Theodor W. Adorno/Elisabeth Lenk: Briefwechsel 1962-1969

Magnus Klaue
Buch des Monats

Theodor W. Adorno/Elisabeth Lenk: Briefwechsel 1962-1969. Edition Text + Kritik, München 2001, 227 Seiten, 27 Euro

Die Rezeptionsgeschichte Kritischer Theorie in Deutschland wird meist als hegelianische Erfolgsstory erzählt, worin die »Sohnesgeneration«, repräsentiert durch Jürgen Habermas, ihren »Übervater« Adorno dialektisch überwindet. Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns erscheint aus dieser Perspektive als pragmatische Korrektur an Adornos »resignativem« Gestus, die Ausblendung des Holocaust in den Texten der Jüngeren als »Fortschritt« gegenüber der »Befangenheit« der Gründungsväter.
Zu den wenigen, die früh gegen solche Verfälschungen protestierten, gehört die Hannoveraner Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Lenk. Schon lange bemüht sie sich um eine Vermittlung zwischen Kritischer Theorie und Surrealismus, um verschüttete Gehalte der Dialektik der Aufklärung freizulegen. Im Mittelpunkt ihrer Reflexionen steht der Praxisbegriff des Surrealismus, den sie als Versuch, »den Riß zwischen Traum und Tat« (Breton) zu überwinden, gegen jene verkürzte, konformistische »Praxis« geltend macht, als deren Apologet Habermas fungiert.
Als Beitrag zu einer »Gegengeschichte« der Adorno-Rezeption lassen sich auch die nun von Lenk veröffentlichten Briefe verstehen, die sie zwischen 1962 und 1969 mit Adorno gewechselt hat. Die Brisanz der Korrespondenz, und noch mehr des Kommentars und des Anhangs, liegt in dem veränderten Blick, den Lenk auf die intellektuellen Konstellationen rund um die Frankfurter Schule gewährt.
Anders als für Habermas und seine Adepten, in deren soziologische Reflexionen Ästhetisches meist äußerlich, als ein »Thema« unter anderen eingeht, ist für Lenk gesellschaftliche Autonomie im ästhetischen Akt gleichsam antizipiert. Als »politisch« gilt ihr gerade nicht jene Kunst, die sich zum bloßen Medium sozialkritischer Programmatik macht. Im Gegenteil bemesse sich die Radikalität von Kunst daran, wie kompromißlos sie ihren ästhetischen Autonomieanspruch einlöse. Exemplarisch für ein solches »ästhetisches Verhalten«, das zugleich ein soziales Verhalten sei, stehe der Surrealismus.
Durch Kontakte mit der Pariser Gruppe um André Breton wurde Lenk 1963 zu einem Dissertationsprojekt über Bretons »poetischen Materialismus« ermutigt. Um die Genese dieser Arbeit geht es in weiten Teilen des Briefwechsels, der mit Lenks Umzug nach Paris einsetzt. Anders als viele »Schüler«, die den Sprachduktus ihres Vorbildes imitieren, ohne seinem Denken gerecht zu werden, bleibt Lenk ihrem Lehrer auch dann treu, wenn sie ihm widerspricht. Ihre Aufwertung des Surrealismus als eine den Erkenntnissen der Kritischen Theorie angemessene Praxis kollidiert durchaus mit Adornos Skepsis gegenüber den Surrealisten. Während Adorno die surrealistische Bewegung tendenziell mit ihren kunstgewerblichen Spätausläufern identifizierte, verteidigt Lenk, vor allem in ihrem Essay über »Kritische Theorie und surrealistische Praxis«, der sich im Anhang findet, deren revolutionäres Potential, das sie freilich weniger in der Breton-Schule als in der »situationistischen Internationale« um Guy Debord und Asger Jorn aufgehoben glaubte.
Verblüffend sind die Affinitäten, die Lenk zwischen Gedanken der Dialektik der Aufklärung und der Medienkritik der Situationisten ausmacht. Schon Mitte der Sechziger hatten Vertreter der situationistischen Sektion in Deutschland, Frank Böckelmann und Dieter Kunzelmann, für eine Plakataktion unautorisierte Adorno-Zitate montiert (»Alle sind unfrei unter dem Schein, frei zu sein«). Auch die Medienanalyse in Debords La Société du Spectacle ähnele Adornos Kritik der Kulturindustrie. Der Versuch, Adorno-Zitate ihrem Kontext zu entreißen und durch Plakate zu popularisieren, hatte wohl auch das Ziel, Theorie und Praxis in einer »situationistischen Aktion« kurzzuschließen. Ein Vorgehen, worin Adorno nur eine weitere Variante »blinder Praxis« sah, weshalb er »wegen unbefugter Verwendung seines Namens« Anzeige erstattete. Es zeugt von Lenks Differenzierungsvermögen, daß sie solche Happenings der »praxisfeindlichen« Frankfurter Schule nicht einfach entgegensetzt. Eher erscheinen sie als spontane Versuche, deren Ansprüche bereits im Hier und Jetzt einzulösen.
Lenks Formulierung, Adorno habe sich in der Rolle eines »Wegweisers« befunden, »der nicht in die Richtung marschiert, in die er zeigt«, trifft dessen Haltung zur 68er-Bewegung genau. Außerdem ist sie geeignet, Vorurteile gegen Adornos »Autoritarismus« zu relativieren. Werden üblicherweise Habermas, Honneth und andere »Schüler« dafür gelobt, die normativen Züge im Denken ihres Lehrers korrigiert zu haben, macht sich Lenk zufolge gerade bei ihnen ein Dogmatismus bemerkbar, der Adorno fremd war.
Stets seien es »Außenseiter« gewesen, bei denen Adornos Wort etwas gegolten habe. Die Differenzen zwischen Jacob Taubes und Peter Szondi auf der einen und »Dazugehörigen« wie Habermas oder Dahrendorf auf der anderen Seite werden im Briefwechsel deutlich. Ein besonders interessanter Fall ist Enzensberger, der zu Adornos Freundeskreis zählte und von diesem als »in einem sehr weiten Maß durch meine Sachen bestimmt« beschrieben wird. Lenk indes verfaßte schon 1964 angesichts von Enzensbergers Kritik der Avantgarde eine Polemik für die Zeitschrift »Diskus«, die sich im nachhinein als prophetisch erweist. Sie benennt viele restaurative Tendenzen in Enzensbergers Schaffen, die erst dreißig Jahre später evident werden sollten.
Die Autorin selbst versteht sich dagegen als Fortsetzerin einer subkutanen Tradition kritischen Denkens, die sich im Surrealismus ebenso wie in der Kritischen Theorie artikuliere. Beide verbinde »der Protest gegen die Spezialisierung, der sich gleichwohl auf höchstem Niveau der jeweiligen Spezialgebiete abspielt«. Wie die Frankfurter Schule Elemente der Psychoanalyse, des Marxismus, der Ästhetik und empirischen Sozialforschung verknüpfe, bemühe sich der Surrealismus, heterogene »Wirklichkeitsfragmente« neu zusammenzusetzen, um Kunst als strenge, wenngleich nichtdiskursive Erkenntnisform zu etablieren. Dieser Anspruch sei Adorno, den Surrealisten und Batailles Zeitschrift »Critique« gemein. Übrig seien von diesem Projekt heute freilich nur Trümmer. Schon kurz nach Adornos Tod habe die bundesrepublikanische Gesellschaft dessen Denken »mit Rage aus dem öffentlichen Bewußtsein ausradiert«. Der von Lenk edierte Briefwechsel bringt es in Erinnerung.
Konkret 08/02, S. 55
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Von Rolf Löchel

 

Vierzig Jahre nachdem Elisabeth Lenk als junge Doktorandin ein erstes Schreiben von ihrem Lehrer Theodor W. Adorno erhielt, hat sie die 101 Briefe umfassende Korrespondenz veröffentlicht – inklusive einiger weniger Schreiben von und an Adornos Frau Gretel und von seiner Sekretärin Elfriede Olbrich.

Unmittelbar nach dem Examen hatte Lenk 1962 Frankfurt verlassen, um in Paris zu promovieren. Aus der so entstandenen Notwendigkeit der schriftlichen Klärung einiger Fragen bezüglich des Gutachtens, das Adorno für seine ehemalige Studentin geschrieben hatte, entstand eine Korrespondenz, die bis zu Adornos Tode 1969 dauert.

Schon bald wird das Verhältnis zum Lehrer von Diskussionen auf gleicher Augenhöhe begleitet, die im Laufe der Zeit immer mehr dominieren und in denen Sachliches und Persönliches ineinander fließen. Deutlich wird das etwa an der Erörterung des Verhältnisses von Kunst und Wissenschaft. Auf ein kurz zuvor stattgefundenes Gespräch Bezug nehmend schreibt Lenk 1964, der Adressat habe sie mit Recht vor den „Gefahren einer solchen Doppelexistenz“ gewarnt. Adorno antwortet mit einem persönlichen Bekenntnis: „Das Verhältnis von theoretischem Bewusstsein und künstlerischer Produktivität ist für mein geistiges Schicksal zentral, und das will sagen, immer noch ungelöst.“

Die beiderseitige große – fachliche wie auch persönliche – Wertschätzung ist unverkennbar und wird wiederholt zum Ausdruck gebracht. So bekennt etwa Adorno mit allerdings leicht sexistischem Zungenschlag, er habe „noch nie eine Frau getroffen, die ich für so genial begabt halte, wie Dich, in den Bereichen, die mir am nächsten sind“.

Der renommierte Mitbegründer der Frankfurter Schule protegierte die weit überdurchschnittlich begabte Nachwuchswissenschaftlerin über die Jahre hinweg und versuchte ihr eine Assistentenstelle für Literatursoziologie bei Peter Szondi zu vermitteln. Das Unternehmen scheiterte allerdings, da die Ausschreibung der Stelle am marxistischen Zeitgeist ausgerichtet war, dem Literatur nichts weiter als Widerspieglung gesellschaftlicher Verhältnisse bedeutete, und der, wie Lenk Adorno schrieb, „statt der Werke selbst die unvermeidlichen historisch-gesellschaftlichen Bedingungen“ bearbeitete. Lenk aber lag „weder an derartigen Fakten – und dummerweise vergesse ich sie daher schnell – noch überhaupt an der ‚Einordnung‘ eines Werkes in seine Epoche“. Erst in den 70er Jahren, lange nach Adornos Tod, sollte sie dann allerdings doch noch Szondis Assistentin werden.

Das Gespräch zwischen Lenk und Szondi, in dem ihre Assistenz besprochen und verworfen wurde, fiel in den Spätsommer 1967, dem Jahr des kalifornischen summer of love und wenige Wochen nachdem Benno Ohnesorg in Berlin während einer gegen den Schah von Persien gerichteten Demonstration von dem Polizisten Kurras erschossen worden war. Von nun an steht die Korrespondenz nahezu gänzlich im Zeichen der studentischen Revolte, in die Adorno und Lenk auf verschiedene Weise involviert waren. Adorno durchlitt die Zeit als, wie Lenk in einer Anmerkung schreibt, „Wegweiser, der zur Enttäuschung der Studenten nicht in die Richtung marschierte, in die er zeigt“. Er fühlte sich wiederholt und offenbar zunehmend von studentischer Seite genötigt, Solidarität zu bekunden. „Aus den Studentenangelegenheiten könnte man ganz leicht einen full time job machen“, klagte er bereits im Juni 67, es bedürfe „schon einiger Brutalität, um sich gegen die sittliche Forderung zur Wehr zu setzen. Nachdem ich mein Soll an Solidarität erfüllt habe, fällt es mir nicht schwer, diese Brutalität zu entwickeln.“ Und wenige Wochen später berichtet er nach einem Vortrag in Berlin von einem „kleinen Skandal“, den er mit dem dortigen SDS hatte, weil er sich geweigert hatte, „unter Druck ein Gutachten über Herrn Teufel zu schreiben“. Elisabeth Lenk berichtet ihrerseits in einem ausführlichen Brief von der „Schreckensnacht“ des 10. auf den 11. Mai 1968, in der „gegen 2 Uhr nachts“ das von Studierenden besetzte Quartier Latin durch die Polizei geräumt wurde, und zwar, wie sie schreibt, mit besonderer „Brutalität gerade den Schwächeren gegenüber: Kindern, Mädchen, Alten“. „Die Ereignisse überschlagen sich“, trägt sie zwei Tage darauf nach. Inzwischen hätten die Arbeiter „fast überall in Frankreich die Fabriken besetzt“. Oft werde der Direktor zum „Gefangenen“ erklärt. Unterdessen diskutiere man an der Sorbonne „in der Regel bis morgens früh, die Nacht ist, im Moment jedenfalls, abgeschafft“. Adorno bezeichnet in seinem Antwortschreiben ihren langen Brief nicht von ungefähr als „eine Art Tagebuch“. Doch es ist nicht nur die Zeit politischer Aktionen. So fand Lenk, das – wie sie optimistisch formuliert – „Interim nach der missglückten Revolution“ habe auch „seine Reize: ein Wildwuchs an sehr merkwürdigen Kommunen“. Einem dieser Experimente neuen Zusammenlebens schloss sie sich vorübergehend an und berichtet Adorno aus dieser Zeit allerlei Absonderliches und Skurriles; während der Pariser Mai für sie allerdings noch ein unerfreuliches Nachspiel hatte: Weil sie Studierenden eine Hochschuldenkschrift des SDS gegeben und ihnen ihre Schreibmaschine zum Abtippen zur Verfügung gestellt hatte, bekam sie ihre Stelle nach Ende des Semesters nicht verlängert.

Nach Adornos Tod drückt Lenk in einem Kondolenzschreiben an seine Witwe Gretel ihre Trauer um den Mann aus, dem sie ihre „geistige Existenz“ verdanke. „Die zugleich persönliche und sachliche, einzigartige Beziehung, in der die schwierigsten Probleme ganz leicht wurden, ist für mich verloren.“

Elisabeth Lenk hat die Briefe mit Anmerkungen versehen, die eine Fülle von sachlichen – und gelegentlich auch persönlichen – Informationen, Hinweisen und Erläuterungen bieten, ohne dabei je in einen trockenen Stil zu verfallen, der solche Apparate oft nur schwer lesbar macht. Hier ist das Gegenteil der Fall. Auch nutzt Lenk die Gelegenheit zur Richtigstellung ihr aus heutiger Sicht ungerecht erscheinender Bemerkungen, beispielsweise über René König, oder sie zitiert ausführlich aus weiteren bislang unpublizierten Dokumenten. So etwa aus einem Traumprotokoll Adornos, in dem er bekennt: „Ich bin der Märtyrer des Glücks.“

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