Single Balls: Ein paar Tipps zur Paarung für kurz vor Weihnachten.

weltwoche.ch

Single Balls

Die Weltwoche, Ausgabe 51/2015

Von Claudia Schumacher

Sie sind alleinstehend? Und das nicht nur, weil Sie sich nichts Schöneres vorstellen können? Dann tut uns das leid, vor allem jetzt. Ein paar Tipps zur Paarung für kurz vor Weihnachten.

Die Weihnachtszeit ist für Singles eine besondere Prüfung. Man kehrt zurück in das Haus der Eltern. Ohne Aufforderung fragen Verwandte und Nichtverwandte im Chor: «Noch immer nicht unter der Haube?» Es gibt schönere Erfahrungen.

Zum Beispiel, morgens neben jemandem aufzuwachen, der einen in den Arm nimmt – so ganz ungeschminkt, wie man ist. Oder abends jemanden zu haben, der einem die ­eigentümlich unstrukturiert erzählten Büroabenteuer vom Bostitch mit der verhakten Klammer («Aber dann! Mit der Schere habe ich sie rausbekommen!») oder vom heissgelaufenen Papierschredder («Keine Ahnung, was die Kanzlei für Leichen im Keller hat!») wenigstens mit halbverhohlenem Desinteresse abnimmt («Ah . . . haben wir eigentlich noch Gruyère?»). Jemanden, der stets seine Socken liegenlässt und einen zur Weissglut treibt.

O. k., das Pferd will vielleicht eher von hinten aufgezäumt werden: Sie sind Single – na und? Sie sind unabhängig, eine Speerspitze der Unverbogenheit. Sie schreiten in einer Welt der zerstrittenen Paare einsam, doch erhobenen Hauptes nach vorne, immer nach vorne. Nur, wenn da halt doch eine leise Stimme der ­Sehnsucht in Ihnen nach Zweisamkeit ruft und begonnen hat, melancholische Winterweisen zu singen, ist dieser Text hier vielleicht etwas für Sie.

Die Gratis-App — Jeder kennt mindestens jemanden, der ein Paar kennt, das sich über Tinder kennengelernt hat. Wenn Sie sich im fortpflanzungsfähigen Alter befinden, ist die Wahrscheinlichkeit nicht klein, dass Sie die ­beliebteste Paarungs-App selbst auf Ihrem Smartphone führen: Geschätzte 50 Millionen Menschen weltweit nutzen Tinder regelmässig. In der Schweiz sind es pro Tag 20 000 ­Menschen. Die meisten von ihnen sind zwischen 18 und 34 Jahre alt.

Falls Sie Tinder noch nicht kennen: Nachdem man die App heruntergeladen und sich angemeldet hat, werden einem Menschen des Geschlechts vorgeschlagen, für das man sich inter­essiert. Man kann den Such-Umkreis einstellen und damit gezielt Leute in der Umgebung finden. Von diesen bekommt man ein Bild gezeigt. Wischt man es nach rechts, ist das ein Ja. Wischt man nach links, ist das ein Nein. Wird man von einer Person, die man bejaht hat, auch bejaht, kommt die Meldung: «It’s a match!» Das heisst, zwei haben sich gefunden. Jetzt kann man ­einander schreiben. Aber ­Vorsicht.

Risiko Nummer eins: Wenn Sie eine Frau sind, werden Sie auf sehr viele Männer treffen, die nur mit Ihnen schlafen wollen und entsprechende Nachrichten schicken. Wenn ­Ihnen das zusagt: Glückwunsch! Wenn nicht, weil Sie nach einer festen Bindung suchen, ­haben Sie bei Tinder ein zweites Problem: 42 Prozent der Menschen dort sind bereits liiert, 30 Prozent sogar verheiratet. Und, auch das: Die Tinder-Paare, die man aus dem Freundeskreis kennt, sind leider selten die besten.

Denn die Zusammenführung der Menschen bei Tinder läuft über oberflächliche ­Koordinaten wie Alter und Wohnort – und über die ­Entscheidung, ob einem die Person aufgrund des Fotos und der paar Infos, die eventuell im Profil stehen, spontan zusagt. Letztlich findet man über Tinder also nicht unbedingt den Topf zu seinem Deckel, sondern nur irgendwen, der gerade um die Ecke ist. Glück kann man immer haben, keine ­Frage. Aber falls Sie den Partner fürs Leben in einem geschützteren Rahmen finden möchten, lesen Sie gerne ­weiter.

Seriöse Partnerbörsen — Die beliebtesten unter den seriösen ­Dating-Portalen sind Parship und Elitepartner. Jeder kennt jemanden, der ein Paar kennt, das sich über eine dieser Plattformen gefunden hat. Diese Paare sind selten die schlechtesten.

Zur Ausbreitung von Power-Paaren, die sich auf Partnerbörsen fanden und deren Leben sich ­anschliessend zusammenfalteten wie eine linke und eine rechte Hand zum Gebet, werden bereits sozialkritische Texte geschrieben. Wenn der Neid einsetzt, ist das die ultimative Erfolgsbescheinigung: «Das zu perfekte Paar» betitelte die NZZ am Sonntag in diesem Jahr einen Text, der sich kritisch damit auseinandersetzt, dass eine steigende Zahl an Menschen ihr Ebenbild über das Internet findet und dadurch der Pilot «mit seiner Co-Pilotin» und «der Arzt mit der Ärztin» zusammenkommt, wodurch immer weniger Stewardessen und Arzthelferinnen geheiratet werden, was der sozialen Mobilität schadet und bla, bla, bla . . .

Ja, Sie haben richtig gehört! Im Internet können Sie Ihr Ebenbild finden! Es ist okay, wenn Sie jetzt jubeln. Denn Sie sind spitze und haben jemanden verdient, der genauso spitze ist wie Sie. Also: Wählen Sie ein Dating-Portal. Parship und Elitepartner fallen beide in die Kategorie der seriösen Anbieter. Sie sind kostenpflichtig, aber marktdominierend, heisst: Hier fischen viele Fische. Das wollen Sie, denn Sie nehmen nicht jeden. Sie brauchen entsprechend Auswahl.

Bei der Anmeldung müssen Sie einen psychologischen Test machen: Tun Sie dies ehrlich. Aufgrund des Tests werden Ihnen potenzielle Partner zugeführt. Wenn Sie lügen, müssen Sie aus Gründen des Zusammenpassens die krude Hoffnung hegen, einen Menschen zu finden, der ebenfalls lügt – nur wird es dann schnell kompliziert. Authentizität siegt. Unverschämte Verschönerungsprozeduren fliegen mittelfristig auf. Wenn Sie – wie viele Männer – Ihr Gehalt nach oben mogeln, wird die Dame das irgendwann merken. Und wenn Sie – wie viele Frauen – Ihr Profilbild aus einem übertrieben vorteilhaften Winkel aufnehmen, der Sie zehn Kilo leichter aussehen lässt, wird der Mann den Schreck beim ersten Date kaum verbergen können. Damit verletzen Sie sich unnötig selbst. Lassen Sie diesen Quatsch, haben Sie aber Grund zur Hoffnung. Alle elf Minuten verliebt sich der Werbung ­zufolge ein Single über Parship.

Die reale Welt — Sie ist ein Paarungsparkett, auf dem vor allem Männer tanzen. In nichtvirtuellen Bars, in Klubs und an Eintrittswarteschlangen sprechen sie Vertreterinnen der Damenwelt an, um in der Regel zeitnah von ihnen abgewiesen zu werden. Den Mut dieser Kerle in Ehren, bedenken Sie: Die reale Welt hat ein ähnliches Problem wie Tinder. Sie funktioniert nach dem Zufallsprinzip. Viele Frauen stehen zufällig angespültem Testosteron nun einmal misstrauisch gegenüber. Nicht ganz zu Unrecht. Jeder könnte ein Axtmörder sein, wer weiss das schon. Die nichtvirtuelle Welt birgt noch mehr Probleme: Unter Alkoholeinfluss trifft man selten vernünftige Entscheidungen, womit sich die meisten Socializing-Events für langlebige Paarungsakte weniger eignen. Einigermassen gut sind Firmenfeiern: Hier treffen sich Menschen auf Augenhöhe und mit teils ähnlichen Interessen. Allerdings heisst es nicht umsonst: «Stecke deinen Füller nicht in Firmentinte!» Missglückt die Paarung unter Kollegen, belastet die miese Stimmung schnell den Arbeitsalltag.

Trotz der Vorbehalte gegen die Wildnis da draussen, ein Rat für Sie als Jäger: Nähern Sie sich Frauen nie ohne Respekt – und beobachten Sie gut! Dann fällt Ihnen vielleicht ein ­persönlicher Spruch ein, der eine Gesprächsbrücke baut. Ein Schweizer Filmkritiker sprach eine Frau in der Bar folgendermassen an: «Du siehst aus wie Julie Delpy in ‹Before Sunrise›!» Genialer Schachzug. Er schmeichelte ihr (wer sähe nicht gerne aus wie Delpy). Gleichzeitig schlug er eine Gesprächsbrücke zum eigenen Hauptinteresse, dem Film. Hätte er nur gesagt: «Du bist aber eine geile Blondine!», wären die beiden heute wahrscheinlich nicht verheiratet. – Bonne ­chance!

http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2015-51/single-bells-die-weltwoche-ausgabe-512015.html

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