Führer befiehl – wir managen

Rudolf Hickel, Wolf Gunter Brügmann

Führer befiehl – wir managen

Rudolf Hickel und Wolf Gunter Brügmann untersuchten Ideologie und Praxis der Harzburger Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft
Jedes Jahr kommen rund dreißigtausend junge Angestellte, Beamte und Unternehmer nach Bad Harzburg, um sich dort auf Höheres vorbereiten zu lassen. Seit ihrer Gründung am 15. März 1956 haben über 250 000 Führungsanwärter die Akademie passiert – und es werden immer mehr: Zwischen 50 000 und 2 000 000 Mark geben westdeutsche Großbetriebe für die Schulung inzwischen schon aus.
Zu den Kunden der Akademie gehören unter anderen: AEG-Telefunken, Barmenia Versicherungen, Farbwerke Bayer, BMW, C & A, Continental, Deutsche Angestellten-Krankenkasse, ‚Grundig, Hoesch, Karstadt, Kaufhof, Mannesmann, Esso, Oetker, Opel, Phönix Rheinrohr, August Thyssen, VW. Auch die öffentliche Hand hat ein paar Finger drin: Es werden Seminare für Führungskräfte der öffentlichen Verwaltung organisiert – mit Beamten der Berliner Kriminalpolizei, der Hamburger Behörde für Wirtschaft und Verkehr und der Forstbehörden von Nordrhein-Westfalen, zum Beispiel. Die Harzburger „Wirtschaftsakademie für Lehrer“ besorgt den Rest. Und wenn sich jemand auf Führer umschulen lassen will, finanziert das Arbeitsamt die Akademie mit.
Gründer, Leiter und Chefideologe der Akademie ist der Professor Dr. Reinhard Höhn, ein Mann, der das Führungsproblem von der Pieke auf studiert hat: Schon 1934 hatte Höhn als Spezialist für „Gegner-Ermittlung“ eine Schlüsselstellung in einer der wichtigsten Terrorzentralen der Nazis, dem SD-Hauptamt in Berlin. Die Protektion von Heydrich und Himmler verhalf ihm zum Aufstieg vom einfachen SS-Mann über den SS-Standartenführer (1939) zum SS-Oberführer (etwa Rang eines Obristen).
Auf Empfehlung Himmlers wurde für Höhn ein „Institut für Staatsforschung“ eingerichtet. Außerdem war Höhn als Leiter der Zentralabteilung 11/1 im SD tätig. Im SD-Hauptamt wechselte Höhn von der „Gegnerermittlung“ zur „Lebensbereichsarbeit“ über.
Fest steht, daß Prof. Dr. phil. Franz Alfred Six, im 3. Trimester 1971 Dozent für „Marketing“ an der Harzburger Akademie, als SS-Oberführer Experte für Judenfragen war und von 1936 bis 1941 als Chef der „Gegnerbekämpfung“ im SD-Hauptamt fungierte. 1948 wurde er wegen Kriegsverbrechen zu 20 Jahren Freiheitsentzug verurteilt.
Fest steht auch, daß der derzeitige Pressechef der Harzburger Akademie, Dr. Roger Diener, der in der NS-Zeitschrift „Deutschen Reich“ die Parolen „Was der Führer spricht, ist Recht“ und Höhns Satz: „Unsichtbar steht hinter jedem Richterstuhl der Führer“ rechtfertigte, damals am Berliner „Institut für Staatsforschung“ unter Höhn beschäftigt war.
Wenige Tage nach der Ermordung Röhms haben Höhn und Diener in der Zeitschrift „Das Recht -Zentralorgan des Bundes nationalsozialistischer Juristen“ erklärt: „Faschistische Führung kennt keine Individuen, soziale Gruppen und Klassen mehr, es kennt nur die
Volksgemeinschaft.“ Und diese Gemeinschaft wollte Höhn so herstellen: Die „Praxis neuen Gemeinschaftslebens . . . rührt von dem großen Erleben des Krieges her und setzt sich fort im Arbeitsdienst, der SA, SS und anderen Gemeinschaftsbindungen, die wir in unserer Zeit stehen sehen.“ Durch Fettdruck die Bedeutsamkeit der Aussage unterstreichend, fuhr Höhn fort: „Die neue, auf Gemeinschaftsboden fußende Welt stürmte mit ihren Begriffen Gemeinschaft, Führer, Volk, Rasse gegen eine Welt an, die auf einem anderen Boden stand.“ Und weiter: „In einem SA-Sturm gibt es kein Problem der Rechtssicherheit des Einzelindividuums gegenüber dem Sturm. Jeder ist Glied dieser Gemeinschaft und als solcher Träger von Gemeinschaftsgeist.“
Zusammen mit dem SS-Obersturmführer Helmut Seydel verfaßte er eine „Festgabe“ an Heinrich Himmler, die diesem an seinem 40. Geburtstag am „5. Jahrestag der Übernahme der deutschen Polizei am 17. 1. 1941 überreicht“ wurde und den Titel trug: „Der Kampf um die Wiedergewinnung des deutschen Ostens, Erfahrungen der preußischen Ostsiedlung 1886 bis 1914.“
Zitat: „Die westlichen Ideen des liberalen Kapitalismus, der Überbewertung der Wirtschaft und des Finanzkapitals, der ungehemmten Freiheit der Person hatten zugleich mit dem System des demokratischen Parteienspiels von Führung und Volk Besitz ergriffen und hatten ihre Abwehrkraft gelähmt.“
Die Zerschlagung der Arbeiterorganisationen und die teroristisch erzwungene Eingliederung der Arbeiter in das faschistische System rechtfertigt Höhn 1938 mit dem Hinweis: „Die neue deutsche Rechtslehre braucht nicht mehr vom Chaos und von Interessenkonflikten auszugehen, sie hat in der vom Führer geschaffenen Volksgemeinschaft . . . eine feste Grundlage . . . Deutlich tritt dies in der Bestimmung der Betriebgsgemeinschaft im Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit hervor.“
Als der große Führer ausgeführt hatte, mußte Höhn „neue Kräfte“ der sozialen Integration aufspüren, denen er sein Modell nationaler Arbeit überstülpen konnte. Er entdeckte sie in einem sozialen Kontext, den der NS-Staat hinterlassen hatte. Denn der Nationalsozialismus, so fand Höhn, stellte „die Arbeitgeber-Arbeitnehmerbeziehungen unter neue Vorzeichen, indem er das Führerprinzip und die Führer-Gefolgschaftsideologie auf den Betrieb übertrug und so den alten Gegensatz zwischen Arbeitern und Unternehmern zweifellos etwas überspielt und gemildert hat.“

In anderen Worten: Die Liquidierung der Organisation der Arbeiterbewegung in der faschistischen „Betriebsgemeinschaft“ wird zur Voraussetzung der Sozialpartnerschaft im Nachkriegsdeutschland.
Jedoch auch die Wiederaufbau-Nöte selbst erzwangen die nationale „Notgemeinschaft“: „die akute Notsituation zwang zu einer grundlegenden Änderung zwischenmenschlicher Beziehungen. Der Klassenkampfgedanke hatte jede Anziehungskraft verloren.“ Und: „innerhalb der Arbeiterschaft hatte sich im stillen eine Umwandlung vom klassenbewußten Proletarier zum industriellen Kleinbürger vollzogen, der persönlich an dem Gedeihen der Wirtschaft interessiert war. „Vernichtung Deutschlands, Verlust der Ostgebiete und Flüchtlingsschicksale“ hatten ebenfalls noch „das starre Denken der Gegensätzlichkeit von Besitzenden und Nichtbesitzenden ad absurdum geführt.“
Als sich’s der Dr. Reinhard Höhn so schön zurechtgelegt hatte, erkannte er, daß der ganze Gegensatz zwischen der Lebensbereichsarbeit im SD-Hauptamt und der Managerausbildung im Nachkriegsdeutschland eigentlich nur eine Sache der Wortwahl war. Den „Führer“ ersetzte er durch die „Unternehmensführung“, die Volksgemeinschaft durch den Betrieb – und fertig war der Grundriß des „Harzburger Modells“.
Das heißt, zuvor muß noch ein bißchen demokratisch abgeschmeckte Sauce drüber: Die Mitarbeiter werden nicht mehr durch Einzelaufträge geführt, sondern dürfen innerhalb ihres festumrissenen Bereichs (im Rahmen der Gesamtziele des Unternehmens) selbständig tätig werden. Die Vorgesetzten führen ihre Bereiche demnach nur noch durch Erfolgskontrolle und Dienstaufsicht. Der Mitarbeiter hat die Handlungsverantwortung, der Vorgesetzte die Führungsverantwortung.
Alle wichtigen Entscheidungen müssen freilich dem Reichsführer, d. h. der Unternehmensführung selbst vorbehalten bleiben, dürfen also keinesfalls delegiert werden. Dazu gehören:
„Die Entscheidung über die Gesamtzielsetzung des Unternehmens und ihre Anpassung an veränderte Situationen; die kurz-, mittel-, und langfristige Unternehmensplanung und die dementsprechende Strategie; die Festlegung der Organisationsstruktur des Unternehmens; die Bestimmung der Produktionspolitik; die Entscheidung über die Richtlinien für Forschungs- und Entwicklungspolitik; Marketingkonzeption; der Einkaufs- und Finanzpolitik, Personal- und Sozialpolitik und Organisation und Verwaltung; die Koordinierung der verschiedenen ihr unterstehenden Bereiche; die Auswahl der Mitarbeiter auf der nächsten betrieblichen Ebene bzw. in den der Unternehmensführung zugeordneten Stäben.“
Führung und Stäbe sind Höhns General-Thema. In seinen militärhistorischen Schriften, die Höhn vor allem zu „Schamhorsts Vermächtnis“ und in „Sozialismus und Heer“ (drei Bände) niedergelegt hat, hält der inzwischen wegen seiner Kritik am „Staatsbürger in Uniform“ aus der Bundeswehr ausgeschiedene Brigadegeneral Heinz Karst für so bedeutsam, daß die „deutsche Bundeswehr“, eine neue Armee in unserem freiheitlichen Rechtsstaat, die Arbeiten Höhns bald in ihre Bibliotheken eingestellt hat.“
In diesen Schriften rekonstruiert Höhn die Anwendung des Führerprinzips „Delegation von Verantwortung“ an der preußischen Armeereform: „Der Unterbefehlshaber wird von der Fessel der starren Befehlsform gelöst und ihm ein weiterer Bereich für seine eigene Entscheidung überlassen. Selbständig soll er im Rahmen der ihm gestellten Aufgabe die Mittel und Wege finden, die zum Ziel führen.“
Dieses Prinzip ist übertragbar und beliebt. Zum Beispiel beim Arbeitgeber-Sprecher Hanns Martin Schleyer: „Der Begriff Führung bringt ein in allen Gesellschaftssystemen der Vergangenheit und Gegenwart festzustellendes Baugesetz zum Ausdruck.“ Oder bei W. Schall, einem ehemaligen Harzburger und Generalstabsoffizier, jetzt Generalsekretär der CDU in Baden-Württemberg: „Die Menschen und ihr Verhalten sind in allen Bereichen vergleichbar. Sie zu führen verlangt Anwendung bestimmter Führungsprinzipien, ganz gleich, ob man Politik erfolgreich gestalten, Schlachten gewinnen oder ein leistungsfähiges Wirtschaftsunternehmen aufbauen und leiten will.
Das freilich wußte schon Karl Marx: „Der Befehl des Kapitalisten auf dem Produktionsfeld wird jetzt so unentbehrlich wie der Befehl des Generals auf dem Schlachtfeld.“
Die Absicht der preußischen Armeereform demonstriert Höhn anhand einer Schrift von E. Preuß über „Die höheren Aufgaben des jungen Offiziers für Armee und Volk“: Aufgabe der Armee sei es, aus „einem Rekruten, der durch Nahrungselend und Agitation gereizt und aufgestachelt ist, einen Soldaten zu machen, der auf dem Boden staatsbürgerlicher Gesinnung steht und jeden Augenblick bereit ist, für Kaiser und Reich sein Leben hinzugeben.“
Das genau ist der Kern des Harzburger Modells: Statt Befehl- und Gehorsam vertrauensvolle Führung. Oder, wie Höhn es 1942 in seinem Buch „Reich-Großraum-Macht“ beschrieben hat: „An diese Stelle des Staat-Untertanen-Verhältnisses und der parlamentarisch verfassungsrechtlichen Organisation der Staatsgewalt waren Führer und Volksgemeinschaft getreten . . .“Aus dieser Volksgemeinschaft entstand „ein neues politisches Weltbild, aufbauend auf den Grundgesetzen des Lebens, der Rasse, dem Boden und einer artmäßigen Führung und Gefolgschaft. Sie schuf ein dementsprechendes soziales Weltbild, aufbauend auf der Eingliederung des Arbeiters in die Leistungsgemeinschaft des ganzen Volkes.“
Wenn Höhn heute von der Integration der Arbeiterklasse in „unserer modernen Leistungsgesellschaft“ spricht, meint er im Grunde immer noch die „Eingliederung des Arbeiters in die Leistungsgemeinschaft des ganzen Volkes“. Nur traut er es heute – anders als vor 30 oder 40 Jahren – dem entwickelten Kapitalismus zu, Harmonisierungsstrategien und Formierungsmittel zu finden, um die Arbeiter ohne Terror einzugliedern.
Parteien und Gewerkschaften, die diese Eingliederung nicht wollen, stehen bei Höhn im Arsenal „ideologischer, doktrinärer Voreingenommenheit“, da sie ihren eigentlichen sozialen Integrationsbeitrag ,überziehen`.
Schon in der gar nicht revolutionären Forderung nach Teamarbeit vermutet Höhn einen die Hierarchie der Führung zerstörenden Sprengsatz, er ahnt „organisatorische Bilderstürmerei“: „Der Gedanke, die gesamte Hierarchie abzuschaffen und an ihre Stelle Teams zu setzen, die die jeweils notwendigen Entscheidungen treffen und andere mit der Durchsetzung zu beauftragen, ist völlig
sie ihren eigentlichen sozialen integrationsbeitrag ,überziehen`.
utopisch.“
Was 1965 der „Industriekurier“ in aller Deutlichkeit preisgegeben hat – „Eine Demokratisierung der Betriebe ist genauso unsinnig wie die Demokratisierung von Zuchthäusern, Schulen und Kasernen“ – drückt Höhn nur ein bißchen verhaltener aus: „Ein Unternehmen kann nicht nach demokratisch parlamentarischen Regeln geführt werden, darüber ist man sich seit langem im klaren.“
Es muß eben ein Führer her.

Konkret 11/74, S. 21

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