Die Deutschen finanzieren die türkische Kollaboration mit der syrischen al-Qaida.

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Donnerstag, 18. Februar 2016

Die syrische Katastrophe – einige Anmerkungen zur kursierenden Dolchstoßlegende

Die syrische Katastrophe ist unlängst um den türkischen Südosten erweitert. Cizre und Sur, das historische Diyarbakır, sind kaum noch zu unterscheiden von Halep und Homs. Eine Straße wird nach der anderen geschlachtet, wer ausharrt und nicht flüchtet als potenzieller Terrorist markiert. Systematisch wird Reizgas in die Gemäuer geschossen, in dem die Eingeschlossenen ausharren. Während auf den zerschossenen Fassaden in den eingeschlossenen Distrikten der Schlachtruf der türkischen Staatsfront aus Grünen und Grauen Wölfen prangt, Ermeni Piçleri: „Armenische Bastarde“, salutiert die Konterguerilla mit Wolfsgruß in der schwer beschädigten St. Giragos Kathedrale in Diyarbakır.
Die türkische Katastrophe ist längst um Syrien erweitert. In den turkmenischen Brigaden im nordwestlichen Syrien, der Bergregion Bayır Bucak, propagieren Graue Wölfe die völkische Erweckung eines Großturkistans. Als jüngst ein Parteifunktionär der panturanistischen Milliyetçi Hareket Partisi (MHP) aus dem Istanbuler Distrikt Fatih in der syrischen Hölle zum Märtyrer wurde, trugen ihn Parteikameraden als Şehit Tuğtekin, als Wiedergeburt des Atabeg von Damaskus aus dem Jahr 1104, zu Grab. Ahmet Mahmut Ünlü, der berüchtigte Imam des fundamentalistischen İsmail Ağa Cemaat, sprach das Totengebet, während Graue Wölfe ihr Haupt senkten. Unter den Betenden auch Alparslan Çelik aus dem östlichen Elazığ, der sich damit brüstet, einen der russischen Piloten der abgeschossenen Sukhoi ermordet zu haben.
In Syrien brechen die imperialen Ideologien, die diese Region systematisch hervorbringt, ungehemmt durch. Die imperiale Aggression hüllt sich in Unschuld und wähnt sich als ständiges Opfer imperialistischer Verschwörung, bevor sie zur Verfolgung der Anderen schreitet. Was diese Despotien – allen voran der klerikalfaschistisch-militaristische Iran und die Türkei unter den Muslimbrüdern – eint, ist die etatistische Erziehung zur Unmündigkeit und einer alles durchdringenden Paranoia. Der Reflex, jede empirische Uneinigkeit als eine perfide Intrige anderswoher zu exorzieren, wird eingeprügelt mit der Drohung, selbst als Äußeres markiert zu werden.*
An allen Tagen findet sich in Istanbul, Gaziantep oder anderswo ein Benefizabend, der für den syrischen Jihad wirbt. Mit dem Tugenddiktat „Treue zu den Märtyrern“ ruft İmkander zum Gedächtnisabend, das Plakat hierzu wirbt mit dem spirituellen Haupt der Hamas: Ahmed Yasin, dem Emir des Kaukasus-Emirats: Dokka Umarov, dem Mentor Osamas: Abdullah Azzam. In Gaziantep unterhielt İmkander ein eigenes Charité für jene, die in Syrien am Märtyrertod vorbeigeschrammt sind. In allen Ehren halten die türkischen Muslimbrüder den kaukasischen Jihad, sie verehren Şamil Basayev, dem Blutsäufer von Beslan, und machen Beerdigungen tschetschenischer Jihadisten im Istanbuler Distrikt Fatih zu Aufmärschen gegen den „Şeytan“ Putin. Die honorige İHH gedenkt in diesen Tagen auf Twitter und anderswo Ibn al-Chattab „Komutan Hattab“, ein saudischer Reisender tscherkessischer Abstammung und Weggefährte Osamas, der in Afghanistan, Tadschikistan und im Kaukasus dem Jihad gedient hat. Von ihm kursierten in den 1990ern Snuffmovies, in denen er Feinde des Emirats die Hälse durchschnitt.
Es ist nicht der „Islamische Staat“, dem der türkische Benefiz vorrangig gilt. Es ist ein Milieu irgendwo zwischen den Muslimbrüdern und der traditionellen al-Qaida, in dem auch panturkistische Heilsversprechen keimen. In der Grenzprovinz Idlib ist es die Jaysh al-Fatah, eine Militärallianz von Jabhat al-Nusra und Ahrar al-Sham, die auf die türkische Flanke vertraut. In Latakia panturkistische Brigaden mit Volontärs aus dem völkischen Milieu der Grauen Wölfe. Im strategisch sensiblen Distrikt Azaz an der syrisch-türkischen Grenze verlor die protürkische Jabhat al-Sham, die Levante Front, in den vergangenen Tagen Tel Rifaat an die YPG, der de-facto-Armee Syrisch-Kurdistans, sowie an die mit ihr verbrüderten multiethnischen Jaysh al-Thuwar. Die Militärkoalition Jabhat al-Sham besteht aus der Islamischen Front, der Jaysh al-Mujahidin und der quietistisch-salafistischen Harakat Nour al-Din al-Zenki. Im Spätherbst 2013 haben diese, mit der syrischen al-Qaida, die Institutionen der syrischen Exil-Opposition als illegitim und „konspirative Unternehmung“ denunziert und die Despotie des religiösen Gesetzes als einzig legitimes Fundament des Staatswesens behauptet.
„Vereint für die Etablierung des Islamischen Staates“, Graffiti in Tel Rifat (ANHA)
Die Konstellationen des kaukasischen Jihads aus den 1990ern ähneln grob denen in Syrien. Die Bösartigkeit jener, die den Syrern die Sharia aufzwingen, trifft auf die Gnadenlosigkeit einer militaristischen Despotie, die mit ihrer Strategie der Teppichbombardements Bashar al-Assad als ihren syrischen Kadyrow stabilisiert. Sie ähneln aber noch mehr der irakischen Katastrophe. Die islamisierte Opposition funktioniert nach derselben Logik einer konfessionalistischen Eskalation, die die khomeinistische Despotie im Irak verfolgt.
Es ist nicht der „Islamische Staat“ aka Daʿish, dem die russische Aggression vorrangig gilt. Es ist aber gelogen, jene sunnitischen Jihadisten, die in diesen Tagen Aleppo verlieren, unter einen anderen Namen zu rufen. Und es ist bösartig, jene, die von diesen Jihadisten bis aufs Äußerste bedrängt werden, einen Dolchstoß an der syrischen Opposition zu beschuldigen. Die Levante Front hat noch im vergangenen Jahr begonnen, das kurdische Sheikh Maqsood im nördlichen Aleppo auszuhungern. Ihre Artillerie schießt blind unter dem Mordgebrüll „Allahu Akbar“ in das Mahalle der Ungläubigen. Ahrar al-Sham, als Teil der Islamischen Front involviert in dieser Militärkoalition, bedrängt mit der syrischen al-Qaida, Jabhat al-Nusra, den eingeschlossenen Kanton Syrisch-Kurdistans Afrin. Die Fatah Halab, die wesentliche Operationszentrale in Aleppo, denunzierte die YPG längst vor dem territorialen Einbruch der islamisierten Opposition als „Ungläubige“ und „Feinde der Religion“.**
Brigadistinnen der YPG/YPJ mit der arabischen Stammesmiliz Jaysh al-Sanadid (QSD Press Office)
Gegen die YPG wird mitunter moralisiert als hätte man dem Mythos von Rojava als revolutionäre Kommune blind geglaubt. Natürlich ist es zynisches Kalkül, den russischen Bombardements zu folgen, daraus aber das Gründungsmoment einer Dolchstoßlegende zu machen, nach der eine demokratische Opposition, die unter den Militanten in Aleppo längst nicht mehr existiert, von der YPG aufgerieben werde, ist ein rhetorisches Anschmiegen an Erdoğans Bemühen, die Region zwischen Azaz und Cerablus unter islamistischer Kontrolle zu halten. Der deutschsprachige Analyseblog bikoret khatira hat als einer der wenigen erkannt, dass der Vorstoß der YPG von Afrin aus nach Osten weniger der islamistischen Levante Front gilt als dem Regime Bashar al-Assads und der Hezbollah. Diese stieß in den vergangenen Tagen massiv im Distrikt Azaz vor und droht die gleichnamige türkisch-syrische Grenzstadt einzunehmen. Ein von der Hezbollah kontrolliertes Azaz würde Afrin auf Dauer vom östlichen Syrisch-Kurdistan abschneiden, eine direkte Konfrontation mit dem Iran und ihren Satelliten dagegen wäre selbstmörderisch. Wie es aussieht liegt darin der jüngste Vorstoß der YPG begründet. In diesem Moment nähert sich die YPG unter dem Donnern der türkischen Artillerie Dabiq, knapp 20 Kilometer von Tel Rifaat, beherrscht vom „Islamischen Staat“. Einem apokalyptischen Hadith zufolge werden in Dabiq – das Fanzine der jihadistischen Genozideure ist hiernach benannt – die Armeen der Muslime am Ende der Menschheit mit den Feinden der Religion konfrontiert.
Währenddessen beschuldigt das Regime Assads die YPG, eine Passage für militante Oppositionelle von Idlib durch Afrin ins nördliche Aleppo aufgemacht zu haben. Quwwat Suriya al-Dimuqratiya (QSD), die Militärkoalition der YPG mit arabischen, turkmenischen und assyrisch-christlichen Verbänden, zufolge hätten sich ihr in Tel Rifaat Brigaden der aufgeriebenen FSA angeschlossen. Ende Januar schlug die berüchtigte Spezialität Bashar al-Assads, explorierender Stahlschrott, auch in Sheikh Maqsood im nördlichen Aleppo ein. Es wird womöglich die Drohung sein, dass zwischen einer direkten Kornfrontion allein Russen und US-Amerikaner stehen. Anders als deutsche Politiker, die bei dem Iran einzig an Stabilität, Kulturdialog und Konjunkturhoch für die Kranindustrie denken, hat die Partiya Yekitîya Demokrat, die Initiatorin der YPG, wieder und wieder den Iran als Hauptaggressor neben der türkischen Despotie genannt. Wo die militanten Sidekicks der Muslimbrüder und salafistisch-jihadistischen Bataillone aufgerieben werden, stößt nicht eine irgendwie noch multikonfessionelle Armee Syriens vor, es ist die Internationale der Ayatollahs, koordiniert durch Hezbollah und Qods-Pasdaran. Sie sind die Komplementäre zur Islamischen Front, nicht ihre Opposition. Der entscheidende Unterschied zwischen ihnen liegt darin, dass die khomeinistische Despotie als das akzeptiert ist, was den salafistisch-jihadistischen Emiraten und Pseudokalifaten ohne Hermes-Kredite und europäischem Kulturdialog verweigert wird: die Akzeptanz als Stabilitätsgarant, als Komplize.
Das Gerücht über den Dolchstoß verschleiert die eigentliche Katastrophe: die Säkularen Syriens sind vom ersten Tag mit den aggressivsten Feinden von Aufklärung und Mündigkeit alleingelassen. Während die türkische Staatsfront die syrische Katastrophe um den eigenen Südosten erweitert und inzwischen selbst mit schwerer Artillerie der Jabhat al-Nusra, Ahrar al-Sham und indirekt auch Daʿish (indem sie den Vorstoß der YPG auf Cerablus blockt) beikommt, finanzieren die Deutschen die türkische Kollaboration mit der syrischen al-Qaida zur Repatriierung Geflüchteter. Und während die iranischen Qods-Pasdaran vorankommen, Syrien als „35ste Provinz“ des Irans (Mullah Mehdi Taeb) einzunehmen, sind sich die Deutschen einzig noch über Vertragsklauseln bei der technologischen Modernisierung der khomeinistischen Despotie und über das perfekte Timing der Einladung von Hasan Ruhani als Staatsgast uneins. Wenn deutsche Politiker und andere am Iran Interessierte heute noch über die dezidiert säkulare Revolte aus dem Jahr 2009 sprechen, dann in dem Unbehagen, dass eine solche die Grabesruhe irgendwann wieder stören könnte.
* Die khomeinistische Despotie im Iran etwa verfolgt in der religiösen Minorität der Bahá’í eine solche halluzinierte Inkarnation des Dolchstoßes. Nach der „Islamischen Revolution“ wurde mit über 200 Hinrichtungen die Organisationsstruktur der Bahá’í gänzlich gesprengt, über 10.000 Menschen zwang es ins Exil. In der Teheraner Metro und anderswo klären, wie im vergangenen Jahr, großflächige Plakate über die Bahá’í auf. Sie seien „Spione und Agenten imperialistischer Mächte“ und „propagieren Unmoral“. Wieder und wieder wurden Bahá’í als Apostaten hingerichtet; Verhaftungen von Oppositionellen werden weiterhin damit begründet, dass die Verdächtigten im konspirativen Kontakt zu Bahá’í gestanden hätten.
** In der Fatah Halab koordinieren Jabhat al-Sham, einschließlich: Ahrar al-Sham und Jaysh al-Islam, mit den salafistisch-jihadistischen Fajr al-Khilafah Bataillonen sowie sunnitisch-konservativen, vorübergehend US-amerikanisch finanzierten Brigaden wie Liwa Fursan al-Haqq ihre Militäraktionen.

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