Doch, dieses Massaker hat mit Islam zu tun! Terrorismus gegen Europa hat sich lange ausgezahlt

Ayaan Hirsi Ali
Kommentar von Ayaan Hirsi Ali: Doch, dieses Massaker hat mit Islam zu tun!
In der Tagesschau “sterben” die Geiseln

Thomas Heck

Die Berichterstattung der Tagesschau lässt häufig zu wünschen übrig. Eigentlich immer. Ob es zum Gaza-Krieg war oder zu anderen Gelegenheiten, es hörte sich an manchen Tage so an, als säße die Hamas bereits in der Chefredaktion. Das Team der Tagesschau schafft es immer, die Nachricht so zu drehen, bis sie politisch ins Konzept passt. Frei nach dem Motto, es kann kann nicht sein, was nicht sein darf. Man sagt, das erste, was im Krieg stirbt, sei Wahrheit ist. Bei der Tagesschau ist die Wahrheit schon viel früher tot.

So fällt in der aktuellen Berichterstattung aus Frankreich auf, wie präzise vermieden wird, Moslems als Täter und Juden als Opfer zu erwähnen, weil der Jude nur ein Täter und ein Moslem nur ein Opfer sein kann. So wie man es aus der Nahost-Berichterstattung kennt. Sollte es mal anders sein, wird sich schon ein Weg finden. Mir blieb gestern bei der Tagesschau um 20 Uhr die Spucke weg.

O-Ton Tagesschau: “Bei der Geiselnahme im Südosten von Paris starben gestern vier Geiseln – wohl alle durch die Schüsse des später getöteten Geiselnehmers.”

So wurde verschwiegen, dass es sich um einen koscheren Supermarkt handelte. Es wurde verschwiegen, dass es sich um ermordete Juden handelte. Es wurde verschwiegen, dass der Täter in einem Radiointerview Juden als ausdrückliches Ziel erwähnte, sein muslimischer Hintergrund findet gar keine Erwähnung. Es wurde verschwiegen, dass die Geiseln ermordet wurden, für die Tagesschau starben sie einfach. Selbst die Tat des Mörders wird relativiert.

Dass die Politik demonstrativ den Schulterschluss mit den Moslems sucht und mit denen Solidarität demonstriert, die eine Religion vertreten, auf die sich Mörder berufen, ist widerlich, pietätlos und lässt Böses erahnen. Wie verzweifelt müssen die Parteien sein, wenn Pegida-Demonstranten mit Salafisten gleichgestellt werden? Wie verzweifelt muss eine SPD sein, wenn auf Teufel komm heraus dem Bürger das Thema doppelte Staatsangehörigkeit aufgedrückt wird, nur um sich Wählerstimmen zu sichern, wohl wissend, dass niemand die Folgen abschätzen kann?

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/in_der_tagesschau_sterben_die_geiseln

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Die Verantwortung der Muslime. Was der Islam mit dem Islam zu tun hat.

Auch nach dem Anschlägen von Paris hieß es wieder reflexartig: Das habe nichts mit dem Islam zu tun. Doch muslimische Verbände müssen sich fragen, wieso ihre Religion so viele Terroristen hervorbringt. Und was sie tun können. Ein Kommentar.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 11.01.2015, von Michael Martens, politischer Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Istanbul. 

Das Muster ist bekannt: Wenn irgendwo auf der Welt mit der Begründung, Allah sei groß, Köpfe abgeschnitten oder Frauen vergewaltigt werden, wenn Selbstmörder sich und andere zum Ruhme dieser Größe in Fetzen sprengen, dauert es nicht lange, bis jemand sagt, all das habe nichts mit dem Islam zu tun. Recep Tayyip Erdogan, der türkische Staatspräsident, könnte ein ganzes Poesiealbum mit solchen Aussagen füllen.

Vor einigen Monaten ereiferte er sich darüber, dass Menschen Menschen massakrieren, nachdem sie „Allahu Akbar“ gerufen haben: „Das passt nicht zur wahren Identität des Islam… Das hat keinen Platz, niemals, in unserer Religion.“ Bei anderer Gelegenheit beklagte er die wachsende Islamophobie der westlichen Welt, den Rassismus und die Vorurteile gegen Muslime. Terrororganisationen wie der „Islamische Staat“ oder „Boko Haram“ missbrauchten den Islam, so Erdogan.

Als Papst Franziskus jüngst die Türkei besuchte, verkündete Mehmet Görmez, Chef der türkischen Religionsbehörde Diyanet, der Islam sei eine Religion des Friedens, Terrorismus dagegen ein Aufstand gegen Gott: „Als Muslime lehnen wir Extremismus und Blutvergießen ab.“ Das türkische Außenministerium hat das Massaker von Paris nun auf ähnliche Weise verurteilt: „Die Täter haben die Zivilisation, der sie anzugehören behaupten (lies: den Islam), aufs Gröbste verraten. Es ist offensichtlich, dass dieser brutale Angriff keinem anderen Zweck dienen wird, als islamfeindlichen, rassistischen und xenophoben Kreisen den Boden zu bereiten.“ Und der Zentralrat der Muslime in Deutschland teilte mit: „Durch diese Tat wurde nicht unser Prophet gerächt, sondern unser Glaube wurde verraten und unsere muslimischen Prinzipien in den Dreck gezogen.“ Deutschlands Innenminister Thomas de Maizière schließlich sagte der „Süddeutschen Zeitung“ kurz nach dem Massaker: „Terroristische Anschläge haben nichts mit dem Islam zu tun.“

Die Inquisition hatte auch etwas mit dem Christentum zu tun, Stalinismus mit Marxismus, SS mit dem Nationalsozialismus, usw. usf.

Recht hat der Minister, wenn er davor warnt, Muslime unter Generalverdacht zu stellen. Terroristen stehen so wenig allein für den Islam wie Dresdens Nörgelsachsen mit ihrem schwarzrotgoldenen Montagabendchristentum für deutschen Patriotismus. Die große Mehrheit der Muslime ist nicht radikal und schon gar nicht terroristisch. Fast alle Muslime sind unbescholtene Bürger, ehrliche Steuerzahler, liebevolle Eltern, treusorgende Gatten, und der Islam ist eine Religion der Liebe. Amen.

Nur: Genauso, wie die Verbrechen der Kreuzfahrer, die spanische Inquisition, die Grausamkeiten der Täufer in Münster, die Menschenvernichtung der Konquistadoren in Südamerika, die Pogrome im russischen Zarenreich und all die vielen anderen Untaten aus dem Pitaval des Abendlandes durchaus etwas mit dem Christentum zu tun hatten – indem sie dessen hässlichstes, grausamstes, dümmstes Gesicht zeigten –, so haben selbstverständlich auch Verbrechen wie jenes von Paris etwas mit dem Islam zu tun.

http://media0.faz.net/ppmedia/aktuell/MMV705822_TDE/1.3363770/article_multimedia_overview/muslime-in-frankreich-nach-anschlaegen-geschockt.jpg

© afp Muslime in Frankreich nach Anschlägen geschockt

Wie das Geschriebene interpretiert wird – und vom wem

Das wird in der muslimischen Welt (und um der lieben Friedhofsruhe willen auch im Westen) aber allzu oft unter den Gebetsteppich gekehrt. Die meisten der Männer, die in Allahs Namen morden, haben in Moscheen gebetet und lesen aus dem Koran die Rechtfertigung ihres Tuns heraus. Dass muslimische Verbände die Untaten verurteilen, ist eine Selbstverständlichkeit, so wie man „Gesundheit“ sagt, wenn jemand niest. Statt aber nach Attentaten reflexhaft zu sagen, Terroristen missbrauchten den Islam, müssten Imame, muslimische Funktionäre und die Führer islamisch geprägter Staaten danach fragen, woher dieser Missbrauch kommt. Die Behauptung, das Massaker von Paris habe nichts mit dem Islam zu tun, hat die Qualität der Feststellung, der Archipel Gulag habe nichts mit dem Stalinismus zu tun, da Stalin die Befreiung, nicht die Einsperrung der Arbeiterklasse propagiert habe. Denn der Stalinismus war eine Ideologie der Liebe – lässt sich mit Stalin-Zitaten belegen. Und christliche Koran-Verbrenner in Amerika haben nichts mit dem Christentum zu tun, weil die Bibel sie nicht erwähnt. So abgeschirmt gegen die Wirklichkeit wird im Ozeanien von George Orwell geredet: Krieg ist Frieden, Freiheit ist Sklaverei, und der Islam hat nichts mit dem Islam zu tun.

Jenseits von Ozeanien aber gilt, dass sich die Perversion einer Ideologie nicht einfach von dieser Ideologie trennen lässt. Im Koran finden sich Belege für Menschenliebe und Menschenhass, weshalb niemand die Zitatschlachten von Jubelsuren gegen Sudelsuren gewinnen kann. Es kommt nicht darauf an, was im Koran steht. Sondern darauf, wie das Geschriebene interpretiert wird. Wer Rang und Namen hat als Muslim, müsste daher tagtäglich mahnen: Einige, die unseren Glauben im Munde führen, haben die moralische Pest – und wir können nur unseren Frieden finden, wenn wir jeden Tag, den Allah werden lässt, darüber sprechen, dass wir sie heilen müssen. Solange sich all die Imame und Scheichs nicht fragen, warum ihre Religion so viele Perverse hervorbringt und warum die Lehren ihres Propheten so viele Menschen gebären, die sich mordend auf ihn berufen, solange werden sich Verbrechen wie das von Paris wiederholen – einmal auch in unserer Nähe.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.01.2015
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Terrorismus gegen Europa hat sich lange ausgezahlt

<br /><br /> München am 5. September 1972: Eine politische Delegation verhandelt im olympischen Dorf mit einem der palästinensischen Geiselnehmer<br /><br /> München am 5. September 1972: Eine politische Delegation verhandelt im olympischen Dorf mit einem der palästinensischen Geiselnehmer Foto: picture alliance / dpa

Vom Olympia-Attentat in München 1972 bis zu den Mykonos-Morden in Berlin 1992: Allzu lang hat Europa auf den nahöstlichen Terror mit Appeasement reagiert. Damit wurden heutige Nachahmer ermuntert.

Das Massaker in den Redaktionsräumen des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ hat ganz Europa schockiert. Wieder einmal hat der Terror aus dem islamischen Kulturraum zugeschlagen. Und die Europäer fragen sich, wie es so weit kommen konnte. Doch wer in die Geschichte des arabischen und islamischen Terrorismus hinabsteigt, stellt fest: Europa hat einen erheblichen Anteil daran, dass manche Bewegungen der nahöstlichen Welt Terror heute als eine Erfolg versprechende Taktik ansehen. Das hat vor allem mit den Palästinensern zu tun, die Ende der Sechzigerjahre den Terrorismus eingeschrieben haben in die mentale Landkarte Europas und des Nahen Ostens.

Angefangen hatte es am 22. Juli 1968, als bewaffnete Kämpfer der zur PLO gehörenden Popular Front for the Liberation of Palestine ein israelisches Linienflugzeug auf dem Weg von Rom nach Tel Aviv in ihre Gewalt brachten. Es war der Beginn der modernen Zeitrechnung in der Geschichte des Terrorismus, weil es den Entführern darum ging, mit Terror gegen Zivilisten die Politik eines Landes zu verändern. Die Entführung und die über fünf Wochen andauernden Verhandlungen mit den Kidnappern richteten das Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit auf eine Auseinandersetzung, die bis dahin bloß als einem von vielen Regionalkonflikten auf der Welt gegolten hatte. Und sie läuteten eine beispiellose Welle palästinensischen Terrorismus in Europa ein, von Flugzeugentführungen, tödlichen Angriffen auf Flughafenschalter und vieles mehr, die 1972 in das Massaker an israelischen Sportlern bei den Olympischen Spielen in München mündete und auch danach noch lange nicht vorüber war.

Überlebender erinnert sich an München 1972

Shaul Ladany ist einer der Überlegenden des Geiseldramas bei den Olympischen Spielen in München 1972. Anlässlich des vierzigsten Jahrestages erinnert sich der Israeli an den 5. September. Quelle: SID

Das Erstaunliche an den damaligen Terrorjahren ist, dass Europa trotz vieler Toter keinerlei Interesse zeigte, die Attentäter aus dem Verkehr zu ziehen. Die europäischen Gefängnisse wurden zu bloßen Drehtüren für palästinensische Terroristen. Kaum waren sie festgenommen, wurden sie entweder abgeschoben oder nach erneuten Flugzeugentführungen gegen Geiseln ausgetauscht. Das berühmteste Beispiel ist Laila Khaled, die selbst nach ihrer zweiten Flugzeugentführung von britischen Behörden ausgetauscht wurde.

Auch die drei überlebenden Attentäter von München kamen nicht vor Gericht, sie wurden knapp zwei Monate später von der Regierung von Willy Brandt freigelassen. Das damalige Verhalten der Deutschen und der Europäer insgesamt war im Übrigen der Grund, warum die Israelis nach München beschlossen hatten, die Attentäter selbst zur Strecke zu bringen. Von europäischen Regierungen war in Sachen Terrorismus jedenfalls keine Strafverfolgung zu erwarten und somit auch kein Abschreckungseffekt auf mögliche zukünftige palästinensische Attentäter.

Terrorkampagne der Palästinenser als Vorbild

Das europäische Appeasement führte dazu, dass sich von den 204 palästinensischen Terroristen, die in der Hochphase des Terrors zwischen 1968 und 1975 außerhalb Israels festgenommen wurden, Ende 1975 nur noch drei in Haft befanden, wie Alan Dershowitz einmal ausgerechnet hat. In derselben Zeit hatten sowohl die Vereinten Nationen wie auch Europa ihre Positionen gegenüber dem israelisch-arabischen Konflikt deutlich zugunsten der Palästinenser verschoben. Die Botschaft, die das aussandte, war unmissverständlich: Terror lohnt sich. Man erzielt damit politischen Ertrag, ohne allzu große Risiken einzugehen. Es war eine Ermunterung an die Palästinenser, mit ihrer Terrortaktik fortzufahren – und an andere Gruppen, damit anzufangen.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Im Jahr 1968 gab es 11 internationale agierende Terrorgruppen, von denen nur drei nationalistische/separatistische Bestrebungen hatten, die anderen waren marxistisch-leninistisch geprägt. Bis 1978 war diese Zahl auf 55 angewachsen, 30 davon, also inzwischen mehr als die Hälfte, hatte nationalistische/separatistische Ziele. Ganz offenbar hatten sich viele davon die erfolgreiche Terrorkampagne der Palästinenser als Vorbild genommen, das es zu kopieren galt. Mit freundlicher Überzeugungshilfe aus Europa. Und es ist natürlich auch kein Zufall, dass so mancher europäischer Linksterrorist in palästinensischen Terrorcamps ausgebildet wurde.

Auch der Nahe und Mittlere Osten, wo die palästinensischen Attacken als Akt des Widerstands gegen die Zionisten gefeiert wurden, war ein fruchtbarer Boden für Nachahmer. Nach Khomeinis schiitischer Revolution von 1979 übernahm der Iran Terrortaktiken in sein Arsenal von Destabilisierungsmaßnahmen in der Region und darüber hinaus, genauso wie Irans libanesischer Klientel Hisbollah. Aber auch aus den Muslimbrüdern hervorgegangene sunnitische Islamisten machten sich die Taktik zunutze, etwa im Mordanschlag auf Anwar al-Sadat nach dem von ihm geschlossenen Frieden mit Israel 1981 oder beim Angriff auf westliche Touristen in Luxor 1997, bei dem 62 Menschen starben. Von dort metastasierte das Terrorproblem weiter zu noch radikaleren Gruppen wie al-Qaida und IS.

Über mehr als 40 Jahre war die Geschichte des nahöstlichen Terrors und Europas eine von Appeasement, Beschwichtigung, geheimen Arrangements und gelegentlichem entschlossenem Vorgehen dagegen. Viele Staaten agierten nach dem Sankt-Florians-Prinzip: Zünde das Haus anderer an, solange wir verschont bleiben. Das Problem war nur, dass der Terror irgendwann auch an die eigene Tür klopfte. Aber nicht einmal das veränderte in vielen Fällen die erprobte Stillhaltetaktik.

Die guten Geschäfte mit dem Terrorregime

Man erinnere sich etwa an den iranischen Auftragsmord an Oppositionellen in Deutschland 1992, die sogenannte Mykonos-Affäre. Wäre es nach der damaligen Bundesregierung gegangen, hätte man das einfach unter den Tisch gekehrt, um die guten Geschäfte mit dem Terrorregime in Teheran nicht zu gefährden. Es ist der Unbeirrbarkeit eines Staatsanwaltes zu verdanken, dass es überhaupt zu einer Anklage und Verurteilung kam – und zur Aufdeckung der iranischen Hintermänner.

Die jüngere europäische Geschichte ist voll von solchen Fällen. Zwar haben die Anschläge von „9/11“ zu einer entschlosseneren Haltung Europas gegenüber der Terrorgefahr geführt. Dennoch hat es eines weiteren tödlichen Anschlags in Bulgarien bedurft, bis Frankreich 2013 (11 Jahre nach „9/11“!) seinen Widerstand endlich aufgab (allerdings nur teilweise), die libanesische Terrororganisation Hisbollah auf die europäische Terrorliste zu setzen. Und bis heute ist Europa bei seiner schlechten Angewohnheit geblieben, die Palästinenser für Terrorakte zu belohnen.

Nahost-Resolution spaltet Europa

Ein von Jordanien eingebrachter Entwurf sollte Israel zum Abzug aus den Palästinenser-Gebieten auffordern. Doch die Resolution verpasste in New York die nötige Mehrheit. Quelle: Reuters

Nach jedem neuen Gazakrieg, den die Terrororganisation Hamas vom Zaun bricht, indem sie Wellen von Raketen gen Israel schickt – was dann durch die israelische Reaktion zu den erwartbaren Opfern unter palästinensischen Zivilisten führt –, verschiebt sich die europäische Position um einige weitere Grade in Richtung der Palästinenser. Nach dem letzten Gazakrieg wurden sie mit der staatlichen Anerkennung durch EU-Regierungen oder deren Parlamente belohnt und mit der Unterstützung Frankreichs im UN-Sicherheitsrat für eine Resolution, die einen Endstatus festlegen sollte auch ohne erfolgreiche Friedensverhandlungen. Beides verstößt gegen die Osloer Verträge, deren Mitgarant Europa ist.

Das festigt den Eindruck bei Hamas und Fatah, dass, was immer sie auch anstellen mögen, ihnen die Sympathie der Europäer trotzdem erhalten bleibt. Und es stärkt diejenigen unter den Palästinensern, die glauben, sie können ihr Ziel eines eigenen Staates irgendwann auch so erreichen, ohne Frieden schließen zu müssen, der mit schmerzhaften Kompromissen einhergeht. Es ist eine Erwartung, auf die wir Europäer die Palästinenser mehr als 40 Jahre lang konditioniert haben.

Fundamentaler Angriff auf die Meinungsfreiheit

Europa hatte also all die Jahrzehnte eine zutiefst widersprüchliche und verlogene Beziehung zum Terrorismus aus der arabischen Welt. Eine Ambivalenz, die selbst nach den Anschlägen von Paris noch spürbar war. Neben den vielen, die spontan ihre Solidarität ausgedrückt haben und ehrlich erschüttert waren, gab es eben auch jene, deren erster Impuls nicht den Opfern bei „Charlie Hebdo“ galt. Die eine mögliche Gegenreaktion gegen Muslime mehr beunruhigte als der fundamentale Angriff auf die Meinungsfreiheit in Europa.

Entsprechend war auch die erste Reaktion so mancher Medienredaktion, die Karikaturen des Satiremagazins nur verpixelt oder gar nicht zu zeigen. Und es durfte natürlich auch der Hinweis nicht fehlen, „Charlie Hebdo“ mit seinen Mohammed-Karikaturen provoziert, was zuweilen einen Unterton von „die haben es eben herausgefordert“ hatte. Am deutlichsten formulierte das ein Kommentator der britischen „Financial Times“, der „die redaktionelle Dummheit“ von „Charlie Hebdo“ für das Attentat verantwortlich machte.

Anders als der Kommentator der „FT“ haben die meisten Europäer jedoch sehr genau verstanden, dass es sich hier um mehr handelt als nur einen weiteren blutigen Anschlag wie in Madrid oder London. Es war ein Anschlag auf das Institut der Meinungsfreiheit, das sich die Europäer über Jahrhunderte hinweg unter einem hohen Blutzoll erkämpft haben. Eine Freiheit, die sie sich nicht von irgendwelchen Barbaren kaputt machen lassen wollen. Viele Zeitungen, die sich etwa 2006 noch geweigert hatten, durch den Abdruck der islamkritischen Karikaturen der dänischen „Jyllands-Posten“ ein Zeichen zu setzen, haben diesmal Flagge gezeigt. Sie haben eine Reihe von islamkritischen Karikaturen von „Charlie Hebdo“ nachgedruckt. Und sie haben geschworen, sich nicht einschüchtern zu lassen.

Wenn Terroristen töten
  • <br /><br /> Am 29. Dezember 2010 konnte die dänische Polizei eine islamistische Terrorgruppe verhaften, die einen Anschlag auf die Zeitung „Jyllands-Posten“ in Kopenhagen geplant hatte.<br /><br />
    Am 29. Dezember 2010 konnte die dänische Polizei eine islamistische  … mehr
  • <br /><br /> ... und Rom mit automatischen Waffen und Handgranaten an. Die Terroristen töten insgesamt 19 Menschen.<br /><br />
    … und Rom mit automatischen Waffen und Handgranaten an. Die Terroristen  … mehr
  • <br /><br /> Mohammed Hadidi aus Jordanien attackierte am 10. Februar 1970 auf dem Flughafen München-Riem eine Maschine der israelischen El-Al. Ein Mann starb.<br /><br />
    Mohammed Hadidi aus Jordanien attackierte am 10. Februar 1970 auf dem  … mehr
  • <br /><br /> Beim Selbstmordanschlag tschetschenischer Terroristen auf den Flughafen Moskau-Domodedowo wurden am 24. Januar 2011 36 Menschen getötet. Im Juli des Jahres wurde der Mittäter Islam Jandijew verhaftet (Foto).<br /><br />
    Beim Selbstmordanschlag tschetschenischer Terroristen auf den Flughafen  … mehr
  • <br /><br /> Am 23. Oktober 2002 brachten tschetschenische Terroristen im Moskauer Dubrowka-Theater 850 Menschen in ihre Gewalt. Bei der Befreiungsaktion starben 133 von ihnen.<br /><br />
    Am 23. Oktober 2002 brachten tschetschenische Terroristen im Moskauer  … mehr
  • <br /><br /> Am 29. Dezember 2010 konnte die dänische Polizei eine islamistische Terrorgruppe verhaften, die einen Anschlag auf die Zeitung „Jyllands-Posten“ in Kopenhagen geplant hatte.<br /><br />
    Am 29. Dezember 2010 konnte die dänische Polizei eine islamistische  … mehr
  • <br /><br /> Am 27. Dezember 1985 griffen zeitgleich palästinensische Terroristen die Flughäfen von Wien ...<br /><br />
    Am 27. Dezember 1985 griffen zeitgleich palästinensische Terroristen die  … mehr

Das ist lobenswert. Aber es ist auch ein wenig utopisch. Spätestens seit 2006, seit islamische Fundamentalisten die Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung als Anlass genommen haben, Ausschreitungen in der muslimischen Welt mit vielen Toten anzustacheln, ist die Welt eine andere geworden. Wir können uns nicht mehr in den Zustand der Unschuld zurückversetzen, selbst wenn wir es wollen. Die Zeit, in der bei der Auswahl von islamkritischen Karikaturen einzig die Frage zählte, ob der Witz gut ist und ob er nicht die Grenze zum Rassismus überschreitet, ist endgültig vorüber.

Die aus Selbstschutz erwachsene Selbstzensur hat bei diesem Thema längst eingesetzt. Und wenn die derzeitige Aufwallung von Bekenntnismut vorüber ist, werden sich noch mehr Karikaturisten und Chefredakteure fragen, ob es diese oder jene Karikatur wirklich wert ist, dafür ein Leben hinter Sicherheitsschleusen zu riskieren oder noch Schlimmeres. Die traurige Wahrheit ist: Terrorismus funktioniert – noch immer. Und die wenigsten von uns sind so mutig wie die fröhlichen Provokateure von „Charlie Hebdo“.

Das ist kein Aufruf zur Resignation. Wir sollten uns aber klarmachen, dass die Wiedergewinnung unseres umfassenden und freien Debattenraums weit mehr verlangen wird, als nur #JeSuisCharlie auf Twitter zu posten. Es bedeutet, beharrlich kleine und große Konflikte auszutragen mit jenen, die den Raum des Sagbaren und Diskutierfähigen beständig verengen wollen. Und auch jenen Terror als Gefahr für den Westen zu begreifen, der sich nicht in erster Linie gegen Europäer richtet, sondern etwa gegen Israelis oder andere.

Beim Thema Terrorismus hat Europa in den vergangenen Jahrzehnten sehr viele, meist aus Opportunismus geborene Fehler gemacht. Es ist an der Zeit, endlich daraus zu lernen, anstatt Gewalt – etwa die der Hamas – weiter zu belohnen.

http://m.welt.de/kultur/article136216649/Terrorismus-gegen-Europa-hat-sich-lange-ausgezahlt.html

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Die Zauberformel “Das hat doch nichts mit dem Islam zu tun” zieht nicht mehr!

Eine Aufforderung zu mehr Ehrlichkeit, Nachdenklichkeit und Selbstkritik unter den Muslimen

Von Ufuk Özbe

Alle Anzeichen deuten gegenwärtig darauf hin, dass der mörderische Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo von muslimischen Tätern zur Ehrenrettung des Propheten und des Islam ausgeübt wurde. Unabhängig davon, was sich in den nächsten Tagen und Wochen als wahr herausstellen sollte, möchte ich hier die teilweise beschämenden und größtenteils unbefriedigenden muslimischen Reaktionen auf dieses Verbrechen diskutieren.

Die große Mehrheit der muslimischen Stellungnahmen kann in zwei Gruppen zusammenfasst werden:

Ein hoffentlich eher kleiner, aber keinesfalls zu vernachlässigender Teil der Gläubigen, vor allem in den muslimischen Ländern, hat den Anschlag offen gutgeheißen. Ja, es ist so! Wer der türkischen oder arabischen Sprache mächtig ist, kann binnen weniger Minuten sich selbst davon überzeugen; beispielsweiße durch die unzähligen Kommentare auf Facebook und Twitter, die unter den Meldungen der großen Nachrichtenportale gepostet werden. Viele Muslime gratulieren unter ihrem Klarnamen den Glaubenskriegern und halten es für religiös gerechtfertigt, die “untragbare Beleidigung” des Propheten auf diese Weise zu sühnen. Übrigens ist diese Gruppe leider auch in meiner eigenen Verwandtschaft in der Türkei vertreten; darunter auch ein Imam im Ruhestand. Zudem wird der Fall im konservativen Teil der türkischen Presse so behandelt, dass der Leser zum Schluss kommen muss, die Zeichner von Charlie Hebdo hätten das Ganze böswillig provoziert und hätten im Grunde das geerntet, was sie über die Jahre gesät hatten. Dabei nehme ich lediglich auf die Stellungnahmen Bezug, die öffentlich abgegeben werden. Was viele hinter vorgehaltener Hand über die Ermordung der Charlie Hebdo-Mitarbeiter von sich geben mögen, sobald sie diejenigen Karikaturen zu Gesicht bekommen, die es “auf die Spitze getrieben” hatten (etwa die nackten Mohammed-Darstellungen in unanständigen Posen), das wird jeder, der das “religiöse Empfinden” mancher Muslime kennt, halbwegs erahnen können.

Der andere Teil – der glücklicherweise zumindest in Deutschland die eindeutige Mehrheit stellen dürfte – verurteilt den Anschlag als ein unmenschliches Verbrechen und stellt im gleichen Atemzug klar: “Das hat aber mit dem Islam und folglich auch mit uns Muslimen eigentlich nichts zu tun”. Die nähere Begründung hierfür variiert freilich.

Für die einen stand es von Anfang an fest, dass der Anschlag gar nicht von Muslimen verübt worden ist. Vielmehr stecke eine hinterlistige Verschwörung dahinter. Zum Beispiel französische Rechtsextremisten, die ihre eigene Tat als einen muslimischen Racheakt inszeniert haben, um damit die “Islamophobie” in Europa anzuheizen. Oder vielleicht Russland, das als Reaktion auf die westlichen Sanktionen Europa zu destabilisieren versucht. Und natürlich darf ein bestimmtes Land unter den “üblichen Verdächtigen” nicht fehlen: Israel! Weitere Gründe oder Motive sind für manche Muslime ohnehin überflüssig, wenn das Wort “Israel” einmal gefallen ist. Viele islamistische sowie muslimisch-konservative Zeitungen und Blogs befeuern eifrig solche Verschwörungstheorien mit immer neuen Behauptungen und schrecken selbst vor widerlichen Versuchen nicht zurück, die Opfer des Anschlags als Mitverschwörer hinzustellen. Überhaupt bilden Verschwörungstheorien in weiten Kreisen gläubiger Muslime eine das politische Denken vollständig beherrschende Obsession. Differenzierung ist verpönt. Denn letztlich ist jedwede nicht-islamische Ideologie, Bewegung und Partei in der einen oder anderen Weise Teil der globalen Verschwörung gegen den Islam.

Andere Muslime, die den Anschlag verurteilen, aber keine Berührungspunkte mit dem Islam sehen wollen, halten es für durchaus möglich, dass die Tat von Menschen verübt worden ist, die sich selbst als Muslime bezeichnen. Jedoch handle es sich dabei um einzelne Spinner, radikalisiert und instrumentalisiert von bösen Mächten, die nun gar nichts mit dem Islam zu tun hätten und die Religion lediglich für ihre höchst profanen, politischen Zwecke missbrauchen würden. Ohnehin trage bei näherer Betrachtung der “Westen” die alleinige oder zumindest die hauptsächliche Schuld an der Entstehung dieser bösen Mächte.

Nahezu alle Muslime, die den Anschlag aufrichtig verurteilen, sind sich jedenfalls in einem Punkt einig: “Der Islam hat mit solchen Anschlägen überhaupt nichts zu tun. Die grundlegenden Quellen des Islam, d.h. der Koran und die Hadithe (die überlieferten Worte und Taten des Propheten) bieten bei keiner vertretbaren Auslegungsmethode auch nur ansatzweise eine Rechtfertigung für solch einen Anschlag. Basta!”
Ich möchte dagegen halten: Solange eben diese “Basta-These” unter den demokratisch-freiheitlich denkenden Muslimen nicht in Frage gestellt und in einem auch nach außen hin offenen, mutigen Diskurs nüchtern ausdiskutiert wird, werden wir das Schwinden der Glaubwürdigkeit eines “friedlichen Islam” nicht mehr aufhalten können.

Dass solche Behauptungen gut gemeint sind, daran habe ich keinen Zweifel. Nahezu alle westlichen Regierungssprecher und Staatsmänner sowie die meisten Journalisten etablierter Medien in Europa beteuern wieder einmal (wie nach jedem Verbrechen im Namen des Islam auf westlichem Boden), der Anschlag habe mit dem Islam nichts zu tun und keine Religion der Welt könne eine solche Tat gutheißen. Natürlich sind das gut gemeinte, politisch besonnene Apelle, die sich offenkundig darum bemühen, aktuell im Erstarken befindlichen fremdenfeindlichen Bewegungen vorsorglich den Wind aus den Segeln zu nehmen und einer pauschalen Stigmatisierung aller Muslime zuvorzukommen. Allerdings darf diese “Besonnenheit” um des lieben Friedens willen nicht in eine schleichende Relativierung der Meinungsfreiheit ausarten – weder rechtlich noch faktisch! Jeder soll über historisch, politisch, religiös, gesellschaftlich relevante Personen der Weltgeschichte sagen und zeichnen dürfen, was er will. Die Beleidigten und Verärgerten können den Stein des Anstoßes ihrerseits kritisieren, protestieren, boykottieren oder – verflixt nochmal! – einfach mal ignorieren.
Eine pauschale Verdächtigung aller Muslime würde auch völlig an der Realität vorbeigehen. Für die große Mehrheit der in Deutschland lebenden, emanzipierten Muslime ist das “Muslim-Sein” lediglich ein Teil der kulturellen Identität. Sie haben mit Religion nicht viel mehr am Hut, als zum Beispiel die islamischen Festtage aus Tradition feierlich zu begehen. Wie die meisten nominellen Christen auch haben sie einen unkritischen, höchst lauen, geradezu palliativen Umgang mit Religion. Sie versuchen nicht etwa ihr Leben an den Wortlaut der heiligen Texte anzupassen, die sie meist nicht einmal gelesen haben, sondern greifen sich aus der bunten religiösen Tradition, das was ihnen gefällt, heraus und passen ihr religiöses Verständnis großzügig an ihre moderne Lebenswirklichkeit an. Für eine kritische Analyse der Quellen haben sie schlicht kein Interesse. (Ein Unterschied zu den nominellen Christen ist allerdings, dass nominelle Muslime dennoch in ihrem “religiösen Empfinden” sehr schnell beleidigt sein können). Ich habe nun Verständnis, wenn diese “Muslime” mit heiklen Diskursen über die möglichen Auslegungen des Korans nicht behelligt werden möchten. Sie stellen auch keine Bedrohung für die demokratisch-rechtsstaatliche Wertegemeinschaft dar. Für sie ist ein Anschlag wie der in Paris selbstverständlich ein unmenschliches Verbrechen und selbstverständlich hat dies nichts mit dem Islam zu tun, an den sie glauben wollen.

Meine Aufforderung richtet sich vielmehr an diejenigen Muslime, die die Religion nicht bloß als ein kulturelles Anhängsel pflegen, sondern ihre Wahrheit und Wichtigkeit predigen, lehren, verteidigen. Zum Beispiel an die Imame der Gemeinden, an die islamischen Religionslehrer in den Schulen, an die muslimischen Theologen, an all die wortgewandten Apologeten des Islam, sofern sie solche Anschläge aufrichtig verurteilen und den Islam als die Religion des Friedens betrachten.

Es ist an der Zeit, dass diese Muslime endlich einmal kurz innehalten und in sich gehen, nicht jede Kritik als “Angriff auf Muslime” pauschal abweisen und die offen vorliegenden Probleme wahrhaben. Es ist an der Zeit, dass sie endlich mit den gewohnten Denk- und Argumentationsmustern brechen und einen beherzten Schritt in Richtung redlicher Selbstkritik wagen. Darauf warten viele Muslime und Nicht-Muslime auf der ganzen Welt. Es ist an der Zeit, dass Islamgelehrte und muslimische Intellektuelle offenherzig Fragen diskutieren wie:

“Wie ist es nur möglich, dass aus dem Islam, der ja die Religion des Friedens sein soll, so viele gefährliche Spielarten menschenverachtender Gesinnung erwachsen?”. “Gibt es neben den politischen, soziologischen, ökonomischen Ursachen vielleicht doch auch genuin religiöse Wurzeln dieser Gesinnung?”. “Auf welche Passagen in den islamischen Quellen berufen sich die muslimischen Befürworter eines solchen Anschlages, welche Passagen erleichtern so vielen Muslimen die Entmenschlichung von Anders- und Nicht-Gläubigen?”. “Wie sollen wir mit diesen Teilen der Quellen unserer Religion umgehen, ohne sie unter den Teppich zu kehren?”. “Inwiefern tragen wir als muslimische Intellektuelle eine Mitverantwortung an den gegenwärtigen Entwicklungen, wo wir es doch offenbar versäumt haben, auf solche Fragen ehrliche, befriedigende und umfassende Antworten zu entwickeln?”. “Welche neuen Herangehensweisen, welches Umdenken im Umgang mit unserer Religion benötigen wir?”.

Stattdessen versteifen sich die Vertreter des friedlichen Islam immer wieder auf wohlklingende Floskeln, die offensichtlich nur für “westliche” Ohren bestimmt sind. Ein Beispiel: Seit dem 7. Januar – wie nach jedem Anschlag im Namen des Islam – wird in den schriftlichen und mündlichen Stellungnahmen der muslimischen Vereine immer wieder der folgende Koranvers ins Feld geführt:

(5:32) “Wenn einer jemanden tötet (…) so ist es, als hätte er alle Menschen getötet. Und wenn jemand ihn am Leben erhält, so ist es, als hätte er alle Menschen am Leben erhalten.”

“Dieser Vers steht doch schwarz auf weiß im Koran. Wie kann man da noch irgendeine Beziehung zwischen dem Islam und diesem abscheulichen Verbrechen konstruieren?” – lautet dann die Argumentation. So edel die Absicht dahinter auch sein mag; für jeden Muslim (und auch jeden Nicht- Muslim), der sich mit dem Korantext auseinandergesetzt hat, ist eine solche Vorgehensweise nichts anderes als ein billiger Täuschungsversuch. Denn wenn wir den Vers ohne die Auslassungen und zusammen mit dem unmittelbar darauf folgenden Vers lesen, bietet sich ein ganz anderes Bild. Zunächst derselbe Vers 5:32 ohne die Auslassungen:

(5:32) “Aus diesem Grund haben Wir den Kindern Israels vorgeschrieben: Wenn einer jemanden tötet, jedoch nicht wegen eines Mordes oder weil er auf der Erde Unheil stiftet, so ist es, als hätte er alle Menschen getötet. Und wenn jemand ihn am Leben erhält, so ist es, als hätte er alle Menschen am Leben erhalten. Unsere Gesandten kamen zu ihnen mit den deutlichen Zeichen. Aber viele von ihnen verhalten sich nach alledem maßlos auf der Erde.”

Zum ersten werden also zwei Ausnahmen gemacht: “jedoch nicht wegen eines Mordes oder weil er auf der Erde Unheil stiftet”. Zum zweiten wird dem Wortlaut nach nicht imperativ vorgeschrieben, sondern narrativ davon erzählt, was den “Kindern Israels” einst vorgeschrieben war. Zum dritten wird in dem Vers eben dieses Volk kritisiert. Nun der unmittelbar folgende Koranvers:

(5:33) “Die Vergeltung für die, die gegen Gott und seinen Gesandten Krieg führen und auf der Erde umherreisen, um Unheil zu stiften, soll dies sein, dass sie getötet oder gekreuzigt werden, oder dass ihnen Hände und Füße wechselseitig abgehackt werden, oder dass sie aus dem Land verbannt werden. Das ist für sie eine Schande im Diesseits, und im Jenseits ist für sie eine gewaltige Pein bestimmt.”

Diejenigen, die “gegen Gott und seinen Gesandten Krieg führen und auf der Erde umherreisen, um Unheil zu stiften” sollen getötet, gekreuzigt, körperlich verstümmelt oder vertrieben werden. Im Gegensatz zu 5:32 werden hier die besagten Strafen imperativ vorgeschrieben.

Unter anderem auf diesen Koranvers berufen sich nun eben diejenigen Muslime, die zum Beispiel den Anschlag in Paris unterstützen. Das Satire-Magazin Charlie Hebdo ist bekannt für seine unverschämten, tabulosen, überspitzten Karikaturen. Auch der islamische Prophet (genauso wie Jesus, Maria, der Papst, ja sogar “Gott”) wurde verschiedentlich in einer Art und Weise dargestellt, die für fromme Gläubige schwer verdaulich ist. Für nicht wenige Muslime sind solche “provokanten” Karikaturen des Propheten eben “Krieg gegen Gott und seinen Gesandten” sowie “Unheilstiftung”. Nun könnte man dagegen halten, dass der Vers von “Krieg” (Arabisch: “harb”) spricht und dies dem Wortlaut nach eben einen bewaffneten, militärischen Krieg voraussetzt, dass die Zeichner des Satire- Magazins deshalb nicht unter diesen Vers subsumiert werden können. Jedoch wäre es unsinnig von “Krieg gegen Allah” zu sprechen, wenn damit ausschließlich der echte bewaffnete Krieg gemeint sein sollte. Der vom Präsidium für Religionsangelegenheiten der Türkischen Republik (T.C. Diyanet İşleri Başkanlığı) herausgegebene und von vier zeitgenössischen, renommierten Islam-Professoren gemeinschaftlich verfasste, fünfbändige Koran-Kommentar (“Tafsir”) zählt bei der Auslegung des Verses 5:33 als ein Beispiel für die “Kriegsführer gegen Allah und seinen Gesandten und Unheilstifter” ausdrücklich auch diejenigen auf, die durch ihre Handlungen den Glauben an Allah zu erschüttern und zu zerstören beabsichtigen (siehe: Kuran Yolu, Türkçe Meal ve Tefsir, Band II, Maide/33-34). Nun ist Charlie Hebdo ein offen religions- und islamkritisches Magazin, das durch offensive Zeichnungen den Glauben an den Islam, an andere Religionen und generell den Gottesglauben satirisch angreift. Solche frontalen Hiebe auf die Religionen und den Gottesglauben können ohne weiteres als “Handlungen, die den Glauben an Allah zu erschüttern und zu zerstören beabsichtigen” gelten. Dem unvoreingenommenen Leser ist jedenfalls nicht ohne weiteres klar, warum zum Beispiel dieser Vers auf keinen Fall und durch keine vertretbare Auslegungsmethode eine religiöse Rechtfertigung für den Anschlag auf Charlie Hebdo bieten soll. Übrigens steht der angeführte türkische Koran-Kommentar eindeutig in der modernen, moderaten, um Diplomatie bemühten Traditionslinie der Koranexegese und wird eben deshalb von manchen islamischen Kreisen scharf attackiert. Die klassischen Kommentare, die in der islamischen Welt große Beachtung finden, sind da um einiges “geradliniger”.

Die muslimischen Befürworter der terroristischen Anschläge führen auch zahlreiche Hadithe an. Unter anderem diejenigen Überlieferungen, nach denen viele Dichter, die den Propheten und den Islam verbal verspottet hatten, auf Geheiß des Propheten von seinen Weggefährten getötet wurden. Unter den namentlich genannten zum Beispiel: Kaʿb ibn al-Aschraf, al-Nadr bin al-Harith, Asma’ bint Marwan, Abu Afak, Al-Harith bin Suwayd al-Ansari und Abdullah bin Khatal. Nach den islamischen Quellen befanden sich darunter auch ein kränklicher Greis sowie die Mutter eines Säuglings, die sich an keiner kriegerischen Auseinandersetzung gegen die Muslime beteiligt hatten. Dennoch wurden sie, weil sie spöttische und gehässige Gedichte über den Propheten und den Islam vorgetragen hatten, auf Befehl des Propheten getötet und zwar einige von ihnen nicht etwa nach einem Prozess durch Hinrichtung, sondern durch Attentat – so zumindest die von den führenden islamischen Rechtsschulen anerkannten Überlieferungen. Das Werk “al-Kutub as-sitta” (“die sechs Bücher”) vereinigt die sechs kanonischen Hadith-Sammlungen, die nach allen sunnitischen Rechtsschulen, die vertrauenswürdigsten Überlieferungen über die Aussprüche, Anweisungen und Taten des Propheten beinhalten. Eine achtzehnbändige, türkischsprachige, kommentierte Auswahl aus diesem Werk steht in den meisten größeren türkischen Moscheen in Deutschland und bei vielen religiösen Familien in den Bücherregalen. Unter anderem dort kann man die Überlieferungen über die Tötung der oben genannten Dichter nachlesen (Kütüb-i Sitte Muhtasarı – Tercüme ve Şerhi, Prof. Dr. İbrahim Canan, Akçağ Yayınları, Band 8, S. 179 ff., Das Kapitel über Gedichte). Mittlerweile ist ein Großteil der Hadith-Sammlungen etwa in englischer Sprache auch online verfügbar, meist von muslimischen Organisationen übersetzt und ins Netz gestellt. Wer sich über die Quellen und Hintergründe informieren möchte, kann zum Beispiel die oben angegebenen Namen der getöteten Dichter googeln.

Die Mohammed-Karikaturen von Charlie Hebdo waren jedenfalls wesentlich drastischer und derber als die teilweise überlieferten Gedichte der auf Befehl des Propheten getöteten Menschen. Wieder einmal leuchtet dem unvoreingenommenen Leser nicht unmittelbar ein, warum diese Hadithe auf keinen Fall eine religiöse Rechtfertigung für die Tötung der französischen Karikaturisten bieten könnten. Die allermeisten Schulen, Richtungen und Verzweigungen des Islam anerkennen die Hadtihe schließlich als die zweite Hauptquelle religiöser Vorschriften. Viele der wichtigsten Normen und Anweisungen des Islam haben nicht den Koran, sondern die Hadithe als Grundlage. Zum Beispiel werden im Koran nicht einmal die “wesentlichen Elemente” (“arkan”) des täglichen Ritualgebets (“salat”) aufgeführt. Diese stehen vielmehr in den Hadith-Sammlungen. Eine pauschale Ablehnung aller Hadithe hätte daher für den Glauben und die Praxis des Islam sehr weitreichende Konsequenzen, zu denen die meisten gläubigen Muslime nicht bereit sein dürften. Andererseits erscheint das Herauspicken der “guten” Hadithe bei gleichzeitigem Unter-den-Teppich-Kehren der “nicht so guten”, wie es von den Vertretern des friedliebenden Islam praktiziert wird, dem radikalen Muslim als ein “rückgratloser Verrat” und “anmaßendes Herumdoktern” an der göttlichen Religion. Aber auch für den kundigen Außenstehenden stellt sich diese “Rosinenpickerei” als intellektuell kaum befriedigend dar.

In einem weiteren Hadith wird die Geschichte eines muslimischen, blinden Mannes überliefert: Dieser fromme Muslim tötete seine Sklavin/Konkubine (“jariya”), mit der er auch gemeinsame Kinder hatte, weil sie trotz Ermahnung nicht aufhörte, schlecht und respektlos über den Propheten zu reden. Als er dem Propheten von seiner Tat berichtete, rief der Prophet ihm und den Anwesenden gegenüber aus: “Bezeuget hiermit, dass die Tötung dieser Frau keiner Ahndung bedarf.” (Überliefert von Abu- Dawud und anderen, siehe z.B. “Sunan Abu-Dawud”, Book 38, Number 4348; http://www.usc.edu/org/cmje/religious-texts/hadith/abudawud/038-sat.php).

Das sind keine Überlieferungen, die vergessen und unbeachtet in den Bücherregalen oder im digitalen Nirwana verstauben und lediglich von bösen “Islam-Feinden” angesprochen werden, damit sie über eine eigentlich friedliche Religion herziehen können. Vielmehr sind das (unter vielen anderen) eben diejenigen Hadithe, die von gewaltbereiten Muslimen als religiöse Legitimation für terroristische Anschläge ins Feld geführt werden. Und diese Hadithe stehen in denselben Büchern, die auch für die Vertreter des “friedlichen Islam” die zweite Hauptquelle des Islam darstellen!
Die Überzeugung, dass die nach dem islamischen Recht gebotene Strafe für die Verspottung oder Beleidigung des Propheten eigentlich der Tod sein müsste, ist in weiten religiösen Kreisen der Türkei (die ja zu den am meisten gemäßigten muslimischen Ländern gehört) nicht etwa eine Randerscheinung. Auch in vielen Werken über das islamische Recht (“fiqh”) wird verkündet, die Beleidigung des Propheten sei mit dem Tode zu bestrafen. In vielen türkischen Tageszeitungen und Zeitschriften werden in den Religionsrubriken solche Gebote des islamischen Rechts unverblümt weitergegeben. In der türkischen Zeitung “Milli Gazete” zum Beispiel, die das Sprachrohr der “Milli Görüs”-Bewegung ist, war am 22.09.2006 zu lesen, dass die Strafe für die Verspottung oder Beleidigung des Propheten nach islamischem Recht der Tod sei (http://www.milligazete.com.tr/haber/Peygambere_sovmenin_ve_hakretin_hukmu_2/257175#.VK9e_ yuG-Jo).

Zur Relativierung kann von diesen muslimischen Kreisen allenfalls entgegnet werden, dass dies zwar die Rechtslage nach dem Koran und den Hadithen ist, dass aber zum Beispiel in Frankreich faktisch nicht das islamische Recht gelte und daher ein Muslim nicht die religiöse Legitimation dafür habe, die Beleidiger des Propheten eigenmächtig zu bestrafen. Dass aber unter dem islamischen Recht die Strafe für die öffentliche Verspottung oder respektlose Behandlung des Propheten, zumindest nach wiederholter Durchführung trotz vorheriger Ermahnung, der Tod sein muss, das wird im Allgemeinen von islamischen Gelehrten nicht bestritten. Nicht wenige halten auch die eigenmächtige Bestrafung in einem nicht-muslimischen Land unter Umständen für religiös gerechtfertigt. Diejenigen konservativ- religiösen aber, die weder das islamische Recht negieren, noch die Anschläge gutheißen möchten, stellen darauf ab, dass hierzulande die Muslime in der Minderheit sind, das islamische Recht keine faktische Geltungsmacht besitze und ein eigenmächtiges Handeln unislamisch sei. Fragt man sie nun weiter, ob sie es denn für wünschenswert erachten würden, dass zum Beispiel die große Mehrheit der Franzosen freiwillig zum Islam konvertiert und das islamische Recht einführt, werden sie es – wenn sie ehrlich sind – bejahen. Eben dies zu wünschen und dafür zu werben, ist sogar eine religiöse Pflicht. Dann aber verkommt die Verurteilung des Pariser Anschlags als ein “abscheuliches, entsetzliches, unmenschliches Verbrechen” zu einer bloßen Formsache. So gesehen, wäre die Tat zwar nicht ganz korrekt, warum sie aber für den Islam von Grund auf “abscheulich, entsetzlich, unmenschlich” sein soll, wäre nicht mehr verständlich, wo doch die eigentlich gerechte Strafe für die Zeichner des Magazins nach dem idealen Wunsch-Szenario durchaus ihre Tötung gewesen wäre.

Es gibt auch noch andere Koranverse und Hadithe, die von den Befürwortern des Anschlags auf das Satire-Magazin angeführt werden. Jedoch würden sie den Rahmen dieses Artikels endgültig sprengen. Die Phrase “Hat alles nichts mit dem Islam zu tun” erweist sich jedenfalls als höchst unbefriedigend und verliert immer mehr an Glaubwürdigkeit. Eine befriedigende Lösung zu entwickeln, ist die Aufgabe der islamischen Verbände, der Imame, der Religionslehrer und Islamwissenschaftler. Ob das überhaupt möglich ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Eine freimütige, selbstkritische Diskussion unter den friedliebenden Muslimen über ein mögliches Um-Denken und Neu-Ansetzen im Umgang mit der Religion und ihren Quellen scheint aber der einzige eventuell erfolgversprechende Weg zu sein.

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/die_zauberformel_das_hat_doch_nichts_mit_dem_islam_zu_tun_zieht_nicht_mehr

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«Die Muslime haben keine Antwort auf den Radikalismus»

Am Tag nach dem Anschlag in Paris sprach der muslimische Psychologe und Jugendarbeiter Ahmad Mansour in Bern vor dreihundert Schülern Klartext. Er verortet die Muslime zwischen Radikalismus und Opferrolle.

Dezidierter Verfechter eines neu verstandenen, demokratischen Islam: Ahmad Mansour

Berner Zeitung 10.01.15

Am Tag nach dem Anschlag

Ahmad Mansour in Bern
Vor der Aula der Wirtschafts- und Kaderschule (WKS) KV Bildung spricht eine Gruppe Schüler über den IS-Terror in Syrien. Auf dem Handy checken sie, ob die Attentäter von Paris schon gefasst worden sind. Dann strömen sie hinein in die Aula, um Ahmad Mansour zuzuhören. Der 38-jährige, in Israel aufgewachsene Palästinenser ist Psychologe und arbeitet in Berlin mit radikalisierten Muslimen, die die IS-Terroristen in Syrien bewundern. Sie sind so jung wie die Berufsmaturanden in der Aula. In Deutschland ist Mansour eine wichtige und rare muslimische Stimme, die den Islam dezidiert zu Reformen auffordert. Für seine Arbeit erhielt er den Moses- Mendelssohn-Preis zur Förderung der Toleranz.
Mansours Auftritt an der WKS ist schon länger geplant. Aber jetzt, zwei Tage nach dem Anschlag auf die Zeitschrift «Charlie Hebdo» in Paris, hat sein Besuch eine besondere Dringlichkeit. Die Aula ist voll. 300 Schüler hören gebannt zu, als zuerst Philip Wegmüller, WKS-Verantwortlicher für das Fach Geschichte, Mansour befragt. Die Schule probiert erstmals das Veranstaltungsformat WKS-Interview aus.
Mansour hat sich warmgeredet, als die Schülerfragerunde beginnt. Erst fragen sie zögerlich, korrekt: Ob es die Schweiz mit dem Minarettverbot den Muslimen nicht schwermache. Der charismatische Mansour ruft sie auf, ohne Angst vor dem heiklen Thema Islam draufloszufragen: «Wenn wir nicht fragen, was uns beunruhigt, entwickeln wir falsche Vorstellungen», sagt er. Die meisten Schüler dürften in der Islamdebatte noch nie eine so direkte, leidenschaftliche, schonungslose Stimme gehört haben. Sie fragen nun, ob IS-Terroristen überhaupt richtige Muslime seien, was sich denn gegen Islamophobie ausrichten lasse, ob Muslime nicht auch Anpassungsleistungen erbringen müssten und ob der Islam reformfähig sei. Mansour bleibt keine Antwort schuldig. Er bestätigt gar, dass er regelmässig von Radikalen bedroht werde. Das Bekenntnis macht den Aufklärungskampf des Mannes für das Publikum umso glaubwürdiger. Die anderthalb Stunden werden zur Aufklärungslektion, die die Ratlosigkeit nach dem Pariser Anschlag etwas erträglicher macht. Beim Hinausgehen debattieren die Schüler weiter.svb

Herr Mansour, Sie sind Muslim und kritisieren den Islam. Was kritisieren Sie genau?
Ahmad Mansour: Ich kritisiere nicht den Islam an sich, sondern problematische Inhalte dieser Religion. Ich versuche zu differenzieren. Der Islam, den meine Mutter lebt, ist nicht der Islam der IS-Terroristen, der Muslimbrüder oder der politischen Verbände, die in Europa die Muslime vertreten wollen. Was ich problematisch finde, sind religiöse Inhalte wie die Angstpädagogik. Dass also Kinder mit einem Gott aufwachsen, der mit Himmel, Hölle und Strafe droht und keine Zweifel an seinem Wort im Koran zulässt. Ich kritisiere, dass die Sexualität tabuisiert und als Sünde betrachtet wird. Dass Jugendliche nicht frei entscheiden können. Ich kritisiere einen buchstabengetreuen Glauben. Das sind Religionsinhalte, die wir in einer demokratischen Gesellschaft nicht akzeptieren dürfen.

Sind Sie ein religiöser Mensch?
Ja, auf meine Art und Weise. Religion ist aber meine Privatsache. Das ist etwas zwischen mir und Gott, das ich nicht mit der ganzen Welt teilen will. Ich orientiere mich auch nicht an Glaubensrichtungen. Ich bin weder Sunnit noch Schiit, sondern richte mich nach moralischen und demokratischen Werten.

Immer mehr Leute fragen sich im Westen, ob sie noch eine Religion brauchen. Was finden Sie?
Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Wenn ich im Flugzeug sitze und es Turbulenzen gibt, werde ich auf einmal sehr religiös. Dann brauche ich so etwas wie Religion, und ich will nicht, dass man mir das wegnimmt. Wenn aber Religion eine politische Dimension erhält und in meinem Leben quasi mitregiert, dann wird es problematisch.

Was stört Sie an unserer westlichen Betrachtungsweise des Islam?
Entweder wird ein problematisches Islamverständnis verharmlost im Sinn von: Wir müssen halt hinnehmen, wie die Muslime unter uns leben. Oder es wird eine Angst vor dem Islam geschürt, wie das die Pegida-Bewegung in Deutschland tut. Wir sollten genauer hinsehen, welche Werte und welches Islamverständnis vermittelt werden und welche Probleme es im Zusammenleben mit Muslimen gibt. Das Attentat in Paris ist kein Einzelfall, es gab andere Attentate, und es wird leider weitere geben. Damit müssen wir uns beschäftigen. Aber bitte differenziert. Im Moment habe ich allerdings die Befürchtung, dass immer weniger Differenzierung möglich ist.

Der Anschlag von Paris muss Sie als Vermittler zwischen den Kulturen besonders schmerzen.
Natürlich. Es gibt dieses Gefühl, dass die Täter und die Menschen, die hinter ihnen stehen, gewonnen haben. Sie haben es geschafft, dass die gegenseitigen Ängste weiterwachsen. Muss ich mir nun gut überlegen, ob ich noch kritische Artikel schreibe? Ich will ja weiterleben. Nicht nur ich habe solche Gefühle. Wir alle haben am Mittwoch einen Rückschlag erlebt.

Der Graben zwischen Muslimen und Nichtmuslimen wächst?
Leider ja. Aber ich habe die Hoffnung, dass es genug vernünftige Menschen gibt, die eine Gegenkraft bilden und die freiheitlichen Werte verteidigen. Dazu braucht es Mut und Zeit. In Frankreich stehen die Menschen unter Schock. Sie brauchen ein paar Tage, um zu merken, in welche Richtung es nun geht.

Geben wir den Killern zu viel Gewicht, wenn wir ihre Tat als Angriff auf die Demokratie deuten?
Das glaube ich nicht. Der Anschlag löst eine Hilflosigkeit und Ängste aus, die uns noch lange begleiten werden.

Es gibt Vorwürfe an die Karikaturisten von «Charlie Hebdo». Sind sie zu weit gegangen? Sind ihre Karikaturen beleidigend?
Mich haben sie nicht beleidigt. Muslime, die sich davon beleidigt fühlen, sind sowieso beleidigt. Es ist eine falsche und gefährliche Richtung, wenn sich Karikaturisten fragen, ob sie selber schuld sind an der Gewalt gegen sie. Im Übrigen haben sich die Karikaturisten nicht über den Islam, sondern über ein gewisses Verständnis des Islam lustig gemacht.

Sie arbeiten als Psychologe mit muslimischen Jugendlichen, die sich radikalisiert haben. Was erleben Sie dabei?
Dass der Extremismus zu einer Jugendkultur geworden ist. Ich spreche von Pop-Jihad. Es ist in Berlin oder Köln cool geworden, ein Salafist zu sein. Es gibt unter Salafisten Vorbilder, die wie der Popstar Justin Bieber verehrt werden. Ich weiss von vielen jungen Frauen, die dem Berliner Rapper Deso Dogg nach Syrien zum IS nachreisen und ihn heiraten möchten. 30 Prozent der Jugendlichen, die zum IS wollen, sind Frauen, teilweise versuchen sie sich so von ihren patriarchalen Familien zu emanzipieren. Das sollte uns allen Angst machen. Umso mehr, als manche dieser radikalisierten Jugendlichen die Folgen einer Ausreise nach Syrien nicht bedenken.

Was sind das für Menschen, die anfällig sind für eine Radikalisierung?
Sie sind von unterschiedlicher Herkunft, aber die meisten sind eher instabile und narzisstische Persönlichkeiten auf der Suche nach Aufmerksamkeit. In ihrem jungen Alter kann das Leben sehr anstrengend sein. Es verlangt immer wieder nach Entscheidungen, und man hat Angst, falsch zu entscheiden. Die Jungen suchen in dieser Lebensphase nach klaren Antworten. Und die werden ihnen anscheinend von den Salafisten gegeben.

Wie kommt es, dass hier im Westen aufgewachsene junge Muslime radikal werden?
Junge Muslime langweilen sich in den Moscheen, die ihre einst in den Westen eingewanderten Eltern hier aufgebaut haben. Sie verstehen die Prediger gar nicht richtig, die dort auf Türkisch oder Arabisch predigen. Und diese Prediger kennen die Welt der Jugendlichen nicht. Jetzt kommen da auf einmal Salafistenprediger wie Pierre Vogel und sagen: Ihr braucht nicht mal in die Moschee zu gehen, ihr könnt unsere Predigt auf Youtube hören, auf Deutsch. Und wir reden über Themen, die euch betreffen, über die Unterdrückung und den Rassismus, den ihr als Muslime erlebt! Da fühlen sich viele Jugendliche endlich einmal verstanden. Leider haben die etablierten muslimischen Verbände keine Antwort auf diese Entwicklung. Sie bieten keine Jugendarbeit an, die die Jugendlichen erreicht.

Fehlt es jugendlichen Muslimen an konstruktiven Vorbildern?
Ja, die gibt es leider kaum. Wir brauchen aber muslimische Jugendliche, die aufstehen und sagen: Ich bin religiös, aber das rechtfertigt nie, meine Schwester einzusperren, Menschen umzubringen oder sich einer Terrorgruppe anzuschliessen. Es gibt kaum muslimische Verbände und Vertreter, die hinstehen und sagen: Es kann nicht sein, dass das normale Islamverständnis eine Basis schafft für Radikalismus. Es darf nicht sein, dass Junge mit einem strafenden Gott aufwachsen, der klar sagt, was richtig und was falsch ist. Wenn nun eine Organisation wie die Salafisten solche Prinzipien verficht, beissen 5 Prozent der Jugendlichen an. Das sind 5 Prozent zu viel. Das sind dann die paar Hundert, die zum IS nach Syrien gereist sind. Wir müssen diesen jungen Leuten ein alternatives Islamverständnis anbieten.

Hat der gemässigte Mehrheitsislam keine Stimme?
Die säkularen, integrierten Muslime in Europa sind nicht organisiert, sie leben ihr Leben wie alle anderen. Die radikale Seite aber ist gut organisiert und hat Verbindungen ins Ausland. Bei Projekten für Muslime fliesst in Deutschland viel Geld. Das bekommen aber leider selten demokratische und kritische Kräfte, sondern Strukturen und Verbände, die einen in meinen Augen problematischen Islam vertreten. Über diese Thematik braucht es nicht nur eine innerislamische Debatte, sondern auch eine aus der Mitte unserer Gesellschaft.

Würde die Anerkennung muslimischer Gemeinschaften als eine Art Staatskirche etwas bringen?
Der Islam ist längst ein Teil Europas. Aber welcher Islam? Der Islam meiner Mutter oder jener von Verbänden wie dem Islamischen Zentralrat? Wir müssen muslimische Kinder und ihre Eltern erreichen und ihnen erklären, dass sie ihre Kultur und ihren Glauben leben sollen, dass sie aber keine Angst vor westlichen Werten haben müssen. Dass junge Frauen ihren Partner selber wählen dürfen, dass kritisches Denken gut und notwendig ist. Gleichzeitig sollten wir anerkennen, dass Muslime positive Werte aus ihrer orientalischen Kultur mitbringen: Gastfreundschaft, Kinderfreundlichkeit, Zusammenhalt.

Fehlt es der muslimischen Gemeinschaft an der Bereitschaft zur aufklärerischen Kritik?
Wenn jemand meine Religion kritisiert, bedeutet das nicht, dass meine Religion schwach wird. Wer sich Debatten stellt und nach Alternativen sucht, wird stärker. Wenn wir unseren Kindern aber ein Islamverständnis mit einem strafenden Gott predigen, der verlangt, der Koran müsse Buchstabe für Buchstabe geglaubt werden, ist es kein Wunder, dass keine kritische Auseinandersetzung entsteht. Die meisten muslimischen Verbände stellen sich seit Jahren als Opfer der Gesellschaft dar. Natürlich gibt es Rassismus gegen Muslime. Aber dagegen können Muslime etwas tun, indem sie Verantwortung übernehmen und sagen: Wir sind nicht Terroristen, wir wollen einen anderen Islam. Solange die Muslime aber in der Opferrolle verharren, in dieser Wir-und-ihr-Haltung, kommt ein kritischer Dialog nicht in Gang.

Liegt das auch daran, dass der Koran, das heilige Buch des Islam, unantastbar ist?
Das war in der Geschichte des Islam nicht immer so, es gab vor 400 Jahren kritische innerislamische Debatten. Aber seit 200 Jahren herrscht Stillstand. Das hat auch damit zu tun, dass der Islam dominiert wird von politischen Mächten wie Saudiarabien, das den Salafismus unterstützt und das mit seiner rigiden Auslegung der Religion sein Regime stützt. Man muss den Koran nicht mit einem starren Buchstabenglauben und mit der Haltung lesen, seine Geschichten würden für alle Zeiten gelten. Man muss ihn in seinem lokalen und historischen Kontext verstehen und dann überlegen, welche Moral man für sich daraus ableitet.

Zeigt die Pegida-Bewegung in Deutschland, dass Muslime mit einem schlechten Image zu kämpfen haben?
Muslime könnten sich noch so perfekt integrieren, sie würden in rechtsradikalen Kreisen wohl immer noch Islamfeindlichkeit auslösen. Bei der Pegida geht es, wie bei den Salafisten, um Angstpädagogik und um Feindbilder. Es ist halt der einfachere Weg zu sagen: Ich habe den Job wegen Ausländern nicht bekommen. Das mag in Einzelfällen so sein, aber man muss am eigenen Selbstwertgefühl arbeiten, statt die Schuld einfach anderen zuzuschieben. Wir brauchen wohl noch ein, zwei Generationen, bis wir in Europa begriffen haben, dass wir eine Einwanderungsgesellschaft sind und dass das so gut ist. Von einer Islamisierung zu warnen und Muslime als Gefahr zu sehen, ist absurd. Eine Frau, die ein Kopftuch trägt und fünfmal am Tag betet, ist keine Gefahr für diese Gesellschaft, wenn ihr Glaube ohne politische Dimension ist und sie die Grundwerte der Demokratie achtet.

Auch wenn viele Muslime gut integriert sind, wurde in der Schweiz ein Minarettverbot eingeführt. Das macht es den Muslimen doch schwer?
Ich finde diesen Entscheid des Schweizervolks sonderbar und verstehe ihn als Ausdruck einer Angst vor Identitätsverlust, wie sie ja auch Muslime haben. Aber der Entscheid ist nun mal gefällt worden. Was mache ich nun als Muslim: Klage ich, dass ich armes Opfer meine Religion nicht leben kann? Oder sage ich: Ich will dieser Gesellschaft zeigen, dass man vor mir keine Angst haben muss und ich ihre Werte teile?

In Ihrer Jugend neigten Sie selber zur Radikalisierung. Wie kam das?
Ich war ein Streber, habe nicht so gut Fussball gespielt und wurde gemobbt. Das haben meine Lehrer nicht gemerkt, der Imam aber fragte mich, ob ich in seine Koranschule kommen wolle. Da habe ich Freunde gefunden, eine Aufgabe bekommen. Mein Leben in einem langweiligen kleinen Dorf in Israel kam in Bewegung, wir sind von einer Veranstaltung zur anderen gefahren. Am Anfang war alles harmlos. Aber dann begann ich meine Nachbarin zu verachten, weil sie kein Kopftuch trug. Ich rebellierte gegen meine damals nicht religiösen Eltern, ich entwickelte Feindbilder. Meine Rettung war dann, dass ich beim Psychologiestudium an der Universität Tel Aviv Bücher zu lesen begann und beim Diskutieren mit jüdischen Studenten merkte, dass sie gar keine Feinde sind.

Sie haben bei Ihrer Arbeit auch mit den Eltern der Radikalen zu tun. Was berichten Ihnen diese?
Ich erlebe vor allem ihre Hilflosigkeit. Sie leben in einem kleinen Dorf in Sachsen oder Bayern, kennen Salafisten nur aus dem Fernsehen, und plötzlich sitzt einer an ihrem Tisch und ist ihr Sohn. Seit dem Sommer rufen bei uns Eltern an und sagen: Mein Kind ist weg, es ist in Syrien. Stellen Sie sich vor, wie schwer es ist, mit diesen Eltern zu reden und ihnen überhaupt etwas anzubieten. Manche muslimischen Eltern rufen zu spät an. Die ersten Radikalisierungstendenzen ihrer Kinder nehmen sie oft positiv wahr: Sie hängen nicht mehr auf der Strasse rum, trinken weniger Alkohol, sind höflich zu den Eltern und gehen in die Moschee. Die Eltern sind stolz und merken nicht, dass es nicht um Glauben, sondern um Radikalisierung geht.

Wie reagieren Eltern, wenn sie die Radikalisierung erkennen?
Mit autoritärer Erziehung. Mütter sagen mir: Wie soll ich mein Kind erziehen, wenn ich es hier im Westen nicht schlagen darf? Lachen Sie nicht, vor 50 Jahren war das auch hier in der Schweiz noch so. Wenn man diesen Müttern dann erklärt, dass auch andere Erziehungsformen möglich sind und was Schläge bei Kindern anrichten können, dann beginnen sie oft zu weinen. Auch weil sie plötzlich realisieren, was ihre Eltern früher mit ihnen angerichtet haben.

Sie reden nur von den Müttern, wo bleiben die Väter?
Viele muslimische Familien sind patriarchalisch und als Pyramiden aufgebaut mit dem Vater als Familienoberhaupt. Alle anderen müssen sich ihm unterordnen. Die Väter fühlen sich aber nicht für die Erziehung zuständig. Vielen radikalen Jugendlichen fehlt eine Vaterfigur. Ein autoritärer Imam oder der strafende Gott wird ihr Ersatzvater. Das macht die radikale Ideologie für sie auch so attraktiv.

Gelingt es den Schulen nicht, die radikalen Jugendlichen anzusprechen?
Ich höre von Lehrern, dass Schüler Bestnoten in Mathetests schreiben, aber nicht in der Lage sind, in einem Aufsatz eine eigene Meinung zu formulieren. Weil sie es in ihren patriarchalen Gemeinschaften und Familien nicht dürfen. Dagegen muss man doch antreten. Ich frage die Lehrer: Warum schafft man es nicht, den Schülern in zehn Schuljahren kritisches Denken beizubringen? Und warum bemerkt man die Radikalisierung der Schüler nicht? Die passiert ja nicht über Nacht.

Ist es ein Lichtblick, dass sich sogar die Muslimbrüder oder Saudiarabien vom Anschlag in Paris distanzieren?
Ich glaube, dass acht von zehn Muslimen ehrlich entsetzt sind über den Anschlag. Aber eine Pressemitteilung der Muslimbrüder überzeugt mich noch nicht. Wer hat denn in den letzten Jahren gegen Karikaturen gehetzt, Feinden den Tod gewünscht und für den Sieg der Muslime gepredigt? Auf Arabisch und Türkisch haben in den letzten Tagen Tausende auf Onlineforen den Anschlag von Paris gefeiert. Das sind Mittäter, die mitschuldig sind, dass solche Anschläge passieren.

Es gibt die Aussage, dass IS-Terroristen gar keine richtigen Muslime sind. Was finden Sie?
Wenn Jugendliche im Kollegenkreis das so sehen, finde ich das gut. Ich persönlich halte die IS-Leute für Faschisten. Aber leider höre ich von Jugendlichen, der IS sei eine Erfindung des Mossad und des CIA, um den Islam schlecht darzustellen. Viele Islamvertreter sagen: Mit dem IS haben wir nichts zu tun. Ich frage zurück: Bringt uns das weiter? Es ist zu einfach, zu sagen, der IS habe mit dem Islam nichts zu tun. Haben auch die Hamas, al-Qaida und die iranischen Mullahs nichts mit dem Islam zu tun? Zumindest mit dem politischen Islam haben sie viel zu tun.

Sie klingen ziemlich pessimistisch.
Als im letzten Sommer offensichtlich wurde, was der IS in Syrien treibt, wurden viele Muslime nachdenklich. Sie realisierten: Hier stimmt etwas nicht. Dieser IS ist mit Geboten wie der Angstpädagogik und dem Buchstabenglauben grossgeworden. Gerade hatte ein Prozess begonnen, eine Suche nach einem anderen Islam. Dann kam Pegida. Übrigens wurde der IS für Europa erst mit den Rückkehrern zum Thema, die nun in Europa zur Gefahr werden können. Vorher war der IS weit weg. Wir müssen wohl damit rechnen, dass in Zukunft noch mehr Radikale durchdrehen. Ich bin aber überzeugt, dass wir 80 Prozent der jungen Leute mit einer Disposition zur Radikalität ansprechen könnten, bevor sie gewalttätig werden. Das gelingt aber nur, wenn alle, Muslime und Nichtmuslime, in der westlichen Gesellschaft die Freiheit verteidigen. Das ist mein Appell. (Berner Zeitung)

http://www.bernerzeitung.ch/region/bern/Die-Muslime-haben-keine-Antwort-auf-den-Radikalismus/story/26010017

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Thomas Rietzschel   schreibt:   Dummheit macht frei!

Was wir eben erleben mussten und weiter zu befürchten haben, die terroristisch befeuerte Expansion einer atavistischen Religion, ist auch eine Folge der intellektuellen Verarmung unserer politischen Klasse und eines großen Teiles ihrer journalistischen Wasserträger. Wenn diese selbsternannten „Eliten“ wenigstens noch über Restbestände einer soliden Schulbildung verfügten, wüssten sie, dass der Islam, da er keinen Aufklärung erlebte, geblieben ist, was er immer war: die ideologische Basis einer vormodernen Stammesgesellschaft.

Kein technischer Fortschritt, von dem die Kernlande des Islam sehr wohl profitieren, konnte der autokratischen Ausrichtung etwas anhaben. Nach wie vor verfolgt die Politik religiöse Ziele, wo die Imame die Mehrheit der Menschen hinter sich wissen, wo sie sie unter ihrer Fuchtel haben. Unverändert, wie vor Hunderten von Jahren, wird Recht mit Bezug auf die Religion gesprochen. Weil er den Islam „beleidigt“ haben soll, wurde ein saudiarabischer Blogger zu einer Strafe von 1000 Peitschenhieben verurteilt.

Fünfzig davon bekam er am vergangenen Freitag; die restlichen 950 werden ihm in den nächsten Wochen verabreicht, jeweils fünfzig Hiebe pro Sitzung in aller Öffentlichkeit. Und das nicht irgendwo, weit hinten in einem abgeschiedenen Wüstengebiet, sondern in einem der reichsten Länder der Welt, in dem technisch hoch gerüsteten SaudiArabien. Was die Hardware anlangt, ist das Land wie andere der arabischen Welt auf dem neuesten Stand, da nutzen sie alles, was die moderne, säkularisierte Welt zu bieten hat, ohne sich weiter um deren zivilisatorische Grundlagen zu scheren.

Im Gegenteil, sie werden im Namen des Islam aggressiv in Frage gestellt, mit der Peitsche, mit der Burka oder mit Mord und Totschlag. Es ist unsere, die westliche Lebensart gegen die die Gotteskrieger ins Feld ziehen, ausgerüstet mit den HightechWaffen, die wir selbst entwickelt haben. Sie verwenden, was der Westen geschaffen hat, um uns ins moralische Mittelalter zurück zu bomben. Der Islam, auf den sie sich berufen, stellt die denkbar größte Bedrohung für Europa dar, weil er in den Vorstellungen überlebter Epochen verharrt, nie durch eine Aufklärung, wie sie das Christen und das Judentum durchlaufen mussten, relativiert wurde.

Der Islam und Europa verhalten sich heute wie Feuer und Wasser. Das eine kann mit dem anderen nicht harmonieren, weil der historische Abstand niemals überbrückt wurde. Erst wenn die Trennung von Religion und Staat, die Individualisierung des Glaubens nachvollzogen würde, könnte der Islam gleichberechtigt in Europa ankommen. Solange das aber nicht der Fall, gehört er auch nicht zu Deutschland. In der Behauptung des Gegenteils konnte sich nur ein Bundespräsident gefallen, dem sonst nichts einfiel, womit er auffallen konnte. Über eine historische Bildung, die Zweifel an dem PRGag hätte wecken können, verfügte er so wenig wie der amtierende Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD), der uns unmittelbar nach dem im Namen Allahs verübten Attentat auf „Charlie Hebdo“ erklärte, „Terror hat mit dem Islam nichts zu tun“.

Wie, fragt man sich, kommt der Genosse dazu, einen derartigen Blödsinn zu behaupten. Das Mindeste, was man von ihm als Justizminister einer religiös unabhängigen Demokratie erwarten könnte, wäre doch, dass er die Terroristen ernst nimmt, wenn sie sich bei ihren Verbrechen immer wieder, nicht erst seit dem Anschlag auf das World Trade Center, auf den Islam berufen, unisono erklären, sie bekämpften den Westen, um zur Schaffung des islamischen Gottesstaates beizutragen.

Wenn die Moslems trotzdem zu ihrer Religion stehen, ungeachtet der islamisch begründeten Morde, Hinrichtungen und Entführungen, ist das ihre Sache. Wenn aber die regierenden deutschen Politiker die Augen vor den Gefahren des Islam verschließen, dann bringen sie das Land, von dem sie Schaden abwenden sollten, in Gefahr. Sie handeln unverantwortlich. Mehr noch, sie setzen sich dem Verdacht aus, für den unumschränkten Herrschaftsanspruch der islamischen Ideologie insgeheim mehr Verständnis aufzubringen, als ihnen das demokratische Gewissen erlauben sollte.

Dass sie sich dessen gar nicht bewusst sind, mag sein. Als Wortführer der Konsumgesellschaft leben sie nur mehr im Augenblick. Sie nehmen die Phänomene so, wie sie ihnen momentan erscheinen. Über historische Kenntnis, die sie veranlassten, die geschichtliche Bedingtheit der unterschiedlichen Religionen ins Kalkül zu ziehen, verfügen sie kaum mehr. Dummheit macht frei, Skrupel entfallen.

Christentum, Judentum, Islam alles gleichviel. Eine Religion mehr oder weniger, die zu Deutschland gehört, du lieber Himmel, was spielt das für eine Rolle, wenn man nicht mehr weiß, dass der Islam auch ein politisches Dogma ist, eine Ideologie der Alleinherrschaft wie der Kommunismus oder der Nationalsozialismus. Das gilt es abzuwenden, ohne wenn und aber. Beschwichtigungen sind hier völlig fehl am Platze. Den Nazis würde doch heute auch niemand mehr entschuldigend beispringen, nur weil die Mehrheit der Volksgenossen an das Gute im Führer glaubte.

Wer die Freiheit und die Glaubensfreiheit insbesondere verteidigen will, darf nicht alles tolerieren. Ein Islam, dessen Vertreter sich immer mehr in das politische Leben einmischen, vor dem die Parteien kuschen, von dem sie sich zu Kundgebungen zitieren lassen, gehört nicht zu Deutschland. Der Glaube ist eine Privatsache; und das hat er bitte schön auch zu bleiben. Keine wirtschaftlichen Zwänge, nichts sollte daran etwas ändern.

Wenn wir erst Moscheen bauen müssen, um die nötigen Arbeitskräfte zu bekommen, dann sind die Tage der Demokratie gezählt. Dann machen die Eliten schnell gemeinsame Sache so wie in Michel Houellbecqs eben erschienen Roman. Erzählt wird darin, wie plötzlich alle an dem Gefallen finden, was sie bei klarem Verstand‚ ablehnen müssten. Es geht um den Islam. Der deutsche Titel des Buches lautet „Unterwerfung“.

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/dummheit_macht_frei

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Alex Feuerherdt schreibt: “ Vom deutschen Elend

 

Man könnte auch mit Michael Martens feststellen: Wenn der Islamismus nichts mit dem Islam zu tun hat, dann hatten die Kreuzzüge auch nichts mit dem Christentum zu tun. Und der Archipel Gulag nichts mit dem Stalinismus. Ganz einfach.
V.

Nicht wenige Linke, Linksliberale und Antirassisten nehmen gegenüber Muslimen eine Haltung ein, die als Ausweis edler Gesinnung daherkommt, in Wirklichkeit aber paternalistisch oder kulturrelativistisch und damit letztlich selbst rassistisch ist. Dort, wo sich islamisch grundierter respektive motivierter Hass äußert oder gar gewalttätig wird, werden allzu oft Erklärungen präsentiert, die beschwichtigen, verharmlosen, verdrehen. Selbst Brutalitäten bis hin zum Mord werden vielfach als zwar bedauerliche, aber irgendwo doch verständliche Reaktionen auf – angebliche oder tatsächliche – Ausgrenzungs- und Unterdrückungserfahrungen betrachtet. So, als könnten die betreffenden Muslime gar keine autonomen Subjekte sein, die Entscheidungen selbstbewusst treffen, als könnten (und müssten!) sie ihr Handeln nicht verantworten, sondern immer nur als Objekte reagieren – und zwar exakt so, wie sie es tun. Eine Entmündigung und Ontologisierung, ein Spiegelbild des Rassismus klassischen Zuschnitts: Rechte Rassisten wie linke Antirassisten können sich Muslime offenbar nur als Fanatiker vorstellen.

Hinzu kommt, dass dort, wo noch jede materielle, aufgeklärte Kritik an der gewalttätigen Praxis des Islamismus als »rassistisch« und »islamophob« denunziert wird, nicht nur eine fragwürdige Akzentverschiebung in der Debatte stattfindet oder zumindest beabsichtigt ist. Säkulare, islamkritische (Ex-)Muslime werden in ihrem Kampf gegen religiöse und religiös begründete Zumutungen auch schmählich im Stich gelassen. Dass die meisten Opfer des Islamismus unter den Muslimen zu finden sind, ist eine Wahrheit, der sich die meisten Antirassisten sehr ungern stellen. Weil sie nur auf den Rassismus konzentriert sind, haben sie tatenlos zugesehen, wie sich eine radikal freiheits- und frauenfeindliche, antisemitische und homophobe Ideologie ausgebreitet hat. Und sie haben es versäumt, dem rechten Schreckensszenarien vom drohenden Untergang des Abendlandes einen Kosmopolitismus und Universalismus entgegenzusetzen, der nicht nur xenophoben Zumutungen eine Absage erteilt, sondern eben auch denen des politischen Islam. (Wobei es rühmliche Ausnahmen wie die Aktion 3. Welt Saar gibt, die hier nicht unterschlagen werden sollen.)

Auch jetzt, nach dem Terror von Paris, steht in den öffentlichen Reaktionen und Debatten hierzulande auffällig oft die Warnung vor einer wachsenden Islamfeindlichkeit im Mittelpunkt. Der Islamismus dagegen ist – und daran ändern auch die zahlreichen Beteuerungen, ebenfalls »Charlie« zu sein, nichts – vielfach nur insoweit ein Thema, als man es sich verbittet, dass »Pegida« die Bluttaten in der französischen Hauptstadt instrumentalisiert. So, als sei die Gefahr, die vom politischen Islam als totalitärer Ideologie ausgeht, ansonsten zu vernachlässigen. Ebenfalls bezeichnend ist, wie wenig über die jüdischen Opfer gesprochen wird, die es in einem koscheren Supermarkt in Paris gab. Der Täter hatte sich dieses Geschäft ganz gezielt ausgesucht, wie er selbst sagte: »Ja. Die Juden. Wegen der Unterdrückung, vor allem des ›Islamischen Staats‹, aber überall. Es ist für alle Gegenden, wo Muslime unterdrückt werden. Palästina gehört dazu.«

Das hätte ein Anlass zu sein, eher vor Judenfeindlichkeit zu warnen als vor Islamfeindlichkeit, zumal nach den antisemitischen Aufmärschen des vergangenen Sommers. Doch »jüdische Tote scheinen Europa, ja die Welt bei weitem nicht so zu erschüttern wie Tote anderen Glaubens«, wie Bernhard Torsch auf seinem Blog schreibt. »Es ist fast so, als würde Terrorismus gegen Juden als Normalität wahrgenommen und, schlimmer noch, als Reaktion auf den Nahostkonflikt rationalisiert. Dass man den Skandal der Dauerbedrohung jüdischen Lebens in Europa hingenommen hat, ist aber eine der Wurzeln des Nachtschattengewächses Terrorismus. Kaum jemand schien zu verstehen, dass es nicht nur darum geht, jüdische Menschen und Einrichtungen mit Polizeistreifen zu beschützen, sondern dass die Notwendigkeit für diesen Schutz das eigentliche Problem ist. So wie das eigentliche Problem am islamischen Terrorismus nicht die Qualität der Abwehrmaßnahmen dagegen ist, sondern dass diese Maßnahmen nötig sind.«

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/vom_deutschen_elend

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