Christiane Linke über die „Memoiren eines alten Arschlochs“ von Roland Topor

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„Memoiren eines alten Arschlochs“ von Roland Topor

 Topor-Foto

 

Warum so hart? könnte man sich fragen. Aber genau dafür steht der Autor. Situationen und Personen schonungslos zu zeigen, Schamgrenzen („….Schamgrenzen erfinde ich nicht, sondern die Gesellschaft. Daran zu erinnern, dass der Mensch isst, verdaut, kopuliert etc. das ist nicht der Skandal. Aber wer das verdrängt, wird das Leben kaum ertragen.“ (aus einem Focus-Interview mit Gabi Czoeppan, 1994)) zu überschreiten und ungeniert zu beleuchten.

Das Buch zeichnet die fiktive Geschichte eines berühmten Malers. Aus gutem Haus und von den Eltern bis zum Bankrott des Vaters gepäppelt, zeigt sich bereits bei dem kleinen Jungen die besondere Begabung. Das Bild eines kleinen Mädchens hat es ihm angetan. Er kopiert das Gemälde und tauscht es, ohne, dass es die Besitzer zunächst bemerken, aus. Nach dem Bankrott seines Vaters als Bankier und dessen Freitod muss der Junge in der Küche eines Restaurants arbeiten. In seiner kleinen Stube fertigt er Zeichnungen an, die von einem Kellner mit Sachverstand entdeckt werden. Dieser führt ihn in die Pariser Künstler- und Intellektuellenszene ein. Nun überschlagen sich die Ereignisse und bei der folgenden irrwitzigen Reise durch die Zeitgeschichte begegnet er Größen wie Picasso, Trotzki, und leider auch Hitler, Stalin und anderen. Er nimmt diese systematisch auseinander und seziert dabei ironisch ihre Stärken und Eitelkeiten. Dabei scheut er sich auch nicht, den Kubismus zu erfinden, Trotzki versehentlich zu erschlagen, oder längst verstorbene Künstler zu berühmten Werken anzuregen. So unterrichtet er Picasso im Töpfern und inspiriert ihn zu seinen ersten Skulpturen. In hohem Alter versickern die Erinnerungen und er glaubt noch einmal seinen alten Freund und Mäzen aus dem Restaurant zu treffen. Hier schließt sich der Kreis.

Topors Mut ist beachtlich. Man könnte sagen, dass er jeden Stein anhebt und darunter schaut. Manche Affen fallen dabei in Ohnmacht. Er stellt in Frage und hält dies für eine Selbstverständlichkeit, ja vielleicht sogar für eine Pflicht. Keine Obrigkeitshörigkeit. Sondern Lust, Tabus zu brechen, zu provozieren, aber nicht zu verletzen.

Die Idee seines Buches ist gut, wird aber mit der Vielzahl der Figuren überstrapaziert. Man denkt unwillkürlich „und wer kommt jetzt noch?“ Bei manchen Figuren ist er zum Teil scharf satirisch, dann aber bei einer Schreckensfigur wie Hitler zu seicht plaudernd.

 

Topor über Topor (aus dem Begleitheftchen „Memoiren eines alten Arschlochs, Diogenes): „Der typische Humor ist für mich die Geschichte von dem zum Tode Verurteilten, der die letzte Zigarette mit den Worten ablehnt: „ Nein danke, ich will doch aufhören!“

 

 

galeriemartel / Werke von Roland Topor

 

                 „Bon appetit“                                                                „Drehbuch“

Topor - BA                            Topor - D

 

2015 © Christiane Linke
christianelinke22@gmail.com

 

 

Siehe auch:

 

 

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