Das Geisterhaus – Architektur und Stadtplanung heute

Georg Seeßlen
Das Geisterhaus
Abschweifungen über Stadtplanung in Neoliberalismus und Postdemokratie. Zweiter und letzter Teil: Bauwut und Virtualisierung.
1 Die neoliberale Stadt will attraktiv für Personen, Firmen und Institutionen sein, die vom Neoliberalismus profitieren, und sie will nun dieses »Humankapital« binden. Jede Marke lebt nicht allein davon, daß sie ein Glücks- und Sinnversprechen ist, sondern auch davon, daß sie die anderen neidisch macht, daß der Markenträger sich mit einem, der die gleiche Marke trägt, versteht, und der Gebrauch der Marke generiert umgekehrt ein Ausschlußverfahren. Die Stadt als Marke zur Selbstidentifizierung hierarchisiert (etwa über die Immobilienpreise, die nicht mehr allein durch Angebot und Nachfrage, sondern durch ebendiesen Markenwert bestimmt werden).
Einer Stadt als »guter Marke« muß eine soziale Praxis also gar nicht mehr entsprechen. Die Marke Berlin, London oder Helsinki wird aus dem Inneren ebenso wie aus dem Äußeren erzeugt, so wie man Bilder, die die Marke einer Stadt generieren, nur sehr selten zu Gesicht bekommt, wenn man in ihr lebt. Kunst und Kultur, Toleranz in Sachen Genuß, Sex und Sitte ebenso wie die Pflege großer Traditionen, »Lebendigkeit « und Möglichkeiten der »gehobenen Freizeit« (das Vergnügen für den Nachwuchs nicht zu vergessen) gehören dazu und geben diesen Städten ein »Flair«, auf das selbst die kritischeren und dissidenten Zeitgenossen gelegentlich hereinfallen. Das Nebeneinander von verschiedenen Lebensstilen gilt als Ausweis von kosmopolitischer Ausstrahlung. Die Politik investiert in Kunst und Kultur wie in eine Wurst, mit der man nach einer Speckseite wirft. Man glaubt, eine kulturell attraktive Stadt führe automatisch zu einer ökonomisch erfolgreichen Stadt (und die Kunst, die man so fördert, hat schon das Begehren nach diesem ökonomischen Erfolg in sich).
2 Die vier Modelle der neoliberalen Stadtentwicklung – postindustrielle Ballung, Cluster, populistische Spektakel und Stadt als Marke – haben zwar nacheinander Konjunkturen, existieren aber mittlerweile mit- und gegeneinander, bilden Sphären aus, verdrängen, ja vernichten einander, nur um gleich wieder an anderer Stelle den Kampf oder die Komplizenschaft aufzunehmen. Eins der Symptome dieses Spannungsverhältnisses sind die zunehmenden Proteste der Bürger, die sich um die ihnen gemachten urbanen Versprechungen betrogen sehen, ein anderes die Exaltationen des Neomonumentalismus: Städte liefern sich in einem globalen Wettbewerb Schlachten um die größten, höchsten und schrägsten Gebäude. Diese Gebäude, wie der 310 Meter und 72 Stockwerke hohe Glasturm The Shard inmitten Londons, sind keine neuen Dominanten, die das Bild einer Stadt mählich verändern; ihr einziges Ziel scheint es zu sein, den Triumphalismus ihrer Erbauer zu einer Unterwerfung der »alten Stadt« zu mißbrauchen. Der Neoliberalismus, der keine Vergangenheit mag, wenn man sie nicht in ein Disneyland verwandeln kann, arbeitet hier paradoxerweise auf eine Zukunft hin, die für den Rest der Welt ohnehin nur apokalyptisch sein kann. Der »Immobilienentwickler« und »Investor« Irvine Sellar bekennt stolz, sein Hochhaus werde London »für Jahrhunderte verändern«. Hier baut sich die Macht, die keine Rücksicht auf das Vergangene und Gegenwärtige mehr nehmen muß (und will), ihr Denkmal. Doch der Neoliberalismus, der sich auf solch aggressive Weise zu erkennen gibt, ruiniert fachgerecht die anderen (illusionären) Eckpunkte der Stadtentwicklung, das Privatinteresse der ökonomischen Oligarchie obsiegt so sichtbar über das Gemeinwohl und den Konsens, daß das Bild der Stadt zerfallen muß. Es handelt sich um einen Krieg der Marken: Die Marke Sellar/Renzo Piano übermalt die Marke London. Aber auch dieser Glasturm erfüllt perfekt die beiden Aspekte des neoliberalen Bauens: Er ist einerseits Paradies für die Oligarchen selber (inklusive Swimmingpool mit Panoramablick im 52. Stock, »exklusiver« Restaurants und Bars, eines »Luxushotels«), und er soll andererseits eine Attraktion für die medialisierten (Touristen-)Massen sein. Distinktion und Konvergenz in einem.
Die Bauwut, die den politisch-ökonomischen Komplex in den Finanzmetropolen ergriffen hat, wird weithin als Zeichen des Triumphs nach der Krise gedeutet. Kritische Zeitgenossen erkennen in der »ordinären« Dominanz solchen rücksichtslosen Bauens allerdings eher ein spätes Symptom dieser Krise, noch vor den Erzählungen vom ökonomischen Scheitern dieser Bauwerke, von denen so viele von vorneherein zu einem erschütternden Gespensterdasein verurteilt scheinen. Die Allianz zwischen dem »ordinären « Investor und dem »kultivierten« Architekten verlängert diese Krise ins Unendliche, es ist eine öffentliche Unterwerfung der Ästhetik unter das Geld. Die Bauwut wurde schon immer in den großen Erzählungen als Vorzeichen der Katastrophe gewertet, vom Turmbau zu Babel über die Märchenschlösser des bayerischen Königs Ludwig II. bis zu den Twin Towers: Architektonische Hybris und Zerfall folgen einander, wie man so sagt, relativ zeitnah.
The Shard (Die Glasscherbe) zeigt ein Bauen des think big, das auf einen Zusammenhang mit dem Common Sense pfeift. Mag Renzo Piano immerhin ein architektonisches Werk eigener Art gelingen, eine Mehrzahl der Postkrisenarchitekturen des Neomonumentalismus erscheint weniger als großer Wurf denn als eine ins Überdimensionierte gesteigerte Kleinkariertheit.
3Eine Gesellschaft der Rücksichtslosen baut rücksichtslos, so what? War etwa früher alles besser? Wäre die moderne Stadt möglich geworden ohne rücksichtslose Eingriffe von Architektur, Politik, Ökonomie, wenn es sein muß, Polizei (und es mußte öfter sein, als unsere Stadtgeschichten es glauben machen wollen)? Auch das think big früherer Epochen war ökonomisch, nur eben nicht neoliberal. Das heißt, es ging um zusammenhängende Räume zum Leben, Arbeiten und Wirtschaften, das Konzept sah Grenzen und Beziehungen vor. Die neoliberale Stadt kann gar nicht mehr groß, nicht einmal mehr »urban« gedacht werden; ihre großen Projekte können nur entstehen, weil ihre Eigner/Entwickler einen Raum benutzen, den die geschmeidige Verbindung von Politik, Ökonomie, Wissenschaft und Kultur geschaffen hat, um in ihm zu wüten. Die Bewohnbarkeit ist gar kein Ziel dieser Stadt mehr, und das geheime Ziel vieler Gebäude scheint darin zu bestehen, den Raum zwischeneinander zu leeren, von Menschen, am Ende gar von Luft. Die neoliberale Bauweise in diesem Stadium richtet sich nach innen; daß das Gebäude, immer mehr autonom, überlebens- und entwicklungsfähig ist, wird bezahlt mit der Entlebendigung des Umfelds. Diese Türme bewachen nicht mehr die Stadt, sie bewachen vielmehr die Insassen gegen die Stadt.
Gehe durch die Stadt. Dort, wo sie neoliberal umgestaltet ist, gibt es nichts mehr zu sehen. Zu Hause bist du nur in dem Drinnen, das die Security bewacht; draußen findet das Abweisende sein Zeichen. Hineinsehen sollst du in die untersten Etagen, dort arbeiten Menschen wie du. Die von oben kannst du nicht mehr sehen. Denen in den obersten Stockwerken gehört die Stadt, sie schauen darauf wie auf ein Spielzeug herab. Eine oligarchische Gesellschaft braucht oligarchische Bauwerke, so what?
4Architekten wie Hans Kollhoff beklagen sich: »Wir leben in einer Gesellschaft, die es offenbar aufgegeben hat, schöne Städte zu bauen oder auch nur zu erhalten. Man hat es aufgegeben, weil man glaubt, es sich nicht leisten zu können«, schreibt Kollhoff in »Cicero« 2/12. »Man gibt das Geld offenbar für Wichtigeres aus und leistet sich eine Verwahrlosung, die jedem empfindsamen Menschen, der sich dem Blick zurück nicht verschließen will, die Schamröte ins Gesicht treiben muß. Um so lauter wird das Hohelied der Zukunft und des Fortschritts gesungen, und die Slums werden gepriesen als Ankunfts- und Aufstiegsquartiere. « Aber hörten wir je von einem Architekten, der einen lukrativen Auftrag oder einen, bei dem er »seine Visionen verwirklichen« konnte – scheiß auf den Rest – , abgelehnt hätte? Oder von einem Baureferenten, dem Ästhetik wichtiger war als Ökonomie? Und wie sollte es anders sein? Die neoliberale Stadtentwicklung ist nichts anderes als Klassenkampf in Beton, Glas und Stahl, und an die Stelle einer Stadt der Klassen (samt prekären Übergängen und gefährlichen Mischzonen, wagemutigen Übergriffen und abenteuerlichen Exkursionen) ist eine Stadt getreten, die die neuen Klassen erzeugt und der ökonomischen Oligarchie freien Raum für ihre einzige Passion bietet, einander zu überbieten und auszustechen. Ein neoliberales Bauwerk gibt nicht etwas zu sehen oder öffnet gar Blickachsen und Räume, ein neoliberales Bauwerk hat die Macht, den Blick zu verstellen. Radikal.
5Der Kulturbau indes wird zur letzten Rettung der untergehenden Industriestadt: Alle alten Industrieanlagen werden in Kulturstätten verwandelt, eine dekultivierte Gesellschaft wird mit Kultur überfüttert. Wer soll das alles ertragen? Die Metalegende dafür bietet das Guggenheim-Museum, mit dem Frank O. Gehry der öden Industriemonopole Bilbao »neues Leben« eingehaucht habe. Peter Eisenmans Ciudad de la Cultura in Santiago de Compostela folgte: Kulturarchitektur als Rettung vor dem Versinken in Bedeutungs- und Sinnverlust. Im Gegensatz zu den neuen »babylonischen« Türmen in den Städten entstanden hier übertheoretisierte und überteuerte Komplexe von täuschender organischer Sanftheit. So wie hier der Turm die Stadt überragen (und damit unbrauchbar machen) soll, so wird sie hier negiert. Dem Blickwachturm des Neoliberalismus steht der Einkehrtempel des Neoliberalismus gegenüber, der nicht weniger maßlos ausfallen darf. Offenbar ist in beiden Formen des neoliberalen Bauens innere und äußere Leere einkalkuliert; sie zu füllen, fehlt noch soziale und kulturelle Praxis. Daß die Stadt der Kultur ebenso wie etliche babylonische Türme schließlich irgendwo zwischen Bauruine und unvollendet rangiert, ist nicht nur wundersam treffende Metapher, es folgt der Logik des neoliberalen Wirtschaftens.
6Der Monumentalismus der neoliberalen Kulturbauten dient der ökonomischen wie der politischen Herrschaft. In aller Regel bietet das Gigamuseum, die Kulturstadt, die Megabibliothek einem postdemokratischen Politiker (oder warum nicht gleich einem Vertreter des frankistischen Faschismus wie Manuel Fraga Iribarne im Fall der Ciudad de la Cultura) als Denkmal und Mausoleum. Auch dies weist auf den Kulturbau als neue Form der »Herrschaftsarchitektur «. Diese Herrschaft »offenbart« sich in drei Formen der Architektur: im ökonomisch- babylonischen Superbau, im ästhetisch geadelten Kulturmonument und in der persönlichen Villa (die natürlich getoppt wird vom Schloß derer zu Guttenberg oder von Silvio Berlusconis Insel: beides zugleich Kurzschlüsse mit den Phantasien der populären Kultur und ihren Blödmaschinen). Daß der deutsche Bundespräsident im Jahr 2012 an der Finanzierung eines angemessenen »Eigenheimes« scheitern muß, ist die Farce zur Tragödie des neoliberalen Kaputtbauens unserer Welt. Er benötigte das Haus, das er mit freundschaftlich-ökonomisch transferiertem Geld baute, für seinen persönlichen wie für seinen politischen Status. Er mußte, wenigstens was dieses (im kleineren Maßstab: monumental-kleinkarierte) Gebäude anbelangt, das unmoralische Angebot annehmen, um sich architektonisch der oligarchischen Herrschaft anzunähern – so wie er auf den Ehrensold nicht verzichten kann, wenn er nicht dem Begehren nach Zugehörigkeit zu diesem Stand (mag sie auch Illusion und soziale Kasperei sein) entsagen wollte. Zur Herrschaftsarchitektur gehören ebenfalls die dräuenden Monumentalbauten der Banken, Versicherungen, Handelskammern, Verwaltungen – old school, aber nach wie vor wirksam: So klein wir sind im Zeichen der Deutschen Bank, bleibt uns diese Herrschaft fremd – und wir sehnen uns nach McDonald’s-Architektur.
7Beinahe jede Art zu wohnen ist im Neoliberalismus eine soziale Falle, ein gläsernes Einmauern, ein falsches Repräsentieren, die architektonische Errichtung der Leere. Daher erscheint der nächste Schritt schon wieder als mögliche Erlösung: die Virtualisierung der Stadt, die Rekonstruktion der verlorenen Einheit, der verlorenen Dialoge durch Projektion, Licht und Spektakel. War Downtown nicht immer schon ein »Lichtermeer«? Wozu dann noch bauen, was der Blick begehrt?
Die Stadt wird überdies definiert durch die Verkehrsströme, die durch sie fließen, durch die Fähigkeit, Menschenwolken zu bilden. Die moderne Stadt erzeugte den Massenmenschen; die postmoderne Stadt wird vom massenmedialen Menschen erzeugt. Stadt ist, wo viele Menschen sich bewegen. Sie machen, worin sie sich bewegen, gern unsichtbar. Sie folgen den immer gleichen Strömen der Werbeschilder von einer Kaufgelegenheit zur anderen. Die nicht mehr vorhandene Stadt wird durch Shopping neu erschaffen, das vorgezeichnet ist von der Macht der Konzentration, der Zerstreuung an den Enden. Endet die Stadt nicht schon jenseits der Einkaufsstraße? Sie zerfällt dort jedenfalls ins Geheimnisvolle und ins Banale, ins Museale und ins No Go. Die Knoten der Stadt bringt der Geruch von Fast Food hervor. Urban ist, wenn es viele davon gibt, mögen sie auch alle mehr oder weniger das gleiche anbieten. Fast Food ist die ideale Verbindung von Arbeit und Vergnügen; Fast Food erzeugt eine Stadt, die sich sowohl als effizient und fleißig, als auch als hedonistisch und unterhaltsam sehen lassen will.
Eine Stadt, die sich selbst als Marke etablieren will, bricht unter dem Wuchern der Marken in ihrem Inneren zusammen. Die immergleichen Markenzeichen haben – neben Verkehr, Shoppingrouten, Food-Gerüchen, Licht und Projektionen – die Herrschaft in der virtuellen Stadt. Eine Stadt ist eine Stadt, weil sie die Menschen aus dem Umland anzieht, so wie ein Zentrum ein Zentrum ist, weil es die Menschen aus der Peripherie anzieht. Wie sie das machen, die Stadt und das Zentrum (das »Metropole« mithin), ist zweitrangig, aber offenbar ist die Architektur nicht mehr das Leitmedium dafür. Die neoliberale Stadt entsteht trotz ihrer Architektur, nicht durch sie.
Die Kulturbauten des Neomonumentalismus, die Museumsquartiere und gentrifizierten Mausoleen, erhalten hierbei einen weiteren Stellenwert. Ihre Konzentration ist nur auf den ersten Blick eine beeindruckende Ballung von Angeboten und Differenzierungen, genauer besehen ist sie nichts anderes als ein Auslagern: Die Kultur muß in der neoliberalen Stadt auf solche spektakuläre Weise klumpen, weil sie aus der realen Stadt vertrieben und zum Clustern gezwungen wird, während das Zentrum fürs Shoppen die Durchsetzung mit Kultur aufhebt (abgesehen natürlich vom Luxussegment: In der Nähe von Museen, Theatern und Opern siedeln sich gern Hochpreisangebote an). Kulturelle Großbauten ermöglichen und maskieren das kulturelle Veröden der Innenstädte. Sie verschlingen die kulturellen Energien, und in ihrem Inneren ist die Stadt vollkommen verschwunden. Man könnte auf dem Mars sein. So wie die Kunst selbst im Eventzirkus der Superausstellungen unentwegt auf Reisen ist, so wie umgekehrt die Kunstszene um die Welt reist – von der Ausstellung zur Messe und von dort zur Galerie und dann ins Auktionshaus, wo man gerade die nächste Rekordsumme anpeilt – , so sind die großen Kulturbauten Raumschiffe auf Zwischenlandung. Noch wichtiger, als ihr Zeichen in der so »belebten« Stadt zu genießen, scheint einer Mehrheit der beruhigende Eindruck, daß man auf diese Weise Kunst und Kultur gebannt hat, daß man sie kontrolliert (man weiß doch um die subversiven Wirkungen!), daß man sie los wird.
Der neoliberale Neomonumentalismus ist ein Bauen des Abhebens. Die Stadt dazu soll sich gefälligst selber spielen. ?
Georg Seeßlen hat gerade das Buch Future Sex in Queertopia. Sex-Fantasien in der Hightech- Welt 3 (Bertz + Fischer) veröffentlicht konkret
Konkret 05/12, S. 56

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