Nicht jeder ist therapierbar

Mordfall Marie: Abgründe der Seele | Die Weltwoche, Ausgabe 11/2016 | Donnerstag, 17. März 20

Was ist das Böse? Der Prozess gegen Claude Dubois in Lausanne
liefert eine Ahnung: Der Mörder der Serviceangestellten Marie ist 
untherapierbar. Findet das Gericht den Mut, den Psychopathen 
lebenslänglich zu verwahren?

Von Alex Baur

Marie Schluchters Beitrag zur Klärung des Verbrechens erschöpft sich im verzweifelten Hilferuf: «Aidez-moi!» Am Abend des 13. Mai 2013 beobachtet eine Spaziergängerin, wie Claude Dubois die 19-jährige Serviceangestellte beim Golfklub von Payerne VD in sein Auto zerrt. Die Zeugin alarmiert sofort die Polizei, welche die wohl grösste Suchaktionen auslöst, die es in der Waadt je gab. Achtzehn Stunden später wird Dubois nach einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd verhaftet. Allein er weiss, was in diesen achtzehn Stunden passiert ist. In der ­folgenden Nacht führt er die Polizei zu Maries Leiche, die er im Wald zurückgelassen hat.

Dubois hat gestanden, Marie entführt, ge­fesselt und acht Stunden später erdrosselt zu ­haben. Er hat sogar detailliert beschrieben, wie er sein Opfer in den Wald verschleppte; wie er Marie dort von seinem ersten Mord und vom Gefängnis erzählte; wie er ihr offenbarte, dass auch sie jetzt sterben werde; wie sie um ihr ­Leben flehte; wie er das terrorisierte Mädchen an den Brüsten streichelte; wie sie versuchte, ihn mit Zärtlichkeiten umzustimmen, «um ­ihre Haut zu retten»; wie er Marie nach stundenlangem Psychoterror schliesslich mit ihrem Gurt erwürgte (was zehn Minuten gedauert ­habe, da er zuerst die richtige Position finden musste); wie sich Marie bis zu den letzten ­Zuckungen gegen den Tod stemmte.

So steht es in der Anklageschrift geschrieben, die mangels einer Alternative auf Dubois’ Schilderungen baut – auf den Worten eines nach der Einschätzung des Staatsanwaltes «fundamental bösen» Manipulators also, dem man eigentlich kein Wort glauben darf.

Versessen auf Details

Der heute 39-Jährige redet eloquent, und er redet gerne, wie er letzte Woche in Lausanne vor Gericht eindrücklich demonstrierte. Dubois ist geradezu versessen auf Details. Wenn er denn will. Denn worüber er redet und was er verschweigt, das entscheidet allein er. Es war sein Prozess, die Show des Claude Dubois, und er schien sich in seiner Rolle zu gefallen.

Ganz im Habitus eines versierten Anwaltes machte er sich immer wieder Notizen zum Prozessverlauf. Wenn er das Wort ergriff, ­dozierte er vornehmlich über angebliche Versäumnisse des Staatsanwaltes oder prozes­suale Mängel. Mal verwarf er die Arme theatralisch, um eine Pointe zu unterstreichen, mal legte er eine Kunstpause ein, um eine Spitze an die Adresse des Privatklägers wirken zu lassen. Auf der Suche nach dem treffenden Zitat blätterte der Angeklagte gekonnt in den Akten, ohne deshalb seinen Redefluss zu unterbrechen. Und wenn er über Marie redete, die er angeblich aus der Prostitution befreien wollte, ­mutete es an, als sässe nicht Dubois auf der ­Anklagebank, sondern sein Opfer.

Nur die entscheidenden Punkte mied er konsequent. Was waren seine Motive? Wann fasste er den Mordplan? Was dachte, was fühlte er dabei? Dubois machte zwar immer wieder Anspielungen, doch diese verwirren mehr als sie klären. Die Gefühlswelt des einschlägig vorbe-
straften Mörders ist und bleibt hermetisch verschlossen wie eine Blackbox. Und irgendwann beschlich einen die grausliche Ahnung, dass dieser im persönlichen Umgang durchaus angenehme Herr gar keine Gefühle kennt – weder Mitleid noch Liebe, aber auch keine Hemmungen, keine Furcht. Was immer Dubois sagte, blieb auf eine eigentümliche Art abstrakt und unverbindlich. Bei der Rekonstruktion des Verbrechens müssen wir uns also wohl oder übel mit den äusseren Umständen und der Vor­geschichte begnügen.

Diese Geschichte beginnt im Herbst 1997. ­Dubois war damals 21 Jahre alt und lebte noch bei seinen Eltern im Kanton Freiburg. An sich hätte er Bauzeichner werden sollen, um dereinst die elterliche Firma zu übernehmen. Doch nach einem Zwischenjahr an einem Internat in Zug entschied er sich für eine KV-Lehre. Das Büro sagte ihm aber auch nicht zu. Nach der ­Rekrutenschule lebte er ein paar Monate von der Arbeitslosenhilfe, danach jobbte er lust- und ziellos als Elektronikverkäufer.

In jener Zeit trennte sich seine Freundin Pascale von ihm. Der knapp zehn Jahre älteren Zahnarztgehilfin waren seine herrischen Allüren unerträglich geworden. Dubois bedrohte und bedrängte sie nun erst recht. Auf beiden Seiten versuchten Angehörige zu vermitteln, vorerst erfolglos. Nach Weihnachten schien er sich zu beruhigen. Doch es war die Ruhe vor dem Sturm. In einer geplanten Aktion entführte Claude Dubois am 14. Januar 1998 Pascale in ein Ferienhaus und richtete das um sein Leben flehende Opfer nach einer vierstündigen Foltersession mit fünf Schüssen buchstäblich hin (Weltwoche Nr. 21/13, «Drama eines angekündigten Mordes»).

Zwei Jahre später wurde Dubois wegen Mordes und Vergewaltigung zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt. Vor Gericht zeigte er ­keine Spur von Reue und gab dem Opfer alle Schuld. Gerichtspsychiater Jacques Gasser diagnostizierte eine «pervers narzisstische» Persönlichkeitsstörung mit dissozialen Zügen. Es sind die klassischen Merkmale eines Psychopathen. Obwohl Dubois keiner Therapie zugänglich war, schätzte Gasser die Gefahr eines Rückfalls als gering ein. Eine Wiederholung derselben Tatkonstellation war nach seiner Meinung unwahrscheinlich. Gasser irrte.

Das zeigte sich spätestens im Gefängnis, wo Dubois via Internet eine Beziehung zu Valérie knüpfte, auch sie eine Zahnarztgehilfin. 2004 heiraten die beiden im Gefängnis. Die Ehe scheitert nicht etwa wegen der Haft, sondern weil der eifersüchtige Dubois seiner Frau bei ­einem Besuch an die Kehle ging. Unbeaufsichtigte Kontakte wurden daraufhin strikte unterbunden. 2008 bestätigte der Lausanner Psych­iater Philippe Delacrausaz in einem Gutachten die Gefährlichkeit von Dubois, er warnte vor seiner Manipulierfähigkeit und einer grossen Rückfallgefahr. Als ob es eines Beweises noch bedurft hätte, bedrohte Dubois seine Frau mehrfach. Sie liess sich in der Folge scheiden.

Im Mai 2011 hat Dubois zwei Drittel seiner Strafe verbüsst, theoretisch wäre eine Entlassung nun möglich. Doch das Waadtländer Kantonsgericht verweigert dem notorischen Einzelgänger, der bislang jede Therapie abgelehnt hat, die ersehnte Freiheit. Weil man aber davon ausgeht, dass der Mann spätestens 2018 auf jeden Fall entlassen werden muss, kommt er in eine offene Anstalt. Dubois verhält sich unauffällig, disziplinarisch gibt er keinerlei Anlass zu Klagen. Ein Jahr später schmettert das Gericht trotzdem den nächsten Antrag auf vorzeitige Freilassung ab. Dubois wird mit ­einer Fuss­fessel in eine Art offenen Hausarrest versetzt. Eine Reihe von Auflagen, darunter Gespräche mit einem Therapeuten, sollen dem Untherapierbaren einen Rahmen geben.

Im August 2012 bezieht Dubois eine kleine Wohnung in Romont FR. Dank den Beziehungen seines Vaters, der ihn auch finanziell grosszügig unterstützt – der Freigänger verfügt über ein monatliches Budget von rund 6000 Franken –, findet er schnell eine Stelle. Freunde hat er auch in der Freiheit keine. Ein Teddybär im Auto, der ihn auf dem Beifahrersitz begleitet, steht sinnbildlich für seine Einsamkeit. Umso aktiver bewegt sich Dubois in den virtuellen ­Foren des Internets. Unter dem Pseudonym «Teddy DesBois» und mit einer erfundenen Biografie bandelt er mit mehreren Frauen an.

Schon nach drei Monaten wird Dubois auf Antrag seiner Bewährungshelfer ins Gefängnis zurückversetzt, weil er Arbeitskollegen mit dem Tod bedroht und seine Ex-Frau mit Pornobildern terrorisiert hat. Doch schon nach wenigen Wochen, am 14. Januar 2013, lässt ihn eine Einzelrichterin frei. Am 18. Februar kommt ein Gutachten unter der Aufsicht des Genfer Psychiaters Gérard Niveau zum Schluss, bei Dubois bestehe nur eine «leichte Rückfallgefahr». Es ist nicht die erste fatale Fehlprognose des Foren­sikers. Niveau spielte auch eine entscheidende Rolle bei der Haftlockerung von Fabrice Anthamatten, der wenige Monate später in Genf die Therapeutin Adeline Morel töten sollte.

Sechs Wochen nach seiner Freilassung, am 5. März 2013, bandelt Dubois (alias «La-vie-est-belle-je-te-le-dis») auf Skyrock mit der knapp 19-jährigen Service-Lehrtochter Marie Schluchter (alias «Kirstenhall») an. Skyrock gehört zu jenen Internet-Foren, in denen die Grenzen zwischen Prostitution und schnellen Dates fliessend sind. Aufgrund der Chats muss man davon ausgehen, dass «Kirstenhall» ihren kargen Lehrlingslohn ab und an mit bezahltem Sex aufbessert. Zwischen dem 14. und dem 28. April treffen sich die beiden vier Mal. Gemäss Dubois kam es erst beim vierten Treffen zu einem sexuellen Kontakt im Auto.

Marie, so erklärte Dubois vor Gericht, wäre schon vorher bereit gewesen, habe ihm Ange­bote gemacht. Doch er habe eine feste Partnerin gesucht, keinen käuflichen Sex. Bei den Treffen habe er ihr bewusst beiläufig Einblick in sein prallgefülltes Portemonnaie gewährt, um so ­ihre Ambitionen auf einen vermeintlich reichen Mann zu wecken. Als sie Anfang Mai erstmals eine Nacht bei ihm verbrachte, bannte er Sexszenen auf Video und teilte seine Eroberung sofort seinen Internetfreunden mit. Zugleich engagierte er einen Privatdetektiv, der Marie fortan für ihn überwachen sollte.

Hat sich Dubois unverhofft in eine Prosti­tuierte verliebt, wie er versichert? Die Aussagen von drei Frauen, zu denen er im selben Zeitraum Beziehungen unterhält, weisen in eine ganz andere Richtung. Es ist dreimal dieselbe Geschichte: Am Anfang gibt sich Dubois charmant, doch sobald die Beziehung konkreter wird, beginnt der Psychoterror eines Maniacs, der die totale Unterwerfung fordert. Die drei Frauen, unter ihnen eine erfahrene Prostituierte, können sich von ihm befreien. Übrig bleibt Marie, die Jüngste und Unerfahrenste. So gesehen, war sie wohl eher ein Zufallsopfer.

Am Samstag, dem 11. Mai, hat Marie die Nase voll. Nach einigem Hin und Her gibt sie ihm den Laufpass und sperrt den mittlerweile gewalttätigen Dubois auf ihren Chats. Doch so einfach wird man einen wie ihn nicht los. Wie eine Spinne hat er seine Beute umgarnt, ihren Bekanntenkreis und ihre Gewohnheiten ausgekundschaftet. Dubois drangsaliert Marie über eine Kollegin, sie blockt ab. Am Sonntag schickt er ihr eine letzte Message: «Bis bald.» Dann herrscht plötzlich Funkstille. Sein Therapeut, den er in diesen Tagen trifft, bemerkt nichts Alarmierendes. Ist es die Ruhe vor dem Sturm?

Wenn das Verbrechen an Marie die Wieder­holung seines ersten Mordes war, muss man davon ausgehen, dass der sadistische Plan längst in Dubois’ kaputter Seele gärte. Über ­diverse ­Kanäle versuchte er hartnäckig, aber erfolglos, sich eine Pistole zu beschaffen. Wo 
er sich in jenen Tagen aufhielt, lässt sich nur bruchstückhaft rekonstruieren. Der ansonsten so gesprächige Dubois verweigert in diesem Punkt jede Aussage. Alles, was weiter­helfen könnte – Computer, Handys, seine Go-Pro-Kamera – hat er nach der Bluttat versteckt oder vernichtet, samt den Datenträgern.

Tatsache ist: Am Montag, dem 13. Mai 2013 kauft Dubois um 18 Uhr 34 eine Taschenlampe, Klebband und Kabelbinder. Es sind die Utensilien, mit denen er Marie eine Stunde später vor dem Golfplatz in Payerne fesselt und knebelt. In der Nähe ihres Arbeitsplatzes hatte er Marie aufgelauert und sie nach dem Feierabend auf der abgelegenen Zufahrtsstrasse abgefangen.

Maries private Daten als Trophäe

Dass es nach dieser Entführung kein Zurück mehr gab, weder für ihn noch für sein Opfer, musste dem erfahrenen Täter Dubois von Anfang an klar gewesen sein. Ein «crime pas­sionnel», ein Verbrechen im Affekt, wie es die Verteidigung geltend macht, sieht anders aus.Hätte eine Spaziergängerin Maries Schreie nicht zufällig gehört und die Polizei alarmiert, wäre man dem Täter kaum so schnell auf die Spur gekommen – und vielleicht auch gar nie.

Die Verteidiger von Claude Dubois liessen nichts unversucht, um die Ermittlungen und das Verfahren in Frage zu stellen. Das ist nicht nur ihr gutes Recht, sondern ihre heilige Pflicht. Ein besonderes Anliegen war für Dubois stets die Herausgabe der privaten Daten von Marie – E-Mails, Chats, Bilder, Telefon­verbindungen –, die den Ermittlern vorlagen, die sie gegenüber ihm aber nicht offenlegten. Die Sache ging bis ans Bundesgericht.

An sich gehört der uneingeschränkte Zugang zu allen Ermittlungsakten zu den fundamen­talen Grundrechten eines Angeklagten. Im vorliegenden Fall wurde es verweigert, mit gutem Grund. Denn es ist nicht ersichtlich, was die privaten Belange des Opfers zur Klärung von Dubois’ Bluttat und seinem Motiv beitragen könnte. Die Dokumentation von Maries Intimsphäre wäre für den Psychopathen nicht mehr als eine makabre Trophäe gewesen, eine letzte Genugtuung, die man ihm nicht gewähren mochte.

Der Streit um die Akten zog sich durch den ganzen Prozess. Doch nicht nur in dieser Hinsicht hat Dubois das fragile Gerüst der Straf­justiz gnadenlos aufgezeigt und ausgereizt. Der Prozess in Lausanne drehte sich im Kern um ein Dilemma, mit dem sich der Rechtsstaat seit Jahren ausnehmend schwertut: die lebenslange Verwahrung. 2004 wurde diese Norm für gefährliche und nichttherapierbare Gewalt­täter von Volk und Ständen angenommen. Angewendet wurde sie bislang aber nur in einem einzigen Fall, der allerdings nie bis vor Bundesgericht gelangte. Wird an Dubois, der sich selber als Opfer eines «politischen Prozesses» bezeichnet, nun das überfällige Exempel statuiert? Man kann sich allerdings mit dem Staatsanwalt auch fragen: «Wen will man denn sonst noch verwahren, wenn nicht Dubois?» Doch so einfach ist die Sache nicht.

Voraussetzung für die lebenslange Verwahrung (Art. 64bis StGB) sind zwei psychiatrische Gutachten, die einen gefährlichen Gewalttäter als «dauerhaft» untherapierbar qualifizieren. Die Probleme beginnen schon damit, dass es in der Schweiz und erst recht in der Romandie nur wenige forensische Psychiater gibt, die zu einer derartigen Prognose überhaupt befähigt sind (den Beizug von Psychologen schliesst das Bundesgericht aus schwer nachvollziehbaren formalen Gründen aus). Wer sich schon einmal mit einem Täter befasst hat, scheidet zudem als befangen aus. Bei Rückfalltätern wie Dubois, die bereits mehrfach begutachtet wurden, wird der Kreis der geeigneten Experten ziemlich klein.

Die fünf Psychiater, die Claude Dubois bislang untersucht haben, gelangten zu vier verschiedenen Diagnosen. Vor allem bezüglich seiner Zurechnungsfähigkeit und des Krank-
heitswertes der seelischen Störungen gehen die Meinungen auseinander. Dass wir es mit einem gefährlichen Psychopathen zu tun haben, hat zwar keiner bestritten. Die Differenzen unter den Experten mögen akademischer Natur sein, aber sie zeigen: Die Psychiatrie ist weit von ­einer exakten Wissenschaft entfernt. Ist es ­unter diesen Vorzeichen überhaupt möglich, ­einen Menschen abschliessend zu beurteilen?

Irreparable Fehlkonstruktion in der Seele

Im aktuellen Verfahren kamen der Neuenburger Psychiater Philippe Vuille und sein Solothurner Kollege Lutz-Peter Hiersemenzel einhellig zum Schluss, dass Dubois brandgefährlich bleibt und auf absehbare Zeit keiner Therapie zugänglich ist. Doch was heisst schon «absehbar»? Statistisch gesehen hat Dubois noch vierzig Lebensjahre vor sich, wie sein Verteidiger vorrechnete, vielleicht auch mehr. Kann man heute seinen Geisteszustand für das Jahr 2056 voraussagen? Die einen Forensiker sagen, der angeborene Charakter eines Psychopathen sei so unheilbar wie eine Paraplegie, keine Krankheit also, sondern eine irreparable Fehlkonstruktion in der Seele. Andere verweigern sich ­einer unbegrenzten Prognose. Vuille gehört zu Ersteren, Hiersemenzel zu Letzteren.

Das Unwiderrufliche ist uns fremd geworden in einer Zeit, in der die Wissenschaft fast täglich neue Wunder vollbringt, alles erscheint möglich. Richter tun sich instinktiv schwer damit, abschliessend über Menschen zu urteilen. Nur zu gut wissen sie, dass es immer wieder Justiz­irrtümer und Fehldiagnosen gegeben hat. Ewig ist im Leben nur der Tod, und die Todesstrafe fordert heute in der Schweiz kaum jemand ernsthaft zurück. Ist die lebenslängliche Verwahrung, die «den allerletzten Hoffnungsschimmer nimmt», wie Dubois’ Verteidiger monierten, nicht eine Todesstrafe auf Raten?

Die rhetorische Formel klingt gut, doch sie entlässt die Richter nicht aus ihrer Verantwortung. Ihre Richtschnur ist das Gesetz, gleichgültig, ob sie es für sinnvoll halten oder nicht. Die Verwahrung ist keine Strafe, sondern einzig eine sichernde Massnahme zum Schutz der ­Gesellschaft. Wenn die Juristen und Experten irren, können auch Unschuldige sterben. Die Menschenrechte gelten schliesslich nicht nur für Mörder, sondern auch für deren Opfer, für Marie, Adeline, Lucie, Pascale und wie sie alle heissen. Das Dilemma ist in Wirklichkeit eine Gleichung, eine simple Wahrscheinlichkeitsrechnung: Wie gross ist die Chance, dass ein ausgewiesener Psychopath vom Schlage eines Claude Dubois seinen kaputten Charakter eines Tages grundlegend ändern wird – und wie gross ist die Chance, dass er eines Tages wieder zuschlägt, wenn sich die Gelegenheit bietet?

Einen kleinen Spalt in Dubois’ Zellentür liesse im Übrigen auch der Verwahrungsartikel offen: Sollten dereinst neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, kann eine Freilassung geprüft werden. Nur läge es dann am Täter, ­seine Ungefährlichkeit zu beweisen. Das Urteil wird auf den 24. März erwartet.

http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2016-11/artikel/titelabgruende-der-seele-die-weltwoche-ausgabe-112016.html

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