Warum lesen? / Why should one read?

Gabriel José García Márquez

Gabriel José García Márquez

Warum soll man Marquez, warum soll man große Literatur lesen?

Wenn die FAZ schreibt, Gabriel Garcia Marquez hätte als Motto zu seinem autobiographischen Buch den Satz gewählt: „Das Leben ist nicht das, was geschah, sondern das, woran man sich erinnert und wie man sich daran erinnert.“, dann stimmt es nicht. Marquez hat nämlich etwas Gegenteiliges behauptet, tatsächlich hat Marquez geschrieben: „Das Leben ist nicht das, was man gelebt hat, sondern das, woran man sich erinnert und wie man sich daran erinnert, um es zu erzählen.“ – „La vida no es la que uno vivió, sino la que uno recuerda y, cómo la recuerda para contarla.” Auch deswegen hat Marquez diesem seiner letzten Bücher den Titel: „Vivir para contarla“ – „ Leben, um davon zu erzählen“ gegeben. Um davon zu erzählen, und nicht lediglich, um sich daran zu erinnern.
Offenbar wollen jedoch die meistens erst dann einem zuhören, wenn man tot ist, wie heute am Karfreitag. Dann ist es aber zu spät. Und so erzählen die einen, und die anderen hören ihnen nicht zu, und andere wollen zuhören, aber der Erzähler ist tot. Und es gibt nicht immer den Ostersonntag, an dem der totgeglaubte wieder fröhlich herumhüpft und Ostereier verteilt. Einem Schriftsteller kann man jedoch auch nach seinem Tod zuhören, denn er spricht weiterhin in seinen Texten. Lesen heißt zuzuhören, und schreiben bedeutet zu erzählen. Früher konnten Analphabeten weder lesen noch schreiben, nur erzählen, heute können sie schreiben und lesen, aber nicht mehr erzählen. Gabriel José de la Concordia García Márquez konnte sehr gut erzählen. Und was heißt es: gut zu erzählen? Jeder Mensch besteht aus einer Art seelischer Haut, die wie ein Schutzblech ihn unsichtbar von der Welt trennt, wie eine mittelalterliche Ritterrüstung. Bestenfalls hat der Mensch in diesem Blech kleine Löcher, wie die Haut Poren, durch die er aus- und einatmet, durch die er mit der Welt kommuniziert. Bei den meisten Menschen sind aber durch mangelnde Psychohygiene die Poren durch Mitesser verstopft, so daß ihre seelische Haut nicht mehr atmen kann, sie ersticken allmählich unter ihrem Schutzblech und senden Klopfzeichen durch ihre Smartphones, und es klopft wie verrückt, aber der Austausch ist perdu (das ist französisch und bedeutet: verloren). Marquez war jedoch fähig, seine Mitteilungen so zu formulieren, daß sie sogar in die wenigen versteckten Löcher in den seelischen Rüstungen die darin durch selbstverschuldete Unmündigkeit eingesperrten Menschen treffen und ihre Herzen erreichen. Da seine Worte wohltuend sind, sind seine Texte wie Medizin, sie tun den Menschen gut. Und diese Gabe machte ihn zu einem großen Schriftsteller, zu einem der größten.
Warum soll man Marquez, warum soll man große Literatur lesen?
Um mit sich, mit anderen, mit dem Leben klar zu kommen, braucht man gewisses Maß an Aufmerksamkeit, die Fähigkeit zu überlegen, was man will, was andere wollen, was geht und was nicht geht. Das alles geht in dem zunehmenden Chaos an Quatsch, das sich als Information und Kommunikation ausgibt, jedoch keine von den beiden ist, in der zunehmenden Menge an Blip-Blop Geräuschen und Bling-Blong blinkenden Lämpchen an allen möglichen Geräten, verloren. Dadurch werden Menschen zu Geräten, zu Apparaten die Signale geben und empfangen, die gar nichts bedeuten. Auf diese Weise werden immer mehr Menschen schon als Kinder zu Kokainisten der Nervenreize, so daß ADHS zur Norm und Menschen, die Bewegungen ihrer Glieder, Gedanken, Worte und Handlungen nicht mehr beherrschen, immer mehr. Wenn Menschen nur noch Geräusche von sich geben, die sie auch über Geräte übertragen, dann weiß keiner mehr worum es ihm und worum es dem anderen geht. Und dann heißt es: „Ich habe nichts zu erzählen.“ Wenn man Bücher liest, sehr gute Bücher, große Literatur, dann lernt man jemandem zuzuhören, denn ein großer Schriftsteller erzählt jedem Leser individuell, so wie der Leser den Text liest, also jedem Leser auf dessen persönliche Weise. Durch den Akt des Lesens wird das Buch zum persönlichen individuellen Text, der Leser gestaltet den Text im Lesen mit. Man darf aber dabei nicht über Worte, Zeilen, Seiten hüpfen, man darf nicht nach blinkenden und klingenden Stellen im Text suchen. Große Schriftsteller erzählen über sehr vieles, was Menschen in ihrer Hast, in ihrer Angst und ihrer Wut, in ihrer Gier nach immer neuen, immer stärkeren Nervenreizen, die sie ständig als körpereigenes Kokain produzieren, nicht mehr sehen, nicht mehr hören und nicht mehr fühlen. Große Schriftsteller erzählen über alles, ohne sich zu empören, sie beschreiben liebevoll auch Schufte und miserable Charaktere. Sie schreiben ruhig und entspannt. Kleine Schriftsteller produzieren Sensationen, also das geistige Kokain. Medien auch. Mittlerweile fast alle: „Hast du schon gehört?! Nein, das darf doch nicht wahr sein! Wirklich?!“, usw. Schumi, Edathy, Ukraine, bald wird eine andere Sau durchs Dorf gejagt. Das gesamte Leben als Show. Kein Wunder, daß sich kaum jemand noch für das „Wetten, daß?“ interessiert, wenn die gesamten Medien täglich, ständig angebliche Sensationen, die sie sich aus den Fingern saugen, als Nachrichtenmeldungen dem dauernd überregten Publikum vorgaukeln . Es sind keine Nachriten mehr, es ist nur noch Show, es sind keine Politiker mehr, sondern Gaukler. Wenn man wirklich mehr über die Welt, über das Leben erfahren will, soll man Werke von großen Schriftstellern lesen, die sind immer aktuell, gleich wie alt sie sind.

Why should one read?

If the Frankfurter Allgemeine Zeitung writes that Gabriela García Márquez chose as a motto for his autobiography the sentence, “Life is not that which happened, but that which one remembers and how one remembers it”, then it is mistaken. Márquez in fact claimed quite the contrary. He really wrote, “Life is not that which one has lived, rather that which one remembers, and how one remembers it in order to retell it.” – “La vida no es la que uno vivió, sino la que uno recuerda, y cómo la recuerda para contarla.” That is also why Márquez gave the last of his books the title: “Vivir para contarla” – “Live to tell the tale”. To tell the tale, and not merely to remember.

Apparently though, most people are only willing to listen to someone once they are dead, like today on Good Friday. But then it’s too late. And so it is that some people speak, and others don’t listen to them, and others want to listen, but the narrator is dead. And Easter Sunday doesn’t always come around, on which the one believed to be dead hops about cheerfully, giving out Easter eggs. A writer, however, can be heard after his death, because he speaks on in his texts. Reading means listening and writing means telling. In the old days, illiterate people could neither read nor write, but only speak. Today they can read and write but can no longer speak. Gabriel José de la Concordia García Márquez was very good at telling. But what does that mean, ‘good at telling’? Every person possesses a sort of psychological skin, an invisible shield cutting him off from the world, like a medieval knight’s armour. Preferably the person has small holes in his armour, like the skin has pores, through which he breathes in and out and communicates with the world. Lack of psychological hygiene in the majority of people, however, means that these holes are often clogged up with blackheads, and their psychological skin can no longer breathe; they gradually suffocate within their armour and send knock-knock emoticons over their smartphones, and everyone’s knock-knocking like mad, but the exchange of information is perdu. Márquez, however, was capable of formulating his messages such that they even make it through the few hidden holes in the psychological armour to the people locked through their own immaturity within, and reach their hearts. Because his words are nourishing, his texts are like medicine; they do people good. And through this ability he became a great author, one of the greatest.

Why should one read Márquez? Why great literature?

To come to terms with oneself, others, and life one needs a certain measure of mindfulness; the ability to reflect on what one wants, what others want, what’s fair, and what isn’t. This all gets lost in the increasing chaos of nonsense posing as information and communication, but really neither of the two, in the increasing mass of blip-blop noises and bling-blong blinking lights on all manner of gadgets. So it is that people are turning into machines, into transmitters and receivers of nonsensical signals. So it is that as children people are becoming addicted to nerve stimuli, as ADHD becomes the norm and people are ever less in control of their eyelids, thoughts, words and actions. When people are reduced to making noises, which they also produce with machines, they cease to understand what they or others are talking about. And then they claim, “I have nothing to say.” If a person reads books, very good books, great literature, he learns to listen to others, for a great author speaks to every reader individually, according to how the reader reads the book, and thus to every reader in his own way. Through the act of reading, a book becomes an individual, personal text. Through reading, the reader helps to shape the text. But one may not skip words, lines, pages, and seek out the blinking and jingling parts of the text. Great authors tell of very many things which people, in their haste, in their fear and anger, in their constant greed for new, stronger nerve stimuli, which they constantly produce within themselves as a sort of natural cocaine, no longer hear, no longer see, and no longer feel. Great writers tell of everything, without being filled with indignation, they lovingly describe even villains and miserable characters. They write calmly and freely. Poor writers make sensations, intellectual cocaine. The media too. Lately, the words, “Have you heard?! No, that can’t be true! Really?!” etc. are to be heard on almost everyone’s lips. Schumacher, MP Edathy, Ukraine – which poor soul will they turn into their next bandwagon? Life has become a show. No wonder hardly anyone is interested in talk shows any more when the entire media are leading the constantly excited public to believe in apparent sensations they dream up daily. There is no news any more, just show, and there are no politicians any more, just entertainers. If one really wants to find out more about the world he should read the works of great authors, which are always up to date, no matter how old they are.

2014 © Julian S. Bielicki

DJ Psycho Diver Sant – too small to fail
Tonttu Korvatunturilta Kuunsilta JSB
Tip tap tip tap tipetipe tip tap heija!
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