Angela Merkel, Stilblütenkönigin

Manfred Gillner

 

Eines muss man der Bundesregierung lassen: Sie kann zwar nicht viel, aber dafür beherrscht sie ihr Deutsch mit einer Meisterschaft und Wortgewandtheit, die ihresgleichen sucht. Mark Twain, der gerne auf humorvoll-verzweifelte Weise mit den Schrecken der von ihm geliebten deutschen Sprache haderte, würde der Regierung höchste Achtung zollen, sie könnte jeden Blödsinn veranstalten, was sie ja auch tut, bei ihm fände sie allein wegen ihrer Sprachfertigkeit Gnade vor Recht.

Jüngst kursierte die Behauptung, die EU habe auf ihrem Gipfeltreffen mit der Türkei eine geheime Vereinbarung getroffen, wonach 500.000 syrische Flüchtlinge, die sich jetzt noch in der Türkei aufhalten, innerhalb der EU verteilt werden sollten. Verpetzt hatte dies der ungarische Bösewicht Viktor Orbán, der sich jetzt, nachdem er einen Gartenzaun um sein kleines Stück Land gezogen hat, ein diebisches Vergnügen daraus macht, seine EU-Kollegen damit aufzuziehen, dass sie nicht so ausgeschlafen sind wie er. Das mit dem Gartenzaun, so denkt sich wohl der eine oder andere Regierungschef inzwischen insgeheim, hätte mir eigentlich auch einfallen können, am besten mit einer Klingel am Eingangstor, dann könnten manche schellen, bis sie schwarz werden.

Als die Bundeskanzlerin zu dem angeblichen Geheimplan befragt wurde, sagte sie: „Alles, was dazu in Zeitungen geschrieben wurde, findet keinen Niederschlag in den Diskussionen.” Welche Eloquenz, welche Blumigkeit und Schönheit der Sprache! Bei jedem von uns hätte es doch allenfalls zu einem „Nein, das wurde nicht vereinbart“ oder ausweichend „Lasst mich doch mit euren blöden Fragen in Ruhe, ihr Hornochsen“ gereicht. Die Kanzlerin aber fand aus dem Stegreif diese wunderhübsche Formulierung: „…findet keinen Niederschlag in den Diskussionen“.

Mag sein, dass die Sache mit dem Niederschlag eine Anleihe aus den Gesprächen beim Weltklimagipfel in Paris war, eine rhetorische und diplomatische Glanzleistung bleibt der Satz dennoch.

Denn er klingt so wunderbar und doch weiß man hinterher nicht mehr als zuvor. Es könnte ja immerhin sein, dass es gar keiner Diskussion bedurfte, weil die Vereinbarung mit der Türkei vorher schon ausgehandelt oder alternativlos war, oder dass es statt einer halben Million Flüchtlinge zwei Millionen sind, die aus der Türkei in die EU verbracht werden sollen. Dann hätte die Kanzlerin nicht gelogen und trotzdem nicht die Wahrheit gesagt, ein wirklich schlauer Trick. Aber wegen solcher Fähigkeiten ist sie eben auch Kanzlerin und wir nicht. Und deshalb weiß sie, was bei dem Treffen vereinbart wurde und wir wissen es nicht, obwohl sie es uns beinahe gesagt hätte.

Der Erfinder dieser Methode, das Volk zu unterrichten, ohne es etwas wissen zu lassen, oder besser noch: den irrigen Eindruck zu erwecken, dass er so unendlich mehr wisse, es aber niemandem sagen wolle oder dürfe, ist zweifellos Frank-Walter Steinmeier, der große Houdini der Wortgirlande.

Wenn er hinabsteigt in die Tiefen seiner Schachtelsätze, immer weiter hinab und noch weiter, wie spät nachts ein durstiger alter Schlossherr mit einem Kandelaber auf einer nicht enden wollenden Wendeltreppe zu seinem Weinkeller, dann hält man unwillkürlich den Atem an. Der Außenminister ist verloren, denkt man, da findet der nie wieder raus. Jede Hoffnung auf eine glückliche Rückkehr scheint ausgeschlossen, und mit angehaltenem Atem wartet man auf das grausame Ende der ebensolchen Rede und auf die Totenstille, die dann eintreten würde.

Doch dann arbeitet Steinmeier sich plötzlich wieder nach oben, erklimmt Ebene für Ebene des Schachtelsatzes und taucht mit einem Tusch genau an der Stelle wieder auf, wo er vor fünf Minuten den Abstieg in die Tiefe begann, zum Schrecken von Marietta Slomka, die ihn auch schon verloren geglaubt hatte und inzwischen eingenickt war. Erleichtert sinkt man in den Sessel zurück und ist froh, dass das Abenteuer noch einmal so glimpflich ausgegangen ist und dass man nicht in den diplomatischen Dienst eingetreten ist, wo man mit solchen furchterregenden Satzungeheuern zu kämpfen hat. Man will gar nichts mehr weiter vom Außenminister erfahren, diese gefährliche Reise fast bis zum Mittelpunkt der Erde reicht einem.

Bei so viel Redekunst will Ursula von der Leyen, Dienstgrad „Verteidigungsministerin der letzten Reserve“, von den Soldaten aber kameradschaftlich „Flinten-Uschi“ genannt, natürlich nicht nachstehen. In einem soeben bekannt gewordenen internen Papier beklagen Kommandeure der Bundeswehr den schlimmen Zustand der Armee. Elternzeit und Teilzeit zersetzten die Wehrkraft, es fehle an Schnullern, Windeln, Munition und anderem Kriegsmaterial, und gleichzeitig würden der Bundeswehr immer neue Einsätze aufgebürdet.

Jetzt sollen 1200 Mann nach Syrien abkommandiert werden, um unter anderem mit Tornado-Aufklärungsjets die tapferen Krieger des Islamischen Staats aufzuspüren. Aber die meisten Tornados der Bundeswehr sind gar nicht einsatzfähig, und was hilft es unseren Verbündeten, wenn sich so ein Jet aufmacht und auf dem Landweg in Richtung Syrien rumpelt, weil er nicht mehr flugtauglich ist?

Bis der dort ankommt, haben die Russen den Islamisten doch längst die Hammelbeine langgezogen und ihre Flotte von Öllastern in Grund und Boden bombardiert. Außerdem fragt man sich, wo man denn die 1200 Mann hernehmen will. Man kann ja nicht einfach Soldaten aus der Elternzeit zurückbeordern, nur weil Krieg ist.

Als die „WELT“ der Verteidigungsministerin die Frage stellte, ob die Bundeswehr nicht allmählich an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gerate, antwortete sie: „Mir ist schon klar, dass, wenn die Welt weiter so hohe Anforderungen an uns stellt, wir auch im Personalkörper sicherlich die Offenheit haben müssen, auch da nachzusteuern.” Das klingt freilich eleganter als einfach nur zu sagen: „Wenn es so weitergeht mit den vielen Auslandseinsätzen, brauchen wir mehr Soldaten.“

Aber die gestelzte Sprache soll natürlich nicht nur schön klingen und den Sprecher adeln, sondern sie dient auch noch einem anderen Zweck. Die weniger Intelligenten können dann nämlich allenfalls bis zum zweiten Halbsatz folgen, und so gab es denn bisher auch kaum Protest aus einschlägigen linken Kreisen. Damit das so bleibt, beugte Chefdiplomat Steinmeier sofort vor und ließ verlauten, dass eine Aufstockung der Bundeswehr „noch kein Thema für die Bundesregierung“ sei.

Ob sich in diesem Land etwas zum Guten ändert, werden wir auch an der Sprache der Politiker erkennen. Erst wenn sie sich trauen, auf ihre geschwollenen, verschwurbelten und nach allen Seiten offenen Stellungnahmen zu verzichten und stattdessen Klartext zu reden, wenn sie dem Diskurs nicht mehr aus dem Weg gehen, sondern ihn suchen, damit das Beste für die Sache herauskommt, sind wir auf dem Weg der Besserung.

Dazu müsste man allerdings Überzeugungen haben, und überdies müsste man zu ihnen stehen, auch wenn einem der Wind ins Gesicht bläst. Einfach wird es nicht, denn nichts trifft für das grün lackierte Deutschland so zu wie dieses Zitat von Mark Twain: „Wir schätzen die Menschen, die frisch und offen ihre Meinung sagen – vorausgesetzt, sie meinen dasselbe wie wir.“

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