AfD – Die Volkspartei des gesunden Menschenverstandes

Vortrag und Diskussion in Halle

Donnerstag, 7. April 2016, um 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz 8/9, Halle

Die Volkspartei des gesunden Menschenverstandes

Zum Erfolg der AfD

Mit David Schneider, Autor der Berliner Zeitschrift Bahamas.

Vom Her­kom­men der Flücht­lin­ge pro­fi­tie­ren nicht nur not­stands­ver­lieb­te Hel­fer­de­ut­sche, Si­cher­heits­diens­te oder das nied­rig­schwel­li­ge Ho­tel­ge­wer­be, son­dern auch die neue deut­sche Pro­blem­par­tei, die AfD. Wäh­rend die Re­ak­ti­on des po­li­ti­schen Per­so­nals der Ber­li­ner Re­pu­blik noch zwi­schen Maß­re­ge­lung und Be­schimp­fung schwankt, ver­langt das ganz helle Deutsch­land „Not­stands­ge­set­ze gegen den Mob“ (Mely Kiyak). Die voll­ends Ver­zwei­fel­ten hören schon Hit­ler­stim­men, NS-Ver­glei­che flo­rie­ren von der Dorf­an­ti­fa bis zur Come­dy­show im TV, wobei nicht aus­zu­ma­chen ist, ob dabei die Ab­sicht, den na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­nich­tungs­an­ti­se­mi­tis­mus zu ver­harm­lo­sen, oder ein­fach nur schnö­de Ah­nungs­lo­sig­keit über­wiegt. „Das schlimms­te Ka­pi­tel un­se­rer Ge­schich­te darf sich nicht wie­der­ho­len“, warn­te Gre­gor Gysi nach den Kom­mu­nal­wah­len in Hes­sen, ver­gaß aber vor lau­ter Kum­mer zu er­wäh­nen, dass die Kriegs­er­klä­run­gen gegen Is­ra­el bis dato vor­nehm­lich aus sei­ner ei­ge­nen Par­tei kom­men.

CDU-Mann Gün­ther Oet­tin­ger, der in schwe­ren Zei­ten nicht an Hit­ler, son­dern an die Ge­fah­ren des Ehe­le­bens denkt, tat kund, dass er sich „heute Nacht noch er­schie­ßen“ würde, wenn „die ko­mi­sche Petry“ seine Frau wäre. Oet­tin­ger steht mit die­sem ver­such­ten Witz, der in ers­ter Linie ein alar­mie­ren­des An­zei­chen für den Geis­tes­zu­stand des­je­ni­gen ist, der ihn er­zählt, durch­aus ex­em­pla­risch für die Dis­tanz­lo­sig­keit und die Nei­gung zum Scham­los-Aso­zia­len in der ak­tu­el­len Aus­ein­an­der­set­zung rund um die AfD. Dabei ist die Em­pö­rung der De­mo­kra­ten ein wenig er­staun­lich, denn unter den Pa­ro­len der „Volks­par­tei des ge­sun­den Men­schen­ver­stan­des“ (Bernd Lucke) fin­det sich kaum eine, die nicht auch in ab­ge­schwäch­ter Form in den an­de­ren Par­tei­en auf­taucht. Ge­nützt hat das kol­lek­ti­ve Em­pö­ren al­ler­dings nichts. Die AfD, die als Par­tei zur Ab­schaf­fung des Euro an­ge­tre­ten ist, in­zwi­schen aber er­kannt hat, dass der Schrei nach einem Stopp der Zu­wan­de­rung noch bes­ser an­kommt als eu­ro­kri­ti­sches Mo­sern, sitzt seit dem 13. März 2016 in drei wei­te­ren Land­ta­gen. In Sach­sen-An­halt wurde sie mit über 24 Pro­zent sogar zweit­stärks­te Kraft.

Teil der mo­men­ta­nen Er­folgs­ge­schich­te ist auch, dass einer wie Björn Höcke, der beim Rum­fuch­teln auf ost­deut­schen Markt­platz­büh­nen wie eine schlecht in­sze­nier­te Par­odie auf einen lin­ki­schen Volks­tri­bun wirkt, sei­nen Hang zu blond be­zopf­ten Ger­ma­nen­girls, deut­schen Wäl­dern und völ­ki­schen Vi­sio­nen dank der ak­tu­el­len Flücht­lings­si­tua­ti­on vor ein paar Zu­hö­rern mehr aus­le­ben kann. Ob der pa­trio­ti­schen Szene, die sich in der AfD sam­melt, mit­tel­fris­tig ir­gend­ei­ne ge­sell­schaft­lich re­le­van­te Be­deu­tung zu­kom­men wird, wie an­ti­fa­schis­ti­sche Re­cher­che­teams und Po­li­to­lo­gen mit dem Ar­beits­schwer­punkt „Neue Rech­te“ ein­hel­lig be­haup­ten, bleibt ab­zu­war­ten.

Ent­schei­dend für den Er­folg der AfD ist aber nicht der Volks- und Va­ter­lands­kitsch, son­dern ihr For­mat. Wer wis­sen will, was die Par­tei übers Flücht­lings­the­ma hin­aus so at­trak­tiv macht, braucht nur einen Blick in den haus­ei­ge­nen In­ter­net­fan­shop zu wer­fen. Neben T-Shirts mit der Auf­schrift „Mut-Bür­ger“, mit denen man sich an po­ten­ti­el­le Käu­fer wen­det, die nicht nur das Ge­spür für Pein­lich­keit, son­dern die Kon­trol­le über ihr Leben ver­lo­ren haben müs­sen, kann man dort ein sechs­tei­li­ges Pla­katset zum stol­zen Volks­ver­ar­schungs­preis von 9,95 Euro er­wer­ben, das die ge­druck­te Bot­schaft „Än­dern Sie nicht ihre Mei­nung. Än­dern Sie die Po­li­tik!“ be­inhal­tet. Die Auf­for­de­rung, die ei­ge­ne Mei­nung ab­so­lut zu set­zen, ist See­len­bal­sam für den sich aus­brei­ten­den Typus des ent­hemm­ten Sub­jek­ti­vis­ten. Das nach­bür­ger­li­che Sub­jekt, das es zum recht­ha­be­ri­schen Po­li­ti­sie­ren treibt, kom­pen­siert seine reale Ohn­macht durch die af­fek­ti­ve Be­set­zung der ei­ge­nen Mei­nung, deren tri­um­pha­le In­sze­nie­rung das Ge­fühl ver­schafft, zu denen zu ge­hö­ren, die wis­sen, wo es lang geht. Die zum Selbst­zweck ver­ding­lich­te Mei­nung gerät man­gels an­de­rer Lust­quel­len in­mit­ten des freud­lo­sen Da­seins zum trie­böko­no­mi­schen Dreh-und An­gel­punkt des nar­ziss­tisch de­for­mier­ten In­di­vi­du­ums. Be­feu­ert wird die ver­bis­se­ne und gegen jede Er­fah­rung ab­ge­dich­te­te „All­wis­sen­heit des Trot­tels“ (Karl Kraus) durch die so­zia­len Netz­wer­ke, wo Leute, die vor ei­ni­gen Jah­ren noch al­lei­ne am Tre­sen saßen, weil ihrem Ge­kei­fe kei­ner zu­hö­ren konn­te, nicht nur auf Gleich­ge­sinn­te tref­fen, son­dern auch fest­stel­len, dass die ver­ba­le Ent­hem­mung im­mer­hin Re­ak­tio­nen pro­vo­ziert.

Dass die in der Flücht­lings­de­bat­te auf­ge­führ­ten Ängs­te der chro­nisch Be­sorg­ten oft­mals nur ein Vor­wand fürs Aus­le­ben fut­ter­nei­di­scher Ag­gres­si­on gegen die als Ein­dring­lin­ge mit grund­le­gend böser Ab­sicht be­feh­de­ten Flücht­lin­ge ist, heißt un­ter­des­sen nicht, dass zur Be­un­ru­hi­gung kein An­lass be­stün­de. An­ge­sichts der ge­nau­so plan­lo­sen wie stim­mungs­ab­hän­gi­gen In­te­gra­ti­ons­po­li­tik und eines par­tei­über­grei­fen­den Kul­tur­re­la­ti­vis­mus, der sich am dras­tischs­ten im mo­ra­lisch kor­rup­ten Ran­kum­peln an den Islam zeigt, ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass von den jähr­lich Hun­dert­tau­sen­den, die aus is­la­mi­schen Län­dern hier­her­kom­men, et­li­che als per­so­nel­ler Nach­schub für die is­la­mi­schen Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten fun­gie­ren. Wo die be­rech­tig­te Aver­si­on gegen die AfD dazu führt, dass zur weit­aus grö­ße­ren Be­dro­hung durch den Islam ge­schwie­gen oder an­ti­ras­sis­tisch rum­ge­ei­ert wird, schlägt sie um in of­fe­nen Auf­klä­rungs­ver­rat.

Eine Veranstaltung des AG Antifa

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