wieder.

2016 © by Evelyn Kremer

evelyn.kremer@gmx.de

 

 

 

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