Psychoanalyse in Deutschland: Vom Über-Ich zum Oberst-Ich

PA ohne Freud

 

Psychoanalyse in Deutschland: Vom Über-Ich zum Oberst-Ich

Arrêtez la psychanalyse allemande! Vivez la psychanalyse freudienne à nouveau!

Vorweg bitte ich den Leser dieses Texts um Nachsicht, daß ich nicht nur irgendwo bereits Vorhandenes wiedergebe, sondern daß ich immerwieder meine eigenen Gedanken herbeispiele. Denn mein Gehirn ist zwar eine Art von Schwämmchen, es gibt aber nicht nur, was es als Schwämmchen aufgesaugt hat, sondern gibt wieder manches gänzlich Neues, dessen Ursprung unbekannt. „Ebensowenig wie man den physischen Zeugungsprozeß je ergründen wird, ebensowenig wird der Schleier von dem künstlerischen Zeugungsprozeß je fallen.“[1] Das gilt auch für mein Denken und meine wissenschaftliche, psychoanalytische Arbeit. Ich habe wegen dieses Phänomens Spezialisten aufgesucht, die jedoch keine Abhilfe verschaffen konnten. Es bleibt rätselhaft, woher in meinem Geiste Sachen vorkommen, die ich nicht erfahren habe. Jemand bot eine Vermutung an, daß die transzendentale Einheit der Apperzeption[2] das Mehr anliefert, was in meinem Kopf zu dem bereits Wahrgenommenen kommt. „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“[3] Wie auch immer, es ist so, wie beschrieben und ich kann nichts dafür, das mache ich nicht absichtlich. Es denkt mich, würde mancher dazu sagen. Die Folgen sind für mich katastrophal, meine Berichte für Psychotherapie werden durch Gutachter-Barone der Psychotherpierichtlinien der Krankenkassen als nicht unterwürfig, nicht devot, also unerhört ungehört, herabgesetzt, abgelehnt. Es tut mir leid, ich bin außerstande Gesinnungsdeklamationen abzuliefern[4], wie die universitäre Anstalt es heute einfordert[5]. Kreativität ist Intelligenz, die Spaß hat, soll Albert Einstein gesagt haben. Lassen wir also darauf ankommen.[6]

Wissenschaft, Psychoanalyse ist kein mechanisches Spiel eines Methoden-Leierkastens, sondern eine lebendige, kreative Musik einer Violine.

 

[1] Liebermann, M. (1983). Die Phantasie in der Malerei. Berlin, Deutschland: Verlag Der Morgen. S.26

[2] „Die transzendentale oder reine Apperzeption ist das rein formale, ursprüngliche, stets identische Selbstbewußtsein, das alles Vorstellen und alle Begriffe begleitende und bedingende Bewußtsein des „Ich denke“, die Beziehung alles Vorstellbaren auf ein es befassendes, sich stets gleich bleibendes Bewußtsein (s. d.). Die „transzendentale Einheit“ der Apperzeption (im Unterschiede von der empirisch-subjektiven, psychologischen Einheit der Apperzeption) ist objektiv; sie ist die Urbedingung aller Erkenntnis, aller Beziehung von Arten auf Objekte, aller Synthese (s. d.), von Daten zur Einheit objektiver Erkenntnis, alles einheitlichen Zusammenhanges in einer Erfahrung überhaupt, aller „Natur“ (s. d.) und der allgemeinen Gesetze (s. d.) derselben.“ Eisler, R. Kant – Lexikon. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von http://www.textlog.de/32210.html

[3] Hegel, G. W. F. (o.D.). Phänomenologie des Geistes. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von https://www.marxists.org/deutsch/philosophie/hegel/phaenom/vorrede.htm

[4] Scruton, R. (o.D.). 1 Free Speech and Universities. Abgerufen 03. Januar, 2017, von http://www.roger-scruton.com/images/Free_Speech_and_Universities_2.pdf

[5]     Scruton, R. (2016, 11. Juni). Close-up of face with tape over mouth and cross drawn on it Universities‘ war against truth. Abgerufen 03. Januar, 2017, von http://life.spectator.co.uk/2016/06/universities-war-against-truth/

[6] Co&lumbus. (o.D.). LOGBÜCHER KREATIVITÄTSTRAINING. Abgerufen 30. Dezember, 2016, von http://www.coundlumbus.de/board-blog/36-kreativitaet/297-kreativitaet-ist-intelligenz-die-spass-hat-sagte-albert-einstein-kreativitaet-intelligenz-albert-einstein.html

Es kann schon passieren, daß der Bock zum Gärtner gemacht wird. Es kann passieren, daß Faschisten sich Antifaschisten nennen.[1] Es kann passieren, daß sich Antidemokraten Demokraten nennen.[2] Es kann passieren, daß sich Feinde der Aufklärung, der Emanzipation, der offenen Gesellschaft Psychoanalytiker, Psychotherapeuten nennen.[3] In meinem Beitrag „Wie die postnazistische Psychokratie in Deutschland Freudsche Psychoanalyse gekapert und entmannt hat.“ zeigen verschiedene Autoren, wie sich nach der Vernichtung der Psychoanalyse durch die Nazis n Deutschland eine totalitäre Psychokratie sektenartig organisiert hat, die für sich den Namen Psychoanalyse beansprucht, tatsächlich jedoch lediglich Machtakkumulation betreibt und eigene Pfründe absichert. Diese Psychokratie hat in einer altbewährten religiösen, kirchlichen Form einige Totems und Tabus installiert und schließt jeden notfalls unter Aufhebung der Grundrechte aus, macht ihn mundtot, wenn jemand über diese Tabus zu reflektieren versucht. Diese Totems und Tabus entsprechen denen der rot-rot-grünen Volksgemeinschaft, man darf nicht über Migranten, Moslems, Flüchtlinge, Frauen, Homosexuelle, Transsexuelle etc. reflektieren, Antisemitismus[4] ist jedoch gestattet.

Nachdem ich den postnazistischen psychoanalytischen Frankenstein ins Licht gerückt habe, möchte ich nun aufzeigen, wie die Freudsche Psychoanalyse, dessen Wert darin liegt, daß sie die Integrität und die Lebendigkeit des unter den Hammerschlägen der totalitären Kultur demolierten Individuums wiederherstellen kann, aus der deutschen Asche auferstehen kann.

Nachdem ich dazu Texte von Helmut Dahmer[5] publiziert habe, empfehle ich nun Johannes Cremerius zu lesen.

Psychoanalyse, wenn sie eine ist, ist keine Methode, sondern eine Kunst. Als ein Künstler soll ein Psychoanalytiker die individuellen unterschiedlichen Totems und Tabus erkennen, die dem Individuum den Blick auf die Welt verstellen und ES am Leben hindern. Im Vorgang der Deutung des Erinnerns, Wiederholens, Aufarbeitens, in dem Menschen erklärt werden soll, was sie wissen, aber nicht wissen wollen, bekommt der Analysand die Chance, sich aus dem Reich der toten unbewußten Vorstellungen zu befreien und ins Leben zu kommen. Mancher nützt die Chance, mancher bleibt lieber ein Idiot. Die meisten Menschen möchten, daß es ihnen gut geht, aber daß sie weiterhin Idioten bleiben. Das geht nur mit Rausch, Drogenrausch, Alkoholrausch, Sexrausch, Sportrausch, usw., aber nicht lange, denn solches Sich Berauschen, macht einen vollends tot. Einverstanden, dann ist einer auch zufrieden. Die Psychoanalyse will und kann über Stock und Stein den Menschen dahin führen, daß er zufrieden lebt in seiner realen Welt, ohne Rausch. Dazu muß er aber viel erkennen und ziemlich klug werden. Das beste Mittel gegen die Angst ist das Wissen. Das Wissen zu erwerben ist aber mühsam und Mühsal ist nicht hype.

Jede Problematik wirkt in ihre Zusammenhänge. Freuds Texte über Hysterie sind durchaus lebhaft und heiter, über Depressionen bedrückend und zäh, über Zwanghaftes penibel und mechanisch. Und so bringt die Borderline-Problematik das Widersprüchliche, Zerrissene, Kontrapunktive hinein und heraus. Da wird es besonders schwierig, sich zu entscheiden, egal für was, dieses Scheren-Syndrom hat es an sich, schneidet alles in kleinste Stücke, hat jedoch nicht die Eigenschaft sie wieder neu zusammenzusetzen. Hier bringt die Psychoanalyse den Fortschritt, wenn sie eine ist. Es ist als ob der Borderline-Problematik ein Ruf nach dem Anderen enthalten wäre, der die Entwicklung voranbringt, in dem er sich einbringt, ohne sich darin umzubringen. Eine ganz besondere kreative Aufgabe, die mehr künstlerisch, als medizinisch ist.

Es gibt Psychoanalyse als Kunst, aber überwiegend gibt es die Psychoanalyse nur noch als Kitsch. Zwischen Kunst und Kitsch herrscht immer ein sehr großer Abstand, wie zwischen einem Adler, der nicht so tief fliegen kann, wie die Hühner hochzuflattern versuchen. Kitsch entsteht, wenn jemand etwas Kunstvolles schaffen will, es aber nicht kann. Kitsch ist Sex der Impotenten, die sich einen ´runterholen lassen und danach das Gegenüber fragen: „War ich gut?“. Nicht Mal ein froher Furz kommt dabei heraus. So ist die deutsche Psychoanalyse, reine Bürokratie und selbstgefällige Unfähigkeit. Psychokitsch. Ja, ja, das gibt es.

Menschen sehen das Leben als Konsens und irren sich darin  gewaltig. Denn das Leben ist immer kontrovers, konflikthaft, widersprüchlich. Und diese Dialektik zu erkennen, anzuerkennen, zu bejahen und sich daran zu erfreuen, ist notwendig, um Not zu wenden. Zur Wahrheit gehört Einbildungskraft, die die vom herrschenden Diskurs als legitim, homogen und widerspruchsfrei behauptete Faktizität brechen, verwandeln oder wenigstens als ungenügend qualifizieren kann. Diese Einbildungskraft ist das Kreative, das Möglichkeiten eröffnet, das Kontingenz schafft, das über die Professionalität, die oft geeichte Irrtümer enthält, die man Methode nennt, hinausgeht. Die Medizinalisierung und Technokratisierung der Psychoanalyse macht sie tot. Ich mache es aber so, wie mein Namensvetter, der andere Sigmund es vorgemacht hat. In meiner Arbeit eröffnen sich Möglichkeiten, und dieser Vorgang ist für meine Patienten ungewohnt, anstrengend und schmerzhaft, weil sie ihre festbetonierten Schemata im Kopf bewegen müssen, und das tut in einer herrschenden Gesinnungswelt eingerosteten Denkapparaten zunächst weh.

 

Mehr zu Psychoanalyse als Kunst auf: Auch als Psychotherapeut bin ich Architekt und Freudsche Psychoanalyse.

Architektur als Fetisch ist auch lesenswert.

In Fragen an einen Psychoanalytiker / Questions to ask a psychoanalyst (german/english) kann man checken, ob jemand wirklich ein Psychoanalytiker ist oder sich nur so nennt.

Mehr zu dem Thema auf:

 

In der Kassenpsychotherapie muß eine Langzeitpsychotherapie (mehr als 25 Sitzungen) in sogenanntem Gutachterverfahren beantragt werden, in dem ein Psychotherapeut über den Antrag eines anderen Psychotherapeuten entscheidet. In meinen Anträgen stelle ich meinem Bericht zum Antrag jeweils einen solchen Prolog voran und dann einen Epilog zu Schluß:

 

Prolog: Die Patientin werde ich im Folgenden Özlem nennen, um in Erinnerung zu rufen, daß es sich dabei nicht um eine Funktion, sondern um einen Menschen handelt, der einen Namen hat, außer Chiffre X112233. Im Kapitel 3.8.4 von Faber / Haarstrick heißt es ja: „Der Therapeut erstattet seinen Bericht an den Gutachter in freier Form.“, was so ungewöhnlich zu sein scheint, daß es bei manchem der Gutachter-„Mandarine“ Erstaunen, sogar Erschrecken und Ablehnung hervorruft, als etwas Fremdes, Unheimliches perhorresziert, so daß manche Gutachterin sich weigert, meinen Psychotherapieantrag zu begutachten. Offenbar ist mein Antrag für manche Gutachterinnen nicht untertänig, nicht devot genug.  Ich werde jedoch den mittlerweile üblichen, von vielen sogar empfohlenen Jargon und Schibboleth der Sozio-, Pädago- und der machtakkumulierenden Psychokratie nicht verwenden, weil dann die ganze Sache hier zur reinen Show wird, wie sie für viele bereits geworden ist. Dann könnte man die Psychoanalyse für erledigt erklären, dann reicht die Verwendung des aktuellen Kanon-Jargons, um seine Zugehörigkeit zur psychokratischen Kameradschaftsgemeinschaft eines  „Kollegen“-Rackets und damit seine angebliche Kompetenz, whatever it means, zu zeigen, und die Reproduktion von Ideologie als angeblichen Prozeß fortzusetzen, und ihr entscheidendes Konstituens des theoretischen Logifizierungswahns, der die Sache naiv durch die abgespaltene fetischisierte Methode substituiert, als Psychoanalyse herausgeben, die dann das Kriterium der Erkenntnis durch das der Richtigkeit ersetzt. Wir sollen vom bürokratischen zum menschlichen, humanen Umgang miteinander zurückkehren, im Sinne von Thomas von Aquin „virtuosa igitur vita est congregationis humanae finis“, was sich immer auch in der Sprache äußert. Das wußte schon DADA. Mancher der Gutachter, wie die stellungnehmenden Kontrolleure/ Conducteure der PT-Anträge sich gerne anmaßend nennen, der sich literarischer Kritik meines Berichtes in seiner Stellungnahme nicht enthalten konnte, bezeichnete Passagen meines Textes als „ironisch“, „weitschweifend“ oder sogar „überflüssig“. Die Ironie, wie Robert Musil erklärte, sei „nicht eine Geste der Überlegenheit“, sondern „eine Form des Kampfes“. Was Carl Müller-Braunschweig, Felix Boehm, Schultz-Hencke, Ernest Jones eingebrockt und Annemarie Luise Christine Dührssen für die nächsten 1000 Jahre dingfest festgebacken hat, ist für die Katze. „Zwar war Freuds Psychologie des Unbewußten längst von deutschen Mandarinen »verwissenschaftlicht« und die Psychoanalytische Bewegung durch Hitlers Terror zum Stillstand gebracht worden. Doch auch in den aktuellen Theorie- und Praxis-Gestalten der reimportierten, medizinalisierten und konventionalisierten Psychoanalyse glomm noch der Funke der Freudschen Ideologiekritik.“ – (Helmut Dahmer, In: Konkret 02/92, S. 52.) Professionalität bedeutet häufig nichts anderes als geeichtes Insiderwissen. Zur Wahrheit gehört Einbildungskraft, die die vom herrschenden Diskurs als legitim, homogen und widerspruchsfrei behauptete Faktizität brechen, verwandeln oder wenigstens als ungenügend qualifizieren kann. Diese Einbildungskraft ist das Kreative, das Möglichkeiten eröffnet, das Kontingenz schafft, das über die Professionalität, die oft geeichte Irrtümer enthält, hinausgeht und das Bestehende in Frage zu stellen und zu verändern (semper reformari debet) wagt und vermag. Die Medizinalisierung und Technokratisierung der Psychoanalyse macht sie zum toten Ding, zum Fetisch  im saturierten Strukturalismus, der weder die Postmoderne noch den Dekonstruktivismus erfahren hat. In meiner täglichen Arbeit eröffnen sich Möglichkeiten, und dieser Vorgang ist für meine Patienten ungewohnt, anstrengend und schmerzhaft, weil sie ihre festbetonierten Schemata im Kopf auflösen, bewegen und neuordnen müssen, dekonstruieren und konstruktiv, kreativ, selbstverantwortlich neu zusammenzufügen . Es sind Wanderjahre.

Arrêtez la psychanalyse allemande!  Vivez la psychanalyse freudienne à nouveau!

Jeder Mensch ist individuell und unikal, ihn zu verstehen, ihn hinter seinen unzähligen Masken und Fassaden aufzufinden, die er in seinem Lebensverlauf angenommen und gebildet hat, von wo her er sein neurotisches Leiden als Hilferuf sendet, das ist die Aufgabe der Psychoanalyse, die im Bürokratismus und angeblicher Objektivierung durch OPD-2 (x+n), in Abstrahierung von dem Konkreten, realen Einmaligen, aufgehoben wird als Mythos, Fetisch, Totem und Tabu. Was nicht anfaßbar ist, wird unfaßbar, das Unberühbare wird zum Fetisch. Sachlich ist nur ein anderes Wort für beziehungslos. Deswegen ist ein Bericht eines Psychotherapeuten zum Antrag, wenn er alle Voraussetzungen erfüllt und mustergültig sei, wertlos, weil schemenhaft. Das grundsätzliche Problem steckt also in jener strukturalistischen unbeweglichen und unveränderbaren »Rhetorik des Faktischen«, in der behauptet wird, Dokumente könnten sprechen und die Tatsachen seien klar. (Eins der vielen problematischen Aspekte eines Berichts zum Antrag in diesem sog. Gutachterverfahren ist dessen Anpassungs- und Unterwerfungsritual, sowie der kafkaeske, entwürdigende Zwang einer unbekannten Obrigkeit als Untertan sehr persönlich zu berichten.)  –  Denn nur eine Erzählung gibt die einmalige Geschichte wieder, in der Psychoanalyse, in einem solchen Bericht und überhaupt. Und eine Erzählung ist immer individuell, wie ein Mensch selbst, wenn sie eine Erzählung denn ist. Denn der Mensch ist ein sich aus sich selbst heraus fortschreibender (eo ipso) Text, und Psychoanalyse (falls sie eine solche ist)  ist Hermeneutik dieses Textes, im psychoanalytischen Prozeß wird der Text verstanden und unter Mitwirkung des Analytikers vom Analysanden weitergeschrieben, weitergestaltet.

Mich fängt diese psychokratische Zunft, die sich sonstwas auf sich einbildet, mit ihren Methoden und Methödchen und unzähligen Behandlungsformen, immer neuen Diagnosen. Mancher meint, wenn er sich eine Geschichte aus dem Finger saugt, dann wäre es eine tiefsinnige Psychodynamik. In Abschlußprüfungen sollen die Kandidaten bitte ein Gedicht oder ein Kunstwerk interpretieren, und wenn sie es nicht können, und sie können es meistens nicht, weil sie sich damit nicht beschäftigt haben, dann sollen sie sich von Interpretationen von Menschen fernhalten. Und zur Pflichtlektüre während der Ausbildung soll Walter Benjamins „Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen“ und Susan Sontag´s „Against Interpretation“ gehören.

Die Erkenntnis ist kein fertiges Ding, sondern ein dialektischer Prozeß, in dem eine neue Erkenntnis nur durch Negation und Aufhebung einer bestehenden Erkenntnis gebildet werden kann. Die gegenwärtige Gesellschaft und vor allem ihre selbsternannten „Eliten“ verhindern, diffamieren und bekämpfen andere als gerade herrschende, etablierte Meinungen und verwandeln damit lebendige Erkenntnis in eine tote, verdinglichte Ideologie, die damit vom Wissen zum Unwissen, zum Fetisch wird. Das gilt für alle institutionalisierten lediglich eigene Macht selbst akkumulierenden Bürokratien, die Politik, die Wissenschaft, die Psychologie, Psychotherapie, Psychoanalyse und andere. Die Psychoanalyse muß sich hüten, erbaulich sein zu wollen.

Früher konnten Menschen weder lesen noch schreiben, nur erzählen. Heute kann fast jeder lesen und schreiben, aber kaum jemand kann noch erzählen.

In seinem Vortrag „Marxismus und Dichtung“, gelesen 1935 auf dem Congrès por la Défense de la Culture in Paris, schreibt Ernst Bloch, daß im sozialistischem Denken als dem einzig orientierenden, mancher marxistischer Dichter meint, „er sei durch die Kälte dieser Berührung behindert. Das Innen kommt nicht gut dabei weg, das Gefühl und die sorgsame Lust, es zu sagen, werden nicht immer zur Kenntnis genommen. Jede Blume gilt dann als Lüge, und der Verstand scheint nur als trocken, oder, wenn er Saft hat nur als Säure erlaubt.“[1] Das gilt ebenso für die heute in Deutschland von einer rot-grünen Psychokratie durch Rackets der Ausbildungsinstitute, Verbände, Psychotherapeutenkammern, Psychotherapierichtlinien zu einem Fetisch, Totem und Tabu verdinglichten Psychoanalyse, die lediglich so aussieht, aber keine mehr ist.

 

(Mein Text ist nur ein Verweis auf eine Spur. Ob der Gutachter sie findet, fällt in sein Vermögen.)

 

 

Der Focus der Arbeit liegt in dem schraffierten Bereich der beigefügten Grafik, die hier beschriebene Struktur und Psychodynamik  ergänzt, nicht ersetzt.

 

Epilog: Die zunehmende Entmündigung und Bevormundung der Psychotherapeuten und ihrer Patienten durch psychokratische Institutionen und Apparate erschwert immer mehr diese Arbeit und es wird ein Zeitpunkt kommen, daß unter solchen Umständen psychoanalytische orientierte Therapien im Rahmen der Richtlinien nicht mehr machbar sein werden.

Deswegen möchte ich hier im Folgenden einige klare Linien ziehen.

 

  1. a) Mir sind Hinweise zum Erstellen des Berichts für tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie bei Erwachsenen bzw. PT 3KZT/a/b/c (K) bekannt, daß der Umfang des Berichts 3 DIN-A4-Seiten bzw. 1½ Seiten bei KZT nicht überschreiten soll und nur solche Angaben enthalten, die therapie- und entscheidungsrelevant sind. Da ich jedoch immerwieder Rückfragen von Gutachtern erhalte, wenn ich mich auf 3-Seiten beschränke, daß dies oder das oder jenes zu kurz von mir dargestellt wurde, erlaube ich mir diesen Antrag auf 4 Seiten (zuzüglich Prolog und Epilog) zu verfassen. Es ist kein Gesetz, sondern ein Hinweis und „sollen“ ist nicht dasselbe, wie „dürfen“. Ich bitte dafür um Ihr Verständnis, der Fortführungsantrag wird dafür bestimmt kürzer. Ich bitte Sie, und nehmen Sie es bitte nicht persönlich,
  2. b) auf supervisorische und psychoedukative Ratschläge im Rahmen der Stellungnahme zu verzichten;
  3. c) mir nicht im Rahmen der Differentialdiagnostik den Therapeutenwechsel (zum einen Psychoanalytiker) vorzuschlagen. Ich mache die Differentialdiagnostik bereits zum Therapieanfang und während der Therapie und habe etliche Patienten an Verhaltenstherapeuten oder Psychoanalytiker oder Psychiater u.A. verwiesen, wenn ich es für nötig hielt.
  4. d) mir die Inhalte meiner Psychotherapie nicht zu diktieren ( z.B. an der frühen Mutter-Kind-Beziehung zu arbeiten oder über Sexualbedürfnisse des Partners einer Patientin zu sprechen, das Thema ihrer verkleinerten Brüste zu vertiefen, mehr am Narzißmus zu arbeiten, mehr an der Primärbeziehung, wie es in der Vergangenheit von manchem Gutachter geschehen. Mit meinen 66 Jahren und mehr als 30 Jahren psychotherapeutischer Tätigkeit weiß ich ausreichend, was ich zu tun und zu lassen habe.)
  5. e) Mir die Größe der verwendeten Buchstaben, des Zeilenabstands, des Textrandes, die Schwere und Material des Papierbogens und die Buchstabenform und – farbe nicht vorzuschreiben.

 

Die unbewußte Antrieb jeder Art von Verwaltung, auch der Psychokratie, ihre Macht sinnlos zu akkumulieren und den verwalteten Menschen anal-sadistisch zum Untertan des bürokratischen Rackets zu machen, nervt gewaltig.

 

Eine Stellungnahme zur Indikation, Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit dieser Psychotherapie reicht vollkommen. No hard feelings, please!

[1] [1] Bloch, E. (1985). Literarische Aufsätze. Frankfurt am Main, Deutschland: Suhrkamp. S.138

 

 

 

 

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JOHANNES CREMERIUS, FREIBURG/BR.

 

Wenn wir als Psychoanalytiker die psychoanalytische Ausbildung organisieren, müssen wir sie psychoanalytisch organisieren!*[i]

 

Übersicht: Soll die psychoanalytische Ausbildung psychoanalysegerecht reorganisiert werden, muß die Selbstverantwortung bei Lernenden und Lehrenden an die Stelle von Reglementierung, muß Freiheit in Forschung und Lehre an die Stelle von Corpsgeist treten.

 

»Natürlich weiß ich, daß verhärtete Institutionen sich nur rühren, wenn sie heftig und andauernd attackiert werden . . .«

  1. Mitscherlich

»Es muß anders werden, damit es besser werden kann.« O.Weidenbach

 

Seit Jahrzehnten artikuliert sich in der IPV ein Unbehagen an der institutionalisierten Psychoanalyse und ihrem Ausbildungssystem. Klagen und Anklagen über Feindseligkeiten in der Vereinigung, Spaltungs- und Abfallsbewegungen, Verleumdung, Verfolgung und Unterdrückung von Minoritäten wie Andersdenkenden, über Rigidität, Orthodoxie und ein antianalytisches Ausbildungssystem füllen Bände. Dieses Unbehagen erreichte die DPV erst sehr spät. Wir hatten andere Probleme. Und da, wo die Probleme in einem örtlichen Institut sich in der gleichen Weise zuspitzten wie in den amerikanischen Instituten, lösten wir sie unauffällig durch die Gründung neuer Ortsgruppen in einer anderen Stadt. Dieser mitotische (Mitose = Zellkernteilung Anm. JSB) Prozeß scheint sein Ende erreicht zu haben. Spaltungstendenzen innerhalb desselben Institutes werden bemerkt, die nicht mehr durch Emigration gelöst werden können. Wir scheinen also da angekommen zu sein, wo viele andere Länder schon seit Jahren stehen. In einer anderen Beziehung nehmen wir jedoch in der IPV eine Sonderstellung ein: Während, vor allem in den USA, die Psychoanalyse im öffentlichen Leben fortschreitend an Bedeutung verliert und die Ausbildungsinstitute über den Mangel an Zugängen klagen, verzeichnen wir einen rasanten Boom.

Ich will versuchen, zunächst unsere Schwierigkeiten zu benennen, die wir mit der institutionalisierten Psychoanalyse haben, um dann nach den Ursachen derselben zu fragen, um schließlich Überlegungen anzustellen, wie wir zu besseren Lösungen kommen können. Dabei bin ich mir bewußt, daß Psychoanalyse als Beruf ein »unmöglicher Beruf« ist, und daß dieses Unmögliche auch für die psychoanalytische Institution und die psychoanalytische Ausbildung gilt. Aber ich glaube, daß wir das, was wir selber organisieren, in stärkerem Maße psychoanalytisch organisieren können, als es bisher geschehen ist.

Ich beginne mit den Klagen über das unanalytische Ausbildungssystem.

Das Ziel der Ausbildung ist es, daß der Analytiker in Ausbildung sich von unbewußten infantilen Bindungen befreit, d. h. die Ödipussituation auflöst und ein starkes, kritisches Ich entwickelt. De facto läuft aber unser Ausbildungssystem, wie Balint festgestellt hat, darauf hinaus, »daß es beim Kandidaten unweigerlich zu einer Schwächung dieser Ich-Funktionen

führt« (1947, S. 317). Wie kommt es zu diesem unserem Leitbild

entgegengesetzten Resultat?

Da ist zunächst das Eltern-Kind-Modell zu erwähnen, das in der Ausbildung wirksam ist. Es gibt eine Gruppe von Funktionsträgern, vor allem die Lehranalytiker, die wie die Eltern hinter verschlossenen Türen verhandeln und ihre Überlegungen und Beschlüsse geheimhalten dürfen:

Zulassung zur Ausbildung, zum Vorkolloquium, zum Kolloquium wurden — und werden vielerorts noch — nicht offen mit den Studenten besprochen. Auf Lehrpläne und Lehrstoff wie auf das Curriculum haben sie keinen Einfluß. 1986 protestierte die Kandidatenversammlung der DPV gegen diese Behandlung und forderte in einer Resolution, an den Diskussions- und Entscheidungsfindungsprozessen im Bereich der Ausbildungsmodalitäten beteiligt zu werden. Vier Jahre zuvor hatte die Kandidatenversammlung der IPA darauf aufmerksam gemacht, daß alle Entscheidungen über Zulassung, Fortgang und Abschluß der Ausbildung vage und ungenau seien und ihnen keine Wege der Rechtshilfe gegen Übelstände zur Verfügung stünden (vgl. Franzen, 1982). Die geheime Macht der Eltern führt zu Angst und Unfreiheit. Diese spiegelt sich in der jahrzehntelangen sprachlosen Unterwerfung der Ausbildungskandidaten wider (vgl. Speier, 1983). 1985 hat erstmalig in der Geschichte der Psychoanalyse eine Gruppe von Kandidaten ihre Erfahrungen mit der Ausbildung unter dem Titel »Regression und Verfolgung in der analytischen Ausbildung« publiziert (Buzzone et al., 1985).

Zum Thema Geheimhaltung und Exklusivität gehört auch, daß 1984 auf dem Madrider Kongreß die erste Lehranalytikerkonferenz stattfand, an der alle Lehranalytiker unterschiedslos teilnehmen durften.

Elternschaft bedeutet auch — das gilt zwar nur für das »geschlossene Ausbildungssystem«, wie wir es in der DPV haben — die Übernahme der Verantwortung für die Ausbildung und die Besorgtheit um die korrekte Ausbildung durch permanente Observierung und Kontrolle. Dies zusammen mit der methodisch fragwürdigen Lehranalyse führt zu Passivität und langdauernder Abhängigkeit der Analytiker in Ausbildung. Zu diesem unserem Leitbild eines freien, kritischen Analytikers konträren Resultat trägt auch der Charakter unserer Ausbildungsinstitute bei, die, wie Kernberg feststellt, eine »Kombination von Berufsschule und Priesterseminar sind« (1984, S. 62). Beide Ausbildungsformen zielen gerade nicht auf die Erstarkung eines freien kritischen Ichs. Den Berufsschulcharakter unserer Institute legen die Ausbildungsprogramme offen. Angeboten werden Vorlesungen und Seminare, die gradlinig auf die Berufsausbildung als praktische Psychotherapeuten zulaufen. Die Mitglieder des Lehrkörpers sind damit beschäftigt, Fertigkeiten zu vermitteln und deren Entwicklung zu kontrollieren. Zu kurz kommt dabei die Vermittlung des Gesamtkomplexes der psychoanalytischen Theorie, vor allem der gesellschaftskritischen Schriften Freuds. Andererseits besteht ein Mißverhältnis zwischen der Zeit, die für das Studium der Freudschen Schriften aufgewendet wird, und der Zeit, die dem Studium zeitgemäßer Autoren zugute kommt. Der Lehrbetrieb läßt ganz allgemein eine offene wissenschaftliche Atmosphäre vermissen: Freuds Schriften werden meist in einer Weise vermittelt, als seien es heilige Schriften. Ihr Studium beschränkt sich auf eine gläubige Exegese. Es fehlt die kritische Lektüre, die Hinterfragung der Paradigmata. Besonders eindrucksvoll zeigt sich dies beim Studium der großen Krankengeschichten Freuds. Vielerorts werden sie noch wie Lehrstücke der Technik gelesen, womit eine alte Tradition fortgesetzt wird. Noch 1955 rühmt Jones, daß Freuds erste Krankengeschichte, die Dora-Analyse, jahrelang als Modell für Kandidaten gedient habe (1955, S. 306). Und Lipton stellt fest, daß die Technik, die Freud bei der Rattenmann-Analyse angewandt habe, noch heute von den Analytikern akzeptiert werde (1977). Ohne Zweifel können wir von ihr viel lernen. Aber unsere Kollegen in Ausbildung sollten diese Texte auch »gegen den Strich« lesen lernen, an ihnen erkennen, wie problematisch, wie widersprüchlich hier vieles ist. Aber das Original-Protokoll des ersten Teiles dieser Analyse, das dies aufzeigt und verdeutlicht, wird nicht zum Studium herangezogen. Kaum einer kennt es, und ich frage mich, ob es bloß Zufall ist, daß es bis heute in Deutschland nicht publiziert wurde. Auffallend ist die Einengung des Studiums auf

einen Corpus anerkannter Autoren. Es scheint so, als gäbe es eine geheime Liste indizierter Schriften, die nicht gelesen werden dürfen. Wo, frage ich, werden auch die Texte der großen »Dissidenten«, Horney, Sullivan, Lacan, ernsthaft studiert? Es scheint aber, als ob auch der Bannfluch auf so großen Autoren wie Ferenczi, Balint, Alexander noch wirksam sei. Bemerkenswert ist auch die Prävalenz gewisser Autoren in den verschiedenen Ausbildungsinstituten. In schulischer Abgeschlossenheit

gelten hier Freuds Texte als vornehmliche Grundlage, dort die von Winnicott oder anderen Autoren. So erinnern manche Institute an das Prinzip der Monokulturen, wie es heute in der Landwirtschaft vertreten wird. Dies zeigen vor allem die Institute, in denen die Freudsche oder eine andere Schule dominieren. Das Ergebnis ist eine weitgehende Aufhebung der Sprachverständigung.

Freud würde das wissenschaftliche Niveau unserer Institute zutiefst beklagen.

Von dem, was angehende Psychoanalytiker lernen sollten —

Psychiatrie, die Geschichte der Zivilisation und die Philosophie der Religion, Mythologie und Geschichte der Literatur (Kunst nicht vergessen! Anm. JSB) —, enthalten unsere Lehrpläne kaum etwas. Beklagen würde er auch die Begrenzung der Ausbildung auf den praktizierenden Therapeuten.

Aber, so frage ich, wer sollte denn diese Fächer, die Freud für so notwendig erachtete, auch lehren? Durch die Zulassung von ausschließlich Ärzten und Psychologen, d. h. die Ausschließung von Geisteswissenschaftlern und die dadurch verstärkte Reduktion der Ausbildung auf dasTherapeutische, bilden wir Kollegen aus, die dazu nicht fähig sind. Da sie keine diesbezüglichen Impulse erhalten, zeigen sie nach der Ausbildung auch kein Interesse an diesen Fächern. An der in Freiburg jährlich stattfindenden Tagung »Psychoanalyse und Literaturwissenschaft«, seit Jahren von den Geisteswissenschaftlern viel beachtet, nehmen Psychoanalytiker

kaum teil. Bei der Supervisionsarbeit mit jüngeren Kollegen

registriere ich eine minimale Kenntnis der großen Schriftsteller. Wie kann man Analytiker sein und keine Neugierde für das haben, was sie über den Menschen berichten? Ist die Kenntnis der Fachliteratur nicht wirklich nur ein sehr bescheidenes Rüstzeug? Und nun berühre ich ein anderes Problem. Warum laden wir nicht Vertreter der genannten Fakultäten als Dozenten ein? Hiermit spreche ich den Ghettocharakter unserer Institute an. Eingeschlossen in das Studium der Psychoanalyse, gelingt

nur wenigen der Blick über den Zaun. Ist da noch Psychoanalyse

als Wissenschaft möglich? Hätten wir nicht allen Grund, jetzt, wo unsere Theorien in Fluß gekommen sind, auch die Ergebnisse benachbarter Wissenschaften zu rezipieren — der Verhaltensforschung, der Gesellschaftswissenschaften,

der Sozialpsychiatrie, der Entwicklungspsychologie,

der Vererbungs- und Hirnforschung? Wovor haben wir eigentlich

Angst? Es kann doch nur bewahrt werden, was sich auch verändert.

Wissenschaft ist immer Prozeß!

Wenn unsere Ausbildung zu einer Schwächung der Ich-Funktionen führt, so liegt eine Ursache auch in der weitverbreiteten Glaubenshaltung.

Das schwache Ich sehnt sich nach Anlehnung und Führung — die

Institution antwortet darauf mit Angeboten von Stützung und Sicherheit.

Dabei läßt sie sich bis zur Indoktrination, dem stärksten Mittel der

Glaubenshaltung, verführen. So wird Ausbildung zu einem Konversionsprozeß — gerechtfertigt durch die Notwendigkeit einer Identifizierung, deren passagere Berechtigung übersehen wird. Es mag sein, daß die junge psychoanalytische Bewegung vor 60 Jahren solcher Mittel bedurfte, um zu überleben. Aber ist nicht die Zeit gekommen, wo Paulus wieder Saulus werden müßte? Nach dem Zerfall des »gemeinsamen Daches«, von dessen Dauerhaftigkeit Freud träumte, dem Zerfall der großen

Utopie eines dauerhaften Zentralmassivs der Theorie muß jetzt wieder kreative Unruhe einsetzen, muß Ungewißheit zur Prämisse unseres Denkens und Handelns werden. Es gilt, experimentierfreudig zu werden, Dissens zu erproben.

Auf diese wissenschaftlichen Aufgaben und Ziele haben wir zugunsten der fachschulischen Ausbildung verzichtet. In den Instituten wie auf unseren Tagungen investieren wir viel Zeit und Kraft in die Kontrolle und Observierung der Kandidaten, denen wir den Titel des Analytikers in Ausbildung verweigern, den andere Länder ihnen schon immer zugebilligt haben. Geht es dabei wirklich darum, unsere Vereinigung optimal zu organisieren und die besten Bedingungen für die Sache der Psychoanalyse

zu schaffen? Ginge es uns darum und wirklich darum, müßten wir

dann nicht dieselbe Aufmerksamkeit auch auf die Dozenten und Lehranalytiker richten? Die Qualität eines Ausbildungsinstitutes und seiner Absolventen hängt doch auch von der Qualität der Ausbilder ab! Darum haben wir uns in all den Jahren nie gekümmert. Weder die Qualifikation des Supervisors noch die des Lehranalytikers ist je grundsätzlich reflektiert worden. Die wenigen, vagen Bestimmungen, die die Wahl zum Lehranalytiker regeln, werden in keiner Weise eingehalten: bei Institutsverfahren sein solle, um die Berufseignung zu prüfen — es solle, so Freud, »dem Lehrer ein Urteil ermöglichen, ob der Kandidat zur weiteren Ausbildung zugelassen werden kann« (1937 c, S. 94 f.)1[ii]; die andere Forderung besagt, die Lehranalyse solle eine weitgehende Egalisierung der »persönlichen Gleichung« des Analysanden herbeiführen, so daß eines Tages befriedigende Übereinstimmungen unter den Analytikern erreicht sein würden (1926 e, S. 250). Vier Jahre später vergleicht Hanns Sachs, der erste Berufslehranalytiker, die Lehranalyse im Sinne der Freudschen Forderungen mit dem Noviziat: »Wie man sieht, braucht die Analyse etwas, was dem Noviziat der Kirche entspricht« (1930, S. 53). In diesen beiden letzten Forderungen Freuds steckt der Anfang unserer Not mit der Lehranalyse: Analyse als Instrument der Indoktrination und Analyse als Berufseignungsprüfung. Hier geraten wir in Widerspruch mit unserer psychoanalytischen Zielsetzung, der Auflösung infantiler Abhängigkeit. Freud selbst hatte — auch er ein Mensch mit Widersprüchen — davor gewarnt, den Analysanden zum »Leibgut« zu machen. Der Analysand, so forderte er, darf nicht zur »Ähnlichkeit mit uns« erzogen werden. Es gehe vielmehr darum, daß er »zur Befreiung und Vollendung seines Wesens erzogen werde« (1919 a, S. 190).

Beklagt wird der antianalytische Charakter der Handhabung der Lehranalyse. Anna Freud stellt fest, daß der Lehranalytiker tatsächlich alles das tut, was in einer therapeutischen Analyse als Kunstfehler gelte: er teile seine Interessen mit dem Kandidaten, diskutiere sie mit ihm, beurteile sein Verhalten kritisch, diskutiere es mit anderen und leite aus seinen Urteilen Konsequenzen ab. Er greife aktiv in das Leben des Kandidaten ein, biete sich ihm als Vorbild an und gestatte ihm am Ende die Identifizierung mit seiner Person und seiner Berufstätigkeit. Die Folgen, stellt sie fest, seien ein schlechtes Ergebnis der Lehranalyse: viele Analysanden würden an ungelösten infantilen Einstellungen und unaufgelösten Übertragungsbindungen leiden, blieben in Abhängigkeit von ihrem Lehranalytiker oder sagten sich auf lärmende Weise von ihm los, was ihre wissenschaftliche Einstellung entscheidend beeinflusse (1938). Die von Anna Freud aufgezeigte Abhängigkeit führt u. a. auch zur Clanbildung. Um manche Lehranalytiker bilden sich Gruppen ehemaliger Analysanden, die sich als »Abstammungs«-Gruppen isolieren (Balint, 1947, S. 317). Da die Lehranalyse häufig die negative Übertragung nicht oder nicht ausreichend bearbeitet, persistiert sie. Das Ergebnis ist, daß die ehemaligen Analysanden der eigenen Gruppe gegenüber nachsichtig und gläubig sind, anderen Gruppen gegenüber überkritisch. Balint sieht hierin die Ursachen von Denkhemmung und Dogmatismus. Die Schüler folgen ihrem Analytiker blind und verstehen seine Lehre als die einzig wahre und richtige. Der Wunsch des Lehranalytikers, bewußt oder unbewußt, der Lehranalysand solle seine Lehre weitergeben, führt zu Unterwerfung. So wird die Lehranalyse zum Indoktrinationsritus wie das Zulassungsverfahren. Beland hat diese Abstammungssequenz an der Tatsache aufgezeigt, daß das Fehlen kleinianischer Lehranalytiker in der Bundesrepublik erklärt, warum wir keine Vertreter der kleinianischen Schule haben (1981). An Instituten, wie dem Londoner Institut, wo es drei verschiedene Schulen gibt, treten die Kandidaten je nach der theoretischen Bindung ihres Lehranalytikers entweder der einen oder der anderen Gruppe bei. Diese Sequenz läßt sich in allen Vereinigungen der IPV nachweisen. Eissier erkennt in dem Unterwerfungscharakter der Lehranalyse das Motiv der »symbolisierten Sohnestötung«. Da die negative Übertragung nicht hinreichend bearbeitet wird, introjizieren die Analysanden ein unrealistisches Bild des Lehranalytikers, das sowohl als Kern eines neuen Überichs dient als zum Aufbau einer pathologisch-narzißtischen Identifizierung. Die unbewußten feindseligen Aspekte müssen abgespalten werden. Sie können sich später gegen den Lehranalytiker, gegen die psychoanalytische Methode und gegen die Psychoanalyse selbst wenden. Die Geschichte der Psychoanalyse mit ihren Abfall- und Spaltungsbewegungen, mit ihren feindseligen Gruppenbildungen legt Zeugnis davon ab. — In den örtlichen Ausbildungsinstituten hat die Tendenz jener Lehranalytiker, die Ausbildung als indoktrinative Weitergabe dogmatischer Lehrsätze mißverstehen, unmittelbar destruktive Wirkungen. Es bilden sich feindselige, sektenartige Lager. Aber der Religionskrieg findet nicht zwischen den Stiftern selbst statt. Opfer derselben werden die Analytiker in Ausbildung. Wenn sie bei einem Vertreter der Gegenpartei supervisionieren, wird ihnen nachgewiesen, wie unmöglich ihre, sprich: die Arbeitsweise des Gegners, ist. Das ist einer der Gründe für das oft so vergiftete Klima in unseren Instituten.

Die Probleme der Lehranalyse, die sich in geschlossenen Ausbildungssystemen zeigen, stehen in enger Verbindung mit dem Zulassungsverfahren.

Es ist sozusagen der Zulieferer eines Teiles der aufgezeigten Schwierigkeiten. Die Kritiker desselben sehen darin ein sachlich maskiertes Initiationsritual. Sie weisen nach, daß es methodisch unzureichend und uneffektiv ist. Hinter pseudorationalen Kriterien verberge sich eine »primitive physiognomische Methode« (Bernfeld, 1962, S. 450), das simple »like me — not like me«-System2[iii]; es sei uneffektiv, weil es sein Ziel, die Besten auszulesen, de facto nicht erreiche. Das hat es mit der Indikationsstellung zur Analyse, mit der Frage der Analysierbarkeit von Patienten, gemeinsam. Aber diese Beziehung wird nicht gesehen. Über die Quintessenz, die der 76jährige Freud aus seinen Erfahrungen mit diesem Problem zog: »wir kaufen tatsächlich die Katze im Sack« (1933 a, S. 167), setzen wir uns hinweg. Und zwar — das ist das Besondere daran — ohne sie überhaupt zu diskutieren.

Die Kritiker stellen ferner fest, daß das Verfahren zum einen brave, mittelmäßige Bewerber — Kernberg spricht von »dull normals« (1984, S. 28) — eher zulasse, als unruhig-fragende, kritische Köpfe, die nicht glauben, sondern wissen wollen, zum anderen »normale Kandidaten«, das sind Personen mit guten Ich-Leistungen, ohne manifeste neurotische Störungen, gut angepaßt und erfolgreich im Leben, vor schwierigen, problematischen Bewerbern bevorzuge.3[iv] Werden die einen im besten Falle gute Praktiker, gilt das nicht für die von Bird (1968) als »Normopathen« klassifizierten »normalen« Bewerber (Sachs, 1947, S. 157). Sie erweisen sich als unanalysierbar und belasten am Schluß die Vereinigung als Problemfälle. Sie entwickeln sich in der Regel zu »Imitationsanalytikern« (vgl. Richards, 1984, S. 28; Gaddini, 1984). Das niedrige wissenschaftliche Niveau in den psychoanalytischen Gesellschaften ist das Ergebnis dieses Ausleseverfahrens. Die fehlende Effizienz des Zulassungsverfahrens spiegelt sich auch in den wenigen statistischen Untersuchungen über die Bewerberauswahl wider. Auf der einen Seite erscheint das Verfahren nutzlos, da die Mehrzahl der von einem Institut abgelehnten Bewerber von einem anderen Institut zugelassen werden (vgl. Pollmann, 1985, S. 260), auf der anderen Seite sieht es so aus, als ob seine Ergebnisse sich im Bereich des Zufalls bewegen: von den Zugelassenen brechen 25 % die Ausbildung ab und bei weiteren 25 % endet sie erfolglos (vgl. Beland, 1985, S. 27). Die hier sichtbar werdende Problematik spiegelt ganz einfach die Tatsache wider, daß wir nicht wissen, was wir wollen, nicht wissen, was einen guten Analytiker ausmacht. Der eine Prüfer will nur ungeeignete Personen ausschließen — »keine Verrückten, keine Exzentriker, keine Schwindler« charakterisiert Smirnoff dieses Auswahlkriterium (1980, S. 19), der andere gibt sich damit zufrieden, anständige Leute zu selektieren, die einmal gute Praktiker werden. Die Auswahlkriterien sind vorrangig defensiv und folgen dem Motto: »Wenigstens wird er nichts Schlimmes anrichten« (ebd.).

Bedeutsamer noch als alle diese sachlichen Einwände gegen das Verfahren erscheint mir das Argument von Anna Freud, weil es ein analytisches Argument ist. Sie bemerkt, das Zulassungsverfahren lasse sich nicht mit dem Respekt vor der Persönlichkeit des Bewerbers vereinigen und decke sich nicht mit der analytischen Atmosphäre (1966, S. 227 f.).4[v] Beibehalten wird es ganz offensichtlich gegen alle Einwände, weil es einem anderen Zweck dient. Balint entdeckt diesen in seinem Unterwerfungscharakter. Sein wahrer Sinn sei, dem Eintretenden die Macht der Herrschaft und seine Ohnmacht zu zeigen. Es sei also dem Initiationsritual der Primitiven vergleichbar (1947; S. 317; vgl. auch Cremerius, 1987). Anstatt das Zulassungsverfahren durch ein einfaches Erstgespräch zu ersetzen, werden immer neue Kataloge von Beurteilungskriterien ausgearbeitet.5[vi] Mit ihren mehr als einhundert Items sind sie de facto nicht mehr praktikabel. Ich glaube, daß das Motiv für die Beibehaltung des Zulassungsverfahrens der Verschleierung eines Tatbestandes dient, den die Institution unter keinen Umständen offenlegen will. Indem man am Zulassungsverfahren bastelt, hält man die Phantasie aufrecht, daß der wenig überzeugende körperliche und seelische Zustand der Analytiker, ihre sozialen Probleme im privaten Leben (Freud stellt fest: » . . . leider viele davon von der Analyse wenig veränderter Menschenstoff« [1966, S. 222]) und der katastrophale Zustand der psychoanalytischen Gemeinschaft die Folge von Zulassungsfehlern sei. Verschleiert wird damit die

Tatsache, daß die Lehranalyse zu sehr bescheidenen Ergebnissen führt. Die Publikation dieser Tatsache hätte für die Institution schlimme Folgen: wenn die Analyse einer durch drei Eliteanalytiker geprüften Gruppe von Elitepersonen — alle haben ein Hochschulstudium abgeschlossen, sind in der Lage, die Analyse selber zu finanzieren etc. — durch Eliteanalytiker so wenig bringt, dann werde, so fürchtet sie, der Wert der therapeutischen Analyse extrem in Frage gestellt. Aber gerade der therapeutische Wert der Psychoanalyse dient der Institution dazu, ihre Macht in der Gesellschaft zu festigen, nachdem sie ihre emanzipatorische und kritische Funktion in ihr aufgegeben hat.

Und nun kommt der Clou: nachdem jahrzehntelang am Zulassungsverfahren gearbeitet worden ist, über einhundert Beurteilungskriterien ausgearbeitet wurden, um ungeeignete Bewerber fernzuhalten, öffnen die amerikanischen Institute auch Bewerbern mit Borderline-Strukturen und schweren Charakterneurosen ihre Tore — also denen, die bis dahin unter keinen Umständen zugelassen werden durften. Die Erklärung, die Kernberg dafür gibt, ist verblüffend: damals gab es zu viele Bewerber, jetzt so wenige, daß der Ausbildungsbetrieb zu erliegen droht (Richards, 1984, S. 27 f.). Also war der ganze jahrzehntelange Selektionsperfektionismus nichts anderes als ein versteckter Numerus clausus? Ist bei uns nicht etwas Ähnliches geschehen? Wie anders ist es zu verstehen, daß sich die Zahl der Zugelassenen in den letzten Jahren so enorm vergrößert hat? Dieselben Personen, die offiziell die höchsten Zulassungskriterien vertraten, können sie — an den Schaltstellen von Angebot und Nachfrage sitzend — kaum angewandt haben. Niemand wird behaupten wollen, daß alle Zugelassenen den offiziellen Standards entsprechen. Wie heißt es bei Bert Brecht? »Prinzipien halten sich am Leben, indem man sie bricht.«

Ein anderer Grund für das Unbehagen in unserer Gemeinschaft ist die Existenz einer Gruppe, der Gruppe der Lehranalytiker, die mit höchster Legitimation ausgestattet ist. Ihre Mitglieder entscheiden durch die Doppelfunktion, Lehranalytiker und gleichzeitig Funktionsträger zu sein, über die Analytiker in Ausbildung. Sie bestimmen weitgehend die Struktur und die schulische Ausrichtung der Institute wie der DPV, weil ihnen gewisse einflußreiche Ämter vorbehalten sind. Solche Gruppen gibt es in jeder Organisation, die sich von intimeren sozialen Einrichtungen unterscheidet. Sie sind dafür verantwortlich, die expliziten Ziele der Organisation zu verwirklichen.

Wo liegt hier das Problem? Da wir keinen Konsensus darüber besitzen, was einen guten Analytiker ausmacht (vgl. Mitscherlich-Nielsen, 1970) haben wir auch keinen Konsensus darüber, was die Lehranalyse leisten soll. Soll sie eine Lehr-Analyse oder eine persönliche Analyse sein und wie tief (bis zum psychotischen Kern?), wie radikal muß die letztere sein?

Wenn die Lehranalyse Lehr-Analyse sein soll, müßten die Lehranalytiker sich als Lehrer besonders ausgewiesen haben. Sie müßten, wie Freud es sich vorstellte, besonders befähigte Theoretiker der Technik sein. Freud hält diese Aufgabe noch 1937 für die wichtigste Aufgabe. Er schreibt: »Ihre«, d. h. der Lehranalyse, »Leistung ist erfüllt, wenn sie dem Lehrling die sicheren Überzeugungen von der Existenz des Unbewußten bringt, ihm die sonst unglaubwürdigen Selbstwahrnehmungen beim Auftauchen des Verdrängten vermittelt und ihm an einer ersten Probe die Technik zeigt, die sich in der analytischen Tätigkeit allein bewährt hat« (1937 c, S. 95); wenn die Lehranalyse eine wirkliche therapeutische Analyse wie bei einem Patienten sein soll, dann müßten die Lehranalytiker die besten Therapeuten sein.

De facto werden die Lehranalytiker nach keinem dieser Kriterien ausgewählt. Ob sie gute Lehrer sind, wäre leicht feststellbar — und zwar durch die Ausbildungskandidaten, die bei ihnen Vorlesungen hören und Fälle supervisionieren. Es bestätigt meine Argumentationslinie, daß es hier um Macht und nicht um die Sache geht, daß gerade dieser Kreis von der Beurteilung ausgeschlossen ist. Ob sie gute, besonders befähigte Theoretiker der Technik sind, könnte auf Grund von wissenschaftlichen Arbeiten zur Theorie der Technik geprüft werden. Dieses Kriterium wird aber nicht grundsätzlich und kategorial zur Qualifikationsbeurteilung herangezogen. Ob sie gute Therapeuten sind, d. h. wie sie arbeiten, weiß niemand, da die meisten von ihnen nie Fälle vorstellen, ja, »aus Gründen der Übertragung« ihre Arbeit grundsätzlich geheimhalten. Offiziell heißt es, die Lehranalytiker seien eine Elite. Welch seltsame Elite, die nicht angeben kann, worin ihre elitäre Qualität besteht, worin sie sich von anderen Analytikern unterscheidet. Das einzige, was sie haben, ist Legitimation. Ihre Kompetenz ist ungeprüft.

Wie wird man Lehranalytiker? De facto nur durch die Zuwahl zur Gruppe der bereits vorhandenen Lehranalytiker. Niemand anderer als sie hat ein Wahlrecht. (Da die Zuwahl mit einer Zweidrittelmehrheit erfolgen muß, verfügen an einem kleineren Institut mit 9 Lehranalytikern drei Personen über die Sperrminorität.) Es ist nur menschlich-allzumenschlich, daß diese Gruppe nur solche Personen hinzuwählt, die ihr passen. Warum sich eine Laus in den Pelz setzen, jemanden hereinlassen, der andere Auffassungen vertritt, der systemkritisch denkt etc.? So

kann Kernberg feststellen, daß die Wahl mehr nach politischen als nach Qualifikationskriterien stattfindet. Da niemand auf die Zuwahl oder Ablehnung einen Einfluß nehmen kann, herrscht hier unkontrollierte Macht. Totale Macht aber verführt zur Willkür. Diese Struktur löst Feindschaften aus und ist eine der Ursachen der paranoiden Atmosphäre an unseren Instituten. Die Ausgeschlossenen haben kein Einspruchsrecht.

Wenn die Gruppe will, kann sie jemanden lebenslänglich fernhalten.

Der Lehranalytikerstatus erscheint in einem Klassensystem erstrebenswert, weil sein Erreichen ausdrückt, daß man für würdig befunden wurde, die höchste Stufe im System einnehmen zu dürfen. Im Gegensatz zu Ländern ohne Krankenkassenpsychotherapie gewinnt aber der Lehranalytikerstatus in der BRD noch dadurch an Attraktion, daß er den Mühen der Kassenpraxis enthoben ist. Der Lehranalytiker braucht keine Gutachten erstatten, hat Daueranalysanden bis zu 1 000 Stunden, die zum Durchhalten durch das erstrebte Berufsziel hoch motiviert sind. Auch liegt sein Einkommen deutlich über dem der Praktiker, seitdem der Privatpatient zur Seltenheit geworden ist. Erhält der Analytiker in der Praxis von der Krankenkasse 82 DM für die Behandlungsstunde, liquidieren die Lehranalytiker bei den Lehranalysanden 20—90 % mehr als jene.

Da die Mobilität (Unterbrechungen und Abbrüche) in den Lehranalysen unendlich gering ist, bei den Patienten im Rahmen der Richtlinienpsychotherapie aber relativ hoch, verschaffen die Lehranalysanden den Lehranalytikern bei einer Dauer der Lehranalyse von etwa 7 Jahren ein gesichertes Einkommen, wie es sonst nur Gehaltsempfänger beziehen.

Diese Privilegien lösen berechtigterweise Neid und Mißgunst aus, weil ihre Träger keine definierbare Kompetenz besitzen.

Spannungen entstehen auch, weil hier, wie bei der Beurteilung der Analytiker in Ausbildung, die Beurteilungskriterien nicht durchsichtig sind.

Das provoziert Projektionsmechanismen und Verfolgungsphantasien.

So hält sich in unserer Gemeinschaft die tradierte, hierarchisch-autoritäre Struktur der »Psychoanalytischen Bewegung« (Cremerius, 1986). Die Mitgliederversammlung, die formal der Souverän sein sollte, die als demokratisches Entscheidungsorgan gedacht ist, hat gerade auf den Teil der Organisation, die Wahl der Lehranalytiker, die die Schlüsselpositionen zu den einflußreichsten Ämtern innehaben, keinen Einfluß.

Das Fehlen von offengelegten, sachlich definierten Kriterien zur Ernennung von Lehranalytikern führt an den lokalen Instituten, die über die Ernennung entscheiden, dazu, daß Aspiranten durch Wohlverhalten und durch gute persönliche Beziehungen zu dem einen oder anderen Lehranalytiker versuchen, diese für sich gewogen zu machen. Andererseits wird der Aspirant vermeiden, kritische Ansichten über das Ausbildungssystem, über Dozenten und Lehranalytiker zu äußern. Er wird sich konform verhalten und kontroverse Ansichten über psychoanalytische Theorie und Praxis, die an diesem Institut Gültigkeit haben, verbergen.

So gelangen solche Charaktere eher in die Machtgremien als andere.

Der Schaden für unsere Gemeinschaft ist offenkundig.

Ich zeige jetzt weitere Momente in unserem Ausbildungssystem auf, die Unbehagen, Unklarheiten, Verwirrung und Streitereien erzeugen. Nicht daß sie existieren, ist unser Problem — das wäre ja ein Anzeichen von Lebendigkeit. Unser Problem ist, daß wir keinen Raum geschaffen haben, in dem wir sie miteinander diskutieren könnten.

Da gibt es z. B. die Widersprüche zwischen unseren psychoanalytischen Maximen und unserer institutionalisierten Praxis. In unserer Satzung heißt es, »der Zweck unserer Vereinigung sei die Pflege und Weiterentwicklung

der von Freud begründeten Wissenschaft der Psychoanalyse

und aller ihrer Anwendungen«. Ist das nicht nur noch ein Lippenbekenntnis?

Was wir de facto verwirklichen, ist die berufsschulische Ausbildung

von Praktikern. Wo gibt es noch systematisch organisierte Lehrveranstaltungen, in denen die Anwendungen der Psychoanalyse untersucht und erprobt werden — etwa auf dem Gebiet der Literaturwissenschaft, der Religionspsychologie, der Gesellschaftswissenschaft? Wir laden Gasthörer anderer Fakultäten zu Fortbildungsveranstaltungen ein, um ihnen die Psychoanalyse zu vermitteln und mit ihnen ins Gespräch

zu kommen. Es kommen nur Ärzte und Psychologen. Die, die kommen sollten, die, für die der genannte Passus aus der Satzung gilt, kommen nicht: »Das rein klinisch-praktische Fortbildungsangebot zieht Interessenten ohne klinische Interessen nicht an« (Protokoll des Mitgliedertreffens des Psychoanalytischen Seminars Freiburg vom 18.2. 1987). Das heißt, wir verhindern also die Pflege der Psychoanalyse als Wissenschaft, verhindern ihre von Freud geforderte Verbreitung in den Fächern der Humanwissenschaften und fördern damit den weiteren Niedergang des Niveaus unserer Institute. Da wir uns auch nicht entschließen können — aus Gründen, über die wir einmal nachdenken sollten —, Personen aus Randgebieten als Dozenten einzuladen, schließen wir uns immer mehr in das Ghetto berufsschulischer Fachausbildung ein. Diese Berührungsängste nehmen an manchen Orten, wo ein psychoanalytisches

Institut und ein von einem DPV-Mitglied geleitetes Universitäts-

Institut nebeneinander bestehen, groteske Formen der Vermeidung an.

Lippenbekenntnis ist unser Bekenntnis zu »der von Freud begründeten Wissenschaft der Psychoanalyse« auch, wenn wir leichthin die von Freud so kategorial geforderte Laienanalyse aufgeben. Freud sah darin ein Opfer an einer Stelle, »deren Lebenswichtigkeit ihnen (seinen Schülern — Deutsch, Eitingon, Horney, Oberndorf, Jones u. a.) nicht einleuchtet« (1926 e, S. 273). Für ihn war sie eine conditio sine qua non: »Der Kampf um die Laienanalyse muß irgendwann ausgefochten werden«, schreibt er 1926 an Federn (Federn, 1967, S. 269 ff.) und fügt 1929 hinzu: »Die letzte Maske des Widerstandes gegen die Psychoanalyse, die ärztlich-professionelle, ist die für die Zukunft gefährlichste« (Jones, 1957, S. 351).

Und wie steht es mit der nach unserer Satzung primären Aufgabe unserer Vereinigung, »der Pflege und Weiterentwicklung der von Freud begründeten Wissenschaft der Psychoanalyse«? In unseren Ausbildungsinstituten folgen wir offiziell noch der Maxime, in der »strengen, der tendenzlosen Psychoanalyse« (Freud, 1919 a, S. 194) auszubilden, vertreten wir die alten Therapieziele: »Die für die Ich-Funktionen günstigsten psychologischen Bedingungen« (Freud, 1937 c, S. 96) durch Einsicht herzustellen. Berufspolitisch sind wir aber Verträge mit den Kammern eingegangen, in denen wir uns verpflichtet haben, unsere Studenten so auszubilden, daß sie an der Richtlinienpsychotherapie teilnehmen können. De facto machen viele von uns fast ausschließlich psychoanalytische Psychotherapie und pragmatische Psychotherapie. Die Gutachterpraxis zeigt, wie dies auf die Sprachregelung und die Denkweise zurückwirkt. An die Stelle psychoanalytischer Theoriesprache treten häufig Begriffe aus anderen Theoriebereichen und an die Stelle psychoanalytischer Argumente treten solche der Krankenversicherung, die ökonomisch-prag-matischer Natur sind — so z. B. Symptombesserung, Arbeitsfähigkeit, ja, sogar Wehrfähigkeit. D. h., das Erkenntnisinteresse in der Psychoanalyse nimmt zugunsten des therapeutischen Interesses immer mehr ab (vgl. R. Klüwer, 1973, S. 1082 ff.).

Um nicht mißverstanden zu werden, stelle ich ausdrücklich fest, daß ich kein Gegner der Richtlinienpsychotherapie bin. Hinweisen will ich auf den hier vorliegenden Widerspruch, den wir nicht öffentlich diskutieren. Infolgedessen führt er zu Verwirrungen und Spannungen und dazu, daß die in ihm liegenden positiven Möglichkeiten unerschlossen bleiben (vgl. Cremerius, 1981 a).

Mit dem Widerspruch leben und arbeiten müssen diejenigen Kollegen in der Praxis, die täglich darum kämpfen, im Rahmen der Richtlinienpsychotherapie »strenge, tendenzlose Psychoanalyse« zu verwirklichen. Diese Kollegen lassen wir weitgehend alleine. Wir haben uns in all den Jahren nicht bemüht, ein ständiges Forum zu schaffen, wo sie ihre Erfahrungen in dem genannten Spannungsfeld zur Diskussion stellen können — sehe ich einmal von der Berliner Tagung 1978, die dem Problem gewidmet war, ab (DPV, 1978). In den fast 10 Jahren, die seitdem vergangen sind, erschien das Thema nicht mehr auf unseren Tagungen. Das hat zur Folge, daß die Erfahrungen, die dort gemacht werden, nicht öffentlich werden, d. h. auch nicht Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung. Daß dies geschieht, ist aber dringend notwendig. Andernfalls geht es der psychoanalytischen Technik bei uns so, wie es der psychoanalytischen Technik in den USA nach Freuds Tod ergangen ist: sie verleugnete den Praktiker Freud zugunsten des Theoretikers und radikalisierte seine Theorie der Technik zu einer »klassischen Technik«, aus der alles das eliminiert wurde, was Freud de facto praktiziert hatte (vgl. Cremerius, 1981). Das Ergebnis ist, daß das, was über die analytische Behandlungstechnik berichtet wird, oft den Charakter einer Fiktion hat. Sie zeigt sich in einem Schisma zwischen dem, was Analytiker wirklich tun, und dem, was sie sagen, daß sie es tun (vgl. Glover, 1937; Strupp, 1960; J. Sandler, 1983). Wenn Eissler der psychoanalytischen Technik keine aussichtsreiche Zukunft prophezeit (vgl. 1969, S. 462), so sicherlich auch wegen dieser beschriebenen Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Daß hier Mut zur Wahrheit gefordert werden muß (Freud fordert, man müsse öffentlich vertreten können, »was man in der Technik tut«; Jones, 1957, S. 197 ff.), ergibt sich vor allem daraus, daß sich die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis enorm vergrößert hat. Unsere Kollegen arbeiten nicht mehr ausschließlich mit denselben Patienten, an denen Freud die psychoanalytische Technik entwickelt hat. In ihren Praxen finden sich — anscheinend in der Überzahl (vgl. Cremerius, 1985) — abweichend davon einmal Patienten, die

  1. sich von denen Freuds im Differenzierungsgrad unterscheiden (seine Patienten, stellte er fest, gehörten einer »gebildeten und lesenden Gesellschaftsklasse« an; 1895, S. 77);
  2. oft weniger für eine analytische Therapie motiviert sind; und
  3. nicht mehr ausschließlich klassische Übertragungsneurosen entwickeln.

Die psychoanalytische Institution muß ein Forum schaffen, auf dem wir im Geiste von Sandlers Anregungen miteinander offen über unsere Arbeit sprechen könnten. Das würde der psychoanalytischen Wissenschaft Zugang zu einem bisher ungehobenen Erfahrungsschatz eröffnen. An ihm könnte dann psychoanalytische Theorie erneut geprüft werden. Aber dazu bedürfte es der Überzeugung aller, daß wissenschaftliche

Theorien immer nur Vorschläge sein können, wie man die Dinge betrachten könnte. Glaubenssätze, Schibboleths, feste Regeln und »Grundpfeiler« sind hier hinderlich. Sandler merkt dazu an:

»Es ist meine feste Überzeugung, daß die Untersuchung der impliziten privaten Theorien klinisch arbeitender Analytiker der psychoanalytischen Forschung einen sehr wichtigen neuen Weg eröffnen. Eine der Schwierigkeiten bei einem solchen Forschungsvorhaben liegt in der bewußten oder unbewußten Überzeugung vieler Analytiker, daß sie nicht ›ordentlich‹

analysieren.« Der Analytiker »wird seine Technik so modifizieren, daß sich die bestmögliche analytische Arbeitssituation entwickeln kann. Dazu muß er sich in angemessener Weise mit seinem Patienten entspannt und informell fühlen und von der ›Standard‹-

Technik manchmal ziemlich abweichen. Mit seinem Vorgehen kann er sich so lange wohl fühlen, wie es privat bleibt und nicht öffentlich wird. [. .] Ich glaube, daß die zahlreichen

Anpassungen, die man in der eigenen psychoanalytischen Arbeit leistet, einschließlich der sogenannten Parameter, die man einführt, oft bewirken oder bezeugen, daß die sich entwickelnde

eigene, private, vorbewußte Theorie des Analytikers besser auf das Material, das der Patient vorbringt, abgestimmt ist als die offiziell anerkannten Theorien, denen der

Analytiker bewußt zustimmt. Oft [ .. . ] weiß der Analytiker ›inoffiziell besser Bescheid‹, und je mehr Zugang wir zu den vorbewußten Theorien erfahrener Analytiker gewinnen,

desto besser können wir den Fortschritt der psychoanalytischen Theorie unterstützen« (Sandler, 1983, S. 584).

Ein anderer dieser Widersprüche ist folgender: die meisten von uns halten an der Bedeutung des ödipalen Konfliktes fest und sehen in seiner Bearbeitung eine zentrale Aufgabe der psychoanalytischen Arbeit. Unser Ausbildungssystem mit seiner autoritär-hierarchischen Struktur und seinen Initiationsriten und Kontrollmechanismen nimmt davon keine Kenntnis. In einem grandiosen Abspaltungsprozeß reproduziert es die ödipale Abhängigkeit und wirkt auf diese Weise der theoretischen Maxime

der Psychoanalyse entgegen.

Hierhin gehört auch der Widerspruch zwischen unserer deklarierten Unterweisungsmethode und der praktizierten Methode. Offiziell bilden wir nach dem mittelalterlichen Zunftprinzip aus, in dem der Meister den Lehrling unterrichtet. De facto aber findet eine Unterweisung durch den Meister nur sehr partiell statt. Der Meister zeigt sich seinem Lehrling nie bei der Arbeit. Die Lehranalyse kann nicht als persönliche Unterweisung

in der Technik gelten. Das ist nur ein bescheidener Nebeneffekt derselben, extrem gestört durch die übertragungsbedingten Wahrnehmungsstörungen des Lernenden. In der Supervision erlebt der Lernende den Meister nur kommentierend. Was er nie erlebt, ist, daß ihm ein Meister zeigt, wie er eine Analyse von Anfang bis Ende durchführt. Die hier und da von den Lehranalytikern vorgestellten oder publizierten sog. Vignetten

bieten keinen Ersatz dafür — auch sind sie meist ad-hoc-Berichte.

De facto lernt also der Analytiker in Ausbildung die extrem schwierige psychoanalytische Technik an seinen beiden supervisionierten eigenen Fällen und an den Fällen seiner Ausbildungskollegen. Wählen wir den Vergleich mit der Schreinerlehre, so heißt das, er sieht nie, wie sein Meister einen Tisch macht. Der Meister erzählt ihm bloß, was er, der Lehrling machen muß, um einen Tisch zu machen. Die Folgen sind eine Idealisierung des Meisters, die schnell ins Gegenteil umschlagen kann. Ich gehe auf diese sattsam beschriebenen Folgen hier nicht weiter ein. Kritik wäre auch am Lehrstoff der Institute zu üben. Daß dieser unsystematisch vermittelt wird und die Theoriestücke häufig so dargestellt werden, daß der Analytiker in Ausbildung nicht erfährt, daß sie schon lange nicht mehr in dieser Form Gültigkeit haben, sondern revidiert und durch neue Erkenntnisse relativiert, ja, manche sogar bestritten werden, mag entschuldbar sein, weil die Dozenten, meist überlastete Praktiker, die sich in späten Abendstunden dieser Aufgabe widmen, keine Zeit haben, die Theoriekritik auf internationaler Ebene zu rezipieren. Ich will auf dieses Problem nicht weiter eingehen, möchte aber abschließend Sandler dazu zitieren: »Es gibt immer noch psychoanalytische Ausbildungsinstitute, an denen den Ausbildungskandidaten beträchtlich viel Metapsychologie als Selbstzweck statt als ein Aspekt der Ideengeschichte der Psychoanalyse beigebracht wird. Wieviel Zeit wollen wir noch darauf verwenden, unseren Ausbildungskandidaten die Schicksale der Besetzungen und die Akrobatik der Energieumwandlungen zu erklären, als ob diese Dinge direkte Bedeutung für ihre klinische Arbeit hätten?« (1983, S. 582). Eine Frage muß ich jedoch hier noch stellen. Warum gibt es in der IPV keine Ganztagsausbildungsinstitute? In der BRD haben wir für die Lehre, Forschung und Praxis der Psychoanalyse viel erreicht (Lehrstühle, staatliche Forschungsinstitute, Richtlinienpsychotherapie), warum haben wir sie zu einer Zeit, als der Wind uns noch in den Rücken blies, nicht gefordert? Das sei eine Utopie, antwortet man. Utopie sei auch, die Laienanalyse wieder zu fordern. — Aber begann die Psychoanalyse nicht auch als Utopie?

Hierhin gehört auch das Schisma zwischen Ausbildungszielen der Institute und der Realität der Praxis. Ausgebildet wird für ein einziges Verfahren, die klassische Langzeitanalyse. Die Kassenpraxis aber, an der 95 % unserer niedergelassenen Kollegen teilnehmen, verlangt ganz andere Erfahrungen: so in der Kurztherapie, Krisenintervention, psychoanalytischen Psychotherapie und Gruppentherapie. Man könnte argumentieren, daß der, der das klassische Verfahren beherrscht, dadurch auch befähigt sei, mit den anderen arbeiten zu können. Ich würde dieses Argument nur für die Pionierzeit gelten lassen und fordern, daß Ausbildung mit dem korrespondieren muß, was im Beruf gefordert wird. Ich sehe vor allem eine Gefahr darin, daß der neu in die Praxis Eintretende seine Kenntnisse selber erwerben muß. Wie leicht kommt es dabei zu ungenügender Praxis. Viele suchen sich die fehlenden Erfahrungen anderswo. Wären aber nicht wir am besten geeignet, sie ihnen zu vermitteln? Wünschen wir doch, daß der Kollege bei der Anwendung der genannten Verfahren nicht rein pragmatisch vorgehen möge, sondern bemüht sei, sie methodisch und systematisch aus der klassischen Theorie und Praxis abzuleiten und damit zu begründen.

Ein weiterer Widerspruch im Ausbildungssystem ist folgender: Im Kolloquium soll geprüft werden, ob der Analytiker in Ausbildung die Theorie der Psychoanalyse erlernt hat und sie therapeutisch korrekt anwenden kann. Wir gehen dabei von der Vorstellung aus, daß wir noch das von Freud konzipierte »gemeinsame Dach«, d.h. einen Konsensus über das besitzen, was richtige psychoanalytische Theorie und korrekte psychoanalytische Technik sei. Das ist aber seit Jahrzehnten schon nicht mehr der Fall. Alles ist so sehr im Fluß, wird so radikal hinterfragt, daß Anna Freud bereits 1972 anklagend von einem »anarchischen Zustand« sprach. Wie ist in dieser Situation ein Kolloquium möglich? Wer entscheidet hier, wann korrekte Theorie, wann anarchische Abweichung von ihr vorliegt? Das Kolloquium geht so vor, daß es entweder tradierte Kriterien zur Beurteilung benutzt oder neuere Schulrichtungen als offizielle Lehrmeinungen voraussetzt. Der Ausgang der Prüfung hängt jetzt nicht mehr von der Qualität des Vortrages und des Prüflings ab, sondern davon, ob er das Glück hat, eine Majorität vorzufinden, die gerade seine Auffassung teilt und unterstützt. Da sich der Prüfling vor diesem Risiko zu schützen versucht, gestaltet er das Kolloquium nach dem Prinzip des Heimspieles: er lädt so viele Gleichgesinnte dazu ein, daß er der Majorität sicher sein kann. Unabhängig jetzt davon, ob er sich auf Prüfer einläßt, die von ihm die tradierte klassische Theorie und Technik erwarten, oder auf solche, die von ihm eine neuere Theorie und Technik erwarten, z. B. die Kohuts, verzichtet er darauf, seine wirkliche Meinung, seine wirkliche Arbeitsweise vorzustellen. So wird der Eintritt in die psychoanalytische Gemeinschaft bereits zu einem Anpassungs- und Unterwerfungsritual entwertet. Hier liegt einer der Gründe für den fehlenden Forschergeist in unserer Gemeinschaft. Der Analytiker in Ausbildung wird nicht ermutigt, seine wirkliche Arbeitsweise vorzutragen und sie in einer öffentlichen Disputation zu verteidigen.

Eine andere Ungereimtheit, die Verwirrung stiftet und Unredlichkeit offenbart, ist folgende: die Prüfungsbedingungen verlangen, daß der Analytiker in Ausbildung im Kolloquium eine klassische Neurose, die er mit 4 Stunden behandelt hat, vorträgt. Obgleich wir alle wissen, daß diese Forderung sich nicht mehr mit der Realität der Praxis deckt — es gibt eine umfangreiche Literatur, die nachweist, daß wir in unseren Praxen immer seltener klassische Neurosen, dafür um so mehr schwere Charakterneurosen, Borderline-Störungen etc. sehen —, wird sie beibehalten. Der Analytiker in Ausbildung muß jetzt entweder warten, bis er einen entsprechenden Fall gefunden hat, oder — wenn ihm dies nicht in der gegebenen Zeit gelingt — etwas Verbotenes tun. Da die Wahrheit sein Kolloquium gefährden könnte, ist er gezwungen, Variationen und Modifikationen, die der Fall erfordert hatte, zu verschweigen. — Ideale, die man nicht halten kann, gefährden die Wahrheit.

In diesen Teil meines Textes gehört die Feststellung, daß wir in unserer psychoanalytischen Institution mit Illusionen leben, die unsere kritischen Funktionen schwächen. Eine davon wiegt uns in dem Glauben, wir seien noch eine wirkliche Gemeinschaft, ja sogar eine große Familie. In Wirklichkeit zerfallen wir in unterschiedliche Gruppen mit unterschiedlichen Identifikationen. So in Praktiker, Analytiker, die ausbilden und Analytiker, die forschen. So in Analytiker mit betont sozialkritischen Zielvorstellungen und solchen, die darin einen Mißbrauch der Psychoanalyse sehen, so in eine Gruppe, die in der Teilnahme an der psychotherapeutischen Kassenpraxis entfremdende Einflüsse sieht, die schließlich die reine Psychoanalyse als Theorie der Technik verfälschen würden, und in eine entgegengesetzte, die die Teilnahme der Psychoanalytiker an der psychotherapeutischen Versorgung der Bevölkerung positiv beurteilt. Mit diesem Problem eng verbunden ist die Tatsache, daß der Analytiker in Ausbildung die psychoanalytische Theorie nicht im neutralen Feld erlernt. Was er erlernt, was er internalisiert, ist stets eng mit seiner Beziehung zur Theorie verbunden — und das heißt, mit emotionalen Beziehungen zu den Lehrenden, also mit Übertragung und positiven wie negativen Identifikationen. Wir denken nicht genug darüber nach, wie wir dieses unserer Ausbildung immanente Problem lösen können. Würden wir das tun, würden wir, so glaube ich, auf einen anderen Widerspruch stoßen, den zwischen dem Ziel der Lehranalyse und unserem Ausbildungssystem: dort streben wir die Auflösung der ödipalen wie präödipalen Kind-Eltern-Beziehung an, hier halten wir den Analytiker in Ausbildung mit Initiationsriten und Kontrollmechanismen darin fest. Den Beweis für diese These erbringen die Abfalls- und Abspaltungsbewegungen wie die lebenslangen liebevollen und/oder feindseligen Bindungen von Lehranalysanden an ihre Lehrer, die nichts anderes sind als der Ausdruck unaufgelöster ödipaler/präödipaler Übertragungen.

Ein großes und folgenschweres Problem, das wir lösen müßten, ist unser Beurteilungssystem des Kollegen in Ausbildung. Allzu schnell beurteilen wir Schwierigkeiten im Studiengang psychoanalytisch, führen sie auf ungelöste innerpsychische Probleme zurück. Die Reaktion des örtlichen Ausbildungsausschusses ist dann häufig »zurück auf die Couch«. Die Analyse gerät dabei in die Nähe eines Erziehungsmittels. Der Lehranalytiker des betreffenden Analysanden fühlt sich — berechtigt oder nicht berechtigt — durch einen solchen Beschluß desavouiert. Aus dieser unglücklichen Vermischung von Lehranalyse und Ausbildung kommen wir nie heraus, solange wir die Gleichzeitigkeit beider beibehalten.

Was ich bis jetzt ausgeführt habe, ist eigentlich ein Sammelreferat, unkonventionell in der Form, um Zeilen zu sparen. Es faßt die Kritiken all derer zusammen, die seit Freuds Tod den Zustand der institutionalisierten Psychoanalyse beklagen. Als ich das Material zusammenstellte, erfaßte mich eine bittere Resignation angesichts der Tatache, daß die beklagten Zustände im wesentlichen unverändert fortbestehen. Die Reform an Haupt und Gliedern ist ausgeblieben. Balints Forderung nach dem »semper reformari debet« verkommt in Pseudoreformen, mit denen die Verwalter der Psychoanalyse den status quo erhalten. Hinter bürokratischen Aktivitäten verbergen sich Konservatismus und Dogmatisierung, die eine progrediente Verkrustung und Erstarrung fördern (vgl. Richter, 1986). Ich wähle das Lehranalytikerpapier der Altenberger Kommission zur Demonstration des Gesagten. In der Fußnote auf Seite 3 heißt es, daß Lehranalytiker, die »Anzeichen bedeutsamer Abweichungen von der psychoanalytischen Theorie und Praxis« zeigen, dies selber melden müssen oder von anderer Seite gemeldet werden sollen, damit sie von ihrer Tätigkeit entbunden werden. Es ist bemerkenswert, daß dieser Passus für die gesamte IPV verbindlich sein soll. Das heißt, daß die Elite der Analytiker eliminiert wird, wenn sie das tut, was ihre Aufgabe ist, wissenschaftlich mit der Psychoanalyse umzugehen und weiterführende Forschung zu betreiben. Wie aber ist Forschung möglich, wenn keine Abweichungen erlaubt sind?

III

Zum Schluß möchte ich einige Überlegungen darüber anstellen, was wir zur Lösung der Probleme tun können. Ich bin mir bewußt, daß es nur Anregungen sein können. Um wirklich voranzukommen, bedarf es der Anstrengungen aller.

Unerläßlich scheint mir, zukünftig die psychoanalytische Theorie auf die institutionalisierte Psychoanalyse anzuwenden. Nur so kann das gesellschaftliche Unbewußte, das wir unserer Vereinigung gegenüber haben, aufgehellt werden. Dafür drei Beispiele:

  1. Beispiel: Niemand hat bis jetzt bemerkt, daß wir eine naive phallische Herrschaftsstruktur mit eindeutiger Dominanz der Männer über die Frauen haben. Die Spitzen der nationalen wie internationalen Institution sind überwiegend mit Männern besetzt. Nur einmal in der Geschichte der Psychoanalyse war eine Frau — Phyllis Greenacre, 1965, und das nur für kurze Zeit — Präsidentin der IPV; in den 39 nationalen und lokalen psychoanalytischen Fachverbänden, die im Roster aufgeführt sind, werden nur 5 von Frauen geführt; 1986 wird keines der DPV-Lehr- und

Ausbildungsinstitute von einer Frau geleitet. Während das Mann-Frau-Verhältnis bei den zur Ausbildung Zugelassenen bei etwa 50 zu 50 liegt, verschiebt es sich in der Klasse der ordentlichen Mitglieder bereits stark zugunsten der Männer, um in der Klasse der Lehranalytiker ein drastisches Übergewicht der Männer zu demonstrieren. Wie unbewußt dieser Vorgang ist, sehen wir daran, daß selbst unsere weiblichen Mitglieder diese stille Unterdrückung nicht beklagt haben. Wir haben also in der

psychoanalytischen Vereinigung weniger gesellschaftliches Bewußtsein, als es in der allgemeinen Gesellschaft heute bereits besteht.6[vii] An diesem Phänomen wird deutlich, daß der emanzipatorisch-aufklärerische Geist, den Freud diesem Jahrhundert vermittelt hat, in der institutionalisierten Psychoanalyse nicht mehr weht. Was für die Frauen in unserer Gemeinschaft gilt, gilt auch für die Analytiker in Ausbildung, die wir weiterhin wie Novizen behandeln. In den Entscheidungsgremien steht der Kandidatenvertretereiner Majorität gegenüber, gegen deren Beschlüsse er sich auf Grund der Satzung nie durchsetzen kann. Hier ein Beispiel für die Einstellung der institutionalisierten Psychoanalyse zu den Kandidaten:

Die 9. Arbeitstagung der Mitteleuropäischen Psychoanalytischen

Vereinigung deutscher Sprache, die für den 7. bis 12. April 1974 angesetzt war, fand nicht statt, weil unter anderem — und das war für viele Analytiker das entscheidende Argument — die einladende und die Tagung ausrichtende Schweizer Gesellschaft für Psychoanalyse (SGP) in ein Panel neben vier Mitgliedern der IPV auch zwei Analytiker in Ausbildung (so die Bezeichnung der einladenden Schweizer) aufgenommen hatte. (Die DPV machte den Präsidenten darauf aufmerksam, daß man diese Personen in der DPV »Ausbildungskandidaten« nenne.) Die Einwände gegen das Stattfinden der Tagung waren: 1. Es sei allgemeiner Brauch der IPV, auf ihren Kongressen nur Mitglieder als Vortragende und Panelteilnehmer zuzulassen; 2. die Ablehnung habe mit der Frage zu tun, wie weit Ausbildungskandidaten mit der Psychoanalyse im Sinne der IPV identifiziert seien. »Da wir diese Tagung vor allem für >Psychoanalytiker in spe< abhalten, lege ich größten Wert darauf, daß ausschließlich Mitglieder der IPV auftreten« (Brief von Loch an Meerwein, Präsident der SGP). Meerwein stellte dagegen fest, daß er weder in der Tradition noch in den Statuten der IPV irgendeinen Passus gefunden habe, der rechtfertigen könne, ein solches Vorhaben als eine »äußerst ernste Angelegenheit« zu betrachten. Er würde es im Gegenteil als eine »ernste Angelegenheit« betrachten, wenn der Wissenschaftsbetrieb in dieser Weise beeinträchtigt würde. Es schiene ihm im übrigen widersinnig, Leute, für die die Tagung organisiert sei, daran zu hindern, an der Tagung zu sprechen. Dies vor allem, wenn sie etwas zu sagen hätten, was für beide Analytiker in Ausbildung zuträfe (Interlakener Lehrstück, 1975, unveröffentlicht).

  1. Beispiel: Was wir lange nicht bemerkt haben, ist, daß wir in der General- und Mitgliederversammlung gar nicht frei wählen können, daß wir nur ein Schein-Souverän sind. Wir können nämlich die Personen für die wichtigste Schlüsselposition, den zentralen Ausbildungsausschuß, nur aus einer Gruppe von Personen wählen, die uns vorgeschrieben sind, Personen, auf deren Nominierung wir keinen Einfluß haben. Ich meine die Lehranalytiker, die in den örtlichen Instituten exklusiv nur von Lehranalytikern gewählt werden dürfen. Übertragen in das politische Leben der Bundesrepublik hieße das, daß der Bürger seine Vertreter nur aus einer Gruppe wählen könne, die ihm ex officio vorgeschrieben sind. Der Vergleich macht deutlich, welche politische Struktur wir in der DPV de facto haben und wie wenig wir uns dessen bewußt sind.
  2. Beispiel: Als letztes Beispiel führe ich unsere Beziehung zur Psychoanalyse als Wissenschaft an. Stillschweigend tun wir so, als ob wir über die »von Freud begründete Wissenschaft der Psychoanalyse« noch einen Konsensus hätten. Und im Sinne dieses illusionären Konsensus haben wir die Ausbildung organisiert. De facto verwalten wir in vielen Instituten etwas als Freudsche Psychoanalyse, was als solche nicht mehr definiert werden kann. In der internationalen wissenschaftlichen Theoriediskussion ist alles im Fluß. Schon 1976 äußern sich Thomä und Mitarbeiter zum Konsensusproblem wie folgt: Es bestehe eine grundlegende Übereinstimmung unter den Psychoanalytikern über die methodischen und theoretischen Paradigmata Freuds, die sich bei näherem Hinsehen

 

als Illusion, als schöne Täuschung, erweise. Das genaue Hinsehen zeige, daß man nicht dasselbe meine. In Diskussionen auf der praktisch-klinischen Ebene höre man immer wieder: »Ja, aber könnte es nicht auch so oder anders sein . . . «. Die Autoren bedauern die fehlende Konsensus-Diskussion und zitieren Wallerstein und Sampson, die das Konsensusproblem

für die »wahrscheinlich schwierigste Kernfrage halten, um die

in der klinischen Forschung unter dem Gesichtspunkt der Begriffsbildung wie unter dem der Behandlungstechnik gerungen wird, und die in der empirisch wie in der theoretisch ausgerichteten Literatur zur klinischen Forschung unterrepräsentiert ist« (1971, S. 33). Für die Autoren ist die Voraussetzung wissenschaftlicher Objektivität die konsensuelle Validierung von Begriffen: eine wissenschaftliche Gesellschaft ist dadurch gekennzeichnet, daß sie um die intersubjektive Verständigung bis zur bestmöglichen Konsensusbildung in der Experimentier- und Interpretationsgemeinschaft der Wissenschaft kämpft (vgl. Thomä et al., 1976, S. 980 ff.).

Ich sage nichts gegen bewahrende, konservative Kräfte. Ich beklage die fehlende Rezeption des wissenschaftlichen Fortschrittes und die dadurch verunmöglichte Dialektik zwischen Bewahren und Verändern. Anstelle dieser Dialektik sehe ich doktrinäre Erstarrung auf der einen und anarchischen

Leichtsinn auf der anderen Seite. Hier hält man fest, was lange

schon falsifiziert ist, dort wirft man weg, was noch lange nicht falsifiziert ist.

Auf Grund dieser und mancher anderen Faktoren ist unser Verhältnis zur psychoanalytischen Wissenschaft so tief gestört, daß wir die Störung nicht einmal bemerken. Das kann ich an der Reaktion unserer Mitglieder auf das Lehranalytikerpapier demonstrieren. Wenn es darin heißt, daß die Lehranalytiker, definitionsgemäß jene Personen mit der höchsten

Qualifikation als Lehrer, Therapeut und Forscher, ihres Amtes enthoben werden können, wenn bei ihnen »bedeutsame Abweichungen von der psychoanalytischen Theorie und Praxis« festgestellt werden, so hätte dieser Passus eine heftige Opposition auslösen müssen. Das Papier hat intensive Reaktionen ausgelöst — aber dieser Punkt ist von vielen Kritikern nicht einmal bemerkt worden. Daß hier der Wissenschaft der Garaus gemacht wird, ist unbestreitbar.

Wo es Abweichungen gibt, gibt es Personen, die die richtige Lehre kennen, gibt es Schriften, in denen sie festgelegt ist. Hier werden der Forschung Grenzen gesetzt, die sie als freie Wissenschaft aufheben. Dieser

assus besagt, daß Forschung nur bis an den Punkt erlaubt ist, wo Abweichungen auftreten. Ganz und gar verstößt der Passus auch insofern gegen den Status einer freien Wissenschaft, weil da, wo von Abweichungen gesprochen wird, eine Lehre vorausgesetzt wird, deren Grenzen derart definiert sind, daß man weiß, wo die Häresie beginnt. — Das ist Glaubenslehre und hat mit Wissenschaft nichts mehr zu tun.

Was hier auffallen muß, ist der Zeitpunkt, an dem dieser Passus formuliert wird, weil er den Anachronismus, das Unzeitgemäße, freilegt. Es ist nämlich der Moment, wo die psychoanalytische Wissenschaft in der stärksten Entwicklung auf dem Wege zu einer »Normalwissenschaft« ist. Sie revidiert und überprüft, was Freud die »Grundpfeiler« seiner Lehre nannte, hebt Widersprüche auf, präzisiert unscharfe Begriffe, schreckt auch nicht davor zurück »spekulativen Überbau« (Freud, 1925 d, S. 58) abzutragen, sich von empirisch nicht haltbaren Hypothesen zu trennen und auf Grund neuer klinischer Befunde sogar geheiligte Paradigmata zu opfern. Im Gefolge dieses Prozesses haben Begriffe wie das Unbewußte, das psychogenetische Prinzip der Entwicklung, die sexuelle Anlage, die Libidotheorie, der Ödipuskomplex ihre allgemeine Verbindlichkeit verloren. Wir sind also nicht einmal mehr eine naive Konsensusgemeinschaft! Keine Formulierung macht den Abstand der Theorieentwicklung zu Freuds Definition der Theorie jedoch so deutlich wie das Schlußkommunique des Londoner Panels von 1975, mit dem Titel: »Die sich verändernden Erwartungen von Patienten und Analytikern heute«. Da heißt es — von niemandem widersprochen —: Der Analytiker wolle nichts mehr wollen — nicht mehr Konflikte lösen, Unbewußtes aufschlüsseln, verborgene Affekte wiederfinden, Widerstände bekämpfen, psychosexuelle und Ich-Entwicklungen bis zu dem Punkte führen, den Freud in dem Satz faßte: »Wo Es war, soll Ich werden.« Der Analytiker sei nurmehr der, der dem Patienten die Möglichkeit gäbe: »To get along together« (Panel, 1976). Wollen wir diese ganze Entwicklung leugnen, uns zum defensor fidei machen und mit Anna Freud von »Anarchie« sprechen? Wenn wir das tun, werden wir folgerichtig die Verfolgermentalität fortsetzen, die seit dem Nürnberger Kongreß 1910 die Psychoanalytische Bewegung kennzeichnet (vgl. Cremerius, 1986). Wollen wir das wirklich, wollen wir Denunziation und Inquisition die Türen öffnen? ( Diese Türen sind bereits seit langer Zeit offen, und Denunziation und Inquisition durch psychoanalytische und psychotherapeutische machtakkumuliernde Rackets[viii] (Communities, Vereine, Verbände, Institutionen, Psychotherapeutenkammern, etc.) ohne jeglichen Widerstand, ohne jegliche Reflektion im zunehmende neuen Totalitarismus, im wachsendem Neo- Faschismus von Links, in vollem Gange. Anm.JSB)

Es scheint so, daß wir mit der psychoanalytischen Institution so umgehen wie jene Analytiker mit der Psychoanalyse, von denen Freud sagte, daß sie lernen, »Abwehrmechanismen anzuwenden, die ihnen gestatten, Folgerungen und Forderungen der Analyse von der eigenen Person abzulenken, wahrscheinlich indem sie sie gegen andere richten, so daß sie selbst bleiben, wie sie sind [. ..j« (1937 c, S. 95).

 

Meine Lösungsvorschläge zielen auf zwei Punkte. Erstens darauf, die psychoanalytische Ausbildung konsequent psychoanalytisch zu organisieren, und zweitens darauf, die Psychoanalyse als Wissenschaft zu fördern. Ich beginne mit dem ersten Punkt. Ich würde meinen, daß unser »geschlossenes Ausbildungssystem« die Ursache der meisten der beklagten Mißstände ist. Das »offene System«, wie es in der Kanadischen, Französischen und Schweizer Psychoanalytischen Gesellschaft praktiziert wird, hat demgegenüber den großen Vorteil, daß es sich in hohem Maße mit unseren psychoanalytischen Prinzipien deckt. Zunächst eine Definition des offenen Systems: Hier ist es Sache des Kandidaten, sich psychoanalytische Erfahrungen und Geschicklichkeiten durch eine persönliche Analyse, durch Supervisionen und durch die Teilnahme an Vorlesungen und Seminaren zu erwerben. Es liegt in seiner Verantwortung zu beweisen, daß er ein Analytiker geworden ist. Diesen Beweis erbringt er in einer Falldarstellung vor einem Gremium, vor dem er seine Thesen vertreten muß. Die Institution übernimmt keine Verantwortung für seine Ausbildung (A. Sandler, 1982). Die größere Übereinstimmung mit dem Geist der Psychoanalyse sehe ich in folgendem:

  1. Im Wegfall eines Zulassungsverfahrens, das sich nicht mit der Achtung vor dem Menschen verträgt, einem unserer hohen Ideale. Es verträgt sich ferner nicht mit einem anderen hohen Ideal, nämlich dem, daß die Psychoanalyse auf Wahrheit beruhe (»Und endlich ist nicht zu vergessen, daß die analytische Beziehung auf Wahrheitsliebe, d. h. auf die Anerkennung der Realität gegründet ist und jeden Schein und Trug ausschließt« [Freud, 1937 c, S. 94]). Mit Suche nach Wahrheit hat unser Zulassungsverfahren wirklich wenig zu tun. Der Wegfall des Initiationsrituals vermittelt dem Bewerber, daß es seine Entscheidung ist, die er fällt, die Entscheidung zur Sache der Psychoanalyse. Im geschlossenen System ist die Entscheidung oft nur noch die Entscheidung dazu, eine Art Facharztausbildung zu beginnen. Im offenen System heißt die Implizitdeklaration : Du bist ein erwachsener Mensch, und als solchen behandeln wir dich. Man beginnt also nicht mit der Wiederholung der Ödipussituation, sondern bietet einen Raum jenseits derselben an. Ein Nebeneffekt wäre, daß vermehrt Persönlichkeiten zu uns kämen, die aktiv, initiativereich und wagemutig wären, — auch respektloser, wie Balint (1947) sich unsere Kollegen in Ausbildung gewünscht hatte.
  2. Dem Geiste der Psychoanalyse entspricht natürlich die persönliche Analyse weit mehr als die Lehranalyse als Teil der institutionalisierten Ausbildung. In ihr kann die Frage der Berufswahl weit realitätsgerechter diskutiert werden, als in der Lehranalyse, die ja bereits Teil der offiziellen Ausbildung ist. Der Abbruch dort bedeutet, versagt zu haben, abgelehnt worden zu sein, bedeutet auch den Verlust von Investitionen an Zeit und Geld für ein angestrebtes Berufsziel. Hier bedeutet der Verzicht auf die Berufswahl Einsichtsgewinn in eigene Grenzen.
  3. Die persönliche Analyse ist ohne Zweifel der beste Zugang zum Beruf des Analytikers.
  4. Das Erlernen der Psychoanalyse findet weitgehend außerhalb der persönlichen Analyse statt. Dadurch nimmt die Bedeutung der Vorlesungen und Übungen zu.
  5. Da das offene System den Studiengang nicht systematisiert, kann der Student seinen Weg selbständig machen. Das Prinzip der Eigenverantwortung und Eigeninitiative, das am Anfang steht, wird weiterhin gefördert. — Es hat ferner den Vorteil, daß er den Bewerberansturm, über den die DPV klagt, eindämmt.

Überall in der IPV wird über die mittelmäßigen, an Wissenschaft uninteressierten, nur auf die Praxisausübung hin orientierten Kandidaten geklagt. Niemand zieht daraus den Schluß, daß das am Selektionsverfahren liegen könnte. Hier, im offenen System, selektiert sich gerade der Gegentyp : passiv-anlehnende Typen haben hier nur eine kleine Chance. — Die Studenten des offenen Systems nehmen stärkeren Einfluß auf das Curriculum, auf den Lehrstoff und die Organisation der Institution. Sie sind natürlich auch schwieriger. Sie verlangen nach Mitspracherecht, nach offengelegten Kriterien der Beurteilung und nach einer Instanz zu ihrem Schutze, einer Beschwerde- und Schiedsrichtsinstanz.

Abschließend läßt sich sagen, daß das offene System mehr einer aufgelösten Ödipussituation entspricht.

Das offene System vermeidet ferner das Zweiklassensystem von Lehranalytikern und Nichtlehranalytikern, indem es keinen Lehranalytikerstatus, sondern nur die Funktion des Lehranalytikers kennt. Damit entfallen Rivalität, Mißgunst und Feindseligkeiten, die im geschlossenen System folgerichtig entstehen müssen, wie überall, wo Eliten nicht durch Kompetenz, sondern durch bürokratische Verwaltungsakte, durch Politik, zustande kommen.

Ich komme jetzt zum zweiten Lösungsvorschlag. Ich meine, wenn wir versuchen würden, aus dem Berufsschul- und Facharztausbildungssystem auszusteigen und uns mehr wie Universitäten zu organisieren —nicht wie sie sind, sondern wie sie gedacht sind —, dann müßte sich das Klima in der Institution verändern. Um dahin zu kommen, müßten wir zwei Vorleistungen erbringen. Die erste wäre die Einsicht in die Tatsache, daß die Psychoanalyse niemandem gehört — auch nicht der IPV.

Als Wissenschaft vom Menschen darf sie nicht monopolisiert werden. Wie jede andere epochale, revolutionäre Entdeckung gehört sie allen Menschen und muß soviel Zutrauen zum Wert ihrer Erkenntnisse haben, daß sie angstfrei in den Diskurs mit anderen Wissenschaften eintritt.7[ix] Die zweite Vorleistung wäre ein Bekenntnis zum wissenschaftlichen Umgang mit der Psychoanalyse. Wenn wir in unserer Satzung von der »Pflege und Weiterentwicklung der von Freud begründeten Wissenschaft

der Psychoanalyse« sprechen, so müßten wir deutlich machen,

daß damit keine dogmatische Festlegung gemeint ist. Wir müßten erklären, daß wir als Institution einen Raum schaffen wollen, in dem Psychoanalyse in ihrer Konflikthaftigkeit und Widersprüchlichkeit vermittelt und erfahren werden kann, daß die Institution nicht dazu da ist, die Psychoanalyse zu verwalten, sondern dazu, den nie abschließbaren Prozeß zu fördern, der Wissen stets aufs Neue erzeugt (vgl. die Absichtserklärung

des Psychoanalytischen Seminars Zürich vom 12. 2. 1982). D. h.,

wir müßten nicht, wie es das Lehranalytiker-Papier tut, Abweichungen mit Strafe bedrohen, sondern im Gegenteil erklären, daß wir Forschung ohne Angst vor Veränderung begrüßen.

Ich muß mich entschließen, dem unendlichen Thema die reale Endlichkeit eines Zeitschriftenbeitrages entgegenzustellen. Was wünsche ich uns, was brauchen wir in dieser Situation, wo alles in Fluß geraten ist und radikale Veränderungen sogar die Essentials betreffen? Ich wünsche uns die Besonnenheit jenes Satzes von Paul Valéry: »Was nicht festgehalten wird, ist nichts, was festgehalten wird, ist tot.«

 

Für eine psychoanalyse-gerechte Ausbildung! 1095

Summary

»I/ we psychoanalysts wish to organize psychoanalytic training, we must organize it psychoanalytically!« — If psychoanalytic training is to be reorganized psychoanalytically, then individual responsibility of teachers and learners must take the place of regimentation and freedom of research and doctrine must replace the guild mentality.

BIBLIOGRAPHIE

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Beland, H. (1981): Was ist und wozu entsteht psychoanalytische Identität? (Unveröffentlichtes Manuskript eines Vortrages auf der DPV-Tagung im Mai 1981).

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— (1972): Schwierigkeiten der Psychoanalyse in Vergangenheit und Gegenwart. Frankfurt (Fischer).

 

[1] Deutsche Neo-Faschisten von Links

[2] German democracy has been hacked.

[3] Psychokratie – eine neue Nomenklatura in Deutschland

[4] Antisemitismus in deutscher Psychoanalyse / Anti-Semitism in German psychoanalysis (german-english)

[5] Restitution einer ‘Kritischen Theorie’ – Zur Psychoanalyse – von Helmut Dahmer

[i] * Überarbeitete Fassung eines Vortrages auf der Arbeitstagung der DPV in Essen am

  1. Mai 1987, deren Thema »Psychoanalytischer Prozeß und Institution« war.

Ich hielt diesen Vortrag als Zeugnis meiner Verbundenheit mit Klaus Kennel, dem imaginierten Gesprächspartner in der Einsamkeit des Schreibtisches. Klaus Kennel war im Bernfeldkreis der kühne Vordenker einer zukünftigen psychoanalytischen Institution. — Ich

schreibe, ihn zu ehren.

Bei der Redaktion eingegangen am 8. 7. 1987.

Psyche – Z Psychoanal 41 (12), 1987 S. 1067- 1096 http://www.psyche.de © Klett-Cotta Verlag

 

[ii] 1 Daß dabei die Interessen der Ausbildung und der Psychoanalytischen Vereinigung Vorrang vor der persönlichen Analyse des Kandidaten haben sollen, geht aus einem Brief

  1. Freuds an Paul Federn vom 11. 10. 1924 hervor: falls der Lehranalytiker in der Analyse

erfährt, daß der Kandidat einen »unheilbaren Fehler« hat, »welcher gerade seine Aufnahme in die Vereinigung unratsam erscheinen läßt, dann hat die Pflicht der Diskretion (dem Kandidaten gegenüber) gegen die Verpflichtung, die Sache (d. i. die Vereinigung) nicht zu schädigen, zurückzutreten« (E. Federn, 1972, S. 29).

[iii] 2 Wo es mir zur Verdeutlichung der Argumentation angeraten schien, habe ich einzelne

Formulierungen aus meiner Arbeit »Spurensicherung. Die ›Psychoanalytische Bewegung‹

und das Elend der psychoanalytischen Institution« (Cremerius, 1986) übernommen.

 

[iv] 3 Auch Anna Freud betrachtet diese »normalen Bewerber« mit Skepsis und weist darauf

hin, wie bedeutsam gerade die schwierigen, unkonventionellen Analytiker der frühen Zeit

— »Sonderlinge, Träumer, Sensitive, die das neurotische Elend an der eigenen Person erfahren hatten« — (keiner von ihnen, stellt sie fest, würde heute zur Ausbildung zugelassen werden) für die Psychoanalyse waren: »Was sie in der Literatur hinterlassen haben, zeugt von ihrer Eignung zur psychoanalytischen Arbeit« (1972, S. 21).

 

[v] 4 Dies gilt insbesondere für das von manchen praktizierte Streßinterview, bei dem der Interviewer versucht, durch Erschütterung der Ich-Funktionen den Bewerber zur Preisgabe

seiner Abwehr zu zwingen.

 

[vi] 5 Da das Zulassungsverfahren derart problematisch und uneffektiv ist, sollten wir es durch ein einmaliges Erstgespräch ersetzen, in dem ein erfahrener Psychoanalytiker prüft, ob entweder der Bewerber an einer manifesten schweren seelischen Störung (Psychose) leidet oder ob seine Motivation nicht stimmig ist. Im einen Falle würde so die Vereinigung vor ungeeigneten Personen, im anderen Falle der Bewerber vor einer falschen Berufswahl geschützt.

 

[vii] 6 Karl Marx: »Der gesellschaftliche Fortschritt läßt sich am gesellschaftlichen Fortschritt des schönen Geschlechts messen«.

 

 

[viii] 8 Der Begriff entstammt einem theoretischen Kontext, dessen Grundlage die in den 1940er Jahren in der US-amerikanischen Emigration vorgelegten Theorieentwürfe von Friedrich Pollock und Max Horkheimer bildeten. Anknüpfend an Pollocks – bereits in der damaligen Emigrantengruppe des Instituts für Sozialforschung – umstrittene Diagnose des Faschismus als eines autoritären Staatskapitalismus mit dem Merkmal der Kommando-Wirtschaft, in der sich „die Wirtschaftsmagnaten mit den mächtigsten Militärs sowie den Kadern aus Politik und Bürokratie zu einer Clique verbündet, die den Rest der Gesellschaft in Schach hält“,[4] formulierte Horkheimer seine „Soziologie des Rackets“.[5] Racket, ein Begriff aus der organisierten Kriminalität, verstand Horkheimer, Christoph Türcke und Gerhard Bolte zufolge, als „verschworene Clique, welche alle ausschließt, die sich nicht bedingungslos ihrem Willen unterwerfen“ und „der strengen Hierarchie von Führer und Gefolgschaft“ gehorchen.[6] Rackets werden auch als Machtgruppen und Monopole in einer anarchischen Konkurrenz um die Macht verstanden.

https://de.wikipedia.org/wiki/Verwaltete_Welt

 

Adorno übernahm davon die These, dass die ökonomischen Bewegungsgesetze der „liberalen Episode“ angehörten und durch die Rackets außer Kraft gesetzt wurden. Schließlich zog er daraus die Schlussfolgerung einer Verselbständigung der Verwaltung – „Primat der Administration“, heißt es in der Ästhetischen Theorie[7] – gegenüber Gesellschaft und Ökonomie.

[ix] 7 »Wir müssen uns ständig der Tatsache bewußt sein, daß Freuds Werk ein Geschenk an die Menschheit war. Niemand besitzt es. Niemand wurde das Recht gegeben, es zu schützen, niemand ist dazu in der Lage und niemand ist zu seinem Nachfolger oder zu seinem Erben ernannt worden. Was Freuds Werk betrifft, ist jeder Gesichtspunkt, der auch nur vage an eine apostolische Gesinnung erinnert, der eine messianische Annäherung betont, inadäquat. Diese Haltung, Teil einer sakrosankten Gruppe zu sein oder ihr anzugehören, gehört nicht der Vergangenheit an. Sie existiert heute noch. Wir müssen wachsam sein, diese Aspekte, die oft in religiösen Sekten vorherrschen, nicht zu verstärken oder zu bewahren« (van der Leeuw, 1968; Übersetzung von mir, J. C.)

 

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Siehe auch: Worauf es ankommt

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