Das deutschsprachige Theater ist eine Parallelgesellschaft

achgut.com

Kein Held für diese Zeit

  09.12.2015

Das deutschsprachige Theater ist eine Parallelgesellschaft, die den meisten von uns mindestens so fremd sein dürfte wie die Banlieues von Paris. Fällt einer aus der Theatergemeinde einmal einer breiteren Öffentlichkeit auf, wissen selbst aufgescheuchte Feuilletonisten nicht immer auf Anhieb Bescheid, wie sie das Werk des Betroffenen beschreiben oder gar bewerten sollen. Sie befleissigen sich dann gern eines Jargons der Verwedelung: «Wie man hört, ist das gesamte lettische Theater infiziert vom Primat der Psychologie und [Alvis] Hermanis nur ihr hervorragender Vertreter», schrieb ein Redaktor der Berliner Welt dieser Tage. Wo «man» das hört und von wem, darüber konnte der Leser nur spekulieren.

Egal, es passte zur Aussage des Autors: Laut Welt ist Hermanis, ein Lette, der seit Jahren an deutschsprachigen Bühnen inszeniert, nämlich paranoider als das Pegida-Volk, das sich auf deutschen Marktplätzen versammelt. Ein Urteil, das sich der 50-Jährige durch einen Brief an Joachim Lux zugezogen hat, den Intendanten des Hamburger Thalia-Theaters. Darin zieht Hermanis seine Produktion «Russland. Endspiele» zurück. Dies, weil sich die Theaterleute mit einem «Willkommenszentrum für Flüchtlinge» identifizierten und abweichende Meinungen nicht tolerierten.

Derzeit wohne er in dem Pariser Quartier, in dem Islamisten vor knapp vier Wochen ein Blutbad angerichtet hätten, berichtet Hermanis. Doch als Vater von sieben Kindern wolle er nicht «in einer potenziell gefährlichen Stadt» leben. «Gilt es in Deutschland immer noch als Tabu, eine Verbindung zwischen Einwanderungspolitik und Terrorismus herzustellen?», fragt der Regisseur rhetorisch. Seine Ansichten seien nicht radikaler als die der meisten Europäer: «Glauben Sie wirklich, dass 40 Millionen Polen Neonazis und Rassisten sind?»

Thalia-Chef Lux setzte der Öffentlichkeit am 4. Dezember ein Kondensat des Schreibens vor, in dem sich Hermanis zu Recht nicht wiedererkennen mochte. Dass zwar «nicht alle Flüchtlinge Terroristen» seien, «aber alle Terroristen (…) Flüchtlinge und deren Kinder», habe Hermanis geschrieben, behauptete Lux. Auf Twitter, dem Medium für die pöbelnde akademische Mittelschicht, wurde daraufhin fürchterlich Gerichtstag gehalten über den Regisseur: Dieser sei «feige» und «rassistisch», hiess es unter anderem.

Karin Bergmann, die Direktorin des Wiener Burgtheaters, meinte ihren Hausregisseur in Schutz nehmen zu müssen – und machte dadurch alles nur noch schlimmer: «Natürlich hat Alvis Hermanis als Osteuropäer eine andere Haltung als wir», sagte sie gönnerhaft. Warum das «natürlich» so sein soll, begründete Frau Bergmann allerdings nicht und suggerierte damit, der Osteuropäer an sich gehöre eben einer dumpfen, fremdenfeindlichen Masse an, selbstverständlich ganz im Gegensatz zu aufgeklärten deutschsprachigen Theaterleuten wie ihr selbst.

Dabei ist Hermanis kein Rassist, sondern einfach einer, der Angst hat. Das Leben in Paris fühle sich an wie in Israel, glaubt er: «permanente Paranoia». Dabei könnte gerade Israel ihm zeigen, dass man einer Bedrohung auch mit heroischer Gelassenheit begegnen kann. Stattdessen reagiert Hermanis genau so, wie es sich die Terroristen wünschen. Das ist schlimm, doch einen Vorwurf sollte man ihm nicht daraus machen: Mut gilt es allenfalls zu bewundern, niemals aber einzufordern.

Zuerst erschienen in der Basler Zeitung

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/alvis_herrmanis_kein_held_fuer_diese_zeit

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