„Ein Land mit Janusgesicht – Eindrücke einer Reise nach Polen“

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„Als ich erfahren habe, daß ich mich beschneiden lassen muß, um Polens Staatswappen sein zu dürfen, verfiel ich in eine Depression“ – Achtung! Das ist eine polnische anrisemitische Fälschung einer Karikatur von Andrzej Mleczko.

 

Hier das Original:

Mleczko - Orzel

„Als ich erkannt habe, daß ich das Symbol Polens bin, verfiel ich in eine Depression“

Autor: Andrzej Mleczko (in Polen ein berühmter Karikaturist.)

 

„Ein Land mit Janusgesicht – Eindrücke einer Reise nach Polen“

von Elvira U. Grözinger

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Seit Heinrich Heines Bericht „Über Polen“ von 1823 hat sich Vieles geändert. Polen, damals zwischen Preußen, Österreich und Russland geteilt, war ein Vielvölkerstaat mit großer jüdischer Bevölkerung. Meine Polen-Reise im September 2015 führte mich in mein Geburtsland, das meine Eltern und ich 1957 aufgrund von antisemitischer Hetze verlassen mussten. Diesmal war die Reise mit einer Suche nach den Spuren meiner ermordeten Verwandten (in Warschau, Siedlce und Lublin) zugleich aber, wie fast alle meine Reisen dorthin in den letzten zwanzig Jahren, mit einer Konferenzeinladung verbunden. 2015 jährte sich zum 100. Mal der Todestag des berühmten jiddischen Schriftstellers Izchak Leibusch Peretz, der im ostpolnischen Zamość geboren und in Warschau gestorben war. Ihm war die hervorragend organisierte internationale Konferenz gewidmet, die in zwei Teilen – in dem neuen Jüdischen Museum in Warschau und in der restaurierten Renaissance-Stadt Zamość -stattgefunden hat, wobei die TeilnehmerInnen auch Lublin, das ehemalige „Jerusalem Polens“, besuchten. An der Einfahrt nach Lublin liegt das Vernichtungslager Majdanek, jetzt eine Gedenkstätte. Die schwarzen angestrichenen Wachtürme und Baracken dienen als memento mori für die abwesenden polnischen Juden.

 

Polen ist die Wiege des modernen Jiddisch, der Muttersprache von fast allen der 3,5 Millionen jüdischen Einwohner des Landes. 3 Millionen von ihnen wurden in der Shoah ermordet. I. L. Peretz war der spiritus rector der neuen Generation von aufgeklärten vor allem Jiddischsprachigen Intellektuellen, deren Beitrag zur Literatur und Publizistik in dem neuerstandenen polnischen Staat während der kurzen Zwischenkriegszeit eruptive Höhepunkte erreichte. Parallel zum jüdischen Aufbruch in Polen erwachten die polnischen nationalen und antisemitischen Kräfte, so dass bereits in den 1930er Jahren der optimistische Geist der ersten Jahre verflogen war. Dem judenfreundlichen Marschall Piłsudski (der mit meinem Großvater befreundet war) folgte als Staatschef der extreme Nationalist und rabiate Antisemit Roman Dmowski. Das Ende der kurzen jüdischen kulturellen Blüte in Polen kündigte sich an, die Deutschen Invasoren und ihre polnischen Helfer taten das Ihre. Heute wird Dmowski mit Denkmälern und nach ihm benannten zentralen Plätzen in den Städten Polens geehrt.

 

1968 warf Polen die letzten Juden im Lande raus und kappte die diplomatischen Beziehungen zu Israel, die es erst nach der Wende 1990 wiederaufgenommen wurden. Seither erwuchs in dem fast „judenfreien“ Land, eine neue Generation von nichtjüdischen Künstlern und WissenschaftlerInnen, die sich mit dem Judentum, der jüdischen Kultur, Geschichte und der jiddischen Sprache befassen. Ihre haupt- und ehrenamtliche Arbeit im akademischen und musealen Bereich ist bemerkenswert. Erfreulich rege sind auch die polnischen Jiddisten. Es gibt zahlreiche Vereinigungen, Verbände und Stiftungen, die Festivals jüdischer Kultur organisieren, Zeitschriften oder Buchverlage wie z. B. der Krakauer Austeria, die sich der jüdischen Publizistik und Literatur widmen, oder welche sich für den Erhalt und die Restaurierung der zerstörten jüdischen Friedhöfe, Synagogen und Lehranstalten als Zeugnisse des vernichteten jüdischen Gemeindelebens einsetzen. Kleine lokale Museen wie in Lublin, das traditionsreiche Jüdische Historische Institut in Warschau oder das 2013 in Warschau eröffnete Museum der Geschichte der polnischen Juden, das gegenüber dem Denkmal der Helden des Warschauer Ghettos errichtet wurde, dokumentieren das, was nicht mehr existiert. Im Letzteren wird fast ausschließlich digital die eintausend jährige jüdische Geschichte des Landes präsentiert. Das ist das helle, sehr erfreuliche Gesicht Polens, das einem Mut macht. Weniger erfreulich aber ist, dass trotz der Abwesenheit von Juden der Antisemitismus in Polen weiterhin gedeiht[i], was nicht nur die Besucher, die des Polnischen mächtig sind, verwundert und irritiert, denn man braucht nur einen Spaziergang durch polnische Städte zu machen, um dieses hässliche Gesicht zu sehen

 

Warschau hat eine bald nach dem Krieg wieder restaurierte Altstadt zwischen dem Ufer der Weichsel und dem ehemaligen jüdischen Viertel, später dem Ghetto. Dort gibt es zahlreiche Verkaufsstände mit Volkskunst. Neben Holzfiguren in polnischen Trachten finden sich überall geschnitzte Judengestalten mit Hut, Bart, Schläfenlocken und Kapoten, zum Teil einen Koffer tragend, auf dem das $-zeichen steht. Es gibt ebenfalls ein tausendfach kopiertes und in vielen Formaten vorhandenes Gemälde eines Juden (mit Kippa oder in hasidischer Tracht, s. Abbildungen), der vor einem Haufen Goldmünzen sitzt, diese zählt oder genüsslich betrachtet. Die Züge vieler dieser Juden sind im Stürmerstil karikiert. Sie werden alle ganz offen und in aller Unschuld mit der anderen „Folklore“ angeboten, und sollen zudem angeblich dem Haus, in dem sie hängen den Geldsegen bringen. Ein solches Klischeebild des Juden hegen die Polen in Abwesenheit von echten Juden.

 

Auf der wieder restaurierten Warschauer Prachtstraße Krakauer Vorstadt mit dem Präsidentenpalais und der nahen Universität erwarb ich ein gerade erschienenes Buch eines mir unbekannten Autors, betitelt Geniusz Żydow na polski rozum (Das Genie der Juden für das polnische Hirn) und mit der polnischen Flagge samt Davidstern auf dem Umschlag. Bereits das Inhaltsverzeichnis ließ nichts Gutes ahnen. Der Autor, der mehrere Jahre in den USA als Journalist tätig war, getarnt als Kenner des Judentums und Bewunderer der Juden und Israels, trägt alle antisemitischen Vorurteile zusammen, um angeblich den Polen zu beweisen wie dumm sie im Vergleich mit den durchtriebenen, klugen, vor allem aber geldgierigen Juden sind. Sie sollten sich an der „jüdischen Lobby in Amerika“ – allen voran der Anti Defamation League und AIPEC – ein Beispiel nehmen, wie diese die amerikanische Politik in ihrem Sinne manipulieren, notfalls mit Erpressung, um endlich ökonomisch auf einen grünen Zweig zu kommen. Seitenweise zitiert er das berüchtigte Buch The Israel Lobby von John Mearsheimer und Stephen Walt (2006). Die Juden seien aufgrund ihrer Geschichte und genetischer Auslese intelligenter als andere Völker, was sich in deren Bilanz an Nobelpreisen widerspiegelt. 40% der Polen glauben, dass die meisten ihrer Politiker „jüdischer Abstammung“ seien, und in absurden Internetforen werden Juden als die schlimmsten Feinde des polnischen Volkes dargestellt. Sie hätten vor, die Polen auszubluten, ja zu vernichten (etwa mit Hilfe jüdischer Ärzte, welche die polnischen Neugeborenen töten, wie in amerikanischen Blogs zu lesen ist). Das hätten schon die angeblichen „Judäo-Kommunisten“ getan, die den Kommunismus als „Waffe des internationalen Judentums“ gegen das katholische Polentum erfunden hätten. Das „jüdisch-kommunistische Regime“ soll zudem „in den Jahren zwischen 1944-1956 600.000 Polen ermordet“ haben.

 

Als Variante des „Judäo-Kommunismus“ sei Polen durch den seit dem Krieg in der Ukraine entstandenen „Judäo-Banderismus“ in Gefahr, benannt nach dem Antikommunisten und ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera, der in Polen und Russland überwiegend als Nazikollaborateur und Kriegsverbrecher gilt. Die Juden beabsichtigten demnach, die Polen in den „faschistischen Ost-Teil der Ukraine“ zu vertreiben, um dort ein neues “Chasarenreich“ zu gründen, während der westliche deutsch werden würde. Und wie ein polnisches Buch von 2001/2 raunt, drohe den Polen nun das Schlimmste, die „Judäo-Polonia“. Hier wurde ein längst vergessener Vorschlag eines Zionisten von 1902 ausgegraben, der einen Pufferstaat zwischen Russland und Preußen vorschlug. Der Staat Polen, den es ja erst seit 1918 wiedergibt, existierte damals noch nicht. Aber als Beweis für diese Pläne, zu denen auch die Forderungen nach Restitution des jüdischen Vermögens in Polen und das jüdische Rückkehrrecht gehören, dient das künstlerische Projekt der israelischen Künstlerin Yael Bartana. Sie zeigte in einem dreiteiligen Film-Projekt, das auch im Berliner Gropiusbau zu sehen war, die Gründung eines Kibbutz im ehemaligen Warschauer jüdischen Viertel, samt einem Manifest der erfundenen Bewegung, die sie „The Jewish Renaissance Movement“ nannte und mit dem polnischen Adler mit der Krone samt Davidsstern dekorierte. Diese Pläne seien 2007 auf einem Kongress dieser Bewegung in Berlin besiegelt worden. Der Autor vergisst hierbei allerdings zu erwähnen, dass der „Kongress“, bei dem in der Tat verschiedene Fragen diskutiert wurden, im Rahmen einer Biennale in dem Berliner Off-Theater, dem Hebbel am Ufer (sic!), stattfand. Die Ironie ist, dass Bartanas Filmtrilogie als polnischer Beitrag auf der 54. Biennale in Venedig präsentiert wurde und damit alle polnischen Nationalisten und Antisemiten zutiefst erschreckte.

 

Polen hat also ein Janusgesicht. Seine hellen und düsteren Seiten können die bittere Erkenntnis nicht verdecken, dass Polen nach dem Verlust dieses wichtigen Teils der eigenen Geschichte und Kultur an einer Art Phantomschmerz leidet. Denn dort, wo einst das jüdische Leben blühte, herrscht nun eine Leere, die man vielerorts nur digital zu füllen vermag. So war auch meine Spurensuche in der materiellen Wirklichkeit ohne Erfolg geblieben. In Siedlce, der Stadt, in der vor dem Krieg 37% der Bewohner Juden waren, gedenkt man heute der ehemaligen Nachbarn nicht. Die neuesten Publikationen zur Geschichte der Stadt erwähnen sie nur ganz am Rande, so auch meinen Großvater, der dort die renommierte Druckerei „Artystyczna“ besaß, deren künstlerische Drucke in der polnischen Nationalbibliothek aufbewahrt werden.

Quelle „Jüdisches Leben in Bayern“ 3. Jahrgang/Nr. 128, Dezember 2015

[i] Für den Antisemitismus braucht man keine Juden, es reicht, daß es Antisemiten gibt. Anm. JSB

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