Hermann L. Gremliza über die Schweigernde Minderheit

Schweigernde Minderheit

 

von Hermann L. Gremliza

konkret, 09/2015

 

Die Geschichte von den Menschen, die auf der Flucht im Land der Deutschen ankommen, ist schnell erzählt. Der oberste der Eingeborenen, der viel und gern reist und darum auf seine Reputation bei Ausländern, die dort wohnen, bedacht sein muß, empfiehlt seinen Landsleuten, im Gedenken an die Vertreibung der Deutschen aus Polen und der Tschechoslowakei am Ende des Zweiten Weltkriegs die Flüchtlinge von heute großherziger aufzunehmen. Gaucks widerwärtig Schein-heiliger Rat sollte nicht unwidersprochen bleiben. Nicht, dass sich Stimmen gefunden hätten, die Gleichstellung schuldloser Flüchtlinge aus Syrien oder Somalia mit den sudetendeutschen und schlesischen Nazis zurückzuweisen, im Gegenteil. Der bayerische Ministerpräsident Seehofer sah sich zu dem Geständnis verlockt: »Ich weiß aus vielen Gesprächen mit Heimatvertriebenen, dass sie solche Vergleiche nicht gerne hören. « Sein Freistaat Bayern nämlich ist Schirmherr der Sudetendeutschen, und die mögen es gar nicht, in einem Atemzug mit irgendwelchen Kanaken genannt werden. Die Reaktion von Politik und Medien jeglicher Richtung für Seehofers rassistischen Ausfall: verständnisvolles Schweigen. Ein Schweigen, das nicht viel sagt, sondern alles.*-*******

Marx, (Brief an Engels vom 18. Juli.1877), war der Ansicht, »Rücksichtslosigkeit« sei »erste Bedingung jeder Kritik«, und warnte da-vor, »Rücksicht zu nehmen auf Leichtverständlichkeit«. Ein paar Fußnoten aber können vielleicht nicht schaden:

* Siehe auch Angela Merkel: Ich und das Flüchtlingskind. Auftritt der Seehoferin des Nordens bei einem ihrer »Bürgerdialog« genannt. Werbetermine in Rostock, wo ihr die 14jährige Schülerin Reem, eine aus dem Libanon geflohene Palästinenserin, begegnete, die täglich mit ihrer Abschiebung rechnen muß. »Es ist wirklich unangenehm«, sagte Reem, »zuzusehen, wie andere das Leben genießen können – und man es selber nicht mitgenießen kann. «

»Ich verstehe das«, antwortete Merkel dem daraufhin weinenden Mädchen, »wenn du jetzt vor mir stehst – du bist ja ein unheimlich sympathischer Mensch – aber du weißt auch, in den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon gibt es noch Tausende und Tausende. Und wenn wir jetzt sagen: Ihr könnt alle kommen und ihr könnt alle aus Afrika kommen – das können wir auch nicht schaffen … Es werden manche auch wieder zurückgehen müssen. « Mit dem ins Publikum gesprochenen Satz »Deshalb möchte ich sie trotzdem einmal streicheln« ging Merkel auf das »unheimlich sympathische« Mädchen zu, um an ihm zur Befriedigung des Geltungstriebs einen Akt des Kindesmißbrauchs zu vollziehen, den durch entstellende Filmschnitte hinzulügen das Staatsfernsehen noch zwölf Stunden bis zu den »Tagesthemen « brauchen sollte.

** Siehe auch Thomas de Maizière: Wir Volksgenossen. Wenige Tage später gedachten die Deutschen mit Kranzniederlegungen der Toten an der Berliner Mauer, 138 an der Zahl in 28 Jahren, nicht wie heute, wo im Mittelmeer täglich mehr Menschen ertrinken müssen, weil der deutsche Innenminister de Maiziere Italiens Regierung genötigt hatte, das Programm Mare Nostrum zur Rettung von Flüchtlingen einzustellen, um anderen keinen Anreiz zur Flucht zu geben. Nach den Maßstäben, die deutsche Politiker und Journalisten an Menschen vom Balkan oder aus Afrika anlegen, waren neun von zehn der Opfer der Mauer »Wirtschaftsflüchtlinge«. Freilich, sie waren Volksgenossen, Deutsche, richtige Menschen, lebenswertes Leben.

Als in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 202 Überfälle auf Flüchtlingsunterkünfte verübt wurden, empfahl de Maiziere, das sogenannte Taschengeld für Flüchtlinge »genauer anzugucken«, das heißt: zu senken oder zu streichen, weil es »teilweise höher ist als ein Erwerbseinkommen in Albanien oder Kosovo«. Um tags darauf seine Schmierfinger in was immer zu waschen: »Gewalt anzuwenden und Hass zu säen muß ein absolutes Tabu sein. «Der Minister will deshalb sogar gegen »Rechtsextremisten« vorgehen. Allein, was nützt das, solange auf den Fahndungslisten kein de Maizière, Thomas, steht? Und kein Steinmeier, Frank-Walter, der sich der Forderung seines Komplizen anschloß, Flüchtlingen den Tagessatz von 4,89 Euro zu kürzen.

***Siehe auch Ursula von der Leyen. An der Grenze zu Tunesien, über die Menschen aus dem Süden nach Europa flüchten, verlangte die Kriegsministerin: »Diese Grenze muß übersichtlicher und kontrollierbarer werden. « Die Grenzsicherung soll mit Hilfe der Bundeswehr »sehr schnell und sehr konkret umgesetzt werden. « Die deutschen Medien wissen, wie man soviel Menschenfreundlichkeit verkauft: »Ursula von der Leyen will die junge Demokratie unterstützen und deshalb bei der Grenzsicherung helfen. « Weshalb? Deshalb.

**** Siehe auch H.Kohl / G.Schröder / J.Fischer: Befreiung aus dem Völkergefängnis. Bis zu Kapitulation des Realsozialismus und zum Krieg gegen Jugoslawien hatten die Staaten des Balkans ihren Bewohnern bescheidene, aber durchaus erträgliche Lebensbedingungen geboten. Minderheiten wie Roma und Sinti waren sicher, nicht von ihren Nachbarn erschlagen zu werden. Heute sind 35 Prozent der Kosovaren befreit, insbesondere von Arbeit und Einkommen. Wer in Kroatien das Glück hat, einen Arbeitsplatz bei Hugo Boss zu erwischen, geht mit stolzen 308 bis 440 Euro im Monat heim. Ein Drittel der Flüchtlinge vom Balkan sind Roma, Zigeuner also, auf die es die Deutschen ganz besonders abgesehen haben. Sie dürfen sich freuen, diesmal nur abgeschoben zu werden.

»In allen postkommunistischen Ländern müssen die Menschen wegen mangelnder medizinischer Versorgung früher sterben«, sagt eine Katrin Bornmüller – nicht von der Linkspartei dem »Neuen Deutschland«, sondern vom antikommunistischen Kampfbund »Internationale Gesellschaft für Menschenrechte« dem »Trierischen Volksfreund».

***** Siehe auch A.Merkel / F.-W.Steinmeier: Wir sind wieder wer. Andere fliehen aus Regionen, für die Deutschland »Verantwortung übernimmt«, speziell aus Afrika, dessen Ökonomie von deutschen und anderen Imperialisten im Verein mit vor Ort gekauften Gangstern ausgeplündert wird, bis auf die Bewohner nichts mehr wartet als Hunger und Tod.

Beim Thema zu bleiben: Eine Antikorruptionsbeauftragte ermittelt gegen mehrere leitende Mitarbeiter und deutsche Konzerne. Sie sollen leitende Angestellt des Flughafens-Berlin-Brandenburg bestochen haben, alle Nachforderungen der Firmen Siemens, Bosch und Telekom-Systems ungeprüft z begleichen. Und das unter den Augen deutsche Ordnungshüter und anderer investigativer Netzwerke. Was glaubt man, treibt die deutsche Wirtschaft erst in ihren überseeischen Provinzen?

****** Siehe auch A.Merkel / F.-W.Steinmeier: Seit gestern die ganze Welt. Mit dem Verdikt »Präsident Assad hat n der Spitze seines Landes nichts mehr verloren«, hat die Kanzlerin den Bürgerkrieg in Syrien angefeuert. Jetzt sind zehn Millionen Syrer auf der Flucht. Die Türkei hat 1,6 Millionen aufgenommen, der Libanon 1,2 Millionen. Deutschland 25.000.

******* Siehe auch Mir San mir. Das andere, bessere Deutschland gibt es nicht. Es gibt Deutsche und ein paar Menschen, die auch in dieser Gegend leben. Die richtigen Deutschen mögen keine Undeutschen, die einen zünden Ausländerheime an, andere, wie die Millionäre an der Hamburger Außenalster, setzten Himmel und Hölle in Bewegung gegen den Plan des Senats, Flüchtlinge im dort leerstehenden ehemaligen Kreiswehrersatzamt unterzubringen. Begründung einer in Gucci gewickelten Matrone: »Die Ausländer würden sich hier gar nicht wohlfühlen. Für die gibt´s hier doch gar keine Geschäfte«

Die Schweiger gibt es nicht nur im Plural. Anders als bei den ums Ansehen des deutschen Exports bemühten Demoskopen, die das Verhältnis von Rassisten zu den nicht ganz so schlimm. Deutschen von neun zu eins aus fifty-fifty zurechtlügen, und den Medien, die Events veranstalten, bei denen mittelständische Blitzlichtgewitterziegen die Vorjahresgarderobe spenden, finden sich da und dort auch diesseits des linken Rands ein paar Leute zusammen, die Distanz zu Merkels, Gabriels und Seehofers rassistischem Mob suchen. Zu ihrer Ikone haben sie einen Schauspieler und Filmproduzenten erkoren, der in Talkshows über viele Jahre hin jederzeit Gewähr gegeben hat, auf alles mit dem passenden Ressentiment zu reagieren. Er wird es morgen wieder tun. Heute entschuldigt er seine rassistischen Fans nicht wie Deutschlands Politik und Medien als Menschen, deren Sorgen

und Ängste ernstgenommen werden müßten. Er nennt sie beim Namen: Nazis. Und wie Karl Valentin zu Liesl Karlstadt, die sich über seine gläserlose Brille mokiert, möchte man über Til und seine schweigernde Minderheit sagen: Besser als garnix isses.

 

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