ALLES SCHLAMPEN AUSSER MUTTI

Kirsten Achtelik

ALLES SCHLAMPEN AUSSER MUTTI

Applaus im Gerichtssaal, Schampus auf den Tribünen: Freispruch für Jörg Kachelmann. Diejenigen, die es schon immer gewußt haben, freuen sich. Hat er, hat er nicht? Das Gericht weiß es nicht. Darum: Freispruch aus Mangel an Beweisen. Zu Ende ist diese Affäre damit aber nicht. Einstweilen verlegt sich die Auseinandersetzung um vergewaltigende Männer und lügende Frauen wieder in die Medien. Das Gericht hatte seine Urteilsbegründung auch für eine ausführliche Medienschelte genutzt. Die wertende Berichterstattung sei der »Wahrheitsfindung in hohem Maße abträglich« gewesen. Beleidigt konstatierte das Gericht, es sei »nicht der Befriedigung des Sensations- und Unterhaltungsinteresses verpflichtet«.
Dabei hat es einen entscheidenden Punkt übersehen. Den so gescholtenen Medien ging und geht es nicht nur um Schlagzeile und Auflage, sondern auch und einigen Journalistinnen besonders um Meinungsmache. Und diese interessierte Meinung richtet Schaden an. Sie beschädigt aber nicht so sehr den Rechtsstaat, sondern vielmehr die Möglichkeit, Gewalt Gewalt zu nennen.
Feministinnen, darüber sind sich Medien und Facebook-Gemeinde einig, nerven. Der Prozeß gilt ihnen als Beweis dafür, daß rachsüchtige Weiber einen Mann mit einem Fingerschnipp beziehungsweise einer erfundenen Anzeige erledigen können. Die Prozentzahlen angeblich falscher Anschuldigungen schrauben sich in ungeahnte Höhen, gestern war es jede fünfte Beschuldigung, heute sind schon 90 Prozent gelogen, und morgen gibt es wohl gar keine Vergewaltigungen mehr. Als Frauenund Opferverbände darauf hinwiesen, daß durch diesen Prozeß Frauen von Anzeigen wegen Vergewaltigung abgeschreckt würden, gab es einen Sturm der Entrüstung. Opferverbände stellten den Rechtsstaat in Frage, hieß es. Wer von Anfang an die Wahrheit sage, habe vor Gericht nichts zu befürchten, wurde behauptet. Nichts zu befürchten? Intimste Befragungen in Anwesenheit des Angeklagten, stundenlange Sitzungen mit Gutachtern. Ein Shitstorm im Internet gegen die eigene Person. Nichts?
Das Urteil mag rechtsstaatlich korrekt sein. Zufrieden damit können aber nur diejenigen sein, die jegliches Reden über patriarchale Strukturen und gesellschaftlich sanktionierte Frauenfeindlichkeit für hysterischen Opferfeminismus halten und als nicht diskursfähig behandelt sehen möchten. Der Kachelmann-Prozeß hat diesen Antifeministen, Maskulinisten und ihren Helferinnen einen Sagbarkeitsraum bis in linksliberale Medien hinein eröffnet, in dem sie bis zum Erbrechen wiederholen können: Alles Schlampen außer Mutti.
Konkret 07/11, S. 11

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