Hermann L. Gremliza: Heute gehört uns Europa. Und morgen?

Hermann L. Gremliza
Heute gehört uns Europa. Und morgen?
’nen Platz an der Sonne erlangen? / Nicht leicht. / Denn wenn er erreicht, / ist sie untergegangen. Karl Kraus
Jetzt auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen.« Volker Kauder, Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, freute sich mächtig. Der hundertjährige Kampf der Deutschen um die Eroberung Europas schien siegreich zu enden.
Was war ihnen nicht alles schiefgegangen, seit das kaiserliche Deutschland das Ziel in seinem Ersten Weltkrieg (siebzehn Millionen Tote) verfehlt hatte? Erst waren die Deutschen von ihren Nachbarn in Quarantäne gesteckt worden. Aufs schrecklichste aus dieser befreit, war die Nazion in ihren nächsten, den Zweiten Weltkrieg (sechzig Millionen Tote) gezogen, dessen Ende sie sich reichlich verdient hatte.
Eingedenk des Mißerfolgs mit der Isolierung und weil für das letzte Gefecht gegen den Kommunismus auf derart einschlägig erfahrene Kombattanten nicht zu verzichten war, versuchte der geplagte Kontinent diesmal, die Deutschen durch Umarmung zu entwaffnen. Es dauerte, bis die ihre Chance be- und ergriffen: Europa zu umarmen, bis sie es im Schwitzkasten hätten.
Was folgte, war die Epoche der deutschen Mimikry als Musterknabe des »Westens«, der »freien Welt«, des »Abendlands«, der das Maul nicht allzu weit aufriß und andere für sich sprechen ließ. Wer sich einfand, den Feind von gestern zu entsühnen, wurde – man war ja doch das Land der Dichter und Denker geblieben, die kulturelle Instanz des Kontinents – von so hochgeschwollenen Einrichtungen belohnt wie dem »Aachener Karlspreis für Verdienste um die Europäische Einigung« für besonders anstellige Premiers, Präsidenten und Könige wie Juan Carlos I., François Mitterrand, Václav Havel oder Tony Blair.
Und doch hörten die weniger Dummen unter den Nachbarn nie auf, die deutsche Gefahr zu wittern. 1989, beim Fall der Mauer, brach die britische Premierministerin Thatcher in den spontanen Seufzer aus: »Zweimal haben wir die Deutschen geschlagen, jetzt sind sie wieder da.« Frankreichs Präsident Mitterrand bekniete den letzten Vorsitzenden der SED, einen gewissen Gregor Gysi, doch bitte die Wiedervereinigung der Deutschen zu hintertreiben. Zu spät.
Weitere zwölf Jahre später, als die »Frankfurter Allgemeine« anläßlich des deutschen Überfalls auf Jugoslawien klagen mußte, Frankreich und Großbritannien hätten diesen »großserbischen Staat« eingerichtet, um »Deutschland, Österreich und Ungarn zu bestrafen und am Boden zu halten«, und Springers »Welt am Sonntag« stöhnte, für Franzosen und Briten seien »die Serben vor allem die alten Alliierten gegen Deutschland, und ›Jugoslawien‹ vor allem ein antideutsches Bollwerk im Südosten Europas«, hatte Deutsch-Europa die seligen Sieger zweier Weltkriege längst in der Armbeuge.
Heute ist Europa eine deutsche Exportkolonie, regiert mit Hilfe eines Juniors, der sich, ein wenig selbstironisch wohl schon, noch immer die Grande Nation nennt. Was ein spanischer Arbeitsloser zu fressen bekommt, ein portugiesischer Lehrer verdient, wann ein Franzose in Rente geht und Irland der Dispo gestrichen wird, wessen öffentliches Eigentum an welchen – deutschen – Kapitalisten zu privatisieren ist, wie lange ein griechischer oder italienischer Ministerpräsident im Amt bleiben darf und von wem er ersetzt werden muß, wer sein Volk nach dessen Meinung fragen und wann er Wahlen abhalten darf, wird in Berlin entschieden und von Hiwis in Brüssel wie dem EURatspräsidenten van Rompuy verkündet: »Italien braucht Reformen und keine Wahlen.« Itaker, wegtreten!
Mitunter wird die ehemalige Sekretärin für Agitation und Propaganda der Freien Deutschen Jugend nun mit Bismarck verglichen, was außerhalb Deutschlands keine Schmeichelei ist, hinter ihrem Rücken aber auch gern mit einem andern: »Der Führer hat uns einbestellt«, soll, »Spiegel online« zufolge, »ein Diplomat aus einem Nachbarland Deutschlands« gesagt haben, als er und seine Kollegen beim Europa-Berater der Bundeskanzlerin antreten mußten. Selbst der intellektuell so bescheidene wie national unbedenkliche Helmut Schmidt meint, daß Merkels Berlin ein Zentrum »schädlicher deutschnationaler Kraftmeierei« geworden sei.
Des Volkes Mehrheit meint das ganz und gar nicht. Schmidts deutschnationaler Parteifreund Dohnanyi forderte den Kanzler a.D. ziemlich rüde auf, sich bei seiner Nachfolgerin zu entschuldigen. Gleichgesinnte Redner wie der Vorsitzende der CSU-Gruppe im Europaparlament verlangen, Großbritannien müsse »sich entscheiden, ob es weiterhin als 27. Mitgliedsstaat der Europäischen Union seine Zukunft selbst gestalten oder lieber als 51. Bundesstaat der USA Befehle aus Washington empfangen will« (statt aus Berlin). Auch Deutschlands gefürchteter Arbeiterführer Sommer ist nicht von schlechten Großeltern: Der britische Premier David Cameron, sagte er, »führt sich auf als Schutzpatron der Spekulanten«. Die Eurogegner in der FDP aber tragen T-Shirts mit dem Aufdruck »EUdSSR« – Europa, die Union sozialistischer Sowjetrepubliken.
Wo immer die Stimme des Volkes sich hören läßt, haben Europa und der Euro als Deutschlands Unglück die Rolle der Juden übernommen. So gern nämlich die Deutschen Europa ausbeuten und kommandieren, so wenig hat sie ihr Neid und ihr Haß auf die alten Feinde verlassen: auf die Südländer, die nichts im Sinn haben als Dolce Vita und Bunga Bunga, auf die leichtlebigen Franzosen, auf das perfide Albion, das uns mit gerafftem Kapital piesackt und im Zweifel an die Wall Street verrät. Kalt bis an ihre Mördergrube hinan haben sie den Versuch der Briten, Italiener und Franzosen verfolgt, mit ihrer libyschen Militäroperette, der gleichwohl echte Menschen zum Opfer gefallen sind, einen Saisonerfolg zu ertrotzen, während eine Transall der Bundeswehr in die rauchenden Trümmer von Bengasi ein Spezialkommando absetzte, bestehend aus dem Staatssekretär des Bundesministeriums der Wirtschaft, dem Geschäftsführer des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft und Vertretern von zwanzig deutschen Unternehmen, um abzuräumen, was die Verbündeten erst zu erobern hofften.
Als die deutsche Kanzlerin Anfang Dezember Europa antreten ließ, salutierten 26 Nationen. Allein die 27., das von Thatcher und Blair entindustrialisierte und zu einem Wettbüro herabgewirtschaftete Großbritannien, versagte sich – eine Dummheit, die sich wohltuend von der servilen Schlaumeierei der 26 abhob. Die Frage der Macht wäre also vorerst geklärt. Nicht so die ökonomische: Was will Berlin mit einem Europa, dessen Bewohner sich den herrlichen Exportpofel nicht mehr leisten können, mit dem Deutschland seinen Reichtum erwirtschaftet? Oder denkt das nationale Kapital schon weiter, an ein Europa als Union der Dumpinglöhne, das mit billigen Qualitätsprodukten die Märkte Asiens, Afrikas und Lateinamerikas plattmacht? War es das, was Angela Merkel im Kopf hatte, als sie posaunte: »Unsere soziale Marktwirtschaft muß in der ganzen Welt verankert werden«?
Sein könnte aber auch, und Indizien gibt es, daß andere Europäer den Gürtel nicht so ergeben enger schnallen wie die deutsche Frau und ihr kleiner Mann, es also zu Unruhen, Streiks, Generalstreiks gar kommt, womöglich grenzüberschreitenden, weil vereint in der europäisch- gemeinschaftlichen Wut auf die Diktatur der Boches, der Krauts, der Moffen, cabezas cuadradas, des tyske pak und so weiter. Schon heute gewinnt, wenn irgendwo in Europa gewählt wird, von zwei Kandidaten immer der eine, egal ob links oder rechts, der – anders als der erbarmungswürdige Sozialdemokrat Zapatero – noch nicht im Fernsehen gezeigt wurde, wie er Angela Merkel die Schleppe trägt.
So keimt die vage Hoffnung, die Deutschen könnten sich zum dritten Mal in hundert Jahren übernommen haben.
Konkret 01/12, S. 9

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