Wenn die Krankenkasse Pferdepisse bezahlt, sind wir in Deutschland

Von Patrick Guidato

 

Besonders sanft, besonders schonend, besonders natürlich und nicht von der ach so bösen Pharmaindustrie hergestellt – das sind nur einige der Versprechen, die alternativmedizinische Praktiken und Präparate geben. Doch können Globuli, Klangmassagen und heilsames Berühren wirklich halten, was sie versprechen? Gilt das alte Sprichwort „Wer heilt hat recht“? Nein. Alternativmedizinische Praktiken und Präparate sind die Wiedergeburt der Quacksalber, Wunderheiler und Scharlatane, die im vor einigen Jahrhunderten noch nicht allzu selten mit Fackeln und Mistgabeln vom Marktplatz gejagt wurden.

Die Geschichte der Schulmedizin und Pharmakologie ist schon immer von einem Kampf gegen die Esoterik geprägt gewesen. War es zu früheren Zeiten noch das Monopol der Kirche über die Meinungshoheit, so konnte sich die Schulmedizin vor allem seit Mitte des 19. Jahrhunderts über alle Zweifel hinweg durchsetzen. Die Entdeckung von Mikroorganismen, Antibiotika und Impfungen führte zu fast undenkbaren Fortschritten in der Behandlung und Bekämpfung von Krankheiten.

Die Möglichkeiten der Schulmedizin wirkten fast Grenzenlos und so erklärt sich auch die Stilisierung von Ärzten zu „Göttern in Weiß“. Doch nach dem Boom folgte die Depression. Die alltäglichen Wehwehchen, wie grippale Infekte, Kopf- und Rückenschmerzen und den allgemeinen Verschleiß im Alter vermag die Schulmedizin bis heute nicht zu heilen. Auch tauchten vermehrt Krebserkrankungen, vor allem aufgrund der deutlich verlängerten Lebensdauer und Herz- und Kreislauferkrankungen aufgrund des deutlichen Überangebots an Nahrung und der steigenden Bewegungsarmut auf. Selbst neue, unheilbare Infektionskrankheiten wie Hepatitis und HIV bahnten sich ihren Weg. Die Schulmedizin wirkte macht- und ratlos.

In dieser Stunde der Schwäche witterten die Alternativmediziner ihre Chance für eine Rückkehr auf die Bühne des Geschehens. Sie nutzten die Angst und Unsicherheit der Patienten aus und starteten eine Schmutzkampagne gegen die Schulmedizin nach der anderen. Impfungen würden Autismus verursachen, die Nebenwirkungen von synthetisch hergestellten Medikamenten wären zu groß, die Schulmedizin wäre kein ganzheitlicher Ansatz, sondern würde nur Symptome behandeln, waren nur einige der Argumente die, wie ein alter Volksglaube, gestreut wurden.

Dazu  kamen Fehler und Skandale der Schulmedizin, wie Contergan und spektakulär fehlgeschlagene Medikamentenstudien, welche die weiße Weste der Schulmedizin weiter beschmutzten. Ein weiterer herber Schlag für die Schulmedizin war der Siegeszug des Internets und von Google. Seitdem jegliche Information für jeden frei zugänglich ist, werden Laien mit eine Fülle von Informationen geflutet und die Möglichkeit zur Bewertung und Differenzierung fehlt quasi vollständig. Sucht man im Internet nach einer X-beliebigen Krankheit findet man direkt unter den ersten Suchergebnissen naturheilkundliche, alternativmedizinische und esoterische Behandlungsmöglichkeiten die mit pseudowissenschaftlichen Heilsversprechen werben und zudem noch ganz auf dem Trend der Bio- und Ökowelle surfen.

Dabei gibt es eine Vielzahl von Behandlungsmethoden und Arten der Quacksalberei. Angefangen bei der Naturheilkunde, die auf den ersten Blick noch harmlos wird, auf den zweiten Blick aber viele Probleme mit sich bringt, die in der Schulmedizin nicht auftauchen. Als Naturheilkundlich werden vor allem Präparate aus Pflanzenextrakten beschrieben. Geworben wird dabei vor allem mit der Natürlichkeit und der sanften Wirkungsweise des Präparats, nicht selten wird auch eine Jahrhunderte andauernde traditionelle Verwendung dieser Pflanze angepriesen. Verschwiegen wird dabei, dass pflanzliche Extrakte qualitativen Schwankungen unterliegen und neben dem gewünschten Wirkstoff auch weitere Inhaltsstoffe, teilweise in großen Mengen, enthalten, die Nebenwirkungen auslösen oder den Wirkstoff hemmen können. Auch ist der Wirkstoff häufig in deutlich zu geringen Dosen enthalten, als das er seine Wirkung vollständig entfalten könnte. Werden pflanzliche Präparate bei Alltags Wehwehchen verwendet, richten sie keinen großen Schaden an, helfen können sie aber fast nie. Ein pharmazeutisch hergestelltes Präparat, welches den gleichen Wirkstoff, aber in größeren Mengen und in höherer Reinheit enthält, kann hingegen deutlich wirksamer und schonender sein, als jeder Pflanzenextrakt, da hier genau definierte Mengen und Inhaltsstoffe vorhanden sind.

Eine ebenfalls sehr häufige Behandlungsmethode ist die Homöopathie. Hierbei wird der Wirkstoff so lange verdünnt, bis er nicht mehr nachweisbar vorhanden ist. Die Homöopathie geht davon aus, dass je höher die „Potenz“ (Verdünnung) eines Medikaments ist, desto höher ist seine Wirksamkeit. Das ist natürlich völliger Blödsinn. Eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien kann mittlerweile belegen, dass homöopathische Präparate keinerlei Wirkung entfalten. Selbst der häufig angepriesene Placebo Effekt wird teilweise sogar unterschritten. Im Alltag kommt trotzdem häufig das Argument „Wenn es doch hilft?“ oder „Meiner Mutter war bei 10 unterschiedlichen Ärzten und erst die Homöopathie hat geholfen.“ Dem kann man gelassen und sicher entgegnen, dass Homöopathische Präparate niemals helfen können, das Problem der Mutter sich aber vielleicht auch nach 10 Arztbesuchen von selbst erledigt hat.

Ein größeres Problem stellt Homöopathie dar, wenn sie Anstelle von Therapien, bei schweren Erkrankungen, wie Krebs, verwendet wird. Hier verlassen sich Patienten auf das Wirkungsversprechen des Herstellers, welches er aber niemals einhalten kann. Krebs lässt sich  nicht durch Zuckerkügelchen heilen. Es gibt keinen einzigen dokumentierten Fall in dem die Verwendung von homöopathischen Präparaten eine Wirkung auf Tumorgewebe hatte. Was ja auch Sinn ergibt, denn außer Zucker ist in einem Globuli quasi nichts enthalten. „Ärzte“ die schwere Erkrankungen mit homöopathischen Mitteln behandeln, begehen Körperverletzung und im schlimmsten Fall sogar Totschlag.

Auch die aus der traditionellen chinesischen Medizin stammende und sogar unter einigen Schulmedizinern anerkannte Akkupunktur muss kritisch gesehen werden. Unter dem Deckmantel der fernöstlichen Medizin und Esoterik wird hier behauptet, dass Nadeln an bestimmten Körperstellen, die aus einer religiösen Weltsicht abgeleitet sind, würden bei Schmerzen und Krankheiten Linderung verschaffen. Studien die nach wissenschaftlichen Standards durchgeführt werden konnten, dies aber ebenfalls nicht belegen. Akkupunktur hat keinen, über ein Placebo hinausreichenden Effekt. Doch geistern auch Studien durch die Welt, die sogar dazu geführt haben, dass Akkupunktur bei bestimmten Erkrankungen von den Krankenkassen übernommen werden kann. Dieser Trend allerdings ist fatal, denn die in diesem Kontext vor allem zitierte GERAC Studie enthält diverse wissenschaftliche Fehler und ist nicht nach modernen Studienstandards durchgeführt worden.

Über pflanzliche Medizin, Homöopathie und Akkupunktur hinaus gibt es eine Vielzahl von noch esoterischeren Behandlungsmethoden, die häufig mit Begriffen aus der Wissenschaft und Medizin und pseudowissenschaftlichen Behauptungen und Theorien aufwarten, um ihre Patienten zu überzeugen. Alle diese Behandlungen haben gemein, dass sie ihre Wirksamkeit, anders als schulmedizinische Präparate nicht in ausgiebigen klinischen und prä-klinischen Studie belegen müssen. Alternativmedizinische Präparate können, sobald sie als dieses gekennzeichnet sind ohne jemals auf ihre Wirksamkeit geprüft worden zu sein, verkauft werden und dürfen mit den vollmundigsten Versprechen beworben werden.

Das erinnert an den Quacksalber, der auf dem Markt Pferdepisse als Haarwuchsmittel verkauft. Nur wird die Pferdepisse heute sogar von der Krankenkasse teilweise übernommen und in Apotheken verkauft. All das weckt den Anschein, als wären Alternativmedizin und Schulmedizin gleichwertig, doch spielen beide nach anderen Regeln. Müssten alternativmedizinische Präparate zunächst auf ihre Wirksamkeit geprüft werden und dürften sie nur das Versprechen, was sie auch halten, gäbe es heute kein einziges Präparat mehr auf dem Markt.

Diese Wettbewerbs- und Informationsverzerrung muss beendet werden. Hier müsste die politischen Entscheidungsträger sich gegen Esoterik und Scharlatanerie durchzusetzen und die gleichen Regeln für Alternativmedizin wie für Schulmedizin einzuführen, um den Verbraucher vor den verlockenden Lügen der Alternativmedizin zu schützen!

Dr. Patrick Guidato ist 30 Jahre alt und forscht in der medizinischen Grundlagenforschung an der Ruhr-Uni Bochum

Siehe hierzu auch diese Meldung: Zusammenschluss von Ärzten, Wissenschaftlern und Biologen will eine homöopathiekritische Internetplattform aufbauen.

Der Autor veröffentlicht auch hier http://gunsandburgers.com/

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/wenn_die_krankenkasse_pferdepisse_bezahlt_sind_wir_in_deutschland

Wieso geht etwas nicht, was doch offensichtlich geht?!

climbing

Es geht gar nicht! – höre ich seit Tagen. Die Deutschen werden immer infantiler, ihre Sprache nähert sich dem Niveau von Müttern, die mit ihren Kleinkindern sprechen, angesichts der großen Anzahl von alleinstehenden Müttern verwundert es nicht. Etwas Neues aus der Kleinkindsprache lernte ich vor kurzem, Menschen die etwas nicht gemacht haben, was sie versprochen haben zu tun, sagen dann: „Ich habe es nicht geschafft.“ Nicht „Ich habe es nicht gemacht“, sondern „Ich habe es nicht geschafft“. Ich sehe, wie diejenige mit letzter Kraft den Bürgersteigt entlangkriecht und vor Durst aus der verschnürten Kehle kaum verständlich „Wasser! Wasser!“ krächzt, die lieblosen Passanten gehen aber an ihr vorbei, so daß sie leblos auf die Gehplatten sinkt – sie hat es nicht geschafft. Gerhard Schröder lehrte mich wiederholt, daß etwas „Keine Frage“ sei. Wieso ist etwas „keine Frage“? Was bedeutet es eigentlich? Darf man fragen? Ach nein, keine Frage! Dann hört man immerwieder, wenn jemand „Ein schöner Tag heute“ sagt, daß er dann als Antwort anstatt „Ja“, „absolut“ zu hören bekommt. Wieso ist alles und jedes für manche „absolut“? Und dann „auf jeden Fall“. „Schlaf tut gut“ – „auf jeden Fall“. Wieso „auf jeden Fall“, ein Ja hätte gereicht. Zuletzt wissen offenbar viele nicht, wenn sie einen Psychotherapeuten aufsuchen, daß sie ihm etwas erzählen sollen. „Ich habe nichts zu erzählen, es ist nichts passiert, ich weiß nicht was ich erzählen soll.“ – bekomme ich sehr oft zu hören. Leute, das geht gar nicht! Auf keinen Fall! Absolut! So schafft ihr es nicht! Und nun etwas tolles, die Homöopathie. Nachgewiesenermaßen ohne jegliche angepriesenen Wirkstoffe. Es soll etwas wirken dadurch, daß es nicht vorhanden ist. Ganz toll, diese Deutschen! Sie schaffen eine riesige Industrie für etwas aufzubauen, das nicht existiert. Nun lesen Sie und hören Sie selbst: Prof. Martin Lambeck kritisiert die Homöopathie:

Professor

Von Marisa Kurz.

Homöopathen versuchen Gleiches mit Gleichem zu heilen: was in hoher Dosis bestimmte Beschwerden auslöst, soll in niedriger Dosis eben diese Beschwerden lindern. Deshalb setzt die Homöopathie vor allem giftige Substanzen ein – in der Hoffnung, dass deren Wirkung durch die Verdünnung umgekehrt wird. Bienengift, Tollkirsche, Blausäure, Quecksilber, Krötenexkret oder Stinktier-Afterdrüsensekret werden mit Trägersubstanzen vermengt und mehrfach geschüttelt oder verrieben. Durch diesen Verdünnungsprozess werden sie nach Auffassung der Homöopathen „potenziert“. Hochpotenzierte Homöopathika sind letztendlich so stark verdünnt, dass sie die Ursprungssubstanzen (zum Glück) nicht mehr enthalten. Worauf aber soll die Wirkung der Kügelchen dann beruhen? Homöopathen glauben, dass Trägersubstanzen wie zum Beispiel Wasser ein „Gedächtnis“ haben und sich an den „Abdruck“ des zuvor enthaltenen Giftstoffmoleküls erinnern. Darauf, so meinen sie, beruht die Wirkung von Homöopathika.

Obwohl man mit modernen Analytik-Methoden keine Wirkstoffmoleküle mehr in hochpotenzierten Homöopathika nachweisen kann, wurde in weit über hundert Studien untersucht, ob Homöopathika doch besser als ein Placebo wirken. Eine solche Wirkung konnte allerdings in keiner einzigen wissenschaftlich korrekt durchgeführten Studie nachgewiesen werden. Keine große Überraschung: immerhin sind die Grundannahmen der Homöopathie mit dem heutigen Wissen über Chemie, Physik oder Medizin nicht vereinbar.

Obwohl die Wirkung von Homöopathika also lediglich auf dem Placebo-Effekt beruht, sind viele Anwender damit zufrieden. Auch haben Wirkstoff-freie Homöopathika natürlich keine Nebenwirkungen – was spricht also dagegen, sie zu vertreiben? Zunächst einmal nichts, denn Patienten können natürlich autonom entscheiden, ein Mittel einzunehmen, das ihnen subjektiv hilfreich erscheint. Die Frage ist eher, ob ein Mittel, das keine nachweisbare Wirkung hat, in eine Arztpraxis oder Apotheke gehört. Wenn medizinische Autoritäten Homöopathika verschreiben oder vertreiben, kann das erheblichen gesellschaftlichen Schaden anrichten, weil Patienten dadurch in Unwissenschaftlichkeit geschult werden.

Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass Homöopathika aus sehr günstigen Rohstoffen, etwa Milchzucker, hergestellt und dann teuer verkauft werden. Durch ihren Verkauf werden allein in Deutschland jährlich dreistellige Millionenbeträge erwirtschaftet. Ihr Vertrieb wird durch die Sonderstellung von Homöopathika im Arzneimittelgesetz stark vereinfacht –  für ihre Zulassung müssen sie nämlich keinen Wirkungsnachweis erbringen (den sie, wie ich gerade beschrieben habe, auch gar nicht erbringen können – wie praktisch!). Hohe Kosten für klinische Studien fallen damit weg. Letztendlich werden Zuckerkügelchen unter falschen Versprechungen für Unsummen an Patienten verkauft.

Wenn Arzt oder Apotheker einen Zaubertrank anbieten

Ich nehme an Sie wissen, wer Goethe war oder wann der Zweite Weltkrieg stattgefunden hat –  aber wenn ich Sie nun frage, was genau ein Ribosom ist, sieht es vermutlich düsterer aus. Kein Wunder, denn die naturwissenschaftliche und medizinische Allgemeinbildung in Deutschland ist eher schlecht. Zum Glück gibt es medizinisches Fachpersonal, das Sie bei Problemen zu Rate ziehen können. Nicht umsonst heißt es: Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Diese beiden Berufsgruppen genießen wohl vor allem wegen ihrer langen und anspruchsvollen universitären Ausbildung ein besonderes Ansehen in der Gesellschaft.

Wenn ein Arzt oder Apotheker Ihnen ein Medikament empfiehlt, dann glauben Sie wahrscheinlich, dass dieses Mittel wirkt. Als Laie bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als auf das Wissen dieser medizinischen Autoritäten zu vertrauen. Was passiert nun, wenn Ärzte oder Apotheker Ihnen Medikamente empfehlen, die nicht wirken? Wahrscheinlich dasselbe: Sie glauben, dass diese wirken.

Die Wirkung von Homöopathika ist wissenschaftlich genauso gut belegt wie die Wirkung von Zaubertränken – nämlich gar nicht. Wenn Ihnen ein Arzt oder Apotheker Homöopathika empfiehlt, könnte er Ihnen ebenso gut einen Zaubertrank anbieten – mit dem einzigen Unterschied, dass Homöopathika gesellschaftlich anerkannt sind.

Aber ist es ein Problem, Zaubertränke an Patienten zu verkaufen? Ja – denn sobald medizinische Autoritäten wie Ärzte oder Apotheker Patienten angebliche Heilmittel empfehlen, deren postulierter Wirkmechanismus unserem heutigen Wissen widerspricht, laufen sie Gefahr, eine regelrechte Wissenschaftsfeindlichkeit und eine generelle Ablehnung der „Schulmedizin“ zu fördern. Den Patienten wird so suggeriert, dass es unerheblich ist, ob es für die Wirksamkeit einer Heilmethode wissenschaftliche Belege gibt oder nicht. Es bestärkt sie darin, an Kräfte zu glauben, die über der Nachweisbarkeit durch naturwissenschaftliche Methoden stehen und die mit unserem heutigen Wissensstand nicht in Übereinstimmung zu bringen sind. Dies birgt die Gefahr der Volksverdummung. Gefährdet sind nicht nur die Handlungsfähigkeit unserer gesamten Gesellschaft in naturwissenschaftlichen und medizinischen Fragen, sondern auch die Autonomie und das Leben der Patienten.

Vertrauen auf „alternative“ Verfahren – manchmal bis zum Tod

Immer wieder kommt es vor, dass Menschen buchstäblich bis in den Tod auf „alternative“ Verfahren vertrauen und „schulmedizinische“ Behandlungen verweigern. Zwar sind extreme Fälle, in denen der Glaube an Homöopathika indirekt zum Tod eines Patienten führt, zum Glück nicht die Regel. Doch wir müssen weiter denken: wenn medizinische Autoritäten Patienten signalisieren, dass wissenschaftliche Belege für Heilmethoden zweitrangig sind, wirkt sich das auf alle medizinischen Entscheidungen dieser Patienten aus. Patienten, die von ihren Ärzten in Unwissenschaftlichkeit geschult werden, können keine reflektierten medizinischen Entscheidungen treffen, etwa über die Vorteile von Impfungen. Gerade am Beispiel der Impfungen sehen wir, wie gefährlich eine systematische Skepsis gegenüber der „Schulmedizin“ werden kann: Plötzlich kämpfen wir wieder mit Infektionen, die fast ausgerottet waren.

Desinformation untergräbt die Autonomie und Entscheidungsfähigkeit von Patienten erheblich. In der Zukunft aber werden Patienten immer häufiger Entscheidungen treffen müssen, die ein gewisses medizinisches und naturwissenschaftliches Verständnis voraussetzen – zum Beispiel, wenn sie dem Ergebnis genetischer Diagnostik konfrontiert sind. Solche weitreichenden medizinischen Entscheidungen treffen Patienten unter Umständen nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder, Ehepartner oder für demente Angehörige. Deshalb ist es wichtig, die Urteilskraft der Patienten zu stärken anstatt sie zu ermuntern, an mysteriöse Kräfte zu glauben. Hier wäre eigentlich das medizinische Fachpersonal in der Pflicht, Patienten mit medizinischem Wissen zu versorgen, das über den Stand von 1796 hinausgeht.

Nebenbei bemerkt: Über den medizinischen Wissenstand von 1796 sollten Ärzte und Apotheker im Rahmen ihres Studiums eigentlich nur in einem Fach gehört haben: in der Medizingeschichte. Schon 1992 sprach sich etwa der Fachbereich Humanmedizin der Phillips-Universität Marburg in der bekannten Marburger-Erklärung zur Homöopathie dagegen aus, dass die Homöopathie in den Gegenstandskatalog des Medizinstudiums aufgenommen wird. In der Erklärung schrieben die Mediziner, dass man Studenten dann ebenso in astrologischer Gesundheitsberatung schulen müsse.

Ein Land das auf Aberglaube vertraut, wird technologisch zurückfallen

Selbst weitreichende gesellschaftspolitische Entscheidungen – etwa zum Einsatz von Gentechnik oder zur Forschung an Stammzellen – werden davon beeinflusst, wie gut oder schlecht die Bevölkerung über naturwissenschaftliche und medizinische Themen informiert ist. Ein Land, das seine Bürger mit „naturwissenschaftlichem“ Wissen ruhigstellt, das aus einer Zeit stammt, in der die letzte Hexe in Europa geköpft wurde, läuft Gefahr, auch technologisch rückständig zu werden.

Daneben schadet Homöopathie der Allgemeinheit auch in finanzieller Hinsicht: Krankenkassen und Forschungseinrichtungen sehen sich aufgrund der großen Beliebtheit von Homöopathika gezwungen, Kosten für Behandlungen zu erstatten oder weiter Gelder für die Forschung an Homöopathika auszugeben. Versicherte und Steuerzahler müssen mit ihren Beiträgen für wirkungslose Behandlungen mit aufkommen oder sogar dafür zu bezahlen, dass zu Fragen wie der Wirksamkeit von Homöopathika geforscht wird, obwohl die Antwort längst bekannt ist.

Viele werden entgegnen, dass Ärzte bei der Behandlung von Patienten – vor allem von Kindern – regelrecht in der Pflicht sind, sich den Placebo-Effekt zu Nutze zu machen. Das sehe ich auch so. Doch gibt es dafür andere Möglichkeiten, die nicht mit einer systematischen Fehlinformation von Patienten einhergehen. Ärzte könnten auf beliebige andere Substanzen zurückgreifen, um einen Placebo-Effekt zu erzielen.

Vorschlag zur Güte: Homöopathika könnten in Drogerien vertrieben werden

Homöopathika könnten außerhalb von Arztpraxen oder Apotheken vertrieben werden, zum Beispiel in Drogerien. Dort könnten Patienten die Mittel kaufen – ohne dass Fehlinformationen durch medizinisches Personal erforderlich wären. Auch die Tatsache, dass sich Homöopathen in der Regel viel Zeit für ihre Patientengespräche nehmen und dies positiv zur Genesung beiträgt, ist sicherlich kein Argument für die Homöopathie, sondern ein Argument gegen das System der Massenabfertigung in unserem Gesundheitswesen.

Fakt ist: wir gefährden Patienten und untergraben ihre Autonomie, wenn wir uns im weißen Kittel vor sie stellen und ihnen Zaubertränke verkaufen. Medizinische Autoritäten und Gesetzgeber sind in der Pflicht zu hinterfragen, ob das Millionengeschäft mit Homöopathika eine Volksverdummung wirklich wert ist. Es ist Zeit für das Ende der Apothekenpflicht für Homöopathika. Sie sollten an den Platz verwiesen werden, an den sie gehören: in Drogerien oder die Süßigkeitenregale von Supermärkten.

Marisa Kurz, geboren 1988, hat zwar im Doppelstudium Biochemie und Philosophie studiert und abgeschlossen, will aber  Ärztin werden. Deshalb studiert sie seit 2014 Humanmedizin in München und promoviert in Medizinethik. Ihr vollintegrierter bosnischer Straßenhund hat seit kurzem einen EU-Haustierausweis. Marisa schreibt nebenbei Texte und versucht sie bei namhaften Blättern zu veröffentlichen.

Homöopathische Globuli und Dilutionen Foto: Wikidudeman Lizenz: Gemeinfrei


Ein Tweet zum Thema Homöopathie bescherte der Techniker Krankenkasse (TK) vorletzte Nacht einen veritablen Shitstorm. Die Kasse reagierte nun mit einem Artikel zum Thema Homöopathie auf ihrer Homepage.

Vorgestern Nacht sorgte ein Tweet des Social-Media-Teams der Techniker Krankenkasse für Streit: Nachdem ein Arzt die Kasse dafür kritisierte, dass sie auch homöopathische Verfahren bezahle, reagierte die TK mit einem dummen Tweet:

Danach wurde die TK massiv kritisiert. Es gibt hunderte Studien, die belegen, dass Homöopathie keinen Effekt hat, der über den Placebo-Effekt hinausgeht. Die Wirkungsweise homöopathischer Mittel ist nicht belegbar. Die Zeit brachte  den Stand der Forschung im vergangenen Jahr auf den Punkt:

Die aktuellste Übersichtsstudie im Auftrag der australischen Gesundheitsbehörde NHMRC kam 2015 nach der Auswertung von mehr als 1.800 Homöopathie-Studien zu einem vernichtenden Ergebnis: Bei keinem denkbaren Leiden könne ein homöopathisches Mittel zur Therapie empfohlen werden (hier der NHMRC-Bericht als PDF). Wer zugunsten der Homöopathie auf klassische Mittel verzichte, bringe sich sogar in Gefahr.

Damit sollte das Thema für eine Kasse erledigt sein: Homöopathie ist Unsinn. Das hätte die TK schreiben können, es wäre verantwortungsvoll gewesen. Hat sie aber in einem Text auf ihrer Homepage als Reaktion auf den Streit nicht getan. Dort redet die TK ihren Eso-Kunden nach dem Mund:

Kundenbefragungen haben uns gezeigt, dass manche Versicherte sich komplementärmedizinische Angebote – in Ergänzung zur Schulmedizin – wünschen. Sie setzen bei Beschwerden auf eine (begleitende) ergänzende Therapie. Wir nehmen diese Wünsche ernst und setzen sie auf einem qualitativ hochwertigen Niveau um.

Es kommt bei Behandlungen nicht darauf an, was Versicherte sich wünschen, sondern was ihnen hilft. Nach einem Beinbruch würde sich wohl jeder wünschen, die Sache in fünf Minuten mit Handauflegen in den Griff zu bekommen. Wirkt leider nicht. Noch verheerender ist, dass die TK der Argumentation der Eso-Szene folgt und von Schulmedizin spricht. Die gibt es sowenig wie Schulphysik und Schulmathematik. Es gibt eine Wissenschaft, die Medizin heißt.Sie überprüft, welche Mittel und Verfahren wirken und den Patienten helfen. Und ob es bei einer Krankheit gut ist ein Medikament zu nehmen oder sich einfach nur mehr zu bewegen und heißen Tee zu trinken, ist ihr egal: Die Wirkung muß bewiesen sein. Würden homöopathische Mittel wirken, würde die medizinische Wissenschaft das feststellen. Hat sie aber nicht. Das lange Spaziergänge und eine Stärkung der Rückenmuskulatur nach Bandscheibenvorfällen helfen schon – weswegen Ärzte genau dies oft empfehlen.  Wer von „Schulmedizin“ redet, verlässt den Bereich der Wissenschaft, in dem gilt, was erwiesen und überprüfbar ist. Wenn eine Krankenkasse wie die TK sowas macht, ist das unverantwortliche Öffentlichkeitsarbeit – mehr nicht.

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