Mit Zensur-Wiki kein Ficki-Ficki

Dirk Maxeiner / 31.03.2016

Wie Zensur wirklich Spass macht

 

Die Wege der Erkenntnis sind manchmal verschlungen. Ich bin jedenfalls auf eine tolle  Website gestoßen, die ich vorher nicht kannte. Zu verdanken habe ich das dem türkischen Großmogul Recep Tayyip Erdoğan, der sich durch eine Satire des NDR in seiner göttlichen Größe und planetarent  Einzigartigkeit beeinträchtig fühlte. Aufgrund seiner ein wenig eindimensionalen Reaktion hat er sich nun einen Shitstorm in seinen Palast geholt, der allmählich die Kronleuchter eintrübt.

Auf der Suche nach ähnlichen mustergültig dämlichen Zensurversuchen fiel mir natürlich gleich Rudi-Carrells „Tagesschau“ ein, in der er die iranischen Ajatollahs mit einem Büstenhalter verhohnepiepelte, bis denen der Turban auf Körbchengröße 90 F anschwoll. Leider ist die Sequenz nirgends mehr zu finden, auch nicht auf youtube, die Zensur war also erfolgreich, wenn auch nur in kontraproduktiver Weise: Ohne sie  würde heute kein Hahn mehr nach diesem harmlosen Amüsierstückchen krähen. (Nachtrag: Ein Leser hat es  inzwischen doch noch hier aufgestöbert)

Aber wie dem auch sei, statt dessen fand ich auf die Seite „Zensur-Wiki„, die ich den Achse-Lesern hier nur wärmsten empfehlen kann. Wer auf der Suche nach einer komprimierten Sittengeschichte der Bundesrepublik ist, wird hier auf geradezu fantastische Weise fündig. Akribisch aufgelistet finden sich sämtliche Sendungen und Informationen, die den Menschen in diesem Lande in den vergangenen 60 Jahren nicht zugemutet werden sollten.

Bedauerlicherweise gibt es sie nur für den Westen Deutschlands, für den Osten wäre der Vollständigkeit halber auch sehr schön. Allerdings wohl nicht praktikabel, denn die Liste müsste dann von hier bis ins nächste bekannte Sonnensystem reichen. Dennoch lässt sich aus den westlichen  Zensurversuchen und tatsächlichen Zensurakten so etwas wie ein Psychogramm des geborenen Zensors herleiten. Ganz grob sind mir folgende Gruppen aufgefallen:

Da wären zunächst mal jene Konservativen, deren Fantasie hinter jedem Freibad und jedem Bikini ein Sodom und Gomorra wähnt und hinter jedem linksglühenden Jugendlichen die kommunistische Weltverschwörung. Es genügt aber, sich auf den unpolitischen Teil der Zensurversuche zu beschränken, um ein gleichsam zeitloses Muster zu entdecken. Stets führen Hedonismus, Vergnügungssucht und Konsumterror geradewegs in den ästhetischen und kulturellen Verfall um schlussendlich im Weltuntergang zu enden. Grand finale.

Das ist auch heute noch so, wenn sich Leute über Loveparades und ähnlich karnevaleske Sausen echauffieren, denen sie doch relativ einfach fernbleiben können.  Wenn man sich anschaut, was in dieser Beziehung früher auf den bundesdeutschen Index gesetzt wurde, dann kann man diesem Land nur dazu gratulieren, wie tolerant und – ja wirklich – bunt es geworden ist.

Die meisten der historisch belegten Zensurakte auf diesem Felde wirken heute geradezu drollig. Wahrscheinlich wird es künftigen Generationen mit unseren heutigen Sittenwächtern ähnlich gehen, es sei denn das Kalifat siegt doch, was ich nicht glaube, weil Sex für junge Menschen im Diesseits doch eine sicherere Bank ist als 72 Jungfrauen auf Pluto.

Die Anstandstanten von heute sind auch nicht mehr schwarz, das neue Konservativ trägt die Farbe grün – und damit meine ich nicht die Farbe des Propheten, obwohl es sich in beiden Fällen um Religionen handelt. Frühere Anstandstanten regten sich über Kondome auf, ihre aktuellen Nachfolger über Nespresso-Kaffeekapseln, die aufgrund ihres Ressourcen-Verbrauches den Planeten verschlingen werden. Nackt darf heute jeder rumlaufen, aber wehe er trägt einen Nerzmantel, das ist degoutant.

Die Grünen, die Ajatollahs und der gegenwärtige Papst können in ihrer Verachtung für den westlichen Lebensstil alle im selben Sandkasten spielen, da nimmt keiner dem anderen die Schippe weg. Katrin Göring-Eckardt etwa hält schon mal im Radio die Morgenandacht und schlägt dabei mühelos den Bogen von kleinen Kaffeemilch-Döschen zum Großen und Ganzen, nämlich dann, „wenn aus einem kleinen Symbol großer Ernst wird: Ölpest, Atomkatastrophe, Klimawandel“. Nun resultieren daraus in der Regel nur Verbotsphantasien. Aber was heißt hier nur. Die sprachliche Zensur ist hingegen mit Genderplatt und Korrektsprech längst durchgesetzt und alltägliche Praxis.

Aber ich schweife ab. Deshalb jetzt Vorhang auf für unsere kleine Zensurshow:

Jugendsendungen: „Beat-Club“, „baff“, „p“, sechziger Jahre

Die Jugendsendungen gerieten immer wieder als „Nuditätensendungen“ in das Visier, schließlich seien dort „ungepflegte Heuler, Schreier und hopsenden Brüller“„Kommunistenagenten“ und „Gossendreck“ am Werk. Der Südfunk kürzte 1973 eine Sendung des Jugendmagazins um sieben Minuten: Der geplante Auftritt des Aufklärungs-Autors Günter Amendt entfiel, weil seine Ratschläge zur Selbstbefriedigung von Stuttgarter TV Direktor Horst Jaedicke als „Aufruf zur Onanie“ abgelehnt wurden.

Peter Maffay: „Und es war Sommer“, ZDF 1976

Als Maffay diesen Titel in der „ZDF-Drehscheibe“ vorstellen wollte, wurde er abgeblockt. Die Zeilen „Ich war 16 und sie 31, und über Liebe wusste ich nicht viel, sie wusste alles und sie ließ mich spüren, ich war kein Kind mehr“ führten zu einem Verbot: Das ZDF: „Der Text ist eindeutig zweideutig und passt deshalb nicht in unsere Sendung.“ (Bravo-Archiv 1976)

Fußballer Ewald Lienen mit Anti-Atom-Pullover, WDR 1985

Die Sportschau beschied dem Fusbballer Ewald Lienen, dass er leider nicht mit seinem geliebten Anti-AKW-Pullover auftreten dürfe. „Herr Lienen, was wollen Sie denn am Sonntag anziehen?“, war die Frage, die dem Fußballer Lienen telefonisch gestellt wurde, nachdem er vom WDR als „Torschütze des Monats“ zur Sportschau eingeladen worden war. Der zuständige Redakteur erklärte, dass dem WDR sein Oberbekleidungsstück  mit dem Abrüstungssymbol und der Aufschrift „Sportler gegen Atomraketen – Sportler für den Frieden“, den er bei den letzten Sendungen getragen habe, missfalle.

Rosa von Praunheim: „Axel von Auersperg“, 1974

Das ZDF beschnitt den Film um die erste halbe Stunde, weil der Filmer darin „den religiösen Glauben verächtlich“ gemacht habe. U.a wurde der Bischof von der Schauspielerin Evelyn Künneke gespielt.

Kommissar kränkt türkische Diplomaten, 1975

Deutschlands TV-„Kommmissar“ verärgerte die Türken in Wien. In dem auch vom Österreichischen Rundfunk (ORF) regelmäßig ausgestrahlten ZDF-Krimi war, in der Folge „Das Goldene Pflaster“, ein Angehöriger der türkischen Botschaft in Wien in dunkle Geschäfte verwickelt. Diesen Makel wollten die Diplomaten nicht auf sich sitzen lassen. Der Botschafter persönlich ließ beim ORF ausrichten, die Sendung hätte „allen Türken in Wien sehr weh getan“. Vergebens versicherte der zuständige Abteilungschef Lorentz, es habe sich schlicht um Krimi-Fiction gehandelt. Dennoch: Vor dem nächsten „Kommissar“ wurde im ORF eine Ehrenerklärung für die Türken verlesen.

Herrenpflege mit „Care“ und einem nackten Mann, 1980

Bayerns Werbefernsehchef Wittmann lehnte einen Spot für „Care“ ab, weil dabei mit einem nackten Mann geworben wurde, der seine Blöße jeweils nur haarscharf mit einem Aktenkoffer oder einem Theaterprogramm bedeckt hielt. Im Werbefernsehen von NDR und WDR war der Nackte nur „von fern und von hinten“ zu sehen.

Satire-Bundesadler: abgesetzt, 1990

Die Zeichentrickfigur, die seit 1983 die „Aktuelle Stunde“ (WDR 3) mit ironisch-spöttischen Kommentaren begleitete, wurde Ende Januar 1990 abgesetzt. Bereits 1989 war es zu einem Eklat gekommen, als der Adler DDR-Flüchtlingen neben Freiheitsdrang auch die „Sehnsucht nach Feinkost“ unterstellte, woraufhin unterschiedliche Gruppen intervenierten.

„Zimmer-frei“-Folge mit Ex-„Titanic“-Chef Martin Sonneborn, 2009

Die Sendung wurde kurzfristig abgesagt. Sonneborn hatte in der Sendung Werbung für seine „Partei“ gemacht, J.B. Kerner u.a. als „überbezahlt“ bezeichnet und die Zuschauer aufgerufen, seinem Beispiel zu folgen und keine Gebühren mehr an die GEZ zu zahlen. Offiziell wurde die Absetzung aber damit begründet, dass Sonneborn nicht „lustig“ gewesen sei.

„Bärbel, für Geld würde ich alles tun“, RTL 2000

In der Live-Sendung wollte ein Frührentner eine Sex-Nacht mit seiner Frau für 1 Million Mark anbieten. Aufgrund von Warnungen der Niedersächsischen Landesmedienanstalt für privaten Rundfunk (NLM) und einer Bußgeldandrohung von 500 000 Mark wurde die Sendung zunächst verschoben (unseres Wissens nach wurde sie auch später nicht ausgestrahlt). Stattdessen wurde eine Sendung unter dem Titel „Mit Dir schlafen? – Da vergeht mir die Lust“

Fußball-WM 2010: Katrin Müller-Hohenstein und der „Reichsparteitag“, TV 2010

In der Halbzeit des Spiels Deutschland gegen Australien hatte die Journalistin formuliert, es sei nach dem Tor des lange glücklosen Stürmers Klose für ihn wohl wie ein „innerer Reichsparteitag“ gewesen. Im Internet kam es daraufhin zu heftigen Proteststürmen. ZDF und Journalistin entschuldigten sich.

ARD: „Der Drückerkönig und die Politik – Carsten Maschmeyer“, 2011

Die Dokumentation „Der Drückerkönig und die Politik – Carsten Maschmeyer“ konnte 2011 mit Ach und Krach, wenn auch nur gekürzt gezeigt werden. Der Hauptprotagonist ging  mit allen möglichen juristischen Mitteln gegen die Sendung vor. Der gute Mensch von Hannover war in dieser Beziehung dem guten Menschen von Ankara durchaus ebenbürtig.

HB-Männchen Bruno, 1974

Das hB-Männchen wird hier zum Schluss genannt, weil es sich so schön aufregen konnte. Zunächst durfte das HB-Männchen in der „Werbung noch „in die Luft gehen“. Die Werbung wurde nach und nach zurückgefahren und verschwand 1974 im Fernsehen mit dem allgemeinen Werbeverbot für Zigaretten dann gänzlich.

Und mit dem HB-Männchen schließt sich irgendwie der Kreis zu Recep Tayyip Erdoğan. Die ganze Liste finden Sie hier.

http://www.zensur-archiv.de/index.php?title=Fernsehen

http://www.achgut.com/artikel/wie_zensur_wirklich_spass_macht

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Von Johannes Kaufmann

 

Lieber Leser, Sie müssen verstehen, dass ich als Redakteur es eben einfach besser weiß als Sie. Als gebildeter und aufgeklärter Mensch mit Hochschulabschluss kann ich beurteilen, welche Informationen Ihnen zuzumuten sind und welche bei Ihnen nur Vorurteile oder sogar unangenehme Verhaltensweisen auslösen würden.

Sie halten das für eine ungeheuerliche Anmaßung? Genau das ist der Geist, der hinter Richtlinie 12.1 des deutschen Pressekodex‘ steckt. Dort steht: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.“ Und weiter: „Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“

Im Klartext heißt das, ich als Redakteur soll Ihnen als Leser gegebenenfalls Informationen, die mir vorliegen, vorenthalten – weil Sie damit falsch umgehen könnten. Der Journalist als Oberlehrer und Informationswächter für den unreifen Pöbel. Das ist dieselbe Gutsherrenmentalität, die hinter dem Kommunikationsdesaster der Silvesternacht von Köln steht. Damals entschieden Oberbürgermeisterin und Polizeipräsident, vorsichtshalber zu behaupten, an den Übergriffen auf der Domplatte seien keine Flüchtlinge beteiligt gewesen – Lügen als präventive Maßnahme gegen Rassismus und Fremdenhass.

Das Verschweigen von Informationen wird gern als besondere gesellschaftliche Verantwortung des Journalisten bezeichnet, als Teil des Berufsethos. Einem solchen fühlen sich allerdings auch Journalisten in anderen Ländern verpflichtet, etwa in den USA, jedoch ohne dies mit der Pflicht zu verbinden, Wissen zurückzuhalten.

Die wichtigste Aufgabe des Journalisten ist es, nach bestem Wissen und Gewissen die Wahrheit zu schreiben und zu senden. Er sollte fair und ausgewogen berichten, seine Informationen sorgfältig prüfen, und dann mitteilen, was er weiß – und zwar ohne Ausnahmen (die nicht dem Quellenschutz dienen). Es schadet der Glaubwürdigkeit des Journalismus, wenn Leser, Zuhörer und Zuschauer mutmaßen, was ihnen womöglich vorenthalten wurde. Und es fördert Gerüchte. Es ist Zeit, Richtlinie 12.1 aus dem Pressekodex zu streichen.

Johannes Kaufmann (Jahrgang 1981) arbeitet als Wissenschaftsredakteur bei der Braunschweiger Zeitung. Neben Wissenschaftsthemen von der Grünen Gentechnik über die Infektionsforschung bis zur Lebensmittelsicherheit beschäftigt er sich vor allem mit der Geschichte der israelischen Armee.

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