Deutscher Film: scheinheiliger Moralismus bedingt durch „Filmförderung“

achgut.com

Filmförderung: Aber bitte mit “Haltung”.

 Hans-Martin Esser / 30.03.2016

Bei allen Filmförderfonds, die es in Deutschland gibt, beschäftigt mich die Frage, warum die Qualität deutscher Filme eher mäßig ist. Und gerade in diesen Filmförderfonds ist der Grund zu suchen, warum der deutsche Film so ist, wie er ist. Es findet eine Vorstandardisierung statt, ohne auf künstlerische Freiheit oder Publikumsinteresse Rücksicht nehmen zu müssen. Im Grunde ist es wie bei einer Casting-Show, die auch nie wirkliche Stars hervorbringt. Jede Magie ist im Vorfeld herausgefiltert, jedes Geheimnis erklärt. Am Ende ist ein doch recht politisch wünschenswerter Standard, wäre man unhöflich, würde man es Einheitsbrei nennen.

Serien wie „Altes Geld“ aus Österreich sind hauptsächlich durch DVD-Verkauf finanziert. Förderfonds spielten hier eine untergeordnete Rolle. Zu sehr wollte man ins Drehbuch hineinreden, was sich die Autoren zu Recht verbeten haben. Inhaltlich ist „Altes Geld“ eine Groteske, eine Art Denver Clan vor schickem Hintergrund mit Burgtheaterschauspielern und Udo Kier. Handschuhe aus Menschenhaut, eine ins Albern-Tragische gehende Inzestbeziehung zwischen Bruder und Schwester, alles nicht ganz ernst gemeint. Das war den Standardwahrern von den Filmförderfonds wohl zu viel.

Um sich Einmischungen in die künstlerische Freiheit zu verbitten und Übergriffigkeiten zu vermeiden, hat man im Fall von „Altes Geld“ andere Wege gesucht, als eine hauptsächliche Finanzierung durch Filmfördergesellschaften. Ziel war es nicht, möglichst schnell in ORF und ARD ausgestrahlt zu werden, sondern eine ganz eigene Melange aus Tragikomik, Ästhetik und Absurditätenstadl zu liefern.Klar, dass dies die Standards der konventionellen, soll heißen staatlich finanzierten und daher staatstragend daherkommenden, Finanzierung sprengt.

Ein Zustandekommen der Miniserie funktionierte also durch den Rückkopplungsmechanismus von Angebot und Nachfrage, was zeigt, dass Unkonventionelles gerade besser durch Marktmechanismen als durch Überstandardisierung durch mächtige Gate-Keeper funktioniert. Das Gate-Keeping durch Filmförderfonds hat dazu geführt, dass die deutsche Filmlandschaft eine einzige Monokultur geworden ist. Filme mit Haltung und/oder mit Til Schweiger sind das magere Resultat der vergangenen 15 Jahre.

Mit Haltung ist die Aufforderung gemeint, sich in einer bestimmten Weise politisch zu positionieren und das auch mit Penetranz zu propagieren, andere Meinungen als unerwünscht mit kritisch bis angeekeltem Gesichtsausdruck für nicht diskutabel zu kommentieren, das ist Haltung. Genau das hat zu einer Flut von Schauspielern geführt, die sich von jedem Boulevardmedium – wie zufällig – bei Besuchen in verarmten Ländern filmen lassen, meist 2 Wochen vor der Premiere eines neuen Filmes. Haltung könnte man – wäre man böse – sagen, ist Mitläufertum 2.0, eine bestimmte Art von Opportunismus, um an Rollen oder Filmfördergelder zu kommen, wenn es die Qualität von Drehbuch oder Darstellung nicht hergeben.

Für einen Autor, Regisseur oder Drehbuchautor ist es daher fast wichtiger, Pate oder Schirmherr einer Goodwill-Vereinigung zu sein als den Othello am Wiener Burgtheater gegeben oder in einer wirklich guten Filmrolle brilliert zu haben. Neben „Altes Geld“ und dem Film „Das Leben der Anderen“ fällt mir fast nichts ein, was wirklich höchsten Ansprüchen gerecht wurde. Serien wir Breaking Bad oder Sherlock, House of Cards oder Filme wie „There will be blood“ sind undenkbar in der deutschen Filmförderlandschaft.

Nicht, dass die Stars nicht nach Deutschland kämen. Dank dem ehemaligen Berliner Ober-Bürgermeister Wowereit sind die Studios in Babelsberg wieder gut gebucht. Aber es kommen ja hauptsächlich jene Hollywood-Stars, die es eher auf den Friedensnobelpreis als auf den Oscar abgesehen haben: Matt Damon, George Clooney, Angelina Jolie machen eher durch Haltung – was immer das auch sei – als durch Ambitionen von sich reden, wirklich einzigartig gute Filme zu drehen.

Daher sind die Babelsberger ein bisschen stehen geblieben und spezialisiert auf „irgendwas mit Nazis oder Kaltem Krieg“. Deutsche Schauspieler kommen dann als Staffage besonders in Uniform daher. Die Zeiten von Murnau und Fritz Lang sind ja längst passé – es muss dringen politisch sein. Eine österreichische Freundin von mir, die jetzt in England lebt, fragte mich einmal: „Muss es bei Euch immer so politisch sein in Deutschland?“. Recht hat sie, aber man könnte ergänzen, nicht nur politisch, sondern auch noch mit Haltung.

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