Götter des Gemetzels

Jörg Kronauer
Götter des Gemetzels
Die internationale Empörung über die Massaker in Syrien wächst. Doch wer sind die Täter?
Er sei »erschüttert«, teilte Guido Westerwelle mit. Es sei »schockierend und empörend, daß das syrische Regime seine brutale Gewalt gegen das eigene Volk nicht einstellt «. Mehr als 100 Menschen, unter ihnen zahlreiche Kinder, waren am späten Abend des 25. Mai in der Stadt Hula brutal niedergemetzelt worden. Die Verantwortlichen, ließ sich der deutsche Außenminister vernehmen, dürften nicht ungestraft davonkommen. Die Bundesregierung reagierte rasch: Schon wenige Tage nach dem Massaker verwies Berlin den Botschafter Syriens des Landes.
»Syrische Oppositionelle«, schreibt Rainer Hermann am 7. Juni, hätten »in den vergangenen Tagen aufgrund glaubwürdiger Zeugenaussagen den wahrscheinlichen Tathergang in Hula « rekonstruiert. Hermann ist als Korrespondent der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« seit Jahren in zahlreichen Ländern des Nahen und Mittleren Ostens unterwegs; er ist trotz des Bürgerkriegs nach Syrien gereist und berichtet von dort. Die Namen der Oppositionellen, die die barbarischen Geschehnisse in Hula recherchiert haben, darf er nicht nennen, denn Regimegegner, die Gewalt ablehnen, laufen Gefahr, von bewaffneten Aufständischen ermordet zu werden. Die Ergebnisse ihrer Recherchen aber sind präzise und stimmig.
Laut ihrer Rekonstruktion begannen die Kämpfe am 25. Mai nach dem Freitagsgebet mit Angriffen sunnitischer Rebellen auf drei Checkpoints der Armee bei Hula. »Die Kontrollpunkte haben die Aufgabe, die alawitischen Dörfer um das überwiegend sunnitische Hula vor Anschlägen zu schützen«, schreibt Hermann. Die Kämpfe eskalierten, es gab zahlreiche Tote auf beiden Seiten. Währenddessen kam es mitten in Hula zum Massaker. Es seien fast nur »Familien der alawitischen und schiitischen Minderheit Hulas« umgebracht worden, berichten laut Hermann die Oppositionellen: So seien »mehrere Dutzend Mitglieder einer Familie abgeschlachtet « worden, »die vom sunnitischen zum schiitischen Islam übergetreten sei«, außerdem »Mitglieder der alawitischen Familie Shomaliya« sowie »die Familie eines sunnitischen Parlamentsabgeordneten, der als Kollaborateur galt«. Nach dem Blutbad hätten die Täter »ihre Opfer gefilmt, sie als sunnitische Opfer ausgegeben und die Videos über Internet verbreitet «. Vertreter des Damaszener Regimes hätten die Ergebnisse der Recherche bestätigt.
Das Massaker von Hula zeigt: Der syrische Bürgerkrieg hat die Schwelle zum religiös motivierten Gemetzel überschritten; und es morden keineswegs nur das Regime und die ihm loyalen Shabiha-Banden. Die Kräfte, die im Frühjahr 2011 friedlich gegen das syrische Regime aufbegehrt haben, werden zwischen den bewaffneten Fronten aufgerieben – dem brutal zuschlagenden Regime auf der einen und diversen nicht minder brutal mordenden Milizen auf der anderen Seite. Einzelne Regionen, etwa Homs, werden mittlerweile von bewaffneten Aufständischen kontrolliert; in Homs wurden vor kurzem drei Kirchen niedergebrannt, rund 9.000 Christinnen und Christen aus der Region sind nach Damaskus geflohen. Wer den Konflikt ohne Gewalt und ohne Einmischung aus dem Westen lösen möchte – und das tun, anders als der vom Westen hofierte Exil-Club Syrian National Council (SNC), weiterhin viele Oppositionelle vor Ort – , steht auf verlorenem Posten.
Der deutsche Außenminister ist Anfang Juni auf Nah- und Mittelostreise gegangen. Er traf sich in Qatar mit dem Ministerpräsidenten und besuchte den Sender Al Jazeera. Das Auswärtige Amt war anschließend des Lobes voll. »Die Golfstaaten«, schreibt Hermann, einer der besten Kenner der Region und nicht dafür bekannt, Fundamentalopposition gegen Berlin und dessen Partner zu betreiben, gießen in Syrien »kräftig Öl ins Feuer, mit der Lieferung von Waffen und ihren Satellitensendern«. Über Al Jazeera rufe der berühmte Prediger Yusuf al Qaradawi zum »Jihad gegen die Alawiten« auf, Programme anderer Golf-Sender mit Titeln wie »Das sunnitische Blut ist vereint« könnten in Syrien empfangen werden. Und Berlin und Washington koordinieren ihre Syrien-Politik weiterhin mit den arabischen Golfdiktaturen, vor allem mit Qatar. Schließlich geht es dem Westen vordringlich nicht darum, den Bürgerkrieg zu beenden: Vorrang hat der Sturz des Assad-Regimes. Das hat Gründe. Assads Syrien ist der einzige mit Iran verbündete Staat in der arabischen Welt und daher integraler Bestandteil des mittelöstlichen Hegemonialkampfs. Weil die arabischen Golfdiktaturen ebenfalls mit Iran auf Kriegsfuß stehen, bieten sie sich als Verbündete gegen Assad an. Auch konkrete gemeinsame Planungen für die Zeit nach dem Regimesturz haben längst schon begonnen. Die selbsternannte »Gruppe der Freunde des syrischen Volkes «, ein Ad-hoc-Bündnis westlicher und prowestlicher Staaten, dessen syrischer Partner der im Land selbst überhaupt nicht verankerte SNC ist, hat am 1. April eine »Arbeitsgruppe« eingesetzt, die den Umbau der syrischen Ökonomie vorbereiten soll. Ende Mai ist die »Arbeitsgruppe « in Abu Dhabi zur konstituierenden Sitzung zusammengekommen – unter der Leitung des Berliner Diplomaten Clemens von Goetze und eines emiratischen Kollegen.
Von Goetze selbst hat darauf hingewiesen, daß die »Arbeitsgruppe« keineswegs nur Nothilfemaßnahmen plant. Sie soll »eine langfristige Perspektive für das Land« öffnen und hat dazu nun mehrere »Untergruppen« gebildet. Deutschland leitet die »Untergruppe« für »Wirtschaftspolitik und Reform«, die den Übergang Syriens »von einer zentral geleiteten Wirtschaft in eine Marktwirtschaft« gestalten soll, heißt es in Berichten. Dazu wird ein Sekretariat eingerichtet, das Deutschland und die Vereinigten Arabischen Emirate gemeinsam finanzieren. Leiten soll es der Deutsche Gunnar Wälzholz. Er hat Erfahrung: Zuletzt war er Chef der Außenstelle der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) in Afghanistan.
Konkret 07/12, S. 33

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