Wenn deutsche Multikulturalistinnen Afrika bereisen, erweitern sich die Grenzen des schlechten Geschmacks beträchtlich.

Magnus Klaue

Im Namen des Häuptlings

Wenn deutsche Multikulturalistinnen Afrika bereisen, erweitern sich die Grenzen des schlechten Geschmacks beträchtlich.

Wer schon immer wissen wollte, wie es um das Innenleben von Leuten bestellt ist, die von so tiefen Skrupeln über die eigene »westliche Kultur« geplagt sind, daß sie ihren Urlaub ausschließlich im äußeren und inneren Afrika verbringen, statt Earl Grey Chai Latte trinken, auch Wiener Schnitzel mit Kardamom und Koriander würzen und die Ägypter um ihre hohe Analphabetismusrate beneiden, der wird gegenwärtig literarisch bestens bedient. Zum Beispiel von Corinne Hofmann, der »weißen Massai«, die als »Frau des Samburu-Kriegers Lketinga« vier Jahre lang im kenianischen Busch gelebt hat, mit ihrer Tochter Napirai vor Gewalt und Stammeszank in die Schweizer Berge floh und seither regelmäßig das Land ihrer »damaligen Furcht« besucht, um für das knäckebrotdröge Dasein zwischen Kenia-Förderverein und Pensionärswitwen-Lesekreis positive Lebensenergie zu tanken: »Meine letzte Lesung findet am 25. Oktober 2008 vor begeistertem Publikum in der kleinen Stadt Lauchhammer in Brandenburg statt. Mit einem weinenden und einem lachenden Auge verlasse ich die Bühne … Viele der etwa 300 Zuhörer und Zuhörerinnen wollen mich ein letztes Mal sehen und mich mit Händedruck verabschieden. Immer wieder vernehme ich: ›Frau Hofmann, bitte, Sie müssen weiterschreiben. Ihr Leben ist so spannend.‹«
Wenn man so bescheiden ist wie Frau Hofmann, ziert man sich natürlich nicht, sondern jettet gleich wieder rüber, weil »das tägliche Wandern durch die Wüste, fernab jeglicher Zivilisation, begleitet von zwei liebenswerten, gemütlichen Kamelen, eine neue Perspektive für mich ergeben könnte«, es eine »Herausforderung« ist, sich »in der absoluten Wildnis, ohne Handyempfang« auf »zwei mir fremde Männer« verlassen zu müssen, »die wunderschöne Gegend« für »das Leiden in der brütenden Hitze« entschädigt und man dort nicht nur Impalas, Zebras und Moskitos, sondern auch Herero und Himba begegnet: »Ich bin erstaunt, wie sehr sich die Herero in ihrem Äußeren von den Himba unterscheiden, obwohl sie mit ihnen verwandt sind, ähnlich wie die Massai mit den Samburu.« Wer Menschengruppen wie Tierherden beschreibt, kann auch »den beengten Slums von Nairobi« etwas abgewinnen, »die Lebensgeschichten hervorbringen, die Kraft und Mut schenken«. Da gibt es etwa »Anne, die Kämpferin«, die zwischen »Bergen von Müll« in »100-Kilo-Säcken mit guter Erde« Gemüse anbaut: »Ich bin sprachlos und gerührt, wie diese ›alte‹ Mama ihr Bestes gibt, um ihre Kinder und die zwei Enkel versorgen zu können, nicht über ihr Schicksal jammert und sogar zufrieden ist, daß sie … durch harte Arbeit mit diesen Plastiksäcken mehr Lebensqualität gewonnen hat.« Ein ebenso gutes Vorbild für westeuropäische Sozialschmarotzer ist Jane, die sich mit Hilfe einer »Motivatorin« von ihrem Dasein als Prostituierte zur Beraterin »HIV-positiver Menschen« hocharbeiten konnte und mit der Autorin nach besiegelter Freundschaft einen Baum pflanzt, der den Namen von Corinne Hofmann tragen darf.
Vielleicht ist der Baum schon durch zu hohe Hybriseinstrahlung verkümmert. Aber in Afrika kommen auf jeden Stammeshäuptling zwei Multikulturalistinnen aus der deutschen Provinz. Wer Hofmanns Buschmannprosa spannend findet, kann im Anschluß zu den Büchern von Christina Hachfeld-Tapukai greifen, die von ihrem »Leben als Frau eines Samburu-Kriegers« berichtet. Auch geduldige hermeneutische Anstrengungen bringen keinen Aufschluß darüber, ob Christina Hachfeld-Tapukai ein Pseudonym von Corinne Hofmann ist oder umgekehrt. Vielleicht handelt es sich wirklich um zwei verschiedene Frauen. Jedenfalls schreibt die mit dem Doppelnamen irgendwie lyrischer: »Zebras grasen und zierliche Thomsongazellen. Am Himmel kreisen Adlerpaare, stoßen kurze Rufe aus. Geparde durchstreifen den Busch, und am Abend hören wir, daß sich Hyänen und Löwen nähern. In dieser Wildnis bin ich glücklich, hier befindet sich mein Afrika.« Später kümmert sie sich zwar für ihren Mann, den Häuptling Lketinga (Ist das derselbe, oder heißen die da alle so?), um »die Finanzen« bzw. »unsere finanzielle Situation« und übernimmt stammesbezogene Buchhaltungsaufgaben, die omnipräsente »Romantik« schmälert das aber nicht.
Die afrikanische Romantik läßt sich auch nicht totkriegen, wenn der schwarze Kontinent sein dunkles Herz enthüllt. Zum Beispiel in Anne de Graafs Schmalzschwarte Und es wird keine Nacht mehr sein über die Abenteuer einer Afrika-Urlauberin, deren Leben beinahe durch eine Horde barbarischer Urwaldbanden zerstört, die aber im letzten Augenblick durch die Mithilfe gleichfalls versklavter Kindersoldaten gerettet wird. Zwischendurch geht immer mal wieder rot die Sonne unter, und die Erzählerin verbreitet auf jeder der viel zu vielen Seiten Weisheiten der Art »Wenn Kinder einmal die Wahrheit erzählen können, besteht Hoffnung«. Daß kleine schwarze Kinder ganz besonders schützenswerte, weil harmlose und ungefährliche Wesen sind, kann wiederum Bettina Landgrafe bestätigen, die zwar nicht zur »weißen Massai«, aber zumindest zur »weißen Nana« ernannt worden ist. Die ausgebildete Kinderkrankenschwester aus Hagen hat nämlich jahrelang in einer Buschklinik in Ghana gearbeitet und einen Ghana-Förderverein gegründet, damit »die Hilfe auch wirklich bei den Menschen ankommt« und nicht irgendwo in der Wüste »versickert«. Deswegen krönten Landgrafes Schützlinge sie zu ihrer »Königin«.
Das Abstoßende an all diesen ebenso weiblichen wie deutschen Selbsterfahrungsberichten ist die Dreistigkeitkeit, mit der falsche Bescheidenheit und Selbstbeweihräucherung, Sozialpathos und Menschenverachtung in ihnen Hand in Hand gehen. Da jede Autorin die eigene unmittelbare »Erfahrung « für die höchste Wahrheitsinstanz hält – (Sub-)Titel wie Mein Leben als Frau, Mein Leben für Afrika, Meine Passion usw. verbürgen die Authentizität noch des abgestandensten Klischees – , fällt ihnen gar nicht auf, daß ihre Bücher einander vom schnulzigen Schutzumschlag bis zur schalen Metaphorik wesentlich stärker ähneln als Herero und Himba. Hauptsache, man hat vom Häuptling einen poetischen Kosenamen oder einen Titel erhalten, das schützt besser gegen Kritik als jedes Bundesverdienstkreuz.
Aber der schlechte Geschmack eignet nicht nur deutschen Frauen, die auf der Suche nach Echtheit und Armut in der »Dritten Welt« symbolisch plündern gehen, sondern auch Gestalten wie Tariq Ali, jenem selbsterklärten indisch-britischen »Antiimperialisten«, der nach dem 11. September in Bush und Bin Laden Vertreter zweier gleichermaßen gefährlicher »Fundamentalismen« erkannte und höchstwahrscheinlich auch bei Hofmann, Landgrafe et al. im Bambusregal steht. In seinem neuesten Elaborat Die Nacht des goldenen Schmetterlings erzählt er aus der Perspektive des islamkennenden Kulturversöhners von der »inneren Zerrissenheit« seiner heute pakistanischen Heimat. Früher hat er übrigens auch Essays geschrieben, aber das gestiegene Verdummungsbedürfnis des Publikums läßt sich im Rahmen der diskursiven Sprache offenbar immer unzureichender befriedigen. Da hilft nur noch Poesie, und die ist bekanntlich orientalisch.
Corinne Hofmann: Afrika, meine Passion. A 1, München 2011, 284 Seiten, 22,95 Euro
Christina Hachfeld-Tapukai: Der Himmel über Maralal. Mein Leben als Frau eines Samburu-Kriegers. Bastei Lübbe, Köln 2011, 368 Seiten, 7,99 Euro
Anne de Graaf: Und es wird keine Nacht mehr sein. Aus dem Englischen von Silvia Lutz. Francke, Marburg 2011, 552 Seiten, 9,95 Euro
Bettina Landgrafe: Weiße Nana. Mein Leben für Afrika. Knaur, München 2011, 304 Seiten, 16,99 Euro
Tariq Ali: Die Nacht des goldenen Schmetterlings. Aus dem Englischen von Margarete Längsfeld. Heyne, München 2011, 352 Seiten, 19,99 Euro
Magnus Klaue schrieb in KONKRET 8/11 eine kleine Stilkritik des Krimititels
Literatur-Konkret 2011, S. 22

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s