L’Allemagne est malade!

L’Allemagne est malade!

Deutschland ist krank

Maxeiner & Miersch: Sind wir nicht alle ein bisschen hochsensibel?

“Also, mein Psychologe hat gesagt …” Früher musste man ziemlich viel Mut aufbringen, um im Smalltalk einen Satz mit diesen Worten einzuleiten. Psychische Nöte zählten zu den hochpeinlichen Angelegenheiten, über die man nicht sprach. Tat es jemand dennoch, konnte er damit rechnen, dass sein Gesprächspartner erstarrte, schnell das Thema wechselte und ihn von da an als Verrückten betrachtete.

Das hat sich erfreulicherweise geändert. Mit fortschreitender Zivilisation setzte sich ein milderes Menschenbild durch, welches anderen und sich selbst zugesteht, auch mal aus dem inneren Gleichgewicht zu geraten. In Form von Coaching hat die Inanspruchnahme psychologischer Dienstleistung sogar einen gewissen Statuswert erlangt. Schließlich kann nicht jeder sich das leisten.

Der entspanntere Umgang mit Neurosen und Ängsten brachte einen Therapiemarkt mit breitem Angebot hervor, von freudscher Analyse bis zum Schamanismus. Und auch die Nachfrage weitete sich aus. Vieles, was einst zum Bereich der persönlichen Eigenarten und kleinen Macken zählte, wird heute als therapiebedürftig eingestuft. Kaum jemand glaubt noch, man müsse seelisches Unwohlsein mit sich selbst ausmachen.

Kürzlich fiel uns ein Fragebogen in die Hände, der für ein Buch über “Hochsensibilität” warb. Darin musste man Aussagen als “zutreffend” oder “nicht zutreffend” ankreuzen “Die Launen anderer machen mir etwas aus”, lautete eine, oder “An stressigen Tagen muss ich mich zurückziehen können”, oder “Ein starkes Hungergefühl beeinträchtigt meine Laune und meine Konzentration”, oder “Ich habe ein reiches und komplexes Innenleben”.

Wir staunten: Alles war “zutreffend”. Demnach sind wir hochsensibel. Und auf alle anderen, denen wir diesen Selbsttest vorlegten, traf die Diagnose ebenfalls zu. Es scheint sich bei Hochsensibilität um eine Seuche zu handeln.

Gestern hatten wir uns noch ganz normal gefühlt und heute leiden wir unter Hochsensibilität. Was tun? Der Verlag, von dem die Werbung stammt, empfiehlt die Ratgeberbücher zu kaufen und zu lesen, die die Entdeckerin der Hochsensibilität verfasst hat. Sie verspricht, dass man mit Hilfe ihrer Übungen den Psychodefekt in den den Griff kriegen kann. Vielleicht können wir ja trotz unseres Leidens ganz normal weiter leben.

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/sind_wir_nicht_alle_ein_bisschen_hochsensibel

Julian S. Bielicki: Die Bundespsychotherapeutenkammer bptk gibt bekannt:

“Die Zahl der betrieblichen Fehltage aufgrund von Burnout ist seit 2004 um fast 1.400 Prozent gestiegen.” Das wird vom Bundespsychotherapeutenkammerpräsidenten jedoch nicht als ein Anstieg von Krankschreibungen (AU) unter dem Vorwand einer neuerfundenen angeblichen psychischen Belastung (die nicht Mal als eine Erkrankung definiert ist und im Diagnosenkatalog ICD 10 daher fehlt)) interpretiert, o nein, sondern: „Die Menschen fühlen sich in ihrem Leben und bei ihrer Arbeit immer häufiger überfordert“, stellt Prof. Dr. Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) fest. „ Die psychosozialen Belastungen der modernen Gesellschaft werden erheblich unterschätzt. Seelisch überlastete Personen erhalten zu spät Beratung sowie Hilfe und psychisch Kranke zu spät eine Behandlung.“ und “Im Jahr 2004 fehlten 100 Versicherte 0,6 Tage aufgrund von Burnout, im Jahr 2011 waren es schon neun Tage. Ihr Anteil an allen Fehltagen aufgrund psychischer Erkrankungen ist aber noch gering. Im Jahr 2011 waren 100 Versicherte rund 200 Tage aufgrund seelischer Leiden arbeitsunfähig. Im Vergleich zu psychischen Erkrankungen machen die Ausfälle aufgrund von Burnout also nur 4,5 Prozent der Fehltage aus. „Im Gespräch mit dem Arzt schildern viele Arbeitnehmer Erschöpfung oder Stress“, erklärt BPtK-Präsident Richter. Solche Schilderungen von Burnout-Symptomen sollten nicht auf die leichte Schulter genommen werden, weil dahinter meist psychische Erkrankungen stecken.“ Bei 85 Prozent der Krankschreibungen wegen Burnout diagnostizierte der Arzt zusätzlich eine psychische (z. B. Depression, Angststörung) oder körperliche Erkrankung (z. B. Rückenschmerzen). Nur 15 Prozent der Burnout-Krankschreibungen erfolgen ohne eine weitere Diagnose. Auch dann kann Burnout jedoch ein Hinweis auf eine entstehende psychische oder auch körperliche Erkrankung sein. Aktuell gibt es keine allgemein anerkannte Definition, was unter Burnout zu verstehen ist. Häufig genannte Symptome des „Burnouts“ oder des „Ausgebranntseins“ treten auch bei einer Reihe psychischer Erkrankungen auf: u. a. Antriebsschwäche, gedrückte Stimmung, Reizbarkeit, Erschöpfung. Burnout wird in Deutschland in der ICD-10-GM in einer Zusatzkategorie (Z73) verschlüsselt, in der Faktoren beschrieben werden, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen können, ohne eine eigenständige Erkrankung zu sein. Meist handelt es sich um Überforderungen durch berufliche und private Belastungen. „Eine solche Kategorie ist durchaus sinnvoll, weil sie dem Arzt die Verschlüsselung von psychosozialen Risikofaktoren oder auch von Gründen bzw. Anlässen für eine tatsächliche Erkrankung ermöglicht“, erläutert Richter. „Es muss dann aber auch sichergestellt sein, dass eine diagnostische Abklärung oder eine Behandlung eingeleitet wird.“

Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) online – “Betriebliche Fehltage aufgrund von Burnout um 1.400 Prozent gestiegen”[1]

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Eine Psychoindustrie erklärt inzwischen alles und jedes als psychisch und sich selbst als dafür alleine zuständig und daher vom Staat zu finanzieren. Diese Psychoindustrie hat einen totalitären Charakter und ist sektenartig organisiert.[2][3][4]

Natürlich geht es dabei um nichts Geringeres als um die Rettung der Welt durch die wie immer äußert aggressiv dafür kämpfenden friedlichen rot-rot-grünen Gutmenschen.

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/kommentare/sind_wir_nicht_alle_ein_bisschen_hochsensibel

In ein und derselben Ausgabe vom 16.08.2010 erschienen in der FR zwei Artikel zum Thema Arbeit[5][6]. In einem konnte man lesen, daß die Arbeit krank macht und im anderen, daß die Arbeitslosigkeit krank macht. In beiden Fällen ging es um die Zunahme von psychischen Krankheiten.

Der scheinbare Widerspruch zwischen den beiden Artikeln wird jedoch aufgehoben, wenn man bedenkt, daß in beiden Fällen auch das Vortäuschen einer psychischen Krankheit zur finanziellen Unterstützung des “Kranken” führt, ohne daß der “Kranke” arbeiten muß.

Auf diese Weise kann man die Zunahme von schwer überprüfbaren Diagnosen verstehen, wie Burn-Out, Mobbing, Traumatisierungen, Depressionen, Ängste und Sonstiges. Man kann damit am einfachsten eine Arbeits-, Berufs-, Erwerbsunfähigkeit erreichen, ohne daß eine tatsächliche Erkrankung vorliegen muss.

Mit Bandscheibenvorfällen, psychosomatischen Schmerzbeschwerden geht es aber auch.

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/arbeit_macht_krank_keine_arbeit_auch/

[1] http://www.bptk.de/aktuell/einzelseite/artikel/betriebliche.html

[2] Arbeit macht immer mehr Menschen krank.

http://www.welt.de/politik/deutschland/article6895681/Arbeit-macht-immer-mehr-Menschen-krank.html

[3] Arbeitslosigkeit macht Menschen psychisch krank

http://www.welt.de/gesundheit/article7806239/Arbeitslosigkeit-macht-Menschen-psychisch-krank.html

[4] Arbeit macht krank. Keine Arbeit auch.

http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/arbeit_macht_krank_keine_arbeit_auch/

[5] http://www.fr-online.de/wissenschaft/arbeit-macht-krank/-/1472788/3260920/-/index.html

[6] http://www.fr-online.de/wirtschaft/arbeitslos-und-krank/-/1472780/4559316/-/index.html

Im Mediengeheuel der Propagande der Betreuungsindustrie (Mediziner, Psychotherapeuten, Pädagogen, Erzieher, Sozialarbeiter und und und …) fehlt jeweils die Tatsache, daß der Mensch im Allgemeinen nicht anständig, ehrlich, fleißig ist, sondern opportun, unehrlich und faul, nach dem Mini-Max-Prinzip der globalisierten Wirtschaft, minimale Investition für maximalen Gewinn. Deswegen simulieren viele Menschen Krankheiten, um sich „krankschreiben“ zu lassen, das heißt Geld zu bekommen, ohne zu arbeiten. Das gilt auch für sog. „Kuren“, die meistens einfach Freizeit zu Lasten der Krankenkasse ist, und oft Berufs-, Erwerbsunfähigkeitsbescheinigungen, und andere Formen des Sozialbetrugs.  Früher benutzten Simulanten gerne die Rückenschmerzen als Ausrede, heute Trauamtisierungen, Burn-Out, Ängste und Depressionen, weil der Betrug dabei nicht einfach nachzuweisen ist.  Diese Maxime wenden Menschen auch auf Beziehungen, wenn sie Gefühle „investieren“, wollen sie möglichst wenig geben und möglichst viel bekommen. Das nennen Menschen „Liebe“, „Partnerschaft“, „Beziehung“, „Freundschaft“ und heulen auf, wenn es den jeweils anderen über den Tisch zu ziehen nicht klappt.

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Stress, Erschöpfung, Burnout Der Kapitalismus ist nicht an allem Schuld

Psychische Krankheiten seien so schlimm wie noch nie, heißt es. Der Schuldige ist längst gefunden – der ach so böse Kapitalismus. Selten wurde so viel Quatsch geredet.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.03.2015, von Bettina Weiguny

© dpa Vergrößern Krankenkassen: Die Zahlen der Burnout-Fälle sind in den letzten zehn Jahren sprunghaft angestiegen. Ein Grund können, wie auf diesem gestellten Bild dargestellt, zu viele Arbeitsaufträge sein.

Wie schnell man heute seinen Burnout weghat, durfte Reinhold Beckmann jetzt erfahren. Der Fernsehmoderator musste sich in zwei Sendungen vertreten lassen, weil er an „Schwindel und Gleichgewichtsstörungen“ litt.

Bettina Weiguny  

„Burnout“ posaunte die „Bild“-Zeitung hinaus. Schließlich war Beckmann gerade aus dem Nordirak zurückgekehrt, wo er nach eigenen Angaben „unsägliches Leid“ gesehen hatte. Klare Sache also: Jetzt hat’s den Beckmann erwischt. Warum auch nicht? Hat ja jeder heute. Der Bestseller-Autor Frank Schätzing, Starkoch Tim Mälzer, Skispringer Sven Hannawald, Fußballer Sebastian Deisler, Ex-Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski und etliche andere. Die Liste der Burnout-Promis ist lang, die Kliniken und Praxen sind voll.

Nur leider stimmte es im Falle Beckmann nicht. Beckmann hatte nur einen grippalen Infekt. Aber da wir im Zeitalter der erschöpften Gesellschaft leben, ist die Diagnose Burnout schnell zur Hand. Das macht deutlich mehr her als eine stinknormale Grippe. Ein bisschen burnout sind wir doch alle, seit immer mehr Menschen am Ende ihrer Kräfte sind, ausgebrannt und depressiv.

Krankheitstage wegen psychischer Störungen verdoppelt

So geht zumindest das allgemeine Wehklagen. Auch die Schuldigen sind schnell gefunden: Im Zweifel ist es die Arbeit, dieses Monstrum, das uns Unmenschliches abverlangt, uns nachts und am Wochenende mit Mails zudonnert, bis wir vor lauter Stress zusammenbrechen. Wer wäre nicht überfordert von den Turbo-Geschwindigkeiten der digitalen Welt, dem bösen Raubtier-Kapitalismus, der Globalisierung?

Die Statistiken aus den Krankenakten scheinen den Mythos vom zunehmenden Leid der Seelen zu stützen. Immerhin schnellten die Burnout-Fälle in den vergangenen zehn Jahren nach oben, in der gleichen Zeit haben sich die Krankheitstage wegen psychischer Störungen verdoppelt. Das melden die Krankenkassen unisono.

Dabei wird völlig übersehen, dass 99 Prozent aller Deutschen nicht ausgebrannt sind. „Nur 0,3 Prozent haben Burnout“, schreibt der Soziologe und Therapeut Martin Dornes in seinem Aufsatz „Macht der Kapitalismus depressiv?“. Das Leben sei zwar in mancherlei Hinsicht anstrengender geworden. „Es gibt aber keine Belege dafür, dass eine wachsende Anzahl der Menschen damit seelisch überfordert wäre.“ Selbst die provokantesten Schätzungen wagen sich kaum über vier Prozent hinaus.

Von einer „Volkskrankheit Burnout“ sind wir demnach weit entfernt. Das heißt nicht, dass die Erkrankten simulieren oder sich ihr Elend einbilden. Es ist aber so, dass es immer schon psychisch Angeschlagene gab. Nur haben Ärzte früher andere Diagnosen getroffen. Die Menschen litten unter Rückenschmerzen, Bluthochdruck, Wechseljahren und Kreislauf- oder Schlafstörungen. Oder sie sind gar nicht erst zum Arzt gegangen, weil sie sich schämten oder kein Facharzt oder Psychotherapeut in der Nähe war. So blieben viele Fälle unerkannt.

Große Mehrheit mit ihrer Arbeit zufrieden

Je mehr Fachärzte, desto mehr Diagnosen, desto mehr Kranke. So schlicht ist die Faustregel. 20 bis 30 Prozent der Gesellschaft fühlen sich laut Dornes in jeder Generation „müde oder erschöpft“. Das war 1980 nicht anders als 1970 oder auch schon um das Jahr 1900. Gerade damals hatte die Überforderung Hochkonjunktur. Nur hieß das Phänomen damals nicht Burnout, sondern Neurasthenie. Die nervöse Welle, ausgelöst durch das Unbehagen an der Hast der Industrialisierung, verebbte mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. „Die Menschen hatten plötzlich andere Sorgen“, erklärt der Psychologe Elmar Brähler, der ein „Lexikon der modernen Krankheiten“ verfasst hat.

Warum leiden wir jetzt wieder an der Seele, wo es uns besser geht denn je? Warum verdammen wir den Kapitalismus, gerade jenes Wirtschaftssystem, das uns den Wohlstand beschert, den wir heute genießen? Wir arbeiten viel weniger als unsere Eltern und Großeltern. Sind seltener krank. Die Zahlen der Frühverrentung sinken seit vielen Jahren. Wir haben mehr Urlaub, interessantere Tätigkeiten und viel mehr Freiheiten als früher.

Trotzdem wird die neue Freiheit in der Burnout-Diskussion als Übel schlechthin gegeißelt. Weil sie uns Entscheidungen abverlangt. Eigeninitiative. Ja, sogar Leistung.

Nur, wie wollen wir denn sonst arbeiten? Stupide am Fließband wie früher? Dazu ist zu bedenken, dass laut einer Untersuchung zu Psychostress im Jahr 1958 gut 40 Prozent aller Arbeiter an psychosomatischen Erkrankungen litten. Damals war die Arbeit wirklich stumpf und anstrengend, die Arbeitstage elendig lang. Das Familienleben beschränkte sich auf den Sonntag, denn samstags gehörte Vati noch lange nicht der Familie. Und zu Hause kochte und schrubbte die Hausfrau, ob sie dabei Erfüllung fand oder nicht.

Nichts von alledem wollen wir zurück. Im Prinzip wissen wir das auch zu schätzen. Sonst wäre nicht die große Mehrheit mit ihrer Arbeit zufrieden oder sogar sehr zufrieden.

Infografik / Einkommen Arbeitszeit Zufriedenheit © F.A.Z. Vergrößern

Und trotzdem ist das Unbehagen groß über den „zunehmenden Druck des Kapitalismus“, der die Menschen zur „Selbstausbeutung“ zwingt. Jeder zweite Manager hat in einer Studie der Baumann Unternehmensberatung („Deutschland, Deine Manager“) angegeben, sich davor zu fürchten, im Laufe der Karriere Burnout zu erleiden. Eine übertriebene Furcht, denn wenn jemand tendenziell burnoutgefährdet ist, dann nicht die Führungskräfte, sondern die Arbeitslosen. Sie sind drei bis vier Mal so häufig psychisch krank wie Erwerbstätige. Die Schlussfolgerung müsste also lauten: Arbeit gehört zu einem erfüllten Leben, schützt vor Leid.

Stattdessen gefällt es dem Zeitgeist, „die Wirtschaft“, oder noch giftiger: „den Kapitalismus“ für jedes Übel haftbar zu machen. Er trägt Schuld an der Beschleunigungsfalle, am Infarkt der Gesellschaft. Er hat die Vollzeitjobs vernichtet, hat die Ehe auf dem Gewissen. Die Familien rafft er dahin, reihenweise scheitern sie daran, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Da vergeht den Jungen gar die Lust auf Kinder. Und die Kleinsten sind ganz hibbelig wegen Schulstress. Reihenweise leiden sie an „ADHS“.

Dabei ist das alles ganz normal. Kein Anzeichen einer kollektiven Erschöpfungsspirale, findet Dornes. Jedes Argument lässt sich auch positiv deuten. So sind die Teilzeitjobs auch entstanden, weil die Menschen es schätzen, einen Tag in der Woche freizuhaben. Und Zappelphilippe gab es schon immer. Eine Untersuchung von Hamburger Schulkindern im Jahr 1958 schätzte zwölf Prozent der Kinder als „ausgesprochen hypermotorisch“ und 23 Prozent als „konzentrationsgestört“ ein. „Nicht die Aufmerksamkeitsstörungen haben zugenommen“, folgert Dornes aus diesem Befund, „sondern die Aufmerksamkeit für sie.“

„In 50 Jahren wird man über heutige Erkrankungen lächeln“ (dann aber wohl auf arabisch)

Das erscheint plausibel. Die Karriere des Burnouts begann hierzulande im Jahr 2004. In dem Jahr erschien Alain Ehrenbergs „Das erschöpfte Selbst“. Ein Bestseller. Seither steigt die mediale Bedeutung so rasant wie die Burnoutfälle. Magazine und Zeitschriften widmeten dem Phänomen etliche Titelgeschichten, Tageszeitungen durchleuchteten das neue Phänomen.

So fand sich der Begriff „Burnout“, bekannt seit 1974, im Jahr 1999 gerade einmal in neun Artikeln der F.A.Z. 2012 waren es 160 Berichte. Das wirkt zurück auf die Realität. „Medienberichte können eine Welle einer modernen Krankheit auslösen, weil die Leser oder Zuschauer sich in der Erkrankung wiedererkennen“, erläutert Psychologe Elmar Brähler. „Gelitten haben sie schon vorher. Sie hatten nur keinen Namen für ihr Leiden und deshalb nicht den Mut, damit zum Arzt zu gehen.“

Die gute Nachricht zum Schluss könnte also heißen: Es geht bergab mit dem Burnout, denn die Medien schenken ihm weniger Bedeutung. Die F.A.Z. schrieb 2014 nurmehr 141 Mal über Burnout. Und tatsächlich: Krankenkassen verzeichnen erstmals einen Rückgang der Fälle. Vielleicht kommt Burnout also außer Mode, wird vom „Narzissmus“ abgelöst.

Brähler ist sich sicher: „In 50 Jahren wird man über viele der heutigen Erkrankungen lächeln – und an anderen Krankheiten leiden.“

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Psychische Erkrankungen: Von den Höhen des Streits um die großen Zahlen in die Tiefen der Realität für die Betroffenen

Im Umfeld der Veröffentlichung des „Depressionsatlas“ der Techniker-Krankenkasse wurde wieder einmal sehr kontrovers gestritten über die Frage, ob wir in Zeiten leben, in denen die Zahl der Menschen mit einer psychischen Erkrankung kontinuierlich ansteigt, was ein erster Blick auf die Daten aus den vielen Gesundheitsberichten der Krankenkassen nahezulegen scheint – oder ob das nicht vielmehr aufgebauscht ist, eine „Modewelle“, Folge einer gesellschaftlichen Entstigmatisierung des Themas, einer veränderten Etikettierung der Ärzte, die früher anders „offiziell“ diagnostiziert haben und heute eher bereit sind, psychische Krankheiten auszuweisen bis hin zu den Effekten einer angebotsinduzierten Nachfrage. Gesellschaftspolitisch – und damit zwangsläufigerweise mehr oder weniger ideologisch – aufgeladen wird das Thema durch eine Verknüpfung mit den Veränderungen und Entwicklungen in der modernen Arbeitswelt und der implizit mitlaufenden oder auch explizit vorgetragenen These, dass die modernen Arbeitsbedingungen verantwortlich seien für den tatsächlichen bzw. behaupteten Anstieg der Zahl der Menschen mit psychischen Erkrankungen. Das wurde in dem Blog-Beitrag Der Kapitalismus macht depressiv! Aber ist das wirklich so? Oder liegt die Wahrheit vielleicht in der Mitte? durchaus kritisch bis ablehnend diskutiert. Allerdings gibt es ein unauflösbares Dilemma zwischen der Diskussion allgemeiner Entwicklungen im Kollektiv beispielsweise auf der Ebene epidemiologischer Studien, die dann zu dem Ergebnis kommen (können), dass es keinen erkennbaren Anstieg der Zahl der von psychischen Erkrankungen betroffenen Menschen gegeben hat und der Realität des einzelnen Falls, also der Menschen, die von einer solchen Erkrankung betroffen sind und die sehr handfest erfahren (müssen), was mit ihnen passieren kann. Sozialpolitisch relevant auf dieser Ebene sind dann reale Versorgungsdefizite, weiter bestehende Stigmatisierungen oder eben auch gute Ansätze eines veränderten Umgangs mit ihnen. Um diese Ebene soll es nun – gleichsam in Ergänzung zum Beitrag über die großen Zahlen – gehen.
Christina Hucklenbroich greift mit Blick auf den Umgang mit Menschen, die an einer psychischen Erkrankung leiden, in ihrem Beitrag Und dann haben Sie eine F-Nummer ein auch von den Kritikern immer wieder vorgetragenes Argument auf: »Den Freunden offen von der Psychotherapie erzählen, den Kollegen vom Burnout – das scheint inzwischen Normalität. Sind psychische Krankheiten völlig „entstigmatisiert“? Stigmaforscher sagen: im Gegenteil.«
Die Mitarbeiterin einer Beratungsstelle für Eltern verhaltensauffälliger Kinder wird mit den folgenden Worten zitiert: »Neulich sagte ein Mann, dem man ansah, dass er Medikamente nahm: ,Ich habe F20.0‘. Da ich keine Ärztin bin, musste ich sogar nachfragen, was der Diagnoseschlüssel bedeutet.“ Die Antwort kam prompt: „Paranoide Schizophrenie.“ Frauen sprächen heute offen über depressive Phasen in ihrem Leben … Aber auch Männer gäben immer häufiger von sich aus zu Protokoll, Depressionen erlebt zu haben. „Dass Männer Depressionen einräumten, gab es früher gar nicht. Und noch vor zwanzig Jahren hätte ich niemals gewagt, danach zu fragen.“ Für die Pädagogin ist klar, welche gesellschaftliche Entwicklung ihren Arbeitsalltag so verändert hat: „Die Entstigmatisierung psychischer Krankheiten ist in vollem Gange“, bilanziert sie.«
Da ist es also wieder, das Stichwort „Entstigmatisierung“. Hucklenbroich berichtet von ihren Recherchen bei der Deutschen Rentenversicherung – die Zahl der Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit etwa, die aufgrund psychischer Störungen bewilligt werden, stieg von 41.000 im Jahr 1993 auf 74.000 im Jahr 2012, also muss man sich dort mit dem Thema befasst haben – und landet nach etlichen Schleifen bei einem Mitarbeiter, der mit diesen Worten zitiert wird:

„Die Gewerkschaften sagen ja, es liege an der Arbeitsverdichtung, dass immer mehr Menschen sich zu einer psychiatrischen Diagnose bekennen. Aber seien wir ehrlich: Das hat alles mit der Entstigmatisierung zu tun.“

Die Autorin wendet sich an eine wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Frage, ob es eine Entstigmatisierung gegeben hat, professionell beschäftigt: die psychiatrische Stigmaforschung. Und aus diesen Reihen wird ein auf den ersten Blick verblüffender Befund zitiert: Zwar glauben die Deutschen, dass die Gesellschaft psychische Störungen weniger stigmatisiere als früher. »Der Einzelne aber, nach seinen eigenen Gefühlen befragt, will mehr Distanz zu psychisch Kranken als noch 1990, er will sie nicht als Nachbarn und nicht als Kollegen, er will sie niemandem als Mitarbeiter empfehlen und sie nicht zum Freundeskreis zählen.« Und hinzu kommt: »Diese ablehnenden Gefühle sind zwischen 1990 und 2011 deutlich stärker geworden, zeigt ein ganzes Bündel von Studien, das eine Gruppe deutscher Stigmaforscher um den emeritierten Leipziger Sozialpsychiater Matthias Angermeyer und Georg Schomerus von der Universität Greifswald in den Jahren 2013 und 2014 vorgelegt hat«, so Hucklenbroich. Auch interessant: Die Psychiatrie scheint von diesen Entwicklungen profitiert zu haben, denn das Stigma, das auf ihr lag, habe abgenommen – allerdings: Die Menschen erhoffen sich von ihr Schutz, also eher eine selbstbezüglich-funktionale Sichtweise, die sich ausgebreitet hat.
Dass – vor allem die strukturelle – Stigmatisierung des Einzelnen keinesfalls verschwunden ist, kann man an zwei sozialpolitisch relevanten Beispielen illustrieren, man muss gar nicht zu den ganz harten Fällen wie dem dauerhaften Wegschließen bestimmter Menschen in den Psychiatrien des Landes greifen, die hin und wieder thematisiert werden: »Eine psychiatrische Diagnose kann es unmöglich machen, bestimmte private Versicherungen abzuschließen. Und sie kann die Verbeamtung gefährden.«
Psychische Krankheiten gelten wegen der Datenlücken hinsichtlich der Verläufe bei den Versicherungsunternehmen als schwer kalkulierbares Risiko. Verschweigt der Kunde entsprechende Diagnosen, muss der Versicherer später nicht zahlen. Das führt auf der Seite der Betroffenen zu verständlichen, aber nicht unproblematischen Ausweichreaktionen:

»Manche Patienten zahlen ihre Therapie privat und schieben einen stationären Aufenthalt auf. Wer nicht privat zahlen kann oder will, weicht bisweilen auf kirchliche Beratungsstellen aus, statt eine Therapie zu machen, die von der Krankenkasse registriert wird. Das bedeutet wiederum, dass manche Erkrankten auch keine durchgeplante Therapie auf dem Stand der Wissenschaft bekommen können.«

In dem Artikel kommt auch Michael Linden, Leiter der Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation der Charité, zu Wort, der seine Kollegen zu Vorsicht beim Umgang mit Diagnosen mahnt: »Eine Diagnose geht nicht mehr weg. Das heißt: Diagnosen sind nichts Gutes. Deswegen müssen wir die Patienten auch mal bremsen. Manche Patienten wollen einfach nur eine Kur machen. Und wenn sie da wieder rauskommen, haben sie eine F-Nummer.« 2013 hatte Linden in dem Beitrag Psychische Gesundheit: Gesundes Leiden – die „Z-Diagnosen“ im Deutschen Ärzteblatt dafür plädiert, statt der mit dem Buchstaben F kodierten psychiatrischen Diagnosen aus dem Klassifikationssystem ICD-10 häufiger die weicheren Z-Kodes zu nutzen, die für soziale Schwierigkeiten verwendet werden können.

Neben der offensichtlich weiter fortbestehenden strukturellen Stigmatisierung, mit der dann der einzelne Betroffene an möglicherweise für ihn völlig überraschenden Stellen konfrontiert werden kann, soll abschließend auch der eingangs bereits auf einer grundsätzlichen gesellschaftspolitischen Ebene angesprochene Aspekt der Bedeutung der Arbeit aufgegriffen werden – allerdings weniger bzw. gar nicht mit Blick auf die möglichen krankmachenden Bedingungen der modernen Arbeitswelt, sondern hinsichtlich der positiven Bedeutung, die Arbeit hat bzw. haben kann im Prozess der Bewältigung einer psychischen Erkrankung.
Stefan Mühleisen bringt es schon in der Überschrift seines Artikels auf den Punkt, worum es hier geht: Arbeit als Therapie. Sein Beitrag beginnt mit der Geschichte des David Walm, der eine Koch-Ausbildung begonnen hatte mit der Traumvorstellung, einmal Sternekoch zu werden. Aber er steckte während dieser Zeit in der Zwangsjacke einer schweren Depression mit Suizidgedanken und wurde von den eigenen Eltern in die Psychiatrie zwangseingewiesen. Nach wenigen Wochen bekam er die Kündigung von seinem Ausbildungsbetrieb. So oder ähnlich laufen viele Einzelschicksale ab. Dahinter – da ist es wieder, das S-Wort – stehe ein Stigma: »In der öffentlichen Wahrnehmung und insbesondere in vielen Chefetagen gelten psychisch kranke Menschen als willensschwach und unberechenbar. Wer eine psychiatrische Diagnose hat, ist häufig als gefährlicher Gestörter abgestempelt – obwohl seelische Leiden weit verbreitet sind.« Allerdings, so zumindest die Beobachtung von Mühleisen, beginnt das Stigma nun zaghaft zu bröckeln. Betriebe haben Programme aufgelegt, um psychische Belastungen überhaupt zu erkennen und entsprechende Hilfen anzubieten, wenn auch noch zu wenige. Aber es sind erkennbare Veränderungen. Und eines der zentralen Erkenntnisse ist dabei auch die Einsicht, dass Arbeit eine ganz wichtige Rolle spielt.
Beispiel David Walm: Fünf Jahre nach der Zwangseinweisung steht er wieder am Herd, wenn auch nicht einem Laden der Spitzengastronomie, er hat einen Job als Koch in der Kantine der Postbank-Niederlassung an der Münchner Bayerstraße bekommen. Und an dieser Stelle wird sehr deutlich sichtbar, wie wichtig arbeitsmarktpolitische Angebote für die Betroffenen – konkret: Integrationsunternehmen – sind, denn:

»Walm ist einer von 170 Mitarbeitern der Regenbogen Arbeit GmbH, 60 Prozent von ihnen sind psychisch krank. Der gemeinnütziger Betrieb verschafft Menschen mit seelischen Leiden eine Festanstellung, sie bekommen faire Jobs mit therapeutischer Begleitung. Die Firma schließt eine Lücke in der psychiatrischen Versorgungslandschaft. Denn längst wissen Fachleute um das Problem der „Drehtürpsychiatrie“: Wenn Menschen wie Walm nach einer schweren psychiatrischen Krise die Klinik verlassen, stehen sie oft vor den Trümmern ihres Lebens: ohne Freunde, ohne Wohnung – und ohne Arbeit. So fallen sie in die nächste Krise – und lahttps://psychosputnik.wordpress.com/wp-admin/post.php?post=904&action=editnden wieder in der Klinik.«

Der Integrationsbetrieb hat sich auf Catering-Service spezialisiert. »Menschen mit Psychose, Depression oder Schizophrenie verarbeiten Frischkost, fahren sie kistenweise in fünf Großkantinen in München – etwa bei Postbank, Allianz, Infineon – und arbeiten dort im Service, als Küchenhilfe oder Koch. Arbeitstherapie und Broterwerb zugleich.«

Und David Walm, um ihm das Schlusswort zu überlassen, betont einen ganz eigenen Aspekt:
Depressive Menschen sind enorm leistungsfähig. „Denn sie müssen große Stärke aufbringen, sich nicht umzubringen.“

Foto: Dr. Klaus-Uwe Gerhardt / pixelio.de

systemficker

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